Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Achtundzwanzigstes Kapitel. Aus vergangenen Jahrhunderten.
Das Hedal. – Slette. – Das Bjölstad-Gehöfte. – Patriarchalische Sitten. – Alte Rechte. – Löhne für Dienstboten und Tagelöhner. – Das Ottadal. – Der Vaage-See. – Sandbo. – Die Thesse-Fälle. – Kirche zu Gardmo. – Wie Olaf das Volk bekehrte. – Lökkre.
Schon prangte die Natur in herbstlichem Gewände und leuchtend hob sich das helle Rot der Eschen vom dunkeln Grün der Nadelwälder ab, als ich an einem sonnig heiteren Nachmittage, dem Hedal, einem der Seitenthäler des Gudbrandsdal zurollte und nach kurzer Fahrt durch ein sonderbar gebautes Thor in das Gehöfte Slette einlenkte. Acht Häuser, alle gleich merkwürdig in ihrer eigentümlichen Bauart, umschlossen den Hof. Zur Linken erhob sich das aus rohen Stämmen gefügte, altersgraue Wohnhaus mit seinem rasenbelegten Dache, der um das obere Stockwerk herlaufenden, geschlossenen Galerie und der von einem spitzen Türmchen überragten Eingangspforte. Das zu ebener Erde gelegene Wohnzimmer maß etwa 9 m im Gevierte und 3½ m in der Höhe, acht kräftige Balken stützten die von einem Querbalken getragene Decke; in der einen Ecke der Stube befand sich der offene Herd; ein langer Tisch, einige hölzerne Bänke, ein altertümlicher Anrichtetisch, ein ebensolcher Schrank und ein Bett bildeten die Einrichtung. Der Fußboden, welcher aus ½ m breiten Dielen bestand, zeichnete sich durch eine wirklich erstaunliche Sauberkeit aus, gelb war der Anstrich der Wände, weiß derjenige der Decke und an den vier kleinen Fenstern prangten in Töpfen bunte Blumen, welche dem Raum einen zugleich traulichen und heiteren Charakter verliehen. Die Besitzerin des Gehöftes, eine junge Witwe, war am Spinnrade beschäftigt, neben ihr stand ihr einziges Kind, ein hübsches, etwa neunjähriges blondes Mädchen, während zwei Mägde eifrig beim Nähen waren. Ein Hinweis auf die Eigenartigkeit des Hauses genügte vollkommen, mein unerwartetes Erscheinen zu erklären, und ohne Zögern erging die Aufforderung an mich, für die Nacht die Gastfreundschaft des Hauses anzunehmen. Davon konnte nun allerdings nicht die Rede sein, weil ich in Bjölstad erwartet wurde, eine Erfrischung aber durfte ich nicht zurückweisen, wollte ich die guten Leute nicht ernstlich beleidigen.
Jenseits Slette mehrte sich die Zahl der Gehöfte, und zwar lagen sie vornehmlich auf den Gipfeln der runden Alluvialhügel, welche, alle gleich hoch, aus der Entfernung gesehen, für eine Fortsetzung der Terrassen gelten konnten. Jede dieser Besitzungen nahm sich aus wie ein kleines Dorf, so groß war die Zahl der zusammengehörenden Baulichkeiten, und erschien unter ihnen das dicht bei der Kirche gelegene Gehöfte Harildstad, mit dem eigentümlichen Stabbur, sowie seinen schönen oberen Galerien, besonders bemerkenswert.
