Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Siebentes Kapitel. Am äußersten Ende Europas.
Die Insel Magerö. – Das Nordkap. – Die Mitternachtssonne.
Durch einen tiefen, über 1 km breiten Meeresarm vom festen Lande getrennt, liegt, als der am weitesten nach Norden vorgeschobene Posten Europas, die Insel Magerö, deren steile Felswände, zahlreiche wohlgeschützte Buchten und Fjorde bildend, sich zu einem Hochplateau erheben, welches an seinem nördlichsten Ende, dem Nordkap, bis zu einer Höhe von 300 m emporsteigt. Um dieses zu erreichen, muß man entweder an der Fischerstation Kjelvik oder an dem zu der kleinen Inselgruppe, westlich von Magerö, gehörenden Eilande Gjaesver (Gjaes=Gänse) anlegen. Von letzterem Punkte aus kann man alsdann, wenn das Wetter solches erlaubt, mit einem Boote dicht beim Nordkap landen. Anm.: Nunmehr fahren die nach Hammerfest gehenden großen Dampfer bis zum Nordkap hin, und es bleibt daselbst den Passagieren genügend Zeit, um das berühmte Vorgebirge zu besteigen. Dr. Nielsen.
Vier russische Schiffe aus Archangel lagen in Erwartung ihrer aus Fischen bestehenden Ladung vor Gjaesver. Unser Dampfer mußte, der heftigen Strömung wegen, in einiger Entfernung vom Lande Anker werfen und Passagiere, Briefbeutel und Waren wurden, bunt durch einander in ein Boot gepackt, ans Ufer befördert, wo wir die ganze, etwa zwanzig Köpfe zählende Bevölkerung versammelt fanden, begierig, Neues von uns zu erfahren. Die Ansiedlung bestand nur aus wenigen Fischerhäuschen. Fischüberreste, Tonnen voll Fischlebern und Blut, dazwischen Unrat aller Art bedeckten den Boden ringsum, die Luft mit einer Mischung der entsetzlichsten Düfte erfüllend, und in den Hütten selbst herrschte eine Unsauberkeit, wie ich sie in solchem Maße bis jetzt noch nicht wahrgenommen; ein einziger Raum beherbergte die ganze Familie, die Betten und Decken waren aus Eiderdaunen, Leintücher aber schienen unbekannte Luxusgegenstände zu sein. Anstatt der offenen Feuerstellen bemerkte ich hier Öfen, denn das Brennmaterial mußte sparsam gebraucht werden. Einen wohlthuenden Gegensatz zu diesen niederen, elenden Hütten bildete das Haus des auf der Insel lebenden Kaufmannes; dort waltete die größte Reinlichkeit; Behaglichkeit und guter Geschmack traten allerorten zu Tage. Rings um das Haus reihten sich die zur Aufnahme der Vorräte an Holz, Fischen und Lebensmitteln bestimmten Nebengebäude. In dem Stall befanden sich fünf Kühe von merkwürdiger Kleinheit, sie hatten nur eine Höhe von 1,10 m bis zu 1,15 m, außerdem einige wenige Schafe und viele Ziegen, welchen das zwischen den Felsen hervorsprossende Gras willkommene Leckerbissen bot, denn da die Weide zu ihrer Fütterung nicht ausreichte, so erhielten sie samt den übrigen wiederkäuenden Genossen täglich zweimal – Fische! Ich war starr vor Verwunderung, als ich zum ersten Male Kühe, Ziegen und Schafe um den mit gekochten und ungekochten Fischstücken gefüllten Trog sich sammeln und gierig über das Gemengsel herfallen sah. Vom Standpunkte des Darwinismus aus betrachtet, müßte es interessant sein zu beobachten, ob diese für eine lange Reihe von Jahren fortgesetzte Fleischfütterung eine Veränderung in den Verdauungsorganen der gras- und kräuterfressenden Tiere hervorzubringen imstande ist – ob die Backenzähne mit der Zeit schmäler und schärfer werden, Spitz- und obere Schneidezähne sich ausbilden würden – ob die drei vorderen, den Wiederkäuern eigentümlichen Magen in der Entwicklung zurück bleiben würden und dafür der eigentliche Magen dem der Karnivoren und Omnivoren ähnlich werden und ob endlich der lange Darmkanal, welcher allein bei der Ruminantia sich findet, seine Umwandlung in den kurzen Darm der rasch verdauenden Fleischfresser erfahren würde.
