Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Viertes Kapitel. Der Mitternachtssonne entgegen.
Fahrt auf der Ostsee. – Eigentümlichkeiten der Passagiere. – Haparanda.
Zwei verschiedene Wege führen von Stockholm aus nach der Ostsee: der eine durch den Fjord, der andere über den vermittelst des Södertelgekanals mit dem Meere verbundenen Mälarsee. Die Küste an beiden Seiten des Fjords ist mit Inseln buchstäblich übersäet, von denen viele nur über den Wasserspiegel emporragende Felsen, andere von ziemlicher Ausdehnung und gut angebaut oder mit Koniferenwäldern bedeckt sind, während wieder andere Fischern zum Aufenthalt dienen.
An einem schönen Junimorgen, gerade da die Sonne emporgestiegen, um mit ihren glänzenden Strahlen die Hügel ringsum zu vergolden, trat ich, von Stockholm aus, meine Reise nach dem Norden an. Rasch eilte der Dampfer an dem die Hauptstadt schützenden Waksholm vorüber, dessen Befestigungswerke von Jahr zu Jahr verstärkt werden. Insel um Insel kam in Sicht, allmählich aber wurde die Scenerie rauher und wilder, die Küste öder und einsamer: Fichten ragten, oftmals in weiten Abständen, auf den Felseilanden empor, nur dann und wann wurde eine Windmühle oder eine Fischerhütte sichtbar oder einige wenige, zu einem kleinen Bauernhof gehörende Kühe, welche am Ufer grasten. Nach einer Fahrt von vier Stunden befanden wir uns auf der Höhe der Insel Arholm mit ihrem altmodischen, durch die weitabstehenden Flügel, einer Windmühle nicht unähnlichen Semaphor-Signal. Etwas später fuhren wir zwischen den Ålandsinseln und dem Festlande hindurch, um, in den bottnischen Meerbusen gelangt, die Küste allmählich aus den Augen zu verlieren. Spiegelglatt dehnte sich die Wasserfläche ringsum, der von der Landseite wehende Wind trug auf seinen Schwingen den würzigen Duft der Tannen, Föhren und Wiesen von Schwedens Ufer zu uns herüber. Keine Woge, kaum eine kleine Welle unterbrach die gleichmäßige Ruhe der glitzernden Fläche. Die tiefdunkle Farbe des Wassers bildete einen eigentümlichen Gegensatz zu dem klaren Blau des Himmels; was meine Verwunderung jedoch ganz besonders erregte, war die völlige Abwesenheit von Wasservögeln. Weder Enten noch Möwen oder sonstige Schwimmvögel waren zu erblicken. Der Fischreichtum ist groß, sowohl im bottnischen Meerbusen, als auch in der Ostsee, weshalb auch an den Küsten, sowie auf einzelnen der Inseln der Fischfang in ausgedehntem Maßstab betrieben wird. Unser schwer beladenes Schiff legte 16 km in der Stunde zurück; in gerader Linie dampften wir vorwärts, die zahlreichen, die Küste umsäumenden Inseln sorgfältig vermeidend.
Die Zahl der Passagiere erster Klasse war nur gering, die Besorgnis, durch den Eisgang aufgehalten zu werden, mochte Schuld hieran sein. Zahlreicher waren die Deckpassagiere, und sie in ihrer Fröhlichkeit und Ungezwungenheit zu beobachten, war für mich eine Quelle großen Vergnügens. Die Reise schienen alle ausnahmslos auf die möglichst billige Weise bewerkstelligen zu wollen, sie bezahlten nur den Fahrpreis und führten ihre Lebensmittel in hölzernen oder aus Buchenrinden gefertigten Schachteln bei sich. Ihre Kost bestand vornehmlich aus rohen, gesalzenen Heringen, Butter, Käse etc., und grobem, weichem Schwarzbrot. Sie hatten noch ein anderes Brot, Stångkakor, etwas dunkler als Knäckebröd, aber so hart, daß es kaum zu beißen war, denn dies Brot wird wie das Knäckebröd, an dem in der Mitte befindlichen Loch auf Stangen gereiht, monatelang aufbewahrt. Dann und wann bewirteten alte Freunde oder neue Bekannte einander mit einer Flasche Bier aus dem Schiffsrestaurant, häufiger aber noch mit einem Glas Bränvin, wovon jeder eine Flasche, wohlverpackt in der Kiste oder sorgfältig in der Rocktasche untergebracht, mit sich führte.