Zu ziemlich später Stunde – der Mond war mittlerweile aufgegangen, und überflutet von seinem milden Lichte, boten die Baudenkmäler vergangener Geschlechter einen doppelt phantastischen Anblick – erreichte ich Bjölstad, jenen alten Hof, welcher sich schon seit unvordenklichen Zeiten in dem Besitz der Familie Tofte befindet. Zur Linken der Einfahrt erhebt sich das aus unbehauenen Stämmen auf einem steinernen Unterbau errichtete, etwa 12 m lange und 9 m tiefe Stue, das Wohnhaus, dessen oberes Stockwerk an drei Seiten eine teilweise durch Bretter verschlossene Galerie umgiebt. Die Eingangsthüre befindet sich, wie in Slette, in dem mit reichem Schnitzwerk geschmückten Vorbau, dem Dörsval, von welchem auch die steile Treppe nach oben führt. Das hier gelegene Zimmer, 4½ m in der Tiefe bei 8½ m Länge messend, enthielt außer einer Bettstelle keinerlei alte Mobilien, sondern diente lediglich zur Aufbewahrung von Kleidern, Pelzwerk, Decken und dergleichen mehr, welche in wirklich ungeheuren Mengen an Pfosten hingen.
Zwei andere Häuser, welche die eine Seite des Hofraumes einnehmen, bieten mit dem Glockenturm, den Galerien, Vorbauten und den steilen, leiterähnlichen Treppen einen noch merkwürdigeren Anblick als das erste, und wenn auch noch älter an Jahren als jenes, schienen doch ihre festgefügten Wände allen Stürmen und Verheerungen der Zeit siegreichen Widerstand leisten zu wollen. Gleichfalls auf einem steinernen Unterbau sich erhebend, dient der untere Raum des einen Hauses zur Aufbewahrung der Milch-, Käse- und Buttervorräte; einige Stufen führen nach einem mit reichem Schnitzwerk versehenen Vorbau und von diesem aus nach den Stuben des unteren Stockwerkes; auf einer anderen Treppe gelangt man zur oberen, teilweise von einem Bretterverschlag umschlossenen Galerie und von dieser aus in die verschiedenen, teils mit Betten versehenen, teils leeren Zimmer. Dies Haus hatte wohl ursprünglich ganz frei gestanden und war das andere, welches sich von diesem nur durch die bleigefaßten Fensterscheiben unterscheidet, erst später angebaut worden. Neben dem Stallgebäude an der anderen Seite des Hofraumes – dasselbe ist etwa 9 m lang und die mittlere der drei Thüren führt in einen Gang, von welchem aus man das Füllen der Krippen vorzunehmen pflegt – erhebt sich ein anderer Bau, in dessen unterem Stockwerk eine Stube zur Aufbewahrung der mit Nummern versehenen ledernen Säcke voll Mehl, die andere zur Unterbringung der Vorräte an Flatbröd dient; während ein Zimmer im oberen Stock die »Überreste« des vorjährigen Schlachttages enthielt – der diesjährige war noch nicht gekommen – reihten sich hier außer einer ungeheuren Menge von Würsten und Blutpuddings nicht weniger denn 22 Schweinehälften, eine große Anzahl von Speckseiten, daneben Hammel- und Ziegenrücken friedlich neben einander; auch gewaltige Massen Käse waren hier aufgestapelt. Die letzte Seite des Geviertes bildet ein etwa 20 m langes und 10 m tiefes Haus, welches, neueren Datums denn die übrigen Baulichkeiten, zur Aufnahme von Gästen benutzt wird, denn Bjölstad ist zugleich eine Art Poststation. Ein breiter Flur, der von einem Fenster am jenseitigen Ende Luft und Licht empfängt, trennt die Schlafräume, deren sich zwei an jeder Seite öffnen, und führt zu einer Treppe nach dem oberen Stock, dessen Einrichtung ganz derjenigen zu ebener Erde entspricht. Der steinerne Unterbau enthält schöne Kellerräume und das Ganze – im Jahr 1818 vollendet – ist so solid aus mächtigen Stämmen gefügt, die der oberen Galerie als Stütze dienenden Balken sind so kräftig, daß auch dieser Bau ganz geeignet erscheint, gleich den übrigen, einer Reihe von Jahrhunderten Trotz bieten zu können. Es ist unmöglich, alle zu dem Gehöfte gehörigen Nebenbauten hier einzeln aufzuführen: da liegen Getreidespeicher, Scheuern, Wagenschuppen und Stallungen – darunter ein Stall für 88 Kühe und dicht dabei ein anderer für 28 Kühe – neben einander gereiht; auch eine Schmiedewerkstatt fehlt nicht und ebenso fand ich hier das übliche Trockenhaus für Korn mit dem Ofen in der Mitte und den langen, 1 m breiten aber nur wenige Centimeter tiefen Trögen ringsum, in welchen das Getreide den Prozeß des Trocknens durchmacht, ehe es in die Speicher geschafft wird. Die Vorsichtsmaßregel ist durchaus notwendig, andernfalls das Korn sehr leicht in Fäulnis übergehen würde.
