Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:
Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:
Wie verwende ich eine EPUB-Datei?EPUB herunterladen
„Im Lande der Mitternachts-Sonne“ als E-Book für Ihren Reader.
Projekt Gutenberg unterstützen
Ihr Download startet.
Projekt Gutenberg lebt davon, dass Literatur frei zugänglich bleibt.
Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie, diese Bibliothek zu erhalten und weiter auszubauen.
Im Buch suchen
Siebenunddreißigstes Kapitel. Im Herzen von Skandinavien.
Dalekarlien. – Elfdal und seine Porphyrschleifereien. – Rättvik. – Schwedische Fäbodar. – Johannistag in Schweden. – Eine Hochzeit in Dalekarlien. – Falun. – Kupferbergwerke. – Vermland. – Der Dalsland-Kanal.
Es ist ein schöner Landstrich, welcher sich im Herzen von Skandinavien, nördlich der großen Seen, hinzieht, Dalekarlien ist sein Name, von den Schweden wird er Dalarne genannt, und die Bewohner desselben, deren Zahl nahezu 200 000 beträgt, dürfen sich rühmen, der schönste Menschenschlag auf der ganzen Halbinsel zu sein. In ihrer äußeren Erscheinung prägt sich sehr viel Stolz und Selbstgefühl aus, und die Unabhängigkeit ihrer Gesinnung straft ihr Aussehen nicht Lügen: Mannhaftigkeit, Ehrlichkeit und Gutmütigkeit sind die hervorstechendsten Charakterzüge, dabei sind sie sehr stolz auf ihre alte Geschichte und auf die kriegerischen Großthaten, durch welche ihre Vorväter sich unter der Führung Engelbrekts aus dem Hause Sture und späterhin eines Wasa in dem Kampfe gegen die fremden Eindringlinge auszeichneten, unter deren eisernem Joche das schwedische Volk seufzte. Als eine ganz besondere Eigentümlichkeit muß bei den Dalekarliern das so stark ausgeprägte Gefühl für Gleichheit gelten, wie sie ja auch jedermann, den König keineswegs ausgenommen, nie anders als mit »Du« anreden. Im Reichstage zu Stockholm erscheinen die Abgeordneten dieser Provinz in der Tracht ihrer heimatlichen Pfarreien, und selbst wenn sie an Empfangstagen zu Hofe gehen, verschmähen sie es, sich den Ansprüchen der herrschenden Mode zu beugen. Das Erbrecht des Erstgeborenen hat bei ihnen keine Geltung und ebensowenig trifft man hier die Torpare, wie sie im Süden Schwedens, oder die Husmaend, wie sie in Norwegen genannt werden. Das religiöse Gefühl des Volkes ist überaus stark entwickelt, von frühester Jugend auf lehrt man die Kinder das Gute zu lieben, um des Guten willen, und das Böse zu hassen, um des Bösen willen, und fern von dem Getriebe der großen Welt und unberührt von den Versuchungen, welche das Jagen nach Reichtum mit sich zu führen pflegt, verbringen sie in ihrem nicht übermäßig reichen Lande ein stilles, friedliches Dasein. Im Verkehr mit Fremden legen sie eine große Zurückhaltung an den Tag, sobald jedoch der Bann gebrochen und ihre Schüchternheit überwunden ist, zeigt sich die Liebenswürdigkeit und Zuverlässigkeit ihres Wesens in ihrem vollen Umfange. Für jede ihnen erwiesene Freundlichkeit bezeigen sie sich von Herzen dankbar, ihre Genügsamkeit läßt sie mit wenigem auskommen, dabei ist ihnen eine angeborene Heiterkeit des Gemütes eigen, und so kommt es, daß, wenn auch die meisten Gehöfte nur klein sind, das wackere Völkchen doch mit seinem irdischen Lose vollkommen zufrieden zu sein scheint.
»Wer öffnet das Thor?«
Umgeben von wohlbestellten Feldern und üppigen Wiesen erheben sich schmucke Gehöfte, die Landstraßen aber sind in gewissen Entfernungen durch Gitterthore abgesperrt, welche das Rindvieh verhindern sollen, die angebauten Strecken zu betreten. In der Nähe dieser Thore trifft man meist eine Schar munterer Kinder, welche ungeduldig darauf warten, einem des Weges Kommenden den Durchgang öffnen zu dürfen, und ist es natürlich, daß die Reisenden sich veranlaßt finden, diese Dienstleistung durch Spendung einiger kleinen Geldmünzen dankend anzuerkennen, worauf meistens eine freundschaftliche Balgerei um die auf der Erde zerstreuten Geldstücke erfolgt, schließlich aber die Teilung des Betrages in gewissenhaftester Weise vorgenommen wird.
Der nordwestliche-Teil von Dalekarlien ist reich an schönen Wäldern, aber auch reich an Sümpfen und Morästen, welche diesen Landstrich fast unzugänglich machen. In Idre, einem armseligen Flecken mit wenigen zerstreut liegenden Gehöften, traf ich den Geistlichen beim Heumachen, er war zu arm, um einen Tagelöhner dingen zu können, und mußte seine Arbeit allein verrichten. Die Beschränktheit seiner Mittel that indes seiner Gastfreundlichkeit keinen Eintrag, er bestand darauf, daß ich sein einfaches Mahl mit ihm teile, und unterhielten wir uns während desselben ganz vortrefflich.
Mit Ausnahme dieses Gebietes ist der hervorstechendste Charakterzug der Landschaft in Dalekarlien Anmut und Lieblichkeit; viele der Hügel sind bis zum obersten Gipfel dicht mit Wald bedeckt, auch an Flüssen und Seen ist kein Mangel.
Särna liegt hübsch am Ufer eines Flusses, der sich hier zum See erweitert, und inmitten schöner Wälder, grünender Wiesen und wogender Felder schmiegt sich Elfdal, in dessen Nähe die berühmten Porphyrschleifereien sich befinden. Die am häufigsten vorkommende Art zeigt eine dunkelbraune Farbe und enthält rötliche Feldspatkrystalle, indes auch andere Steinarten, besonders Hyperit und Granit, gelangen hier zur Verarbeitung, und zwar finden in den Werken ausschließlich Arbeiter aus der Umgegend Beschäftigung.
Von den eigentlichen Dalekarliern sind die Bewohner von Elfdal vollständig verschieden, nicht ein einziger gut aussehender Mann, nicht eine einzige hübsche Frau war zu sehen, die vorstehenden Backenknochen, sowie die platte, aufgestülpte Nase ließen die halblappische Abstammung deutlich erkennen, wie denn auch die meisten, vornehmlich die Frauen, kurzen gedrungenen Körperbau zeigten.
