Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:
Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:
Wie verwende ich eine EPUB-Datei?EPUB herunterladen
„Im Lande der Mitternachts-Sonne“ als E-Book für Ihren Reader.
Projekt Gutenberg unterstützen
Ihr Download startet.
Projekt Gutenberg lebt davon, dass Literatur frei zugänglich bleibt.
Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie, diese Bibliothek zu erhalten und weiter auszubauen.
Im Buch suchen
Zwölftes Kapitel. Durch unwirtsame Regionen.
Glücklich aus der Klemme. – Auf dem Karasjoki. – Ein Schneebett. – Tiefer Schnee, warmer Sonnenschein und grüne Birken. – Lappenkinder. – Kautokeino. – Suajärvi. – Karesuando. – Ankunft in Pajala.
Wieder einmal befand ich mich in Verlegenheit wegen eines Führers, der Stellvertreter des Herrn F. jedoch, welcher sich seither meiner angenommen, schaffte Rat und bestimmte den Lappen, welcher die Leiche hierher gebracht, mich nach Kautokeino zu geleiten. Nils Persen Gjusjavre wurde mir als ein überaus zuverlässiger Mann geschildert, und wenn auch der Lohn, welchen er verlangte – 45 M – ein hoher war, so wußte ich doch andrerseits, daß er, auf seinem Gehöfte angelangt, möglicherweise die Renntiere nur mit vieler Mühe zu beschaffen vermöge. Überdies war die Zeit, während welcher der von der Regierung festgesetzte Tarif eingehalten werden muß, längst vorüber, die Fahrt ließ sich nur zur Nachtzeit bewerkstelligen, und so konnte ich es dem Manne nicht verdenken, wenn er seine Mühe etwas höher als sonst üblich in Anschlag brachte.
Nils Persen, groß von Gestalt und mit angenehmem Gesichtsausdruck, war kein Vollblutlappe, die Magd dagegen, welche ihn hierher begleitet hatte, konnte mit ihrem untersetzten, kräftigen Körperbau recht wohl für das Musterbild einer Berglappin gelten. Unsere Renntiere waren gleichfalls Prachtexemplare mit schönen Geweihen, das eine, welches Nils fuhr, erwies sich jedoch als etwas sehr wild und unlenksam, was wir um so unangenehmer empfanden, als Nils die Leitung übernahm, das Tier sich aber entschieden weigerte, auf dem gebahnten Wege zu bleiben. Zu verschiedenen Malen rannte es sogar mit einer raschen Schwenkung quer über das Eis des Flusses hin und Nils sah sich genötigt auszusteigen, um es am Zügel zurückzuführen. Die Wildheit des Leittieres machte natürlich auch unsere Renner unruhig, und da wir auf diese Weise nicht vorwärts zu gelangen vermochten, so beschlossen wir, dem Mädchen die Führung zu überlassen. Indes auch dieser Versuch schlug jämmerlich fehl, denn obschon unsere Kerres – Nils' zuletzt – an einander befestigt waren, so gab der ungestüme Vierfüßler doch keineswegs das Bestreben auf, seinen eigenen Willen durchzusetzen, und brachte es auch richtig fertig, an die Spitze des Zuges zu kommen, wobei mein Schlitten sehr unsanft gegen das vordere Gefährte geschleudert wurde. Obendrein stampfte das ungebärdige Geschöpf immerfort mit den Füßen in meinen Schlitten und so bestand ich schließlich darauf, daß jeder Schlitten allein fahren solle. So geschah es und außerdem übernahm das Mädchen das unlenksame Tier, war jedoch nicht imstande, es zu bändigen, und mußte es sich gefallen lassen, mehr als einmal aus der Kerre geworfen zu werden; Nils mußte, nachdem er sich etwas ausgeruht, das Mädchen von seiner undankbaren Aufgabe erlösen und unter seiner starken Hand erschöpfte sich endlich die Unbändigkeit des Durchgängers, so daß er sich der Gangart seiner Genossen anbequemte.