Bjölstad.
So groß übrigens das Gehöfte Bjölstad auch ist und so ausgedehnt die zu demselben gehörigen Ländereien auch sind, so bestehen dieselben doch vorwiegend aus Wald- und Weidestrecken, während – wie bei den meisten dieser in den Bergen gelegenen Besitzungen – für den Anbau von Getreide eine verhältnismäßig nur geringe Fläche Verwendung findet. Zur Zeit meines Besuches hatte Tofte etwa 40 Hectaren mit Korn bestellt und etwa das gleiche Maß verteilte sich auf die verschiedenen Pächter. Butter und Käse bildeten die hauptsächlichsten Erzeugnisse, und da bei dem reichen Viehstande für die Winterszeit natürlich ein ungeheurer Heuvorrat zu beschaffen war, so konnte selbstverständlich während der Erntezeit die gewöhnliche Zahl der Dienstboten – 9 Mägde, 20 Knechte und 4 Knaben – nicht genügen, es mußten vielmehr immer 40–50 Tagelöhner angenommen werden; oftmals würde vielleicht auch eine geringere Zahl zur Bewältigung der Arbeit ausreichen, da indes die reichen Hofgutsbesitzer schon zur Aufrechterhaltung ihres guten Rufes gezwungen sind, ihre ärmeren Nachbarn zu unterstützen, so geschieht dies am besten derart, daß sie den Söhnen und Töchtern derselben für eine Zeitlang wenigstens Beschäftigung geben. Maschinen werden im allgemeinen wenig gebraucht, in vielen Bezirken lassen sie sich bei der rauhen Beschaffenheit des Bodens überhaupt nicht anwenden.
Über den Umfang seines Besitztums vermochte mein Wirt eine genaue Auskunft nicht zu erteilen, doch dehnte es sich, wie er mir sagte, weit zwischen den Bergen hin; einzelne Landstrecken befanden sich in den Händen von Husmaend, welche für den Nießbrauch derselben entweder jährlich einen bestimmten Pacht zu entrichten oder an einer gewissen Anzahl von Tagen für ihren Grundherrn zu arbeiten haben. Tofte selbst widmete sich mit besonderer Vorliebe der Züchtung von Pferden und unter den 33 Tieren, welche in seinen Ställen standen, bezeichnete er mir mit großem Stolze einen schönen Fuchs, der bei der Pferdeschau in Christiania den Preis gewonnen; auch unter den Ponies befanden sich mehrere auffallend schöne Tiere.
Wohin ich den Blick auch wandte, grüßte mich hier die Vergangenheit; dicht bei dem Gehöfte zeigte man mir eine Stelle, an welcher sich ehemals ein Friedhof samt einer Kirche befunden; außer der verwitterten Eingangsthüre war keine Spur von ihr geblieben. Auch andere Überreste aus alter Zeit trifft man vielfach, unter anderem bemerkte ich zwei Kreuze mit nur teilweise erhaltener Runeninschrift, wie ich sie in Gotland gesehen. Ein anderes Kreuz, welches die Inschrift trug »T. T. S. 1735«, d. h. »Tord Thords Sohn«, stammte von dem Grab eines der Mitglieder der Familie Tofte.
