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»Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waf–fen,
Er hilft uns treu aus aller Not,
Die uns jetzt hat betrof–fen.
Der alte, böse Feind,
Wie ernst er's auch meint,
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erden ist nicht seinsglei–chen.«
Die ganze Schule saß da und wogte im Takt hin und her und drosch Gesänge in unaufhaltsamem Geleier. Lehrer Fris ging im Mittelgang auf und nieder und rauchte seine Pfeife, er machte sich Bewegung, nachdem er eine Stunde »Reichsanzeiger« gelesen hatte. Der Rohrstock wippte in der Luft wie ein Taktstock; hin und wieder fiel er auf dem Rücken eines Sünders nieder, aber stets nur, wenn eine Reihe zu Ende war – als eine Art Ausrufungszeichen. Lehrer Fris wachte zärtlich darüber, daß der Rhythmus nicht unterbrochen wurde. – Die Kinder, die den Gesang nicht auswendig wußten, wurden von der Masse mit fortgetragen, einige begnügten sich damit, die Lippen zu bewegen, andere dichteten selbst den Fülltext. Wenn die Sache zu arg wurde, lachten die Nachbarn, und dann sauste der Rohrstock herunter.
Wenn ein Vers aus war, stimmte Fris schnell den anderen an – die Mühle war schwer wieder in Gang zu setzen, wenn sie erst einmal stehen geblieben war. »Mit eig–!« und die fünfzig Kinder leierten weiter:
»Mit eigner Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verlo–o– – –«
Dann hatte Fris wieder einen Augenblick zum Verschnaufen, er konnte seine Pfeife genießen und sich in dies Getöse einlullen, das von großem und fleißigem Wirken redete. Wenn es so ging wie jetzt, legte sich die Verbittertheit eine Weile, er konnte in Gedanken lächeln, während er auf und nieder ging, und – so alt er war – das Dasein in rosigem Licht erblicken. Dieser und jener kam vorüber und freute sich über den Fleiß hier drinnen, und Fris schlug bekräftigend mit dem Rohrstock und fühlte ein längst entschlummertes Ideal sich regen: es war eine ganze Schar Jugend, die er für das Leben erzog, die nächste Generation, die zu modeln er im Begriff war.
Als der Gesang abgelaufen war, gelang es ihm, ihn ohne Pause in »Wer nur den lieben Gott läßt walten –« überzuleiten. Und von da ging es dann zu »Wir glauben all an einen Gott!« Diese drei Gesänge waren das Pensum für den Winter, und nun hatte er die Kinder endlich nach einer ungeheuren Arbeit so weit, daß sie sie einigermaßen im Chor hersagen konnten.
Das Gesangbuch war Lehrer Fris' Lebenswerk, eine vierzigjährige Tätigkeit als Küster hatte es mit sich geführt, daß er das ganze Buch auswendig wußte. Dazu kam dann noch die angeborene Anlage! Fris war von Kindheit an zum Geistlichen bestimmt gewesen und hatte in seiner Jugend die erforderlichen Studien betrieben. Gottes Wort entströmte seinem Munde gefällig, und er hatte die besten Aussichten, als ein boshafter Vogel ganz unten aus Pharaos Lande geflogen kam, um ihn ins Unglück zu bringen. Fris fiel zwei Treppen herunter, vom Seelsorger zum Küster und Büchsenspanner. Er faßte das mit den Kindern als fast zu durchsichtige Strafe des Himmels auf und richtete die Schule wie ein Pfarramt im kleinen ein.
Das ganze Dorf trug die Spuren seiner Wirksamkeit: es sah nur schwach aus mit Lesen und Schreiben, sobald es sich aber um Gesangbuchverse und Bibelstellen handelte, waren diese Fischer und kleinen Handwerker nicht leicht aus dem Felde zu schlagen. Fris schrieb sich die Ehre zu, daß die Erwachsenen in einigermaßen geregelten Verhältnissen lebten und die Jungen eine ordentliche Heuer bekamen. Er folgte jedem einzelnen mit einer Art Vaterauge und fand sie eigentlich alle wohlgelungen. Und er stand sich gut mit ihnen, wenn sie erst die Schule verlassen hatten; dann kamen sie wohl zu dem alten Junggesellen und plauderten mit ihm oder erleichterten ihr Gewissen in bezug auf dies oder jenes.
Mit der verdammten Brut, die gerade augenblicklich die Schulbänke drückte, war es dahingegen eine ganz andere Sache; sie wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Gelehrsamkeit, und Fris prophezeite ihnen nichts Gutes für die Zukunft.
Fris haßte die Kinder. Aber er liebte diese vierschrötigen Gesänge, an denen sich die ganze Klasse zu verheben schien, während er selbst sie mit steifem Arm deichseln konnte. Und wenn es so ging wie heute, konnte er ganz vergessen, daß es überhaupt Kinder gab, und sich diesem endlosen Aufmarsch hingeben, in dem eine Kolonne nach der anderen an ihm vorbeidefilierte – im Taktschritt des Rhythmus. Es waren auch keine Gesangverse, es war ein mächtiger Aufmarsch, von den Starken des Lebens; darunter spann sich in einem endlosen Ton alles das hin, woran Fris im Leben zu kurz gekommen war. Deswegen nickte er so glücklich, und der kräftige Taktschritt umwogte ihn wie ein Dank des Heeres, – ein Ave Cäsar.
Er saß über die dritte Beilage des »Reichsanzeigers« gebeugt, aber er las nicht; die Augen hielt er geschlossen, der Kopf bewegte sich leise im Rhythmus.
