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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 33

Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Dovre-Fjelde.

Hjerdkin. – Frostschaden. – Schneesturm und Schlittenfahrt im September. – Romsdal.

Der etwa 10 km lange Lesje-See trennt die Thäler Gudbrandsdal und Romsdal; 625 m über dem Meeresspiegel gelegen, ist er einer von den wenigen Seen, welche zwei Ausflüsse, einen an jeder Seite – nach entgegengesetzten Richtungen sich wendend – besitzt, und zwar fließt der Logen nach Süden durch das Gudbrandsdal, während die Rauma nordwärts durch das Romsdal sich ergießt. Wunderbar herrlich und großartig blicken über die übrigen Bergriesen weit emporragend die Troldtinten und das Romsdalhorn herüber.

Als ich in der zweiten Hälfte des Septembers meine Wanderung über die Dovre-Fjelde antrat, herrschte unten im Thale vollkommene Windstille, in den oberen Regionen aber wehte ein so heftiger Sturm, daß auf den Berggipfeln die Schneemassen nach allen Richtungen hin in spiralförmigen Säulen emporgetrieben wurden, dann und wann unterbrach ein dumpf dröhnender Schlag, den lauten Widerhall der Berge weckend, die tiefe Ruhe – eine Schneelawine rollte donnernd herab, Felsen und Steinblöcke in ihrem Sturze mit sich reißend.

Von wahrhaft großartiger Schönheit ist das Romsdal mit seinen kaleidoskopisch wechselnden Landschaftsbildern. Besonders erhaben war zur Zeit meiner Wanderung das Schauspiel auf der Strecke zwischen Stueflaaten und Fladmark, von allen Seiten rauschten – ein entzückender Anblick – die durch das Schmelzen des Schnees entstandenen Wasserfälle die gleich Mauern ansteigenden Hügelwände herab und zwar kamen sie aus solcher Höhe hernieder, daß ihr Ausgangspunkt vollständig dem Auge entschwand; wie glitzernde Silberfäden tauchten sie auf, um alsbald zu verschwinden und gleich daraus wieder funkelnd hervorzubrechen, umsonst aber strebte der Blick ihren Lauf zu verfolgen, denn viele von ihnen zerstäubten in Wolken lichten Schaumes, ehe sie überhaupt den Boden erreichten. Über alle Beschreibung wunderbar und prächtig wirkte diese Fülle von Wasser – auf einer Strecke von weniger denn einem Kilometer zählte ich zu beiden Seiten des Thales nicht weniger denn 73 Wasserfälle, von denen keiner unter 300 m, sehr viele aber weit über 600 m hoch waren!

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Die Troldtinten.

Die Bergseiten selbst lassen an ihren Furchen, Schrammen und Schliffflächen deutlich die Bewegung der Gletscher erkennen, auch zahlreiche Terrassen, manche 120 m hoch, Merkmale früherer Meereshöhe oder alte Flußufer, sind sichtbar.

Zwischen Stueflaaten und Horgheim fallen die kahlen, zerklüfteten Felsen vollkommen senkrecht nach der Thalschlucht hin ab, tiefe Spalten klaffen an ihren Seiten, dunkle Streifen auf die starren Gneiswände zeichnend, bei Ormeim, wo der Vermedals-Foß in einem in drei Arme geteilten, prachtvollen Fall seine schäumenden sprühenden Wassermassen einen steilen Hügel hinabstürzt, ehe er seine Fluten mit denen der Rauma vereint, gewinnt das herrliche Gemälde einen neuen Zauber. Wunderbar wirkt auch der schroffe Gegensatz der Farben, das saftige Grün der unten im Thalgrund sich dehnenden Wiesen reicht dicht bis zu den jäh an den Seiten emporragenden dunklen Felsen, deren stolze Häupter blendendweiße Schneemassen umhüllen.

Bei dem 620 m über dem Meeresspiegel gelegenen Dombaas war die Ernte, infolge des ungünstigen Wetters, etwas zurück, die Gerste bedurfte noch einiger Tage warmen Sonnenscheins zur Erlangung ihrer vollen Reife und die Kartoffeln standen noch in Blüte, aber schon wurden auch in dieser Höhe die Abende kalt. In zwei auf einander folgenden Nächten trat plötzlich scharfer Frost ein, die Kartoffeln wurden schwarz und das Getreide hatte ernstlichen Schaden gelitten. Nach der ersten Frostnacht eilte alles hinaus auf die Felder, um zu retten, was zu retten war, mit sorgenvollen Mienen sammelten Männer und Frauen die Gerste, und eifrig wurde an den Kartoffeln gegraben.

