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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 24

Zwanzigstes Kapitel. Norwegens Paradies.

Von Bergen nach dem Hardanger-Fjord. – Der Melderskin. – Rosendal. – Der Eide-Fjord. – In Sturm und Wogenbraus. – Phosphoreszierendes Wasser. – Vik. – Der Vöring-Voß. – Der Sör-Fjord. – Der Tyssedal und Skjaeggedal-Foß. – Der Buarbrae.

Einzig in ihrer Art, voll gewaltiger, erhabener Schönheit sind die Bilder, welche das stolze Norwegen in seinen Fjorden bietet, jenen wunderbaren Meeresarmen, die, tief zwischen die ragenden Bergmassen hineinreichend, entzückende Lieblichkeit mit überwältigender Großartigkeit einen.

Von dem unter 60° 24' nördl. Br. gelegenen Bergen aus ist die Verbindung mit dem Hardanger-, sowie dem Sogne-Fjord sehr bequem, mehrmals wöchentlich fahren von hier aus Dampfer nach den entferntesten Punkten jener gewaltigen Meeresarme.

Bergen selbst, malerisch an den Fuß hoher Hügel geschmiegt, von deren einem Schloß Bergenhus herniederschaut, wurde schon um das Jahr 1070 von König Olaf Kyrre gegründet und ist vermöge seiner Lage von hoher kommerzieller Bedeutung, steht freilich daneben auch in dem weniger angenehmen Ruf, eines der am meisten von Regen heimgesuchten Gebiete an der norwegischen Küste zu sein, was zwar viel sagen will, jedoch buchstäblich wahr ist. Die Zahl der Regentage beläuft sich im Durchschnitt auf 134 jährlich, Nebeltage giebt es etwa 40, Schneetage 26 und die Regenmenge, sowie der geschmolzene Schnee ergeben jährlich etwa 1,80 m, dabei ist das Klima sehr mild; die Durchschnittstemperatur beträgt im Januar 0,6° über Null, im Februar noch ein Bruchteil weniger, im März 1,5°, im April 5°, im Mai 9°, im Juni 12,7°, im Juli 14,3°, im August 14,8°, im September 11,5°, im Oktober 7,2°, im November 3° und im Dezember 1°, während im Juli das Thermometer auf 24° steigt; die Durchschnittstemperatur des Jahres ist 6,7°, eine der höchsten auf der skandinavischen Halbinsel.

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Der Hafen von Bergen.

Der Hafen (Vaagen) ist nur schmal, dabei zu beiden Seiten von Warenhäusern umschlossen, von welchen diejenigen der linken Seite, noch aus der Zeit der deutschen Hansa stammend, charakteristische Typen der Bauweise jener Zeit sind, und bietet, besonders im Frühling, wenn mehrere hunderte von Fahrzeugen vom Fischfang zurückkehren, ein sehr belebtes Bild. Ungeheure Mengen von Stockfisch, Leberthran und hunderttausende von Tonnen voll Pökelheringe werden alljährlich ausgeführt.

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Keuchend unter schwerer Last.

Die Fahrt nach Hardanger nimmt von Bergen aus einen Tag in Anspruch. Der Fjord, auf der einen Seite vom Festlande begrenzt, wird – wie dies überhaupt längs der ganzen Küste, von etwas unterhalb des 59° nördl. Br. nach Norden zu, der Fall – von einer wahren Legion kleiner Inseln und Inselchen umlagert. Der äußere Teil des Fjords trägt den Namen Bömmel-Fjord und südlich von der an seinem Eingang gelegenen Bömmel-Insel hat die See nur eine Tiefe von 210 m welche sich indes, einige Kilometer weiter aufwärts, bereits zu 340 m und 380 m steigert, sich bei den Inseln Huglen und Klosterö wiederum auf 120 m vermindert, am südlichen Teil der Insel Tysnaesö aber 480 m und an dem Eingang des als Hardanger bekannten, inneren Fjords 450 m zeigt, bis dann das Wasser zwischen dem östlichen Ufer der Insel Varalsö und dem Festlande mit 650 m seine bedeutendste Tiefe erreicht.

