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XIX

Die Herrschaft auf Steinhof war jetzt fast beständig in der Leute Mund, niemals waren sie ganz aus den Gedanken der Bevölkerung heraus. Man dachte ebensoviel an Kongstrup und seine Frau und redete mehr über sie wie über das gesamte Kirchspiel, sie waren ja das Brot für so viele, die Vorsehung im Guten und Bösen; nichts, was sie unternahmen, konnte gleichgültig sein.

Es fiel niemand ein, dasselbe Maß und Gewicht für sie in Anwendung zu bringen wie für andere; sie waren etwas für sich, Wesen, die über vieles gesetzt waren und die tun und lassen konnten, was sie wollten – die sich über alle Rücksichten hinwegsetzen und sich Leidenschaften erlauben durften. Das, was von Steinhof ausging, war für gewöhnliche Menschen zu groß, um darüber zu Gericht zu sitzen, es konnte schwer genug sein, zu deuten, was dort vor sich ging – selbst wenn man das Ganze so aus der Nähe sah wie Lasse und Pelle. Für sie wie für die anderen waren die Leute auf Steinhof Wesen für sich, die ihr Leben unter größeren Verhältnissen lebten, so halbwegs zwischen Menschen und höheren Mächten – in einer Welt, wo so etwas wie unauslöschliche Brunst und wahnsinnige Liebe herrschte.

Was auf Steinhof geschah, verursachte daher eine ganz andere Spannung als andere Ereignisse in der Gemeinde. Man lauschte staunend und gespannt der leisesten Äußerung von dort oben aus dem hohen Wohnhaus, und bei den Jammerausbrüchen fing man an zu zittern und ging von Grauen bedrückt einher. So klar Lasse in den ruhigen Perioden alles vor sich liegen sah, so konnte das Leben da oben plötzlich wieder außerhalb der täglichen Erkenntnis rücken und schlug um seine und des Knaben Welt zusammen wie eine Nebelsphäre, in der launenhafte Mächte Krieg führten, – gerade über ihren Köpfen.


Jetzt war Jungfer Köller schon im zweiten Jahr auf dem Hof, trotz aller üblen Prophezeiungen; es hatte sich im Gegenteil so gestaltet, daß ein jeder seine Gedanken zurücknehmen mußte. Sie zeigte eine immer größere Vorliebe mit Kongstrup in die Stadt zu fahren, als daheim zu bleiben und Frau Kongstrup in ihrer Verlassenheit aufzuheitern – so ist die Jugend nun einmal. Im übrigen führte sie sich höchst anständig, und es war eine bekannte Tatsache, daß der Gutsbesitzer wieder seiner alten Hotelliebelei in der Stadt verfallen war. Frau Kongstrup selbst hegte denn auch kein Mißtrauen gegen ihre junge Verwandte – falls sie es überhaupt jemals getan hatte. Sie hatte ihre ganze Liebe auf das junge Mädchen geworfen, ganz als wäre sie ihre Tochter gewesen; und sehr oft veranlaßte sie selbst Jungfer Köller, mit auf den Wagen zu steigen, um acht auf ihn zu geben.

Im übrigen vergingen die Tage wie gewöhnlich. Frau Kongstrup unterlag häufig ihrer Trunksucht und ihrem Kummer. Wenn das Böse in ihr aufkam, weinte sie über ihr vergeudetes Leben; und wenn er dann zu Hause war, verfolgte sie ihn von einem Zimmer in das andere mit ihrer Anklage, bis er anspannen ließ und die Flucht ergriff – mitten in der Nacht. Die Wände waren so getränkt von ihrer Stimme, daß sie sich durch alles hindurchfraß, wie ein trübseliges Geräusch. Wer des Nachts zufällig auf war, um bei dem Vieh zu wachen oder aus ähnlichen Gründen, konnte ihre schwere Zunge bis ins Endlose da oben lallen hören, selbst wenn sie ganz allein war.

Aber da fing Jungfer Köller an, Vorbereitungen zu ihrer Abreise zu treffen; sie verfiel recht plötzlich darauf, daß sie nach der Hauptstadt wolle, um etwas zu lernen, damit sie sich selbst versorgen könne. Das erschien recht sonderbar, da sie doch alle Aussicht hatte, Kongstrups einmal zu beerben. Frau Kongstrup wurde ganz elend bei dem Gedanken, sie verlieren zu sollen. Sie vergaß ihre anderen Sorgen ganz und redete beständig auf sie ein. Selbst nachdem alles klipp und klar war, als sie zusammen mit den Mägden in der Rollkammer standen und Jungfer Köllers Wäsche zur Reise in Ordnung brachten, fuhr sie mit ihrem Drängen fort – ohne jeglichen Nutzen. Es war ja so ihre Art, daß sie nicht wieder loslassen konnte, wo sie einmal eingehakt hatte – so wie alle Steinhöfer!

