Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Dreiunddreißigstes Kapitel. Unter sonnenlosem Himmel.
Skandinavien im Winter. – Yulefest. – Bei den Nachkommen von Harald Haarfager. – Ein historisch merkwürdiges Gehöfte. – Neujahrstag. – Tretten jule dage.
Welch ein Unterschied zwischen Sommer und Winter im stolzen Skandinavien – dem herrlichen Lande der Mitternachtssonne! Dort im fernen Norden spannt sich während des Dezembermondes ein sonnenloser Himmel über das Land und für die herrlichen Tage ununterbrochenen Sonnenscheins giebt es im Winter gerade so viele, an denen das lichtspendende Himmelsgestirn überhaupt nicht am Horizonte sichtbar wird. – Trotzdem kann man während aller dieser Wochen – selbst zu Ende Dezember, der dunkelsten Zeit des Jahres – bei einigermaßen klarem Wetter in den Stunden von 11–1 mittags ohne Licht lesen; ist der Himmel dagegen umwölkt oder tritt gar Schneegestöber ein, so müssen freilich Lampen einen Ersatz bieten für die mangelnde Tageshelle. Der Mond führt an Stelle der Sonne die Herrschaft während des Winters, die Sterne verbreiten hellen Schein, dabei ist die Luft überaus klar und in entzückender Bläue wölbt sich das Himmelszelt über der nordischen Landschaft.
Von überaus langer Dauer sind Morgen- und Abenddämmerung, ihr folgen kurze Tage und lange, dunkle Nächte; zuweilen auch zucken blendende Lichtstrahlen empor zum Zenith, es ist die Aurora borealis, die dort in zauberhaftem Glanze flammt und deren leuchtende Glutstreifen sich mit den lodernden Feuergarben zu einer Krone von wahrhaft überwältigender Farbenpracht vereinen – ein Schauspiel, wie sich solches mit der Feder nicht schildern, durch Worte nicht ausdrücken läßt, das sich dafür aber unauslöschlich in das Gedächtnis desjenigen einprägt, der einmal das Glück genossen, es zu schauen. Viele Länder hatte ich bereits durchstreift, die Wunder der Tropenwelt waren mir aufs innigste vertraut, aber so viel des Schönen und Herrlichen sich auch meinen Blicken geboten, so übten doch diese wunderbaren Winternächte im fernen Lande der Mitternachtssonne einen unwiderstehlichen, unsagbar fesselnden Reiz auf mich aus.
In tiefe Ruhe versenkt liegt während der langen Winterzeit die ganze Natur; verstummt ist das Rauschen und Gurgeln des Baches; in eisige Fesseln geschlagen der sonst so wildbrausende Strom, und in einer einzigen unbewegten Fläche dehnt sich der See, dessen silberklare Wellen sonst in so fröhlichem Tanze die Kiesel des Ufers bespülten; dafür säumen nun phantastisch geformte Zacken und Zapfen, schimmernden Krystallen gleich, die Bergvorsprünge wie die Wände dunkler Schluchten; die Felsen, über welche im Sommer die Wasser in gewaltigem Sturze sich herabwälzten, gleichen riesigen Spiegeln, und über die ganze Landschaft breitet sich eine ungeheure Decke blendend weißen Schnees, von welchem sich dunkle Fichten – die Juwelen des Winters – ernst und düster abheben. Tage- und wochenlang ist die Luft so still, daß auch nicht der leiseste Hauch über die Gipfel der Hügel hinweht, dann aber verdunkelt sich urplötzlich der Himmel, ein entsetzlicher Sturm bricht los und auf den Zustand vollkommenster Ruhe folgt in jähem Wechsel wilder Aufruhr aller Elemente; unter den mächtigen Windstößen beugen die Fichten ihre stolzen Häupter und an den Bergwänden werden die Schneemassen zu solcher Höhe emporgewirbelt, daß sie eine bis zu den Wolken reichende, undurchdringliche Wand zu bilden scheinen, während an der Küste – besonders an derjenigen Norwegens, welche vornehmlich von gewaltigen Stürmen heimgesucht wird – der Wind tobend heult und die Wogen peitscht, daß sie in ungestümem Anprall gegen die zerklüfteten Felsenufer anstürmen, um an denselben, zu tausend Atomen zerschellend, in wallenden Gischtschleiern emporgeschleudert zu werden.
Diese Zeit eignet sich so ganz vorzugsweise für das Abhalten von Festlichkeiten; die Einförmigkeit des langen Winters fordert gebieterisch eine Unterbrechung, überdies haben die Bauern gerade zu dieser Zeit nur wenig zu thun, denn das Dreschen des Korns ist dann schon geschehen, ebenso sind die Erzeugnisse der Milchkammer bereits verwertet und außer dem Einsammeln von Brennmaterial, sowie dem Ausbessern der Feldgeräte und des Zaumzeuges, giebt es nur wenig Arbeit. Auch die Milchwirtschaft erfordert geringere Mühe als im Sommer, denn die Kühe liefern nur wenig Milch, die Butterbereitung beschränkt sich auf das für den häuslichen Bedarf notwendige Quantum und die Frauen beschäftigen sich fast ausschließlich mit dem Kardätschen von Wolle, mit Spinnen, Weben und Stricken.
