Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Siebenundzwanzigstes Kapitel. Alte Bräuche.
Das Lysnethor bei Laerdalsören. – Bäuerliche Sitten. – Die alte Kirche in Borgund.
Bei Laerdalsören nimmt die prachtvolle Landstraße, welche den Sogne-Fjord mit der Stadt Christiania sowie anderen Teilen des Landes verbindet, ihren Anfang; es ist dies die einzige Landstraße in Norwegen, welche bei so außerordentlicher Länge, ununterbrochen durch eine köstliche, an Abwechslung überaus reiche Landschaft sich hinzieht, und führt ein Seitenarm von derselben über die Filefjelds und weiter nach Valders, ein anderer aber nach dem Hallingdal.
An hochragenden Bergen vorüber, führt der Weg in das von dem Laerdalfluß durchströmte Laerdal, vereinzelt erheben sich hier und da einige Gehöfte, sowie kleine steinerne Hütten, sonst aber dehnt sich, so weit das Auge reicht, eine öde unfruchtbare Fläche.
Jenseits des Lysne-Thores, wo die Terrassen eine Höhe von 150 m zeigen, verengt sich das Thal; immer wilder wird die Scenerie ringsum und die wenigen niederen Hütten mit den rasenbedeckten Dächern tragen nicht dazu bei, der düsteren Landschaft ein freundlicheres Gepräge zu verleihen. Eine Strecke weiter, und das Thal scheint durch vorspringende Berge vollständig versperrt – die enge Schlucht von Galderne nimmt den Wanderer auf. Von hier aus zieht sich die alte Landstraße, weit malerischer als die neue, einen steilen Hügel hinan, von welchem aus ein schöner Blick nach dem schmalen Hohlwege sich öffnet; die neue Straße dagegen windet sich, teilweise in die Felsen gesprengt, am Fuße der Hügel dicht am Flußufer entlang, während Spuren einer noch älteren Straße am rechten Ufer des Flusses sich erkennen lassen. Überaus beschwerlich ist im Winter der Marsch auf den schmalen, an den Hügelseiten abwärts führenden Wegen. An manchen Stellen sind dieselben durch Eismassen oft völlig versperrt, aber auch auf den besseren Strecken kann man zu dieser Jahreszeit ohne »Isbrodder« – besondere Hacken, deren eigentümlich geformte Nägel sich in das Eis einbohren – nicht vorwärts gelangen.
Schäumend wälzt sich der Fluß hier in seinem felsigen Bette; ein Fall, welchen er in seinem Laufe bildet, verhindert die Lachse an weiterem Vorwärtsdringen, und zählte ich deren nicht weniger denn 23, welche regungslos auf dein Sandboden des Beckens, am Fuße des Falles, lagen.
Im Süden von Skandinavien trifft der Lachs im Monat Mai, weiter nördlich im Juni in den Flüssen ein, um bis zum Dezember in denselben zu bleiben. Zur Laichzeit, welche von Ende September bis zum November dauert, suchen sie den Boden von Flußbecken auf, und währt die Brutzeit 60–90 Tage; im Alter von vier Monaten sind die jungen Fische etwa 10–12 cm lang, und erst mit sechs Jahren erreichen sie ihre volle Größe. Als die schädlichsten Feinde der ausgewachsenen Fische erweisen sich Seehund und Otter, während den Jungen Enten und Möwen, in der Ostsee auch der Hecht, eifrig nachstellen.
Lysne-Thor.
Von dem Hohlwege aus verbreitert sich das Thal und mehrere Gehöfte liegen auf dieser Strecke zerstreut. An einem derselben, Husum genannt, machte ich Halt; zahlreiche Fuhrwerke standen hier in Bereitschaft; eine ziemliche Anzahl von Leuten war mit dem Ausladen von Betten, Geschirr und dergl. m. beschäftigt, indes andere Stühle und Bänke hinwegtrugen. Ich glaubte, man habe hier eine Hochzeit gefeiert, bald aber sollte ich erfahren, wie gröblich ich geirrt, denn nicht eine Hochzeit, nein, ein »Begravelse« (Leichenfeier) hatte man abgehalten; die Frau des Hofbesitzers war nämlich vor drei Tagen gestorben und man war gerade dabei die für den Leichenschmaus getroffenen Vorkehrungen wieder zu entfernen.