Zuerst fährt man durch einen zwischen der Insel Tysnaesö und dem Festlande sich dehnenden engen, vielfach gekrümmten Kanal ( Luksund) dahin, welcher von dem Punkte aus, wo er, nach der anderen Seite sich wendend, eine nordöstliche Richtung einschlägt, den Anblick eines herrlichen Panoramas bietet. Ragende Berge, wohin das Auge sich richtet, die schneebedeckten Gipfel schimmernd und leuchtend im Scheine der Sonne, und im Hintergrunde die Schneefelder und Gletscher des Folgefonn von einem mächtigen Plateau herniederschauend, zu dessen Füßen der Fjord selbst sich schmiegt.

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Hardangermädchen den Brautstaat anlegend.

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Hardangerbrautpaar aus der Kirche kommend.

Nach siebenstündiger Fahrt ist Rosendal erreicht, ein entzückendes Fleckchen Erde; ein breiter Strich wohlbebauten Landes dehnt sich unten im Thale, dahinter strebt der Melderskin 1080 m hoch empor, während gegenüber am östlichen Ufer sich der fast bis zum Folgefonn reichende Mauranger-Fjord öffnet.

Von Rosendal aus ist die Gegend über die Maßen lieblich, malerisch liegt dort Oestensö am Ufer einer hufeisenförmigen Bucht, Samlekollen umringt von waldigen Hügeln und üppigen Wiesen mit dem in der Ferne emporragenden hohen Berge Oxen, von hier aus wendet sich der Fjord unter dem Namen Utnefjord scharf nach Südosten. Ich vertauschte den Dampfer mit einem Boote und von einer leichten Brise getrieben, glitt ich dahin über die schimmernde Fläche, den klaren blauen Himmel über mir und das köstlichste Landschaftsgemälde, umrahmt von stolzen, schneebedeckten Bergen um mich her.

Die Laub- und Nadelwälder, welche die an den Fuß drohend überhängender Gletscher sich schmiegenden Hügel bedecken, prangten in so üppig grünem Schmuck, wie in keinem anderen Teile des Landes sich solcher findet, und lachend und freundlich, wie die entzückenden Gebilde selbst – als ob ihm die herrliche Natur ringsum ihr eigenes Gepräge verliehen – ist auch der Menschenschlag, welcher die Dörfer und Flecken längs der Fjordufer bewohnt.

Am folgenden Tage war das Wetter morgens schön, trübte sich jedoch nachmittags; düster und drohend senkten sich dunkle Wolken auf die Berggipfel herab, da indes mein Boot mit den beiden Bootsleuten bereit lag, so beschloß ich, entgegen dem mir von allen Seiten gegebenen Rate, die Fahrt nach dem Vöring-Foß zu wagen. In dem Dämmerschein blickten die gewaltigen, schneebedeckten Berge des Ose-Fjord in gespenstischen Umrissen hernieder und einen wirklich schauerlichen Eindruck machte der obere Teil des Fjords, als die anbrechende Nacht ihren dunkeln Schleier über die ragenden Bergspitzen, die wilden Schluchten und die zerklüfteten Felswände breitete. Der Wind, der Vorbote eines Sturmes, nahm allmählich an Heftigkeit zu, vereinzelte Tropfen fielen, gleich darauf rauschte der Regen in Strömen herab, dabei heulte der Wind und die hochgehenden kurzen Wogen schleuderten unser Boot wie eine Nußschale hin und her; natürlich füllte sich bei dem heftigen Seegang unser Schiffchen beständig mit Wasser und war es mein Amt, dasselbe wieder auszuschöpfen, denn meine Leute hatten alle Hände voll zu thun, um gegen die vereinte Gewalt von Sturm und Wellen anzukämpfen. Im Eid-Fjord wurde das Toben der Elemente so entsetzlich, daß wir kaum vorwärts zu gelangen vermochten; der Regen war sehr kalt, denn etwa 300 m über uns schneite es, obendrein herrschte eine fast undurchdringliche Finsternis, um so heller schimmerten aber die schaumgekrönten Wogen; wenn sie mit lautem Brüllen sich brachen, leuchtete die ganze Fläche ringsum in wunderbar phosphoreszierendem Glanze und in tausend und abertausend Funken sprühte hochaufspritzend der Gischt.