Sind aber die Dalekarlier ein von der Natur auffallend bevorzugter Menschenschlag, so nehmen doch in Hinsicht ihrer körperlichen Schönheit die Bewohner der Pfarrei Orsa den ersten Rang unter ihnen ein. Die Männer sind durchgängig von hoher, kräftiger Gestalt, so recht geschaffen für den hügeligen Charakter ihrer Heimat, und ihre kleidsame Tracht – kurze Röcke aus weißem, selbstgefertigtem Tuche (es werden gewöhnlich deren zwei über einander getragen, der untere des besseren Sitzens wegen ohne Ärmel), Kniehosen aus weißem Leder und dunkelblaue Strümpfe – bringt das prächtige Ebenmaß ihrer Glieder aufs vorteilhafteste zur Geltung. Alle tragen das Haar in der Mitte gescheitelt. Auch unter den Frauen trifft man zahlreiche stattliche Erscheinungen, und viele der jungen Mädchen besitzen jene eigenartig schöne schwedische Gesichtsfarbe, welche an Frische, Reinheit und Durchsichtigkeit in keinem anderen Lande ihresgleichen findet, in allerhöchster Vollkommenheit. Eine in Milch schwimmende Apfelblüte – dies ist der einzige Vergleich, den ich für die zarte Rosenfarbe ihrer Wangen zu geben vermag – die Schwedinnen allein dürfen sich rühmen, jenen wunderbar duftigen Rosenschimmer zu besitzen, der wie ein matter Anhauch leise und allmählich in das entzückende Weiß der Haut übergeht und ihnen einen so eigenartig wirkenden Reiz verleiht. Vereinen sich nun – wie bei den Mädchen von Orsa – mit so tadelloser Gesichtsfarbe, tiefblaue Augen, kirschrote Lippen, schöne, durch das Kauen des Kåda (Fichtenharz) blendendweiß erhaltene Zähne und blondes, seidenweiches Haar, so stellt sich uns ein Bild weiblicher Schönheit dar, wie man es in solcher Vollendung unter keinem anderen Himmelsstriche antrifft. Die Tracht der Frauen besteht aus einem Rock von dickem, schwarzblauem Wollenstoff, einem scharlachroten Leibchen, von welchem die schneeweißen, bis zu den Handgelenken reichenden Hemdärmel sich leuchtend abheben, einer schönen Schürze, entweder aus gelbem Leder mit einem schwarzen Tuchstreifen am unteren Rande oder aus demselben Zeug wie der Rock gefertigt, und weißen wollenen Strümpfen. Sehr häufig sieht man statt der gewöhnlichen Schuhe eine besondere Art, mit dem Hacken in der Mitte des Fußes. Das Haar pflegen sie beim Flechten der Zöpfe so fest anzuziehen, daß es meist frühzeitig anfängt am Scheitel dünne zu werden: ein buntes Tuch, unter dem Kinn zierlich geknotet, bildet den Kopfputz.
Leider ist die Pfarrei, deren steinerne Kirche sich dicht bei dem Dorfe Orsa Kyrkoby an den Ufern des Orsa-Sees erhebt, überaus arm, denn die Gehöfte sind meist klein, die Familien dagegen groß.
So gering übrigens auch der Wohlstand in dieser Gegend ist, so waren doch alle stets aufs herzlichste bereit, unbeschränkte Gastfreiheit an mir zu üben: ja es entstand sogar ein förmlicher Wettkampf, wer es wohl Freund Paul am behaglichsten zu machen verstehe, denn Freund Paul war in främmande land (in fremdem Land) und durfte sich nicht einsam und verlassen fühlen. Die Mädchen boten mir – so oft ich eine von ihnen traf, der eigenartigen Sitte dieses Landstriches entsprechend – ein Stück Kandiszucker, welches sie stets in der Tasche bei sich tragen, oder bestanden darauf, daß ich wenigstens einmal davon abbiß; oder sie nahmen aus ihrem Munde ein Stück von dem Harz, an welchem sie kauten, um es mir zu gleichem Zwecke zu reichen. Dies war ländlich-sittlich, und eine Zurückweisung so freundlichen Entgegenkommens würde man als die größte Beleidigung angesehen haben.
Sehr malerisch ist die Tracht in Mora, die Frauen tragen rote Strümpfe, und kurze Röcke aus schwarzem Hausgespinst, am unteren Rande gewöhnlich mit einem gelben Streifen verziert; das Leibchen ist rot, die Schürze, meist in der Farbe des Rockes, gleichfalls am unteren Rande mit zwei oder drei bunten Borten besetzt. Die Haare werden in der Mitte gescheitelt und die beiden Strähne dann ihrer ganzen Länge nach mit farbigem Band – weiß für Witwen und rot für Mädchen – umwickelt und derart um den Kopf gelegt, daß sie über der Stirne ein Diadem bilden; ein hübsches Kattuntuch, unter dem Kinn in einen zierlichen Knoten geschlungen, vervollständigt den Kopfschmuck. Die Männer tragen Röcke aus blauem Stoff, dazu Kniehosen und blaue Strümpfe, an Wochentagen aber eine Jacke nebst langer Schürze.
Wintertracht in Mora.
Die Tracht ist für Winter und Sommer die gleiche, nur pflegten, wie überhaupt in ganz Dalekarlien, Männer sowohl wie Frauen während der kalten Jahreszeit sich langer Überröcke aus Schaffell zu bedienen, welche mit der Wolle nach der Innenseite zu übergezogen werden.
Ganz in der Nähe von Mora, nur durch den Fluß von demselben getrennt, liegt das dem Herzen eines jeden Schweden so teuere Utmeland. Hier war es, wo das mutige Weib Matts Larsons den königlichen Flüchtling Gustav Wasa vor seinen Verfolgern in einem Keller verbarg und, da sie gerade dabei war, das Yulebier zu brauen, kurz entschlossen den Bottich über die in das Versteck führende Fallthüre rückte, und es damit fertig brachte, daß die Schergen, nachdem sie das ganze Haus durchsucht hatten, unverrichteter Sache wieder abziehen mußten. Das kleine Gewölbe ist alles, was von dem alten Gebäude übrig geblieben, und hat man über ihm eine Kapelle errichtet, deren Wände Darstellungen aus der Geschichte des Landes bedecken; eines der Gemälde stammt von der Hand König Karls XV. Wirklich rührend ist die Liebe und Verehrung, mit welcher in Dalekarlien das Andenken an den edlen Gustav Wasa gehegt und gepflegt wird, jeder Ort, an dem er sich aufgehalten, wird mit dem größten Stolze gezeigt und die Zahl dieser Stätten ist keineswegs gering. Bei Ornäs am Runn-See, südlich von Falun, steht heute noch das Haus, in welchem er eine Nacht verbrachte, der Eigentümer Arendt Persson, den er für einen Freund hielt, ging jedoch mit dem Gedanken um, den Flüchtling an die Dänen auszuliefern, aber auch hier ward eine Frau seine Retterin: Babro Stigsdotter, das Weib des Bauern, durchkreuzte die verräterische Absicht ihres Gatten und schaffte den Verfolgten heimlich nach Svärdsjö, wo er in dem Pfarrhause eine sichere Zuflucht fand.
