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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 44

Vierzigstes Kapitel. Ein Bollwerk der deutschen Hansa.

Die Insel Gotland. – Wisby. – Seine frühere kommerzielle Bedeutung. – Sagen. – Die alten Vikinger. – Gedenkkreuze. – Kirchen. – Ruinen. – Alte Münzen.

Wieder war ein Winter verflossen, wieder kehrte die schöne Jahreszeit zurück, noch war die Luft kühl, die Sonne aber versandte mit jedem Tage wärmere Strahlen und die Vegetation war weiter vorgeschritten als im vergangenen Jahre. Schon prangten Schwedens südliche, der Ostsee zugekehrte Gestade im herrlichsten Frühlingsschmuck; die Schwalben hatten ihren Einzug gehalten und schmelzend klang das Lied der Nachtigall im stillen Hain.

Rasch nahmen die Tage an Länge zu; um drei Uhr ging die Sonne bereits auf und die langandauernde Dämmerung verlieh den Morgen- und Abendstunden einen wunderbaren Reiz.

Der 22. Mai fand mich abermals auf den Wassern der Ostsee; in der Ferne stiegen zart und duftig die Umrisse einer Insel aus den Fluten empor – es war Gotland, welches dort vor uns austauchte, und je mehr wir uns demselben näherten, um so schöner ward der Anblick! Deutlicher traten die hellen Kalksteinklippen hervor, zwischen welchen dunkle Wälder, stattliche Gehöfte und Windmühlen hervorlugen, während das alte Wisby mit seinen zerstörten und doch so gewaltigen Mauern und den über dieselben sich erhebenden festen Türmen trotzig herniederblickt auf die zu seinen Füßen rauschende See. Amphitheatralisch ansteigend, verstecken sich – die Eigenartigkeit des Bildes noch erhöhend – die altertümlichen Häuser, wie die Ruinen der Kirchen, ihrer Mehrzahl nach hinter dichten Gruppen mächtiger Bäume und umflutet vom hellen Sonnenschein schaute die Stätte einstigen Glanzes uns düsteren Antlitzes entgegen.

Gotland, die größte Insel der Ostsee, liegt zwischen 56° 55' und 58° nördl. Br. fast in der Mitte des Meerbeckens, der russischen Provinz Kurland, sowie der schwedischen Provinz Småland gerade gegenüber, und in paralleler Richtung mit der schwedischen Küste sich erstreckend, befindet es sich dieser am nächsten.

In früheren Zeiten besaß die Insel große Wichtigkeit und behauptete für eine geraume Weile den ersten Rang unter den Handelsplätzen des europäischen Nordens. Die ersten Anfänge ihrer Größe und Macht reichen weit in das Altertum zurück und vermag allein die wahrscheinlich einen Nachtrag zu der Gesetzessammlung des Landes bildende »Gotlands lagarne« – eine in der alten gotischen Sprache verfaßte Sage, welche etwa ums Jahr 1200 entstanden sein soll – über diesen höchst denkwürdigen Abschnitt ihrer Geschichte Aufschluß zu geben; Gotland oder Gutland heißt das Land der Gotar oder Gutar (Goten).

»Vor alten Zeiten«, so erzählt die Sage, »erhob sich zur Nacht ein niedriges Eiland, in wunderbarer Schönheit prangend, aus den Fluten des Meeres. Wohl gewahrten dasselbe zahlreiche Schiffer und Fischer; morgens aber war es verschwunden, die Wellen rauschten über die Stelle und erst am Abend, wenn die Sonne gesunken, stieg es wieder empor über die Wogen der Östersjön (Ostsee), doch wagte niemand an der geheimnisvollen Insel zu landen, obgleich der Glaube allgemein war, sie werde dauernd an der Oberfläche bleiben, sobald nur einmal Feuer auf ihr angezündet worden. Endlich unternahm Thjelvar oder Thjalfer mit seinen Leuten das Wagnis, landete an einer kleinen Bucht der schwimmenden Insel und nimmermehr versank sie seit der Zeit.«

Wann dies merkwürdige Ereignis sich zugetragen und woher Thjelvar gekommen, meldet die Sage leider nicht, bis auf den heutigen Tag aber führt die Bucht den Namen Thjelvarvik, wie man denn auch einen Steinhaufen noch als Thjelvars Grab bezeichnet.