Bjölstad ist ebenso, wie verschiedene andere Gehöfte, seit Jahrhunderten im Besitze der Toftes; denn noch ist das Åsaedesret in voller Kraft, demzufolge das ganze liegende Vermögen stets an den ältesten Sohn übergeht. Dafür hat der Erbe allerdings die Verpflichtung, seinen Geschwistern den ihnen zukommenden, dem Werte des Gutes entsprechenden Anteil herauszuzahlen, und zwar wird die Schätzung gewöhnlich von dem Vater selbst vorgenommen, andernfalls sie meist weit unter der eigentlichen Höhe bleibt. Sind keine Söhne vorhanden, so tritt die älteste Tochter das Erbe an, ist aber ein Gehöfte groß genug für den Unterhalt mehrerer Familien, so steht es zwar dem Vater frei, dasselbe seinen Kindern gemeinschaftlich zu hinterlassen, indes nur derart, daß der älteste Sohn das Anrecht auf mindestens die Hälfte erhält. Außer diesem Erbrechte ist es noch ein anderes, welches die lange Fortdauer des Besitzstandes bei einer und derselben Familie sichert, giebt doch bei dem Verkaufe eines Gehöftes das Odalsret jedem Mitglieds der Familie das Vorrecht vor dem Fremden, ja selbst wenn das Besitztum in die Hände eines solchen übergeht, so bleibt der Familie immer noch die Möglichkeit, dasselbe nach Ablauf von 10 Jahren wieder zu dem gleichen Preise – nur unter Anrechnung eines Zuschlages für die mittlerweile getroffenen Verbesserungen – wieder zurückzuerwerben. Stößt bei dieser Gelegenheit die Einigung der betreffenden Parteien auf Schwierigkeiten, so werden Schiedsrichter ernannt; andrerseits kann jetzt auch, einem neueren Gesetze entsprechend, ein Bauer beim Verkaufe seines Gehöftes auf das Recht der Wiedererwerbung für sich und seine Nachkommen Verzicht leisten. Mit großer Zähigkeit halten die norwegischen Bönder an diesen beiden alten Rechten fest, um so mehr, als sie, wie gar viele Bauern mir gesagt haben, das einzige Mittel bieten, um sich – den reichen Städtern und Kapitalisten, welche die kleinen Höfe gern aufkaufen möchten, um sie zu großen Herrschaftsgütern zu vereinen, zum Trotz – auf ihrer Scholle zu behaupten. Auch das altehrwürdige Bjölstad entging vor mehreren Jahren nur mit knapper Not der Gefahr eines solchen Wechsels; schließlich gelang es jedoch Ivar, sein Odalsret zu beweisen, sowie das zum Kaufe nötige Geld zusammen zu bringen und damit das drohende Verhängnis abzuwenden.
Der wackere Ivar – ein Junggeselle von etwa 46 Jahren – war auch sonst ein treuer Beobachter der alten Bräuche; bei den Mahlzeiten führte er den Vorsitz an dem langen, rot angestrichenen Tische, um welchen Knechte und Mägde sich reihten, aber obschon er in keiner Weise seinen Untergebenen gegenüber den Herrn herauskehrte, so verstand er es doch, sein Hauswesen vollständig nach seinem Willen zu regieren und seinen Befehlen unbedingte Geltung zu verschaffen. Auch in seiner Kleidung war er der altgewohnten Einfachheit treu geblieben; das ganze Jahr hindurch – mit Ausnahme der Sonntage – trug er einen bläulichen Rock, hochheraufreichende Weste und Beinkleider aus demselben Material und eine rotwollene phrygische Mütze.
Die Arbeit wird mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerkes verrichtet; auch eine bestimmte Speiseordnung wird streng beobachtet, an zwei bestimmten Tagen giebt es Fleisch, an anderen Fisch, Wurst u. s. w., Kartoffeln aber dürfen niemals fehlen; das sehr einfache Nachtessen besteht ausnahmslos aus einer dicken Grütze, Gröt, welche, in hölzernen Näpfen aufgetragen, mit saurer Milch zusammen genossen wird; Bier pflegen die Leute nur im Sommer zu bekommen.