Ornässtuga.
Am günstigsten für einen Besuch dieses Landstriches sind die Wochen zwischen Mitte Mai und Johannistag, denn nach dieser Zeit sind die meisten Gehöfte völlig vereinsamt, weil dann die Bewohner nach den Fäbodar übersiedeln. Der Johannistag selbst nimmt in ganz Schweden nächst dem Weihnachtsfeste den vornehmsten Rang ein. Derselbe fällt auf den 24. Juni, gerade in die Zeit der größten Tageslänge, und jedermann scheint das Bedürfnis zu empfinden den Beginn des Sommers feierlich zu begehen. In den Seehäfen werden an diesem Tage die Schiffe mit Birkenzweigen geschmückt, in den Straßen der Städte sieht man Pferde, Wagen, Omnibusse und sonstige Beförderungsmittel über und über mit grünem Laube bedeckt, aber dennoch müssen diejenigen, welche die Feier des Tages recht genießen wollen, denselben nirgends anders als auf dem Lande verbringen. In jedem Flecken, in jedem Dorfe, in jedem Gehöfte tragen sämtliche Baulichkeiten festlichen Schmuck, um Thüren und Fensterrahmen schlingen sich dichte Laubgewinde, aber auch die Thorfahrt sowie Stackete und Umzäunungen verschwinden förmlich unter grünem Blattwerk. Wie sehr indes auch jeder darauf bedacht sein möge, sein eigenes Heim möglichst stattlich herauszustaffieren, die Hauptaufmerksamkeit bleibt trotz alledem dem Majstång (Maibaum) zugewandt, welcher am Vorabend des Festes von den Dalkulla (dalekarlischen Mädchen) und den Dalkarl (Burschen) reich mit Immergrün und Blumenkränzen, an manchen Orten auch mit gefärbten Eierschalen, vergoldeten Herzen und Guirlanden aus farbigem Papier ausgeputzt wird, und um welchen am Festtage selbst zum hellen Ton der Fiedel fröhliche Scharen im munteren Reigen sich drehen.
Ich selbst befand mich bei Anbruch des festlichen Tages in einem hochgelegenen Fichtengehölz am Ufer des Siljan-Sees, von wo aus sich mir ein umfassender Umblick über die wie ein Spiegel sich dehnende, von keinem Windhauch bewegte Wasserfläche bot. Die Kirche von Leksand war von meinem Standpunkt aus nicht sichtbar, von 5 Uhr an aber gewahrte ich bereits eine Menge von Booten, welche, von den verschiedenen rings um den See liegenden Dörfern kommend, die Gläubigen dem Gotteshause zuführten, denn dem frommen Sinne der Schweden erscheint es vollkommen undenkbar, einen Festtag anders als mit Begehung eines Gottesdienstes zu beginnen. Rasch glitten die Fahrzeuge dahin und leuchtend schimmerten im hellen Scheine der Sonne die roten Frauenmieder, während ihre Trägerinnen sich eifrig bei der Führung der Ruder beteiligten. Einzelne Boote, deren Durchschnitts länge 10–15 m betragen mochte, enthielten ganze Familien, vom weißhaarigen Greise herab bis zum allerjüngsten Urenkelkinde, und manche trugen gar bis zu 70 Personen jeden Alters und Geschlechtes auf ihren schwachen Planken. Auch zu Wagen langten viele an und ebenso stellten sich zahlreiche Kirchgänger zu Fuß kommend ein, jedes der jungen Mädchen trug ein Sträußchen aus Feldblumen in der einen Hand und in der anderen das Gebetbuch sorgfältig in das selbstgestickte, mächtig große – an eine Serviette erinnernde – Taschentuch eingeschlagen. Mit Stickerei verziert war bei allen auch der an der Seite herabhängende Beutel, welcher das aus Brot, Butter, Käse und einigen der beliebten jungen Zwiebeln bestehende Zwischenmahl enthielt, und ebenso waren die Lederbänder der Schürze meist hübsch mit farbiger Wolle geziert und am Ende entweder mit ledernen Quasten oder mit bunten Seidenzipfeln geschmückt. Die Frauen, welche sich an dem Abendmahle zu beteiligen gedachten, trugen als Zeichen der Trauer, um damit anzudeuten, daß sie ihre Sünden bereuten, ganz besondere, sehr breite weiße Mützen, ähnlich an Form den am Hardanger gebräuchlichen, und ernst und gesetzt wie Quäker zog die ganze Versammlung der Kirche zu, in deren Nähe bereits zahlreiche Pferde angebunden waren, welche man von den schon früher eingetroffenen Wagen losgeschirrt hatte. Die in Gestalt eines griechischen Kreuzes erbaute Pfarrkirche von Leksand erhebt sich an dem südöstlichen Rande des Sees Siljan und hell schimmerten uns die weißen Mauern des stattlichen Bauwerkes, umrahmt von mächtigen, schattenspendenden Bäumen, entgegen. Auf dem Friedhofe harrten Männer und Frauen in großer Anzahl, aber streng abgesondert von einander, auf den Beginn des Gottesdienstes; zahlreiche Gestalten wanderten zwischen den Gräbern einher, damit beschäftigt, die Ruhestätte ihrer abgeschiedenen Lieben mit Blumen zu schmücken, andere saßen nahe bei einer der Eingangsthüren in ihre Gebetbücher vertieft, während die Kinder fröhlich und unbekümmert umherliefen und sich die Zeit des Wartens mit Spielen vertrieben.
Ich fand einen Sitz auf der dem Altar gegenüberliegenden Galerie in dem Stuhle meines Wirtes, des alten Riksdagsman, von wo aus ich die ganze Kirche trefflich übersehen konnte, in welcher, obgleich sie eigentlich nur für etwa 4000 Personen berechnet ist, sich doch deren mehr denn 5000 zusammendrängten. Frauen und Männer saßen von einander getrennt und bildete die bunte Kleidung der ersteren einen malerischen Gegensatz zu der düsteren Tracht der letzteren. Gleichmäßig aber war die Aufmerksamkeit, mit welcher alle der Predigt lauschten, sowie der Eifer, mit welchem sie sich am Gesange beteiligten, und störte das Schreien der Säuglinge, deren sich mindestens zweihundert in dem Gebäude befanden, weder den würdigen Seelenhirten noch seine Gemeinde in ihrer Andacht; niemand schien an den unharmonischen Tönen den geringsten Anstoß zu nehmen, und nur wenn die kleinen Schreihälse sich gar nicht beruhigen wollten, fanden es die betreffenden Mütter nötig, sich in den eigens zu diesem Zweck erbauten, von der Kirche aus erreichbaren Nebenraum zurückzuziehen und dort den Wünschen der kleinen Weltbürger Rechnung zu tragen.