Zur Zeit des Fischfanges werden Fischköpfe in großen Mengen getrocknet, um im Winter gekocht zur Fütterung des Viehes zu dienen.
Auch hier auf der fernen Insel traf ich Elstern; anscheinend ganz zahm, flatterten sie munter umher, Schwalben waren nicht zu erblicken, Enten und Möwen dagegen in zahllosen Schwärmen vorhanden.
Das schöne Wetter, welches mich bis zum Alten-Fjord begleitet, hatte nun ein Ende gefunden. Oftmals bietet sich dem Reisenden, der diese hohen Breitengrade nur um des Anblickes der Mitternachtssonne willen besucht, sehr geringe Aussicht seinen Zweck zu erreichen, heftiger Seegang, Schneestürme, Regengüsse und Nebel führen die Herrschaft während des Winters; der Sommer aber zeichnet sich stets durch große Veränderlichkeit des Wetters aus, auf warme, sonnenhelle Tage folgen, Regen, Nebel und empfindliche Kälte. Dieses Jahr hatte in der Zeit vom 11. bis 23. Juli nur zwei regenfreie Tage aufzuweisen; an zwei anderen wechselten Regen und Sonnenschein; die übrigen aber waren stürmisch und neblig bei häufig sehr hohem Seegang.
In Hammerfest betrug die wärmste Temperatur, freilich auch nur an einem einzigen Tage 12º, die Durchschnittstemperatur war seitdem 6º bis 7º gewesen. Während meines Aufenthaltes in Gjaesver fiel das Thermometer zu verschiedenen Malen bis auf 3º oder 4º, die Schwankung belief sich tagsüber auf kaum 3º und schon begann ich zu fürchten, ich würde bei dem trüben, stürmischen Wetter den Anblick der Mitternachtssonne von der Höhe des Nordkaps überhaupt nicht genießen können.
Am 20. Juli lag das Boot für mich bereit. Der Morgen war herrlich; die Sonne, welche sich Tage lang hinter Wolken verborgen hatte, lachte so freundlich hernieder, daß unter ihrem hellen Strahl selbst diese öde, trostlose Landschaft wie verklärt erschien. Das nicht sehr salzhaltige Wasser zeigte eine tiefgrüne Farbe, war dabei aber von so durchsichtiger Klarheit, daß man, trotz der Tiefe, bis auf den Meeresgrund zu blicken vermochte; auch die gewaltigen Klippen sahen in der Nähe weniger schroff aus, doch mochten sie immerhin in einem Winkel von 30 bis 40º zur See abfallen. Ungeheure Schwärme von Möwen flatterten über uns hin, ebenso waren Enten zahlreich, zum Teil jedoch sehr scheu; die Eidergänse aber schienen zu wissen, daß das Gesetz über ihr Leben wacht.
Einem kleinen Fjord an der Westküste von Magerö uns nähernd, gewahrte ich die Insel Fruholmen Ein großer Leuchtturm erhebt sich jetzt auf derselben. Dr. P. Nielsen. unter 75º 5' nördl. Br. aus dem Wasser emporragend; gegen Norden, unmittelbar vor der Einfahrt des Fjordes wurde ein anderes Eiland sichtbar. Je weiter wir in den Fjord vordrangen, um so mehr veränderte sich die Natur der Landschaft, und als wir landeten, lag ein Teppich saftig grünen Grases vor uns, welchen Butterblumen, Löwenzahn, Veilchen und Vergißmeinnicht, mit über 25 cm langem Stengel, schmückten. Zwergbirken und Weiden waren in Menge vorhanden und überall breitete der Wegerich ( Plantago major) seine Blätter aus. Diese letztgenannte Pflanze hatte ich in Skandinavien allenthalben angetroffen; doch überraschte es mich, sie so weit im Norden noch zu finden; ich glaube, es giebt keine andere, die eine gleiche Ausbreitung besitzt wie diese; unter dem Äquator in Afrika trat sie mir entgegen und unter 71º nördl. Br. gedieh sie in üppiger Fülle.