Mit nichts kann man sich zur Nachtzeit leichter täuschen, als mit der Entfernung der Berge, und auch meine Bootsleute rannten, trotz ihrer genauen Kenntnis des Fjords, dicht gegen die Felswände an; warnend schlug das Rauschen der Wasserfälle an unser Ohr, sehen konnten wir sie jedoch nicht; nur da, wo sie über die Klippen ins Meer stürzten, verbreitete sich auf der Oberfläche jener helle phosphoreszierende Lichtschein. Gegen Mitternacht änderte sich das Wetter; der Sturm hatte ausgetobt und rasch eilten wir vorwärts, als plötzlich ein wunderbares Schauspiel unsere Blicke fesselte: dort, wo die Wasser des Erdal sich mit den Fluten des Fjords mischen, dehnte sich die schimmernde Fläche wie ein riesiges Flammenmeer – niemals hatte ich, weder in den Tropen noch in dem Kielwasser eines Schiffes, so tiefleuchtende Glut wahrgenommen; es war, als ob die Milchstraße selbst vom Himmelszelte herab in die Wogen sich gesenkt habe, und umwallt von funkelnden, glänzenden Sternen sonder Zahl glitten wir über die geheimnisvoll sprühende Tiefe dahin, bis endlich bei Vik die an eigenartigem Reiz so reiche Fahrt ihr Ende erreichte.

Überall waren hier Spuren der geräuschlos wirkenden Gletscherthätigkeit sichtbar, die Terrassen sind sehr hoch, der Boden ist arm und die Bauern schienen weder besonders wohlhabend, noch zeichneten sich ihre Häuser durch große Sauberkeit aus.

Etwa 2 km von Vik entfernt liegt der Eidfjord-See, ein wildes dunkelgrünes Wasser, von ungefähr 4 km in der Länge; ein Bergpfad führt von hier aus nach dem Vöring-Foß und zieht sich, nachdem der Strom überschritten, an dem rechten Ufer desselben weiter.

Auf dieser ganzen Strecke trafen wir nur zwei armselige Gehöfte; einige kleine Äcker, mühsam dem Felsboden abgerungen, lieferten eine spärliche Ernte an Kartoffeln und Gerste, doch herrschte auf beiden Höfen rege Thätigkeit, denn die Leute hatten gerade eine Anzahl von Schafen geschlachtet, deren Fleisch sie nun zum Winterbedarfe pökelten und trockneten.

Nachdem wir abermals zwei Brücken überschritten, erreichten wir die neue Straße, welche, über die von den Bergwänden herabgerollten Blöcke und Steine führend, erst kürzlich auf Kosten des Turist-Förening errichtet worden ist. Die etwa 2 m breite Straße führt durch das Thal bis zum Fuß des Vöring-Foß, so daß man den Anblick des herrlichen Schauspiels, welches man seither nur von den umliegenden Höhen beobachten konnte, nun in seiner ganzen Großartigkeit von hier unten zu erblicken vermag.

Ehe wir jedoch zu dem Vöring-Foß gelangten, gewahrten wir noch einen anderen Fall, der silberhell an der rechten Stromseite herabstürzend, die starren Felswände wie ein riesiger Brautschleier umwallte.