Es war etwas Eigentümliches, diese Beharrlichkeit von Jungfer Köller; es war ihr nicht einmal klar, was sie in der Stadt anfangen wollte. »Sie will woll hin und kochen lernen?« sagte diese oder jene mit einem verblümten Lächeln. Die Tagelöhnerfrauen machten sich ein Gewerbe auf dem Hof mit dem Milcheimer, um sich bei den Mädchen nach Jungfer Köllers Wäsche zu erkundigen: da waren Zeichen hier und Zeichen da!

Frau Kongstrup selbst hegte keinen Verdacht. Sie, die sonst stets, zur Zeit wie zur Unzeit, von Mißtrauen erfüllt war, schien hier mit Blindheit geschlagen zu sein. Es kam wohl daher, daß sie sich so felsenfest auf ihre Verwandte verließ – und so viel in ihr sah! Sie hatte nicht einmal Zeit zu seufzen, so beschäftigt war sie, alles instand zu setzen. Das war auch groß nötig; Jungfer Köller hatte offenbar den Kopf voll von anderen Dingen gehabt, in einer solchen Verfassung waren ihre Sachen.

»Ich freue mich, daß Kongstrup mit ihr hinüberreist«, sagte Frau Kongstrup eines Abends zu der blonden Marie, als sie vor dem großen Stopfkorb saßen und die Strümpfe des jungen Mädchens nach der Wäsche ausbesserten. »Kopenhagen soll eine arge Stadt sein für die unerfahrene Jugend. Aber Sine wird sich schon zurechtfinden, sie hat den guten Grund der Köllers in sich.« Sie sagte das ganz in kindlicher Einfalt; man konnte mit großen Holzschuhen in ihrem Herzen aus und ein trampeln, so mißtrauisch sie sonst auch war. – »Zu Weihnachten kommen wir vielleicht hinüber und sehen uns nach dir um, Sine«, fügte sie in ihrer Herzensgüte hinzu.

Jungfer Köller öffnete den Mund und schnappte voller Angst nach Atem, erwiderte aber nichts. Sie saß über ihre Arbeit gebeugt und sah den ganzen Abend niemand an. Sie sah überhaupt keinen Menschen mehr offen an. »Sie schämt sich ihrer Falschheit!« sagten sie. An sie konnte sich das Urteil heranwagen, sie hätte wissen müssen, was sie tat, sie hätte sich nicht zwischen die Rinde und den Baum drängen sollen – noch dazu hier, wo der eine Teil all sein Vertrauen in sie gesetzt hatte.

Oben auf dem oberen Hof war der neue Knecht Per damit beschäftigt, den geschlossenen Wagen instand zu setzen. Erik stand bei ihm und ließ den Kopf hängen. Er sah so unglücklich und trostlos aus, der Ärmste – wie immer, wenn er sich nicht in der Nähe des Verwalters befand. Jedesmal, wenn ein Rad abgenommen oder wieder eingesetzt werden sollte, mußte er seinen Riesenrücken unter den schweren Wagen stemmen und ihn in die Höhe heben. Lasse erschien von Zeit zu Zeit in der Stalltür, um sich ein Urteil darüber zu bilden, was hier vor sich ging; Pelle war in der Schule, den ersten Tag im neuen halben Jahr.

Heute sollte sie also abreisen – die falsche Person, die sich hatte verleiten lassen, diejenige zu betrügen, die wie eine Mutter gegen sie gewesen war. Frau Kongstrup gab ihnen wohl noch obendrein das Geleite bis ans Dampfschiff, da ja der geschlossene Wagen benutzt werden sollte!

Lasse ging in die Kammer, um allerlei zurechtzulegen, damit er heute abend entschlüpfen konnte, ohne daß Pelle es bemerkte. Er hatte Pelle ein Stück Papier mit ein wenig Zuckergut für Madame Olsen mitgegeben. Auf das Papier hatte er ein Kreuz mit einem Bleiknopf gemalt, und das Kreuz bedeutete ganz im geheimen, daß er heute abend zu ihr kommen werde.

