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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 29

Fünfundzwanzigstes Kapitel. Christiania. Dr. Y. Nielsen

Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Christiania. Dr. Y. Nielsen

Lage der Stadt. – Der Christianiafjord. – Zerstörung und Wiederaufbau der Stadt. – Ihre Umgebung. – Der Frogner-Saeter.

Unter den größten Städten der skandinavischen Halbinsel zeichnet sich Christiania, die Hauptstadt Norwegens, durch die Schönheit ihrer Lage und Umgebung besonders aus; der Reisende, welcher zum erstenmal mit dem Dampfschiff den langen Fjord in der Nacht herauffährt und sich am frühen Morgen der Stadt nähert, wird von der prachtvollen Natur wahrhaft überrascht.

An Dröback und den Festungswerken von Oscarsborg vorüber fährt der Dampfer in ein großes Bassin, den inneren Christianiafjord, ein, welchen schön geformte Berge von allen Seiten umgeben. Es folgt eine Reihe von anziehenden Landschaftsbildern, bis man endlich bei Näsodtangen angelangt, in kurzer Entfernung die Stadt erblickt, welche in einen breiten Thalboden sich schmiegt.

Die alte Burg Akershus nimmt die Mitte ein, zu beiden Seiten breitet die Stadt sich aus, nach Osten bis gegen den steilen Ekeberg hin, wo zahlreiche kleine Häuser an die Felsen sich anlehnen, an der Westseite erhebt sich das königliche Schloß und weiterhin dehnt sich das Häusergewimmel, bis sich die Stadt zwischen Wäldern, Feldern und Gärten verliert.

Prachtvolle waldbekleidete Berge bilden den Hintergrund des reizenden Bildes, welches sich dem Beschauer mit unauslöschlichen Zügen ins Gedächtnis prägt; selbst der Reisende, der viele Länder durchstreift hat, wird vergebens nach einem passenden Vergleiche suchen. Das prächtige Landschaftsbild erinnert an Italien, hat aber die Luft und die Vegetation des Nordens und steht dadurch in seiner Art ganz einzig da.

An derselben Stelle, auf welcher Christiania jetzt liegt, hat sich eine städtische Ansiedlung schon vor mehr als 8 Jahrhunderten befunden.

Die Bauern aus dem Inneren des Landes haben von hier aus seit uralten Zeiten ihre Verbindung mit der Außenwelt aufrecht erhalten; hier führten sie ihre Schiffshäuser »Nausten« auf, um nach der Rückkehr aus fernen Gegenden die Schiffe während des Winters in ihnen unterzubringen.

Später haben sich an dem günstig gelegenen Punkte auch Kaufleute angesiedelt und damit wurde der Anfang zu einer kleinen Stadt gemacht, die um 1050 von dem Könige Harald Härderäde ihre erste städtische Verfassung erhielt. Diese Stadt trug den Namen Oslo, der im mittelalterlichen Latein mit Ansloia wiedergegeben wurde, während die deutschen Kaufleute sie Anslo Oslo nannten, war Königs- und Bischofssitz, hatte mehrere Kirchen und Klöster und ward im späteren Mittelalter gewissermaßen die Hauptstadt des Reiches. Ohne mit Bergen, dem Stapelplatze der Hansa, wetteifern zu können, trieb doch die Stadt einen nicht unbedeutenden Handel, besonders mit Rostock, und Kaufleute und Handwerker aus diesen deutschen Städten gründeten in Oslo eine Handelsfaktorei, die keineswegs der Bedeutung entbehrte.

Nachdem Oslo schon oftmals durch Feuer gelitten, wurde die Stadt im Jahre 1624 durch ein solches gänzlich zerstört. König Christian IV. befahl, daß die Stadt nicht an der alten Stelle, wohl aber ganz in der Nähe, in unmittelbarer Verbindung mit der ums Jahr 1300 angelegten Burg Akershus wieder aufgebaut werden sollte und schenkte dieser neuen Stadtanlage seinen eigenen Namen, indem er sie Christiania nannte.

Der älteste Teil Christianias, noch aus dieser Zeit stammend, zeigt eine große Regelmäßigkeit der Anlage, wie sie der König überall in seinen Städtegründungen durchzuführen suchte. Breite, schnurgerade Straßen mit zwei- oder einstöckigen Häusern wurden überall errichtet und das Ganze mit Festungswerken umgeben. Schon längst sind diese letzteren jedoch verschwunden und seit 1850 hat sich die Stadt nach allen Richtungen hin ausgedehnt. Die neueren Teile von Christiania haben indes keineswegs die Regelmäßigkeit der Altstadt aufzuweisen, vielmehr scheint bei ihnen Unregelmäßigkeit als Regel gegolten zu haben; einige jener Vorstädte, die ein wahres Wirrsal von Häusern bilden, sind von anderen ganz neuen Stadtteilen umgeben, die einen völlig modernen Charakter zur Schau tragen.

