Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Fünftes Kapitel. Die Mitternachtssonne.
Jenseits des Polarkreises. – Eine finnische Station. – Mosquitos. – Ein schöner Charakterzug. – Pajala.
Das Land, welches vom bottnischen Meerbusen gen Norden sich dehnend, die äußerste Spitze Europas bildet, liegt fast vollständig jenseits des Polarkreises, birgt jedoch eine Vegetation, wie man sie in solch hohen Breiten sonst nirgends findet. Weite Strecken sind mit Tannen- und Föhrenwäldern, vorherrschend den letzteren, bedeckt, während helle Birken die Hügel bis zum äußersten Gipfel umkleiden.
Die Gegend ist, wie ein Blick auf die Karte zeigt, überaus reich an Wasser, weite Entfernungen lassen sich auf den Seen und Flüssen zurücklegen, an deren Ufern überall Bootshaltestellen errichtet sind. Die Flüsse wimmeln von Lachsen, die Seen von anderen Fischen aller Arten.
Hauptflüsse in diesen Regionen sind der Lule, Kalix und Torne; der Kemi durchströmt Finnland.
Der Torne-Elf ist der am weitesten aus dem Norden kommende Fluß, welcher sich in den bottnischen Meerbusen ergießt, und bildet die Grenze zwischen Schweden und Russisch-Finnland. Sein nördlicher Zufluß, der Muonio, gelangt aus dem unter 96º nördl. Br. 480 km von dem Meere entfernten See Kilpisjärvi zu ihm. Die übrigen Flüsse: Alten, Tana, sowie andere von geringerer Bedeutung fließen in nördlicher Richtung durch Norwegen dem Eismeere zu. Die Berge laufen auf schwedischer Seite in sanfte Abdachungen aus, in Norwegen aber fallen sie steil und schroff zum Meeresrande ab.
Zahlreiche Bauernhöfe und Dörfer säumen die Ufer der Flüsse; ringsum dehnen sich schöne Wiesen, sowie Felder mit Roggen, Hafer und Gerste bestellt. Das Wachstum geht hier, unter dem Einfluß des fast ununterbrochenen Sonnenscheins, überaus rasch von statten, nur sieben bis acht Wochen verstreichen zwischen Saat und Ernte.
Im Sommer sowohl wie im Winter bietet die Reise von Haparanda nach dem nördlichen Eismeer großes Interesse. Eine gerade Linie, von diesem Ort nach der äußersten Landspitze gedacht, ergiebt 5 Grade; die Strecke aber, die man von hier bis zum Kap Nordkyn und dem Magerö-Sund zurückzulegen hat, beträgt über 800 km. Das Land wird von Finnen bewohnt, die Ackerbau betreiben, während die Lappländer mit ihren Renntieren ein Wanderleben führen.
Von Haparanda aus hat die Landstraße eine nördliche Richtung bis nach dem etwa 170 km entfernten Pajala und Kengis, zieht sich streckenweise durch schöne Gegend, dann wieder durch Wälder, Moorland und trostlos öde Flächen. Auf dem Wege befinden sich elf Posthaltestellen, an welchen die Pferde gewechselt werden.
Am Mittag meiner Abreise bot der Hof des Gasthauses in Haparanda ein sehr belebtes Bild. Alle meine neuen Freunde hatten sich versammelt, um auf meine Gesundheit und das Gelingen meiner Reise zu trinken. Reden wurden gehalten; mein Führer erhielt unzählige Ermahnungen, und als sich das Pferd endlich in Bewegung setzte, nahmen alle ihre Hüte ab und lautes Hochrufen begleitete mich eine ganze Weile. Raschen Laufes eilte mein Rößlein vorwärts, keiner Anregung mit der Peitsche bedürfend. Unser Weg führte an verschiedenen hübschen Bauernhöfen vorüber; zierliche Geländer umschlossen die Gärten. Von Zeit zu Zeit wurde der Tornefluß mit seinen zahlreichen Inseln sichtbar, in der Entfernung ragte der Avasaksa empor, Wälder, Wiesen, wohlbestellte Felder, freundlich angestrichene Häuser und fern im Hintergrund sanftgeschwungene Hügel vervollständigten das reizende Landschaftsbild. Das Wetter war entzückend, die Luft trocken und kräftig, das Thermometer zeigte tagsüber 6º bis 7º R. An einer Poststation, dicht bei einem nur aus wenigen zerstreut liegenden Bauernhöfen bestehenden Dorfe, machte ich in später Abendstunde Halt; dem Polarkreis hatte ich mich nun bis auf eine Entfernung von 32 km genähert. Die Leute auf der Poststation sprachen schwedisch, waren jedoch anfangs sehr scheu, erst als sie erfuhren, daß ich aus Amerika sei, wurden sie zutraulicher, denn mehrere Personen dieses Bezirkes waren nach den Vereinigten Staaten ausgewandert.