Während er seine guten Kleider herausholte und sie unter ein wenig Heu an der äußeren Tür verbarg, ging er umher und summte:

»– aber meiner Liebe Drang
Der erleichtert meinen Gang,
Und den Weg verkürzt der Nachtigall Gesang.«

Er freute sich so unsinnig auf heute abend, er war nun bald ein ganzes Vierteljahr nicht unter vier Augen mit ihr zusammengewesen. Und dann war er auch stolz darauf, sich der Schrift bedient zu haben, und zwar einer Schrift, die zu ergründen Pelle schon unterlassen würde, ein so scharfer Schriftgelehrter er auch war.

Während die anderen nach Tische der Ruhe pflegten, ging Lasse und ebnete den Misthaufen. Der Wagen stand da oben mit dem großen Koffer hinten aufgeschnallt und einem anderen auf der hohen Kante oben auf dem Spritzleder. Lasse ging umher und grübelte nach, wie so ein Mädchen es nun wohl anfing, wenn sie allein da draußen in der weiten Welt lag und für ihre Sünde büßen sollte. Es mußte wohl Häuser geben, wo sie sich so einer gegen gute Bezahlung annahmen – da drüben gab es ja alles!

Johanne Pihl kam oben durch das Tor gewatschelt. Lasse zuckte zusammen, als er sie sah – sie kam nie in guter Absicht. Wenn sie sich hier oben so frech aufstellte, war sie immer betrunken, und dann wich sie vor nichts zurück. Es war traurig, wie tief das Unglück einen Menschen herunterbringen konnte – Lasse mußte daran denken, was für ein schönes Mädchen sie in ihrer lichten Jugend gewesen war. Und nun ging sie nur darauf aus, Vorteil aus ihrer Schande zu ziehen! Er zog sich vorsichtig in den Stall zurück, um nicht offenbarer Zeuge von etwas zu werden. Da drinnen stand er und lugte.

Die Sau ging unter den Fenstern auf und nieder und rief mit lallender Zunge, die Stimme wollte ihr nicht so recht gehorchen: »Kongstrup, Kongstrup! Komm mal 'raus, ich will mit dir reden! Du mußt Geld für mich und deinen Sohn 'rausrücken, ich hab' seit drei Tagen kein Essen gekriegt.«

»Das is nu 'ne ausgestunkene Lüge,« sagte Lasse wütend vor sich hin, »denn sie hat ihr gutes Auskommen. Aber sie schweinigelt mit den Gaben Gottes – und nu is sie auf 'ne Gemeinheit aus.« Er hatte die größte Lust, die Mistgabel zu nehmen und sie zum Tor hinauszujagen, aber gegen ihre giftige Zunge konnte man sich nicht gut wehren.

Sie hatte den Fuß auf der Treppe, wagte aber nicht, hinaufzugehen. Es hielt sie etwas in Schock, so umnebelt sie auch war. Da stand sie nun und tastete an dem Geländer und kaute auf irgend einem Gedanken. Von Zeit zu Zeit hob sie ihr fettes Gesicht in die Höhe und schrie nach Kongstrup.

Jungfer Köller kam ahnungslos aus dem Keller heraus und ging auf die Treppe zu; sie hatte den Blick zu Boden gesenkt und sah die Sau nicht eher, als bis es zu spät war. Da machte sie schnell kehrt. Johanne Pihl stand da und grinste:

»Komm hierher, Jungfer, und laß mich dich begrüßen!« rief sie. »Bist du großschnauzig, du? Die eine kann woll ebenso rein sein wie die andere! Das kommt woll daher, weil du in 'ner Kutsche wegfahren und deins drüben überm Wasser kriegen kannst, wogegen ich meinen in 'ner Rübenfurche gekriegt hab'. Is das nu auch woll 'n Grund, sich was einzubilden – wir haben woll mit demselben Stier zu tun gehabt! – Du, geh 'rauf und sag dem stolzen Heinrich, daß sein Ältester hungert! Ich bin bange vor den bösen Augen!«

Jungfer Köller war schon längst wieder in den Keller verschwunden, aber Johanne Pihl blieb ruhig stehen und wiederholte dasselbe wieder und wieder, bis der Verwalter auf sie losgefahren kam. Da zog sie sich zeternd vom Hof zurück.

Die Knechte waren durch ihr Geschrei zur Unzeit aus dem Schlaf geweckt und standen nun schlaftrunken da und spähten hinter den Scheunentüren hervor. Lasse hielt gespannt Ausguck aus dem Stall, und die Mädchen hatten sich im Brauhaus versammelt – was würde jetzt geschehen. Sie erwarteten alle irgendeinen schrecklichen Ausbruch.