Von Seiten der Kapitäne werden sowohl die Deckpassagiere, wie auch die Reisenden zweiter Klasse, mit größter Rücksicht behandelt. Ihr Gepäck wird nicht umhergeworfen oder gestoßen, auch finden alle ihre etwaigen Fragen stets eine freundliche Beantwortung, wie denn rohe Ausdrucksweise überhaupt nicht geduldet wird.
Alle Kapitäne und Offiziere der schwedischen wie auch der norwegischen Dampfer zeichnen sich durch große Höflichkeit aus; in keinem anderen Land findet man unter den Kapitänen der Handelsschiffe so gründlich gebildete Leute wie hier. Eine fremde Sprache wenigstens kann jeder unter ihnen, die meisten aber sprechen deren mehrere, vorzugsweise deutsch, englisch und französisch.
Der Salon unseres Schiffes, mit allen Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, auch einem Piano versehen, wurde mit Dampf geheizt, unsere Kabinen waren trefflich. Eine besondere Eigentümlichkeit der schwedischen Ostseedampfer ist die ausschließliche Verwendung weiblicher Bedienung, welche, unter der Aufsicht einer Oberkellnerin – zugleich unumschränkter Beherrscherin des Küchendepartements – stehend, alles in wirklich musterhafter Sauberkeit erhält.
Die Mahlzeiten – wir hatten deren täglich drei: Frühstück, Mittag- und Abendbrot – wurden auf dem Deck eingenommen. Die Verköstigung war in dem Fahrpreis nicht mit einbegriffen, die Berechnung derselben aber äußerst mäßig, dabei ließ die Qualität der Speisen wie auch der Getränke nichts zu wünschen übrig.
Eine merkwürdige Einrichtung ist es obendrein, daß die Wirtin durchaus keine Kontrolle über die von ihr bezogenen Speisen und Getränke führt, es bleibt vielmehr jedem Gaste überlassen, jede ihm verabreichte Mahlzeit sowie jede in der Zwischenzeit genossene Erfrischung selbst in ein eigens zu diesem Zweck aufliegendes Buch einzutragen, und erst beim Verlassen des Schiffes wird ihm, auf Grund dieser seiner eigenen Angaben, von einer der flinken Kellnerinnen die Rechnung gestellt.
Nördlich von den Ålands-Inseln, in dem Sund von Ovarken, trafen wir große Eismassen. Die Inselmenge an der finnischen Küste hinderte ihre Vorwärtsbewegung und der aus Osten wehende Wind trieb sie der schwedischen Küste zu. Auf einer der gewaltigen Eisschollen bemerkten wir eine bedeutende Anzahl von Seehunden.
An dem Leuchtturm auf der Insel Norrskär und an dem Feuerschiff Snipan vorüber gelangten wir, nach einer Fahrt von zweiunddreißig Stunden, zu einer Gruppe von Inseln. Die größte derselben, Holmön liegt, ziemlich von der Küste entfernt, dem hübschen Städtchen Umeå gerade gegenüber. Hier trafen wir abermals mächtige Eisschollen, von der finnischen nach der schwedischen Küste treibend. Der Winter von 1870–71 hatte sich durch ungewöhnliche Strenge ausgezeichnet, und bis zu den letzten Tagen des Juni waren große Eismassen vorhanden.
Das Wetter war frisch. Wenn der Wind von Norden kommend über die Eisfelder hinstrich, fiel das Thermometer plötzlich auf 4°–5°, um nach wenigen Minuten wieder auf 8° oder 9° zu steigen; während der Nacht stand es gewöhnlich auf 5° oder 6°.
Zahlreiche Boote, ganz besonders für den Seehundsfang gebaut, waren überall sichtbar. Die Form derselben ist sehr eigentümlich: von der Mitte aus allmählich ansteigend, ragt der gerundete Bug weit aus dem Wasser empor. Diese Bauart macht es den Booten möglich, über Eisschollen zu gelangen oder an solchen anzulegen, damit die Bemannung zu Fuß die Seehunde erreichen kann; bei günstigem Wind segeln diese Boote übrigens ungemein rasch.