Einen wundervollen Anblick gewährte der Sonnenuntergang; aber nur für eine kurze Weile verschwand das leuchtende Tagesgestirn aus unserem Gesichtskreis, dann stieg es schon wieder empor in unbeschreiblicher Pracht.
Im Lauf der tageshellen Nacht langten mehrere Karren auf dem Hofe an. Die Männer schirrten ihre Pferde los, führten sie in den Stall, reichten ihnen von dem mitgebrachten Heu sowie Wasser und legten sich dann selbst ohne weiteres in einem der Häuser zum Schlummer nieder, denn in diesem Erdenwinkel fällt es niemand ein, die Thüre seiner Wohnung zu verschließen. Einige dieser Ankömmlinge machten hier nur Halt, um ihren Tieren eine Rast zu gönnen, während andere wohl für sich selbst des Schlafes dringend bedurften. Die meisten dieser Karren waren auf dem Weg nach abseits gelegenen Flecken und Höfen, wohin sie die verschiedensten Vorräte zu befördern hatten; andere waren mit Säcken voll russischen Mehls beladen, bestimmt, die zur Neige gehenden Vorräte der Bauern dieses Dorfes zu ergänzen.
Am anderen Morgen, ehe ich meine Fahrt wieder antrat, setzte mir die Frau ein Frühstück vor, bestehend aus geräuchertem Renntierfleisch, Butter, Käse, hartem Brot und einer Tasse ausgezeichneten Kaffees. Bezahlung anzunehmen weigerte sich die Frau anfänglich, indem sie behauptete, die Geschenke, welche ich den Kindern gegeben, seien eine überreiche Entschädigung dafür.
Die Männer waren gerade zu dieser Jahreszeit mannigfach beschäftigt, entweder draußen auf den Feldern oder in den Sägemühlen, auch flößten viele von ihnen Bauholz den Strom hinab.
Die Kinder werden von frühester Jugend an Selbständigkeit gewöhnt und mit den mannigfachsten Obliegenheiten betraut, an jeder Haltestelle wurde mir ein anderes junges Mädchen als Wagenlenkerin mitgegeben. Während einer Fahrt ging der Radreifen unseres Wagens los, aber dieser Unfall brachte die Peitsche und Zügel führende zarte Jungfrau keineswegs außer Fassung; ohne Besinnen lief sie nach einem nahen Bauernhause, borgte sich einen Hammer und Nägel und hatte mit Hilfe des Bauern den Schaden in wenigen Minuten ausgebessert. Während dieser ganzen Zeit schwatzte sie munter drauf los, doch vermochte ich leider, bei meiner damaligen Unkenntnis der finnischen Sprache, kein Wort von dem zu verstehen, was sie sagte. Sie zählte nur zwölf Jahre, war aber eine kleine Schönheit mit großen blauen Augen, rosigen Wangen und einer Fülle prachtvoll blonder Haare.
Niemis, ein aus mehreren grasgedeckten Gebäuden bestehender Bauernhof, bildete die nächste Haltestelle. Das für die Aufnahme der Reisenden bestimmte, nur einen einzigen Raum enthaltende Häuschen war sauber, das von der Familie bewohnte Gebäude dagegen starrte förmlich von Schmutz und diese selbst, aus Vater, Mutter und Tochter bestehend, erachtete es augenscheinlich für angemessen, in ihrem eigenen Aussehen die vollste Übereinstimmung mit demjenigen ihrer Umgebung walten zu lassen. Wer beschreibt daher mein Entsetzen, als die Alte mich ohne weiteres in ihre Arme schloß, eine Zärtlichkeit, die ich, trotz meines Grauens vor sehr unangenehmen Folgen, denn die Haare der runzeligen Hexe sahen höchst verdächtig aus, doch mit guter Miene über mich ergehen lassen mußte.
