Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Siebzehntes Kapitel. Winterreise nach Norden.
Schneepflüge. – Aurora borealis – Umeå. – Piteå. – Haparanda – Winterkleidung der Finnländer. – Heftiger Sturm. – Auf dem Eise des Muonio. – Schneeschuhe. – Muoniovaara.
Gegen Mitte Januar brach ich von Upsala auf, um der Heimat der Lappen, nachdem ich sie im Sommer gesehen, nun auch zur Winterszeit einen Besuch abzustatten.
Die schnellste und billigste Beförderung war damals, da die große schwedische Nordbahn noch nicht angelegt war, vermittelst der Postwagen, welche sowohl zur Tag- wie auch zur Nachtzeit fahren, denn an jeder Poststation müssen zur bestimmten Zeit die Pferde bereit stehen; die einzige Unbequemlichkeit bei dieser Art des Reisens besteht darin, daß man sich meist schon Tage zuvor einen Platz sichern muß. Bald nachdem wir Upsala hinter uns gelassen, fielen vereinzelte Schneeflocken, die Vorboten eines Schneesturmes, wie ihn Schweden seit mehr denn hundert Jahren nicht gesehen. Dichter und immer dichter fielen sie hernieder und bedeckten den Boden bald in solchen Massen, daß wir nur sehr langsam vorwärts zu gelangen vermochten. In Yfre, der dritten Poststation hinter Upsala, mußten wir unsere Kutsche mit einem Schlitten vertauschen, eine kleine Strecke jenseits der Stadt aber wurde der Schnee so tief, daß die Pferde nur noch vorwärts stolpern konnten.
Einen wunderbaren Anblick boten die Fichtenwälder, denn da das Thermometer kaum unter dem Gefrierpunkt stand, so waren die Schneeflocken sehr groß und weich und an den Zweigen der Fichten hängen bleibend, verwandelten sie dieselbe in mächtige, in eine meterhohe Spitze auslaufende Pyramiden; zu tausenden und abertausenden zogen sie sich längs unserer Straße dahin, die Äste neigten sich unter der auf ihnen lagernden schweren Last, und keine Spur von Grün, kein Strauch, kein Stein war zu erblicken, so weit das Auge reichte, erschien alles von blendend weißem Mantel umhüllt. War der Anblick indes so schon von zauberhafter Schönheit, so sollte sich die Pracht des Schauspiels doch noch zu unvergleichlicher Großartigkeit steigern: fern am nächtlichen Himmel flammte und zuckte glühende Lohe, feurige Garben sprühten empor, dazwischen aber wallten und wogten leuchtende Wolken – es war die Aurora borealis, die dort strahlte und alles ringsum mit hellem Scheine übergoß; dabei meinte ich auch zu sehen, wie aus dem Schnee winzige Funken hervorsprühten – ich glaubte mich in ein Feenreich versetzt – so überirdisch schön, so wunderbar erhaben war das Bild, und immer wieder brach ich in laute Ausrufe des Entzückens und der Bewunderung aus, so daß selbst mein Begleiter, ein nach seinem Heimatsort Sundsvall reisender Professor aus Upsala, dem doch die Erscheinung keineswegs neu war, von meiner Begeisterung angesteckt wurde. Wahrlich, um dieser nächtlichen Fahrt allein hätte es sich schon verlohnt, die Reise von Amerika hierher zu machen.
Allmählich nahm die Kälte immer mehr zu, das Thermometer sank bis zu 23° unter 0° während der Nacht; die Wälder aber boten, je mehr wir uns Sundsvall näherten, einen von dem seitherigen vollkommen verschiedenen Anblick: keine Spur von Schnee war auf den Fichten und Föhren sichtbar und das dunkle Grün ihrer Zweige bildete einen entzückenden Gegensatz zu der blendenden Decke, welche ringsum die Erde umhüllte.
Am vierten Tage hatten wir Sundsvall erreicht und von hier aus wurde der Schnee so tief, daß ich dreier Tage bedurfte, um die übrigen 60 km bis nach Hernösand zurückzulegen.