Die ersten Bewohner der Insel waren Heiden, welche ihren Göttern in umfriedigten, heiligen Hainen Opfer brachten; Thor und Odin genossen besondere Verehrung und noch heutigestags erinnern zahlreiche Namen von Orten und Gehöften an die Walhalla und die entschwundene Götterherrlichkeit.

Die Insel ist unter allen nördlich gelegenen Punkten eine der ergiebigsten Fundstätten für den Altertumsforscher, denn vornehmlich an dem östlichen Ufer trifft man Grabhügel in Menge, ebenso Überreste alter Schiffe, Slonkers genannt; viele dieser Ausgrabungen weisen darauf hin, daß Seeräuberei und Handel die beiden Hauptbeschäftigungen der früheren Bewohner bildeten, und daß sie ihren Reichtum häufig der Anwendung von Gewalt verdankten. Altertümer aus der Stein- und Bronzezeit finden sich nur selten; die meisten gehören der Eisenzeit an, und sind die interessantesten unter diesen die Gedenksteine, welche, aufrecht stehend und nur roh bearbeitet, meist die Darstellung eines Vikingerschiffes mit Masten, Segeln und hohem Bug zeigen. Die an Bord befindlichen Figuren sind ausnahmslos in kämpfender Stellung gebildet; darüber befinden sich Menschen- und Tiergestalten, diese aber so roh ausgeführt, daß sie nur schwer zu erkennen sind.

Die Tumuli oder ältesten Grabhügel, wie man solche in dem gegenüber liegenden Östergötland, sowie in dem südlichen Teile von Schweden findet, kommen in Gotland sehr selten vor; es giebt dort nur zwei dieser Art; die Mehrzahl der hier befindlichen Gräber besteht vielmehr aus einem Haufen kleiner Steine, dessen Inneres eine thönerne Aschenurne birgt. Rings um die Urnen liegen oftmals Kohlen und verbrannte Knochen, unverbrannte Skelette trifft man nur vereinzelt, dagegen umschließt häufig eine einfache oder doppelte Reihe gerundeter Steine diese Gräber, während andere Begräbnisstätten aus vier die Aschenurne umgebenden Steinplatten bestehen. Ebenso findet man sehr viele Platten mit Runeninschriften, welche vermutlich als Gedenksteine auf Gräbern gedient, und trifft man dieselben sowohl aufrecht stehend wie flach liegend, doch sind die Inschriften meist so verwischt, daß eine Entzifferung nahezu unmöglich erscheint; Gedenkkreuze mit Runeninschriften, dem christlichen Zeitalter angehörend und noch aus dem 14. und 15. Jahrhundert stammend, kommen gleichfalls häufig vor, und auch viele alte Befestigungswerke, Erdwälle und rohe Steinmauern hat man aufgefunden.

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Gedenkkreuze.

An Münzen besitzt die Insel einen besonderen Reichtum; im Jahre 1870 fand man zu Sindarve in Hemsö, an einer einzigen Stelle, mehr denn 1500 Stück zusammen, deren Gewicht über 20 kg betrug. Es waren Münzen aus dem westlichen Teile des römischen Reiches und, wie durch die Jahreszahl ersichtlich, in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. geprägt; klein und dick zeigten sie die gut ausgeführten Bildnisse von Kaisern und Kaiserinnen, wurden Denarii genannt, und spricht das abgenutzte Aussehen vieler dieser Münzen von langjährigem Gebrauch vor ihrer Eingrabung. An einzelnen Punkten trifft man auch römische Goldmünzen, Solidi, diese aber nie mehr als in einer Anzahl von 40 bis 50 Stück zusammen und meistenteils aus dem 4. und 5. Jahrhundert stammend; ebenso sind kufische Münzen aus den Städten Kufa, Bagdad, Samarkand, Bokhara und anderen asiatischen Orten häufig und sind dieselben gewöhnlich groß, rund und an Stelle von Bildnissen an beiden Seiten mit arabischen Inschriften bedeckt; mehr denn 10 000 dieser Münzen hat man bereits auf der Insel gefunden, die ältesten derselben stammen aus dem 6., die neuesten aus dem 10. Jahrhundert. Englische Münzen mit sehr schlecht ausgeführten Bildnissen von Königen aus dem 9. und 10. Jahrhundert und ebenso große Mengen von deutschen und anderen Münzen mit den Bildnissen von Bischöfen, Städtewappen u. dergl. m. kommen gleichfalls vielfach vor.