Rasch flogen wir auf der harten Schneedecke dahin, unser Weg führte uns andauernd auf dem Karasjoki weiter, an dessen Ufer Terrassen emporstiegen und Hügel, mit laublosen Birkenwäldern bedeckt, sich hinzogen. Einige Kilometer stromaufwärts erblickten wir das, seines trefflichen Heues wegen, im Sommer vielfach von den Karasjok-Lappen besuchte Assebagli vor uns; hier ergießt sich auch der Ausfluß des kleinen Sees Cejnojavre (javre oder järvi = See) in den Karasjoki, dessen Eisfläche wir bald darauf verließen, um unsere Fahrt auf einem anderen seiner Nebenflüsse, dem Jesjoki, fortzusetzen. Je weiter wir gelangten, um so seltener wurden nun die Föhren, nur hier und da ragte ein dunkler Wipfel über die Häupter der Birken empor und blickte, einer einsamen Schildwache gleich, hinaus ins Land.
Wir hielten an, um die Tiere weiden zu lassen, denn wie die meisten den Lappen gehörigen Renntiere, waren auch diese nicht daran gewöhnt, abgeschnittenes Moos zu fressen, jedoch gebrauchten wir dabei die Vorsicht, sie an langen Riemen festzumachen, damit sie sich nicht etwa allzu weit entfernten. Wir selbst benutzten die Zeit gleichfalls zu unserer Erholung, denn besonders Nils und das Mädchen fühlten sich vollständig erschöpft, hatten sie doch während der drei letzten Tage kaum die Augen zum Schlummer geschlossen; ich bedeckte mein Gesicht mit der Maske und uns in den Schnee einwühlend, schliefen wir einige Stunden lang so ruhig und fest, als ob wir uns daheim in unseren Betten befänden.
Von hier ab mußten wir sorgfältig unsern Weiterweg suchen, denn die Spuren, welche Nils mit seinen Schlitten auf der Herfahrt gemacht, waren inzwischen verweht, dem Flußbett aber konnten wir nicht länger folgen, weil bei der großen Menge von Felsblöcken und Stromschnellen die Eisdecke zu viele Unebenheiten bot; wir hielten uns, wenn es anging, so viel wie möglich am Ufer des Flusses, kamen dabei aber auch zuweilen dem Rande so nahe, daß nur die sicherste Führung des Zügels uns vor dem Schicksal bewahrte, in den klaffenden Eisspalten zu versinken, durch welche wir die rauschenden, gurgelnden Wassermassen zu erblicken vermochten. Es dauerte indes nicht mehr lange und der Gjusjavre war erreicht, ein kleiner See, von welchem eben jener Fluß seinen Ausgang nimmt. An seinem Ufer erhob sich das Gehöfte Nils Persens, wir waren nunmehr etwa 100 km von Karasjok entfernt und hatten für diese Strecke eines Zeitraumes von 17 Stunden bedurft. Die Gegend ringsum zeigte trotz der leicht wellenförmigen Gestaltung des Bodens ein überaus einförmiges, trostloses Ansehen, aus der ungefähr einen Meter tiefen Schneedecke ragten die laublosen Birken traurig empor, seufzend strich der Wind durch ihre dürren Zweige und einsam und verlassen schaute der Gebäudekomplex über den eisbedeckten See herüber. Als wir uns dem gastlichen Dache näherten, fing es an zu schneien, die Flocken aber waren nur dünn und leicht, denn das Thermometer zeigte 11° unter 0°.