Je weiter nach Norden, um so gewaltiger wurden die Schneemassen und nur mit vielen Schwierigkeiten bewegten wir uns vorwärts. Die Schneepflüge, mächtige, aus schweren Stämmen gefügte, dreieckige Rahmen von 2½–3 m Länge, waren zwar überall in Thätigkeit, denn die Bauern sind durch ein Gesetz verpflichtet, alsbald nach heftigem Schneefall eine bestimmte Strecke der Landstraße mit denselben zu befahren, oftmals aber wurde die während des Tages geschaffene Bahn im Laufe der Nacht wieder verweht und wir konnten uns nur mit großer Vorsicht vorwärts wagen. Wahrhaft bewundernswert war in solchen Fällen die Klugheit der Pferde, welche, sobald sie von dem Pfade abkommend in den tiefen Schnee einsanken, sich ganz von selbst nach der entgegengesetzten Seite wandten und so lange tasteten, bis sie wieder festen Grund unter den Füßen spürten; dabei gerieten sie freilich gar manchmal bis an den Hals in den Schnee, und wir waren in beständiger Gefahr, umgeworfen und aus dem Schlitten geschleudert zu werden; selbst aus verhältnismäßig guten Strecken, wo die Pferde der Spur der ihnen vorangegangenen folgen konnten, zeigten die Fußtapfen eine Tiefe von mehr denn 40 cm.
Immer beschwerlicher wurde die Reise; die Schneepflüge, welche weiter im Süden drei Pferde zu ihrer Beförderung nötig hatten, bedurften von hier ab deren sechs und mußten sich diese selbst dann noch so gewaltsam anstrengen, daß den armen Geschöpfen nicht selten das Blut aus der Nase drang. Zuletzt waren weder Zäune noch Sträucher mehr zu erblicken, selbst die gewaltigen Felsblöcke verschwanden vollständig unter der weißen Decke, auch die Telegraphenstangen waren kaum noch sichtbar und man mußte mit Hilfe von Fichten- und Föhrenzweigen den Weg kenntlich machen, wodurch natürlich wieder ein anderer großer Schaden entsteht, denn es werden auf diese Weise alljährlich tausende und tausende von jungen Schößlingen vernichtet.
Ein Schneepflug.
Noch weiter nach Norden zu mußten sogar die Schneepflüge ihre Thätigkeit einstellen und es blieb keine andere Wahl, als einfach abzuwarten, bis die Schneemassen sich durch ihre eigene Schwere senken und fester werden würden, die Tiefe derselben betrug hier 4 m, eine ganz außerordentliche Erscheinung, wenn man bedenkt, daß 60 cm das Maximum eines 24 stündigen Schneefalles bilden; freilich hatte aber auch hier der schreckliche Schneesturm eine ganze Woche, von einem Sonntag zum anderen, gewütet. Unter diesen Umständen mußten natürlich alle Arbeiten im Freien vollständig eingestellt werden; viele der Häuser waren bis zu den Dächern unter dem Schnee begraben und man hatte rings um dieselben Gänge ausschaufeln müssen, um dem Tageslicht Eintritt in die Fenster schaffen zu können; bei anderen waren die Thüren derart von Schneewehen blockiert, daß man nur durch die Fenster in das Innere der Häuschen gelangen konnte, und oftmals kündigten lediglich die aus dem Schnee aufsteigenden Rauchwolken das Vorhandensein menschlicher Wohnstätten an.
Endlich war der schlimmste Teil des Weges überstanden; die Schneemengen wurden weiterhin allmählich geringer, dabei trat auch ein Umschlag in der Temperatur ein, und bis ich nach Innertafle gelangte, war sie so mild geworden, daß ich ernstlich fürchtete, es sei ein weiterer Schneefall im Anzuge; stellen sich diese doch gewöhnlich dann ein, wenn das Thermometer zwischen 1° und 5° unter dem Gefrierpunkt steht, und erschien doch diese Witterung für Februar, welcher hier stets als der kälteste Monat gilt, vollkommen ungewöhnlich. Am folgenden Morgen zeigte das Thermometer 2½° unter 0°. Dichte Nebel erfüllten die Luft, welche fallend an den Zweigen der Bäume hängen blieben, daß sie – ein wirklich feenhafter Anblick – schimmerten und glänzten, als ob Millionen krystallisierter Tautropfen sie deckten; am nächsten Tage stand das Thermometer abermals auf 2½° bis 3° unter 0° und dabei befanden wir uns doch jetzt zwischen 63° und 64° nördl. Br.