Ich erstand eine Silbermünze, welche gerade von einem Bauern beim Pflügen ans Tageslicht befördert worden war; dieselbe trägt das Bild des römischen Kaisers Commodus, des Sohnes von Marcus, welcher den Thron 180 n. Chr. bestieg und 192 n. Chr. starb.

Schmucksachen, darunter solche von Wert, wie: Ringe, glatt, gewunden und geflochten, einfache goldene und silberne Spangen für die Arme und den Nacken, zuweilen auch mit Perlen besetzt, Bronzezieraten, Schuhschnallen, Gürtel, Bernstein und Glasperlen, sowie Haarnadeln und Elfenbeinkämme hat man bereits in großen Mengen ausgegraben, und außer diesen werden noch viele andere Dinge, wie z. B. glatte und gewundene Silber- und Goldstangen, welche, in Stücke geteilt, vermutlich als Zahlungsmittel dienten, Thongefäße u. dergl. m. häufig gefunden.

Ein Zauber eigener Art webt seine unsichtbaren Netze um alte Ruinen, die Zeugen längst vergangener Jahrhunderte. Selten dringt angesichts der geborstenen Säulen, im Schatten zerbröckelnder Mauern, welche scheinbar für die Ewigkeit gefügt, doch endlich fielen – ein Opfer der irdischen Vergänglichkeit – ein Laut der Freude an das Ohr des Wanderers, der Anblick einstiger Größe wirkt dämpfend, niederdrückend auf den lebensfrohen Beschauer, und aus dem morschen Gemäuer tönt es wie eine Mahnung an die Ohnmacht des Menschen und den Unbestand seiner Werke. Diese Zeugen früherer Herrlichkeit, zu welchen nachgeborene Geschlechter mit ehrfurchtsvoller Scheu emporblicken, welche gewaltigen Ereignisse, wie viel Glück, wie viel Freude mögen sie einst geschaut haben!

Allem Anscheine nach lieferten die Felsen, auf welchen die Stadt sich erhebt, das Material zu den mächtigen Mauern und den stolzen Kirchen. Zwischen Häusern und Hütten neueren Ursprunges lugt hier hinter ehrwürdigen Linden, Ulmen, Nuß- und Maulbeerbäumen ein Prachtbau aus der Zeit der deutschen Hansa – vielleicht einstmals der Sitz dänischer Gouverneure oder das Heim unermeßlich reicher Handelsherren – dort ein sonderbares Gebäude – ein ehemaliges Warenlager – hervor. Einzelne dieser Zeugen früherer Größe sind noch wohl erhalten, während andere, verlassen und verfallen, mit klaffenden, epheuumsponnenen Mauern über die entschwundene schöne Zeit zu trauern scheinen. Malerische Ruinen, deren Alter nach Jahrhunderten zählt, und einsame Gottesäcker wechseln ab mit modernen Gebäuden, den Heimstätten der Lebenden, welche es lieben, zur Verzierung ihrer Pforten Grabsteine zu benutzen, auf denen die Namen der Toten, Wappen, Inschriften und phantastische Bildnereien noch deutlich sichtbar sind.

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Wisby.

Über den Zeitpunkt der Gründung der Stadt, wie auch der übrigen Ansiedlungen der Insel sind keinerlei zuverlässige Nachweise vorhanden. Welcher Art indes die frühere Geschichte derselben auch gewesen sein mag, so steht doch so viel fest, daß sie im Laufe des 10., 11. und 12. Jahrhunderts zu hoher kommerzieller Bedeutung sich emporschwang und einen ungemein ausgedehnten Handel betrieb. Kaufleute aus England, Holland, Rußland, Frankreich, von den Küsten des Mittelländischen Meeres und aus anderen Teilen Europas kamen hierher und im Jahre 1237 sicherte der englische König Heinrich III. den Gotländern das Recht der zollfreien Aus- und Einfuhr von Waren. Bis nach Asien reichten die Handelsverbindungen vieler Kaufleute; damals wurden die Waren aus Indien, Persien und anderen Teilen Asiens auf der Wolga bis Nowgorod befördert und der Verkehr gewann an Ausdehnung, je mehr die Kriegsflamme im Osten wütete; damals erreichte der Reichtum der Inselbewohner eine fabelhafte Höhe und die mächtigen Kirchenbauten nahmen ihren Anfang.