Glücklicherweise war mein Aufenthalt nicht von langer Dauer; in der nächsten dicht bei dem Flecken Matarengi gelegenen Station Ruskola, der besten Haltestelle zwischen Haparanda und Pajala, fand ich ein behagliches Unterkommen. Wir befanden uns jetzt in der Socken (Pfarrei) Öfre Torneå, welche eine Bevölkerung von 2700 Seelen zählt; viele der Bauernhöfe machten den Eindruck großer Wohlhabenheit und ringsum dehnten sich weite Strecken bebauten Landes, sowie schöne Wiesen.
Für Reisende, welche sich etwas verspätet, ist es ratsam, bis nach Pajala zu fahren, dort kann man, von den hohen Hügeln am jenseitigen Flußufer aus, den Anblick der Mitternachtssonne noch einige Tage länger genießen. Wie seltsam erscheinen den Bewohnern mehr südlicher Breiten jene so unmerklich in einander verfließenden Morgen- und Abenddämmerungen! Wie wunderbar mutet das Land an, wo es keine Nacht giebt, wo keine Sterne zu erblicken sind, wo der Mond keinen Schein verbreitet und wo, weiter nach Norden zu, die Sonne ununterbrochen Tag für Tag ihre Strahlen herabsendet. Der Fremdling in diesem Lande weiß zuerst gar nicht, zu welcher Zeit er zu Bett gehen, zu welcher er sich erheben soll, die Eingeborenen aber richten ihre Ruhestunden nach dem Zeiger ihrer Uhren und dem Stand der Sonne.
Ich verfiel bald in tiefen Schlaf, und als ich erwachte, umgab mich heller Lichtschein, aber dies war durchaus kein Zeichen vorgerückter Zeit; es war vielmehr erst drei Uhr morgens. Ich schlief wieder ein, und als ich endlich erwachte, war alles im Hause so still, daß ich abermals die Augen zum Schlummer schloß. Zum drittenmal erwachend, machte ich die Entdeckung, daß meine Uhr stehen geblieben war. Ich ging in das anstoßende Zimmer, um die dort befindliche Uhr zu Rate zu ziehen, der Zeiger derselben wies auf eins – ich hatte also die ganze Nacht und den halben Tag verschlafen. Die Familie lachte herzlich über mein erstauntes Gesicht, sie hatten sich alle still verhalten, um meine Ruhe nicht zu stören.
Eine wahre Landplage sind in diesen Breitegraden die Mosquitos. Kaum ist der Schnee geschmolzen, so erscheinen diese Quälgeister auch schon in ungeheuren Mengen, um die Menschen bei Tag und bei Nacht zu verfolgen. Bei meiner Hierherkunft traf ich sie bereits an, mit jedem Tag vermehrte sich ihre Zahl, mit jedem Tag wurden sie blutdürstiger und ihre Stiche schmerzhafter, in waldigen Gegenden sind sie im Juli und der ersten Hälfte des August eine wahre Geißel. Nach ihnen kommen Mücken, die tagsüber sehr heftig stechen, die Menschen aber während der Nacht verschonen, da sie niemals in die Häuser eindringen. Als letzte von allen taucht eine Art Sandfliege auf, welche sich gleichfalls in sehr unangenehmer Weise bemerkbar macht.
An einer Krümmung des Weges nahm ich ganz unerwartet eine dunkle Wolke wahr: wir befanden uns einem Mosquitoschwarm gegenüber, dessen ungeheuere Dichtigkeit die Aussicht vollständig verdeckte. Ich trieb das Pferd zu rascherem Gang, um möglichst schnell durch die Masse der Plagegeister hindurch zu gelangen; plötzlich jedoch blieb das Tier stehen und da erst bemerkte ich drei Männer, welche ganz nahe vor uns auf der Landstraße arbeiteten. Dies lautet unglaublich, ist aber buchstäblich wahr, mein Führer, der wackere Josefsson, schien auch etwas so Ungewöhnliches in dem Vorfall nicht zu finden. Eilends fuhren wir durch den Haufen, aber Myriaden und Myriaden der blutdürstigen Geschöpfe folgten uns nach; niemals auf allen meinen Reisen, weder in den Sümpfen der Südstaaten, noch in New-Yersey, noch im äquatorialen Afrika, hatte ich etwas Ähnliches erlebt. Übrigens gehören diese Mosquitos einer besonderen Gattung an, sie sind schwerfälliger als die allgemeiner bekannte Gattung und deshalb leichter zu töten; auch ertragen die Eingeborenen diese schreckliche Plage mit ziemlichem Gleichmut.