Zwei Tage nach Eintritt des Frostes trübte sich das Wetter, ein heftiger Sturm brach los und am 20. September war der Boden 50 cm hoch mit Schnee bedeckt. Über das 960 m hoch gelegene Fokstuen ging es weiter nach Hjaerkin, der höchstgelegenen Station auf den Dovre-Fjelden. Dieselbe besteht aus einer Gruppe düsterer Holzbauten, deren Äußeres deutlich zeigt, welche Kraft die Winterstürme in dieser Höhe haben; im Innern aber sind sie bequem und sogar mit einem gewissen Luxus ausgestattet.

Die erste Anlage dieser Fjeldstuen oder Gebirgsstationen, welche an dieser Straße dem Staate gehören, deren es auf den Dovre-Fjelden 4 giebt, datiert aus dem ersten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts. Die Straße folgte damals einer anderen Linie denn jetzt, und die Bewohner von Hjaerkin zeigen in einer Entfernung von 4 km an dem kleinen Flusse, Gautaaen, die Stelle, wo sie annehmen, daß ihre Station ursprünglich gelegen war. Schon früh ist dieselbe jedoch an ihren jetzigen Platz verlegt worden. Im Mittelalter stand hier eine kleine hölzerne Kirche.

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Das Romsdalhorn.

Ein eigenartiger Zauber liegt über dem einsamen Ort und seiner wilden Umgebung, und so erscheint es erklärlich, daß sowohl im Winter wie im Sommer stets große Mengen von Fremden, namentlich Engländern, hier weilen. Dem Touristen bietet sich für Streifzüge ein ausgedehntes Feld, der Botaniker findet eine reiche Auslese köstlicher wilder Blumen, der Bergsteiger mag den Sneehaettan, den höchsten Gipfel dieser Bergkette bis zu einer Höhe von 250 m erklimmen, um seinen kleinen Gletscher zu erforschen, und obschon das Renntier hier selten geworden ist, kann ein geübter Jäger doch noch zum Schuß gelangen.

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Alte Bergstation Hjaerkin.

Da, wo die Landstraße ihren höchsten Punkt erreicht, liegt sie 1220 m über dem Meere, das Thermometer zeigte hier 5° unter Null und bot sich von hier oben eine prächtige Aussicht über die Gebirge dar.

Einsam zwischen den Bergen, in einer Schlucht des Drivdal, liegt 930 m über dem Meere die Station Kongsvold, von welcher aus die 670 m über dem Meere, am Fuß der Dovre-Fjelde gelegene Station Drivstuen bald erreicht ist. An der ersten dieser Stationen wird der Reisende von dem angenehmen Anblick eines Gartens mit einer Fontäne überrascht, ebenso wie von der behäbigen Ausstattung des ganzen Hauses. Die Bewohner der drei letztgenannten Fjeldstuen gehören alle der bäuerlichen Aristokratie an, deren Vorfahren schon in alten Zeiten unter die ersten Familien im Gudbrandsdale gerechnet wurden.

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Der Monge-Foß im Romsdal.

Die Straße Anm.: In neuerer Zeit hat man eine andere Landstraße angelegt, welche in mehr westlicher Richtung sich hinziehend, nirgends höher denn 106 m steigt. Dr. Y. Nielsen. durchschneidet ein Gebiet von wahrhaft überraschender Großartigkeit, an einer Stelle führt der Weg durch eine enge Schlucht dahin, schroff türmen sich zu beiden Seilen, kaum 4½ m von einander entfernt, mächtige Felsen empor, auf einer Strecke von 50 m wälzt die Driva ihre gewaltigen Wassermassen mit wildem Toben durch das enge, vielfach gekrümmte Bett dahin; an anderen Stellen zieht sich die Straße, gleichfalls in den Felsen gehauen, unmittelbar am Rande tiefer Abgründe hin, in welchen der Fluß schäumend dahinrauscht, allenthalben aber ist die Straße mit solcher Geschicklichkeit angelegt, daß die Steigung nur ganz allmählich erfolgt. Diese Straße war eine der ersten, welche man nach der im Jahre 1850 begonnenen Umwandlung des ganzen Straßenbauwesens in Angriff nahm, sie hat einen aus alten Zeiten stammenden berüchtigten Weg, den Vaerstigen, abgelöst, der, noch jetzt erhalten, Reisenden einen Begriff von der Mangelhaftigkeit der früheren Verkehrswege Norwegens giebt. Jetzt ist das neue Straßennetz in seinen hauptsächlichsten Teilen fertig gestellt und, was besonders hervorgehoben zu werden verdient, so weit in wahrhaft vollendeter Weise durchgeführt. Norwegen hat mehrere der bedeutendsten Ingenieure der Welt hervorgebracht, ihr Genie bewältigte scheinbar unüberwindliche Hindernisse, denn mit Ausnahme der Schweiz giebt es kein Land, in welchem ihre Kunstfertigkeit auf eine so harte Probe gestellt werden könnte, wie gerade in Norwegen.

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