Das donnernde Brausen und Rauschen des Vöring-Foß drang immer lauter zu uns herüber; noch mußten wir unsere Schritte über eine Brücke lenken, da standen wir am Fuß des herrlichen Falles. Aus einer Höhe von 210 m stürzt die gewaltige Wassermasse in einem einzigen Guß herab, nachdem sie zuerst mit furchtbarer Wildheit durch vier verschiedene Felsbetten dahingestürmt, aber obschon drei der mächtigen Ströme ihre Fluten in die Tiefe herniederwälzen, ohne dabei die Felsen zu berühren, so kann man trotzdem den Lauf eines jeden, vermöge der ungleichen Schnelligkeit, mit der sie neben einander herrauschen, deutlich verfolgen. Der durch die Stärke des Falles verursachte Luftzug trieb die schimmernden Gischtmassen mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärts, um dieselben dann wieder in zart sich kräuselnden Wolken bis zu einer Höhe von 600 m emporsteigen zu lassen. Die Wassermasse des Vöring-Foß ist überhaupt viel stärker als diejenige des Rjukand, des Vettis-Foß oder des Skjaeggedals-Foß und jenseits des Vöring rauscht ein anderer Fall von geringerem Umfang aber aus größerer Höhe, 600 m hoch ins Thal herab.

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Der Vöring-Foß.

Von dem Hauptfjord durch eine Bergreihe getrennt, dehnt sich in fast ganz nördlicher Richtung der Sör-Fjord, ein Wasserbecken, dessen Länge etwa 40 km und dessen Breite bald 2 km, bald nur wenige hundert Meter beträgt. Unstreitig der lieblichste Fjord Norwegens kann er auch von anderen Gewässern in seiner wahrhaft unvergleichlichen Schönheit wohl schwerlich übertroffen werden, in majestätischer Pracht dehnen sich die Gletscher und Schneefelder des Folgefonn und aus einer Hohe von nahezu 1000 m rauscht ein Wasserfall der Tiefe entgegen.

Boot und Bootsleute hatte ich in Utne, einem stattlichen Hofe am Ufer des Fjords, gewechselt, eine günstige Brise ließ uns langsam vorwärts treiben, und da mir bei der Herrlichkeit des Panoramas ringsum größere Schnelligkeit keineswegs wünschenswert erschien, so untersagte ich meinen Leuten den Gebrauch der Ruder und lässig ruhten sie auf ihren Bänken, gleich mir in Bewunderung des berückend schönen Anblickes versunken.

Nicht weniger denn acht Ufer konnten wir überschauen – diejenigen des Eid-Fjord, des Sör-Fjord, des Kinservik, eines tiefen, buchtenartigen Fjords, sowie diejenigen des Utne-Fjord und als wir in den Sör-Fjord eingefahren, folgte ein Vorgebirge auf das andere, acht derselben zählte ich an der einen und auf der nämlichen Strecke, ihrer vier an der anderen Seite, alle verschieden an Form und Gestalt, auch ließen sich an der Ostseite des Fjords jüngere Schichten von blauem Quarz und Thonschiefer über den primären Granit- und Gneislagern deutlich unterscheiden. Alle übrigen Gipfel weit überragend, hebt der Folgefonn sein stolzes, weißes Haupt zum heiterblauen Himmel empor und dabei schiebt sein mächtiger Fuß so weit zum Rande der Felsen sich vor, als wolle er, über den Abgrund hinaus stürzend, seine Trümmer in den Fluten des Fjords begraben. Aus einer Höhe von 1580 m schroff abfallend, senken sich hier die gewaltigen Massen zum Meere hernieder, während eine Reihe hoher Bergkegel (Nuten) Solnut (1420 m), Torsnut (1540 m), Veranut, Langgrönut, samt einer Anzahl anderer, den Stützpunkt des Plateaus nach Osten zu bilden.

Morgens in der Frühe zeigten die Wasser des Fjords eine vollkommen spiegelglatte Fläche, in wunderbarer Klarheit strahlte dieselbe das Bild der Gletscher und Berge, der Schneestrecken, Flüsse, Bäume und Gehöfte zurück, selbst die kleinsten Felsen waren zu erkennen und auf der ruhigen Flut dahingleitend, konnten wir wähnen, uns aus dem Lande zu befinden.