Bares Geld hat bei diesen Bergbewohnern großen Wert und ist in den Bezirken weiter landeinwärts sehr schwer zu erlangen; in den meisten Fällen haben die Leute zwar wenig zu verkaufen, dagegen aber genug zum Leben. Dementsprechend sind natürlich auch die Lohnverhältnisse; der Lohn für eine Magd beläuft sich im Hedal und in Bjölstad auf 12–16 M im Jahre, daneben erhält sie noch zwei Paar Schuhe, ein Kleid, zwei Leibchen, einen Rock, sowie sonstige Unterkleider, während ein Knecht, außer einem Jahreslohn von 42 M, gleichfalls zwei Paar Schuhe, zwei Paar Strümpfe, zwei Hemden und ein Paar Beinkleider bekommt. Der Lohn für Tagesarbeiter beträgt im Sommer für einen Knecht 60 Pf im Winter 42 Pf und für eine Magd 27–42 Pf außerdem erhalten alle Kost. Die Haushälterin in Bjölstad bezieht ein Gehalt von 75 M jährlich, muß sich indes ihre Kleider, sowie ihr Schuhwerk selbst beschaffen.
Sonnabend ist der Tag des allgemeinen Reinmachens, die Fußböden und Tische werden mit Wasser und Bürste bearbeitet und alles wird in Ordnung gebracht für den anbrechenden Sonntag. Ist dies geschehen, so widmen sich die Mädchen und Frauen der Verschönerung ihres eigenen Ichs und legen frische Wäsche an. Auch die Männer stellen um 4 Uhr die Arbeit ein, das Schermesser wird in Bewegung gesetzt, das Wechseln der Wäsche vorgenommen und dann warten die Burschen mit Ungeduld auf den Anbruch der Dunkelheit, unter deren Schutz sie sich aufmachen, um die Liebste zu besuchen – jenes besondere Vorrecht des Sonnabends. Am Sonntag, unmittelbar nach dem Frühstück, legt jedermann seinen besten Staat an, die Männer und selbst Knaben tragen in dieser Gegend vielfach eine Art Frack und dazu auf dem Kopf eine wollene Mütze! Morgens Kirchgang, nachmittags gesellige Zusammenkünfte und abends ein Tanzvergnügen – so vergeht der Sonntag; um 10 Uhr aber begiebt sich alles zur Ruhe, denn am Montag in aller Frühe beginnt das schwere Tagewerk aufs neue.
Von Bjölstad aus zieht sich ein schmaler Pfad an dem Ufer des Tyrka-Flusses dahin, an mehreren Mühlen führte mein Weg vorüber und immer weiter abwärts stiegen wir, bis der kleine Bjölstad-See erreicht war. Er blieb uns zur Linken liegen und bald war der Hügelrücken erstiegen, welcher das Hedal von dem in westlicher Richtung sich dehnenden, nahe bis zum südlichen Arm des Nordfjord reichenden Ottadal trennt. Die Höhen ringsum prangten im Schmucke schöner Nadelwälder, die Gipfel der höheren Berge aber umhüllte leider ein neidischer Nebel mit dichtem Schleier; um so malerischer war das Bild zu unseren Füßen, und rasch ging es die steilen Treppen hinab und auf der alten Holzbrücke über den Otta-Fluß weiter.