Diese warme Temperatur wich zwei Tage später – gerade da ich, von Innervik kommend, in dem kleinen Seehafen Skellefteå anlangte – einer scharfen Kälte von 10°, je weiter ich jedoch von hier aus nach Norden vordrang, um so milder wurde wiederum die Witterung, denn wir hatten nun den Schneegürtel, welcher in Schweden vom 61° bis 64° nördl. Br. reicht, hinter uns gelassen. Morgens stand das Thermometer nur 3° unter 0°, und zur Mittagszeit, da ich in Piteå eintraf, auf dem Gefrierpunkt, um dann später gar bis zu 2° über 0° steigen, um 6 Uhr abends noch 1° über 0° und um 8 Uhr 1° unter 0° zeigen. Dabei herrschte vollkommene Windstille, keine Wolke war zu erblicken, dafür jedoch erschien der Horizont wie von einem leichten Dunstschleier verhüllt und gegen 7½ Uhr bemerkte ich gegen Norden einen milden, aber hellen Lichtschein, den Vorläufer der Aurora borealis. Eine kurze Weile später und der Dunstschleier verwandelte sich in einen lichten Bogen, durch welchen hindurch man die Sterne schimmern sah; merkwürdig erschien währenddes auch die außerordentliche Klarheit des Himmels oberhalb und unterhalb des Bogens, welch letzterer mit seinem unteren Rande etwa 35° über den Horizont reichte. Plötzlich schien der Bogen hin und her zu schwanken, die Bewegung teilte sich der ganzen Dunstmasse mit, immer schimmernder, leuchtender wurde dieselbe, bis sie endlich in wellenförmigen Schwingungen sich wiegte. Nach ungefähr einer halben Stunde bildete sich etwa 15° bis 20° unter dem oberen ein zweiter Bogen, durch welchen gleichfalls die Sterne deutlich sichtbar waren, während in dem Zwischenraum zwischen den beiden Bogen, wie auch oberhalb und unterhalb derselben der Himmel in vollster Klarheit strahlte. Zuerst stand der zweite Bogen, welcher an Helligkeit mit dem Glanze der Milchstraße wetteiferte, vollkommen unbewegt, dann schossen funkelnde Lichtstrahlen empor, immer leuchtender wurde der Schein, immer schneller die Bewegung der Glutwellen und immer heftiger die dadurch sich kündenden elektrischen Entladungen. Dies dauerte eine ziemliche Weile, worauf eine bemerkenswerte Veränderung in dem Kern des Gebildes eintrat; in rascher Aufeinanderfolge ging die Farbe der Wellen von weiß in blau und von grün in violett über, bis dann mit einem Male sämtliche Farben in einander zu zerfließen schienen. Mittlerweile fing auch der untere Bogen an hin und her zu schwanken und die Lichtstrahlen nahmen – ein herrliches Schauspiel – mit jedem Augenblick an Lebhaftigkeit und Glanz zu; den oberen Rand der durcheinanderwogenden, wallenden Masse umgab ein dunkelroter Streifen, welcher einen merkwürdigen Gegensatz bildete zu der Farbe des unteren Teiles, bis dann plötzlich das Ganze in feurigem Rot aufflammte! Allmählich jedoch wurde die Bewegung der Wellen schwächer, die Strahlen verbreiteten matteren Schein, bis endlich die leuchtende Glutmasse in unzählige rote Wolken zerflatterte, so daß das ganze Firmament mit denselben überzogen war, gleich darauf aber spannte sich der mit Millionen funkelnder Sterne übersäete Winterhimmel wieder in ungetrübter Bläue über unseren Häuptern.
Die meisten der kleineren schwedischen Städte machen während des Winters einen trübseligen Eindruck und scheinen, weil aller Handelsverkehr stockt, vollständig ausgestorben; die Bauern kommen nur selten einmal vom Lande herein und nur, wenn die Kaufleute ihre Waren zu den in den verschiedenen kleineren Flecken abzuhaltenden Jahrmärkten senden, macht sich für einige Tage ein etwas regeres Leben bemerkbar, welches aber nach kurzer Frist wiederum der alten Stille weicht. Das gesellige Leben ist dafür um so lebhafter und nehmen, da die Schweden fast ausnahmslos leidenschaftliche Spieler sind, bei den zahlreichen Zusammenkünften die Karten eine sehr hervorragende Stelle ein. Indes auch die Musik erfreut sich besonderer Pflege, und da das Klima vornehmlich der Stimmenentwicklung günstig zu sein scheint, so ist an Gesangvereinen, wie auch an musikalischen Aufführungen kein Mangel, in Piteå z. B. versammelt sich an jedem Sonntage eine Gesellschaft von etwa zwanzig Herren und Damen in dem Hause eines Lehrers, um unter seiner Leitung geistliche Lieder, sowie alte Balladen zu üben, und ich war wirklich überrascht, bei Dilettanten so wohlgeschulte Stimmen und einen so tadellosen Vortrag zu finden.