Zur Zeit ihres höchsten Glanzes besaß die Stadt innerhalb ihrer Wälle nicht weniger denn fünfzehn Kirchen und zwei Klöster, außerhalb der Thore eine Kirche, sowie ein Nonnenkloster. Viele dieser Gotteshäuser waren von fremdländischen, in der Stadt lebenden Kaufleuten erbaut; während des 11. und 12. Jahrhunderts allein erstanden auf der Insel mehr denn hundert Kirchen, von welchen die meisten jetzt noch vorhanden und zur Abhaltung von Gottesdienst im Gebrauch sind; mehrere derselben zeichnen sich durch Schönheit der Architektur aus.

Die Stadt zählte einstmals 12 000 Einwohner und außer diesen hatten zahlreiche Handwerker, für deren Unterkunft der Stadtbereich keinen Raum bot, sich vor den Thoren derselben angesiedelt. Siegel der dazumal mächtigen Gilden sind bis auf unsere Zeit gekommen; jedes derselben trägt den Namen eines Schutzheiligen. Damals war die Stadt vollkommen unabhängig, prägte ihr eigenes Geld, von welchem man jetzt noch viele Stücke findet, und rüstete ihre eigene Kriegsmannschaft.

An denkwürdigen Ereignissen ist die Vergangenheit Wisbys sehr reich; mehr als einmal haben die gewaltigen Mauern den Ansturm und die Belagerung feindlicher Heerhaufen aushalten müssen und mehr als einmal auch sah sich die Stadt der Plünderung preisgegeben. Die jetzt noch teilweise stehenden »Ringmuren« wurden im Jahre 1288 erbaut und umschlossen ein Gebiet von 135 Tunnland (etwa 85 Hektar); von den 36 Türmen, welche die übrigen Inselbewohner – jeder Ting (Bezirk, Pfarrei) je einen Turm – damals errichteten, sind jedoch nur 28 übrig geblieben, welche ihrer Mehrzahl nach eine Höhe von 18–20 m haben. Die Mauern, um welche ehemals drei tiefe Gräben sich hinzogen, sind mit Schießscharten versehen, zwei Türme bewachen jedes Thor und noch sind an einzelnen Stellen die engen Spalten vorhanden, durch welche die Besatzung kochendes Öl, heißes Wasser oder geschmolzenes Blei auf die Belagerer herabzugießen pflegte.

Trotz dieser starken Befestigungen wurde Wisby dennoch im Jahre 1361 von Waldemar III. von Dänemark, einem der zahlreichen Neider seiner Macht, im Sturm genommen, denn der alte Friedensvertrag war längst zu einem toten Buchstaben geworden und Schweden vermochte der Überlegenheit des dänischen Königs nicht Widerstand zu leisten. Durch eine Bresche, nahe beim Südthore, drang Waldemar in die Stadt ein und an dieser Stelle wurde zur Erinnerung an die Gefallenen später ein Kreuz errichtet, dessen lateinische Inschrift, noch heute lesbar, also lautet:

»Im Jahre 1361, am Dienstag nach St. Jakob, fielen die Gotländer vor den Thoren der Stadt durch die Hand der Dänen. Sie ruhen hier. Betet für sie.«

Ungeheuer war die Beute, welche in die Gewalt des Feindes geriet, selbst die Kirchen wurden ihres silbernen und goldenen Schmuckes beraubt. Aber dem dänischen Könige war es nicht vergönnt, den Preis seines Sieges in Sicherheit zu bringen; von einem Sturme überrascht, scheiterten die Schiffe, welche den Raub bargen, in der Nähe der Insel Carlsö.