Die Scenerie des Ottadals ist überaus eigenartig: der Fluß, dessen sonderbare Farbe einen merkwürdigen Gegensatz zu dem Logen und seinen grauen Wellen bildet, läßt sofort erkennen, daß die Gletscher die Heimat sind, von der er ausgegangen; an allen Seiten ragen phantastisch geformte Bergspitzen empor, wahrhaft großartig aber ist das Bild in der Nähe der Kirche von Vaage, wo sich der Ausblick nach dem Kopfjeld und dem Kvitingskjölen mit ihren Schneefeldern öffnet. Zahlreich find auch in dieser Gegend die alten Gehöfte, das dunkle Aussehen der Gebäude allein legt schon vollgültiges Zeugnis ab für die Länge des Zeitraumes, auf welchen sie zurückblicken dürfen. In Sandbo ist es das alte Ildhus, welches, nur einigermaßen den Ansprüchen der jetzigen Bewohner angepaßt, der Familie als Wohnhaus dient; zwei steile, leiterähnliche Treppen führen zu der oberen Galerie des nächsten Hauses empor und zur Linken liegt das altertümliche Matbod oder Vorratshaus, dessen Giebel ein Renntiergeweih schmückt. An einem anderen Hause ist als Neuerung ein Vorbau angebracht, der besser als der sonst übliche Gang die nach der Stube führende Thüre vor dem Zutritt von Wind und Regen schützt; ebenso ist die Einrichtung derart getroffen, daß man, ohne in den Flur hinaus zu müssen, von dem alten Teil des Hauses nach dem neuen und außerdem noch nach der zu dem Oberboden führenden Treppe gelangen kann.
Gehöfte in Sandbo.
Haus in Sandbo.
Bei Vaage, wo sich das Findal mit dem Ottadal vereinigt, teilt sich die Landstraße, deren einer Arm von hier aus nordwärts bis zu dem in Romsdalen gelegenen Lesje reicht; etwas oberhalb der Kirche führt eine Brücke über den Strom und die Straße zieht sich am linken Ufer des 340 m über dem Meeresspiegel gelegenen Sees entlang. Weiterhin zeigt die Landschaft einen mehr öden, unfruchtbaren Charakter, doch erhält andrerseits gerade diese Strecke wieder einen wunderbaren Reiz durch den aus dem 820 m über dem Meeresspiegel gelegenen Thesse-Vand kommenden, in einer Reihe von Fällen herabstürzenden schönen Thesse-Foß. Dicht bei dem prächtigen Falle liegt das Gehöfte Storvik.
Seitenansicht eines Hauses in Sandbo.
In Findalen, ganz in der Nähe der Kirche von Vaage, erhebt sich Haakenstad, eines der bedeutendsten Gehöfte der Pfarrei. Dasselbe besteht ebenso wie Bjölstad aus einer großen Menge von Gebäuden – 33 an der Zahl – und befinden sich unter ihnen eine Mahlmühle, 3 Pferdeställe, zahlreiche andere Stallungen, 2 Wagenschuppen, 2 Kornspeicher, 1 Räucherhaus, 1 Kiln, ein Haus zur Erwärmung des für das Rindvieh nötigen Wassers, ein Waschhaus, mehrere Scheunen – einzelne bis zu drei Stockwerk hoch – ein Haus für die Dienstboten u. s. w.
Storvik.
Von Vaage aus brachte mich eine mehrstündige Fahrt nach dem alten Gehöfte Gardmo. Gerade vor mir erblickte ich den Skardhö während hinter mir an der anderen Seite des Sees eine Reihe hoher Hügel sich dehnte, auf welche der Kvitingskjölen mit seinem Gletscher aus einer Höhe von 1914 m herabschaute. Auf einer in den See vorragenden Landzunge erhebt sich die alte Holzkirche von Gardmo oder Garmo – ein altehrwürdiges Denkmal aus der Zeit, da das Christentum zuerst anfing in diesem Lande Wurzel zu fassen, verdankt sie ihre Entstehung doch jenem Besuche, den König Olaf der Heilige dem alten Thorgeir auf dem Gehöfte Gardmo abstattete; in dankbarer Erinnerung an dieses Ereignis wurde sie von demselben erbaut. Später, als sie sich zu klein erwies, fügte man einzelne Anbauten hinzu, so daß sie nunmehr Kreuzform zeigt; der älteste, ursprüngliche Teil aber läßt sich von diesen nachträglichen Zuthaten sehr wohl unterscheiden. Das meiste Interesse bietet die im Jahre 1130 entstandene Seite, an der links hoch oben eine Art Loge angebracht ist, in welche man nur vermittelst einer außen an der Kirche angestellten Leiter zu gelangen vermag. Unter den hier aufbewahrten Gegenständen aus alter Zeit erschien mir ein eisernes