Die Kinder plapperten unaufhaltsam darauflos, sie atmeten kaum, sie waren hypnotisiert von dem monotonen Wortstrom. Es erinnerte an die Gänse, die von dem Fuchs Erlaubnis bekommen hatten, ein Gebet zu beten, ehe sie gefressen wurden, und die nun in das Unendliche beteten. Als alle drei Gesänge zu Ende waren, fingen sie von selbst wieder von vorn an. Die Mühle ging immer lauter, sie traten den Rhythmus mit den Füßen, und es gestaltete sich zu mächtigen Kolbenschlägen, zu einem förmlichen Gedröhn! Fris nickte mit, so daß ihn der lange Haarbüschel ins Gesicht schlug; er geriet in Ekstase, wurde mit fortgerissen, so daß er nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen konnte.
»Und wenn die Welt voll Teufel wär',
Und wollt' uns gar verschlin–gen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es muß uns doch gelin–gen.«
Es klang wie eine Stampfmühle, einige schlugen mit den Tafeln auf die Tische, andere benutzten den Ellbogen und stießen damit auf die Platte. Fris hörte es nicht; er hörte nur den mächtigen Takt – der heranrückenden Heerscharen.
»Der Fürste dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt – –«
»Put! Put!« – Das Ganze stand mit einem Schlage still, die ganze Schule saß da und hielt sich die Nase zu: »Put! Put!«
Fris sank von seiner Höhe herab, so daß es ihn durchschauerte. Er öffnete die Augen und begriff schmerzlich, daß er sich wieder hatte überrumpeln lassen! »Ihr Satansjungen, ihr Höllengezücht!« – Er stand brüllend mitten zwischen ihnen, den Rohrstock in der Hand. »Wer? Wer?« fragte er wutentbrannt. »Bist du es, Morten?«
Morten fing an zu weinen, ganz naturgetreu, und murmelte was, daß er sich so was nich' bieten lasse – sein Vater würd' woll mit dem Herrn Lehrer reden.
»Peter, Marta!« fauchte Fris. Ein Junge und ein Mädchen standen auf und fingen an, die Reihen hinunterzugehen und die Rücken zu beschnüffeln, um den Schuldigen zu finden. Das Ganze war jetzt in der Auflösung begriffen, ringsumher brach Schlägerei aus; die Mädchen waren die ärgsten; sie kreischten und klagten sich gegenseitig an. Fris schlug auf sie ein.
Er versuchte, sie wieder unter den Bann des Herleierns zu zwingen. »Wer nur den lieben Gott läßt walten!« rief er, alles übertäubend; aber sie bissen nicht an – die Satansgören! Dann schlug er blindlings zwischen sie; er wußte, daß sie so ungefähr alle gleich viel taugten, und nahm es nicht so genau damit, wo er traf. Die Langhaarigen packte er beim Schopf, zog sie über den Tisch und prügelte drauflos, bis der Rohrstock zerfaserte. Auf diesen Augenblick hatten die Jungen gewartet; sie hatten den Rohrstock am Morgen selbst mit Zwiebeln eingerieben, und die herausforderndsten von ihnen hatten aus Anlaß des Tages mehrere Paar Hosen an.
Als der gebrochene Klang erzählte, daß sich der Rohrstock in Auflösung befand, brach die ganze Schule in einen ohrenbetäubenden Jubel aus. Fris hatte das Gewehr in den Graben geworfen und ließ sie toben. Er ging im Mittelgang auf und nieder wie ein krankes Tier, die Galle brannte ihm bis in den Hals hinein. »Verdammte Gören!« fauchte er. »Höllengezücht! – Ach, so setzt euch doch jetzt hin, Kinder!« Das kam so drollig rührend mitten zwischen all dem anderen, das mußte nachgeäfft werden.
Pelle saß ganz unten in der Ecke; er war noch ziemlich unerfahren in bezug auf das Ganze, tat aber sein Bestes. Plötzlich stand er oben auf dem Tisch und tanzte auf Socken. Fris starrte ihn so sonderbar an, Pelle fand, er gleiche Vater Lasse, wenn ihm alles schief ging – und kroch beschämt herunter. Es hatte übrigens niemand seine Heldentat beachtet, sie war zu gewöhnlich.
Das Ganze war ein ohrenbetäubendes Durcheinander, und aus dem Strudel heraus flog hin und wieder ein boshafter Ausruf. Woher die kamen, war schwer zu entscheiden, aber sie trafen Fris sämtlich, so daß er zusammenzuckte. Der Fehltritt der Jugend, der jenseits des Wassers vor fünfzig Jahren begangen war, stand hier wieder auf aus den Mündern dieser unwissenden Kinder, zugleich mit einigen seiner besten Handlungen, die so uneigennützig gewesen waren, daß die Gegend sie auf das allerschlimmste auslegen mußte. Und als wenn das nicht genug sei – aber st! – er schluchzte.
»St! St!« – Henrik Bödker, der dickste Junge der ganzen Schule, stand auf der Bank und zischte drohend. Die Mädchen vergötterten ihn und wurden sogleich ruhig, einige von den Jungen wollten nicht Order parieren, aber als Henrik die geballte Faust gegen das eine Auge hielt, beruhigten auch sie sich.
Fris ging im Mittelgang auf und nieder wie ein Begnadigter; er wagte nicht aufzublicken, aber alle konnten sehen, daß er weinte. »Es ist unrecht!« sagte eine Stimme halblaut. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, es herrschte Totenstille in der Klasse. »Pause!« sagte dann eine befehlende Knabenstimme – es war Nilens. Fris nickte schwach, und sie stürmten hinaus.
