Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Vorwort des Verfassers zur großen Ausgabe.
Zu verschiedenen Malen habe ich während der Jahre 1871–1878 Reisen nach der fernen skandinavischen Halbinsel unternommen, über einen Zeitraum von mehr denn fünf Jahren erstreckte sich die Dauer meines Aufenthaltes, als dessen Frucht die Schilderungen jener nordischen Gegenden, sowie der so eigenartigen Sitten und Gebräuche ihrer Bewohner nunmehr in diesen Bänden vor den geneigten Leser treten.
Von vornherein war es meine Absicht gewesen etwas mehr zu bieten als eine gewöhnliche Reisebeschreibung, der Zweck meiner Reisen bestand darin, die charakteristischsten Eigentümlichkeiten des Landes, die Lebensweise und die häuslichen Gewohnheiten seiner Bewohner eingehend zu studieren und mir einen genauen Einblick in die inneren Verhältnisse der verschiedenen Stände zu verschaffen. Da ich indes wohl wußte, daß die Erreichung dieses Zieles, insbesondere bei der bäuerlichen Bevölkerung, nur dann möglich sei, wenn ich mich dazu entschloß, als einer der Ihren mitten unter ihnen zu leben und auf diese Weise ihre Zuneigung und ihr Vertrauen zu gewinnen, ein wahrhaftes Vertrautwerden aber nur auf dem Wege mündlichen Verkehrs sich erlangen läßt, so war es vor allen Dingen nötig mir die Kenntnis ihrer Sprache anzueignen.
Um mir weiterhin einen umfassenden Überblick über die Natur des Landes zu verschaffen, durchstreifte ich die Halbinsel zu verschiedenen Jahreszeiten, kreuz und quer, nach allen Seiten hin, bald wanderte ich von der Ostsee dem Polarmeere zu, dann wieder zog ich von Osten nach Westen hin. Die ganze Küste von Haparanda nach dem nordöstlichen Ende Norwegens, eine Entfernung von 3200 Meilen, habe ich, ihrem weitaus größeren Teile nach, sowohl zur Sommer- wie zur Winterzeit bereist und außerdem habe ich fast jeden einzelnen der zahlreichen Fjorde befahren, deren Ufer eine Ausdehnung von mehr denn 3000 Meilen besitzen.
Besondere Aufmerksamkeit wandte ich bei meinen Beobachtungen auch dem vorhistorischen Zeitalter und den Überlieferungen aus der Vikingerzeit zu und habe ich sowohl die jüngsten Forschungen schwedischer und norwegischer Archäologen zu diesem Zwecke einem gründlichen Studium unterzogen, als auch die neuesten hierauf bezüglichen Illustrationen benutzt, sind doch gerade die zahlreichen Funde aus früherer Zeit so ganz besonders dazu geeignet, auf den Charakter und die Gebräuche der gegenwärtigen Bewohner – dieses durch Unabhängigkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit der Sinnesart vor allen Völkern Europas sich auszeichnenden Menschenschlages – neue Streiflichter zu werfen.
Habe ich somit in betreff der wissenschaftlichen Materien die ersten Autoritäten zu Rate gezogen, so hielt ich es andrerseits für richtig, mich bei dem Studium charakteristischer Gebräuche einzig und allein auf persönliche Beobachtungen zu verlassen und der geneigte Leser darf völlig davon überzeugt sein, daß ich hierbei niemals nach Hörensagen, sondern lediglich das berichte, was ich mit eigenen Augen zu sehen Gelegenheit fand.
Die Illustrationen sind zum größten Teile, die Porträts sogar ausschließlich, nach eigens für dieses Werk gemachten photographischen Aufnahmen gefertigt; und zwar sind diejenigen, welche Winterscenen in Lappland zur Anschauung bringen, aus den Händen eines schwedischen Künstlers – Hasse Bergman – hervorgegangen, welcher längere Zeit in jenen entlegenen Gegenden weilte.
Bezüglich der Schreibweise von Orts- und Personennamen bemerke ich noch, daß ich dabei der in jedem der beiden Länder beobachteten Eigenart folgte, da indes die schwedische und die norwegische Sprache große Ähnlichkeit miteinander besitzen, die Orthographie beider sich überdies in einem Übergangsstadium befindet, aus welchem sich vollkommene Gleichheit allmählich entwickeln muß, so wird dieser Umstand wohl keinerlei Anstoß erregen.
Was schließlich den Titel des Buches anbetrifft, so bezieht sich derselbe auf jene wunderbare Erscheinung, welche dem Norden des Landes so unsagbaren Reiz verleiht, und deren Anblick mich stets aufs neue mit dem Gefühl staunender Bewunderung erfüllte, und so übergebe ich denn einem geehrten Publikum jene Blätter mit dem Wunsche: es möge das lebhafte Interesse, welches die Herrlichkeit des Landes und die Kernfestigkeit seiner Bewohner mir eingeflößt hat, bei recht vielen einen Wiederhall wecken!
Paul B. Du Chaillu.