Mitten im Mosquitoschwarm.
Ein schöner Charakterzug der Schweden, den ich auf meinen Fahrten häufig zu beobachten Gelegenheit fand, ist ihr Mitgefühl für Tiere. Pferde dürfen auf unebenen Strecken unter keiner Bedingung angetrieben werden, obendrein verlassen die Bauern regelmäßig ihre Wagen, wenn der Weg bergan steigt, und gehen zu Fuß nebenher. Daher kommt es, daß ein Pferd von selbst stille steht, wenn es meint, es sei Zeit für die Insassen abzusteigen; es wendet den Kopf, um sich zu überzeugen, ob der Wagen auch wirklich leer ist, dann erst schreitet es weiter. Es fühlt sich deshalb auch sehr unangenehm überrascht, wenn man sitzen bleibt und es durch Zuruf oder eine leichte, harmlose Berührung mit der Peitsche antreibt. Oftmals hält es dann unterwegs an und dreht sich um, als wolle es fragen: »Warum steigst du nicht ab?« und setzt dann erst wieder zögernd die Fahrt fort. Diese gute Behandlung spricht nicht nur für den Charakter des Volkes, sondern verfehlt auch nicht ihren guten Einfluß auf die Pferde, die alle überaus fromm und klug sind, bösartige trifft man äußerst selten; Füllen werden mit ganz besonderer Zärtlichkeit behandelt, sie kommen häufig in die Küche, um sich streicheln zu lassen und um ihre gewohnten Leckereien, ein wenig Salz oder was sie sonst gerne fressen, in Empfang zu nehmen.
Es giebt in diesen nordischen Regionen sehr viele arme und kleine Bauernhöfe, in welchen, eine Folge des Zusammengedrängtseins vieler Personen in engen Räumen, der Typhus häufig große Verheerungen anrichtet. Ist die Familie zahlreich, so genügt der Ertrag des Bodens oft nicht zu ihrem Unterhalt; zum Glück ist an Fischen und Vögeln kein Mangel, das aus dem Verkauf derselben gelöste Geld, zusammen mit dem, was die Milchkammer einbringt, bildet in vielen Fällen das ganze Einkommen dieser Armen.
Einen erfreulichen Gegensatz hierzu bietet die Zahl der Gehöfte, welche durch ihr stattliches Aussehen den Reisenden angenehm überraschen. Dieselben bestehen aus drei Hauptgebäuden, dem Wohnhaus, der Scheune und dem Kuhstall; an diese reihen sich die Schuppen, Vorratshäuser, Schmiedewerkstätte u. s. w. In dem gewöhnlich an drei Seiten von Gebäuden umschlossenen Hof befindet sich der altmodische, mit einem Eimer versehene Brunnen, von dem eine Rinne nach dem Kuhstall führt; die Bauart des letzteren ist eigentümlichste Decke niedrig, die Fenster klein, so daß sie nur wenig Licht einlassen, der Boden ist durchweg gedielt und an jeder Seite sind Abteilungen errichtet; längs dieser Stände führt ein Rinnstein hin, zur Aufnahme des sorgfältig gesammelten Dunges; das Rindvieh erhält weder Heu noch Stroh zum Lager. An einem Ende des Raumes ist ein etwa 1–1½ m im Durchmesser haltender, 1 m tiefer, eiserner Kessel eingemauert, in diesem wird das Futter gekocht, das aus einem Gemenge von grobem Sumpfgras und den Abfällen besteht, welche sich beim Dreschen des Kornes ergeben; außerdem wird dieser Kessel noch als Badewanne und Waschtrog benutzt. Schafe haben, wenn sie zahlreich sind, einen besonderen Stall, sonst werden sie in einer Hürde im Kuhstall untergebracht, die Pferde dagegen haben immer einen Stall für sich.