Unzählige Ruinen erzählen von dem Glanze und von dem Falle der stolzen Stadt – eine ernste Erinnerung an den Unbestand aller irdischen Dinge; gewiß hielten die Handelsfürsten von Wisby die Macht und Größe der Stadt für alle Zeiten gesichert, gewiß wähnten sie den Reichtum derselben in stetem Wachsen begriffen, zerronnen sind die schönen Träume, verschollen und vergessen ruhen die mächtigen Kaufherren unter den alten Grabsteinen, unter dem Rasen der Friedhöfe, wohin man sie vor Jahrhunderten gebettet, und nur die zerbröckelnden Ruinen, die geborstenen Trümmer einstiger Prachtbauten, legen Zeugnis ab für die Wahrheit dessen, was die Geschichte uns meldet von der gewaltigen Größe dieser stolzen Handelsstadt, einer der berühmtesten und einflußreichsten in Europa zur Zeit des Mittelalters.

Eine der schönsten Ruinen ist diejenige der Kirche St. Katarina, welche von den Franziskanermönchen 1233 als Kirche erbaut, dann später in ein Kloster umgewandelt wurde. Der Grundriß der Kirche bildet ein längliches Viereck mit zwölf achteckigen, in zwei Reihen stehenden Säulen und einem fünfeckigen Chor. Ursprünglich im Rundbogenstil errichtet, mußte sich diese Form späterhin die Umwandlung in Spitzbogen gefallen lassen; jetzt aber ist das Dach vollständig zerstört; nur die Säulen sind geblieben, doch auch diese scheinen dem Falle nahe und bloß die kleine Krypta unter dem südlichen Teile der Kirche ist noch wohl erhalten. Auf dem Boden grünt das Gras; die meisten Steinplatten sind entfernt worden, um als Treppenstufen, Thürschwellen u. s. w. Verwendung zu finden, indes bemerkte ich unter den wenigen noch vorhandenen eine, auf welcher die Gestalt eines Priesters mit dem Kelch in der Hand ausgehauen war und welche die Jahreszahl 1380 trug.

Die Kirche St. Göran (St. Georg), welche sich gleichfalls über einer Krypta erhebt, besitzt in ihrem unteren Teil eine Länge von über 25 m bei einer Breite von 14 m, hat rundbogige Fenster und Thüren, und 4 runde 3½ m hohe Säulen stützen den oberen Teil, von welchem eine Treppe nach dem Dache führt; übrigens hat diese Kirche bereits im Jahre 1540 durch ein Erdbeben bedeutenden Schaden erlitten, wenigstens sollen die in den Mauern befindlichen tiefen Risse noch aus dieser Zeit stammen. Hinter der Kirche liegt das Hospital der Pfarrei.

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Sankt Lars (St. Laurentius-Kirche).

Von der Höhe der gleichfalls zerstörten, zu Anfang des 13. Jahrhunderts erbauten Helge-Ands- (Heilige Geist-) Kirche genoß ich einen schönen Ausblick nach den übrigen Ruinen, unter welchen, als den zunächst gelegenen, die etwa 20–30 m von einander entfernten Ruinen von Sankt Lars (St. Laurentius) und Drotten (Heilige Dreieinigkeit) mir besonders auffielen. Die Kirche St. Lars, in Gestalt eines griechischen Kreuzes erbaut und wie die Nachbarkirche aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammend, zeigt den Rundbogenstil, hat im Innern eine Länge von 32 m bei einer Breite von 24 m, und an jeder Seite führen zwei Treppen zu einer an drei Seiten der Außenwand sich hinziehenden Galerie. Diese Kirche soll etwa ein halbes Jahrhundert älter sein als Drotten. Die Kirche St. Maria, welche im Jahre 1225 die Weihe erhalten haben soll, ist die einzige, in der jetzt noch Gottesdienst abgehalten wird. Sie mißt 54 m in der Länge bei 24 m in der Breite; Steintafeln aus den verschiedensten Zeiten mit Namenszügen, Runen, lateinischen, altgotischen, deutschen, holländischen und dänischen Inschriften decken den Boden, und birgt diese Kirche die sterblichen Überreste vieler bedeutenden Persönlichkeiten, darunter auch Philip Axelson Thotts, des dänischen Gouverneurs der Insel, welcher im Jahre 1464 hier starb. Unmittelbar vor dem Altare befinden sich drei besonders schöne Steine, indes wird die altertümliche Zeichnung, bei der häufigen Benutzung gerade dieses Platzes, leider zu Schaden kommen oder gar allmählich ganz unkenntlich werden; auf dem Kirchhofe bemerkte ich gleichfalls Grabsteine aus der Zeit von 1300–1400 und waren einige unter ihnen, was sich an den verschiedenen auf einander folgenden Daten erkennen läßt, mehrmals benutzt worden.

