Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Dreißigstes Kapitel. Gletscherwanderungen.
Der Jostedalsbrae. – Schneefelder. – Der Nigards-Gletscher. – Faaberg. – Der Lodals-Gletscher. – Gletscherbewegung. – Moränen. – Der Stegeholt-Gletscher.
Der Jostedalsbrae, das größte Schneefeld in Skandinavien, umfaßt ein Gebiet von mehr denn 130 km2und erreicht an manchen Stellen eine Tiefe von 300 m. Im Norden von dem Nord-Fjord, nach Süden zu von dem Sogne-Fjord, im Osten von dem Jostedal und im Westen von dem Sönd-Fjord begrenzt, ist dasselbe an seinem unteren Teile von einer großen Anzahl nach allen Richtungen hin auslaufender Gletscher umschlossen. Die Gletscher des Fjaerland-Fjords liegen 5 km landeinwärts, das äußere Ende des Boyum befindet sich 30 m, dasjenige des Suphelle 50 m über dem Meeresspiegel und der diese ungeheure Schneemasse tragende Felsgrat zeigt im Durchschnitt eine Höhe von 1520 m; an seinem höchsten Punkt, der zwischen Stryn und dem Jostedal gelegenen Lodalskaupos-Spitze, gar eine solche von 1950 m an der Ostseite und 1860 m an der Südseite.
Das Jostedal, nach dem der gewaltige Gletscher, welcher die dasselbe umschließenden Berge überragt, seinen Namen führt, liegt an dem Lyster, an der Spitze des Gaupne-Fjords. Von dem Dorfe Röneid führt ein schmaler Reitweg – auf den ersten 30 km auch für Karriolen passierbar – nach dem anderen Ende des Thales und 30 km von Röneid entfernt liegt die überaus einfache Pfarrkirche mit dem Pfarrhause dicht daneben, der einzigen sauberen sowie einigermaßen behaglichen Wohnstätte in dieser ganzen Gegend.
Einige Kilometer weiter zweigt sich das von den drei prachtvollen Bergsetgletschern umrahmte Krondal gegen Westen ab, weiterhin das Thal von Nigard mit dem armseligen Gehöfte gleichen Namens und dem mächtigen Nigardsgletscher im Hintergrund. Aus der tiefblauen Höhle am Fuße des Gletschers drang mit großer Gewalt ein Strom hervor, dessen schmutzige Wasser dem Thale zueilten und dicht am äußersten Rande des Eisfeldes zog eine das Zurückweichen der gewaltigen Masse bezeichnende Reihe von Felsblöcken, Steinen und Sand sich hin, während verschiedene andere aus den gleichen Bestandteilen gebildete Ablagerungen, etwas weiter vom Fuße des Gletschers entfernt, das rasche Zurücktreten desselben deutlich erkennen ließen. Mehrere kleine Flüsse hatten sich einen Weg durch die Eismassen gebahnt und überall rieselten und plätscherten die Wasser zum Thale herab. Im vorigen Jahrhundert hat dieser Gletscher durch sein schnelles Vordringen großen Schaden angerichtet, und von einer falschen Volksetymologie verleitet, erzählt die Sage, daß er neun ( ni) Gehöfte ( gard) verzehrt habe. Dies ist jedoch unrichtig, indem Nigard nur »das niedere Gehöfte« bezeichnet.
Der Nigards-Gletscher, von der Brücke aus gesehen.
Von dem am anderen Ende des Thales gelegenen Faaberg aus führt ein rauher beschwerlicher Pfad am Rande eines tosenden, vornehmlich aus den Wassern des Björnesteg-, Lodal- und Stegeholt-Gletschers gebildeten Stromes weiter, bis wir jenseits des Björnesteg-Gletschers zu einem aus mehreren kleinen Häusern bestehenden Saeter gelangten, wo zahlreiche Frauen und Kinder die Ziegen und Schafe hüteten.