Es waren im ganzen etwa 14 Gebäude, welche hier beisammen standen, einfache, mit Erde bedeckte Blockhäuser, deren Äußeres nur zu deutlich Zeugnis ablegte von den Stürmen, welche bereits über sie dahingegangen. Einzelne derselben, welche sich auf ungefähr einen Meter hohen Pfosten erhoben, dienten als Vorratshäuser und gehörten den auf der Wanderschaft befindlichen Stammesgenossen; das Wohnhaus aber mit dem weiten Flur in der Mitte und den beiden geräumigen Zimmern an den Seiten machte einen ganz behaglichen Eindruck. In dem Flur hingen und lagen Schuhe, Kleider, Felle und Brennholz bunt durch einander, in dem Wohngemach loderte ein helles Feuer unter dem mit Renntierfleisch gefüllten Kessel, und rings auf dem Boden saßen Lappen, Männer und Frauen, essend und rauchend beisammen, denn dies Gehöfte bildete einen sehr beliebten Sammelplatz der Berglappen, welche, ihre Nahrungsmittel mitbringend, samt Frauen und Kindern oft tagelang hier verweilen und während der Nachtzeit mit einem Platze auf dem Fußboden vorlieb nehmen.
Meine Ankunft gab das Zeichen zu einer Generalreinigung des ganzen Hauses, besonders das Gastzimmer wurde vollständig unter Wasser gesetzt, auch die Fenster mußten es sich gefallen lassen, die lange vernachlässigte Bekanntschaft mit dem Scheuerlappen zu erneuern, dann wurden die herumliegenden Gegenstände aus dem Wege geräumt, die aufgehängten Netze in einer Ecke zu einem Haufen geschichtet, neue Renntierfelle und frisches Heu aus dem Vorratshause herbeigeholt, um die Bettstatt damit zu füllen, und blendendweiße Schaffelle darüber gebreitet. Ein prasselndes Feuer in dem Ofen sorgte für das rasche Trocknen des Flures, während ich mich an dem stärkte, was die Hausfrau von ihren Vorräten an Renntierfleisch, Käse, Butter, Milch und Kaffee für mich herbeischleppte.
Der zu dem Gehöfte gehörige Viehstand umfaßte 4 Kühe, 10 Schafe, 1 Ochsen und 1 Kalb, außerdem aber nannte Nils eine Renntierherde sein eigen, war auch Besitzer eines Warenlagers und versorgte die Lappen mit Mehl, Kaffee, Zucker, Salz, Tabak und Zündhölzern, wogegen er Häute, Schuhe und Handschuhe von ihnen einhandelte. Er war ein rühriger, fleißiger Mensch, dabei gutmütig und gefällig über die Maßen und stets darauf bedacht, anderen eine Freude, eine Annehmlichkeit zu verschaffen; für seine lappischen Gäste hatte er aus Karasjok einen kleinen Vorrat an geistigen Getränken mitgebracht und trefflich ließen sich die Leutchen den seltenen Trunk munden; mich aber lud er dringend ein, ihn für längere Zeit zu besuchen, indem er, um seiner Aufforderung größeren Nachdruck zu verleihen, hinzufügte: »An Gelegenheit zum Fischen fehlt es nicht, es giebt hier Lachse in ungeheuren Mengen und ebenso können Sie hier Schneehühner schießen nach Herzenslust.«
Zur Sommerzeit mochte die Gegend mit den langgestreckten Hügelketten, den grasbewachsenen Abhängen und den in den Fluten des Sees und in dem klaren Wasser des Flüßchens Vuodasjoki sich spiegelnden, zart belaubten Birkengehölzen einen recht malerischen Anblick gewähren, aber die Mosquitos mußten der Beschreibung nach eine wahre Landplage sein und selbst dem eifrigsten Naturfreund jeden Genuß rauben.
Am 4. Mai verließ ich in Begleitung des wackeren Nils das gastfreundliche Heim von Gjusjavre. Ein gütiges Geschick sandte uns treffliches Reisewetter, der Himmel war bedeckt und das Thermometer stand auf 8° unter 0°, besser konnten wir es uns gar nicht wünschen, selbst die Hunde mochten unter so günstigen Umständen eine erhöhte Wanderlust empfinden und folgten uns trotz unserer lebhaften Verweise und ungeachtet der lauten Zurufe der Zurückbleibenden unter munterem Bellen eine ziemliche Strecke weit.