Fris blieb eine Weile zurück, um sich zu sammeln, er ging auf und nieder, die Hände auf dem Rücken und schluckte schwer; er war im Begriff, seinen Abschied zu nehmen. Jedesmal, wenn die Sache so recht schief ging, nahm Fris seinen Abschied, und wenn er sich ein wenig beruhigt hatte, schob er es hinaus, bis das Frühlingsexamen überstanden sein würde. Er wollte nicht auf diese Weise abgehen, wie eine Art Bankrott. Gerade diesen Winter hatte er gearbeitet wie nie zuvor, damit sein Abgang wie eine Art Bombe wirken mußte und sie den Verlust so recht empfinden sollten, wenn er erst abgegangen war. Wenn das Examen abgehalten wurde, wollte er das Gesangbuch von vorne an im Chor aufsagen lassen – ganz von vorne an. Einige von den Kindern würden schnell abfallen, aber es waren auch mehrere darunter, denen er im Laufe der Zeit das meiste von dem Inhalt eingepaukt hatte. Schon lange, ehe sie versagten, würde der Pfarrer die Hand abwehrend erheben und sagen: »Es ist genug, mein lieber Küster, es ist genug!« und ihm bewegt danken, während die Schulkommission und die Eltern die Köpfe flüsternd zusammensteckten und sich vor Bewunderung bekreuzten.
Und dann war der Zeitpunkt da, wo er abgehen konnte!
Die Schule lag am Ausgang des Fischerdorfes, und der Spielplatz war der Strand. Wenn die Jungen nach einigen Stunden Schulunterricht hinausgelassen wurden, glichen sie dem Jungvieh, das nach dem langen Winter zum ersten Male draußen ist. Sie fuhren wie kreuzende Schwalben nach allen Richtungen hin, stürzten sich über den frischen Wall aus Blasentang und peitschten sich gegenseitig mit den salzig-feuchten Pflanzen um die Ohren. Pelle war nicht gerade entzückt von dem Spiel, die scharfen Pflanzen brannten gehörig, und an einigen von ihnen hingen festgewachsene Steine. Aber man durfte sich nicht ausschließen, das lenkte sofort die Aufmerksamkeit auf einen. Es galt, mit dabei zu sein und doch nicht teilzunehmen, sich klein und groß zu machen, je nach den Bedürfnissen des Augenblicks, so daß man bald ungesehen war, bald abschreckend wirkte. Er hatte genug damit zu tun, sich zu winden und ein und aus zu schlüpfen.
Die Mädchen hielten sich in der Nähe der Aborte auf. Dort hatten sie immer ihre Zuflucht. Sie standen da und schwatzten und verzehrten ihr Butterbrot; die Knaben aber kreisten über den Platz wie Schwalben in ziellosem Lauf. Dort an der Klettermaschine stand ein großer Junge zusammengekauert, er hielt den Ärmel verdeckend vor das Gesicht und stand da und kaute. Ihn umwirbelten sie in heftigem Lauf, während bald der eine, bald der andere den Kreis um ihn enger und enger zog. Per Kofod, der Heulpeter, sah aus, als segele die Welt unter ihm, er klammerte sich an die Kletterstange und verbarg das Gesicht. Wenn sie dicht an ihn herangekommen waren, stimmten sie ein Gebrüll an; dann schrie der Junge ängstlich, wandte das Gesicht nach oben und brüllte langgezogen. Hinterher kriegte er dann all das Butterbrot, das die andern nicht essen mochten.
Der Heulpeter aß immer und brüllte immer. Er war ein Armhäuslerkind ohne Vater und Mutter, groß von Wuchs war er, aber so wunderlich blaugefroren von Farbe. Die Augen standen ihm aus dem Kopf, gleichsam bange vor dem Leben, darunter hingen dicke Tränenbeutel. Bei dem geringsten Geräusch zuckte er zusammen. Die Angst redete beständig aus ihm! Die Jungen taten ihm eigentlich niemals wirklich etwas, aber sie schrien und duckten sich, sobald sie an ihm vorüberkamen – es war zu verlockend. Dann schrie er auch und duckte sich vor lauter Angst. Die Mädchen konnten auf den Einfall kommen, hinzulaufen und ihn zu zwicken, dann schrie er sinnlos, und sie wußten, daß er vor Angst Wasser ließ. Hinterher bekam er Butterbrot von allen Kindern; er aß alles auf, brüllte und sah noch ebenso verkommen aus.
Es war gar nicht zu verstehen, was ihm fehlte. Zweimal hatte er einen Versuch gemacht, sich zu erhängen, ohne daß jemand den Grund hätte nennen können – am allerwenigsten er selbst. Und ganz dumm war er doch auch nicht. Lasse meinte, er sei hellseherisch und sähe Dinge, die andere nicht sehen konnten, so daß ihn das Leben selbst und das Atmen beängstigte. Wie dem auch sein mochte, Pelle dürfe ihm um keinen Preis etwas tun, nicht um alles in der Welt.