Das Wohnhaus hat mit wenigen Ausnahmen stets nur ein Stockwerk und enthält gewöhnlich zwei Stuben, eine an jeder Seite; die eine derselben dient zugleich als Backhaus, Küche und Schlafraum. In der einen Ecke erhebt sich der Ofen, ein merkwürdiges, aus starken, flachen meist übertünchten Steinplatten errichtetes Gebäude von 2 bis 2½ m im Geviert. Die Öfen werden mit Holz geheizt und, sobald dieses verbrannt ist, vermittelst einer eisernen Klappe, welche das Entweichen der Wärme verhindert, geschlossen; auf diese Weise entsteht während der ersten zwei bis drei Stunden eine solche Hitze, daß für alle, nicht an eine derartige Atmosphäre Gewöhnten, der Aufenthalt im Zimmer unerträglich wird. An einer Seite des Ofens befindet sich außerdem noch eine offene Feuerstelle zum Kochen der Speisen. An den Wänden entlang sind die Betten angebracht, der Zahl der Familienmitglieder entsprechend. Diese Betten sind eine Art Schiebladen, so daß man sie beliebig breit machen kann, mit Heu oder Stroh gefüllt, sowie mit selbstgefertigten Leintüchern oder Schaffellen, manchmal auch mit Kissen und Deckbetten aus Eiderdaunen versehen. Morgens wird die Lade etwas eingeschoben, um, mit einem Brette bedeckt, tagsüber als Bank zu dienen. Die ganze Familie, einschließlich der Dienstboten, Männer und Frauen alle schlafen zusammen in diesem einen Raum. Gegenüber befindet sich das gleichfalls als Schlafzimmer benutzte Fremdenzimmer, welches freilich außer einer oder zwei Bettstellen, die Betten, Kissen und Decken ebenfalls mit Eiderdaunen gefüllt, wenig mehr Mobilien enthält.
Von Matarengi aus führte die Landstraße einen steilen Hügel hinan; der Fluß war nicht länger sichtbar, mehrere Kilometer weit dehnten sich öde Landstrecken, deren trostlosen Anblick das Brennen der Wälder noch erhöhte.
Zwischen den Stationen Kunsijärvi und Ruokojärvi (Järvi heißt im Finnischen: See) unter 66º 32' nördl. Breite oder 10 450 km südlich vom Pol passierten wir den Polarkreis, woselbst die Sonne am 22. Juni einen ganzen Tag lang scheint und man sie um Mitternacht in nördlicher Richtung über dem Horizont erblickt. Ein Reisender, der von da ab, täglich 16 km zurücklegend, nach Norden weiterreiste, würde fortfahren die Mitternachtssonne zu sehen, bis er den Pol erreicht.
Infolge der Erdstellung sieht man die Sonne um Mitternacht stets im Norden, sie scheint einen Kreis zu beschreiben, zu dessen Vollendung sie vierundzwanzig Stunden bedarf. Mittag ist, wenn sie am höchsten, Mitternacht, wenn sie am tiefsten steht. Am Pol ist ihr Nieder- und Aufgang so wenig bemerkbar und die Veränderung so unbedeutend, daß sie sich sehr langsam nach Süden senkt und auf ihr Verschwinden am Horizont ihr Wiedererscheinen fast unmittelbar erfolgt.