Das Abendmahl, welches, in anbetracht der großen Anzahl von Pfarrkindern, in der Kirche von Leksand an jedem Sonntage verabreicht wird, fand an dem Johannistage keinen so starken Zuspruch, wie bei anderen Gelegenheiten, denn man ist in dieser Hinsicht hier sehr streng und die Teilnahme an demselben würde die Beteiligung an den Lustbarkeiten des Tages vollkommen ausgeschlossen haben, gestatten doch die jungen Mädchen ihren Liebhabern schon eine Woche vorher keinen Besuch mehr, und auch nachdem sie zum Tische des Herrn gegangen, sind sie so zurückhaltend, daß die Burschen stets mehrere Tage verstreichen lassen, ehe sie sich ihnen endlich wieder zu nähern wagen. Diesmal waren es daher fast nur verheiratete Männer und Frauen, welche – stets in gleicher Zahl – zu dem Altare traten und, nachdem sie das Sakrament empfangen, langsamen Schrittes und gesenkten Hauptes auf ihre Plätze zurückkehrten, während die übrigen Gemeindeglieder die schon zur Zeit der Reformation gebräuchlichen Weisen anstimmten.
Vor der Kirche in Leksand.
Auch eine Hochzeit war mir vergönnt in Dalekarlien mitzumachen, was mir um so interessanter war, als dieselben hier noch in althergebrachter Art, und wenn die Verlobten wohlhabenden, angesehenen Bönderfamilien angehören, mit möglichster Prachtentfaltung gefeiert werden, ein derartiges Ereignis also notwendigerweise auf den Fremden eine überaus große Anziehungskraft ausüben muß. Diese Hochzeit nun erhielt obendrein ganz besondere Bedeutung dadurch, als es sich bei derselben um die allererste Familie in Leksand handelte, denn Liß Lars Olsson, der Vater des Bräutigams, war nicht nur ein sehr wohlhabender Hofbesitzer, dessen Vermögen man auf etwa 80–120 000 M schätzte, sondern hatte auch für eine lange Reihe von Jahren als einer der Vertreter Dalekarliens dem schwedischen Reichstage angehört. Sein ältester Sohn Liß Olof Larsson, der allgemein für einen sehr tüchtigen Mann galt, war nunmehr durch das Vertrauen seiner Mitbürger zu dieser Stellung erwählt worden, auch gehörte er zu den Mitgliedern des Bankausschusses und bekleidete außerdem noch das Amt eines Nämdeman (Geschworenen) In jedem Härad (Gerichtsbezirk) werden von den Grundbesitzern 12 Gerichtsbeisitzer oder Geschworene gewählt, welche gemeinschaftlich mit dem Bezirksrichter in gewissen Fällen Recht zu sprechen haben., kurz es gab niemand in der ganzen Pfarrei, der sich größerer Achtung erfreut hätte, als diese beiden. Ebenso war auch der Vater der Braut, Olars Anders Olsson, ein sehr geachteter Mann und daneben Besitzer ausgedehnter Ländereien und schöner Waldungen; diese Hochzeit aber war beiden dabei beteiligten Familien um so angenehmer, als eine Schwester des Bräutigams schon früher einen Bruder der Braut geheiratet hatte, und so kam es auch, daß die Festlichkeit in besonders großartigem Maßstabe vor sich gehen sollte. Anstatt daß, wie sonst gebräuchlich, der Vater des Bräutigams das Hochzeitsmahl ausrichtete, sollte es in diesem Falle in beiden Gehöften zu gleicher Zeit abgehalten werden, was sich allerdings um so leichter thun ließ, als die beiden Besitzungen unmittelbar an einander stießen. Schon wochenlang zuvor waren in beiden Heimstätten Vorbereitungen getroffen worden; wie es der Brauch vorschreibt, hatten die Nachbarn kleine Quantitäten Malz zur Bereitung des Bieres geschickt, große Berge Knäckebröd lagen schon längst aufgestapelt und während der letzten Tage war eine Anzahl von Mädchen ausschließlich mit der Herstellung von weichem Brote beschäftigt gewesen. Mehrere Schafe sowie ein Ochse waren geschlachtet, Fische massenhaft gefangen worden, ungeheure Mengen von Speck, Butter und Käse waren vorhanden, wirklich staunenswert war die Zahl der Fässer mit Bier, Bränvin, Sherry, Portwein und schwedischem Punsch, welche in schier endlosen Reihen neben einander lagerten; da außerdem die Sitte des Förning, nach welcher jeder Nachbar oder Gast einen Beitrag zu dem Mahle liefern muß, noch treulich geübt wird, so war auch an Kuchen und Puddings aller Art kein Mangel, und obschon ich bereits aus Erfahrung wußte, welche unglaublichen Massen von Speise und Trank bei solchen festlichen Gelegenheiten vertilgt zu werden pflegen, so fühlte ich mich doch vollkommen überzeugt, daß diese gewaltigen Vorräte unmöglich erschöpft werden könnten. Allerdings sollten die Eltern der Brautleute für die Dauer einer ganzen Woche offenes Haus halten und dabei betrug allein die Zahl der zum Hochzeitsmahl eigens eingeladenen Gäste schon weit über 500 Personen. Natürlich konnte das Kochgeschirr sowie das Tischgerät eines Haushaltes für eine solche Menschenmenge unmöglich ausreichen, aber auch hierfür wurde Rat geschafft; die Nachbarn und Freunde brachten herbei, was sie selbst an Töpfen und Schüsseln, Messern, Löffeln und Gabeln besaßen, und obendrein war, da die von auswärts kommenden Gäste doch auch untergebracht werden mußten, jedermann bereit, Fremde bei sich aufzunehmen. Mir ward ein freundliches, rot getünchtes Häuschen als Quartier angewiesen, in dessen einzigem Zimmer man außer den beiden an der Wand befestigten Bettstellen für die Dauer der Festlichkeit noch eine dritte Lagerstätte aufgeschlagen hatte. Ich war der erste, welcher sich zurückzog, kaum aber hatte ich mich zur Ruhe niedergelegt, als die Thüre sich öffnete, um die Braut sowie die Schwester des Bräutigams einzulassen: »Paul, schläfst du?« klang es zu mir herüber, und als ich die Frage verneinte, sagten beide: »Wir hoffen, daß du dich auf dem Hochzeitsfeste gut unterhalten wirst!« Bei diesen Worten streiften sie ihre Schuhe sowie einen Teil ihrer Kleider ab und machten es sich auf dem Bette mir gegenüber bequem. Dies war ein Zeichen echt dalekarlischer Gastfreundschaft – ein Beweis der Achtung und Ehrerbietung! Die beiden Mädchen bemerkten nur noch: »Wir sind gekommen, dir Gesellschaft zu leisten, du darfst dich nicht einsam fühlen, denn es ist nicht angenehm, ganz allein in einem Hause zu sein!« Bald nach ihnen kam noch ein Dalkarl mit einer hübschen Dalkulla, seiner Braut, in das Zimmer, die beiden legten sich vollständig angekleidet auf das andere Bett nieder und schliefen gleich darauf, einander zärtlich umschlungen haltend, den Schlaf der Gerechten.