Freundlich wurde ich von Roar Halvorsen und seiner Familie willkommen geheißen, welche letztere aus Roar Roarsen, seinem ältesten Sohne, Haagen, Iver, Halvor und Pehr, sowie zwei Töchtern Sönneva und Sigrid bestand, von denen erstere an den Eigentümer eines nahe liegenden Gehöftes verheiratet war. Erwähnenswert erscheint bei dieser Gelegenheit die eigentümliche Art, in welcher die Bönder Norwegens und Schwedens ihre Familiennamen zu vererben pflegen; so hieß also z. B. der Besitzer von Husum Roar Halvorsen (Roar, der Sohn von Halvor); der älteste Sohn führte, wie bereits bemerkt, den Namen Roar Roarsen und ebenso fügten alle übrigen Kinder den Namen Roarsen oder Roar'sdatter ihrem eigenen Taufnamen bei; da aber der älteste Enkel ausnahmslos den Namen des Großvaters erhält, so vererbt sich auf diese Weise der Familienname dann von einer Generation auf die andere.
Husum, ein stattliches Gehöfte und gleichzeitig Poststation, besitzt ein weiß angestrichenes Haus für die Gäste, sowie zwei Wohnhäuser für die Familie. Die zu dem Gehöfte gehörenden Ländereien haben eine ziemliche Ausdehnung, sind jedoch schwer zu bewirtschaften, denn der größte Teil des Grases z. B. muß an den steil abfallenden, zerklüfteten Hügelwänden gesammelt werden, und so uneben und rauh ist hier der Boden, daß die Leute zur Zeit der Ernte besondere Schuhe ohne Sohlen zu tragen pflegen, mit deren Hilfe sie die Schwierigkeiten des Terrains besser zu überwinden vermögen.
Hier, wie überhaupt in Laerdal, auch in Voß und in einigen anderen Teilen von Norwegen, benutzen die jungen Leute während des Winters mit Vorliebe den Kuhstall als Schlafraum; gewöhnlich trifft man in demselben auf einer vermittelst einer Leiter zugänglichen Erhöhung mehrere Betten, und gleicht das Ganze, überaus sauber gehalten, vollständig einem Schlafzimmer. Ein oder zwei Fenster, tagsüber geöffnet, gestatten der Luft freien Zutritt, und ich selbst verbrachte gern meine Nächte in solchen Räumen, in welchen eine gleichmäßige, gesunde Temperatur herrscht.
Während meines Aufenthaltes in Husum bot sich mir Gelegenheit, einen überaus alten Brauch kennen zu lernen, indem, der aus unvordenklicher Zeit stammenden Sitte gemäß, das Gehöfte in den Besitz des ältesten Sohnes übergehen sollte, während es für den Vater nun nichts mehr zu thun gab, als in einem guten, bequem eingerichteten Hause als Kaårmand nach seinem Behagen zu leben und einen bestimmten jährlichen Betrag an Korn oder Mehl, Kartoffeln, Milch, Käse, Butter, Fleisch u. s. w. in Empfang zu nehmen.
Ein überaus unabhängiger Sinn ist der Bevölkerung eigen, und in vielen kleinen Zügen trat mir derselbe entgegen. Wenn Mädchen einen Dienst annehmen, so geschieht dies meistens, weil der Hof ihrer Eltern zum Unterhalt einer großen Familie nicht ausreicht; manchmal wünschen sie aber auch nur sich eine gewisse Summe zu verdienen und es kommt häufig genug vor, daß sie für eine bestimmte Zeit einen Dienst annehmen, um nachher wieder in das elterliche Heim zurückzukehren. Die Behandlung der Dienstboten ist eine sehr gute, was sich freilich schon daraus erklärt, daß sie häufig mit ihrer Brotherrschaft verwandt, fast ausnahmslos aber – als Angehörige der gleichen Pfarrei, wo alle die nämliche Schule besuchen – von Jugend auf mit derselben bekannt sind, deshalb auch entspricht es nicht dem Gebrauch, irgend etwas unter Schloß und Riegel zu halten, und das Gesinde würde in keinem Hause bleiben wollen, wo ihm in solcher Weise Mißtrauen entgegengebracht wird. Eine unehrliche Handlung zieht unauslöschliche Schande nach sich, aber diese Fälle kommen überhaupt selten vor; im Gegenteil, die Gewissenhaftigkeit der Dienstboten ist so außerordentlich, daß sie für mich, während aller meiner Reisen in Skandinavien, stets aufs neue den Gegenstand des Erstaunens bildete.