Der Knabenschwarm hatte sich nach dem Strande hinabgezogen, und plötzlich warf er sich über Henrik Bödker mit dem kleinen Nilen an der Spitze. Er wurde umgeworfen und ganz unter der Schar begraben, die in einem zappelnden Haufen über ihm lag und geballte Fäuste herunterbohrte, wo sich eine Öffnung blicken ließ. Aber dann fingen ein paar Fäuste an, stoßend aufwärts zu gehen, tju, tju, gleich Maschinenkolben. Die Jungen rollten nach allen Seiten und hielten die Hände vor das Gesicht, Henrik Bödker schoß gerade aus dem Haufen heraus und schlug blindlings um sich. Nilen hing ihm noch wie ein Igel im Nacken, Henrik mußte seine Bluse zerreißen, um ihn abzuschleudern. Pelle schien es, als werde er übermächtig groß, wie er da stand, er keuchte nur ein wenig – und nun kamen die Dirnen, sie hefteten seine Bluse mit Nadeln zusammen und gaben ihm Brustzucker. Zum Dank faßte er sie bei den Zöpfen und band sie zusammen, vier, fünf Stück, so daß sie nicht wieder auseinanderkommen konnten. Sie standen still und fanden sich geduldig darein – hingen nur mit hingebenden Blicken an ihm.
Pelle hatte sich in den Kampf hineingewagt und einen Fußstoß abgekriegt. Aber er trug es ihm nicht nach. Hätte er ein Stück Brustzucker gehabt, er würde es, ebenso wie die Mädchen, Henrik Bödker gegeben und eine unsanfte Behandlung von ihm hingenommen haben. Er vergötterte ihn. Er maß sich selber mit Nilen, dem kleinen, blutdürstigen Nilen, der keine Furcht kannte und so rücksichtslos beim Angriff war, daß die anderen ihm aus dem Wege gingen! Er war immer da, wo die Schar am dichtesten war, stürzte überall in das Schlimmste hinein und kam immer gut davon. Pelle untersuchte sich selbst kritisch, um Ähnlichkeitspunkte zu finden, und fand sie – in seiner Verteidigung von Vater Lasse im ersten Sommer, wo er einem großen Jungen einen Bruch stieß, und in dem Verhältnis zu dem bösen Stier, vor dem er nicht die Spur bange war. Aber in anderen Punkten versagte es – er war graulich im Dunkeln und ängstigte sich vor einer Ohrfeige! Nilen konnte seine, die Hände in den Taschen, hinnehmen. Es war dies Pelles erster Versuch, einen geordneten Überblick über sich selbst zu gewinnen.
Fris war landeinwärts gegangen, wahrscheinlich zur Kirche; infolgedessen währte die Pause mehrere Stunden. Die Jungen fingen an, sich nach einem anhaltenderen Zeitvertreib umzusehen. »Die Ochsen« gingen in die Schulstube und fingen an, Spektakel auf Tischen und Bänken zu machen, die »Aalquabben« aber hielten sich am Strande. »Ochsen« und »Aalquabben«, das war das Land und die See im Kampf miteinander, die Trennung trat bei jeder ernsten Gelegenheit zutage, oft entstanden ganze Schlachten daraus.
Pelle hielt sich zu den Jungen am Strande – Henrik Bödker und Nilen waren unter ihnen! – Und sie waren etwas Neues! Sie machten sich nichts aus der Erde und dem Vieh, aber das Meer, vor dem er bange war, war ihnen wie eine Wiege. Sie tummelten sich auf dem Wasser wie in ihrer Mutter Wohnstube, und sie hatten nicht wenig von seiner leichten Beweglichkeit in sich. Sie waren schneller in den Bewegungen als Pelle, aber nicht so ausdauernd, und dann waren sie freier in ihrem Wesen und machten sich weniger aus dem Fleck, zu dem sie gehörten. Sie sprachen von England wie von der alleralltäglichsten Sache und hatten in der Schule Gegenstände, die Väter und Brüder von der anderen Seite der Erde mit nach Hause gebracht hatten, aus Afrika und aus China. Sie verbrachten ganze Nächte im offenen Boot auf der See, und wenn sie die Schule schwänzten, so geschah das immer, um zu fischen. Die Tüchtigsten unter ihnen hatten eigene Fischergerätschaften und kleine Prähme mit flachem Boden, die sie selbst zusammengezimmert und mit zerzupftem Tauwerk kalfatert hatten; sie fischten für eigene Rechnung Hechte, Aale und Schleie, die sie an die feinere Bevölkerung in der Gegend verkauften.
Er glaubte, er kenne den Bach aus und ein, aber nun bekam er ihn von einer neuen Seite zu sehen. Hier waren Knaben, die im März und April – in der Laichzeit – um drei Uhr des Morgens aufstanden und barfuß in die Bachmündung hinauswateten auf Jagd nach Hechten und Barschen, die in das Süßwasser hinaufschwammen, um zu laichen. Und niemand sagte zu den Jungen, daß sie es tun sollten, sie taten es, weil es ihnen Spaß machte.
Sonderbare Gelüste hatten sie! Jetzt standen sie »vor See« in einer langen, übermütigen Reihe. Sie liefen mit dem Wellensog zu den größeren Steinen draußen im Wasser hinaus; dort standen sie auf den Steinen und hüpften, wenn das Wasser wiederkehrte, gleich einer ganzen Schar von Strandvögeln in die Höhe. Die Kunst bestand darin, die Schuhe trocken zu halten, aber diejenigen, die am meisten naß wurden, waren doch die schneidigsten. Es gab ja auch eine Grenze dafür, wie lange man sich in der Schwebe halten konnte. Wenn eine Welle der anderen Schlag auf Schlag folgte, mußte man mitten darin hinunter, und dann ging einem das Wasser zuweilen über den Kopf. Oder eine unberechenbar große Welle kam und schlug mitten beim Springen gegen alle die in die Höhe gezogenen Beine – dann drehte sich die Reihe so allerliebst und fiel platsch ins Wasser hinein. Und mit ohrenbetäubendem Lärm ging es nach der Schulstube hinauf, um die Ochsen vom Ofen wegzujagen.