Durch Wiesen und Wälder setzte sich von hier aus der Weg fort, bis wir am Ende des Thales die Stegeholt- und Lodals-Gletscher, deren höchster Punkt sich 1950 m hoch über den Meeresspiegel erhebt, vor uns erblickten, auch hier trafen wir wieder die aus runden Steinen, Kieseln und Sand bestehende Moräne, welche das Zurückweichen des Gletschers kündet. Die von den Gletschern kommenden Wasser trennen sich häufig, um sich eine Strecke weiter wieder zu vereinen; die Strömung war sehr stark – im Juni und selbst bis zu Anfang des Juli ist es unmöglich, diese Bäche zu passieren – und das Wasser so trübe und schmutzig, daß die Pferde sich nur mit vieler Mühe dazu bewegen ließen, dasselbe zu durchwaten. Man sollte meinen, das Schmelzen reinen Eises müsse notwendigerweise auch klares Wasser ergeben, alle diejenigen, welche mit den das Entstehen und Wachsen der Gletscher regelnden Gesetzen einigermaßen vertraut sind, werden indes verstehen, daß diese schmutzigen, trüben Ströme vollständig der Natur der Gletscher selbst entsprechen. Der Lodals-Gletscher war bedeckt mit Schmutz, Steinen und Geröll, welche von den Bergwänden herabgeschwemmt worden, die etwa 10 m breite Höhle des Gletschers, aus welcher ein mächtiger Strom sich ergoß, war jedoch die schönste, die ich jemals gesehen. Mit Worten läßt sich die wunderbare Pracht derselben unmöglich schildern, in entzückendem Blau leuchtete die gewaltige Masse, alle Farbentöne von der hellsten bis zur tiefdunkelsten Schattierung reihten sich in vollendeter Harmonie an einander, dabei schimmerte – weil infolge des bedeutenden Druckes jedes Luftbläschen entwichen war – das riesige Gewölbe vollkommen durchsichtig und die Höhle glich in ihrer märchenhaften Schönheit einem Gang, gehauen in einen Berg von köstlichem Saphir. Zu meinem lebhaftesten Bedauern konnte ich nicht tief in das Innere derselben dringen; der Strom, welcher zwischen zwei, durch die Gewalt des Eises von einander gesprengten Felsen sich hindurchzwängte, rollte mit zu ungestümem Toben dahin, der Gletscher hatte einen Gneisfelsen gespalten, der ihm den Weg versperrte, doch hingen die einzelnen ungeheuren Teile weiter unten noch zusammen. Mächtige Blöcke lagerten auf dem Eise und viele derselben schwebten förmlich auf Krystallsäulen, welche der von den Steinen verbreitete Schatten vor dem Schmelzen schützte.
Ein dumpfes Geräusch ließ mich emporblicken, im nämlichen Augenblick rollte auch schon ein gewaltiger Steinblock von dem Gletscher hernieder und blieb, wenige Schritte von mir entfernt, liegen, und gleich darauf folgte ein zweiter, welcher in seinem Sturze verschiedene kleinere mit hinab in die Tiefe riß.
An verschiedenen Stellen zeigte der Gletscher eine vollkommen weiße Farbe, aber nicht etwa vom Schnee, sondern infolge der an seiner Oberfläche entstandenen Risse und der in großen Mengen sich entwickelnden Luftbläschen. Augenscheinlich hatte der Lodalsgletscher früher viel tiefer ins Thal hinabgereicht. Dazumal bildete das Ganze ein gewaltiges bis zur See reichendes Eisfeld, welches zurückwich, vorrückte und wieder zurückwich. Auf diese Weise schnitt das Eis immer tiefere Furchen in die starren Felswände und die nämlichen Spuren blieben sichtbar, wie sie die Eismasse in früheren Jahren zurückgelassen.
Die Gletscher sind keineswegs unbewegliche, fest an den Bergen haftende Massen, sondern Körper, welche durch den Druck der oberen Teile langsam aber mit unwiderstehlicher Macht vorwärts getrieben werden. Bei diesem unaufhaltsamen Vordringen wühlt der Gletscher sich immer tiefer in den felsigen Untergrund, erweitert und vergrößert so sein Bett Tag für Tag, denn seine geräuschlos wirkende Gewalt überwindet alle Hindernisse, Steine und Sandmassen werden mitgerissen, und von den Gletscherströmen abwärts geschwemmt, bilden sie die Moränen. Aus den oberhalb gelegenen Feldern ewigen Schnees, dem Snebrae, sich stets erneuernd, bricht so der Gletscher, einem Strome gleich, sich Bahn, höhlt sich sein Bett aus, schafft Thäler oder überflutet weite Strecken – alles durch die Wucht seiner Massen vernichtend.