Ungemein groß ist in Skandinavien die Zahl der Grundbesitzer, ein Umstand, aus welchem sich der so stark entwickelte Unabhängigkeitssinn der ländlichen Bevölkerung allerdings zur Genüge erklärt. Nach schwedischem Gesetz muß jedes Gehöft zum Unterhalt von wenigstens drei Personen ausreichen; sonst aber ist der Verteilung bäuerlichen Besitzes in keiner Weise eine Schranke gezogen, und so beläuft sich denn die Gesamtzahl der Gehöfte in Schweden auf 258 650; davon halten:
Die Zahl der Haustiere beträgt – Pferde: 455 900; Rindvieh: 2 181 400; Schafe: 1 695 400; Ziegen: 121 800; Schweine: 421 800.
Dieser Aufstellung nach kommen: 1 Gehöfte auf je 17, ein Stück Rindvieh auf je zwei und ein Pferd auf je 10 Personen.
Die Zahl der Gehöfte in Norwegen bezifferte sich im Jahre 1865 auf 147 000, von welchen 131 800 von ihren Besitzern bewirtschaftet wurden, während die übrigen – je ein Gehöfte auf 12 Personen – unter der Verwaltung von Pächtern standen. An Haustieren waren in dem nämlichen Jahre vorhanden: Pferde: 149 167; Rindvieh: 953 036; Schafe: 1 705 394; Ziegen: 290 985; Schweine: 96 166.
Zu fast jedem größeren Besitztum in Schweden oder Norwegen gehören eine Anzahl von Plads oder Torps, kleinere Gehöfte mit dazu geteiltem Feldgut, welche unter bestimmten Bedingungen in Pacht gegeben werden. – Diese Pächter, welche in Norwegen Husmaend, in Schweden Torpare heißen, haben entweder einen jährlichen Pachtzins zu entrichten, oder müssen – dies ist der häufigere Gebrauch – an einer gewissen Anzahl von Tagen im Jahr auf den Feldern des Grundbesitzers arbeiten; dafür sind dann die Erzeugnisse des ihnen zugewiesenen Landes aber auch ihr alleiniges Eigentum.
Der Monat Oktober gilt allgemein als Schlachtzeit; Vorräte an Speck und Würsten – bis zum folgenden Herbste ausreichend – müssen zu dieser Zeit beschafft, große Mengen von Fleisch gesalzen, getrocknet und geräuchert werden. Besonderer Gunst erfreut sich Spegekjöd, wobei das Fleisch – gewöhnlich Hammels-Keulen oder Schultern – erst leicht gesalzen, dann getrocknet wird, und ebenso beliebt ist die aus einer Mischung von Blut und Mehl bestehende Mölja, welche man gewöhnlich in Blasen gefüllt oder zu Kuchen geformt aufbewahrt, vor dem Genusse aber kocht oder brät.
Unter den übrigen Nahrungsmitteln nimmt das Brot eine sehr hervorragende Stelle ein und bereiten die Norweger dasselbe in verschiedenen Sorten. Fladbröd besteht aus einem ungegorenen Teig von Hafer- und Weizen-, oftmals auch Erbsenmehl, unter welchen man außerdem häufig gekochte Kartoffeln knetet, worauf die Masse zu großen runden Lappen von etwa 1 m im Durchmesser und von der Dicke starken Papiers oder dünnen Pappdeckels ausgerollt und auf einer eisernen Platte über schwachem Feuer gebacken wird. Dies Brot hält sich ein Jahr und noch länger, ist viel dünner als das schwedische Brot und bricht leicht.
