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Zu Pelles Zeit war gesalzener Hering das wichtigste Nahrungsmittel der Bornholmer. Es war das stehende Frühstücksgericht in allen Schichten der Gesellschaft, und in den tieferen beherrschte es auch den Abendtisch – und kehrte zuweilen auch des Mittags in etwas veränderter Gestalt wieder. »Das is 'ne schlechte Eßstelle,« sagten die Leute spottend von diesem oder jenem Hof – »man kriegt die Woche bloß einundzwanzigmal Heringe.«
Wenn der Holunder in Blüte stand, rollten ordentliche Menschen der guten alten Sitte gemäß die Salztonnen heraus und fingen an, nach dem Meer hinauszusehen – denn dann ist der Hering am fettesten. Von dem schräge abfallenden Land, das fast überall einen Ausblick auf die See gewährt, spähte man an den frühen Sommermorgen weit hinaus nach den heimkehrenden Booten; das Wetter und die Lage der Boote draußen in der See waren eine Vorbedeutung für die Winterkost. Dann konnte wohl ein Gerücht seine Wanderung über die Insel antreten – das Gerücht von einem großen Fang und einem guten Kauf. Die Bauern rollten in die Stadt oder in das Dorf mit ihren geräumigsten Wagen, und der Heringsmann arbeitete sich durch das Land, von einer Hütte zur anderen mit seiner Kracke, die so erbärmlich war, daß jeder das Recht hatte, ihr 'ne Kugel durch den Kopf zu jagen.
Des Morgens, wenn Pelle die Stalltür aufschlug und auf das Feld hinausging, stand der Nebel gleich einem hellgrauen Gewässer in allen Niederungen; und drinnen auf den Höhenzügen, wo der Rauch munter aus Häusern und Gehöften aufstieg, sah er Männer und Frauen um den Giebel herumkommen, halb angekleidet oder in dem bloßen Hemd, und hinausstarren. Er lief selbst um die Wirtschaftsgebäude herum und sah nach der See hinaus, die blank wie Silber dalag und die Farben von dem Tag empfing. Die roten Segel hingen schlaff herab und glichen im Glanz des Tages Blutklecksen, die Boote lagen tief im Wasser und strebten langsam heimwärts unter den Schlägen der Ruder, sie arbeiteten sich vorwärts wie hochträchtige Kühe.
Aber das alles ging ihn und die Seinen nichts an. Auf Steinhof kaufte man, so wie es die Armen in der Gemeinde machten, die Heringe erst nach der Ernte ein, wenn sie trocken waren wie Holz und fast nichts kosteten. Um die Zeit des Jahres herum pflegte es reichlich Heringe zu geben, sie wurden zu fünfzehn bis zwanzig Öre das Wall verkauft, solange die Nachfrage währte. Später wurden sie fuderweise als Schweinefutter abgesetzt oder kamen in die Dunggrube.
Eines Sonntagsmorgens im Spätherbst kam ein laufender Bote aus der Stadt nach Steinhof, daß jetzt Heringe zu haben seien. Der Verwalter kam in die Gesindestube, während sie dort bei der Morgenmahlzeit saßen, und erteilte Befehl, mit allen Arbeitsgespannen auszurücken. »Ja, denn müßt ihr auch mit!« sagte Karl Johan zu den beiden Steinbruchkutschern, die verheiratet und oben beim Bruch ansässig waren, aber zu den Mahlzeiten herunterkamen.
»Nee, dazu kommen unsere Pferde nich' aus 'm Stall,« sagten die Kutscher – »die und wir fahren bloß Steine und nichts weiter.« Sie saßen eine Weile da und machten spöttische Bemerkungen über gewisse Leute, die nicht mal den Sonntag zu ihrer Verfügung hatten; der eine reckte sich auf eine verdammt aufreizende Art und Weise. »A-ah! Ich glaub', ich geh' jetzt nach Haus und mach' einen kleinen Vormittagsschlaf. Es tut doch gut, einmal die Woche sein eigener Herr zu sein.« Und dann gingen sie nach Hause zu Frau und Kindern, um Sonntag zu feiern.
Die Knechte blieben noch eine Weile sitzen und schimpften – das gehörte nun einmal mit dazu. An und für sich hatten sie nichts gegen die Fahrt, ein bißchen Amüsement fiel doch allemal dabei ab. Da waren Wirtschaften genug in der Stadt, und sie wollten es schon so einrichten mit dem Hering, daß sie nicht viel vor Abend nach Hause kamen. Schlimmsten Falles fuhr Erik seinen Wagen kaputt, dann mußten sie ja in der Stadt bleiben, während er zurechtgemacht wurde.