Je weiter wir vorwärts drangen, um so dunkler wurde die Farbe des Wassers; auch die Strömung wurde stärker, denn um diese Zeit des Jahres sind die Zuflüsse, infolge des im Innern des Landes, in den Bergen schmelzenden Schnees, ungeheuer. Die mit Föhren, Tannen und Buchen bestandene Küste war flach und einförmig; nur in weiten Abständen kamen Bauernhöfe, Dörfer und Sägemühlen in Sicht. Die einzelnen, mit einem hölzernen Hafendamm versehenen Haltestellen waren sehr von einander verschieden; manche derselben machten einen trostlosen Eindruck, waren auch lediglich Vorposten der weiter stromaufwärts gelegenen Städte und Dörfer. An jedem dieser Plätze wurde ein Anschlagebrett aufgezogen, welches den Passagieren die Stunde der Weiterfahrt verkündete; dreimaliges, lautes Pfeifen galt als Signal für diejenigen, welche einen Streifzug nach dem Ufer unternommen. An jeder Landungsstelle wurden Reisende ausgesetzt und eingenommen und je weiter wir nach dem Norden vordrangen, um so zahlreicher wurde die Gesellschaft. Trotz der frühen Jahreszeit und ungeachtet des Eisganges kamen uns doch viele mit Bauholz befrachtete Segelschiffe entgegen.
Der Mitternachtssonne entgegen.
Das trostlose Aussehen der Gegend wurde nur durch den, bei der überaus reinen Luft Skandinaviens, tiefblauen Himmel einigermaßen gemildert. Auch die Wälder rings um die einsamen Haltestellen oder längs der Landstraßen boten einen traurigen Anblick, doch wäre es voreilig gewesen, aus der zwerghaften Form der Föhren und Tannen auf den Stand der Vegetation überhaupt schließen zu wollen; die hohen Bäume hatte man nur eben zum größten Teile gefällt. Die Felsen waren mit Flechten überzogen und mächtige Blöcke bedeckten den Boden, nur hier und da unterbrachen Wiesen, Felder mit Gerste, Hafer und Roggen bestellt, die Einförmigkeit der Landschaft; wilde Blumen waren in Unmasse vorhanden, einige wenige Schmetterlinge flatterten umher, dann und wann tönte der Schrei einer Elster oder Krähe durch die Stille – und doch, welch bestrickender, märchenhafter Reiz breitete seinen glänzenden Schleier über diese arme, öde Gegend! Wie in einem wunderbaren Zauber befangen fühlte ich mich, als ich zum erstenmale, nachts um die zwölfte Stunde, umflutet vom hellsten Lichtschein, zwischen den Felsen und am Rand der mit goldenen Butterblumen umsäumten Landstraße süßduftende Veilchen pflückte. Von Zeit zu Zeit klang der Ruf des Kuckucks zu mir herüber, die Luft war so kräftig, das Schauspiel so fesselnd, so neu, daß ich mich kaum von demselben loszureißen vermochte.
Am Lande war die Temperatur weit wärmer, die Sonne brannte so heiß, daß das Thermometer zur Mittagszeit 12° im Schalten zeigte. Bei dieser Witterung machte die Vegetation rasche Fortschritte, die Föhren und Tannen zeigten bereits Schößlinge von 10 cm Länge. Die Städtchen hatten ein niedliches Ansehen, die mit Kieselsteinen gepflasterten Straßen waren freilich ohne Fußsteige. An den Fenstern der, auf steinernem Unterbau aus Holz errichteten, meist ein oder zwei Stockwerk hohen, fast durchgängig gut angestrichenen Häuser prangten Rosen, Nelken, Geranien und andere Blumen in vollster Blüte. Ernst und feierlich ragte die Kirche über die Häuser empor. Die Männer besaßen ausnahmslos eine aufrechte, stolze Haltung, die Frauen waren hübsch und, so arm sie auch sein mochten, stets überaus sauber gekleidet; Kopftücher trugen alle. Barfüßige, bloßköpfige Knaben und Mädchen, glücklich wie alle Kinder, füllten die Schulhäuser; in Lumpen gehüllte Personen oder Bettler waren dagegen nirgends zu erblicken.