Aber es geschah nichts. Hier, wo Frau Kongstrup berechtigt gewesen wäre, Himmel und Erde erzittern zu machen, – so treulos, wie sie sich gegen sie benommen hatten –, hier schwieg sie. Der Hof lag so ruhig da wie an den Tagen, wo es zu einer Art Auseinandersetzung zwischen ihnen gekommen war und wo Kongstrup sich im Zaum hielt. Frau Kongstrup ging da oben an den Fenstern vorüber und sah aus wie jede andere – es geschah nichts.

Worte mußten nun aber doch wohl gefallen sein, denn Jungfer Köller sah mächtig verweint aus, als sie den Wagen bestiegen, und Kongstrup hatte sein verwirrtes Wesen. Und dann rollte Karl Johan mit den beiden davon; Frau Kongstrup ließ sich nicht sehen. Sie schämte sich wohl da, wo es den anderen zukam.

Es war nichts geschehen, was die Spannung hätte auslösen können, und sie lag wie ein Druck über ihnen allen. Sie mußte sich auf ihr unglückliches Los besonnen und darauf verzichtet haben, auf ihrem Rechte zu beharren, gerade jetzt, wo ein jeder auf ihrer Seite stehen mußte! Diese Ruhe war so unnatürlich und so unbegreiflich, daß sie die Gemüter bedrückte und verstimmte. Es war ja, als litten andere für sie, als habe sie selbst kein Herz!

Aber dann riß der Strang, das Weinen fing an, auf den Hof hinauszusickern, leise und gleichmäßig, wie rinnendes Herzblut. Den ganzen Abend strömte es hinaus, so verzweifelt hatte das Weinen noch nie über Steinhof dahingeklungen – es ging allen durch Mark und Bein. Sie hatte das arme Kind wie ihr eigenes aufgenommen, und das arme Kind verriet sie – ein jeder fühlte an sich selbst, wie sie darunter leiden mußte.

In der Nacht steigerte sich das Weinen zu so verzweifeltem Schreien, daß selbst Pelle davon erwachte – klatschnaß von Schweiß. »Es klingt, als wenn jemand in höchster Not is!« sagte Lasse und zog schnell die Hose an. Seine Hände zitterten und wollten ihm nicht recht gehorchen. »Sie hat doch wohl nich' freventlich Hand an sich gelegt?« Er zündete die Laterne an und ging in den Stall hinaus. Pelle folgte ihm nackend.

Da auf einmal verstummten die Schreie, so jäh, als wäre der Laut mit einer Axt durchgehauen; die Stille, die nun folgte, besagte, daß es für immer sei. Der Hof versank in das nächtliche Dunkel wie eine erloschene Welt. »Eben is unsere Herrin gestorben«, sagte Lasse fröstelnd und fuhr sich mit den Fingern über die Lippen. »Möge Gott sie milde aufnehmen.« Angsterfüllt krochen sie wieder in ihre Betten.

Aber als sie am Morgen aufstanden, sah der Hof genau so aus wie an jedem anderen Tag. Die Mägde klapperten und lärmten drüben im Brauhause wie gewöhnlich. Nach einer Weile hörte man die Stimme der Hausfrau da oben; sie erteilte Befehle in bezug auf die Arbeit. »Ich begreife es nich',« sagte Lasse kopfschüttelnd, »so plötzlich kann sonst nur der Tod Einhalt tun. Sie muß eine gewaltige Macht über sich haben.«

Jetzt sah man erst so recht, was für eine tüchtige Frau sie war. Sie hatte in der langen Zeit des Müßiggangs nichts eingebüßt, sie brachte die Mägde in Tritt, und die Kost wurde besser. Und eines Tags erschien sie im Kuhstall, um nachzusehen, ob sie rein ausmelkten. Auch Gerechtigkeit und Gericht übte sie aus. Eines Tages kamen die Arbeiter vom Steinbruch und beklagten sich, weil sie seit drei Wochen keinen Arbeitslohn bekommen hatten. Auf dem Hof war nicht Geld genug. »Dann müssen wir es beschaffen«, sagte Frau Kongstrup, und sie mußten auf der Stelle ans Dreschen gehen. Und eines Tages, als Karna zuviel Widerreden hatte, bekam sie eine schallende Ohrfeige.

»Sie hat sich einen neuen Sinn angeschafft«, sagte Lasse.