Die Bewegung der Gletscher – abhängig von der infolge des Abschmelzens größeren oder geringeren Expansion – geht in der Nacht langsamer vor sich als bei Tage, langsamer im Winter als im Sommer. Die Bewegung ist außerdem in der Mitte rascher als an den Seiten, wo die beständige Reibung ein Hindernis bildet, ebenso geht das Vorwärtsgleiten der unteren Teile schwerfälliger von statten als dasjenige der oberen Lagen. Ein Gletscher bequemt sich auch den Krümmungen oder der Unebenheit seines Bettes vollständig an; wie die Wasser eines Flusses erscheint er, je nach dem Terrain, bald weiter ausgedehnt, bald schmäler zusammengedrängt und stellt sich diesem Eisstrome ein Felsenriff in den Weg, so schiebt sich die Masse an der einen Seite empor, um, eine Eiskaskade bildend, an der anderen Seite wieder herabzustürzen, oftmals auch öffnen sich Querspalten, in deren Tiefe alsdann die Moränen verschwinden. Längs des Hauptgletscherstromes zieht je eine Moräne zu beiden Seiten sich hin und die von den Bergwänden herabrollenden Stein- und Sandmassen – ganz so wie die am Fuße von Bergen, in Schluchten und Thälern häufig vorkommenden Ablagerungen – zeichnen dunkle Streifen auf den hellen Untergrund des Gletschers. Die Höhe dieser Seitenmoränen ist, je nach dem seit ihrer Entstehung verflossenen Zeitraum, sehr von einander verschieden und schwankt zwischen 2 und 6 m. Höher trifft man sie selten; sie bilden regelmäßige Kämme, werden von den Gletschern, deren Bewegung in Norwegen über hundert Meter im Laufe des Jahres beträgt – langsam aber sicher vorwärts geführt und kommen oftmals aus weiten Entfernungen, was sich nach dem Material, aus welchem sie bestehen, sehr leicht feststellen läßt. Wenn der Eisstrom bei seinem Vorwärtsstreben mit einem anderen zusammenstößt, so vereinigen sich die beiden zu einer einzigen Masse, die Moränen werden dabei gegen einander gedrängt, es entsteht die Mittelmoräne oder Gufferlinie und aus der Zahl dieser Mittelmoränen läßt sich erkennen, wie viele Nebenströme sich dem Hauptstamme angeschlossen.
Häufig müssen sich die Gletscher auch einen Weg durch enge Thäler bahnen, die Eismasse preßt sich dann dichter zusammen, wird höher und der Prozeß des Abschleifens beginnt mit unwiderstehlicher Gewalt, wie denn gar viele Thäler mit senkrecht abfallenden Seitenwänden dieser Thätigkeit der Gletscher ihre Entstehung verdanken.
Nicht weit vom Lodal- erhebt sich der interessante Stegeholt-Gletscher, das Ende dieses Gletschers ist sehr schmal, denn das Eis kommt aus einer engen, durch mächtige Blöcke versperrten Schlucht hervor. Um zu dem Stegeholt zu gelangen, muß man abermals den Strom passieren. In den ersten Sommermonaten kann man sehr wohl über den Lodalsgletscher nach Greidung am Nordfjord fahren; im August und mehr noch im September, wenn er wegen seiner großen, dann von keinem Schnee gedeckten Risse unpassierbar wird, setzt sich der Weg über Stegeholten fort. Eine derartige Wanderung über den Gletscher nimmt 6 Stunden in Anspruch und ist sehr interessant; in den letzten Jahren pflegen die Touristen auch einen anderen, noch interessanteren Gletscherweg zu fahren und zwar vom Krondal nach Loen am Nordfjord.
An dem linken Ufer des von den Gletschern kommenden Flusses gediehen Birken bis zu einer gewissen Höhe in reicher Fülle, auch dehnte sich, nur wenige Meter von dem Eise entfernt, ein üppiger Teppich von Gras und Unkraut aus. Auch hier bemerkte ich Zeichen, welche auf eine bedeutende Verminderung des Eises hinwiesen. Reihen mächtiger Blöcke zogen sich, gewaltige Moränen bildend, an den Seiten entlang, die zahlreichen tiefen Spalten ließen auf eine übermäßige Spannung schließen und durchschnitten viele derselben die ganze Breite des Gletschers, alle aber schimmerten im herrlichsten Blau, welches sich weiter nach der Tiefe zu bis zum wundervollsten Azur verdunkelte.
Ist hiermit eine Schilderung zurückweichender Gletscher gegeben, so wird sich weiterhin Gelegenheit finden, von solchen zu sprechen, welche mit unaufhaltsamer Gewalt vorwärts drängen.