An einer der Haupthaltestellen fand sich die gesamte Einwohnerschaft zu unserer Begrüßung am Hafendamm ein. Unsere Ankunft war ein Ereignis für sie; kaum hatten wir Anker geworfen, als auch alle sich an Bord drängten. Mit welchem Verlangen sehen doch die Bewohner des fernen Nordens dem Eintreffen des ersten Dampfers entgegen! Wie glücklich sind sie, wenn die Kälte des Winters die See nicht allzu lange in Fesseln schlägt, wenn der Sonnenschein kommt, sie aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Offen liegt dann wieder vor ihnen der Weg nach allen Meeren der Welt; ihre Flüsse bringen die während des Winters gefällten Bäume zu Thal; ihre Sägemühlen sind in voller Thätigkeit; hunderte von Fahrzeugen langen an, den ungeheuren der Einschiffung harrenden Vorrat von Bauhölzern aufzunehmen; ferne Freunde, welche die beschwerliche Überlandreise während des Winters gescheut, treffen zum Besuche ein; die Bewohner des Nordens suchen Entschädigung für die lange Abgeschlossenheit und ziehen selbst der Hauptstadt, Schwedens sonnigem Süden oder noch weiter dem Festlande zu; die Kaufleute füllen ihre Magazine mit frischen Vorräten; langentbehrte Kostbarkeiten aus südlichen Breiten erscheinen auf dem Markte; die Zeit des Fischfangs beginnt; Lachse kommen in großen Mengen in die Flüsse; der Landmann ist emsig bei der Arbeit und sieht hoffend einer guten Ernte entgegen.
An solch einsamen Orten werden Dampfer als schwimmende Restaurants betrachtet. Die Zeit des Aus- und Einladens der Fracht benutzen die Gäste vom Lande dazu, sich leiblichen Genüssen hinzugeben, sich an Rettichen, Spargeln und Salat zu laben. Unsere Besucher brachten gleichfalls reges Leben, aber in all dieser Fröhlichkeit und Ausgelassenheit lag von Grobheit oder Roheit keine Spur. Das Deck über der Kajüte war bis zum letzten Platz besetzt, der Speisesaal gedrängt voll, die Wirtin hatte einen guten Tag und ihr Gesicht strahlte. Hierhin, dorthin flogen die Aufwärterinnen, von Schlaf konnte keine Rede für sie sein, sie hatten alle Hände voll zu thun. Übrigens beeinträchtigte ihre Müdigkeit auch keineswegs ihre gute Laune, kein Auftrag wurde vergessen und lachend beantworteten sie die Komplimente ihrer neuen Bewunderer.
Die allgemeine Heiterkeit wirkte ansteckend, ich gab es auf, in meiner Kabine eine Ruhe zu suchen, die bei der Lebhaftigkeit des Treibens ringsum, sowie dem durch das Laden der Fracht verursachten Geräusch doch nur schwer zu finden gewesen wäre. Da war es denn doch lohnender, die verschiedenen Gruppen zu beobachten. Dort standen vier oder fünf Herren um eine Flasche Wein versammelt. Sie waren von einem unter ihnen eingeladen, auf die Gesundheit eines Freundes zu trinken, den er lange nicht gesehen. Eine Rede wurde gehalten, die inzwischen verflossenen Jahre wie auch die alte Freundschaft fanden Erwähnung, dann wurden die Gläser geleert. Natürlich mußte der durch den Toast Geehrte seinen Dank aussprechen, wieder folgten die üblichen Verbeugungen und wieder mußte einander zugetrunken werden.
Bei einer anderen Gruppe ging in ähnlicher Weise die Abschiedsfeier eines Freundes vor sich. Augenscheinlich verfehlten der Wein und der schwedische Punsch nicht ihre Wirkung auf die Geister; es hatte den Anschein, als wollten sich alle gegenseitig in die Arme schließen. Unberührt von dem Lachen und Plaudern der übrigen saßen andere bei einer Tasse Kaffee beisammen, mit ernsthaften Mienen Geschäfte besprechend und nur auf Geld und Gewinn bedacht. Jeder Augenblick schuf ein neues Bild, bis endlich morgens um 5½ Uhr die Pfeife das Zeichen zum Aufbruch gab. Noch mußte rasch die Rechnung gemacht werden für alles Schmausen und Zechen die ganze Nacht hindurch, dann ging es in Eile dem Ufer zu, das Schiff aber furchte aufs neue die Wogen.