So kommt es, daß Weihnachten als das vornehmste unter den Festen in Skandinavien gilt, und daß jung und alt voll Sehnsucht diesen Tagen entgegensieht – Tage, welche selbst von den Anbetern von Thor und Odin schon heilig gehalten wurden. So allgemein verbreitet die Feier dieses Festes aber auch ist und so streng dasselbe in den Städten beobachtet wird, so besitzt es doch in der Art, wie die bäuerliche Bevölkerung es zu begehen pflegt, einen ganz besonderen Reiz, abgesehen davon, daß sich dasselbe in vielen ländlichen Bezirken Schwedens sowohl als Norwegens auf die Dauer von dreizehn Tagen erstreckt. Man nennt es wohl auch: »Tretten jule dage« (dreizehn Yuletage), an welche sich dann eine Woche später ein weiterer Festtag anschließt, denn:
Tyvende dag Knut
Danser julen ut.
(Am zwanzigsten Tag Kanut
Tanzt das Yulefest aus.)
Weihnachtsvergnügen.
Die Festtage bringen eine Abwechslung in das Einerlei des winterlichen Daseins, es findet dann ein beständiger Austausch von Besuchen zwischen den einzelnen Gehöften statt, in fast jedem derselben wird ein Tanzvergnügen veranstaltet, die jungen Leute zeigen sich unermüdlich im Anordnen aller nur möglichen Lustbarkeiten, und keine Zeit ist dem Zustandekommen von Verlobungen so günstig wie das altehrwürdige Yulefest.
Seiner hervorragenden Stellung entsprechend, nehmen denn auch die Vorbereitungen zu demselben schon 2–3 Wochen zuvor ihren Anfang; vor allen Dingen wird große Sorgfalt auf die Bereitung des Jule-öls (Weihnachtsbier) verwendet, denn dasselbe muß stärker sein als das, welches man sonst zu trinken pflegt, und der größte Teil des in dem Garten gezogenen Hopfens wird eigens für diesen Zweck zurückbehalten, während da, wo die Hopfenpflanzung überhaupt fehlt, dieses zur Herstellung des beliebten Trankes unerläßliche Material schon lange vor Weihnachten eingekauft und sorgsam aufbewahrt wird. Auch ist die zu dieser Gelegenheit gebraute Quantität ungeheuer und es tritt wohl selten der Fall ein, daß dieselbe vor Ablauf des Festes erschöpft wäre, obgleich es ebensowenig jemals vorkommt, daß ein Besucher einen Trunk aus dem mächtigen, vier Liter oder wohl noch mehr haltenden hölzernen Trinkgefäß verschmähte. Außer dem Jule-öl muß jedoch noch Branntwein beschafft werden, groß ist daher die Zahl der mit Bränvinfäßchen beladenen Karren, welche man zu dieser Zeit auf den Landstraßen antrifft, und daneben wird in denjenigen Gegenden, wo die Johannisbeere gedeiht, der aus denselben gekelterte Wein gleichfalls zu Weihnachten kredenzt. Aber nicht nur auf einen gewaltigen Vorrat von Getränken ist man bedacht, auch die Speisekammer muß wohl gefüllt sein, deshalb schleppen die Männer eifrig Mehl aus den Mühlen herbei, tagelang sind in jedem Haushalte Mutter und Töchter ausschließlich mit Backen beschäftigt und Mädchen, welche als besonders geschickte Jüngerinnen dieser Kunst gelten, erfreuen sich unter dem Kreise ihrer Freunde und Bekannten zu dieser Zeit einer großen Nachfrage. Dabei ist an Fischen, Geflügel und Wild kein Mangel, ein Kalb oder ein Hammel muß sein Leben lassen und das beste Stück Spigekjöd (getrocknetes Hammelfleisch) oder auch Wurst aus Ochsen- oder Hammelfleisch kommt zum Vorschein; selbst in dem einfachsten Hause will man wenigstens zu Weihnachten sich etwas zu gute thun.
Dem hohen Feste zu Ehren werden auch die in vielen Familien von Generation auf Generation vererbten, alten Geräte und Gefäße: alte Thonwaren, sowie eigenartig geformte silberne und hölzerne Schalen und Löffel, ans Tageslicht gebracht und ein Fremder, welcher in den Bergregionen Norwegens in einem der alten, abseits der Landstraße gelegenen Blockhäuser aus einem jener altertümlichen Humpen Skål trinkt, könnte sich fast in die Zeit der alten Normannen und Vikinger zurückversetzt glauben; wie so manches Gelage haben die alten Wände geschaut und wie so mancher stolze Häuptling, so mancher tapfere Krieger oder kühne Jäger mag das nämliche Gefäß an seine Lippen geführt haben, und wie mögen damals die silbernen Trinkschalen geklungen haben, wenn die alten Recken, vielleicht die Geißel und der Schrecken manchen Landes, beim Met einander ewige Freundschaft schwuren!