Am Strande pflegten einige Jungen mit einem Hammer und einem großen Nagel zu sitzen und Löcher in die Strandsteine zu bohren. Das waren Söhne von den Steinhauern hinter dem Steinbruch, Pelles Geschwisterkind Anton war unter ihnen. Wenn die Löcher tief genug waren, wurde Pulver da hineingestampft, und die ganze Schule wohnte der Sprengung bei.
Am Morgen, wenn man auf den Lehrer wartete, standen die großen Jungen gegen die Mauer des Schulhauses gelehnt, die Hände in den Taschen, und redeten über Handhabung der Segel und den Heimatsort der Schiffe, die da draußen in weiter Ferne über das Meer hingingen. Pelle stand dabei und riß Mund und Augen auf – sie sprachen beständig von dem Meer und von dem, was mit dem Meer zu schaffen hatte, und das meiste davon verstand er nicht. Alle diese Jungen wollten genau dasselbe, sobald sie nur erst konfirmiert waren – sie wollten zur See. Aber Pelle hatte genug von der Überfahrt von Schweden herüber bekommen – er begriff sie nicht.
Wie sorgfältig hatte er nicht immer die Augen geschlossen und den Zeigefinger in die Ohren gesteckt, damit sein Kopf nicht voll Wasser laufen sollte, wenn er im Bach untertauchte. Aber diese hier schwammen unter Wasser wie richtige Fische; und er verstand aus dem, was sie sagten, daß sie in die Tiefe hinabtauchen und Steine vom Meeresgrund aufnehmen konnten.
»Kann man denn da unten sehen?« fragte er verwundert.
»Ja, natürlich! Wie könnten sich sonst wohl die Fische vor den Netzen in acht nehmen? Sobald der Mond scheint, gehen sie in großem Bogen darumherum, der ganze Schwarm!«
»Und das Wasser läuft nicht in den Kopf, wenn ihr die Finger aus den Ohren herausnehmt?«
»Die Finger aus den Ohren heraus –«
»Ja, um den Stein aufzunehmen.«
Ein Hohngelächter schlug ihm entgegen, und sie fingen an, ihn hinterlistig auszufragen – er war köstlich, ein echter Bauernbengel! Die drolligsten Vorstellungen hatte er von allem, und es kam denn auch bald heraus, daß er noch nie im Meer gebadet hatte. Er hatte Angst vor dem Wasser – er war ein Blaubeutel; der Bach, der bedeutete gar nichts.
Seither hieß er Blaubeutel, und es half nichts, daß er eines Tages die Peitsche mit in die Schule nahm und ihnen zeigte, wie er dreieckige Löcher mit der langen Peitschenschnur in eine Hose hineinschneiden, wie er einen kleinen Stein so treffen konnte, daß er in der Luft verschwand und wie er einen mächtigen Knall schlagen konnte. Das war alles ausgezeichnet, aber der Name hing ihm trotzdem an, und das tat seiner kleinen Person weh.
Im Laufe des Winters kamen junge, starke Burschen ins Dorf nach Hause, sie trugen blaue Anzüge und eine weiße Halsbinde. Sie hatten »aufgelegt«, wie man es nannte, und einige von ihnen bezogen den ganzen Winter Heuer, ohne das geringste zu tun. Sie kamen immer nach der Schule hinüber, um Guten Tag zu sagen; mitten während des Unterrichts kamen sie, das machte nichts, Fris strahlte. Dann brachten sie ihm irgendetwas mit, eine Zigarre, die so fein war, daß sie in ein Glas eingeschlossen war, oder andere merkwürdige Sachen. Und sie sprachen mit Fris wie mit einem Kameraden, erzählten, was sie erlebt hatten, so daß die lauschenden Jungen sich vor Wonne schüttelten, und rauchten ganz ungeniert ihre Tonpfeife in der Klasse – die Öffnung flott nach unten gekehrt, ohne daß der Tabak herausgefallen wäre. Sie waren als Küchenjunge oder Jungmann in der spanischen See und auf dem Mittelmeer gefahren und waren an vielen anderen abenteuerlichen Orten gewesen; einer von ihnen war auf einem Esel einen feuerspeienden Berg hinangeritten. Und sie brachten Streichhölzer mit, die beinahe so groß waren wie pommersche Balken und die an den Zähnen angestrichen werden sollten.
Die Schuljungen vergötterten sie und sprachen von nichts anderem; es war eine große Ehre, sich in der Gesellschaft eines solchen Burschen sehen zu lassen. Für Pelle war nicht daran zu denken.
Dann geschah es wohl auch, daß das Dorf einen solchen Jungen zurückerwartete und daß er nicht kam. Und eines schönen Tages kam dann die Nachricht: die Bark so und so ist mit Mann und Maus untergegangen! – Das wären die Winterstürme, sagten die Schuljungen und spien erwachsen in langem Bogen aus. Eine Woche wurden die Geschwister aus der Schule zu Hause gehalten, und wenn sie dann wiederkamen, sah Pelle sie neugierig an – es mußte sonderbar sein, einen Bruder zu haben, der mitten in seiner blühenden Jugend auf dem Grunde des Meeres lag. »Denn wollt ihr wohl nich' zu See?« fragte er. – Ja, sie wollten auch zu See!