Ich will es versuchen, das Phänomen der Mitternachtssonne näher zu erklären. Die Erde vollendet ihren Lauf um die Sonne innerhalb eines Jahres, binnen vierundzwanzig Stunden dreht sie sich dabei einmal um ihre Achse. Die Bahn, welche die Erde bei ihrem jährlichen Lauf um die Sonne beschreibt, ist ein etwas länglicher Kreis, Ellipse genannt. Die Erdachse, um welche die tägliche Umdrehung sich vollzieht, ist eine den Mittelpunkt der Erde durchschneidende gerade Linie, deren Enden Pole und zwar Nord- und Südpol heißen. Die Erdachse steht aber nicht senkrecht, sondern schräg in einem Winkel von etwa 23º 28' auf der Erdbahn, dieser Winkel wird die Schiefe der Ekliptik genannt. Vermöge ihrer in schräger Lage sich vollziehenden Fortbewegung um die Sonne wendet die Erde derselben, zu verschiedenen Zeiten ihres Laufes, stets eine Hälfte, aber immer eine andere Hälfte, ihrer Oberfläche zu, wie dies aus nebenstehender Abbildung leicht verständlich erscheint. Zweimal im Jahre, am 21. März und am 21. September, steht je die eine Hälfte längs der Erdachse der Sonne zugekehrt. An diesen Tagen also befindet sich jeder Punkt auf der Erdoberfläche, während ihrer Umdrehung um ihre Achse, die Hälfte der Zeit im Licht, die andere Hälfte im Dunkel, d. h. auf der ganzen Erdkugel haben Tag und Nacht je eine Dauer von zwölf Stunden. Daher heißen diese beiden Zeiten Äquinoktien, am 21. März ist Frühlingsäquinoktium, am 21. September Herbstäquinoktium. Vom 21. März an neigt sich die Erde in ihrem Lauf immer mehr mit dem Nordpol der Sonne zu, um denselben dann vom 21. Juni an wieder langsam von derselben abzukehren. Am 21. September ist abermals auf der ganzen Erde Tag und Nacht gleich und unmittelbar nach diesem Zeitpunkt wendet sich der Nordpol vollständig von der Sonne ab, um erst im nächsten März sein Licht wieder von derselben zu empfangen.
Die Erde in ihrer Bahn um die Sonne.
Aus dem eben Gesagten geht hervor, daß in der Zeit zwischen Frühlings- und Herbstäquinoktium der Nordpol der Sonne zugekehrt bleibt, demzufolge dort sechs Monate lang anhaltend Tag ist. Je mehr der Nordpol sich der Sonne zuneigt, um so weiter dehnt sich der Lichtkreis rings um denselben aus, und deshalb befindet sich in jenen Regionen jeder Punkt zu einer gegebenen Zeit länger im Licht als im Dunkel, sein Tag ist also länger als seine Nacht. Je näher ein Ort dem Pole liegt, um so länger dauert während dieser Zeit sein Tag.
So bleibt die Sonne am Pol selbst für die Dauer von sechs Monaten, am Polarkreis einen Tag lang und am Fuß des Nordkap während der Zeit vom 15. Mai bis zum 1. August sichtbar. Am Pol selbst müßte der Beobachter den Eindruck empfangen, als ob er sich im Mittelpunkt einer gewaltigen, spiralförmigen Bewegung der Sonne befände, in mehr südlicher Stellung meint er diese Bewegung nördlich von sich wahrzunehmen.
Wir haben seither gesprochen, als ob der Beobachter in gleicher Höhe mit dem Horizont stände; würde er einen Berg ersteigen, so müßte ihm die Sonne natürlich höher erscheinen. Würde er, anstatt 24 km nach Norden zu reisen, sich jeden Tag etwa 70 m über den Meeresspiegel erheben, so müßte er sie ganz so sehen, als ob er sich weiter nordwärts befände. Daraus folgt, daß, wenn er am Polarkreis in dieser Höhe stände und eine ungehinderte Aussicht hätte, er die Sonne um einen Tag früher wahrnehmen könnte. Würde er noch höher steigen, so könnte er den Anblick der Mitternachtssonne für eine, der Höhe seines Standpunktes entsprechende, längere Zeit genießen. Deshalb ziehen es die Touristen vor, sich von Haparanda nach dem 208 m über den Meeresspiegel sich erhebenden Hügel Avasaksa zu begeben, von wo aus, obgleich etwa 16 km südlich vom Polarkreis, sie die Mitternachtssonne für die Dauer von drei Tagen schauen können.
Der Glanz des herrlichen Gestirnes ist an Intensität nicht immer gleich, vielmehr hängt dies, wie auch die Pracht des Sonnenauf- oder Niederganges, von dem Feuchtigkeitsgehalt der Luft ab. Den einen Tag prangt dasselbe in tiefroter Farbenglut, welche – ein Stimmungsbild voll träumerischen Reizes schaffend – alles mit rosigem Schimmer überflutet; an manchen Tagen zeigt die Sonne dagegen ein mattes, weißliches Ansehen und man kann bereits sechs bis sieben Stunden vor Mitternacht ruhig in dieselbe schauen. Zu anderen Zeiten läßt sich wiederum der zwischen Untergang und Aufgang der Sonne stattfindende Farbenwechsel mit der ungleich brennenden Flamme eines riesigen Steinkohlenfeuers vergleichen, in einem Augenblick in leuchtend roter Glut strahlend, erblaßt sie im nächsten, um gleich darauf in feuriger Lohe wieder aufzuflammen.