Ganz in der Nähe der Kirche ist auch das Gerippe eines Walfisches untergebracht, welches man in früheren Zeiten für die Überreste einer riesenhaften Jungfrau, der Erbauerin der Kirche, gehalten, und als ich mich bei meinem Begleiter erkundigte, wer gottlos genug gewesen sei, diesen frommen Glauben zu stören, erhielt ich die Antwort: »Kein Geringerer als Linné!« Die alte Chronik erzählt hierüber Folgendes: In der Nähe von Wisby habe man einen Fisch gefangen, dessen Geschrei wie dasjenige eines Menschen geklungen habe, so daß alle, die es hörten, sich darob verwunderten, und dieser Fisch sei dann in der Kirche St. Maria aufgehängt worden.

Eine der schönsten Ruinen ist die um 1240 erbaute Kirche St. Nikolaus, einst das größte Gotteshaus in Wisby. Sie gehörte den Dominikanern, zeigt eine Mischung von Rund- und Spitzbogenstil und mißt 60 m in der Länge bei 20 m in der Breite. Zehn viereckige Säulen sind noch vorhanden, von diesen jedoch zwei beschädigt, ebenso hat das Hauptgebäude noch 22 Fenster aufzuweisen, von denen sich 3 spitzbogige Fensteröffnungen an der Westseite durch besondere Schönheit auszeichnen.

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St. Nikolaus-Kirche.

Unter den Kirchen, von welchen nur noch wenige Trümmer geblieben, ist auch St. Gertrud, von den holländischen Kaufleuten erbaut und nur etwa hundert Schritt südöstlich von St. Nikolaus gelegen; ihre Länge betrug etwa 20 m, ihre Breite 7 m; auch St. Hans war eine der ältesten und größten Kirchen der Stadt, und zwar wurde hier 1525 der erste protestantische Gottesdienst abgehalten. Indes bezeichnen nur wenige Trümmer jetzt die Stätte, und ebenso wurden auch St. Jakob und St. Mickel vollständig zerstört.

Von Ruine zu Ruine wanderte ich, bis ich endlich auch die letzte unter ihnen in Augenschein genommen hatte und mich wieder den finsteren Wällen und Türmen gegenüber befand, deren jeder einzelne seine denkwürdige Geschichte besitzt.

Die alte Feste durch das von zwei Türmen flankierte Norreport (Nordthor) verlassend, gelangte ich alsbald hinaus nach dem offenen Lande, wo sich nach allen Seiten hin Straßen und Wege abzweigen. Da und dort gewahrt man am Rande der Landstraße herrliche Eichen, ebenso Birken, Ulmen, Eschen, Pappeln, Ebereschen, Espen, Haselnuß-, Nuß- und Maulbeerbäume; auch prächtige Föhren- und Fichtenwälder ziehen längs derselben sich hin, an anderen Stellen trafen wir dagegen mächtige Felsblöcke oder aus dem Erdreich hervorragende große Kalksteinmassen, und dann wieder reihten sich streckenweise wohlbestellte Felder mit trefflich aussehendem Winterweizen und Roggen, Wiesen und Hopfenpflanzungen an einander. Hier und da tauchte auch eine jener anmutigen Kirchen empor, an denen die Insel einen so großen Reichtum besitzt und die, in der Bauweise einander sehr ähnlich, fast alle ein ebenso liebliches Bild abgeben, wie die hübsche Kirche zu Garde es zeigt.