Jenseits Ullensvang trat der Gletscher schärfer hervor, seine steil abfallenden Seiten schoben sich stellenweise noch weiter zum Wasser hin denn seither. Bei dem Gehöfte Hofland reichten die Felder bis zum Rande des Vorgebirges, über dessen Klippen ein schöner Wasserfall, von Fels zu Fels springend, herabrauscht, und bei Fresvik bilden die Berge einen Halbkreis mit verschiedenen Wasserfällen und einem schönen Ausblick nach dem Gletscher an der rechten Seite. Weiter nach Tyssedal hin zeigen die den Gletscher stützenden Felsen immer schroffere, fast senkrechte Wände, grau oder auch schwarz von Farbe hatten einzelne ein glattes, andere dagegen ein zerrissenes, zerklüftetes Aussehen und von dem Punkte an, wo der Tyssedal-Fluß sich in den Fjord ergießt, verengt sich derselbe mehr und mehr; finster blicken die Felsen hernieder, auch treten hier die Terrassenbildungen deutlicher und bestimmter hervor. Am Ende des Fjords liegt das Dorf Odde und von dem östlichen Ufer, etwa 6 km von Odde entfernt, führt ein beschwerlicher Reitpfad nach dem See Ringedal und dem Skaeggedal-Foß, dem schönsten unter Norwegens schönen Wasserfällen.

Zuerst zieht sich die Landstraße durch einen Föhrenwald und dann wieder über Felsen, dicht an dem, eilenden Laufes vorwärts stürmenden Tyssedal hin. An einer Stelle ragt ein kleines Eiland aus dem Strome empor und zwingt ihn sich zu teilen, nur ganz dünn rieselte das Wasser über die vollkommen glatte Felsfläche dahin, schimmernd und funkelnd im Scheine der Sonne gleich Myriaden köstlicher Eiskrystalle, während rings an den Seiten Wolken weißen Schaumes, vom Winde bewegt, zerflatterten.

Der Pfad wurde beschwerlicher, je weiter wir vordrangen, dabei war die Hitze – ich besuchte diesen schönen Fjord im Juli – beinahe unerträglich, um so mehr als die nackten Felsen die Strahlen der Sonne mit wirklich sengender Glut zurückstrahlten, trotzdem ging es über Felsengeröll, Blöcke und abgerundete Steinkegel unaufhaltsam vorwärts. Oftmals waren die Steinmassen so abschüssig, ihre Flächen so glatt, daß wir kaum festen Fuß zu fassen vermochten, doch hatte man an den gefährlichsten Punkten Baumstämme befestigt, eine sehr notwendige Vorsichtsmaßregel, denn sobald man hier den Halt verliert, bei dem geringsten Straucheln oder Gleiten, ist der Sturz in den Abgrund und ein schrecklicher Tod gewiß.

Je mehr wir aufwärts gelangten, um so freier und schöner entfaltete sich der Ausblick nach der anderen Seite des Fjords; die grüne, undurchsichtige Farbe des Meeres bildete einen wirkungsvollen Gegensatz zu den schäumenden, tobenden Fluten des Stromes, und gelegentlich erhaschten wir auch einen Blick nach den ungeheuren Schnee- und Eisfeldern des Folgefonn, am schönsten aber wirkte doch in seiner schimmernden Farbenpracht und reichen Abwechslung das Bild des Stromes selbst, denn nirgends auf allen meinen Reisen in Norwegen habe ich eine solche Fülle entzückender Wassereffekte vereinigt gefunden. Hier glitt die klare Flut so ruhig und sacht dahin, daß sie regungslos wie ein wunderbarer Spiegel aus glänzendem Krystall sich dehnte; weiterhin prallte sie gegen einen ihren Lauf versperrenden Felsen an oder stürmte, in eine schmale Kluft gezwängt, ungeduldig vorwärts, um dann, eine tobende, schäumende, wilde Masse, hinab in ein breiteres Becken sich zu stürzen; dort blitzten die neckisch daherhüpfenden oder zornig tosenden Wogen unter der blendenden Krone weißen Schaumes in dem herrlichen Grün des Turmalin; hier stolz und ruhig über geheimnisvolle Tiefen rollend, leuchteten sie wie köstlicher Saphir; dann wieder an flachen Stellen still und friedlich in leise sich kräuselndem Geriesel dahingleitend, ließen die Wellen die Kiesel wie lauteres Silber erglänzen. Wunderbar prächtig wand der Strom sich durch sein felsiges Bett, doch verdankt er zweifelsohne neben der außerordentlichen Reinheit des Wassers im See Ringedal seine hohe Schönheit, zum großen Teile wenigstens, der in diesem Jahre so überaus lange andauernden Trockenheit.