Je mehr die Mitternachtsstunde sich nähert, um so mehr erbleicht der grelle Schein des Gestirnes, je tiefer der feurige Ball sich herabsenkt, um so glühender, leuchtender werden die Farben. Langsam bewegt er sich weiter, eine Zeitlang folgt er scheinbar der Linie des Horizontes, es ist, als ob ein Stillstand eintrete, gerade so wie wenn die Sonne ihre Mittagshöhe erreicht. Dann ist Mitternacht. Für die Dauer mehrerer Minuten vermischt sich die Glut des Sonnenunterganges mit derjenigen des Sonnenaufgangs – man vermag nicht sie von einander zu trennen zu unterscheiden, welches die vorherrschende ist. Dann, allmählich wird der Schein glänzender, mit hellem Schimmer das Anbrechen eines neuen Tages verkündend, und nach Verlauf von kaum einer Stunde versendet die Sonne schon so blendende Strahlen, daß es unmöglich ist, mit bloßem Auge in die Lichtfülle zu blicken.
Die Mitternachtssonne.
Eine einförmige Fahrt brachte mich über Pirtiniemi und Sattajärvi nach Pajala – vom Schein der Mitternachtssonne vergoldet, tauchte der Kirchturm vor uns auf.
Das Dorf liegt unter 67º 10' nördl. Br. am rechten Ufer des Torneflusses etwas oberhalb seiner Vereinigung mit dem Muonio, 100 m über dem Wasserspiegel des bottnischen Meerbusens.
Die Zahl der Bevölkerung belief sich zur Zeit meines Besuches auf etwa 150 Personen, welche sich auf 25 Wohnstätten verteilten, die der ganzen Pfarrei auf 3525 Seelen; der Viehstand des Dorfes umfaßte 35 Pferde, 220 Stück Rindvieh und etwa 600 Schafe, an Wolle zum Spinnen und Anfertigen der Kleidung war also wenigstens kein Mangel. Der Preis eines ziemlich schönen Bauernhofes mit gutem Wohnhaus und sonstigen Gebäuden soll in hiesiger Gegend ungefähr 4000 M betragen, der reichste Mann des Ortes soll ein Vermögen von 40 000 M besitzen, während andere auf zwischen 4000 und 16 000 M geschätzt werden. Das schöne Schulhaus machte der kleinen Gemeinde im fernen Norden alle Ehre, auch das Wirtshaus war sehr gut und die Speisen bei mäßigen Preisen ganz trefflich. Lachs gab es gerade zu dieser Jahreszeit im Überfluß, diesen mit köstlichem Schwarzbrot, getrocknetem oder geräuchertem Renntierfleisch, Milch, gutem Kaffee, ausgezeichnetem Thee und schwedischem Bier setzte man mir vor, es war eine Mahlzeit, eines Königs würdig.
Der Lachs läßt sich selten mit der Angel fangen, man verwendet statt dessen Fallen oder Netze, welche an Stromschnellen oder überall wo das Wasser eine stärkere Strömung hat, aufgestellt werden. Während meines Aufenthaltes in Haparanda wurden ganze Bootsladungen voll täglich gelandet, trotzdem war der Preis hoch – 5,90 M für 10 Kilo. In früheren Jahren betrug er nicht mehr denn 3,40 M, übrigens wird der Preis mit jedem Jahre noch mehr steigen, denn seit der Einrichtung der Dampfschiffahrt haben die Leute hier angefangen, die Fische auszuführen.
Das Pfarrhaus, in welchem man mich mit vieler Zuvorkommenheit empfing, war ein großes Gebäude, dabei von peinlichster Sauberkeit, die tannenen Fußböden konnten sich zwar keiner Teppiche rühmen, waren dafür aber von tadelloser Weiße. Die Bücher legten Zeugnis ab von der Bildung des Hausherrn und die allwöchentlich mit der Post aus Stockholm eintreffenden Zeitungen bewiesen, daß man selbst in diesem entfernten Erdenwinkel sich von dem, was in der Welt vorgeht, unterrichten kann.