Zuerst führte uns der Weg auf dem Eise des Vuodasjoki dahin, nach einer Weile aber mußten wir die glatte Fläche, auf welcher die Tiere mit ungeheurer Schnelligkeit dahin sausten, verlassen, um uns an dem Rande des Lappojavre weiterzubewegen, wir befanden uns nunmehr 400 m über dem Meeresspiegel, doch war der Aufstieg von dem Fjord aus sehr allmählich vor sich gegangen.
Wohin wir blickten, gewahrten wir tiefe Löcher, welche die Renntiere in den Schnee gescharrt hatten, um zu dem Moose zu gelangen, einzelne unter ihnen waren bereits wieder zum Teile zugeweht, und so sah die ganze Fläche ringsum aus, als ob ein riesiger Pflug darüber hingegangen wäre.
Das Plateau, welches die Wasserscheide bildet zwischen Alten und Tana, war nunmehr erreicht. Überall trafen wir hier Lappen mit ihren Herden auf dem Marsche, eilends glitten die fremdartigen Gestalten auf ihren Schneeschuhen dahin, während die Hunde bellend die Herde umkreisten und dafür sorgten, daß die Tiere sich nicht verliefen; sie standen im Begriffe, neue Weidegründe aufzusuchen, wo der Schnee weniger tief lag, oder solche, die, dem Winde mehr ausgesetzt, vielleicht stellenweise ganz von der weißen Hülle befreit waren.
Bei der ersten dieser wandernden Familien befanden sich mehrere Frauen, welche jede eine Kätkem (Wiege) mit einem kleinen Kinde darin auf dem Rücken tragend, gleichzeitig die Leitung der Lasttiere besorgten; eine andere Familie bestand aus einem alten Manne, drei Frauen und mehreren Kindern, und alle waren eifrig mit dem Aufschlagen des Zeltes beschäftigt. Eine kleine Weile darauf kamen wir zu einem anderen Lagerplatz; hier hatte das Zelt seine Aufstellung bereits gefunden, auch das gastliche Feuer verbreitete schon hellen Schein und die Kinder rannten auf ihren Schneeschuhen umher, um weiteren Vorrat an Wacholder und Zwergbirkenreisern zu sammeln, während dicht bei dem Zelte eine große Renntierherde es sich auf der Schneedecke bequem gemacht hatte. Die armen Geschöpfe waren nach dem weiten Marsch, den sie zurückgelegt, augenscheinlich zu sehr erschöpft, um alsbald mit dem ermüdenden Moosgraben beginnen zu können, und ebenso lagen auch die Hunde vollständig ermattet um das wärmende Feuer geschart in festem Schlaf.
Nachdem wir gerastet, setzten wir unsere Fahrt wieder fort, nach einer Weile erreichten wir einen nach dem Flusse hin steil abfallenden Hügel, und Nils machte Halt, um vorsichtigerweise unsere Kerres an einander zu befestigen und zur Mäßigung der Fahrgeschwindigkeit zwei der Renntiere hinter denselben anzubinden. Ich erhielt einen kurzen Stock, welchen ich in den Schnee stemmen und auf diese Weise mein Fuhrwerk lenken sollte, Nils selbst aber, der, die Beine über den Schlittenrand gelegt, fuhr, benutzte seine Füße gleichzeitig als Steuer wie als Hemmschuh. Der an der Oberfläche hart gefrorene Schnee bot eine so glatte Bahn, daß es bei der Geschwindigkeit, mit welcher wir vorwärts sausten, unmöglich war, eine gerade Linie einzuhalten, die Kerres würden unfehlbar unsere Zugtiere überholt und zum Fallen gebracht haben, wir mußten deshalb zur Zickzackfahrt unsere Zuflucht nehmen, aber auch diese hatte noch Fährlichkeiten genug aufzuweisen, und bei jeder scharfen Wendung war ich darauf gefaßt, von meinem Sitze geschleudert zu werden.