Lefse wird in derselben Weise zubereitet wie Fladbröd, aber nur halb gebacken und dann gewöhnlich viermal zusammengeklappt. Das Fladbröd stapelt man in der Speisekammer zu großen Haufen auf, während das Lefse, seiner bequemen Form wegen, vorzugsweise auf Reisen Verwendung findet.
Das tägliche Gericht des norwegischen Bauern ist Gröt (Grütze), bei welcher Gersten-, manchmal auch Weizen- oder Roggenmehl das Material bildet. Nachdem die Gröt gekocht und vom Feuer genommen worden, fügt man, um ihr größere Steifigkeit zu geben, häufig noch etwas Mehl hinzu, sie heißt dann Naevergraut und dient als Speisevorrat auf Reisen, oder wenn die Bauern weit entfernt von dem Gehöfte bei der Arbeit find, und wird, wie die Gröt überhaupt, gewöhnlich mit abgerahmter, am liebsten aber mit saurer Milch gegessen. Auch Kartoffeln werden in großen Mengen verbraucht; sie gedeihen gut und die Bauern verstehen sich trefflich auf ihre Zubereitung.
Fische erscheinen häufig auf dem Tische; Heringe ißt man mit Kartoffeln, ebenso Stockfisch, den man vor dem Kochen eine ganze Nacht hindurch in Wasser einlegt. An der Küste werden frische Fische vielfach genossen.
Bei der Fladbrödbereitung.
Auf die Bereitung von Butter und Käse, als Hauptbedarfsmittel, wird große Sorgfalt verwendet, und hat man Käse in drei verschiedenen Sorten: der Mysost wird aus den von dem gewöhnlichen Käse übrigbleibenden Molken gewonnen, indem man dieselben kocht bis das Wasser vollständig verdunstet ist, und die Masse dann in viereckige Klumpen von 1–2½ kg Schwere formt. Die Farbe dieses Käses ist dunkelbraun, doch muß er wenigstens einen Tag stehen, ehe er genießbar ist, auch macht man ihn nur auf den Saetern, wo an Holz kein Mangel ist, denn er erfordert viel Brennmaterial zu seiner Herstellung. Frauen und Kinder mögen ihn besonders gern, und wird er, in dünne Scheiben geschnitten, mit Brot und Butter gegessen. Am besten ist er aus Ziegenmilch bereitet, doch paßt eigentlich die Bezeichnung Käse gar nicht auf ihn, da er zum größten Teile nur aus Milchzucker besteht. Der Gammelost, aus saurer, abgerahmter Milch, ist ein gegorener, runder Käse, der sich im Keller monatelang aufbewahren läßt, während Pultost, gleichfalls ein gegorener, mit Kümmel gewürzter Käse, nicht geformt, sondern in Holzschachteln gefüllt wird.
Eine Strecke oberhalb Husum beginnt wiederum ein schöner Hohlweg, Vindhellen genannt; die neue Straße zieht sich hier am Flusse entlang und ist teilweise in die Felsen gesprengt, bis sich dann jenseits Vindhellen das Thal abermals erweitert, auch saubere Gehöfte, vor allem aber die alte Holzkirche von Borgund, eines der interessantesten Gotteshäuser in Norwegen, in Sicht kommen. Diese Kirche, ebenso wie diejenige von Hitterdal, ist ein Denkmal des ältesten Kirchenbaustyles in diesem Lande. Überaus eigenartig in der Form, umkleiden Schindeln – gedunkelt im Laufe der Jahrhunderte – die Wände wie das Dach, an welchem allerwärts barock geschnitzte Drachenköpfe und Kreuze vorspringen, während ein Hahn auf der Spitze des Turmes angebracht ist; eine niedere offene Galerie zieht sich um den unteren Teil des Gebäudes hin und Vordächer ragen über die Eingänge hervor. Einen ebenso merkwürdigen Eindruck, wie das wunderliche Äußere macht der enge Innenraum mit seinen abenteuerlichen Schnitzereien; zehn Säulen, hinter welchen Bänke für die Zuhörer sich befinden, umgeben das Hauptschiff, dessen Größe nur 8 m im Gevierte beträgt; dabei ist das Taufbecken der einzige Gegenstand aus Stein, welchen man hier erblickt.