Das Wetter, welches während einer ganzen Woche anhaltend kalt gewesen und zwischen 16° bis 22° unter 0° geschwankt hatte, wurde allmählich milder; morgens um 8 Uhr stand das Thermometer auf 2° über 0°, zeigte zur Mittagszeit 5½° und fiel um 3 Uhr nachmittags wieder auf 3° über 0°.
Auf dieser ganzen Strecke traf ich nur noch wenig Schnee, stellenweise war die Landstraße ganz frei von demselben, denn wir befanden uns in einer dem Winde sehr ausgesetzten Region, und die weichen, weißen Massen lagerten zusammengeweht an den Seiten der Straße. In Fesseln geschlagen dehnte sich die See, schroff stiegen die von dunkeln Fichten und Föhren umkleideten Felsenvorsprünge von dem weiten Schnee- und Eisfelde empor, in lichter Bläue aber wölbte sich der Himmel über dem winterlichen Landschaftsbilde, welchem selbst die funkelnden Sonnenstrahlen nichts von seinem trüben Ernste zu nehmen vermochten.
Am 17. Februar 1873 kam ich endlich gegen Abend in Haparanda an; eine Strecke von mehr denn 1200 km hatte ich von Stockholm aus bis hierher zurückgelegt, mehr denn fünf Wochen hatte die Reise in Anspruch genommen, durch die tiefsten Schneemassen, welche ich jemals gesehen, hatte ich mir einen Weg gebahnt, und nun war nach allen Beschwerden und Mühseligkeiten glücklich das nördlichste Ufer des bottnischen Meerbusens erreicht. Wie eine ungeheure weiße Ebene dehnte sich die von Birken umsäumte See vor mir und traurig blickte die einsame Landschaft mich an, denn der Gehöfte waren nur wenige und diese obendrein weit auseinanderliegend.
Zur Winterzeit ist der zwischen dem bottnischen Meerbusen und dem Polarmeere sich dehnende Landstrich oftmals heftigen Stürmen ausgesetzt und ein solcher tobte auch an dem Tage, da ich von Haparanda aus meine Reise weiter fortsetzte. Mit solch entsetzlicher Gewalt fegte der Wind daher, daß unser Pferd nur mit der größten Anstrengung vorwärts zu keuchen vermochte und unser Schlitten mehr denn einmal in Gefahr geriet umgeworfen zu werden; dabei wirbelte der eisige Ost den Schnee in ungeheuren Massen empor, ballte sie jetzt zu dichten Wolken zusammen, um sie gleich darauf wieder in tausend phantastischen Gebilden zerflattern zu lassen. Glücklicherweise waren die Pelze und Decken unseres Schlittens gut festgemacht, sonst wäre es uns bei der Heftigkeit des Sturmes wohl übel ergangen, riß mir derselbe doch einen der schweren Fausthandschuhe aus Renntierleder ab, welche ich über den dicken wollenen Handschuhen trug, und begrub ihn so tief in den wirbelnden Schneemassen, daß ich mich vergeblich bemühte, seiner wieder habhaft zu werden. Auf der zweiten Station übernahm ein kräftiges Mädchen von etwa zwanzig Sommern die Lenkung meines Schlittens; der Sturm tobte mit immer größerer Heftigkeit, und als wir zum Stationshause Korpikylä gelangten, war es unmöglich, die Fahrt weiter fortzusetzen. Auch während der ganzen Nacht heulte und brauste der Wind mit wahrhaft erschreckender Gewalt, und nachdem er sich gegen Morgen für einige Stunden gelegt, brach er mit erneuter Wut los. Großartig war das Schauspiel, welches sich mir von den Ufern des Torne-Flusses aus bot; bald hier, bald dort wurden ungeheure Schneewolken zu beträchtlicher Höhe emporgeschleudert, hier bildete sich plötzlich ein Schneehügel, dort ein tiefes Thal, in jedem Augenblick wechselte das Bild, und so weit das Auge reichte, hob und senkte sich die weiße Fläche wie wildbewegte Meereswogen. Drei Tage lang dauerte dieser entsetzliche Sturm, der heftigste in diesem Jahre, und während dieser ganzen Zeit schwankte das Thermometer unaufhörlich zwischen 17° und 24° unter 0°.