Sie standen draußen im Stall und kehrten die Geldbeutel um – große, solide Lederbeutel mit Stahlschlössern, die sich nur durch einen Druck auf einen geheimen Mechanismus öffnen ließen; aber sie waren leer.
»Das is doch des Deubels!« sagte Mons und guckte enttäuscht in seinen Geldbeutel – »auch nich' mal nach einem Öre riechen tut er! Das Dings muß ja leck sein!« Er sah das Portemonnaie in den Nähten nach, hielt es dicht vor die Augen, lauschte schließlich hinein. »Das mag der Teufel verstehen, mir deucht, ich hör' ein Zweikronenstück schnacken. Das muß ja Spuk sein!« Er seufzte und steckte den Beutel in die Tasche.
»Du armer Deubel! Hast du je mit 'n Zweikronenstück geschnackt?« sagte Anders. »Nee, hier sollt ihr mal was sehen!« Er holte einen großen Geldbeutel heraus. »Ich hab' das Zehnkronenstück noch, um das mich der Verwalter den ersten Mai betrogen hat; aber ich kann mich gar nich' entschließen, es auszugeben; das soll aufgehoben werden, bis ich alt werd'.« Er griff in den leeren Geldbeutel hinein und tat so, als zeige er etwas. Sie lachten und machten Witze, die Laune war vorzüglich bei der Aussicht auf die Fahrt nach der Stadt.
»Aber Erik, der hat gewiß Geld unten in seiner Kiste,« sagte darauf einer – »er dient für hohen Lohn und hat 'ne reiche Tante in 'er Hölle.«
»Ach nee!« sagte Erik kläglich, »ich muß ja für ein Dutzend Gören bezahlen, die keinen anderen Vater aufzuweisen haben. Aber Karl Johan muß Geld schaffen, wozu is er sonst Großknecht.«
»Das geht nich'«, sagte Karl Johan bedenklich. »Wenn ich den Verwalter um Vorschuß bitt', nu wo wir in die Stadt soll'n, denn sagt er glatt nein. Gott weiß, ob die Mächen keinen Lohn liegen haben?«
Die kamen gerade mit ihren Milcheimern vom Kuhstall geklappert.
»Hört mal, Mächens!« rief Erik ihnen zu, »kann nich' eine von euch uns zehn Kronen leihen? Sie soll dafür auch Zwillinge zu nächsten Ostern haben – denn wirft die Sau doch!«
»Das sind ja nette Aussichten!« sagte Bengta und blieb stehen; sie setzten die Milcheimer nieder und besprachen die Sache. »Ob Bodil nichts hat?« meinte Karna. »Nein, denn sie hat die zehn Kronen, die sie liegen hatt', neulich an ihre Mutter geschickt«, entgegnete Marie.
Mons schleuderte die Mütze an die Erde und machte einen Sprung. »Ich geh' zu dem alten Satan selbst«, sagte er.
»Denn kommst du kopfüber die Treppe 'runter, daß du das man weißt!«
»Zum Teufel auch, wenn einem seine alte Mutter todkrank da in der Stadt liegt und nichts für den Doktor oder den Apotheker hat! Ich bin doch kein schlechteres Kind als Bodil.«
Er ging die steinerne Treppe hinauf. Sie standen da und sahen ihm durch die Stalltür nach, bis der Verwalter kam und sie sich mit den Wagen zu schaffen machten. Gustav ging im Sonntagsstaat, ein Bündel Kleider unterm Arm, umher und sah ihnen zu.
»Warum fängst du nicht an?« fragte der Verwalter. »Mach', daß du angespannt kriegst!«
»Herr Verwalter haben mir heut selbst freigegeben«, sagte Gustav und verzog das Gesicht – er wollte mit Bodil ausgehen.