Dies altehrwürdige Kirchlein faßte nicht länger die Zahl der Gläubigen; man sah sich deshalb zur Erbauung eines neuen Gotteshauses gezwungen. Leider hat man dieses jedoch so dicht bei der alten Kirche errichtet, daß die eigenartige Wirkung derselben in bedauernswerter Weise beeinträchtigt erscheint.
Eine Fahrt von 40 km von der Kirche von Borgund und die einsame Station Nystuen, hoch zwischen den Bergen, 970 m über dem Meeresspiegel, am Rand des düsteren Utro-Vand, war erreicht. Willkommen in der That ist dieser Zufluchtsort im Winter, wenn wilde Stürme den Wanderer umbrausen und er endlich hier Schutz vor der Unbill des Wetters und ein Bett findet, um seine erstarrten Glieder darin zu wärmen. Von den Fenstern der behaglichen Stube aus ließ sich auch der Ausblick über den eisgepanzerten See und die im schneeigen Gewand prangenden Bergriesen mit weit mehr Muße genießen; schauerlich genug klang es freilich in dieser öden Bergwildnis, wenn der Sturm mit wildem Toben daherfegte, daß das feste Haus wankte und bebte; schön aber war es auch wieder hier oben, wenn der Himmel in wolkenloser Bläue über die von Schnee und Eis starrende Landschaft sich spannte oder wenn Millionen von Sternen an seinem Bogen blitzten und funkelten.
Kirche von Borgund.
Die Sommerzeit ist in dieser Höhe nur von kurzer Dauer; Getreide gelangt hier nicht mehr zur Reife; an guten Weidestrecken für das Vieh ist aber kein Mangel und ebenso läßt sich stets ein reicher Vorrat an Heu für den Winterbedarf beschaffen.
Ganz so totenstill und trostlos einsam, wie man sich wohl vorstellen mag, ist es übrigens während der langen, strengen Winterzeit gar nicht einmal an diesem abgelegenen Erdenwinkel. Die alte Regel, daß die Bewohner abgeschiedener Gegenden stets mit einer zahlreichen Nachkommenschaft gesegnet sind, findet auch hier ihre Bestätigung; der alte Knut Nystuen ist der Stammvater einer großen Familie und seine Kinder und Enkel bilden eine förmliche Kolonie. Die Verwaltung der Station hat er bereits an den ältesten Sohn abgegeben und bewohnt mit seiner würdigen Gattin ein besonderes Haus, in dessen oberen Räumen indes auch noch Gäste Unterkunft finden.
Die Vergnügungen, welche die Leute sich verschaffen können, sind einfach und wenig zahlreich; Müßiggang jedoch ist unbekannt bei ihnen. Die Frauen beschäftigen sich mit Weben, Spinnen und Stricken; die Männer gehen der Jagd und dem Fischfange nach, besorgen den Hof und holen das nötige Holz und Heu – beides oft aus weiten Entfernungen – herbei.
Ostwärts von Nystuen senkt sich die Landstraße rasch gegen Valders hin und die Rauheit und Wildheit der Scenerie, welche nur durch den Fluß, die Birkenwälder hier und da, sowie durch die zerstreut liegenden Gehöfte einigermaßen gemildert wird, steigert sich je weiter, desto mehr, bis der 15 km entfernt, 450 m über dem Meeresspiegel gelegene Vangs-Mjösen endlich erreicht ist, um dessen Wasser die Berghöhen in düsterer Großartigkeit sich reihen.
Valders nimmt eine hervorragende Stelle ein unter den Schönheitsperlen im Innern Norwegens; eine Fülle von Abwechslung bietend, mildert sich die den nördlichen Teil des Thales charakterisierende düstere Strenge gegen Slidre hin, bis im Aurdal die Landschaft eine vollkommen veränderte Physiognomie zeigt und sich hier, besonders da wo die Landstraße, eine Strecke von 12 km weit, an der Ostseite des Tonsaasen sich hinziehend, Ausblicke von wahrhaft entzückender Lieblichkeit bietet. Der Norden von Valders ist arm; wie in vielen Gegenden Norwegens sind Steine häufig, der Boden schlecht und die Familien groß. Zum Glück dehnen sich jedoch zwischen den Bergen weite Flächen trefflichen Weidelandes, und so gewinnen die Bewohner ihren Unterhalt aus dem Ertrage der Milchkammer.