So kam Fris eines Tages nach einer ungewöhnlich langen Pause und war schlechter Laune. Er putzte seine Nase kräftig und trocknete von Zeit zu Zeit die Augen hinter der Brille; die Jungen stießen sich gegenseitig an. Er räusperte sich geräuschvoll, vermochte sich jedoch kein Gehör zu verschaffen, da schlug er ein paarmal mit dem Rohrstock auf das Pult.
»Habt ihr es gehört, Kinder?« fragte er, als einigermaßen Ruhe eintrat.
»Nein! Ja! Ja! Was!?« riefen sie im Chor. »– Daß die Sonne ins Meer 'runtergefallen is und es in Brand gesteckt hat!« sagte einer.
Lehrer Fris nahm schweigend das Gesangbuch. »Wir wollen singen: Glückselig, glückselig, wenn die Seele fand Ruh!« sagte er. Da wußten sie, daß etwas geschehen war, und sangen ernsthaft mit.
Aber bei dem fünften Vers hielt Fris inne, er konnte nicht mehr. »Peter Funk ist ertrunken!« sagte er mit einer Stimme, die die letzte Silbe verschluckte. Es ging ein Flüstern des Entsetzens durch die Klasse, und sie sahen sich mit großen, verständnislosen Augen an. Peter Funk war der schneidigste Junge aus dem Dorf, der beste Schwimmer, der größte Galgenstrick, den die Schule je gehabt hatte – und er war ertrunken.
Fris ging auf und nieder und rang nach Fassung, die Kinder begannen ein leises, flüsterndes Gespräch über Peter Funk; alle Gesichter waren alt geworden durch den Ernst.
»Wo is das geschehen?« fragte ein großer Junge.
Fris erwachte mit einem Seufzer – er ging da auf und nieder und dachte an diesen Jungen, der sich um alles herumgedrückt hatte und dann der tüchtigste Schiffsjunge des Dorfes geworden war; an alle die Prügel, die er ihm hatte zukommen lassen, und an die traulichen Winterstunden, die sie später zusammen verbracht hatten, wenn der Bursche von der langen Reise nach Hause kam und am Abend bei seinem alten Lehrer einsah. Da war alles mögliche gewesen, was Fris wieder hatte in Ordnung bringen müssen, mancherlei verhängnisvolle Geschichten, die er in aller Heimlichkeit für den Jungen wieder hatte einrenken müssen, damit er nicht einen Knacks fürs Leben davontragen sollte – und –
»Es war in der Nordsee,« sagte er, »sie waren in England gewesen, glaub' ich.«
»In Spanien mit Stockfisch!« sagte ein Junge. »Und von da gingen sie nach England mit Apfelsinen – und nahmen eine Kohlenladung für die Heimat ein.«
»Ja, so war es auch wohl«, sagte Fris. »Sie waren in der Nordsee, und da wurden sie von einem Sturm überfallen, Peter sollte hinaufklettern –«
»Ja, denn die Trokkadej ist so rank; sobald es ein bißchen weht, müssen sie 'rauf und die Segel reffen«, sagte ein anderer Junge.
»Und da ist er denn heruntergefallen,« fuhr Fris fort, »und gegen die Reeling geschlagen und ins Meer gestürzt. Da waren Spuren von seinen Seestiefeln an der Reeling. Sie braßten, oder wie man es nun nennt, und legten um; aber es dauerte eine halbe Stunde, bis sie an der Stelle waren. Und als sie endlich da waren, versank er gerade vor ihren Augen. Eine halbe Stunde hatte er in dem Eiswasser gekämpft – mit Seestiefeln und in Ölzeug – und dann doch –«
Ein langer Seufzer ging durch die Klasse. »Er war der beste Schwimmer am ganzen Strand!« sagte Henrik. »Er ging rückwärts kopfüber von der Reeling einer Bark, die hier auf der Reede lag und Wasser einnahm – und kam auf der anderen Seite des Schiffes wieder heraus. Er kriegte zehn Schiffszwieback von dem Kapitän dafür.«
»Er muß schrecklich gelitten haben«, sagte Fris. »Es wäre fast besser für ihn gewesen, wenn er nicht hätte schwimmen können.«
»Das sagt mein Vater auch«, sagte ein kleiner Junge. »Er kann nich' schwimmen, denn er sagt, es is das beste für einen Seemann, wenn er es nich' kann, – man quält sich bloß!«
»Mein Vater kann auch nich' schwimmen«, rief ein anderer aus. – »Meiner auch nich'! Er könnt' es recht gut lernen, aber er will nich'.« So fuhren sie fort und hielten die Hände in die Höhe. Sie selbst konnten sämtlich schwimmen, aber es stellte sich heraus, daß fast keiner von den Vätern es konnte – ein Aberglaube hinderte sie daran. »Vater sagt, man soll Gott nich' versuchen, wenn man Schiffbruch erleidet«, fügte ein Junge hinzu.
»Aber dann tut man ja nich' sein Bestes!« wandte eine unsichere Stimme ein. Fris kehrte sich jäh nach der Ecke um; Pelle saß da und wurde dunkelrot bis in den äußersten Zipfel seiner Schlappohren.
»Sieh mir einer den kleinen Mann an!« sagte Fris betroffen. »Und hat er nicht recht gegen uns alle? Hilf dir selbst, dann hilft Gott dir!«
»Vielleicht!« sagte eine Stimme – es war Henrik Bödker.