»Hm, ja – das ist wahr! – Dann fehlt uns ja aber ein Wagen. Du kannst ja einen anderen Tag statt dessen frei bekommen.«
»Das kann ich nich'!«
»Zum Kuckuck auch – warum kannst du das nicht, wenn man fragen darf?«
»Nee, denn ich hab' heut freigekriegt.«
»Ja, aber zum Teufel, Mensch, wenn ich nun doch sage, daß du einen anderen Tag frei kriegen kannst!«
»Nee, das kann ich nich'!«
»Aber warum denn nicht, Mensch – hast du denn irgend etwas so Eiliges vor?«
»Nee, aber ich hab' heut frei gekriegt.« Es sah so aus, als wenn Gustav hinterlistig grinste, aber er wendete wohl nur den Priem im Munde herum. Der Verwalter stampfte vor Zorn mit dem Fuß.
»Aber ich kann ja gern gleich ganz wegbleiben, wenn der Herr Verwalter mich nich' gut sehen kann!« sagte Gustav sanft.
Der Verwalter hörte es nicht, er wandte sich schnell ab. Eine lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, dergleichen Anerbieten in der geschäftigen Zeit zu überhören. Er sah zu seinem Fenster auf, als falle ihm plötzlich etwas ein, und lief in ein paar Sätzen die Treppe hinauf. Sie hatten ihn in den Fingern, wenn sie die Saite anschlugen. Aber zum Winter kam die Reihe an ihn, und dann mußten die anderen schweigen und dulden – um in der flauen Zeit ein Dach über dem Kopf zu haben.
Gustav stolzierte nach wie vor mit seinem Bündel umher, ohne Hand anzulegen; die anderen lachten ihm ermunternd zu.
Der Verwalter kam wieder herunter und ging auf ihn zu. »Dann spanne an, ehe du gehst«, sagte er kurz. »Ich werde deine Pferde fahren.«
Ein wütendes Knurren ging von Mann zu Mann. »Wir soll'n den Hund mithaben!« sagten sie halblaut zueinander. »Wo is der Hund? Wir soll'n den Hund mithaben.« Der Verwalter sollte es hören.
Es ward nicht besser, als Mons die Treppe herunterkam, das ganze Gesicht ein wunderlich frommes Schielen, und sich einen Zehnkronenschein vor den Bauch hielt. »Nu is es ganz egal, denn wir soll'n den Hund mithaben!« sagte Erik. Mons' Gesichtsausdruck wechselte mit einem Ruck. Er fing an, grimmig zu fluchen. Sie gingen umher und machten sich an den Wagen zu schaffen, ohne Hand anzulegen; ihre Augen leuchteten boshaft.
Der Verwalter kam, zur Fahrt angekleidet, auf die Treppe hinaus. »Na, wird's bald mit dem Anspannen?« donnerte er.
Die Leute auf Steinhof beobachteten die Rangfolge ebenso genau wie die eigene Bevölkerung der Insel, und sie war ebenso verwickelt. Der Großknecht saß bei Tische obenan und nahm zuerst, beim Mähen ging er vorne, und beim Aufladen des Fuders, wenn eingefahren wurde, ging ihm die erste Magd zur Hand; er war der erste, der des Morgens auf war, und ging vorne, wenn sie aufs Feld hinauszogen, niemand durfte die Gerätschaften niederlegen, ehe er es getan hatte. Nach ihm kam der zweite Knecht und dann der dritte usw., und endlich die Tagelöhner. Wo nicht persönliche Vorliebe mitspielte, war der Großknecht ganz selbstverständlich der Geliebte der ersten Magd usw. die Reihe hinab; zog einer von ihnen weg, so übernahm der Nachfolger das Verhältnis – das war der Gleichgewichtszustand. Hier wurde die Rangfolge jedoch oft unterbrochen, niemals aber, wo es sich um die Pferde handelte. Gustavs Pferde waren die schlechtesten, und keine Macht der Welt würde den Großknecht oder Erik dazu bewogen haben, sie zu fahren – nicht einmal der Gutsbesitzer selber.
Der Verwalter wußte das und sah, wie sich die Knechte darüber ergötzten, als Gustavs Kracken vorgespannt wurden. Er schluckte den Ärger herunter; aber als sie übermütig Gustavs Fuhrwerk als hinterstes in der Reihe aufstellten, war es ihm denn doch zu arg. Er befahl, daß sie es vor den anderen auffahren sollten.
»Meine Pferde pflegen nich' hinter dem Arschklöppern seinen zu gehen!« sagte Karl Johan und warf die Zügel hin; es war das der Spottname für den letzten in der Reihe. Die anderen standen da und kicherten, so daß der Verwalter nahe daran war, aufzubrausen.