Den Aposteln der Müßigkeit mögen solche Bräuche, wie der eben geschilderte, wohl ärgerlich erscheinen, jeder dahin zielenden Bemerkung aber wird stets die Thatsache entgegengestellt werden, daß die Bevölkerung Schwedens und Norwegens die höchste Altersstufe zu erreichen pflegt. Dem Reisenden selbst bieten derartige Scenen eine willkommene Abwechslung, denn der nächste Landungsplatz besteht vielleicht nur aus einem hölzernen Damm mit einem Schuppen dabei. Durch diese anscheinende Öde darf man sich freilich nicht irre führen lassen; zwischen den Felshügeln und hinter den Wäldern versteckt, erheben sich, oftmals in nur geringer Entfernung vom Ufer, Bauernhöfe, Dörfer, Sägemühlen, während etwas weiter abseits die Landstraßen sich dehnen.
Als unsere Reise sich ihrem Ende zuneigte und wir uns dem oberen Teile des bottnischen Meerbusens näherten, war die Dämmerung vollständig verschwunden; zwischen Nieder- und Aufgang der Sonne verfloß kaum eine Stunde.
Wir erreichten das am Ausgang des Råne-Fjord nicht weit von dem Fluß gleichen Namens gelegene Strömsund. Dies war unsere letzte Haltestelle vor Haparanda, und hier sollten wir mehrere Stunden liegen bleiben. Der Ort sah so überaus einsam und verlassen aus, daß man sich unwillkürlich fragte, wie die Menge der ausgeladenen Fracht sich eigentlich verteilen werde. An dem Ausgang eines dicht bei dem Landungsplatz befindlichen kleinen Sees erhob sich eine Mahlmühle, weiterhin waren zwei Bauernhöfe sichtbar, sonst war die Gegend öde und traurig. Mit Flechten überzogene Felsen, dazwischen einzelne Granitblöcke, ragten hier und da empor, nur niedere Tannen und Föhren entsproßten dem unfruchtbaren Erdreich.
Råneå liegt in geringer Entfernung an der längs der Küste sich hinziehenden Landstraße, eine Telegraphenleitung verbindet den Ort während der Dauer der Schiffahrtszeit mit Strömsund.
Die nach Råneå führende Straße war einsam wie die ganze Gegend ringsum, nur zwei jener eigentümlichen, hier allenthalben gebrauchten Fuhrwerke traf ich auf dieser Strecke. Es sind dies leichte zweirädrige Wagen, Kärra genannt, das Hauptteil und die Deichsel in einem, teils mit, teils ohne Federn und mit einem Sitz, der gerade nur für zwei Personen Raum bietet.
In geringer Entfernung von der Kirche befand sich ein etwa 7 bis 9 m tiefer, öffentlicher Brunnen. An seiner Innenseite, etwas oberhalb des Wassers, war die Mauer mit einer fast 1 m dicken Eiskruste bedeckt, welche oftmals das ganze Jahr hindurch nicht schmilzt; das Wasser selbst war köstlich.
Zu Anfang Juli wird hier eine Messe abgehalten; dann werden auch die vielen unangestrichenen Holzhäuschen benutzt, welche, jetzt leer stehend, das trostlose Aussehen des Dorfes erhöhten. So still war der Ort, daß, wenn nicht dann und wann ein Mann oder eine Frau auf der Straße sichtbar gewesen wäre, man denselben für völlig ausgestorben hätte halten können.
Der Arzt des Dorfes war zu Hause, nahm mich auch mit großer Freundlichkeit auf. Alles in seinen Hause war einfach aber behaglich; Massen von Blumen schmückten die Fenster, den geräumigen Zimmern ein freundliches Ansehen verleihend, die Fußböden aus geglättetem Fichtenholz aber zeigten eine so blendende Weiße und Sauberkeit, daß ich mich fast scheute sie zu betreten. Die einfache, kleine Bibliothek enthielt wissenschaftliche und medizinische Bücher, außerdem noch die verschiedensten Werke in deutscher, französischer und englischer Sprache.