»Ja, ja, ich weiß ja auch, daß er hier nicht geholfen hat – aber trotzdem; man soll nun einmal tun, was man kann, in allen Verhältnissen des Lebens. Peter Funk hat sein Bestes getan – und er war der tüchtigste Junge, den ich jemals gehabt habe.«
Die Kinder lachten sich zu, sie dachten an dies und an jenes – Peter Funk hatte es einmal gar so weit getrieben, daß er mit dem Lehrer selbst gerungen hatte – aber sie wagten nicht, daran zu erinnern. »Er kam nie weiter als bis zum siebenundzwanzigsten Gesang!« sagte aber doch einer von den Größeren – halb im Scherz.
»So, also weiter kam er nicht!« höhnte Fris, »weiter nicht! Du denkst wahrscheinlich, daß du tüchtiger bist? Dann laß uns mal sehen, ob du weiter gekommen bist!«
Fris griff mit zitternder Hand nach dem Gesangbuch; er litt es nicht, daß etwas über die abgegangenen Knaben gesagt wurde.
Der Blaubeutel blieb hartnäckig an Pelle haften, nie hatte ihn etwas so gebrannt wie dieser Name. Und er war nicht abzuschütteln, ehe der Sommer kam – das hatte lange Aussichten.
Eines Tages liefen die Fischerjungen in der Pause draußen auf der Mole herum. Ein Boot war gerade mit einer unheimlichen Last durch das Schraubeis gekommen – mit fünf steifgefrorenen Männern, von denen der eine tot war und im Spritzenhaus lag; die vier anderen waren ringsumher in den Hütten untergebracht, wo man sie mit Eis rieb, um den Frost herauszutreiben. An all der Herrlichkeit hatten die Bauernjungen keinen Anteil, die Jungen aus dem Fischerdorf gingen aus und ein und sahen das Ganze, jagten sie weg, wenn sie sich näherten, und verkauften karge Nachrichten für teures Geld.
Das Boot hatte einen finnischen Schuner draußen auf der See treibend angetroffen, ganz übereist und mit festgefrorenem Ruder. Er hatte zu tief geladen, so daß die Wellen gerade darüber hingingen und festfroren; das Eis hatte ihn dann noch mehr niedergedrückt. Als sie ihn fanden, schwamm das Deck gerade noch auf der Wasserfläche; fingerdicke Taue hatten infolge von Übereisung eines Armes Dicke bekommen, die Männer, die in dem Takelwerk festgebunden saßen, waren ganz unförmlich durch die Eiskruste. Sie glichen Rittern in Rüstung mit geschlossenem Visier, als man sie herabnahm. Man mußte ihnen die Kleider vom Leibe trennen. Jetzt waren drei Boote ausgegangen, um den Versuch zu machen, den Schuner zu bergen; da würde eine Unmasse Geld zur Verteilung kommen, wenn das gelang.
Pelle wollte sich nicht außerhalb der Sache halten lassen, und wenn sie ihm auch die Schienbeine zertraten, er hielt sich lauschend in der Nähe. Die Jungen redeten feierlich und setzten eine finstere Miene auf, – die Leute hatten was durchgemacht, vielleicht mußte man ihnen Hände und Füße abnehmen wegen kalten Brandes. Jeder Bursche gab sich den Anschein, als trage er seinen Teil an den Leiden, sie sprachen männlich und mit vor Bewegung verschleierter Stimme. »Mach', daß du wegkommst, Ochs!« riefen sie Pelle zu – sie konnten keine Blaubeutel ertragen in diesem Augenblick.
Pelle hatte Tränen in den Augen, aber nachgeben wollte er nicht; er trieb sich am Bollwerk entlang.
»Mach', daß du wegkommst!« riefen sie wieder und griffen drohend nach Steinen, »scher' dich zu den anderen Bauern.« Sie kamen hin und pufften ihn. »Was stehst du da und glotzst in das Wasser? Du kannst schwindlig werden und kopfüber 'rausfallen! Scher' dich zu den anderen Bauern, hörst du, du Blaubeutel!«
Pelle war wirklich schwindlig, so kräftig umklammerte ein Entschluß sein kleines Gehirn. »Ich bin nich' mehr Blaubeutel als ihr«, sagte er. »Ihr habt ja nich' mal den Mut, ins Wasser zu springen!«
»Hör' einer den mal an! Er glaubt, daß man aus lauter Pläsier mitten in' Winter ins Wasser springt und den Starrkrampf kriegt!«
Pelle hörte eben noch ihr höhnisches Gelächter, als er über die Mole setzte und das mit Eisgrütze angefüllte Wasser über ihm zusammenschlug. Die obersten Spitzen seines Haares tauchten wieder auf, er machte ein paar Bewegungen wie ein schwimmender Hund und versank.
Die Knaben liefen verwirrt hin und her und schrien. Einer von ihnen holte einen Bootshaken. Dann kam Henrik Bödker gelaufen, er sprang kopfüber im Laufen hinein und verschwand; ein Eisstück tanzte auf der Wasserfläche dahin, er hatte es mit seiner Stirn getroffen. Zweimal stieß er den Kopf durch das Grützeis, um Luft zu schnappen, dann tauchte er mit Pelle auf. Sie zogen ihn auf die Mole hinauf, und Henrik fing an, blind auf ihn loszuprügeln.
Pelle hatte das Bewußtsein verloren, aber die Prügel wirkten belebend. Plötzlich schlug er die Augen auf, war mit einem Satz auf den Beinen und schoß landeinwärts von dannen gleich einem Strandläufer.
»Mach', daß du nach Hause kommst,« brüllten die Jungen hinter ihm drein – »renn', was das Zeug halten will, sonst wirst du krank! Sag' deinem Vater man, daß du 'reingefallen bist!« Und Pelle rannte, es bedurfte keiner Aufforderung. Als er Steinhof erreichte, waren die Kleider festgefroren, die Hosen konnten allein stehen, als er aus ihnen herausschlüpfte. Er selbst aber war kuchenwarm.