Armband besonders merkwürdig; bemerkenswert sind auch die von verschiedenen Personen gestifteten Wandgemälde, 22 an der Zahl, alle aus den Jahren 1710 bis 1746 stammend. In dem von einer Steinmauer umschlossenen Friedhof ruhen die Vorfahren vieler Familien, die ich hier kennen gelernt hatte und deren Stammbaum weit über die Zeit zurückreicht, da diese Gegend dem Christentume gewonnen wurde; auch Thorgeirs Geschlecht blüht heute noch und ist noch immer im Besitz des althistorischen Gehöftes Gardmo, auf welchem die Vorfahren Thorgeirs bereits gehaust hatten. Der gegenwärtige Besitzer empfing mich mit großer Freundlichkeit, und es wäre nur zu wünschen gewesen, daß er den Stammsitz seiner Ahnen in einem Zustande größerer Sauberkeit gehalten hätte Neuerdings ist die alte, ganz baufällige Kirche abgebrochen und durch eine neue ersetzt worden. Dr. Y. Nielsen..
Von Gardmo aus schlängelt sich die Landstraße durch das Thal hin nach der etwa 20 km entfernten Kirche von Lom. Das Thal selbst ist stellenweise ziemlich breit und in dem See erscheint die große Zahl der Sandbänke bemerkenswert; wirklich entzückend aber ist die Aussicht, welche sich von hier aus dem bewundernden Blicke bietet, mehrere überaus wilde Thäler, besonders interessant unter ihnen das Lunderdal und das Tundradal, öffnen sich in das Ottadal, in der Ferne an der linken Seite des Sees steigt der Loms Horungen zu einer Höhe von 1690 m empor und noch weiter zurück nach rechts reckt der Loms Eggen, 2000 m hoch, sein gewaltiges Haupt zu den Wolken hinauf, und doch wirkt der Anblick dieser mächtigen Gipfel nicht so sehr ihrer Höhe wegen, als durch die Großartigkeit ihrer Form und die düsteren Farben, welche sie umkleiden.
Am Fuße des Loms-Eggen, gerade an dem Punkte, wo das Baeverdal sich mit dem Ottadal vereinigt, erhebt sich auf einer überaus deutlich hervortretenden Terrasse die alte Holzkirche von Lom, deren Innenseite mehrere alte Gemälde – das eine aus dem Jahre 1608, ein anderes von 1650 und andere aus den Jahren 1710 bis 1740 – schmücken.
In dem Skeakerthal erregte die vollständige Nacktheit der einen Bergseite meine Verwunderung und ich erfuhr, daß in dem sehr strengen, durch ungeheuren Schneefall ausgezeichneten Winter an dieser Stelle eine ungeheure Lawine niedergegangen sei und grauenvolle Verwüstung angerichtet, auch mehrere Gehöfte mit sämtlichen Bewohnern unter ihren Massen begraben habe.
Diese ganze Gegend ist überaus reich an geschichtlichen Erinnerungen und in der Olafssage findet gerade dieser Landstrich häufige Erwähnung. Besonders charakteristisch ist dabei der Bericht über die Art, in welcher König Olaf die Bewohner dem Christentume gewann: Der Heilige kam, so erzählt die Sage, nach dem Gehöfte Bö bei Lesje und weihte daselbst Priester, welche das von ihm begonnene Bekehrungswerk weiter fortsetzen sollten; dann ging er durch das Loradal und gelangte nach dem Stave Braekken-Hügel, woselbst er sich eine Weile aufhielt. Von hier aus konnte er das von dem Ottafluß durchströmte Thal überblicken und er sprach: »Es wäre schade, wenn man diesen schönen Landstrich verwüsten müßte!« Bald darauf stieg er herab von dem Hügel, begab sich in das Gehöfte Naes, dessen Oberboden ihm als Schlafstätte diente, und sandte sämtlichen Bewohnern von Lom, Vaage und Hedal die Botschaft, daß sie entweder kommen sollten, um ihren heidnischen Glauben abzuschwören und die Taufe zu empfangen, oder gewärtig sein müßten, das Glück der Waffen gegen ihn zu versuchen und ihre Gehöfte niedergebrannt zu sehen; auch verlangte er, selbst für den Fall ihrer Annahme des Christentums, daß sie ihm ihre Söhne als Geißeln ließen, eine Bedingung, die sie, wie er hinzufügte, jedoch nicht als Strafe, sondern vielmehr als eine ihnen erwiesene Ehre betrachten sollten. Solches ließ er ihnen sagen, und fast alle Bönder kamen und unterwarfen sich dem Könige; diejenigen aber, die es nicht thaten, ergriffen die Flucht.