Die Tracht in Valders hat im Laufe der Jahre einige Veränderungen erfahren; die kurzen ledernen Beinkleider kommen allmählich außer Mode und der Anzug – Jacke, die mit silbernen Knöpfen besetzte Weste und lange Beinkleider – erscheint jetzt zumeist aus Vadmal gefertigt. Soll die äußere Erscheinung den Stempel besonderer Eleganz erhalten, so darf die wollene Schärpe wie auch der runde Filzhut nicht fehlen; besonders im Hause und beim Tanze wird der letztere getragen in der Meinung, dies sei »vornehm«. Die Frauen bedienen sich der Kleider aus Vadmal, wie sie auch an anderen Orten üblich sind, und bedecken den Kopf mit einem bunten Tuche.
Außerordentlich großen Wert legt der norwegische Bauer auf die Beobachtung althergebrachter Formen, von denen einzelne sehr eigentümlich sind: kommt z. B. irgend ein Besucher, so wird, sobald er Platz genommen, Kaffee geröstet, der Kaffeetopf aufs Feuer gesetzt und eine Mahlzeit bereitet; der Gast aber, so fordert es die Etikette, muß sich den Anschein geben, als bemerke er alle diese Vorbereitungen gar nicht, vielmehr muß er, sobald er sieht, daß alles nahezu fertig ist, sich erheben und Miene machen, Abschied zu nehmen. Dies ist der Moment, in welchem die Aufforderung zum Bleiben an ihn gerichtet wird; doch darf er derselben durchaus nicht gleich Folge leisten, sondern muß sich erst noch dagegen sträuben, ehe er sich endlich in das nebenan oder oben gelegene Zimmer geleiten läßt. Ebenso müssen die Kaffeetassen stets zum Überfließen gefüllt werden, widrigenfalls man den Gastgeber für geizig halten könnte.
Ein anderer Gebrauch, welcher mich stets höchlich ergötzte, besteht darin, daß der Gast, sobald ihm Milch oder Bränvin gereicht wird, das Gebotene zuerst mit den Worten: »Verschwende es nicht an mich!« zurückweisen muß; der Wirt besteht dann darauf, daß er trinke, der Gast aber darf nur von dem Tranke nippen, um denselben mit den Worten: »Es ist zu viel!« wieder zurückzugeben; hierauf wird abermals genötigt und jetzt erst darf der Gast endlich, nach einigem Sträuben, den Napf oder das Glas leeren.
In keinem Lande Europas werden übrigens die Gebote der Gastfreiheit höher gehalten als in Skandinavien und zwar tritt dem Fremden dieser herrliche Charakterzug an allen Orten und bei allen Ständen gleichmäßig entgegen, selbst Arme läßt man niemals weitergehen, ohne ihnen eine Erfrischung angeboten zu haben, und daß dies nur in einer Weise geschehen darf, die ihren Stolz und ihr Zartgefühl nicht verletzt, gilt als selbstverständlich; allenthalben findet sich der Fremde an jene Worte aus der älteren Edda erinnert:
Wasser bedarf,
Der Bewirtung sucht,
Ein Handtuch und holde Nötigung.
Der norwegische Bonde hat etwas echt Männliches in seinem Wesen; zurückhaltend, dabei aber selbstbewußt in seinem Auftreten, besitzt er eine Fülle trefflicher Charaktereigenschaften, denn unter rauher Schale birgt sich ein warmes Herz, und wenn auch äußerlich kalt, so ist er doch leicht gerührt. Fürsorgende Liebe zu seiner Familie und Barmherzigkeit gegen Tiere zeichnen ihn besonders aus, seine Religiosität ist aufrichtig und ernst und in seltenen Fällen nur trifft man blinde Glaubenseiferer und finstere Frömmler unter den Böndern; kurz man muß diese kernhaften Nordlandssöhne genau kennen lernen und man wird nicht umhin können, sie zu lieben.