Nachdem wir den höchsten Punkt erreicht, stiegen wir auf einer regelrechten Treppenflucht, dicht am Rande eines über 100 m tiefen Abgrundes, abwärts, um nach einer etwa 2½ stündigen Wanderung das Tyssedal zu erreichen. Malerisch lag das kleine Thal im hellen Schein der Julisonne vor uns; einen überaus traurigen Eindruck aber muß es im Winter machen, wenn die Stürme von den Bergen her heulend über den See hinfegend das einsame Gehöfte Skjaeggedal umtosen. Noch führte uns auf dieser Strecke der Weg an einem schönen Wasserfalle vorüber, welcher in einem Winkel von etwa 35° ungefähr 100 m hoch herabstürzt, und dann überschritten wir auf den beiden kleinen Brücken den Ausfluß des Ringedals-Vand, dessen Wasser einen wahrhaft überraschenden Anblick bot. Von stahlblauer Farbe dicht am Ufer, vertiefte sich dieselbe einige Meter weiter zu einem so dunkelen Azur, daß keiner der vielen hundert Seen Norwegens diesem an eigenartiger Färbung auch nur annähernd gleichkommt; die farbenprächtigsten blauen Seen der Tropengegenden vermögen nicht sich mit diesem tief dunkelen, fast schwärzlichen Blau zu messen, und ebenso wenig können die Alpenseen der Schweiz ihm zur Seite gestellt werden. Umschlossen von granitnem Becken, liegt er 400 m über dem Meeresspiegel; leider war ich jedoch nicht imstande, mir Gewißheit über seine Tiefe zu verschaffen.

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Tyssestrengene.

Weiterfahrend, kam unerwartet der Tyssestrengene genannte Fall in Sicht, dessen beide Arme, 500 m hoch herabrauschend, ein Dreieck bilden und sich, in der Tiefe angelangt, zu einer einzigen, wildtosenden, von Gischtwolken umwallten Masse vereinigen, ehe der Strom, dem Blicke entschwindend, durch eine enge Schlucht zwischen Felsen hineilt, um sich dann in einem zweiten Falle eine Höhe von 160 m herabzuwälzen. Bis zu einer Höhe von 700 m steigen an diesem Punkt die Granitfelsen empor, auf dem Granit aber lagert eine etwa 210 m starke Thonschieferschicht, über welche das Wasser seinen Weg nimmt. Kaum war das schöne Bild meinen Blicken entschwunden, noch tönte das Rauschen und Brausen des Falles mir ins Ohr, als ein noch großartigeres, herrlicheres Schauspiel mir vor Augen trat. In jähem, gewaltigem Guß stürzte die ungeheure Wassersäule des Skjaeggedal oder Ringedal über den 240 m hohen Felsen herab, und auf ein Felsenriff in der Tiefe aufschlagend, wurde der Gischt in tausend kleinen Wolken von blendender Weiße wieder emporgeschleudert. Abermals traf die mächtige, wildtobende, schäumende Flut auf einen Felsenvorsprung, und wieder stieg ein dichter, dampfender Gischtnebel empor, wobei die durch die Gewalt der stürzenden Wassermasse verursachte heftige Luftströmung die leichten Schaumwölkchen zu tausend phantastischen Gebilden zerriß, bald wirbelte sie dieselben in einer dünnen Säule empor, dann wieder trieb sie sie vorwärts, jetzt rückwärts, drängte hier die sprühende, funkelnde Masse dichter zusammen, um sie dort in zartem, schimmerndem Dufte zerflattern zu lassen. Ein wunderbarer Anblick diese durch einander wallenden, schwebenden Schaumgebilde, wie sie in zauberischem Reigen über den in der Tiefe wogenden dichten Nebeln sich wiegten! Unten brodelte und zischte es geheimnisvoll und umweht von silberglänzenden Schleiern rauschte die krystallklare Flut durch eine enge Kluft dahin, um dann, etwa 200 m weiter, über einen ungefähr 20 m hohen Felsen hinabstürzend, einen zweiten Fall zu bilden.