Um drei Uhr wurde ich durch ein leichtes Geräusch aufgeweckt, es war die Hochzeiterin, welche sich erhoben hatte und ihre Schuhe anzog, um hinüberzugehen nach dem Hause ihres künftigen Schwiegervaters, woselbst sie den Brautstaat anlegen sollte, eine Aufgabe, welche stets mehrere Stunden in Anspruch zu nehmen pflegt. Ich stand gleichfalls bald nachher auf und fragte Karl, den Bräutigam, sowie die Eltern um Erlaubnis, in das Zimmer der Braut gehen und der Toilette beiwohnen zu dürfen, eine Bitte, welche mir sofort gewährt wurde.
Als ich die Stube betrat, saß das junge Mädchen auf einem Stuhle, rings umgeben von einer Anzahl von Freundinnen, von welchen jede an ihr herumputzte oder einen Rat erteilte. Eine derselben hielt der Braut einen Spiegel vor und von Zeit zu Zeit ließen die anderen eine Pause eintreten in ihrer Arbeit, um Kritik zu üben an dem Gethanen, auch kam dann und wann die Gattin des alten Riksdagsmans herein, um zu sehen, wie weit das Werk gediehen; sie schien zu fürchten, die muntere Gesellschaft möge nicht rechtzeitig fertig werden, und so mahnte sie beständig daran, daß die Zeit des Kirchgangs nicht mehr ferne sei.
Der Brautanzug unterscheidet sich von der sonst üblichen Tracht nur insofern, als das Mieder mit einer großen Menge künstlicher Blumen und Perlen besteckt und benäht wird und daß sämtliche Spangen, welche die Braut zum Geschenk erhalten, gleichfalls am vorderen Schluß desselben befestigt werden; auch setzt sie bei dieser Gelegenheit zum erstenmal das dicht anliegende weiße Häubchen auf, welches als Abzeichen des verheirateten Standes gilt. Ebenso trägt auch der Bräutigam seine gewöhnliche Kleidung und dazu nur einen über den Rock hinausgeschlagenen, breiten weißen Kragen, welcher nebst dem Hemde das Hochzeitsgeschenk der Braut bildet.
Mittlerweile war die Stunde der kirchlichen Feier herangekommen und schon rollte ein Gefährte um das andere herbei; denn der Brauch verlangt, daß die Gäste die dem Brautpaar schuldige Rücksicht durch Vorführung ihres besten Gespannes bethätigen, und je größer die Zahl der Fuhrwerke ist, um so mehr fühlt sich die Familie geehrt. Aus der rings um die beiden Gehöfte sich drängenden Wagenmasse entwickelte sich endlich ein stattlicher Zug, bei welchem der Ex-Riksdagsman mit einer seiner verheirateten Töchter die Führung übernahm, während das – ausnahmsweise von zwei Pferden gezogene – zweite Gefährte das Brautpaar und mich beförderte.
Die Kirche von Leksand bot an diesem Tage einen wirklich höchst interessanten Anblick, sie war buchstäblich gepfropft voll mit Menschen, selbst in den Gängen drängte sich Kopf an Kopf. Da der Johannistag zur Schließung von Ehebündnissen besondere Beliebtheit genießt, so hatten sich diesmal – außer demjenigen aus Liß – nicht weniger denn sechs verschiedene Hochzeitszüge eingefunden. Diese Paare befanden sich in unmittelbarer Nähe des Altars, während die zu ihnen gehörigen Brautjungfern – im ganzen etwa 150 an der Zahl und an den mit künstlichen Blumen geschmückten Miedern leicht kenntlich – in verschiedenen Gruppen, aber abseits von den Brautpaaren, beisammenstanden. Den Trauungsakt eröffnete ein Lobgesang, in welchen zum Klange der alten Orgel tausende von Stimmen mit einstimmten, hierauf traten sämtliche Paare unter einen vor dem Altar errichteten roten Baldachin, und begleitet von dem Segensspruch des Geistlichen wurde das Wechseln der Ringe vorgenommen. Nachdem die Ceremonie vorüber, bestiegen alle ihre Wagen, wiederum ordneten sich die einzelnen Züge, was sich freilich nicht ohne einige Verwirrung bewerkstelligen ließ, und im raschen Trabe ging es heimwärts; doch übernahm bei dieser Fahrt der Wagen mit dem neuvermählten Paare die Führung, indes die übrigen in der vorherigen Reihenfolge sich anschlossen.
In Liß angelangt, empfing das junge Paar unter herzlichem Händeschütteln die Glückwünsche der Freunde, dann aber folgte die Aufforderung, sich zu dem inzwischen bereiteten Mahle niederzusetzen. Da es bei der großen Zahl der Gäste vollkommen unmöglich war, alle zu gleicher Zeit speisen zu lassen, so sollten die nächsten Verwandten sowie die vornehmsten Gäste – ich unter ihnen – zuerst an die Reihe kommen. Hierbei wiederholten sich dann die schon bei früheren Gelegenheiten erwähnten charakteristischen Auftritte: jeder, dessen Name von dem Wirte oder der Wirtin aufgerufen wurde, hielt sich möglichst in der Entfernung, wohl gar in einem Winkel versteckt – denn es gilt als sehr unpassend, der Aufforderung sofort Folge zu leisten –, die betreffende Person mußte vielmehr stets halb mit Gewalt nach dem für sie bestimmten Platze gezogen werden. Ich hielt es für geraten, der landesüblichen Sitte zu folgen, und leistete so mannhaften Widerstand, daß mein freundlicher Gastgeber wenigstens fünf Minuten gebrauchte, ehe er mich glücklich auf den mir zugedachten Sitz niederzwang.
In der Küche wurde unterdes ohne Unterlaß gebrodelt, gebacken und gekocht, ein Gericht nach dem anderen machte die Runde und die Söhne des Hauses, welchen die Pflicht oblag, die Schmausenden zu immer neuem Zulangen zu ermuntern, erfüllten diese Aufgabe in so dringender Weise, als seien sie fest davon überzeugt, daß man bei einer Hochzeit mindestens viermal so viel essen und trinken könne als an anderen Tagen.