Zu sehr vorgerückter Stunde trafen wir in Kautokeino ein, und obschon bereits 7. Mai, war es doch bei weitem nicht so hell wie vor zwölf Tagen in Vardö. Zu einer günstigeren Zeit hätte ich übrigens gar nicht anlangen können, eine Woche früher oder später würde bereits für meinen Zweck einen gewaltigen Unterschied gemacht haben. Gerade in diesem Augenblick war die ganze Lappenbevölkerung in voller Bewegung, denn da mit dem Eintreten des Thauwetters die tiefer gelegenen Landstrecken überschwemmt werden, so ist es unumgänglich notwendig, daß die wandernden Söhne der Berge den Wechsel ihres Wohnortes vor diesem Zeitpunkte vornehmen, und so befinden sie sich zu Anfang des Maimonates samt und sonders auf dem Marsche nach den höher gelegenen Regionen, sowie den Sommerweiden in der Nähe der Fjorde.
Da die Provinz Finnmarken allein mehr denn 65 000 Renntiere aufzuweisen hat, so bot sich mir natürlich in diesem Orte oft genug Gelegenheit, große Scharen an mir vorüberziehen zu lassen, und gewährt es schon einen hübschen Anblick, die schnellfüßigen Tiere über die pfadlosen, schneebedeckten Hügelketten dahineilen zu sehen, so ist das Schauspiel doch noch bei weitem schöner, wenn Herde um Herde auf einander folgt. Von einem, den Fluß überragenden Felsvorsprung aus konnte ich besonders umfassende Ausschau ins Land hinaus halten und deutlich erkannte ich die Gestalten der Weiber und Männer, welche, aus ihren Schneeschuhen pfeilgeschwind dahingleitend, die Tiere in der gewünschten Richtung hielten, während die Hunde die Nachzügler umkreisten und in die Reihen ihrer Genossen trieben, bis dann der ganze Zug, immer weiter und weiter vorrückend, in der Dämmerung gleich einer dunkeln Wolke am Horizonte dahinzog und schließlich verschwand. Im Dorfe selbst herrschte reges Leben; ganz im Gegensatz zum Sommer, zu welcher Zeit jedermann in den Bergen und der Ort wie ausgestorben war, fand ich jetzt jedes Haus bis zum letzten Winkel besetzt. Es wimmelte förmlich von Lappländern, welche gekommen waren, um Freunde und Verwandte vor ihrem Wegzuge zu sehen, Dinge, deren sie auf dem Marsche nicht bedurften, hier zurückzulassen und ihre Vorräte an Mehl, Zucker, Kaffee u. s. w. zu vervollständigen. Da die Gastfreundschaft auch hier in unbeschränktem Maße geübt wird, die Ansprüche hinsichtlich des Unterkommens überdies stets überaus bescheidener Natur sind, so drängten sich auf sehr beschränktem Raume oftmals eine ganze Anzahl von Familien zusammen, welche sich einrichteten, so gut es eben gehen wollte, und für die Nacht mit einem Lager auf Fellen vorlieb nahmen. Daß während der Anwesenheit der fremden Gäste der Kaffeekessel nicht vom Feuer kam, galt als selbstverständlich und das gegenseitige Bewirten mit dem beliebten Getränk wollte gar kein Ende nehmen. Ihre aus Fischen und Renntierfleisch bestehenden Mahlzeiten bereiteten sich die Gäste selbst und in zwangloser Weise wurden dabei sämtliche Knochen und Grätenabfälle einfach auf den Boden geworfen, und da obendrein während dieser ganzen Zeit von einer gründlichen Reinigung natürlich nicht die Rede sein konnte, so spottete in den meisten Häusern der Schmutz und der Unrat einer jeden Beschreibung. Beim Abschied begnügten sich die wenigsten damit, dem Wirte ihre Erkenntlichkeit für die gastliche Aufnahme nur in Worten auszudrücken, gewöhnlich ward ein Geschenk als sichtbares Zeichen des Dankes gegeben und spielten dabei große Stücke Renntierfleisch, Handschuhe und Schuhe eine hervorragende Rolle. Kaum waren die einen gegangen, so folgten andere, und in ununterbrochenem Wechsel ging es in dieser Weise von Ostern an bis etwa zum 10. oder 15. Mai, zu welcher Zeit in der Regel die letzten ihren Durchzug bewerkstelligt haben.