»Bist du so darauf versessen, an der Spitze zu fahren, na, denn meinetwegen«, sagte er beherrscht. »Ich kann sehr gut hinter dir fahren.«
»Nee, meine Pferde kommen nach denen des Großknechts, ich will nich' hinter dem Arschklöpper herfahren«, sagte Erik.
Dies war offenbar ein Schimpfwort, so wie sie es wiederholten, einer nach dem anderen, während sie verstohlen hinüberschielten. Sollte er sich das die ganze Reihe hinunter gefallen lassen, so war er einfach unmöglich hier auf dem Hof.
»Ja, und meine gehen hinter Eriks her,« sagte Anders jetzt – »nicht hinter – – Gustavs«, begriff er sich schnell. Der Verwalter hatte seinen Blick in ihn hineingebohrt und tat einen Schritt vor, um ihn auf das Pflaster niederzuschlagen.
Der Verwalter stand einen Augenblick still, als lausche er – seine Armmuskeln bebten. Dann sprang er auf den Wagen.
»Ihr seid ja heute ganz verrückt«, sagte er. »Aber jetzt fahre ich voran, und wer sich untersteht, zu mucken, soll einen an 's Maul haben, daß er fünf Tage in die nächste Woche 'reinfliegt!« Er fuhr in einem Bogen um die Reihe herum. Eriks Pferde, die sich vordrängen wollten, bekamen einen Schlag mit der Peitsche, so daß sie sich bäumten. Erik ließ seine Wut an den Tieren aus.
Die Leute gingen niedergeschlagen umher und ließen sich Zeit, um einen Abstand zwischen sich und dem Verwalter zu schaffen.
»Ja, denn müssen wir woll man sehen, daß wir wegkommen!« sagte Karl Johan und setzte sich auf den Wagen. Der Verwalter war schon ein gutes Stück Wegs weitergekommen, Gustavs Kracken nahmen sich heute gewaltig zusammen – es gefiel ihnen offenbar, voran zu sein. Aber Karl Johans Pferde waren mißvergnügt und trieben an, die neue Ordnung war nicht nach ihrem Sinn.
Beim Kaufmann machten sie halt und besserten die Laune ein wenig auf. Als sie wieder auf die Landstraße hinauskamen, wurden Karl Johans Pferde aufsässig, er mußte sie zur Ruhe zwingen.
Das Gerücht von dem Fang hatte sich über das Land verbreitet, und Wagen von anderen Gütern holten sie ein oder kreuzten ihren Weg nach den Fischerdörfern hinab. Diejenigen, die näher an die Stadt heranwohnten, waren schon auf dem Heimwege mit übervollen Fudern.
»Sehen wir uns in der Stadt bei einem Glas?« rief ein Knecht Karl Johan im Vorüberfahren zu. »Ich soll noch eine Fuhre holen.«
»Nee, wir fahren heut Herrschaftsfahrt!« sagte Karl Johan und zeigte auf den Verwalter.
»Ja, ich seh ihn – der fährt heut aber fein. Ich dacht', es wär' König Lazarus.«
Ein Bekannter von Karl Johan kam ihnen entgegen mit einem bis an den Rand gefüllten Wagen voll Heringe. Er war der einzige Knecht auf einem der kleinen Gehöfte. »Du bist auch woll in der Stadt gewesen und hast Winterfutter geholt!« sagte Karl Johan und hielt die Pferde an.
»Ja, für die Schweine!« antwortete der andere. »Für uns selbst haben wir schon vor der Ernte eingenommen. Dies is ja keine Menschennahrung!« Er nahm einen Hering zwischen die Finger und tat so, als breche er ihn mitten durch.
»Nee, für solche große Herren woll nich'«, entgegnete Karl Johan bissig. »Du bist ja so vornehm, daß du am selben Tisch mit deinem Herrn und der Hausfrau ißt, hab' ich man gehört.«
»Ja, das is nu mal so Brauch bei uns«, antwortete der andere.
»Wir kennen das nich' mit Herren und Hunden.«
»Denn is es woll auch wahr, daß du jede zweite Nacht bei der Frau liegst?« sagte Karl Johan giftig. Die andern lachten. Der fremde Knecht erwiderte nichts, sondern fuhr weiter. In Karl Johans Innerm fraß die Wut – er konnte es nicht lassen zu vergleichen.