Hunderte von großen, tausende von kleinen Wasserfällen hatte ich in Norwegen bereits erschaut; viele unter ihnen durften sich bedeutenderer Höhe, keiner von allen aber entzückenderer Schönheit, erhabenerer Großartigkeit rühmen als der Ringedal-Foß; Stunden und Stunden weilte ich in Bewunderung des herrlichen Schauspiels versunken, und jeder Augenblick ließ in zaubervollem Wechsel ein neues, wunderbares Bild vor meinen geblendeten Augen erstehen.

Eine Ruderfahrt von etwa einer Stunde brachte uns nach Odde, von wo aus dem Buarbrae, einem Gletscher des Folgefonn, ein Besuch abgestattet werden sollte.

In geringer Entfernung von Odde liegt der Sandven-Vand: nicht weit von seinem unteren Ende befindet sich ein Thal – das Jordal – und an dessen oberen Ausgang der Buarbrae. Der durch dies enge Thal führende Pfad ist leicht zugänglich; die Steigung erfolgt allmählich und beträgt die Entfernung bis zum Gletscher nur ungefähr 4 km.

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Der Skjaeggedal- oder Ringedal-Foß.

An einer Stelle ruhen die Schneefelder des Folgefonn auf einem nach Art einer Halbinsel vorspringenden Plateau, welches nach Osten hin von dem Sör-Fjord, dem Sandven-See und dem an ihn sich anschließenden Thale, nach Westen und Norden zu von dem Hardanger- und im Süden von dem Aakre-Fjord begrenzt wird. An der Ostseite fallen die Berge schroff und jäh herab; an der Nord- und Westseite sind dieselben niedriger, auch weniger steil und nackt, während sie an der dem Aakre-Fjord zugewandten südlichen Seite zwar von geringerer Höhe, dabei aber überaus schroff und von aller Vegetation entblößt sind. Zahlreiche Gletscher reihen sich rings um den Folgefonn, und ist der an der Nordwestseite sich erhebende Bondhusbrae einer der wichtigsten unter ihnen.

Große Verschiedenheit zeigt die Grenze des ewigen Schnees: unter 60° 3' reicht dieselbe nach Osten hin bis zu 1050 m; bei Blaadalsholmene unter 59° 55' an der Südwestseite bis zu 1200 m; bei Gerdesdal unter 61° 8' nach Nordwesten hin bis zu 725 m, während der höchste Gipfel des schneebedeckten Bergrückens selbst bis zu 1600 m emporsteigt, und auch der Reina, der zweithöchste Gipfel des Folgefonn, noch die stattliche Höhe von 1580 m zeigt.

Eine große Anzahl kleiner Seen schmiegt sich zu Füßen der Gletscher und verschiedene Klüfte ziehen sich über den Folgefonn hin und teilen die große Schneemasse; die eine Schlucht, in nordwestlicher und südöstlicher Richtung sich dehnend, bildet das Svartdal und das Blaadal, indes eine andere das Kvitnaadal umschließt.

Ungeheure Steinblöcke, mit Sand untermischt, am Fuß des Gletschers lagernd, ließen ihren Ursprung deutlich erkennen; vor Jahren hatte der Gletscher diesen Punkt erreicht, war dann wieder zurückgewichen, um nun abermals vorzurücken. Weiter aufwärts führte unser Weg an einem Wald vorüber und hier wiesen gleichfalls zahlreiche, zerstreut umherliegende, mit Moos überzogene Steine darauf hin, daß der Gletscher vor noch nicht allzu langer Zeit diese Höhe erreicht habe.