Ein anderer alter Brauch, den man in vielen Provinzen Skandinaviens verbreitet findet, ist das Füttern der Vögel zu Weihnachten, indem man Bündel Hafer an den Zäunen, auf den Dächern der Häuser und auf Bäumen befestigt, damit die gefiederten Bewohner der Luft ihren Hunger stillen können. Zwei oder drei Tage vor dem Feste werden große Massen von Hafer zu diesem Zwecke nach den Städten gebracht; in Christiania standen die Garben hoch aufgehäuft auf dem Marktplatz und jedermann, reich und arm, kaufte größere oder kleinere Büschel davon, selbst der Ärmste hatte einen oder zwei Pfennige erspart, um wenigstens den Vögeln das Weihnachtsmahl spenden zu können, und ich erinnere mich sehr wohl der Worte eines Freundes, der, als wir durch die Straßen Christianias fuhren, mit tiefem Gefühl sagte: »Wie arm muß doch ein Mann sein, wenn er nicht einmal einen Pfennig übrig hat, um den kleinen Vögeln den Weihnachtstisch decken zu können.« Der so streng beobachtete, schöne Brauch legt in rühmlichster Weise Zeugnis ab von der angeborenen Gutherzigkeit der Skandinavier, welch Vergnügen gewährt es aber auch, die kleinen Geschöpfe so fröhlich umherflattern zu sehen, oder zuzuschauen, wie sie sich auf den Getreidebündeln zusammendrängen und sich so eifrig bemühen, die schönen Körner auszupicken. Die übrigen Tiere werden gleichfalls nicht vergessen, auf den Gehöften erhält das alte, treue Pferd wie das Füllen, das Rindvieh ebensowohl wie Schafe, Ziegen und Schweine doppelte Ration, und oftmals ist dieselbe so groß, daß es den braven Vierfüßlern beim besten Willen nicht möglich ist, das Ganze zu vertilgen.
Alle Vorbereitungen müssen am Tage vor Weihnachten nachmittags beendet werden, das ganze Haus muß dann von unten bis oben spiegelblank und der Fußboden mit Wacholder- und Tannenzweigen bestreut sein. Ist alles dies geschehen, so verfügt sich in einigen Gegenden die ganze Familie in das vorher geheizte Backhaus, wo sich jedermann einer gründlichen Waschung unterzieht oder auch in der mächtigen Wanne ein Bad nimmt, – für gar viele das einzige während des ganzen Jahres – dann wird frische Wäsche angezogen und der Festtagsstaat angelegt; abends versammeln sich alle um den Tisch und der Vater liest die Liturgie, häufiger noch ein Kapitel aus der Bibel vor, ehe die Speisen aufgetragen werden, welche, in anbetracht der festlichen Gelegenheit, natürlich besonders reichlich und gut zubereitet sein müssen. In manchen Bezirken, vornehmlich in den zwischen den Bergen gelegenen Thälern pflegen die Bauern brennende Kerzen an die Fenster zu stellen und unter Scherz und Kurzweil die ganze Nacht zu durchwachen, während in Dalekarlien jedermann, eine brennende Fackel in der Hand haltend, zur Kirche geht, nach beendigtem Gottesdienste aber, entweder zu Fuß oder im Schlitten, in größtmöglicher Eile seinem Heime zustrebt, denn der Volksmund sagt, daß derjenige, welcher zuerst sein Gehöfte erreicht, auch zuerst seine Ernte einbringen wird. Am ersten Weihnachtstage weckt die Mutter oder die erwachsene Tochter die Hausgenossenschaft mit dem Absingen des Liedes:
Ein Kind ist geboren in Bethlehem, Bethlehem,
Darob freuet sich Jerusalem,
Halle, Halleluja!
Am Morgen des zweiten Weihnachtstages aber macht sich ein reger Wetteifer zwischen den Burschen und jungen Mädchen bemerkbar, ein jedes sucht seine Arbeit im Haus oder Stall so rasch wie möglich zu beenden, dabei aber den übrigen einen Schabernack zu spielen: so vernageln die Burschen während der Nacht häufig Thüren und Fenster, um die Mädchen am Herabkommen zu hindern, oder sie verstecken ihnen auch wohl die Schuhe und die Mädchen rächen sich dafür natürlich durch unzählige übermütige Possen und Schwänke.
Auch andere alte Gebräuche werden an vielen Orten noch streng beobachtet, so treiben am zwanzigsten Tage die jungen Männer häufig allerhand Mummenschanz; mit bemalten oder geschwärzten Gesichtern, Kronen auf den Hüten, große Sterne auf der Brust und lange hölzerne Schwerter an der Seite, so ziehen sie von einem Gehöfte zum anderen, um unter allerhand lustigen Streichen Gaben zur Veranstaltung einer Lustbarkeit einzusammeln. Dabei lassen sie denn ihren Übermut oftmals in ziemlich derber Weise aus, an Neckereien ist kein Mangel und wenn sie einen jungen Burschen im Verdachte haben, ein Mädchen zu lieben, so singen sie wohl auch der Dirne das alte Herodeslied:
Gerade wie die drei Könige
Einstmals Marien gesungen,
So singen wir Burschen nunmehr
Dir, innig geliebte Karen,
Nicht länger kann es währen,
Daß du so einsam gehst,
Einen von uns zum Gatten wähle,
Sicher hast du dann alles Schöne.
Nichts hilft dir hier als rasche Wahl,
Mit schönen Worten wollen wir bitten:
Gieb am zwanzigsten Tage Antwort auf die Frage,
Welchen zweien von uns ein Korb wohl winket.
Dann schlagen sie mit ihren hölzernen Schwertern an einander und stürzen eiligst hinaus Einzelne dieser Sitten werden nur in Schweden beobachtet. Dr. Y. Nielsen..