Endlich hatte der Sturm ausgetobt und ich konnte daran denken, meine Reise weiter fortzusetzen; das Thermometer, welches morgens zwischen 24° und 26° und nachmittags zwischen 21° und 23° zeigte, wies im Laufe der Nacht bis zu 28°, dabei war die Luft nunmehr vollkommen still und unbewegt; an manchen Tagen stand das Thermometer auch zwischen 28° und 32° unter 0° und so wunderbar pflegte dann die Klarheit der Atmosphäre zu sein, daß derjenige, welcher niemals zur Winterzeit in nordischen Regionen geweilt, sich überhaupt keine Vorstellung davon zu machen imstande ist. Die Umrisse der fernhin sich dehnenden, bewaldeten Hügelreihen schimmerten an solchen Tagen in einem ganz eigenartigen, matten Rotblau, traten dabei aber mit besonderer Schärfe hervor; auch die Farbe des Himmels zeigte die mannigfachsten Schattierungen, an einem Tage spannte sich das Firmament in leuchtendem Azur über die winterliche Landschaft, um am folgenden Tage vielleicht im zartesten Blau zu erglänzen. Auf die Gesundheit hat die trockne ruhige Kälte einen überaus günstigen Einfluß, sie stärkt die Lungen und erweist sich ungemein heilsam bei allen Arten von Halskrankheiten, auch auf die Haut übt sie eine sehr gute Wirkung aus, wie ich denn während des ganzen Winters, und ungeachtet meines oft sehr lange dauernden Verweilens im Freien, nicht ein einziges Mal vom Wundwerden der Lippen zu leiden hatte.
In Ruskola ließ ich mich von meinem Freunde Karl John Grape zu längerem Verweilen überreden, es erschien wirklich nötig, mich endlich auf das Schneeschuhgehen einzuüben, außerdem bot Karls Gehöfte einen wirklich angenehmen Aufenthalt, der mir nach den vielfachen Beschwerden der Reise nur willkommen sein mußte.
Während meines Aufenthaltes in Ruskola stellte sich abermals ein heftiger Sturm ein, über dem mit einer Eisdecke überzogenen Torne-Fluß wirbelte der Schnee wie riesige Wolken weißen Staubes empor und für die Dauer von 24 Stunden heulte und tobte der Wind mit wahrhaft entsetzlicher Gewalt; zu Zeiten trat auch heftiger Schneefall ein und dabei zeigte das Thermometer nur 3° unter 0°. Nach dem Sturm waren natürlich die Landstraßen durch die zusammengewehten Schneemassen abermals versperrt und Grape riet mir, meine Abreise noch für einige Tage hinauszuschieben, indem er sagte: »Der Schneepflug ist bei uns nicht gebräuchlich und so wird es besser sein, Ihr lasset erst andere reisen, damit sie eine Bahn schaffen auf der Landstraße.«
Ich gab seinem Zureden nach und versprach, noch einige Tage zu bleiben, that dies auch um so lieber, als sich mir hier treffliche Gelegenheit bot, mich im Gebrauch der finnischen Sprache zu üben, auf deren Erlernung ich schon seit Wochen großen Fleiß verwandt hatte. Dieselbe hat keine hervorragenden Schwierigkeiten, jede Silbe wird deutlich ausgesprochen, doch ist häufig eine größere Anzahl von Worten nötig, um einen einfachen Begriff auszudrücken.