Es war keine leichte Arbeit, sich durch alle die verschiedenen Gänge hindurchzuessen, und ich war herzlich froh, als ich endlich vom Tische aufstehen und im Hofe Luft schöpfen konnte. Aber ich hatte zu früh triumphiert, kaum hatte ich mich in einer der großen aus Birkenzweigen errichteten Lauben niedergelassen, so sah ich mich auch schon von dem Vater der Braut in Beschlag genommen und nach dem anderen Gehöfte hingeschleppt, um dort – abermals ein Mahl einzunehmen! Umsonst war mein Sträuben; man ließ keine Widerrede gelten, sondern bestand darauf, daß ich nun auch hier der Kochkunst der Hausfrau und ihrer Töchter gebührende Ehre erweise. Was blieb mir schließlich übrig, als mich zu fügen, verwundert fragte ich mich jedoch dabei: ob es mir wohl möglich sein werde, diese Lebensweise noch für weitere sechs Tage fortzusetzen.
Mehr noch wie den Speisen wurde den Getränken zugesprochen; das Gesundheittrinken wollte gar kein Ende nehmen und um 7 Uhr abends war niemand im ganzen Dorfe, der sich nicht in angeregtester Stimmung befunden hätte. Auch bei dem bald darauf beginnenden Tanze, zu welchem, da gerade Ferien waren – infolge besonderer Vergünstigung – das Schullokal zur Benutzung überlassen worden war, nahm das Trinken ungestörten Fortgang, am Schenktische walteten die Söhne der betreffenden Familien voll Eifer ihres Amtes und reichten jedem, was er verlangte. Das Tanzen dauerte die ganze Nacht hindurch, und zwar mußte sich die Braut von jedem Manne zum Reigen führen lassen, während man dem jungen Ehegatten, seiner etwas angegriffenen Gesundheit wegen, gestattet hatte, sich zurückzuziehen, andernfalls auch er mit jeder Frau, sowie jedem Mädchen hätte tanzen müssen.
Am zweiten Tage nahm das Tanzvergnügen schon nachmittags seinen Anfang und wiederum mußte die Neuvermählte gegenwärtig sein und mit ihren Freunden tanzen, doch hatte sie nun den bräutlichen Schmuck der Blumen abgelegt und trug an ihrer Statt das Hochzeitsgeschenk des Gatten – ein seidnes Tuch, in welches am Hochzeitstage beim Kirchgang das Gebetbuch eingeschlagen gewesen war.
Am dritten Tage trat eine kleine Pause ein in den Festlichkeiten – bei den meisten Gästen, welche fast keine Nachtruhe genossen hatten, machte die Natur nun ihre Rechte geltend, andere dagegen mußten für ihre übermäßigen Leistungen im Essen und Trinken büßen und litten an Kopparslagare – eine Bezeichnung, welche man hier einem heftigen Kopfschmerze beizulegen pflegt, weil das Klopfen in den Schläfen den daran Leidenden an die Schläge erinnern soll, mit welchen ein Kupferschmied ein auszubesserndes Gefäß behandelt. Auch ich fühlte mich über die Maßen unbehaglich und so schlich ich mich hinweg, um in einem benachbarten Gehöfte der Ruhe zu pflegen. In dem einen Zimmer fand ich Mann und Frau in tiefem Schlafe auf einem Bette liegend und warf mich selbst auf dem anderen Lager neben der Tochter nieder, welche der Schlummergott gleichfalls mit lindem Arme umfangen hielt.
Am vierten Tage hatten sich sämtliche Anwesende wieder von ihrer Ermattung erholt und beteiligten sich mit verdoppeltem Eifer an der Lustbarkeit, welche in der gewohnten Reihenfolge von Essen, Trinken und Tanzen bis zum Sonnabend sich fortsetzte; dabei war die Bewirtung noch immer gerade so reichlich wie am ersten Tage, es hatte den Anschein, als seien die Vorräte in Wahrheit unerschöpflich. Am Sonnabend nachmittag bereiteten sich endlich die Gäste zur Abfahrt vor und verabschiedeten sich von dem jungen Paare, welches in dem Wohnzimmer des Haupthauses in Liß stehend, den Dank derselben entgegennahm. Ohne das übliche Händeschütteln ging es dabei natürlich nicht ab, ein jeder der Anwesenden aber ließ bei dieser Gelegenheit einige Banknoten in der Hand der jungen Frau zurück, welche sie, ohne einen Blick darauf zu werfen, in die eigens für diesen Zweck an ihrer Seite hängende Leinentasche schob. Der Gebrauch, ein solches Abschiedsgeschenk zu geben, war mir vollkommen neu, erschien mir aber sehr vernünftig; eine Braut, welche sich unter ihren Freunden großer Beliebtheit erfreut, soll auf diese Weise oftmals eine sehr beträchtliche Summe erhalten. In diesem Falle hatten die jungen Mädchen des Dorfes vorher sogar eigens eine Versammlung abgehalten und waren übereingekommen, alle die gleiche Summe zu spenden. Ich verfolgte den Vorgang mit lebhaftem Interesse, dann reichte ich selbst dem jungen Paare meine Gabe, wünschte den lieben Leutchen viel Glück und Segen und rollte gleich darauf mit meinem Gefährte aus dem Thore des gastlichen Liß.
Von den norwegischen Saetern sind die Fäbodar Dalekarliens in vieler Hinsicht vollkommen verschieden, statt der leichten Blockhütten findet man hier wohlgefügte feste Häuser samt Nebenbauten und ringsum große umfriedigte Weidestrecken sowie Kornfelder; kurz, ein Fäbod ist nichts anderes denn ein im Walde liegendes, regelrechtes Gehöft, wie man denn auch die Herden, unter Aufsicht eines der Familienglieder, oftmals bis nach Weihnachten auf denselben läßt.
Eine von dieser etwas verschiedene Art von Fäbodar traf ich nur in dem nordöstlichen Teile von Dalekarlien, dort fand ich umzäunte Stücke Weidelandes, um welche sich eine Anzahl von Rindviehhürden schlossen. Diese sind das Eigentum verschiedener Bauern, welche sich vereinigen, um ihr Vieh gemeinschaftlich hier weiden zu lassen, und zwar beträgt der zu erlegende Satz für die von Juni bis Ende September dauernde Saison etwa 1,60 M für jede Milchkuh; auch für die übrigen Kühe sowie Ziegen und Schafe ist ein bestimmter Preis vereinbart. Auf solchem Fäbod befinden sich gewöhnlich zwei Mädchen, welche das Amt des Austreibens, sowie dasjenige der Butter- und Käsebereitung abwechselnd üben; ohne Aufsicht dürfen die Tiere niemals gelassen werden, denn besonders in der Nähe der kleinen Gewässer versinken sie oft so tief in den Schlamm, daß sie nur mit Mühe wieder herauszubringen sind. Hunde werden zum Zusammenhalten der Herde niemals gebraucht, die Mädchen locken die Tiere mit einem Horne, auch kennen sie ihre sämtlichen Pfleglinge bei Namen und belohnen die Folgsamkeit derselben durch die Austeilung von Salz, von welchem sie stets einen Beutel voll am Gürtel hängend tragen.