Natürlich bot diese ungeheure Ansammlung von Menschen treffliche Gelegenheit zur Bereicherung meiner Studien und zur Berichtigung mancher vorher gefaßten Meinung. So war ich z. B., ehe ich diesen Teil des Landes besuchte, in dem Wahne befangen, daß der Einfluß des langandauernden Tageslichtes, wie umgekehrt dann wieder der kurzen dunkeln Tage und langen Nächte notwendigerweise eine Entartung der menschlichen Rasse zur Folge haben müsse, aber gerade das Gegenteil sollte ich finden: je weiter ich in Schweden wie in Norwegen nach Norden zu vordrang, um so kräftiger und stärker schien mir der Menschenschlag, um so zahlreicher waren die Familien und um so größer die Zahl der Geburten im Verhältnis zur Zahl der Bevölkerung; betrug dieselbe doch in Tromsö 34 und in Finnmarken gar 36 auf 1000 Personen jährlich. Es ist durchaus nichts Ungewöhnliches, in einer Familie und von einer Frau eine Zahl von 15–18 Kindern zu treffen, und manchmal, obgleich dies seltener vorkommt, steigt sie auch wohl auf 20–24 Köpfe; allem Anschein nach zeigt sich die Fisch- und Milchdiät der Vermehrung der menschlichen Rasse sehr förderlich. Ebenso erreichen viele Personen ein sehr beträchtliches Alter, ohne dabei von der demselben sonst eigenen Gebrechlichkeit zu leiden, im Gegenteil traf ich häufig sowohl Männer wie Frauen, welche sich, trotz der hohen Jahre, im Vollbesitz ihrer körperlichen, Kräfte, sowie einer unerschütterten Gesundheit befanden.
Auf dieser Strecke trafen wir Schneehühner in großen Massen, sie waren gerade dabei, ihr weißes Federkleid gegen ein graues zu vertauschen. Ihre Zutraulichkeit setzte mich in Erstaunen, sie ließen uns bis auf wenige Meter herankommen, ohne sich nur zu regen, und so war es natürlich ein Leichtes für uns, eine ziemliche Anzahl derselben zu erlegen. Ein weiterer Vorteil war es, daß die Renntiere sich nicht im mindesten vor dem Schießen fürchteten, und so konnten wir unsere Waffen abfeuern und dabei in aller Bequemlichkeit in unseren Kerres sitzen bleiben. Freilich klang der Knall bei der außerordentlichen Dünne der Luft so schwach, daß ich zuerst meinte, die Gewehre seien ungenügend geladen, und mich erst von dem Gegenteil überzeugte, als das aufs Korn genommene Wild, obendrein in ziemlicher Entfernung, tot niederfiel.
So ungeheuer ist die Zahl der Schneehühner in diesen Gegenden, daß von Kautokeino allein deren oftmals 10 000 Stück in Fallen gefangen und nach den Küstenorten versandt werden.
Auch an Raubvögeln ist in jenen Regionen durchaus kein Mangel, der berühmte Jagdfalke ( Falco gyrfalco) ist hier heimisch, jedoch nicht in großer Anzahl vertreten; als Herrscher im Reiche der Lüfte aber muß unstreitig der prächtige Königsadler ( Aquila chrysaëtos) anerkannt werden, während unter den verschiedenen Eulenarten die Schneeeule ( Strix nyctea) bemerkenswert erscheint.