Sie hatten den Verwalter eingeholt, und nun wurden die Pferde ganz kullerig; sie wollten fortwährend vorbei und benutzten jeden unbewachten Augenblick, um vorzugehen, so daß Karl Johan kurz davor war, die Deichsel in das Hinterteil von des Verwalters Wagen hineinzufahren. Schließlich hatte er es satt, sich mit ihnen abzuplacken, er ließ ihnen die Zügel schießen, sie fuhren über den Grabenrand hinaus und vor Gustavs Gespann, tanzten ein wenig auf der Landstraße und beruhigten sich dann.
Jetzt war an Eriks Pferden die Reihe, kullerig zu werden.
Auf dem Hofe wurden alle Tagelöhnerfrauen auf den Nachmittag bestellt, das Jungvieh war in der Hürde, und Pelle brachte Botschaft von Hütte zu Hütte. Er selber sollte zusammen mit Lasse den Frauen zur Hand gehen und war entzückt über diese Unterbrechung des täglichen Einerlei; das war ein förmlicher Ferientag für ihn.
Zur Mittagszeit kamen die Knechte mit der schweren Fuhre Heringe zurück. Sie wurden auf dem oberen Hof um die Pumpe auf das Pflaster herum geschüttet. In der Stadt war keine Gelegenheit gewesen, über die Stränge zu schlagen, und infolgedessen war die Stimmung schlecht. Nur Mons, dieser Affe, ging umher und grinste über das ganze Gesicht; er war bei seiner kranken Mutter mit dem Geld für Doktor und Apotheker gewesen und kam im letzten Augenblick mit einem Bündel unterm Arm und war in strahlendster Laune. »War das eine Arznei!« wiederholte er einmal über das andere und schnalzte mit der Zunge – »eine verzehrend starke Arznei.«
Er hatte einen harten Kampf mit dem Verwalter zu bestehen gehabt, ehe er Erlaubnis bekam, seine Besorgung zu machen. Der Verwalter war ein mißtrauischer Mann, aber Mons' zitternden Worten gegenüber, daß es doch hart wäre, einem armen Mann die Erlaubnis vorzuenthalten, seiner kranken Mutter zu helfen, war nicht gut standzuhalten. »Noch dazu wohnt sie hier ganz dicht bei, und ich seh' sie am Ende nie im Leben wieder«, sagte Mons betrübt. »Und das Geld, das ich zu dem Zweck von dem Herrn gekriegt hab'? Soll ich das am Ende in Branntwein verklackern, während sie daliegt und nich' mal das trockene Brot hat?«
»Nun, wie geht es denn deiner Mutter?« fragte der Verwalter, als Mons im letzten Augenblick atemlos gestürzt kam.
»Ach, sie macht es woll nich' mehr recht lange!« sagte Mons mit einem Beben in der Stimme. Dabei strahlte er über das ganze Gesicht.
Die anderen gingen herum und sahen wütend zu ihm hinüber, während sie die Heringe abluden. Sie hätten ihn prügeln können für sein schweinemäßiges Glück. Aber das gab sich, als er in der Kammer sein Bündel aufknotete. »Das schickt euch meine kranke Mutter!« sagte er und holte eine Kruke Branntwein heraus.
»Und sie läßt euch auch vielmals grüßen und sich bedanken, weil ihr so gut gegen ihren kleinen Sohn seid.«
»Wo bist du gewesen?« fragte Erik.
»Ich hab' die ganze Zeit oben in der Wirtschaft auf dem Hafenhügel gesessen, um euch nich' aus den Augen zu verlieren; ich konnte den Blick gar nich' von euch losreißen, so famos durstig saht ihr aus. Daß ihr euch nich' pardauz auf den Bauch gelegt und aus dem Meer getrunken habt, alle zusammen!«
Am Nachmittag saßen die Tagelöhnerfrauen und die Mägde um die großen Heringshaufen draußen bei der Pumpe und kehlten die Fische aus. Lasse und Pelle pumpten Wasser zum Spülen und reinigten die großen Salztonnen, die die Knechte aus dem Keller herbeiholten. Zwei von den ältesten Frauen hatten das verantwortungsvolle Amt des Salzens. Der Verwalter ging vor der Haupttreppe auf und nieder und rauchte seine Pfeife.