Kärra mit Feder.
Auch hier hörte ich die alten Klagen über die außergewöhnliche Strenge des Winters. Das Thermometer war oft bis zu 32° oder 34° unter Null gefallen und am 2. Juni war der Boden noch mit Schnee bedeckt gewesen. Jetzt freilich guckten die Erbsen draußen im Garten schon 6 cm hoch aus der Erde hervor, zu Ende August oder zu Anfang September konnten sie wohl auf den Tisch gebracht werden. Der freundliche Arzt drang in mich, an seinem Mittagsmahle teilzunehmen, ich mußte die Einladung jedoch ablehnen aus Furcht, die Abfahrt des Dampfers zu versäumen. Zu einem Imbiß aber wurde ich genötigt, anders erlaubte es nun einmal die hier zu Lande übliche Gastfreiheit nicht.
Nach Strömsund zurückgekehrt, traf ich zu meinem Erstaunen reges Leben. Aus der ganzen Umgegend hatten sich Karren eingestellt, um die von dem Dampfer gelandete Fracht in Empfang zu nehmen und weiter zu befördern. Roggen- und Gerstenmehl, eine vollständige Dampfmaschine für eine Sägemühle, Tonnen Schnupftabak, Kisten und Fässer voll Wein, eiserne Töpfe, Nägel, Schnittwaren verschiedenster Art, Ballen Kaffee, Zucker, kurz alles, was zu den Bedürfnissen des täglichen Lebens gehört, lag hier bunt durch einander gehäuft.
Dicht bei unserem Schiff hatte ein anderer Dampfer Anker geworfen. Er brachte unserem Fahrzeug zweihundert neue Passagiere, alle Bauern aus den landeinwärts gelegenen Bezirken. Sie gehörten zu der Beväring (Landwehr) und begaben sich nach einem Ort an der Küste, um dort während einiger Wochen, unter der Leitung ihrer Offiziere, militärischen Übungen obzuliegen.
Der zahlreichen Sandbänke wegen können große Dampfer nicht bis zur Mündung des Torneflusses gelangen. Ein kleiner Dampfer brachte uns die wenigen noch übrigen Kilometer bis nach Haparanda.
Haparanda liegt unter 65º 51' nördlicher Breite, 65 km südlich vom Polarkreis, seine Bevölkerung, etwa 1000 an der Zahl, besteht zumeist aus Finnländern. Es ist 1º 18' nördlicher gelegen denn Archangel und befindet sich unter dem gleichen Breitegrad mit dem nördlichsten Teile Islands.
In der Zeit vom 22. bis 25. Juni kann der Reisende den Anblick der Mitternachtssonne von dem Hügel Avasaksa, welcher sich 208 m hoch in einer Entfernung von etwa 124 km am jenseitigen Ufer des Flusses erhebt, und einige Tage später von der noch weiter nördlich sich hinziehenden Landstraße aus genießen.
Haparanda ist ein ganz wohlhabender Ort mit vielen großen, gut angestrichenen Gebäuden; besitzt auch mehrere Vorratshäuser, denn er bildet eine Art Handelsniederlassung für die weiter nördlich wohnende Bevölkerung. Bauholz, sowie Teer bilden die hauptsächlichsten Ausfuhrartikel. Ihre gegenwärtige Bedeutung hat die Stadt übrigens erst seit der Abtretung Finnlands an Rußland erlangt, früher war die beinahe gegenüber liegende Stadt Torneå Sitz des Handels.
Haparanda hat zwei Kirchen, sowie eine Hochschule, auf welcher deutsch, französisch und englisch gelehrt wird und die Schüler ihre Vorbereitung für die Universität erhalten. Auch eine Zeitung erscheint daselbst.
Hier befindet sich auch die letzte Telegraphenstation in Schweden, welche Telegramme nach allen Orten der Welt befördert. Die Telegraphenbeamten sind durchgängig gebildete Leute, welche eine scharfe Prüfung zu bestehen haben und der deutschen, französischen und englischen Sprache mächtig sein müssen; dieselben Vorschriften gelten auch für Norwegen.