Einige Gewandtheit im Gehen auf Schneeschuhen hatte ich mir bald angeeignet; eine Fertigkeit, deren man in diesen nordischen Gegenden unbedingt bedarf. Übrigens sind die skandinavischen Schneeschuhe sehr verschieden von denjenigen der Indianer in Nordamerika, sie übertreffen dieselben nicht nur an Schnelligkeit, sondern auch an Bequemlichkeit, indem man bei ihnen nicht genötigt ist, die Beine aus einander zu spreizen. Auf den ersten Blick erscheinen sie, vermöge ihrer ungeheuren Länge, freilich sehr plump, die in bergigen Gegenden gebräuchlichen sind am kürzesten, messen aber immerhin 2–2½ m, während diejenigen der Finnländer am Torne-Fluß eine Länge von 3–4 m und diejenigen der Bauern im Jemtland häufig sogar eine solche von 4½–5 m zeigen. Aus Fichtenholz hergestellt und an beiden Enden zugespitzt, haben sie in der Mitte, d. h. an ihrem stärksten Teil, eine Dicke von 1 cm bei einer Breite von 10–12 cm; an dieser Stelle ist ein Riemen zum Durchstecken des Fußes angebracht und ebenso ein gewölbtes Stück Birkenholz, welches verhindert, daß der Schuh durch das Gewicht des Körpers niedergedrückt werde; die mit einer schmalen Rinne versehene Unterseite ist sehr glatt.
Auf Schneeschuhen.
Die Schuhe der Finnländer sind in ihrer Machart vollständig den Schneeschuhen angepaßt, sehr spitz, ohne Hacken und so groß, daß der Fuß tüchtig in Schuhgras eingehüllt werden kann. Von diesem Gras muß man auf Reisen stets einen gehörigen Vorrat mitführen, außer demselben auch noch zwei Paar dicke gestrickte wollene Strümpfe tragen, ist dann aber auch vollkommen gegen die Kälte geschützt. Grape machte mir ein Paar sehr schöne Schneeschuhe zum Geschenk – welche, nachdem sie auf meiner Reise noch viel Bewunderung geerntet hatten, sich nun mit einem meiner Schlitten in dem Lokal der geographischen Gesellschaft in New-York befinden. Auf ihnen tummelte ich mich während meiner Anwesenheit in Ruskola täglich zwei Stunden und brachte es schon am ersten Tage dahin, auf dem Eise des Torne-Flusses eine Strecke von 160 km zurückzulegen, ohne einmal dabei zu fallen. Für Anfänger ist es überaus schwierig, die Schuhe in gleicher Richtung zu halten, und nur zu leicht geschieht es, daß sie entweder zu weit auseinandergleiten, oder daß die Enden ineinandergeraten; auf flachem Terrain dürfen die Füße auch nicht aufgehoben werden, sondern man muß einen der Schuhe nach dem andern vorwärts schieben, während man, sobald es hügelan geht, sich im Zickzack vorwärts zu bewegen hat, eine schwierige Aufgabe für jemand, der nicht an dieselbe gewöhnt ist. Das Allerschwierigste ist aber doch eine Fahrt hügelabwärts, an sehr steilen Bergwänden ist dieselbe sogar, besonders wenn Felsblöcke auf der Strecke vorkommen, wirklich gefährlich und nur solche, die von Jugend auf das Schneeschuhgehen geübt haben, können dieselbe wagen. Eine Hauptbedingung ist, daß man die Füße möglichst gleich und dicht neben einander halte, auch muß man stets mit einem langen, starken Stab versehen sein, um denselben als Steuer zu benutzen, und ebenso muß der Körper stets etwas vornüber geneigt sein. Es überlief mich oftmals eiskalt, wenn ich Norweger oder Lappländer in so halsbrecherischer Weise einen steilen Abhang hinabsausen sah, und konnte ich es ihnen trotz aller Mühe hierin doch niemals nachmachen. Da es indes auch unter den Eingeborenen solche giebt, denen dies nicht gelingt, so ist man auf ein anderes Auskunftsmittel verfallen: man setzt sich nämlich rittlings auf einen kräftigen Stock, hält die Schuhe möglichst gleichmäßig und gleitet so bergab, wobei dann der Stock, auf welchen man sich recht schwer auflehnen muß, ein Übermaß der Schnelligkeit verhindert. Als ich zuerst diese Art der Beförderung versuchte, hatte ich ein glänzendes Fiasko zu verzeichnen, noch nicht einen Meter war ich vorwärts gekommen, als auch schon meine Schuhe mich verließen und selbständig hügelabwärts glitten, während ich, ehe ich mich dessen versah, im Schnee saß. Ich hatte mich nicht weit genug vornüber geneigt, und auch ein zweiter Versuch war nicht von besserem Erfolg begleitet. Je ungeschickter ich selbst mich indessen anstellte, um so mehr bewunderte ich die Gewandtheit, mit welcher sich die Kinder auf den Schneeschuhen bewegten, und machte es mir besonderes Vergnügen, zuzusehen, wenn sie sich im Springen übten; oftmals sprangen sie wohl aus einer Höhe von 2–3 m herab, ohne jemals dabei zu fallen, und trieben sie allem Anscheine nach derlei Kunststückchen mit großer Vorliebe.