Nach einer ziemlich langen Fahrt lag endlich der kleine See Suajärvi vor uns, und da mittlerweile die Sonne ihre Einwirkung auf die Schneemassen etwas allzu sehr geltend machte, so blieb uns nichts anderes übrig, als in einem der einsamen Gehöfte Rast zu halten, und erstanden wir bei dieser Gelegenheit einige Hermeline, welche man in der vorhergehenden Nacht in Fallen gefangen hatte.
Bei unserer Fahrt, hügelabwärts dem Muonio zu, bekamen wir wieder Föhren zu sehen, bald hatten wir auch den Fluß hinter uns und erreichten Karesuando, um nach vollen 24 Stunden der verdienten Ruhe zu genießen.
Am 10. Mai setzte ich von Karesuando aus meine Reise in südlicher Richtung weiter fort. Das Wetter hatte sich geändert, der Wind wehte heftig, der Schnee fiel in dichten Massen, und mein Pesh, d. h. mein Pelzkleid, welches mir während der letzten Tage viel zu warm gewesen, war mir nun im höchsten Grade willkommen. Auf schwedischem Gebiete trafen wir große Herden Renntiere, dann und wann auch Lappen mit ihrem Gepäck. Männer und Frauen wanderten zu Fuß neben den Lasttieren einher, und von den Weibern trugen obendrein einige ihre kleinen Kinder, welche man zum Schutz gegen die Kälte sorgfältig in Felle eingehüllt hatte; übrigens waren dies die letzten Lappen, welche ich auf meiner Winterwanderung zu Gesicht bekam, weiter südlich ließen sie sich um diese Zeit nicht mehr treffen.
Sehr beträchtlich war die Zahl der Renntiere, welche unterwegs an mir vorübergekommen, betrug dieselbe doch nicht weniger denn 60 000 Stück. Nur noch kurze Zeit konnten sie zum Ziehen der Schlitten Verwendung finden, sobald die Schneedecke verschwand, mußten sie sich dazu bequemen, die Lasten auf dem Rücken zu tragen, und je zu zweien oder dreien zusammengekoppelt der Leitung ihrer Führer zu folgen.
Am 17. Mai überschritt ich glücklich den Torne-Fluß und atmete freier auf, als ich Pajala sowie die Landstraße vor mir erblickte. In dem längs der Straße sich hinziehenden Walde lag der Schnee noch über 1 m hoch, unter den heißen Sonnenstrahlen aber schwand er zusehends dahin und die Umgebung der Dörfer war nahezu ganz schneefrei.
Tagsüber zeigte das Thermometer 5°–7° über 0° im Schatten und 24°–25° in der Sonne; die Nächte dagegen waren noch immer kalt und sank das Quecksilber gewöhnlich bis zu 5° unter 0°. Am 22. Mai hatten wir sogar noch einmal tüchtigen Schneefall, die Flocken aber waren sehr groß und locker, und am 23. Mai regnete es zum erstenmal in diesem Jahre, dabei senkte sich ein dichter Nebel herab und das Thermometer stieg nicht höher denn 4° über 0°. Dieser Tag bildete den Anfang des hier so rasch eintretenden Frühlings, indes noch ein ganzer Monat mußte verstreichen, ehe der erste Dampfer vor Haparanda anlangen konnte, und da ich nunmehr imstande war, mich mit einiger Geläufigkeit in der finnischen Sprache auszudrücken, so benutzte ich die freie Zeit fleißig zu Besuchen in den umliegenden Ortschaften. Ich galt den Leuten nicht länger als ein Fremder, überall wurde ich mit der größten Freundlichkeit und Herzlichkeit aufgenommen und in dem ungezwungenen vertraulichen Verkehr bot sich mir Gelegenheit, im Zeitraum dieses einen Monats ihre eigenartigen Gebräuche auf das gründlichste kennen zu lernen.