Das Heringeinlegen gehörte sonst zu den vergnüglichen Arbeiten, aber heute herrschte Mißstimmung über der ganzen Linie. Die Frauen schwatzten drauflos während der Arbeit, aber das Schwatzen war nicht unschädlich, es war an eine bestimmte Adresse gerichtet – die Knechte hatten sie aufgewiegelt. Wenn sie lachten, klang es, als hätten sie einen Hintergedanken. Die Knechte mußten herausgerufen werden, und jedes Ding, das ausgeführt werden sollte, mußte ihnen einzeln befohlen werden. Widerwillig verrichteten sie die Arbeit und zogen sich sofort wieder in ihre Kammern zurück. Da drinnen aber waren sie um so lustiger, sie sangen laut und trieben Kurzweil.
»Die machen es sich gemütlich!« sagte Lasse mit einem Seufzer zu Pelle; »die haben eine ganze Kruke Branntwein, die Mons unter seinen Heringen versteckt hatt'. Der soll ganz extra unmanierlich gut sein.« Lasse selber hatte ihn nicht gekostet.
Die beiden hielten sich der Krakeelerei fern – sie fühlten sich zu schwach dazu. Die Mägde hatten nicht den Mut gehabt, die Extra-Sonntagsarbeit abzulehnen, aber sie waren nicht bange, spöttische Bemerkungen zu machen, und sie kicherten über alles, damit der Verwalter glauben sollte, daß sie über ihn lachten. Jeden Augenblick fragten sie, wieviel die Uhr sei, oder hielten mit der Arbeit inne, um nach den Kammern der Knechte hinüber zu lauschen, wo es immer lustiger herging. Von Zeit zu Zeit wurde ein Knecht von da drinnen auf den Hof geschleudert; er torkelte mit in die Höhe gezogenen Schultern und grinsend wieder hinein.
Nach und nach kamen die Knechte herausgeschlendert; die Mütze saß ihnen jetzt im Nacken, und ihr Blick wich nicht aus. Sie stellten sich auf dem unteren Hof auf – über dem Geländer hängend – und betrachteten die Mägde. Jeden Augenblick platzten sie in lautes Lachen aus und hielten dann jäh inne, einen ängstlichen Blick auf den Verwalter gerichtet.
Der Verwalter ging vor der Treppe hin und her, er hatte die Pfeife hingelegt und hielt sich straffer, seit die Knechte herausgekommen waren. Er knallte mit einer Kutscherpeitsche und übte sich in Selbstbeherrschung. »Wenn ich bloß wollt', könnt' ich ihm beide Enden zusammenbiegen!« hörte er Erik in einer Unterhaltung mit lauter Stimme sagen. Der Verwalter wünschte von ganzem Herzen, daß Erik den Versuch machen sollte, seine Muskeln brannten förmlich unter diesem unbefriedigten Bedürfnis, sich zu betätigen. Aber sein Gehirn schwelgte in Prügeleien, er war im Kampf mit der ganzen Schar und machte alle Einzelheiten des Kampfes durch. Diese Kämpfe hatte er so oft erlebt, namentlich in der letzten Zeit; er hatte sich in alle schwierigen Situationen hineingedacht, und da war keine Stelle auf ganz Steinhof, von der er nicht wußte, was sich dort als Waffe eignete.
»Was is die Uhr?« fragte eine der Mägde laut, wohl zum zwanzigstenmal.
»Ein Ende kürzer als das Hemd«, erwiderte Erik schnell.
Die Mädchen lachen. »Ach, sag' uns doch, was sie is!« ruft eine andere aus.
»Dreiviertel auf 'n Büchsenknopf«, antwortet Anders.
»Ach, Unsinn! Ihr seid verrückt – könnt' ihr uns nich' sagen, was sie is! Du, Karl Johan?«
»Sie is rund«, sagt Karl Johan ernsthaft.
»Ja, nu will ich euch sagen, was sie is«, ruft Mons treuherzig aus und zieht eine große »Butterbüchse« aus der Tasche. »Sie is –«, er sieht scharf nach der Uhr und bewegt die Lippen, als rechne er nach. »Das is doch des Teufels!« ruft er aus und schlägt auf das Geländer, wie aus den Wolken gefallen vor Verwunderung – »sie is ganz genau dasselbe wie gestern um diese Zeit.« Der Scherz ist alt, aber die Frauenzimmer kreischen vor Lachen – Mons hat ihn ja gemacht.