Kaum war ich angelangt, so erschienen auch schon die angesehensten Einwohner des Städtchens – Pfarrer, Richter, Posthalter u. s. w., um mir ihren Besuch zu machen und mir, mit echt schwedischer Liebenswürdigkeit, ihre Dienste anzubieten. Als sie von meinem Reiseplan hörten, rieten mir freilich alle aufs entschiedenste ab, sobald sie jedoch erkannten, daß ich entschlossen sei, an meinem Vorhaben festzuhalten, wetteiferten sie auch förmlich, mir die Ausführung desselben zu erleichtern. Eine Hauptsorge war die Beschaffung eines tüchtigen Führers und groß war die Freude, als ein solcher in Andreas Jakob Josefsson, einem stattlichen Finnländer, der früher in Amerika gewesen, gefunden war.
Schulhaus in Haparanda.
Die gebräuchlichste und wirklich allerliebste Art des Reisens in Schweden ist vermittelst der Poststationen, Gästgifvaregård genannt; als Beförderungsmittel dient dabei die bereits erwähnte Kärra.
Die Zahl der Poststationen beläuft sich auf mehr als fünfzehnhundert, die Gesamtlänge der Landstraßen auf über 25 600 km. Die Landstraßen zerfallen in vier Arten: Kungsväg (Königsstraße) ist die beste; Häradsväg (Bezirksstraße) meist sehr gut; Sockenväg (Pfarreistraße) nicht so gut, häufig sogar schlecht, und endlich der Byväg (die Dorfstraße) sehr schmal und holprig.
Die Entfernung zwischen den einzelnen Haltestellen beträgt gewöhnlich zwischen 10 und 16 km. Nur in wenigen Gegenden sind die Abstände, der spärlichen Bevölkerung wegen, größer. Die meisten dieser Halteplätze sind Bauernhöfe, in allen aber ist Verköstigung sowie Quartier zu haben. Viele derselben, besonders die an den Hauptverkehrswegen gelegenen, sind sehr behaglich eingerichtet; in den entfernteren, weniger besuchten Bezirken dagegen ist die Kost sehr armselig, und es wird dem Fremden schwer, sich an dieselbe zu gewöhnen. Die Inhaber dieser Haltestellen erhalten eine Entschädigung vom Staate ausgezahlt; der Betrag richtet sich jedoch vollständig nach der Ausdehnung des Verkehrs. Um den Reisenden eine gute Bedienung zu sichern, schließt die Regierung nur mit den zuverlässigsten Bauern eines Bezirkes Verträge ab. Auf jeder Haltestelle befindet sich ein Buch, in welches die Reisenden ihren Namen und Beruf, den Ort, von welchem sie kommen, denjenigen, nach welchem sie sich begeben, die Zahl der bestellten Pferde, sowie etwaige Beschwerden eintragen. Allmonatlich werden diese Fremdenbücher von Regierungsbeamten durchgesehen. Jedes derselben bringt auch die Vorschriften der Wegeordnung zur Kenntnis. Die Dauer der Wartezeit richtet sich nach der Zahl der Pferde, deren ein Reisender bedarf. Der für die Strecke zwischen den verschiedenen Halteplätzen zu entrichtende Betrag ist aufs genaueste angegeben, so daß die Möglichkeit eines Irrtums vollständig ausgeschlossen bleibt; gewöhnlich stellt sich der Fahrpreis in Landbezirken auf 1,36 M für die schwedische Meile (10,688 km); dagegen in Städten auf 1,82 M. Für die Benutzung von Wagen und Zaumzeug wird eine kleine Summe besonders berechnet, gewöhnlich 4 Pf per schwedische Meile, für einen Schlitten oder Kärra ohne Federn, 7 Pf für einen solchen mit Federn. Fähr- und Brückengeld muß der Reisende gleichfalls tragen. Gewicht für Person und Gepäck zusammen ist auf 200 Kilo angenommen, doch verursacht dieser Punkt niemals Schwierigkeiten, wenn der Reisende nicht gerade ungewöhnlich viel Gepäck mit sich führt. Den Kutscher muß der Stationsvorsteher besorgen und hat dieser, falls er sich eine Überforderung zu Schulden kommen läßt, eine Strafe von 28,50 M zu erlegen.