Es war lange meine Absicht gewesen, einmal einen Teil der Weihnachtsfestlichkeiten bei den Bauern des Gudbrandsdal mitzumachen, und so brach ich – nachdem ich den heiligen Abend selbst in Christiania im Hause des Konsuls Heftye verlebt hatte – am 26. Dezember aus, um mich nach dem Mjösen-See zu begeben. Langsam genug ging die Reise von statten, die norwegischen Eisenbahnen gehören nicht zu den schnellsten Beförderungsmitteln, und so gebrauchten wir drei Stunden, um eine Strecke von 70 km zurückzulegen. Als wir den Mjösen-See erreichten, war der Nebel so dicht, daß der Dampfer, welcher uns nach dem oberen Ende des Sees bringen sollte, seine Fahrt nicht antreten konnte. Endlich klärte sich das Wetter auf, wir lichteten die Anker und gelangten auch glücklich zu dem etwa halbwegs gelegenen Gjövick, aber nur um hier den weiteren Weg durch Eis versperrt zu finden, so daß ich mich wohl oder übel dazu bequemen mußte, abermals die Überlandroute einzuschlagen, auf welcher ich nach Verlauf mehrerer Stunden denn auch zu dem 180 km von Christiania entfernten oberen Ende des Mjösen-Sees gelangte. Die Dunkelheit war jedoch mittlerweile hereingebrochen, weshalb ich, da auch mein Führer die gefährlichen Stellen nicht kannte, nicht wagen durfte, mit meinem Schlitten die Eisdecke des Logen zu passieren, und es blieb mir nichts anderes übrig, als den Eigentümer eines dicht am Ufer gelegenen Häuschens herauszuklopfen, um ihn zu bitten, mir das Geleite zu geben. Anderen Tages ging es dann auf einer prachtvollen Landstraße weiter nach Norden, dem Dovre-Fjeld zu, doch wurde leider die Annehmlichkeit der Fahrt durch die unbequeme Bauart der landesüblichen Schlitten stark beeinträchtigt. Gleich der Karriole sind sie nur zur Aufnahme einer einzigen Person berechnet, doch muß dieselbe die Füße nach außen legen, so daß dieselben die Schlittenkufen fast berühren, dabei ist für das Unterbringen auch des geringsten Gepäckes kein Raum vorhanden.
Am zweiten Tage meiner Reise strahlte der Himmel in so lichter Bläue, daß ich anfing für die Beständigkeit der Witterung zu fürchten, und in der That, die Klarheit des Himmels war trügerisch; nachmittags zogen sich dichte Wolken zusammen, dabei wurde die Luft immer milder und noch vor abends goß der Regen in Strömen. Ich war einigermaßen überrascht durch diesen außerordentlichen Umschlag; auf eine solche Wärme der Temperatur konnte ich keineswegs gefaßt sein, denn ich befand mich zwischen 61º und 62º nördl. Br. in einem ungefähr 100 m über der See gelegenen Thale. Je weiter der Abend vorschritt, um so mehr nahm der Regen an Heftigkeit zu und die Dunkelheit wurde so dicht, daß ich meinen Pfad nicht mehr zu unterscheiden vermochte und mich vollständig auf die Klugheit meines Pferdes verlassen mußte; glücklicherweise kannte dasselbe – als altes Postpferd – den Weg genau und machte ganz von selbst im Hofe der Station Skjaeggestad Halt.
Überall, wohin ich kam, tönte mir ein herzliches »Glaedelig Jul och godt Nytaar« (fröhliche Weihnachten und ein glückliches neues Jahr) als Gruß entgegen; meines Bleibens aber konnte nirgends lange sein, immer weiter nach Norden führte mich mein Weg. Da in diesem Jahre der Schneefall nur gering gewesen, der Regen obendrein die Landstraßen vollständig aufgeweicht hatte, so war es ebenso schwierig zu Schlitten wie mit der Karriole vorwärts zu gelangen, eine weitere Unannehmlichkeit aber bildeten die kurzen Tage, denn die Dunkelheit pflegt sich zu dieser Jahreszeit vor 8 Uhr 30 Min. oder gar 9 Uhr morgens nicht zu lichten, nachmittags um 3 Uhr 30 Min. aber breiten die Schatten der Nacht sich bereits wieder aus. Die das Thal von beiden Seiten umschließenden hohen Berge verbargen die Sonne meinen Blicken, um 2 Uhr aber verkündete die entzückende Farbenpracht des Himmels die Nähe des Sonnenuntergangs; verklärt von den Strahlen der scheidenden Sonne erglänzten die Wolken in schimmerndem Orange und feurig leuchtendem Rot und boten, während sie über das düstere Thal dahinziehend sich auf die schneeumhüllten Bergspitzen des 1440 m über die See emporragenden Kuven und des 1290 m hohen Jetta herabzusenken schienen, ein Schauspiel von wirklich wunderbarer Schönheit.
Nachdem meine Reise drei Tage gedauert und ich denjenigen Punkt der Landstraße erreicht hatte, wo dieselbe sich bis zu einer Höhe von 450 m über den Meeresspiegel erhebt, tauchte endlich die Kirche von Dovre vor mir auf, und zu meiner Rechten gewahrte ich auf einem am Fuß hoher Berge sich hinziehenden Hügelrücken mehrere Gehöfte, darunter einige der ältesten des Gudbrandsdal; auch Tofte, das Ziel meiner Fahrt, entdeckte ich von hier aus. Anstatt jedoch meinen Weg nach demselben ohne weiteren Aufenthalt fortzusetzen, beschloß ich erst noch in der Station Toftemoen zu rasten.