»Kehrt euch nicht daran, was die Uhr ist«, sagt der Verwalter herantretend. »Seht lieber zu, daß ihr die Arbeit von der Hand kriegt!«
»Nein, die Uhr, die is bloß für Schneider und Schuhmacher – nicht für ehrliche Leute!« sagt Anders halblaut.
Der Verwalter dreht sich nach ihm um, schnell wie eine Katze, und Anders hebt den Arm krumm vor den Kopf, als wollte er einen Schlag abwehren. Da spuckt der Verwalter nur mit einem höhnischen Lachen aus und nimmt seine Wanderung wieder auf, und Anders steht mit dunkelrotem Kopf da und weiß nicht, wo er mit seinen Augen bleiben soll. Er juckt sich ein paarmal im Nacken, aber das kann die auffallende Armbewegung nicht erklären. Die anderen stehen da und lachen über ihn, es muß etwas ungewöhnlich Dreistes getan werden, um die Ehre zu retten. Da zieht er die Hose in die Höhe und läßt einen knallenden Furz ertönen, indem er nach den Knechtekammern hinüberschlendert, um auf der richtigen Seite zu sein. Die Frauenzimmer kreischen laut auf, und die Knechte legen den Kopf auf das Geländer und schütteln sich vor Lachen.
So verging der Tag mit Boshaftigkeiten und Neckereien bis ins Unendliche. Am Abend schlenderten die Knechte hinaus, um ihren Spaß auf der Landstraße zu treiben und die Vorübergehenden zu belästigen. Lasse und Pelle waren müde und gingen früh zu Bett.
»Gott sei Dank, daß wir diesen Tag hinter uns haben!« sagte Lasse, als er unter das Deckbett gekrochen war – »das war wirklich ein böser Tag. Ein Wunder Gottes, daß kein Blut geflossen is. Da war 'ne Zeit, wo der Verwalter so aussah, als könnt' es das Schlimmste geben. Aber Erik weiß ja wohl, wie weit er es treiben kann.«
Am nächsten Morgen schien das Ganze vergessen zu sein. Sie besorgten die Pferde wie immer, und um sechs Uhr zogen sie mit ihren Sensen zu Felde, um eine dritte Mahd Klee zu mähen. Sie sahen verdrießlich, schlaff und abgespannt aus. Die blecherne Branntweinkanne lag vor der Stalltür und war leer, im Vorübergehen stießen sie mit dem Fuß dagegen.
Pelle half auch heute bei den Heringen, fand es aber nicht mehr amüsant. Er sehnte sich schon wieder danach, mit seinem Vieh im Freien zu sein, hier mußte er für alle laufen und springen. Sooft es anging, machte er sich außerhalb des Hofes zu schaffen, denn dann verging doch die Zeit!
Gegen Mittag, als die Knechte eifrig beschäftigt waren, den dünnen Klee zu mähen, schleuderte Erik seine Sense weg, so daß sie singend über die Schwaden dahinhüpfte. Die anderen hielten mit der Arbeit inne.
»Was is das mit dir, Erik?« sagte Karl Johan. »Hast du Grillen im Kopf?«
Erik hielt sein Messer in der Hand und befühlte die Klinge; er hörte und sah nichts. Dann wandte er das Gesicht aufwärts und schnob gegen den Himmel an, die Augen lagen ihm tief im Kopf und wirkten nicht, die Lippen quollen wulstig vor. Er stieß einige unverständliche Laute aus und bewegte sich nach dem Hofe zu.
Die anderen standen eine Weile da und verfolgten ihn mit stechenden Augen, dann warfen sie, einer nach dem anderen, die Sense hin und setzten sich in Bewegung. Nur Karl Johan blieb, wo er war.
Pelle war gerade draußen bei der Hürde, um nachzusehen, ob auch Jungvieh ausgebrochen war. Als er die Knechte auf den Hof zukommen sah, zerstreut wie eine Herde Vieh, die in Bewegung ist, ahnte er Unrat und lief hinein. »Nu kommen die Knechte angesetzt, Vater!« flüsterte er.
»Das werden sie doch nich' tun?« erwiderte Lasse und fing an zu zittern.
Der Verwalter war damit beschäftigt, Sachen aus seinem Zimmer in den Ponywagen hinabzutragen, er wollte zur Stadt fahren. Er hatte den ganzen Arm voll, als Erik durch das große offene Tor da unten geschlendert kam, mit verzerrtem Gesicht, ein großes Messer mit breiter Klinge in der Hand.