Einzelne der Gehöfte hatten ein sehr stattliches Aussehen, die meisten Häuschen jedoch waren klein, dabei aber überaus nett und rein; viele derselben, aus Kalksteinen erbaut, zeigten einen Mörtelbewurf, die meisten auch hohe, schräge Ziegeldächer, während andere mit Balken oder mit Stroh gedeckt waren. Töpfe mit Blumen prangten an den Fenstern, freundliche Gärten und schöne Obstbaumpflanzungen umgaben die Häuschen, kurz, alles deutete, wenn auch nicht gerade auf Überfluß, so doch auf behaglichen Wohlstand. Überall saßen fleißige Frauen emsig mit dem Zerschneiden von Kartoffeln beschäftigt, welche anderen Tags dem Schoß der Erde anvertraut werden sollten, denn schon waren die Bauern eifrig beim Pflügen.

Vorsorglich waren auch an den in den Höfen stehenden Bäumen Nistkasten für die Vögel angebracht und dank dieser lobenswerten Fürsorge herrschte denn auch kein Mangel an gefiederten Sängern; von allen Seiten erklang der Sang der Drossel und ebenso erfüllten Heidelerchen die Luft mit ihren süßen Melodien.

Einen eigentümlichen Gebrauch, welchen ich bei den hiesigen Bauern traf, kann ich nicht unerwähnt lassen: alle ihre Ackergeräte, wie auch alle sonstigen Gegenstände sind nämlich mit bestimmten Zeichen (Bomärken) versehen; jede Familie hat ihr eigenes, von den Vorfahren ererbtes Zeichen und ebenso jede Pfarrei außerdem ihr besonderes Bomärke.

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Kirche zu Garde.

Der Volkszählung von 1870 nach besitzt die Insel eine Einwohnerzahl von 53 946 Personen, darunter 28 205 weiblichen Geschlechts, und der Viehstand bezifferte sich zu derselben Zeit auf: 11 000 Pferde, 8500 Ochsen, 1000 Bullen, 14 000 Kühe, 4800 junge, noch nicht zweijährige Kühe, 38 000 Schafe, 700 Ziegen und 5700 Schweine. Rindvieh, Schafe und Korn bilden Ausfuhrartikel.

Die Insel verfügt über eine besondere Miliz, welche niemals außerhalb derselben Verwendung finden darf; jeder Mann wird von seinem 18. bis 50. Lebensjahr alljährlich für die Dauer von 6 Tagen einberufen und vom 50. bis 60. Jahre gehört er der Reserve an, doch müssen sich Familienvorstände, Pächter, Handwerker u. a. m. nur im Falle dringender Notwendigkeit stellen. Die Offiziere ernennt der König, während die Unteroffiziere von den Mannschaften gewählt werden.

Das Klima ist unter dem Einflusse der Meeresluft milder als in dem südlichsten Teile des schwedischen Festlandes, und besitzt das Eiland in dieser Hinsicht einige Ähnlichkeit mit England. Ulmen entwickeln sich sehr schön, Kastanien- und Maulbeerbäume erreichen eine stattliche Höhe und Trauben gedeihen trefflich an Spalieren, wie denn die Flora der Insel überhaupt ungemein reichhaltig ist, umfaßt dieselbe doch mehr denn 960 verschiedene Arten von Pflanzen. Der Frühling scheint hier zur selben Zeit zu beginnen, wie etwa gewöhnlich in der Gegend von New-York; da ich die Insel besuchte, prangten Pflaumen-, Birnen- und Apfelbäume in entzückender Blütenpracht; der Flieder hauchte köstlichen Duft und das süße Veilchen streckte das liebliche Köpfchen neugierig aus dem grünen Grase hervor.

Besonderes Interesse bietet die Geologie der Insel. An vielen Stellen findet man, nach Hinwegräumung der oft 9 m starken Erdschicht, an den Kalksteinfelsen die durch die Gletscher bewirkten Schliffflächen und Furchen; durch die darüber lagernden Erdmassen vor der Einwirkung der Witterung geschützt, ist das Gestein so glatt wie Glas und hat das Aussehen von Email. Die Furchen, deren viele eine Tiefe von 30 cm zeigen, ziehen sich ihrer Mehrzahl nach von Nordost nach Südwest, wodurch die Annahme berechtigt erscheint, die Gletscher seien von Finnland hergekommen.

