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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 19

Fünfzehntes Kapitel. Verschiedene Stämme der Lappen.

Berglappen. – Seelappen. – Waldlappen. – Flußlappen. – Fischerlappen. – Die Njalla. – Lappendörfer.

Ihrer Lebensweise sowie ihren Wohnstätten nach lassen sich die Lappen in fünf verschiedene Arten einteilen:

1. Berg- oder Wanderlappen, welche, von dem Ertrage ihrer Herden lebend, mit denselben jahraus, jahrein von einer Weide zur anderen ziehen und in Zelten wohnen; in ihrem Besitze befindet sich die weitaus größte Zahl von Renntieren. 2. Seelappen. 3. Waldlappen. 4. Flußlappen. 5. Fischerlappen.

Diese vier letztgenannten Stämme sind natürlich lediglich Abarten von der Gruppe der Berg- und Wanderlappen.

Die Seelappen haben ihre Wohnsitze längs der wilden Küste von Nordland und Finnmarken und beschäftigen sich vorzugsweise mit dem Kabeljaufang; sie sind ebenso kühne als zuverlässige Seeleute und eine große Menge derselben findet auf den von Norwegern geführten Booten Verwendung als Matrosen. Auch die Frauen sind treffliche Seefahrer und die lappischen Booteigentümer lassen die Bedienung der Fahrzeuge und Netze oftmals ausschließlich von ihren Frauen, Töchtern, Schwestern oder auch wohl von den eigens zu diesem Zweck gedungenen Weibern besorgen. Die Wohnstätten der Seelappen, Gamme (Mehrzahl: Gammer) genannt, zeigen häufig die allerprimitivste Form, und zwar sind diejenigen der Ärmeren unter ihnen aus Erde erbaut, entweder rund oder kegelförmig wie die Sommerzelte. Die Feuerstelle befindet sich in der Mitte des Raumes, unmittelbar unter der Öffnung im Dache, durch welche der Rauch seinen Abzug nimmt, und trifft man diese Art Hütten gemeiniglich zu zweien oder dreien bei einander liegend. Andere wieder haben zwar die Gestalt gewöhnlicher Häuser, sind dabei aber gleichfalls nur aus Erde und Rasenstücken errichtet und nur zum Zweck größerer Dauerhaftigkeit manchmal an der Außenseite von einer Steinwand umschlossen. Fenster haben die meisten dieser Gammen nicht aufzuweisen, sie erhalten ihr Licht bloß durch die Dachöffnung, welche obendrein, wenn das Feuer schlecht ist, geschlossen werden muß. Aber nicht alle begnügen sich mit einem so armseligen Unterkommen, die vermögenderen Seelappen wohnen in Blockhäusern, und in den besseren Bezirken lassen sich ihre behaglichen Heimstätten von denjenigen norwegischer Bauern kaum unterscheiden.

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Lappen-Gamme.

Neben dem Fischergewerbe betreiben die meisten dieser Lappen auch noch Ackerbau, fast jeder unter ihnen nennt einige Kühe, ein paar Schafe, Ziegen und Renntiere sein eigen, Kartoffelanpflanzungen und Grasflächen umgeben die Gamme; der Haupterwerbszweig indes ist immer die Fischerei, welche in vielen Fällen sich als sehr lohnend erweist. Die Sorge für Haus und Hof bleibt den Frauen überlassen, welche außerdem noch das Ausbessern der Netze, das Befestigen des Köders an den Angelschnüren, das Aufschlitzen und Trocknen der Fische zu ihren Obliegenheiten zu rechnen haben. Während des Winters sind die Gewandstücke für Männer wie Frauen gleichmäßig aus Renntierfellen mit den Haaren nach der Innenseite zu gefertigt, die Kopfbedeckung für die Männer besteht aus einer mächtigen viereckigen Mütze, diejenige der Frauen zeigt, infolge eines im Innern derselben angebrachten hölzernen Gestelles, beinahe die Form eines Helmes. Im Sommer sind Männer und Frauen nur mit einem langen, meist lose herabhängenden Hemde aus Vadmal bekleidet, dessen Ärmel bis zu den Handgelenken reichen. Der sehr grobe Stoff ist fast derselbe, wie ihn die Berglappen zur Herstellung ihrer Zelte benutzen, die Farbe meist schwärzlich oder grau und nicht selten sind diese Gewänder entweder vielfach mit Flicken bedeckt oder wohl auch arg zerlumpt; dazu tragen die Männer eine grellfarbige wollene Mütze. Die langen zottigen Haare zeigen bei beiden Geschlechtern meist eine dunkelkastanienbraune Farbe mit einem rötlichen Schimmer, und da dieselben gewöhnlich nur Sonntags mit einem Kamme in Berührung zu kommen pflegen, so wimmeln sie, ebenso wie die Kleidungsstücke, von Ungeziefer. Die Züge der Frauen werden, eine natürliche Folge ihres beständigen Verweilens im Freien und ihrer harten Lebensweise, mit den Jahren sehr grob und man kann sie oft ebensowenig von den Männern unterscheiden, wie man bei Kindern Mädchen von Knaben zu erkennen vermag.