»Wo zum Teufel is er denn?« sagte er laut und ging einmal um sich selbst herum, mit gesenktem Kopf, er glich einem wütenden Stier. Dann ging er durch das Geländer, gerade auf den Verwalter zu.
Der Verwalter zuckte zusammen, als er ihn kommen sah – und da draußen durch das Tor kamen die anderen gezogen. Er maß den Abstand bis zur Treppe, besann sich aber und ging Erik entgegen; er hielt sich hinter einem Arbeitswagen und gab acht auf jede Bewegung, die Erik machte, während er sich nach einer Waffe umsah. Erik folgte ihm rund um den Wagen herum; er knirschte mit den Zähnen, der Blick sah stechend schräge von unten herauf.
Der Verwalter ging rund um den Wagen herum und machte halbe Bewegungen; er konnte zu keinem Entschluß gelangen. Aber dann kamen die anderen von unten herauf und versperrten ihm den Weg. Er wurde kreideweiß im Gesicht vor Schrecken, riß einen Schwengel von der Wagendeichsel und schob mit einem Stoß den Wagen auf die Schar zu, so daß sie aus dem Wege taumelten. Es entstand ein offener Raum zwischen ihm und Erik, und Erik sprang wie eine Feder vor, über die Deichsel hinweg, mit dem Messer in der Luft herumstechend. Mitten im Sprung traf ihn der Schwengel an den Kopf, das Messer fuhr dem Verwalter in die Schulter, aber der Stoß war kraftlos; er kratzte an seiner Seite herunter, während Erik zu Boden sank. Die anderen standen da und glotzten verwirrt.
»Tragt ihn in den Mangelkeller!« rief der Verwalter in befehlendem Ton; sie warfen ihre Messer hin und gehorchten.
An der Pumpe stand Pelle und hüpfte auf und nieder. Der Kampf hatte sein Blut in die schrecklichste Erregung gebracht; Lasse mußte ihn mit fester Hand packen, denn es sah so aus, als wolle er sich mitten in die Prügelei hineinstürzen. Als dann der große, starke Erik, von einem Schlag an den Kopf getroffen, tot niedersank, kam dies Hüpfen über ihn wie ein Veitstanz. Er stand da und sprang mit gesenktem Kopf und ließ sich wie tot aus der Luft herunterfallen, während er ein kurzes, anhaltendes Lachen ausstieß. Lasse redete ihm erzürnt zu, weil er fand, daß es eine ungehörige Albernheit sei. Dann hielt er ihn fest in seinen Armen, und der kleine Bursche bebte am ganzen Leibe und wollte sich befreien, um sein Hüpfen fortzusetzen.
»Er hat was weggekriegt!« sagte Lasse weinend zu den Tagelöhnerfrauen. »Herr Jesus, was soll ich armer Mann machen?« Er trug ihn in die Kuhhirtenkammer, betrübten Sinnes, weil der Mond im Zunehmen begriffen war – dann gab sich so was nie wieder.
Unten im Mangelkeller tummelten sie mit Erik, gossen ihm Branntwein in den Mund und wuschen seinen Kopf mit Essig. Kongstrup war nicht zu Hause, aber Frau Kongstrup war selbst da unten; sie ging umher und rang die Hände und verfluchte Steinhof – das Heim ihrer Kindheit! Steinhof sei eine Hölle geworden, voll Mord und Liederlichkeit! sagte sie, ohne sich daran zu kehren, daß die Leute um sie herumstanden und jedes Wort hörten.
Der Verwalter war im Ponywagen in die Stadt gejagt, um den Doktor zu holen und das Vorgefallene wegen Tod und Leben zu melden. Die Frauen standen um die Pumpe herum und schwatzten, Knechte und Mägde schlenderten verwirrt umher, niemand erteilte Befehle. Aber dann trat Frau Kongstrup auf die Treppe hinaus und sah sie eine Weile mit festem Blick an, und dann verfügte sich ein jeder wieder an seine Beschäftigung. Die Augen bissen! Die alten Frauen schauderten und begannen zu arbeiten – das erinnerte so traulich an alte Zeiten, wo der Steinhöfer-Bauer aus ihrer Jugend herbeigestürzt kam und wütende Augen machte, wenn sie faulenzten.
Drinnen in der Kammer saß Vater Lasse über Pelle gebeugt, der in seinen Fieberphantasien herumtollte, so daß es zugleich zum Lachen und zum Weinen war.