Er wollte dem Vater nichts vorlügen und erzählte es so, wie es war. Lasse war wütend, so wütend, wie der Junge ihn noch nie gesehen hatte. – Lasse wußte, wie ein Pferd behandelt werden mußte, damit es sich nicht erkältete, und machte sich nun daran, Pelles nackten Körper mit einem Strohwisch abzureiben, während der Junge auf dem Bett lag und sich unter der harten Behandlung hin und her wälzte.
Lasse kehrte sich nicht an sein Stöhnen, sondern schimpfte: »Du verrückter Bengel – pardautz in den Hafen 'reinzuspringen, mitten im Winter, wie ein verliebtes Frauenzimmer – du Halunke! Haue verdienst du, eine gehörige Tracht Prügel. Aber diesmal will ich es dir noch schenken, wenn du zusiehst, daß du nu ganz schnell einschläfst und zum Schwitzen kommst, daß wir dir das abscheuliche Salzwasser wieder aus 'm Körper 'rauskriegen. Ob woll nich' am End' ein kleiner Aderlaß ganz gut wär'?«
Pelle wollte nicht zur Ader gelassen werden; er lag da und fühlte sich jetzt, nachdem er sich erbrochen hatte, wieder ganz wohl. Aber er war in sehr ernster Stimmung. »Wenn ich nu ertrunken wär'?« sagte er sehr ernsthaft.
»Ja, denn hätt' ich dich halb totgeschlagen«, sagte Lasse wütend.
Pelle lachte.
»Ja, du lachst, du Wortverdreher!« höhnte Lasse. »Aber wenn man nu mal Vater von einem so verdammten Windhund is!« Damit ging er erzürnt zum Stall hinaus. Aber alle Augenblick lauschte er und kam hin, um sich nach Pelle umzusehen – ob sich auch Fieber oder anderer Teufelskram daraus entwickelte.
Aber Pelle schlief ganz fest, den Kopf unter dem Federbett. Er träumte, daß er Henrik Bödker selbst sei. – – –
Das Lesen lernte Pelle in diesem Winter keineswegs, aber er lernte einige zwanzig geistliche Lieder auswendig, nur indem er seine Ohren gebrauchte, und es gelang ihm, den Namen Blaubeutel gründlich abzustreifen. Er hatte Boden gewonnen und sicherte sich seine Stellung durch allerlei kühne Streiche – die Schule fing an, mit ihm als einem fixen Jungen zu rechnen. Und Henrik, der sich sonst aus keinem etwas machte, nahm ihn mehrmals unter seine Fittiche.
Hin und wieder hatte er ein böses Gewissen, namentlich wenn der Vater in seiner frischerweckten Wißbegier zu ihm kam, um die Lösung irgendeines Rätsels von ihm zu fordern. Dann stand er da und konnte nicht antworten.
»Du bist doch derjenige, der Gelehrsamkeit haben sollte«, sagte Lasse vorwurfsvoll.
Als der Winter zu Ende ging und das Examen sich näherte, ward ihm der Kopf heiß. Es waren allerlei unheimliche Gerüchte über die Strenge im Examen unter den Knaben im Umlauf – sie erzählten von Zurückversetzung und vollständiger Ausweisung aus der Schule.
Pelle hatte das Unglück, daß ihm kein einziger Gesang selbständig überhört wurde. Er sollte von dem Sündenfall erzählen, mit dem Apfeldiebstahl kam er leicht zustande, aber die Verfluchung!
»Und Gott sagte zu der Schlange: Du sollst auf deinem Bauch kriechen, du sollst auf deinem Bauch kriechen, du sollst auf deinem Bauch kriechen!« Weiter kam er nicht.
»Tut sie das denn immer noch?« fragte der Pfarrer gutmütig.
»Ja – denn sie hat keine Glieder.«
»Und kannst du mir denn erklären, was ein Glied ist«? – Der Pfarrer war als der beste Examinator auf der ganzen Insel bekannt, er könne mit einem Rinnstein anfangen und im Himmel enden, pflegte man von ihm zu sagen.
»Ein Glied – das is – eine Hand.«
»Ja – unter anderem. Aber kannst du mir nicht etwas nennen, was alle Glieder von anderen unterscheidet? – Ein Glied ist – nun? – ein? – ein Körperteil, der sich selbständig bewegen kann. Zum Beispiel? – Nun!«
»Die Ohren!« sagte Pelle, wohl weil sie ihm brannten.
»So–o? Kannst denn du die Ohren bewegen?«
»Ja.« – Pelle hatte sich diese Kunst mit großer Ausdauer im letzten Sommer zugelegt, um nicht hinter Rud zurückzustehen.
»Das möchte ich denn doch gern einmal sehen!« rief der Pfarrer aus.
Da klappte Pelle denn tüchtig mit seinen Schlappohren, und Pfarrer, Schulrat und Eltern lachten. Pelle bekam »ausgezeichnet« in Religion.
»Dann haben dich die Ohren ja doch gerettet!« meinte Lasse vergnügt. – »Hab' ich dir nich' immer gesagt, du sollst sie gut gebrauchen! Die beste Nummer in Religion, bloß weil du mit den Ohren klappen kannst – du könnt'st gewiß Paster werden, wenn du man bloß selbst wollt'st!«
Und er blieb noch lange so bei. Aber war es nich' auch ein Satansjunge, daß er so antworten konnte!