Das Gehöfte Toftemoen gehört Ivar, dem Bruder meines Gastfreundes Thord in Tofte; nur um ihn begrüßen zu können, hatte ich hier Rast zu machen gedacht, indes die Hoffnung, ihn zu sehen, war eine vergebliche gewesen. Ich traf den altehrwürdigen Hof unter der Verwaltung einer Haushälterin, welche mir erzählte, daß Ivars Vorliebe für Toftemoen abgekühlt sei und daß er den Aufenthalt in Hedalen, besonders aber auf seinem großen Hofe Bjölstad vorziehe. Trotz der Abwesenheit des Hausherrn wollte man mich jedoch nicht weiterziehen lassen und alsbald wurde auch schon auf dem – weihnachtlichem Brauch entsprechend – mit einem blendend weißen Tafeltuch belegten Tisch ein Mahl für mich aufgetragen, nach dessen Beendigung sich die ganze Hausgenossenschaft, Knechte und Mägde zu einem Glase Wein um den Herd versammelte; unter fröhlichem Geplauder verstrich der Abend und erst zu ziemlich später Stunde verfügte ich mich nach dem mir angewiesenen Schlafgemache, an dessen bunt angestrichenen Wänden altertümliches Hausgerät prangte.
Am folgenden Morgen – es war Neujahrstag, der auf dem Lande stets in mehr kirchlicher Weise begangen wird – hatten wir morgens heftigen Schneefall, demungeachtet wurde der Kirchenbesuch nicht aufgegeben, der Schlitten vielmehr für mich in Bereitschaft gestellt und eine der Mägde brachte es sogar fertig, gleichfalls in demselben ein Unterkommen zu finden, indem sie sich mir einfach auf den Schoß setzte, während einer der Knechte, eine flammendrote wollene Mütze auf dem Kopfe, hinten auf den Schlittenläufen stehend, die Zügel führte.
Nach beendigtem Gottesdienste fuhr ich nach Tofte, woselbst ich von Thord in der dem norwegischen Bonden eigenen warmen, dabei aber keineswegs aufdringlichen Weise empfangen wurde. Auch hier wurde alsbald nach meiner Ankunft die Pflicht der Gastfreundschaft an mir geübt, indem, wie es die Etikette fordert, ein Mahl für mich allein auf den schneeigweiß gedeckten Tisch gesetzt wurde, wobei mein freundlicher Wirt genau achtgab, daß es mir an nichts fehle, denn da er Witwer war, so mußte meine Bedienung natürlich den schönen blondhaarigen Mägden allein überlassen bleiben. Thord Paulsen (der Sohn von Paul) ist einer von drei Brüdern, welche einer der ältesten Familien des Landes angehörend, ihren fabelhaften Stammbaum sogar bis auf Harald Haarfager zurückführen, jenes vor mehr denn tausend Jahren lebenden Königs, der, berühmt ob seines schönen blonden Haares, den Schwur that, dasselbe nicht schneiden zu wollen, bis es ihm gelungen sei, ganz Norwegen zu einem Reiche zu vereinen.
Wie aber die Geschichte von Tofte mit dem Namen König Haralds aufs innigste verbunden ist, so knüpft sich an dies Gehöfte auch eine Liebesgeschichte, deren Held natürlich auch der blondhaarige Degen gewesen. Einstmals, so erzählt die Märe, etwa um das Jahr 860, kam der König auf einer seiner Reisen nach Tofte und beschloß das Yulefest hier zu feiern. Am Vorabend des Festes traf, gerade in dem Augenblick, da der Herrscher sich zu Tisch setzen wollte, Swase, ein Lappländer, auf dem Hofe ein und forderte den König auf, mit nach seiner Hütte zu kommen, woselbst ein Weihnachtsmahl seiner warte. Zuerst lehnte der König die Einladung zornig ab, Swase aber sandte trotzdem einen Boten nach seinem Hause mit der Meldung: Harald habe eingewilligt, ihn zu begleiten, und schließlich gelang es ihm auch, den Sinn des Königs nach seinem Willen zu lenken. Sie begaben sich nach Swases Heim, an dessen Thüre Snefrid, Swases liebliche Tochter, Harald mit einem Becher Met willkommen hieß; der Anblick ihrer Schönheit aber genügte, das Herz des Königs in Liebe zu entflammen, und das Kind, dem sie in der Folge das Leben gab, ward der Stammvater einer hochangesehenen Familie im Norden von Norwegen.
Thord zählte zur Zeit meines Besuches gerade 50 Jahre, er war mittlerer Größe, seine Haare zeigten eine lichtgraue Mischung und seine nicht sehr ausdrucksvollen Gesichtszüge trugen das Gepräge großer Gutmütigkeit. Weder in seinem Wesen, noch in seinen Reden machte sich die geringste Spur von Anmaßung bemerkbar, überaus fromm, war er ein eifriger Verfechter der kirchlichen Rechte, dabei seiner politischen Überzeugung nach streng konservativ. Seine Alltagskleidung bestand in einem Rock, Beinkleidern und Weste aus schönem schwarzen Hausgespinst, dazu trug er eine lange rotwollene Zipfelmütze, die beliebteste Kopfbedeckung in diesem Teile des Landes; die Kleider ließ er sich bei dem Schneider in Dovre anfertigen, seine Stiefel aber wurden auf seinem Hofe aus eigenen Leder hergestellt. Thord lebte in überaus patriarchalischer Weise, wie alle Bönder Norwegens, und nimmermehr würde ein Fremder erraten haben, auf welch einen alten Stammbaum er voll Stolz zurückblicken darf; sein Hausstand zählte sieben Mägde und fünf Knechte (Drenge), doch fanden während der Sommerzeit stets noch eine große Menge von Tagelöhnern Verwendung. Was mir sehr angenehm auffiel, war das bescheidene und dabei doch selbstbewußte Wesen der Mägde; der Umstand, daß sie dienten, um ihren Lebensunterhalt zu erwerben, that eben ihrer gesellschaftlichen Stellung in keiner Weise Eintrag, sie waren und blieben die Töchter von Normannen, ihre Väter waren Bönder, standen auf der gleichen Stufe mit Tofte und hatten gleich ihm ihre Gehöfte seit uralten Zeiten inne. Eine oder zwei der Dirnen waren die Töchter von Husmaend; ein Fremder vermochte jedoch keinen Unterschied wahrzunehmen, alle wurden eben mit gleicher Güte und mit gleicher Rücksicht behandelt, denn alle hatten nur deshalb Dienst genommen, weil entweder der Hof ihres Vaters nicht ausreichte für den Unterhalt einer großen Familie, oder weil sie sich eine eigene Summe Geldes erarbeiten wollten, und dieser Beweggrund ließ sie in niemandes Wertschätzung sinken.