In dem Wesen der Männer sowohl wie der Frauen liegt etwas Sinnendes, Ruhiges; es ist, als ob die Natur ihnen das Gepräge ihrer eigenen Düsterkeit verliehen. Die Liebe der einzelnen Familienglieder zu einander ist sehr innig, obgleich sich dieselbe nur selten in äußerlicher Zärtlichkeit kund giebt; die Kinder werden von den Eltern ausnahmslos mit großer Güte behandelt und habe ich niemals bemerkt, daß man sie hart gescholten oder gar geschlagen hätte; Streitigkeiten kommen überhaupt nur sehr selten vor und selbst auf den ärmsten und geringsten Höfen habe ich seitens der Männer gegen ihre Frauen keinerlei Spuren von Grobheit oder Roheit wahrgenommen.
In der Ausübung von Handwerken aller Art sind die Bauern sehr geschickt; will einer derselben ein Haus bauen oder auf dem Gehöfte eine Veränderung vornehmen, so fällt er sich selbst die nötigen Bäume im Walde und richtet sich den Bau; ebenso ist er im Notfall Gerber, Sattler, Schmied, Schuhmacher und Müller; lebt er an der Küste, so versteht er sich auch auf den Bau von Schiffen und Booten und ist ein tüchtiger Fischer. Häufig zeigt er sich auch in der Anfertigung von musikalischen Instrumenten, sowie von allerhand Hausgerät sehr geschickt und mitunter versucht er sich gar als Goldschmied.
Auch eifrige Jünger des St. Hubertus trifft man unter ihnen und in den Bergen fällt gar mancher Bär, manches wilde Renntier, sowie manches Schneehuhn ihren wohlgezielten Schüssen zum Opfer.
Gewaltige Anstrengungen kostete es stets bei allen meinen ländlichen Freunden, um die Schranken bäuerlicher Etikette zu Falle zu bringen. Dem allgemeinen Gebrauch nach muß z. B. der Gast seine Mahlzeiten allein einnehmen; in dem bei solchen Gelegenheiten benutzten Zimmer wird ein Tisch mit einem weißen Tuch hübsch gedeckt; eine silberne Gabel nebst silbernem Löffel darf nicht fehlen; dann, nachdem die Speisen aufgetragen, läßt die Frau den Gast allein und kehrt nur zu verschiedenen Malen wieder, um ihn zu weiterem Zulangen zu nötigen. Für jemand, welcher die Absicht hat, jahrelang in Skandinavien zu leben, ist die Aussicht, sich bei den Mahlzeiten stets nur mit der eigenen Gesellschaft begnügen zu sollen, gerade nicht allzu angenehm, deshalb bestand ich auch in jedem neuen Fall immer wieder fest darauf, daß man mir Zulaß an der Familientafel gewähre. Gewöhnlich sträubte sich die Frau vom Hause am meisten gegen die Zumutung, mich mitten unter den Kindern, Knechten und Mägden Platz nehmen zu lassen; schließlich aber gelang es mir doch jedesmal, meinen Willen durchzusetzen. Hatte ich in dem einen Punkt erst gewonnen, so blieben immer hin noch verschiedene andere Zugeständnisse zu erreichen; ich mußte darauf dringen, daß man mir den silbernen Löffel erlasse und mir die Benutzung eines jener Holzlöffel gestatte, wie sich deren – jeder hübsch geschnitzt den Namen des Eigentümers oder der Eigentümerin tragend – die übrigen bedienten, und hatte ich auch hierbei alle Einwendungen glücklich zum Schweigen gebracht, so blieb in denjenigen Häusern, wo solche sonst nicht gebraucht wurden, noch der Teller zu beseitigen, und man mußte mir statt dessen erlauben, wie die andern, ein Stück Fladbröd vor mir zu haben, meinen Löffel mit ihnen in die große Schüssel voll Gröt zu tauchen und in gleicher Weise auch beider saueren Milch zuzulangen. Nur wenn die letztere zu sauer war und die Frau darauf bestand, mir süße Milch zu geben, zeigte ich mich nachgiebig und ließ mir eine Bevorzugung vor den übrigen gefallen.
Schneehuhn.