In einzelnen Gegenden, wie z. B. in den Pfarreien Alten, Skjaervö und Lyngen haben sich Lappen vielfach mit Norwegern und Finnländern vermischt und vereinigt der aus solchen Ehen entspringende Menschenschlag vielerlei Vorzüge in sich; einzelne unter ihnen stehen an geistiger Begabung den Norwegern durchaus nicht nach und das Land kann durch die Zunahme dieser Mischlinge nur gewinnen. Am besten läßt sich der Höhengrad der Gesittung unter den Lappen an der Zahl der Familien erkennen, welche in Gammen oder in Häusern leben und giebt beifolgende Aufstellung ein deutliches Bild von der Verteilung der verschiedenen Wohnstätten nach den einzelnen Bezirken.

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Wohnhaus eines Waldlappen mit Luopte (Vorratshaus) zur Rechten; Arvidsjaur.

Wie ersichtlich stehen die Lappen in der ersten Pfarrei auf der höchsten, in der zuletzt angeführten dagegen auf der niedrigsten Stufe.

Die Flußlappen, welche ihre Wohnsitze an den Ufern der in die Fjorde sich ergießenden Gewässer haben, unterscheiden sich in ihrer Lebensweise fast gar nicht von den Seelappen, wie denn auch viele unter ihnen während der Fischereisaison zur See gehen. In Norwegen wohnen sie vornehmlich an den Ufern des Tana, Karasjok und des Alten, sowie an deren Nebenflüssen, beschäftigen sich zur Sommerzeit mit dem Lachsfang oder nehmen Dienste als Matrosen. Fast jede Familie besitzt ein kleines Gehöfte samt Rindvieh, Pferden, Schafen und Ziegen, sie treiben Ackerbau und vertrauen ihre Renntierherden den Berglappen an, damit diese sie zur Weide führen, wogegen sie im Winter Gastfreundschaft an ihren wandernden Stammesgenossen üben und ihren Kranken ein Obdach gewähren.

Die Waldlappen trifft man vorzugsweise in Schweden, in den Wäldern längs des Lule, Pite, Byske, Skellefte, Urne und anderer Flüsse, wohl auch in der Nähe waldumschlossener Seen. Sie wohnen in Blockhäusern, doch unterscheidet sich die äußere Form derselben sehr wesentlich von der sonst gebräuchlichen Art. Viele dieser Heimstätten sind am unteren Teile viereckig, aus je drei über einander liegenden Baumstämmen fest gefügt, während zu der oberen, pyramidal ansteigenden Hälfte gespaltene Balken Verwendung finden, über welche man erst eine Lage Birkenrinde und darüber eine Bretterlage zu breiten pflegt. An der Spitze des Daches befindet sich die Öffnung zum Entweichen des Rauches und unter derselben, die Mitte des Fußbodens einnehmend, liegt ein flacher Stein, auf welchem der Prozeß des Kochens vor sich geht. In einigen Häusern ist der ganze Fußboden mit Steinplatten belegt, in anderen ist er nur mit jungen Birkenzweigen bestreut, in allen aber sind, wie in einem Kåta, Felle ausgebreitet, auf welchen die Familienglieder der Ruhe pflegen. Viele der Waldlappen sind Besitzer großer Herden, welche zu einer bestimmten Zeit im Jahre jeden Tag in der zu diesem Zweck bei jeder Wohnstätte befindlichen Hürde eingeschlossen werden. Da es indes nicht angeht, die Herden lange an dem nämlichen Platze verweilen zu lassen, so besitzen die Waldlappen stets in einiger Entfernung von einander mehrere Wohnhäuser, in welchen sie nach einander Aufenthalt nehmen, während die Herden in der Nachbarschaft weiden.

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Wohnstätte einer Fischerlappenfamilie.