Der Anblick dieses mächtigen Gletschers wirkt wahrhaft überwältigend; angesichts desselben lernt man die einer so gewaltigen Eismasse innewohnende zerstörende Kraft erst recht verstehen. Die zurückweichenden Gletscher lassen aus den in der Ebene abgelagerten Felsblöcken, aus dem Schliff der Felswände den Weg erkennen, den sie einstmals genommen; der Buarbrae aber kündet mit eindringlicher Miene die unwiderstehliche vernichtende Gewalt, mit welcher das Wasser, in der Form von Gletschern, sich geräuschlos aber unaufhaltsam Bahn bricht, auch durch das festeste Gestein Thäler und Schluchten aushöhlt bei seinem langsamen aber steten Vorwärtsdringen. Mehr denn 15 m war der Buarbrae, der Versicherung meines Führers zufolge, im Laufe des vergangenen Jahres vorgerückt, alles, was sich ihm in den Weg stellte, dabei mit sich fortreißend und mit entsetzlicher Wucht zermalmend. In einer Spalte, welche quer am Fuße des Gletschers sich hinzog, bildeten Rasen und Steine ein wildes Durcheinander – alles dies hatte der Gletscher mit unerbittlicher Gewalt vor sich her geschoben, und daß selbst die starren Felsenmauern, aus dem härtesten Gestein bestehend, nicht Widerstand zu leisten vermochten, dies bewies eine zur Rechten lagernde ungeheure Felsmasse, welche gleichfalls durch den Druck des vorrückenden Eiskolosses losgerissen worden. Dieser mächtige Granitblock, etwa 6 m lang und 4 m breit, zeigte ungleichmäßige Bruchflächen, war auch noch vollständig mit Moos überzogen, über einen Teil hatte die Eismasse des schrecklichen Gletschers sich bereits hinausgewälzt, und da die obere Schicht stets rascher vorwärts drängt denn die untere, so mußte der Block, bald völlig bedeckt, ein kaltes Grab unter ihr finden; nahm dagegen der Gletscher später wieder eine zurückweichende Bewegung an, so mußte der Block dann auf dem Punkte verbleiben, bis zu welchem er, auf seinem unfreiwilligen Vormarsche, geschleppt worden. Der Gletscher, welcher sich eine tiefe Schlucht hinab über drei scharf hervortretende Felsenvorsprünge wälzt, zeigt weiter nach seinem Ende zu, wo gewaltige Felswände ihn von beiden Seiten einengen, nur eine Breite von 250–300 m und die höher aufwärts, zu beiden Seiten sich hinziehenden Moränen verschwinden weiter nach unten hin in tiefen, durch den Druck des Eises und der Felskanten gebildeten Spalten.

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Der Buarbrae.

Das Eis des Gletschers prangt in herrlichem Blau, und wenn auch die Höhle nur klein ist, so zeichnet sie sich doch durch wunderbare Schönheit aus; ebenso war das Wasser des Stromes, zur Zeit meines Besuches, bei weitem klarer als die aus dem Jostedal hervorbrechenden Gewässer.

Die Möglichkeit ist keineswegs ausgeschlossen, daß der Gletscher im Verlauf von 40 oder 50 Jahren den Sandven-See erreicht, wo alsdann seinem Vorwärtsdringen freilich ein Ziel gesetzt wäre, denn das Eis würde in dem Wasser schmelzen; aber dies ist nur eine Hypothese, Gletscher sind unbeständig sowohl in ihrem Vorrücken, wie auch in ihrer zurückweichenden Bewegung und es kann ebenso leicht möglich sein, daß nach wenigen Jahren schon der Buarbrae, anstatt weiter vorzuschreiten, sich ebenso stetig zurückzieht In den achtziger Jahren befindet er sich denn freilich auch im Zurückgehen. Dr. Y. Nielsen..

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