Das Haus in Naes, in welchem der Heilige vor mehr denn 860 Jahren sein Nachtquartier aufgeschlagen, steht noch und führt bis auf den heutigen Tag den Namen: »St. Olafs Haus«. Leider hat man indes vor etwa 40 Jahren mehrere Veränderungen an demselben vorgenommen, so daß es jetzt eigentlich ein neues, nur aus den alten Balken zusammengefügtes Haus ist.
Vorderansicht des Ramlofthauses in Lökkre.
Rückansicht des Ramlofthauses in Lökkre.
An dem Ausgang des Ottadal, da wo es den Namen Lomdal führt, ist die Bevölkerung sehr zahlreich und unter den vielen alten Gehöften dieser Gegend ist es Lökkre, welches das letzte mit einem Ramloft versehene Haus aufzuweisen hat. Wie bei allen Häusern des Gudbrandsdal zieht sich auch hier ein Bretterverschlag, einen Gang bildend, parallel mit der festen Balkenwand des Gebäudes hin, nur ist derselbe hier ganz geschlossen, während er sonst in den meisten Fällen teilweise offen ist; die Länge des ganzen Baues, einschließlich des Verschlages, beträgt 11 m. Die Eingangsthüre liegt genau in der Mitte, ihr gegenüber die nach der Wohnstube führende Thüre. Die Stube selbst, in welcher ein Querbalken die Buchstaben E. R. S. (Esland Rolfs Sohn) mit der Jahreszahl 1769 trägt, mißt 5 m der Länge und 6 m in der Breite, während ihre Höhe bis zur Spitze des Daches 4 m beträgt. Einige Stufen führen zu dem als Schlafstube benutzten Nebenraume empor, und über demselben erhebt sich der Ramloft, zu welchem man vermittelst einer Außentreppe gelangt und welcher eine Schlafstube, ebenso groß wie die untere, enthält.
Die Einrichtung ist der hier allgemein üblichen Art und Weise entsprechend: zur Linken neben dem Eingange befindet sich ein großer Wandschrank, daneben der etwas erhöhte Ehrenplatz, an welchen wieder ein kleinerer Wandschrank anstößt. Über dem Ehrensitz ist gleichfalls ein kleines Schränkchen angebracht, in welchem der Hausherr seine Papiere unter Verschluß hält, den übrigen Raum aber füllen Regale aus, welche man bei festlichen Gelegenheiten mit bunten Aaklaeder zu verhängen pflegt; eines derselben trug die Jahreszahl 1620. Zunächst dem kleineren Wandschranke ist eine lange Bank an der Wand befestigt mit einem Tische davor und einer zweiten Bank an der anderen Seite desselben. An der Rückwand des Hauses, links, hat das Bett des Hausherrn, mit einem Sitz davor, Platz gefunden; neben der nach der Schlafstube führenden Thüre zieht sich noch eine Bank hin, während die Ecke rechter Hand neben der Eingangsthüre von dem Herde ausgefüllt wird. Noch muß bemerkt werden, daß auch hier die Bettstellen fast durchgängig an den Wänden befestigt sind.