In Herjeådalen läßt man die Renntiere den ganzen Sommer über frei umherschweifen, um sie erst wieder im Oktober zu sammeln und bis zum nächsten Frühjahr eingeschlossen zu halten. Der Mosquitos wegen ist es häufig nötig, rings um die Hürden Feuer anzuzünden, um durch den Rauch die Plagegeister zu vertreiben. Gewöhnlich werden die Renntiere zwei- oder dreimal im Tage gemolken, die Menge des von den Waldlappen bereiteten Käses ist denn auch eine ganz beträchtliche und finden sie für denselben, ebenso wie für geräuchertes Renntierfleisch und Zungen, an den Schweden und Norwegern willige Abnehmer.

Die Fischerlappen, gleichfalls eine Abart der Berglappen, sind zumeist solche, welche, verarmt, es vorziehen, dennoch ihre Unabhängigkeit zu bewahren, anstatt bei ihren reicheren Stammesbrüdern eine dienende Stellung anzunehmen. An den Ufern einsamer Seen und Flüsse, vornehmlich in der Nähe von Tannen-, Föhren- oder Birkenwäldern, bauen sich diese Lappen dann ein Heim, nähren sich von dem, was die Flut ihnen beut. Außer dem Fischfang und Fischverkauf betreiben sie jedoch gewöhnlich noch andere Gewerbe, fertigen hölzerne Geräte, Körbe, Schuhe u. dgl. m. Oftmals besitzt eine Familie mehrere solcher Kåtor, und wenn der Fischfang an dem einen Punkte nicht genügenden Ertrag liefert, so siedeln sie nach einer der anderen Wohnstätten über. Ebenso häufig kommt es auch vor, daß, wenn der Fischfang reichlichen Gewinn abwirft und das die Kåta umgebende Weideland gut ist, der Besitzer die Ansiedlung in besseren Stand setzt, sich einige Kühe und einige Renntiere anschafft und sich dem Ackerbau widmet; diese kleinen Gehöfte sind es dann auch, welche von den Berglappen mit Vorliebe als Sammelplätze benutzt werden.

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Die Njalla.

In der Pfarrei Arvidsjaur an dem Ufer des Sees Jerfojaur (dem oberen Wasserbecken in der Reihe von Seen, zu welchen der Arvidsjaur gehört), und dicht bei dem oberhalb Skellefteå in den bottnischen Meerbusen sich ergießenden Byske-Fluß, traf ich das malerische Heim eines Fischerlappen. Dicht bei dem Wohnhause erhoben sich zwei Vorratshäuser auf Pfählen, zur Linken läßt die Abbildung ein Gestell zum Trocknen der Fische erkennen, während im Vordergrund sich eine Häßja zum Trocknen des Heues erhebt.

In manchen Gegenden findet man auch eigenartige kleine Häuschen, Njalla genannt, welche, aus Baumstämmen errichtet, sich auf einem einzelnen, manchmal auch auf vier Pfosten zu solcher Höhe erheben, daß der Schnee sie ebensowenig im Winter erreichen kann, wie während des Sommers Wölfe, Füchse und andere wilde Tiere zu denselben zu gelangen vermögen. In diesen taubenschlagähnlichen Behältern pflegen die Berglappen ihre Vorräte an Käse, pulverisierter Milch und Häuten aufzubewahren, welche sie auf ihren Wanderungen nicht mitzuführen wünschen, außerdem dienen sie aber auch bei stürmischem Wetter häufig als Zufluchtsort für die Nacht, doch läßt sich die Thüre natürlich nur vermittelst einer Leiter erreichen.

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Straße in dem Dorfe Arvidsfaur, Pite Lappmark

Manchmal bilden die Ansiedlungen der Lappen auch kleine Dörfer, und liegen diese ihrer Mehrzahl nach gleichfalls an den Ufern von Flüssen oder Seen. Die in solchen Flecken wohnenden Lappen treiben ausnahmslos Ackerbau, und ihre Häuser, unter welchen, hinsichtlich der Größe und bessern Ausstattung, die Kirche, das Pfarrhaus, sowie das Schulgebäude den ersten Platz einnehmen, zeigen in vielen Gegenden Schwedens eine besondere Bauweise, welche an diejenige der Waldlappen erinnert, wie vorstehende Abbildung, welche eine Straße in dem in Pite Lappmark gelegenen Dorfe Arvidsjaur zur Anschauung bringt, deutlich erkennen läßt.

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