Auf Schneeschuhen.
Das Wetter wurde wieder kälter, das Thermometer stand auf 30° unter 0°, meine Abreise noch länger hinauszuschieben, ging indes nicht an und so flog ich bald wieder in meinem Schlitten dahin durch die winterlich öde Landschaft.
Bei Einbruch der Nacht war Pirtiniemi erreicht; das Thermometer zeigte nunmehr 28½° unter 0°, Milliarden goldener Sterne funkelten an dem lichten, blauen Himmelszelte und hoch schossen die Strahlen der Aurora borealis an dem azurnen Gewölbe empor.
In der Nacht zeigte das Thermometer 6° unter 0° in meiner Stube, morgens gar 21° im Zimmer und 30° im Freien.
Von Korpilombo aus benutzten wir die im Winter gebräuchliche, durch eingesteckte Baumzweige kenntlich gemachte Straße und gelangten über festgefrorene Sümpfe und Moräste, durch Wälder und über Wiesen und Felder nach der Station Otanajärvi und von da weiter nach Sattajärvi. Das Wetter war schön, aber sehr kalt, selbst nachmittags stand das Thermometer noch auf 28° unter 0°.
In Pajala, wo, seit ich den Ort nicht gesehen, ein großes, schönes Schulhaus erstanden war, trafen wir größere Schneemassen denn in Haparanda, in den Wäldern lagen sie auf manchen Strecken bis zu einer Höhe von l½ und 2 m. Von hier aus führen verschiedene Wege nach Norden zu, über die weiter einzuschlagende Route mußte ich mich daher jetzt entscheiden; ich konnte, meine Reise auf dem Eise des Torne-Flusses fortsetzend, an Jukkasjärvi vorüber nach Norwegen und dann über die Berge nach dem unter 68° 40' nördl. Br. gelegenen Ofoten-Fjord gelangen. Diese Route hatte den einen großen Nachteil, daß sie einen weiten Landstrich unberührt ließ, in welchem gerade die Lappen in größter Zahl sich aufzuhalten pflegen, und deshalb beschloß ich, den andern Weg zu wählen, auf welchem ich denjenigen Landesteil kennen lernen mußte, welchen ich auf meinen Sommerwanderungen unerforscht gelassen; ich mußte demnach auf dem Eise des Muonio bis zum See Kilpisjärvi vordringen und von da aus den Lyngen-Fjord, nördlich von Tromsö, erreichen. Auf der im Winter benutzten Straße, welche quer über Moräste und mitten durch dichte Wälder führt, beträgt die Entfernung von Pajala nach Muoniovaara 120 km, und befinden sich drei – je 10 km von einander entfernte – Stationen Kaunisvaara, Killangi und Parkajoki längs des Weges.
Das Wetter ließ nichts zu wünschen übrig, das Thermometer stand nur ein Bruchteil unter 8° und unsere Fahrt ging trefflich von statten. Von dem halbwegs zwischen dem Torne und dem Muonio gelegenen Kaunisvaara ging es durch einen schönen Wald prächtiger Föhren dem an das Ufer des Muonio sich schmiegenden Arkavaara zu und von da aus auf dem Eise des Flusses selbst weiter. Mit Ausnahme meines eigenen waren hier alle Schlitten mit Renntieren bespannt, doch brauchte ich mich, da sich die Straße, infolge des lebhaften Verkehrs, in gutem Zustande befand, mein Rößlein somit rasch vorwärts gelangte, über diese Art der Beförderung keineswegs zu beklagen.
Zu später Abendstunde erreichten wir Muonionalusta, und tags darauf Muoniovaara, wo ich im Hause meines alten Gastfreundes, des Posthalters Forsström die herzlichste Aufnahme fand.