Das Gehöfte liegt 580 m über dem Meeresspiegel, in der Nähe eines Stromes und nur etwa 3 km von der großen Landstraße entfernt, auf einem sanft gegen das Thal hin abfallenden, ungefähr 120 m hohen Hügelrücken, hinter welchem dunkle, von zahlreichen Flüssen durchschnittene Bergwände emporragen. Zu dem Besitztum gehören zwei Wohnhäuser, das eine aus dem Jahre 1783, das andere aus dem Jahre 1651 stammend, und zwar hatte Thord das zuletzt erbaute Haus inne, während das ältere von seiner verwitweten Schwester und ihrem Sohne, einem sechzehnjährigen stattlichen Burschen, bewohnt wurde, denn Thord hatte zwar das ganze Gehöfte ererbt, damit aber auch die Verpflichtung übernommen, aus dem Ertrage desselben in ausreichender Weise für den Unterhalt von Schwester und Neffen zu sorgen. Thords Haus, ein großes bequemes Gebäude, enthielt zu ebener Erde die Küche, welche mit dem mächtigen Herde, mit hölzernem Tisch und eben solchen Bänken ausgestattet, so recht eigentlich als Versammlungs- und Aufenthaltsort des ganzen Hausstandes diente; hier wurden die Mahlzeiten bereitet und eingenommen, hier fanden aber auch die Spinnräder und der Webstuhl ihren Platz, während von den beiden an die Küche stoßenden kleineren Räumen der eine von Thord als Schlafzimmer, der andere zur Winterzeit als Milchkammer benutzt wurde, und die hinter dem Vorflur nach rückwärts gelegene Stube, mit den aus losem Stroh und darüber gebreiteten Schaffellen bestehenden Betten darin, den Knechten angewiesen war. Die Einrichtung der Oberstube, welche – ein wahres Muster von Sauberkeit – nur besonders geschätzten Gästen eingeräumt wurde, bestand aus einem sehr guten Bett, einem großen Tisch, mehreren Stühlen und einem altertümlichen Seitentisch; in der einen Ecke befand sich der mächtige Ofen; ein runder Pfeiler stützte die niedere Decke und einer der Querbalken trug die Zahl 1783, in welchem Jahre der Bau des Hauses vollendet worden.
Hier in Tofte und nicht in Toftemoen, wie man vielfach annimmt, war es auch, wo König Karl Johann, der Großvater des jetzigen Königs, als Gast verweilte, als er sich von Christiania aus nach Drontheim zur Krönung begab, und zwar ließ der alte Bonde, Thords Vater, dem Könige sagen, daß er keinerlei Tafelgerät, auch nicht Silber, mitzubringen brauche, da er mit allem vollauf versehen sei, um ihn samt seinem ganzen Hofstaat bewirten zu können. Tofte speiste mit seinem königlichen Gaste an einem besonderen Tische, während für das Gefolge, einschließlich der Minister, eine andere Tafel gedeckt war, denn, wie der Nachkomme Harald Haarfagers, auf die beiden Gedecke zeigend, sagte: »Nur die aus königlichem Geblüte sitzen an der nämlichen Tafel!« Die Geschichte klingt gut, ich erlaube mir jedoch, die Wahrheit derselben in Zweifel zu ziehen, der Bonde wollte jedenfalls nur dem Könige die einem jeden Fremden schuldige Ehre erzeigen, denn da er seine Mahlzeiten täglich zusammen mit seinen Knechten und Mägden einzunehmen pflegt, so konnte er sich doch nicht wohl weigern, mit den höchsten Würdenträgern des Staates an einem Tische zu sitzen, obschon er, vermöge seiner angeblichen Abstammung, dieselben allerdings als weit unter sich stehend betrachten mochte.
Außer den beiden Wohnhäusern war noch eine Anzahl von Seitengebäuden vorhanden; eines derselben diente zur Aufbewahrung der Wintervorräte, des gepökelten und getrockneten Fleisches, der Butter u. s. w., während in einem anderen die bei der Schafschur gewonnene Wolle aufgespeichert war. Ein dicht bei den Wohnhäusern gelegener, mehrere Jahrhunderte alter, von einem Glockenturm überragter, hoher Bau wurde nur zur Unterbringung der Tagelöhner benutzt, deren Zahl sich im Sommer häufig auf dreißig bis vierzig beläuft. In einem auf massivem steinernen Unterbau aufgeführten Stall standen 60, in einem anderen Stall eine weitere Anzahl von Kühen; auch 20 Pferde, und zwar recht hübsche unter ihnen, befanden sich hier. An schönen Tagen pflegt man die Tiere auch zur Winterzeit für eine Weile herauszulassen und liegt dann auf einer in der Mitte des Hofraums befindlichen Steinplatte stets Salz – jene von ihnen so sehr begehrte Leckerei – für sie bereit; aber auch der Pferdemist wird sorgfältig gesammelt, getrocknet und in kleinen Haufen in dem Hofe verteilt, und ich war überrascht, wahrzunehmen, wie sich das Rindvieh dieses eigentümliche Futter wohlschmecken ließ. Zur Zeit meines Besuches war auch auf dem Dache eines der Gebäude eine riesige Garbe Hafer befestigt und hunderte von Vögeln stillten an den Körnern ihren Hunger.