Aber die alten Arbeitsleute erkannten dieses und jenes aus ihren jungen Tagen wieder. »Sie hat den Sinn der Familie angenommen,« sagten sie, »eine echte Köller is sie!«

So verging die Zeit ohne Veränderung. Sie beharrte in ihrer Ruhe, wie sie ehedem in ihrem Jammer beharrt hatte. Es war nicht die Art der Köllers, umzusatteln, wenn sie erst ihren Sinn auf etwas gesetzt hatten. Und dann kehrte Kongstrup von der Reise heim. Sie fuhr ihm nicht entgegen, sondern nahm ihn an der Treppe in Empfang, sanft und gut. Jeder konnte sehen, wie erfreut und verwundert er war – er war offenbar auf einen anderen Empfang gefaßt gewesen.

Aber in der Nacht, als alle in ihrem guten Schlaf lagen, kam Karna und klopfte an das Fenster der Knechte. »Steht auf und holt den Doktor!« rief sie, »aber ihr müßt euch sputen!« Der Ruf klang nach Tod und Leben, und sie stürzten kopfüber heraus. Lasse, der die Gewohnheit hatte, nur mit dem einen Auge zu schlafen, so wie die Hühner, war als Erster zur Stelle und hatte die Pferde schon aus dem Stall gezogen. Wenige Minuten später jagte Karl Johans Fuhrwerk vom Hof herunter. Er hatte einen Mann mitgenommen, der ihm die Laterne hielt. Es war stockdunkel, aber man konnte hören, wie der Wagen in wilder Eile dahinraste, bis der Laut unbegreiflich dünne wurde. Einen Augenblick nahm er einen neuen Klang an – der Wagen war auf dem asphaltierten Weg, eine halbe Meile entfernt, eingebogen, dann starb er hin.

Im Hofe gingen sie schaudernd umher und konnten keine Ruhe finden, sie schlenderten in die Kammern hinein und kamen wieder heraus, um zu den hohen Fenstern hinaufzustarren, wo man mit Lichtern hin und her lief. Was war nur auf einmal geschehen? Es war etwas mit dem Herrn, denn von Zeit zu Zeit hörte man Frau Kongstrups kommandierende Stimme unten in der Küche – aber was? Im Brauhaus und in der Gesindestube war alles dunkel und verschlossen.

Gegen Morgen, als der Doktor gekommen war und die Sache in seine Hand genommen hatte, trat ein wenig mehr Ruhe ein, und die Mägde fanden eine Gelegenheit, in den Hof hinauszuschlüpfen. Anfänglich wollten sie nicht sagen, was da los war; sie standen da und sahen sich gegenseitig ausweichend an und lachten so sonderbar viehisch. Sie brachten es dann endlich heraus, indem sie erzählten, bald die eine, bald die andere, in kleinen Stößen: Kongstrup habe in einem Anfall von Irrsinn sich selbst verstümmelt – er sei wohl betrunken gewesen. Ihre Gesichter verzerrten sich häßlich in einer Mischung von Entsetzen und Gekicher, und als Karl Johan die blonde Marie alles Ernstes fragte: »Ihr lügt doch woll nich'?« brach sie in Tränen aus. Da stand sie und lachte und weinte durcheinander. Es half alles nichts, wie sehr Karl Johan sie auch ausschimpfte.

Aber es verhielt sich wirklich so, obwohl es klang wie das tollste Märchen, daß ein Mann sich selbst so etwas antun konnte. Es war eine Wahrheit, die Mund und Stimme verstummen machte!

Es währte eine Weile, bis man sich so weit erholte, daß man darüber nachdenken konnte. Aber dann war da ja doch allerlei, was zu unwahrscheinlich klang. Im Rausch konnte es nicht geschehen sein, denn der Herr von Steinhof trank niemals zu Hause. Er trank überhaupt nicht, soviel man wußte, sondern liebte nur ein Glas in guter Gesellschaft. Weit eher war es Reue und Buße. Bei dem Leben, das er geführt hatte, ließ sich das ja denken – obwohl es wunderbar erscheinen mochte, daß ein Mann von seiner Beschaffenheit sich so verzweifelt benehmen sollte.

Aber die Erklärung war nicht befriedigend! Und ganz allmählich, ohne daß jemand einen Sprung nachweisen konnte, wandten sich aller Gedanken gegen sie. Sie hatte sich in der letzten Zeit so geändert, das Köllersche Blut war bei ihr zum Durchbruch gekommen! Und in der Familie hatten sie sich niemals ungerächt niedertreten lassen.


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