Quellen und Bäche sprudelten von allen Seiten hervor; die Sonnenstrahlen verbreiteten angenehme Wärme in dem engen Thal, diesem reizenden Erdenfleck – dem einzig grünen – den der hohe Norden aufzuweisen hat und in welchem sogar einige Vögel ihr Heim aufgeschlagen haben.
Zwei meiner Leute hatte ich in dem Boot zurückgelassen, drei andere begleiteten mich; der Aufstieg aber war so steil, daß ich, ehe ich den Gipfel erreichte, zu verschiedenen Malen anhalten mußte, um Atem zu schöpfen, dabei zeigte das Thermometer 7º. Einen eigentlichen Pfad gab es nicht, trotzdem war das Gehen auf dem meist steinigen, harten Boden nicht beschwerlich. Verschiedene Bäche mußten überschritten werden, an mehreren mit Schnee bedeckten Flächen kamen wir vorüber, ebenso an einer Anzahl kleiner Gewässer, auf welchen Eisschollen trieben.
Das Nordkap.
Nach einem mehrere Kilometer weiten Marsch stand ich endlich auf dem äußersten Vorsprung des Nordkaps unter 71° 10' nördl. Br., 330 m über dem Meeresspiegel. Majestätisch erhebt sich das kühne Vorgebirge, – eine dunkle, ungeheure Masse von Glimmerschiefer – über den Wogen.
Vor mir, so weit das Auge reichte, dehnte sich in azurner Bläue das Polarmeer. Kein Hauch bewegte die spiegelglatte Fläche; die Luftgeister selbst scheuten sich, die See aus ihrer Ruhe aufzuschrecken und den Frieden, die Lieblichkeit des heiterschönen Tages zu stören, eines Tages, wie sie jetzt so selten geworden sind für diesen kalten Norden, der einstmals eines so gemäßigten Klimas sich erfreute, wie heute noch England es genießt. Wie ein kleiner, dunkler Punkt erschien mein Boot in der Ferne. Die Sonne konnte ich nicht sehen; zu dieser Tageszeit befand sie sich hinter mir, d. h. südlich von dem Punkte, auf welchem ich stand.
Vor mir, in unabsehbarer Ferne dehnte sich jene unbekannte Region, die, durch einen mächtigen Eisgürtel geschützt, den Anstrengungen derer spottet, die den geheimnisvollen Schleier zu lüften und bis zum Nordpol vorzudringen versuchen; mir im Rücken lag Europa mit seinen sonnigen Klimaten und Afrika mit seinen glühenden Wüsten und den vergiftenden Hauch ausatmenden Sümpfen; zu meiner Rechten erstreckte sich Asien, zu meiner Linken Amerika, so mit Unrecht die »neue Welt« genannt.
Wohin ich den Blick auch schweifen ließ, überall zeigte die Natur den gleichen Ausdruck der Öde und trostlosester Verlassenheit. Großartig, erhaben das war sie, aber traurig, über die Maßen traurig. Den Boden bedeckte loses Geröll, welches unter der vereinten Wirkung von Zeit und Kälte sich vom Felsgrunde losgelöst, kein Baum jedoch, keine menschliche Wohnung war in Sicht, auf welcher der Blick verweilen konnte – nur wilde, schroffe Felsenwände starrten mir entgegen. An der Westseite des Kaps machten sich vier tiefe Einschnitte bemerklich, weiterhin zeigte sich eine Bucht; an der entgegengesetzten Seite fiel das Ufer verhältnismäßig flach ins Meer ab. Dort erhob sich ein kleines Felseneiland, gegen welches die Brandung mit wildem Toben anstürmte; zwei mächtige Baumstämme lagen am Rande des Riffes. Vielleicht hatte der Golfstrom sie aus der neuen Welt entführt und hier an das verlassene Ufer geschleudert; unaufhaltsam aber rauschten die Wogen gegen sie an, als wollten sie die Flüchtlinge mit starken Armen zurückholen in ihr nasses Reich. Nordwärts von demselben vorspringend, der Großartigkeit des Nordkaps indes entbehrend, ragte der Knivskjärodde empor; eine hohe, steilabfallende, vielfach zerklüftete Küstenlinie stieg aus dem Meere auf, in weiter Ferne aber wurde Kap Nordkyn sichtbar, die äußerste Spitze von dem Festlande Europas. Brandend und tosend rollten die Wogen gegen die Felsenufer an, hoch sprühte zerstäubend der schimmernde Gischt, daß es wie blendend weiße Schleier um die dunkeln Klippen wogte und wallte.