Längs der ganzen Küste gewahrt man zahlreiche, nicht zu verkennende Anzeichen einer langsamen Erhebung des Landes. An mehreren Stellen, in beträchtlicher Entfernung vom Ufer, hat die Thätigkeit der Wogen große hohe Säulen aus den Kalksteinklippen gebildet, und so stehen sie nun gleichsam als Marksteine da, das frühere Ufer bezeichnend, gegen welches die Wellen ehemals in ungestümem Anpralle heranrollten.

Einen besonders umfassenden Überblick gewährt die dicht bei Wisby sich 45 m über den Meeresspiegel erhebende Högklint (hohe Klippe), von welcher aus die zerklüfteten Ufer mit ihren steilen Klippen auf eine weite Entfernung hin sichtbar sind. In vollkommener Ruhe lag das Meer und so klar waren seine Wasser, daß man, selbst dicht am Ufer, bis zu einer beträchtlichen Tiefe alles genau erkennen konnte. Zwischen den Klippen traten alte Meeresbuchten, Zeichen früherer Meereshöhe, nur etwa 9, 12 oder 15 m über dem gegenwärtigen Meeresstand, deutlich hervor, nach der Seeseite hin gewahrte ich dagegen, in geringer Entfernung vom Ufer, unverkennbare Spuren einer überfluteten Bucht, welche, wenn die Erhebung der Insel weitere Fortschritte macht, gleichfalls eines Tages wieder über die Fluten emporragen wird. Schon jetzt lassen sich an einzelnen Punkten des Inselufers 40–50 verschiedene, über einander liegende Zeichen früherer Meereshöhe erkennen, ein unwiderleglicher Beweis dafür, daß das Land im Laufe der Jahre allmählich aus den Wogen emporgestiegen ist, und es entsteht die Frage: sollte dies nicht etwa auch den Ursprung der vorhin erwähnten Sage bilden?

Als ich zum letztenmal auf dieser Höhe stand, wie herrlich war das Bild! kein Hauch bewegte die See, nur die Sonne, die dort am Horizont in feuriger Pracht hinabsank, überflutete sie mit goldig leuchtendem Scheine und ich träumte mich zurück in die Zeit, da die stolzen Schiffe der Wikinger, wenn sie hinauszogen zu Kampf und Eroberung, ihre Wogen furchten – vorbei, vorbei! Leise senkten sich die Schatten der Dämmerung hernieder, immer undeutlicher, verschwommener erschienen die Umrisse der jenseitigen Küste, jetzt umhüllte sie die Nacht vollständig mit dichtem Schleier und durch das Dunkel blitzten hier und da helle Lichter auf – die Feuer der Leuchttürme, – jener freundlich warnenden, leitenden Sterne des Seefahrers!


Lebe wohl, Skandinavien! ich habe dein Gebiet durchstreift von Süden nach Norden, von Ost nach West! ich habe in deinen freundlichen Städten, deinen friedlichen Dörfern, deinen traulichen Gehöften und deinen niederen Hütten geweilt; auf den Fluten deiner Fjorde und Seen hat sich mein Kahn geschaukelt, deine lieblichen Thäler habe ich durchwandert und über deine stolzen Berge bahnte ich mir einen Pfad, tiefer Bewunderung und Ehrfurcht voll blickte ich auf deine mächtigen Gletscher und am Rande deiner wilden, zerklüfteten Felsenriffe stehend, schaute ich hinaus auf das sturmgepeitschte, wogende Meer und lauschte dem Tosen der Brandung, wie sie in ohnmächtigem Grimme die starren Klippen umtoste!

Nimmer werde ich der Gastfreundschaft vergessen, die mir bei deinen Bewohnern zuteil geworden; hoch und niedrig – der König und der Bonde – von beiden ward dem Fremden gleich freundlicher Willkommsgruß geboten und ewig unvergeßlich werden mir die glücklichen Tage bleiben, die ich inmitten deines biederen, hochsinnigen Volkes verleben durfte! Skandinavien – herrliches Land der Mitternachtssonne –, lebe wohl! –

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