Da in Dalekarlien der Grundbesitz stets gleichmäßig unter alle Kinder verteilt wird – ein einzelnes Teil ist freilich oftmals so klein, daß es kaum des Besitzes wert ist –, so liegen nicht nur die verschiedenen Äcker häufig weit von dem Gehöfte entfernt, sondern auch die Herden müssen oftmals weit von einem Fäbod weggetrieben werden, ehe die eine oder die andere zu demselben gehörende Weidestrecke erreicht ist. Zur Zeit der Heuernte müssen die Leute nach jenen entlegenen Plätzen Ziegen mit sich führen, um wenigstens mit Milch versehen zu sein; zum Schutz gegen Regen finden sie gewöhnlich einen aus Baumrinden leicht gefügten Schuppen, das Heu aber muß in den meisten Fällen aufgeschichtet draußen liegen bleiben, bis es dann im Winter vermittelst Schlitten nach Hause befördert wird. Dieses Getrenntsein der einzelnen Liegenschaften ist ein so ernstlicher Mißstand, daß sogar die Regierung sich veranlaßt sah, die Sache in die Hand zu nehmen, und, zum Zweck einer besseren Arrondierung, die Bauern zum Austausch der verschiedenen Grundstücke zu bestimmen sucht.
Die Familie, mit welcher ich von Oljonsby aus aufbrach, bestand aus Per, seinem Weibe Kirstin und deren beiden Schwestern Karen und Margreta. Zwei Pferde waren mit den nötigen Vorräten an Lebensmitteln, mit Kochgeschirr und wollenen Decken beladen; Per eröffnete den Zug mit ihnen, Margreta trieb die zehn Ziegen vorwärts, das Schwein – unbedingt der Störenfried der kleinen Gesellschaft – nahm Karen allein für sich in Anspruch, während Kirstin ihr Kindchen zu tragen hatte. In den Wäldern herrschte eine drückende Schwüle, auch war der Weg gerade nicht der allerbeste, für Karren aber trotzdem fahrbar, über die unseren Weg kreuzenden Flüsse und Ströme spannten sich roh gezimmerte Brücken, und an besonders sumpfigen Stellen hatte man Baumstämme dicht neben einander auf den Boden gelegt. Gegen Abend langten wir an unserem Bestimmungsort Hemråsen an, einem richtigen kleinen Walddorf mit einer ziemlichen Anzahl von zerstreut liegenden Häusern und großen umfriedigten Wiesenflächen ringsum; alsbald nach unserer Ankunft streckten wir uns, tüchtig in Felle gewickelt, in der Scheuer zur Ruhe nieder, denn war auch tagsüber die Hitze groß, so machte sich doch nachts die Kühle in recht empfindlicher Weise bemerkbar.
Am anderen Morgen bei Tagesanbruch war Per samt den Frauen schon dabei, die Sicheln zu schärfen, und nach einem hastig eingenommenen Mahle wanderten sie einer 5 km entfernt liegenden Wiese zu, von welcher sie erst abends bei Dunkelwerden zurückkehrten. An den meisten Tagen war von morgens früh bis abends spät Hemråsen von allen seinen Bewohnern verlassen, die Häuser aber blieben trotzdem samt und sonders unverschlossen. Die einzige Abwechslung brachte der Durchmarsch anderer Fäbodbesitzer auf ihrem Wege nach irgend einer entlegenen Wiesenstrecke, manchmal blieb auch wohl eine solche Gesellschaft über Nacht, um erst folgenden Tags den Weitermarsch anzutreten.
Ein Fäbod bei Rättvik.
Einer der Fäbodar, welchen ich stets mit besonderer Vorliebe aufsuchte, war derjenige von Åker Jonas Anderson aus Rättvik. Mann und Frau befanden sich fast immer auswärts beim Heumachen, während der Tochter, sowie Dunkkols Karin, der Magd, die Sorge für das Rindvieh wie für die Milchkammer überlassen blieb, und gar manche Stunde verbrachte ich damit, die beiden hübschen Mädchen bei der Verrichtung ihrer häuslichen Obliegenheiten zu beobachten. Was sie auch thun mochten, ob nun die eine beim Buttermachen beschäftigt war, oder die andere, vom flackernden Herdfeuer beleuchtet, am Kamin hantierte, immer boten die hohen Gestalten in ihrer kleidsamen Tracht – dem sehr kurzen, blauen, am untern Rande mit einem grünen Streifen besetzten Rock, der mit bunten Streifen reich verzierten Schürze, den bunt gestickten Strümpfen und der sehr hübschen Mütze, entweder schwarz mit rotem Ausputz oder ganz aus weißer Leinwand hergestellt, mit zwei in den Rücken herabfallenden Troddeln – ein prächtiges Bild. Am Sonnabend machte Brita, das Weib von Åker Jonas, den Vorschlag, daß Dunkkols Karin, Finspers Per mit seiner Gattin, deren beide Schwestern und ich den Sonntag in Rättvik auf dem Hofe ihres Vaters verbringen sollten, und so machten wir uns am anderen Morgen bei Tagesanbruch auf den Weg, der, anfänglich abwechselnd durch Wald und Sumpfland, dann aber durch einen überaus lieblichen Landstrich führend, uns nach Verlauf mehrerer Stunden nach dem in Gulleråsen gelegenen Åker brachte.
Mit echt dalekarlischer Herzlichkeit sahen wir uns aufgenommen, alles, was Küche und Keller vermochten, wurde uns vorgesetzt, der Nachmittag aber war geselligen Vergnügungen gewidmet. Dabei fiel mir denn wieder die Vorliebe auf, welche in Skandinavien im allgemeinen ältere Leute für das Treiben der Jugend an den Tag zu legen pflegen; wie man denn besonders häufig Großväter findet, welche mit unermüdlicher Geduld immer und immer wieder den munteren Enkelkindern zum Tanze aufspielen, den diese in der Regel über die Maßen lieben.
Von Rättvik aus wanderte ich weiter von einem Fäbod zum anderen, oftmals ganz allein und mich selbst darüber wundernd, daß ich mich in den weiten Wäldern nicht verirrte. Stundenlang unterbrach kein Ton die lautlose Stille ringsum und nur schwach klang zuweilen die Stimme eines Mädchens von der Weide, oder das Picken eines Spechtes an einem hohlen Baumstamme zu mir herüber.