Dem Vergnügen des Tanzes huldigen die Bewohner von Valders mit viel Vorliebe sowie großer Ausdauer und meist drängt sich eine solche Menge in dem engen Raum, daß jede freie Bewegung unmöglich und die Hitze nahezu unerträglich wird; Tische, Bänke und Stühle hat man stets aus der Stube entfernt, die Lampe, welche ein spärliches Licht verbreitet, auch vorsorglich so hoch wie nur irgend möglich angebracht. Der Fiedler steht in der einen Ecke, und wenn sein Eifer zu erlahmen droht, so müssen einige Kupfermünzen, in seinen Hut geworfen, ein neuer Sporn für ihn sein. Einer der in Valders hauptsächlich gepflegten Tänze ist der Halling, bei welchem die Hauptaufgabe des Tänzers darin gipfelt, von Zeit zu Zeit die Decke der durchschnittlich 3 m hohen Stube mit dem Fuße zu berühren. Ein anderer Lieblingstanz ist der Springtanz, dessen Glanzpunkt darin besteht daß das Mädchen, die erhobene Hand ihres Tänzers an den Fingerspitzen haltend, sich mit solcher Geschwindigkeit um denselben herumdreht, daß ihre Röcke sich wie ein Ballon aufblähen. Manchmal werden bei der allzu schnellen Bewegung gar die Kniee der Tänzerin sichtbar; mit rascher Handbewegung bringt sie dann aber, ohne sich weiter in dem Vergnügen stören zu lassen, den Anzug wieder in Ordnung und dreht sich weiter im wirbelnden Reigen.
Groß ist in Norwegen – sowohl an der Küste wie im Innern des Landes – die Zahl der Pfarreien, welche keineswegs als Sinecuren gelten können. In dünn bevölkerten Landstrichen, wo die einzelnen Flecken weite Strecken von einander entfernt liegen, ist es unmöglich für jeden derselben einen eigenen Geistlichen zu bestellen; die Pfarrbezirke besitzen daher stets eine große Ausdehnung; hier und da, oftmals in bedeutender Entfernung von der Pfarrkirche und nur auf Reitwegen oder schmalen Bergpfaden erreichbar, sind Kapellen errichtet und in diesen muß der Geistliche abwechselnd Gottesdienst halten. Es ist durchaus nichts Ungewöhnliches, daß ein solcher Geistlicher drei oder vier Kirchen zu versehen hat, und erhält er in diesem Fall über die Reihenfolge, in welcher dies geschehen muß, bestimmte Weisungen, denn in manchen dieser Kirchen wird alle 3–4 Wochen, in einzelnen auch bloß viermal im Jahr Gottesdienst abgehalten. Gleichviel ob Sonnenschein, Regen oder Sturm, an dem festgesetzten Tage muß der Pfarrer, entweder zu Pferd oder vermittelst der Karriole, den weiten Weg zurücklegen und, völlig ermattet von der Hitze, durchnäßt oder auch halb erstarrt vor Kälte, kommt er dann wohl an dem Orte seiner Bestimmung an; ist aber die betreffende Kirche am Ufer eines Fjordes gelegen, so muß möglicherweise auch, trotz Sturm und Ungewitter, ein Boot benutzt werden. In der That, den norwegischen Geistlichen ist die Erfüllung ihrer zahlreichen Berufspflichten durchaus nicht leicht gemacht; ihr Los ist häufig ein recht schweres, dabei zeichnen sich die meisten unter ihnen durch eine gründliche Bildung rühmlich aus, wie denn auch die Kenntnis fremder Sprachen fast allgemein bei ihnen verbreitet ist; überhaupt bietet in besonders armen Bezirken das Pfarrhaus oft das einzige Beispiel höherer Gesittung, ist der einzige Ort, wo die Bewohner der niederen Hütten Ordnung und Sauberkeit lernen können. Keine Berufsklasse ist so glücklich, nur Auserwählte zu den ihren zu zählen, schwarze Schafe finden sich überall; im allgemeinen aber erfreuen sich die skandinavischen Geistlichen der ungeteilten Liebe und Achtung ihrer Pfarrkinder.
In Norwegen wie in Schweden ist das lutherische Bekenntnis das herrschende, und wenn auch in neuerer Zeit den Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften gestattet ist, Gotteshäuser zu errichten, so können bis auf den heutigen Tag einzelne Ämter doch nur von Lutheranern bekleidet werden.