Wirklich rühmenswert ist der unermüdliche Fleiß, durch welchen die Bauern dieses Landesteiles sich auszeichnen, dabei werden alle Arbeiten mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerkes verrichtet, wie denn in der That auf vielen Gehöften der Ton einer Glocke die Arbeiter zu und von der Arbeit ruft. Die Stunde des Aufstehens ist Sommer und Winter hindurch morgens 4 Uhr; um 6 Uhr müssen die Kühe gemolken, auch die Pferde geputzt und besorgt sein, worauf sich die Leute zum Frühstück versammeln, bei welchem, nebenbei gesagt, der Hofbesitzer – Thord nicht ausgenommen – den Vorsitz führt, denn die Bönder setzen ihren Stolz darein, den Dienstboten in bezug auf Fleiß und Wirtschaftlichkeit mit gutem Beispiel voranzugehen. Nach dem Frühstück wird dann die für den Tag bestimmte Arbeit angewiesen und muß hierbei allen Anordnungen des Herrn unbedingt Folge geleistet werden, denn die äußere Gleichstellung von Herr und Knecht giebt doch darum diesem letzteren keineswegs das Recht, seine Pflichten versäumen zu dürfen. Bei dem Mittagsmahle, welches um 11 Uhr eingenommen wird, schneidet der Bauer vor, während die Frau oder, wo eine solche fehlt, die Haushälterin vor einen jeden der Tischgenossen ein Stück Fladbröd sowie eine Portion Butter hinlegt, während bei den niemals fehlenden Kartoffeln ein jeder nach Belieben zulangt. Ein drittes Mahl steht um 5 Uhr bereit, zu dieser Stunde oder auch schon früher haben die Mägde ihren Anzug in Ordnung gebracht und sitzen in der Küche mit Weben, Spinnen, Stricken oder Nähen beschäftigt, bis dann zwischen 7 und 8 Uhr die vierte und letzte, ausnahmslos aus Gröt (Grütze) bestehende Mahlzeit auf den Tisch gebracht wird; um 8 oder spätestens um 9 Uhr aber begiebt sich jedermann zur Ruhe. Mir pflegte Toste allabendlich in eigener Person und begleitet von zwei Mägden das Geleite nach meinem Schlafgemache zu geben, er mußte sich selbst davon überzeugen, ob dasselbe gehörig durchwärmt sei und ob nichts zu meiner Bequemlichkeit fehle; morgens aber erkundigte er sich regelmäßig, wie ich geschlafen, auch wurde stets ein besonderes, aus gebratenem Speck, Hammelfleisch, Kartoffeln, Butter, Käse, Milch und ausgezeichnetem Kaffee bestehendes Frühstück von einem netten Dienstmädchen für mich aufgetragen.
Während der Weihnachtstage wurde die Arbeit natürlich auf ein geringeres Maß beschränkt und die Abende waren ausschließlich geselligen Zusammenkünften gewidmet; das Abendessen wurde etwas früher eingenommen, denn gewöhnlich stellten sich nach demselben die Nachbarn ein, gesellige Spiele – vorzugsweise Blindekuh – wechselten mit dem Vortrage fröhlicher Lieder, bis dann Thord mit einer der Mägde zum Tanze antrat; worauf, seinem Beispiele folgend, auch Sohn und Neffe und schließlich sämtliche Anwesenden in munterem Reigen sich drehten.
Wie schon früher erwähnt, zeichnet sich der norwegische Bonde durch sein starres Festhalten an alten Bräuchen in hervorragender Weise aus, ebenso ist ihm auch die Scheu, anmaßend oder hochmütig zu erscheinen, in hohem Grade eigen und zwar treten in abgelegenen Bezirken diese Charaktereigenschaften in ganz merklich verschärftem Maße hervor. Wie so oft glaubte Thord sich verpflichtet, an meiner Mahlzeit teilnehmen zu müssen, nachdem er das für den übrigen Hausstand bestimmte Mahl kaum verzehrt hatte, also unmöglich schon wieder hungrig sein konnte, aber als ich ihn daraufhin einmal fragte, warum er nicht überhaupt sein Essen mit mir einnehme, entgegnete er: »Wenn ich das thun wollte, würden meine Leute meinen, ich schäme mich ihrer in Gegenwart von Fremden, meine Dienstboten und alle Nachbarn würden mich hochmütig schelten.«
Ebenso wurde mir nicht bloß von Thord, sondern auch von vielen anderen Bondern auf die Frage: warum sie ihre Häuser nicht weiß anstreichen anstatt rot, die Antwort zuteil: »Wir möchten es schon gerne, was würden aber die Leute dazu sagen, sie müßten ja glauben, wir wollten uns über sie erheben oder wir schämten uns Bönder zu sein und wollten den Stadtleuten nachahmen.«
So ist die sonst ganz lobenswerte Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten häufig der Hemmschuh für die Einführung von Verbesserungen, denn selbst diejenigen, welche solche gern annehmen möchten, wagen nicht, den Anfang damit zu machen, und so findet man hier noch Einrichtungen und Bräuche, welche in anderen Ländern längst vergangenen Zeiten angehören.