Ein Hauch so tiefer, unendlicher Trauer lag über der ganzen Landschaft ausgebreitet, daß sich mir der Anblick auf ewig unvergeßlich ins Gedächtnis prägte. Tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner, umsonst suchte ich dieselbe niederzukämpfen, – am liebsten hätte ich diesem Orte voll schauerlicher Öde und Einsamkeit den Rücken gekehrt. Aber ich hatte eine lange, beschwerliche Reise zurückgelegt, nur um hier von dem Gipfel dieses gewaltigen Felsens, dem letzten Stückchen festen Bodens im Norden Europas, das herrliche Schauspiel der Mitternachtssonne zu genießen; wie konnte ich jetzt den Fuß zur Umkehr wenden, ehe der Zweck meines Hierseins sich erfüllt!
Noch blieben mir zehn Stunden wartend zu verbringen. Ich ergriff meinen Hammer und schritt dem äußersten Punkte des Vorgebirges zu, dahin wo dasselbe, eine Strecke weit, jäh abfällt, und, platt auf dem Boden ausgestreckt, blickte ich hier über den Rand hinab in die Tiefe. Dann, während einer meiner Führer mich festhielt, bearbeitete ich das Gestein mit meinem Hammer, und es gelang mir, ein Stück von dem festen Glimmerschiefer loszubrechen, als Andenken an meine Reise.
Ich wanderte weiter, indem ich mir ein Bild davon zu machen suchte, wie dieses wüste Eiland wohl unter der Herrschaft des Winters aussehen möge! Wie schrecklich müssen dann die Stürme die nackten Klippen umtoben, wie kläglich mag der Wind hier heulen, wie dicht der Schnee zur Erde fallen und mit welch zorniger Gewalt mag der Ocean seine wütenden Wogen gegen die trotzigen Felsmassen schleudern, daß der Gischt in ungeheure Schaumwolken zerstäubt.
Selbst an diesem schönen Sommertage und ungeachtet des hellen Sonnenscheines war das Wetter kalt, mittags um 2 Uhr 30 Min. stand das Thermometer auf 6°; die Sonne hatte ein bleiches fahles Aussehen, während das Himmelsgewölbe in matter Bläue glänzte, welche nach dem Horizonte zu in einen fast weißen Farbenton auslief.
Etwas rückwärts von dem äußersten Vorsprung des Nordkaps erhebt sich eine mäßige Anhöhe; hinter derselben dehnt sich, von Ost nach West über die ganze Breite des Vorgebirges, eine Einsenkung, welche an die zu beiden Seiten befindlichen Buchten sich anschließt. Die zweite Hügelreihe ist steiniger als die erste, besitzt auch einen Morast, ein Flüßchen und einen kleinen See; hier grünte an geschützten Lagen das Gras und blühten wilde Blumen. Der dritte Höhenzug, noch felsiger denn der zweite, war stellenweise mit Schnee bedeckt und an dem äußersten Ende des Kaps sproßten einsam einige vereinzelte Grashalme.
Weiter landeinwärts zeigte sich die Zwergbirke; nur an besonders geschützten Punkten war sie jedoch zu einer geringen Höhe gediehen, an anderen Stellen dagegen erschien sie, kaum wahrnehmbar, in einer Länge von etwa 25 cm, bei einem Durchmesser von 1–2 cm; und um diese Größe zu erlangen, bedurfte sie eines oder gar zweier Menschenalter, dabei schmiegte sie sich, einer Schlingpflanze gleich, dicht am Boden hin, damit nicht die Gewalt des Windes sie mit sich fortreiße. Es war für mich eine merkwürdige Erscheinung, indes habe ich inzwischen noch häufig Gelegenheit gefunden, dieselbe auf Berghöhen zu beobachten.