Bauernstube in Rättvik.
Von Leksand aus führt eine Landstraße – nunmehr auch eine Eisenbahn – nach dem sauberen Städtchen Falun, welches, ungefähr 6000 Einwohner zählend, der bedeutendste Ort in der ganzen Provinz ist und seiner ausgedehnten Kupferbergwerke wegen eine große Berühmtheit genießt. Die Bergwerke, welche diesem Bezirk den Namen Stora Kopparberg verschafft haben, gehören mit zu den ältesten in ganz Europa und stehen seit länger denn 600 Jahren in Betrieb. In einem aus der Zeit des Königs Magnus Smek stammenden Dokument, welches, die Jahreszahl 1347 tragend, noch heute in dem Museum zu Stockholm aufbewahrt wird und welches mit den Worten beginnt: »Magnus, König von Norwegen, Schweden und Skåne«, geschieht dieser Minen und ihres hohen Alters bereits Erwähnung und werden durch dasselbe den Bergleuten gewisse Vorrechte zugesichert. In jenen alten Zeiten betrachteten sich die Berghauptleute als den Höchsten des Landes gleichstehend, wie sie denn auch ausnahmslos als »Bergsadel« bezeichnet wurden. Damals verließen auch die Bergleute ihre dunkeln Schachte an Sonnabenden zeitiger denn gewöhnlich, reinigten und erfrischten sich durch ein Bad und folgten an Sonntagen ihrem Bergsmån zur Kirche. Auch bei Hochzeiten oder sonstigen festlichen Gelegenheiten erschien jeder wohlhabende Adelige mit seiner Gefolgschaft von Bergknappen und zwar soll der Reichtum von einzelnen dieser Grubenbesitzer ein so bedeutender gewesen sein, daß sie sogar die Hufe ihrer Pferde mit Silber beschlagen ließen; von Steuern war dieser Bergsadel vollständig befreit, doch mußte er Männer sowohl als Pferde zum Heere des Königs stellen.
Die Stadt Falun selbst ist verhältnismäßig neueren Datums, denn sie wurde erst 1641 unter der Regierung der Königin Christina gegründet. Karl XI. zeichnete sich vornehmlich durch den Anteil aus, welchen er an dem Wohlergehen der bergmännischen Bevölkerung nahm, und sorgte namentlich auch dafür, daß es ihnen an geistlichem Troste nicht fehle; er ging dabei so weit, daß er in eigener Person ein Gebet für diese Klasse seiner Unterthanen verfaßte. Ebenso wählte er selbst eine Anzahl von Bibelstellen, welche ihm als Predigttexte für sie besonders geeignet erschienen, und wurden dieselben nach seinem Tode durch seinen Sohn Karl XII. wirklich in den verschiedenen Bergwerksbezirken eigens bekannt gemacht.
Zu den Bergwerken gehört ein wohlausgestattetes Museum; in den Werken selbst finden die besten Maschinen Verwendung und sollte man eine Besichtigung derselben deshalb unter keinen Umständen versäumen. Sehr unangenehm sind die aus den Schmelzöfen aufsteigenden Dämpfe und in einem ziemlich weiten Umkreise leidet unter deren Einfluß die Vegetation sehr bedeutend; wie aber fast alles Schlimme stets auch eine gute Seite aufzuweisen hat, so ist durch denselben Einfluß die ganze Gegend vor allen ansteckenden Krankheiten bewahrt geblieben.
Der Dalsland-Kanal.
Angrenzend an Dalekarlien dehnt sich die vom Klar-Fluß durchströmte Provinz Vermland. Westlich vom Klar-Fluß breitet sich das Fryksdal mit dem von anmutigen Hügelreihen umschlossenen Fryken-See aus. Das Fryksdal sowohl wie das Klardal bilden die Hauptadern für das Verkehrsleben der Provinz Vermland; zahlreiche Dampfer fahren von Karlstad und dem Wenern-See auf dem By-Flusse stromaufwärts und weiter durch den Seffle-Kanal bis in das Innere von West-Vermland hin, indes ein anderer noch schönerer Weg von dem Wenern aus durch den Dalsland-Kanal über eine Reihe von Seen bis zur Grenze Norwegens führt. Die Scenerie auf dieser Route zeichnet sich streckenweise durch hohe landschaftliche Schönheit aus und der Kanal selbst ist seiner ganzen Anlage nach als ein wahres Wunderwerk zu betrachten, namentlich bei Håfverud hat das Genie des Baumeisters wahrhaft Großartiges geleistet. Von senkrecht ansteigenden Felsen zu beiden Seiten umschlossen, rauscht an dieser Stelle ein Wasserfall hernieder und versperrt der Schiffahrt den Weg. Den Kanal an der linken Seite vorüberzuführen und auf diese Weise das Hindernis zu umgehen, galt von jeher für unausführbar, weil es hier an einem sicheren Untergrunde fehlt; ebenso bot aber auch die rechte Seite scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten, indem bei der Beschaffenheit der Felsen ein Durchstich mit unverhältnismäßig hohen Kosten verknüpft gewesen sein würde. Alle diese Hemmnisse beseitigte der Baumeister dadurch, daß er den unteren Teil des Kanals samt den Schleusen an die rechte Seite legte, über den Wasserfall selbst aber einen 40 m langen und 5 m breiten Aquädukt spannte, über welchen die Dampfer hinüber gelangen nach dem an der linken Seite in einem stumpfen Winkel sich hinziehenden Kanale, dessen eine Seite durch Sprengung der Felsen gewonnen, die andere aus solidem Mauerwerk hergestellt ist.
Innenansicht der Råda-Kirche.
In dem südlichen Teile von Vermland, etwa 25 km von Kristinehamn entfernt, am Skågen-Fluß, steht die Råda-Kirche, eines der ältesten hölzernen Gotteshäuser in Schweden, verdankt dasselbe doch schon dem Anfang des 14. Jahrhunderts seine Entstehung. Die Außenseite des Baues bietet keinerlei besonders interessante Merkmale, dafür aber enthält das Innere um so mehr des Sehenswerten. Namentlich zeichnen sich die alten Gemälde – diejenigen des Altars stammen aus dem Jahre 1323, die des Schiffes aus 1495 – durch ihre Eigenartigkeit aus. Bei dieser Kirche befindet sich auch eine Vorhalle, in welcher man ehemals die Waffen während des Gottesdienstes abzulegen pflegte, denn zu jener Zeit begaben sich die Ritter und edlen Herren, wie auch die Bauern, selbst in das Gotteshaus gerüstet wie zu einem Strauße.