Aber so wohl ich mich auch unter dem Dache des wackern Thord befand, so konnte meines Bleibens doch nicht lange sein, von Gehöfte zu Gehöfte wandernd, setzte ich meine Reise weiter fort, überall sah ich mich freudig willkommen geheißen und überall wurde mir das selbstgebraute Jule-öl gereicht. Dabei kamen mir viele alte Trinkgefäße zu Gesicht, aus denen vielleicht schon die Verehrer von Thor und Odin getrunken, wenn sie als Sieger heimkehrten von kühnen Zügen oder wenn sie eine Hochzeit festlich begingen oder sich zur Leichenfeier versammelten, um in ihren Liedern die Tugenden der Tapferen zu preisen, welche auf dem Schlachtfelde gefallen, in voller Rüstung einziehen sollten in Walhalla.
Altes Trinkhorn. (38 cm hoch.)
Die Hörner fanden ursprünglich bei solchen Gelegenheiten zumeist Verwendung, nur wenige dieser alten Trinkhörner sind indes auf unsere Zeit gekommen; eins derselben, welches jedenfalls noch aus der Heidenzeit stammt, wurde seither in dem Museum der Stadt Bergen aufbewahrt, mir aber gelegentlich meines Besuches dort zum Geschenk gemacht. Die Handhabung dieser Hörner erfordert einen besonderen Kunstgriff, widrigenfalls der Inhalt sich unfehlbar über den Trinkenden ergießt, und auch mir erging es nicht besser, als ich mich zum erstenmal eines solchen bediente.
Eigentümlich sind die hölzernen Humpen, von denen die meisten nach Art kleiner Fäßchen mit Reifen versehen, viele obendrein mit schönem Schnitzwerk geschmückt sind und von denen einzelne einen Zeitraum von ein- bis zweihundert Jahren überdauert haben. Außer den Trinkhörnern und Humpen giebt es auch noch hölzerne Krüge, sehr schön mit silbernen Reifen beschlagen, und ich schätzte mich ungemein glücklich in den Besitz eines dieser merkwürdigen Trinkgefäße gelangen zu können. Dazu kommen noch die silbernen Humpen, von denen die meisten ihre Entstehung dem siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert verdanken, und zeichnen sich viele unter ihnen durch ungeheures Gewicht aus, beläuft sich dasselbe bei gar manchen doch auf mehrere Kilogramm.
Hölzerner Humpen.
Silberbeschlagener Krug.
Gegen das Ende der Weihnachtszeit gelangte ich auf meinen Wanderungen auch in eines jener kleinen, das Gudbrandsdal quer durchschneidenden Thäler und beschloß, in einem der dortigen Gehöfte die Nacht zu verbringen. Freundlich wurde ich aufgenommen und mir ein Platz an dem lodernden Kaminfeuer eingeräumt, um welches die gesamte Hausgenossenschaft fröhlich plaudernd und scherzend beisammen saß und dabei fleißig dem Jule-öl zusprach, welches in einer großen hölzernen Schale von Zeit zu Zeit die Runde machte. Eine kleine Weile verfloß mir so in angenehmer Weise, plötzlich aber klang aus der Ferne der Ton musikalischer Instrumente zu uns herüber, immer näher, immer deutlicher erschollen die munteren Weisen, und während wir noch neugierig und gespannt lauschten, öffnete sich auch schon die Thüre und eine ganze Schar vermummter Gestalten, die meisten davon in Frauenkleidern, drang ohne weiteres in das Zimmer. Mit verstellter Stimme redeten sie uns an, Neckereien und Scherzworte flogen hin und her, ein fröhliches Durcheinander begann, bis mit einem mal die Geiger einen Tanz anstimmten und gleich darauf jung und alt in raschem Reigen sich schwenkte. Mittlerweile hatte der Bauer einen weiteren Vorrat des kräftigen Jule-öl aus dem Keller herbeigeschafft, der köstliche Trank ging im Kreise umher und wieder lockte die Fiedel zum Tanze. Erst nach einer geraumen Zeit rüstete sich die Schar zum Aufbruch, um ein anderes Gehöfte mit einem gleichen Überfall zu beglücken; eine Frau faßte mich am Arme und zog mich mit sich fort und ich folgte bereitwilligst, denn die allgemeine Heiterkeit hatte mich angesteckt; ich wollte nun gleichfalls mein Teil an dem Vergnügen genießen und so zogen wir denn singend, tanzend und allerhand Possen treibend von einer Wohnstätte zur anderen, bis sich endlich alle völlig erschöpft fühlten. Zwei junge Mädchen, welche sich mit ihrem Bruder an der Lustbarkeit beteiligt hatten, nahmen die Masken ab und machten mir den Vorschlag, in dem Hause ihrer Eltern die noch übrigen Stunden der Nacht zu verbringen. Natürlich sagte ich nicht Nein zu dem freundlichen Anerbieten, denn ich war gleich den anderen todmüde; da indes die Zahl derer, die unter dem gastlichen Dache Unterkunft suchten, immer mehr wuchs, so mußten wir uns eben einrichten, wie es gerade gehen wollte, und uns nach Möglichkeit zusammenpferchen.
Von einem Gehöfte zum anderen wandernd und von den gastfreien gutmütigen Bewohnern stets mit der größten Herzlichkeit ausgenommen, so verbrachte ich die » Tretten jule dage« und noch heute denke ich mit Vergnügen an die schöne, in so harmloser Fröhlichkeit verlebte Zeit zurück.