Während ich südlich vom Kap weiterschlenderte, bemerkte ich plötzlich eine Spinne, eine Hummel und einen kleinen Vogel. Rasch hob ich meine Büchse, um auf den gefiederten Luftbewohner anzulegen und ihn zur Erinnerung an das Nordkap mitzunehmen, aber als das Tierchen, durch die Bewegung erschreckt, herabflatterte und sich niederduckte, konnte ich es nicht übers Herz bringen, ihm ein Leid zuzufügen. Mit ängstlichem Schreien huschte es hierhin, dorthin; augenscheinlich hatte das arme kleine Wesen sich verirrt. »Ich will dich nicht töten«, sprach ich, »bist du doch, gleich mir selbst, nur ein Wanderer, ein Fremdling in diesem fernen, kalten Norden!« Kaum hatte ich diesen Gedanken ausgedacht und die Mordwaffe gesenkt, als auch das kleine Geschöpf sich in die Luft schwang und, den Flug nach Süden richtend, meinen Blicken entschwand.
Seit länger denn einer Stunde hatte im Osten und Süden der Himmel sich mit dunkeln Wolken umzogen; höher und höher stiegen sie empor. Ich wurde unruhig. Um elf Uhr war der Himmel fast völlig bedeckt, gegen Norden aber war es noch klar, und wenn die dunklen Massen sich nicht zu schnell nach jener Richtung hin bewegten, dann konnte sich mir doch noch der Anblick der Mitternachtssonne bieten.
Tiefer, immer tiefer senkte sich das leuchtende Gestirn; als die Mitternachtsstunde nahte, schien es für eine Weile langsam am Rande des Horizontes dahinzuschweben und um 12 Uhr übergoß es die einsame Meeresfläche sowie die traurig öde Landschaft mit hellem Schein. Dann verschwand der feurige Ball hinter dem Wolkenschleier, ich aber rief, am äußersten Rande des Abgrundes stehend, ihr nach: »Lebe wohl, Mitternachtssonne!«
Ich hatte sie jetzt gesehen von Berggipfeln und von öden Hochflächen aus; ich hatte sie gesehen, wie sie mit ihrem Schein ein trostloses, verlassenes, von Schnee umhülltes Land vergoldete; ich hatte sie beobachtet, während ich auf malerischen Flüssen oder einsamen Seen dahinfuhr. Gar manche liebliche Landschaft, üppige Felder, grünende Wiesen und Wälder voll herrlicher alter Bäume hatte ich überflutet von ihrem dämmernden Lichte geschaut: von dem bottnischen Meerbusen bis zum Polarmeere war ich ihr gefolgt, und weiter konnte ich nicht vordringen.
Ich lenkte meine Schritte rückwärts, der Stelle zu, wo das Boot lag und die Männer uns bereits erwarteten. Bald darauf begann es zu regnen; bis wir nach Gjaesver zurückgelangten, war ich völlig durchnäßt und kalt, und meine Füße waren wie abgestorben, auch fühlte ich mich gänzlich erschöpft, denn ich hatte zweiundzwanzig Stunden ohne Schlaf verbracht. Bis auf den heutigen Tag aber stehen sie vor mir – jene dunkeln, zerklüfteten Felsen, jene trostlose, totenstille Landschaft und das wogende Meer, alles überstrahlt von dem wunderbaren Glanz der Mitternachtssonne und noch immer klingt das Rauschen und Murmeln der den Fuß des einsamen Nordkaps umspülenden Wogen mir ins Ohr!
Ich werde wiederkehren nach jenen nordischen Regionen. Mit den Lappländern und den Renntieren möchte ich wandern über schneebedeckte Berge, durch stille Thäler und an eisgepanzerten Flüssen entlang; wiedersehen will ich die Küste, wenn das sturmgepeitschte Meer gegen ihre Felswände rast, wenn wilde Schneestürme sie umtoben!
Folgende Tafel giebt eine Aufstellung über den Zeitpunkt des Erscheinens und Verschwindens der Mitternachtssonne an den verschiedenen, innerhalb des Polarkreises gelegenen Punkten, für das Jahr 1885:
Andauernde Dämmerung
Andauernder Tag