Auch das alte Oslo ist längst in der neuen sich überall erweiternde Stadt aufgegangen, welche, 1815 nur 10 000 Einwohner zählend, jetzt nahe an 130 000 hat.

Christiania ist nicht wie die alten Hauptstädte und Königssitze eine an seltenen Kunstschätzen und Denkwürdigkeiten reiche Stadt. Was ihr einen so besonderen Reiz verleiht, ist ihre herrliche Lage. Überall öffnen sich die schönsten Aussichten, welche den Fremden wie den Eingeborenen gleichmäßig entzücken. An den Quais am Fjorde trifft man stets kleine Dampfer, welche zwischen den zahlreichen Inseln einen lebhaften Verkehr unterhalten. Diese Fahrten durch die romantischen Buchten des inneren Fjordes bieten einen wunderbaren Genuß. Besonders prachtvoll ist es, die Natur dort in dem Halbdunkel der nordischen Sommernacht zu schauen, wenn die Sonne für einige kurze Stunden sich hinter den Bergen verbirgt, ohne jedoch die Gegend ganz unbeleuchtet zu lassen. Dann erst versteht man vollständig den geheimnisvollen Zauber, welchen die Natur dieser nördlichen Länder auf alle ausübt, die sie, wäre es auch nur einmal, gesehen.

Auf einer dieser zahlreichen Inseln und Halbinseln des schönen Bygdö liegt das kleine königliche Lustschloß Oskarshal, von dem volksbeliebten König Oskar I. aufgeführt und zu einem kleinen Museum norwegischer Kunst bestimmt. Von dem hochgelegenen Frogner-Saeter aus, einst eine Waldsenne, nunmehr ein schön eingerichteter kleiner Landsitz, bietet sich ein umfassender Überblick über die ganze Umgegend von Christiania, den Fjord mit seinen grünen villenbesäeten Ufern, die Stadt und die sie umgebenden Gärten, das Ganze von waldigen Bergen gleich einem dunkeln Rahmen umschlossen. Gegen Abend steigert sich auch hier der wunderbare Zauber des herrlichen Bildes; wenn die Sonne im Westen hinter den fernen Bergen hinabsinkt, erstrahlt das großartige Bild in vollster Farbenpracht des Nordens.

Seit alter Zeit gehört es für die Bewohner von Christiania zu den Erfordernissen des Lebens, eine Landstelle, sogenannte Lökke, entweder zu besitzen oder für den Sommer zu miethen. Die Vermehrung der Zahl dieser Landstellen, die meistens an der Küste oder auf den Inseln belegen find, steigert sich allmählich ganz im Verhältnis mit dem Wachstum der städtischen Bevölkerung. Eine geraume Zeit wandte sich der Zug ausschließlich gegen Westen, nunmehr sind seit einigen Jahren auch die östlichen Ufer und Inseln stark besetzt worden und man findet hier auf der Orms (Schlangeninsel) und der Malmö einige der lieblichsten Sommeransiedlungen, in welchen sich während der schönen Monate von Mai bis September reges Leben entfaltet.

Die Zeiten, da Christiania in jedem Winter auf eine Eisblockade von 3–4 Monaten vorbereitet sein mußte, sind längst dahin. Seit dem Allgemeinerwerden von Dampfern kann die Schiffahrt höchstens während einiger Wochen eine Störung erfahren und das auch nur, wenn das ganze Skagerrak zufriert. Es ist vorgekommen, daß der Hafen von Christiania gänzlich frei gewesen, während derjenige von Kopenhagen 4–5 Wochen hindurch oder noch mehr durch Eis gesperrt wurde.

Christiania besitzt außerdem vortreffliche Eisbrecher, kleine Dampfer, welche eigens dazu bestimmt sind, das Eis wegzuschaffen, ehe es noch zu stark geworden; ihre Einrichtung ist derart, daß sie auch, wenn eine Feuersbrunst im Hafen oder in feiner Nähe ausbrechen sollte, als Feuerspritzen Verwendung finden können, und zwar sind die Wassermengen, welche sie versenden, ganz ungeheuer.

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