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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 6

Zweites Kapitel. Von der Themse zum Mälar-See.

Von London nach Gothenburg. – Aufenthalt in Gothenburg. – Weiterreise. – Station Katrineholm. – Ankunft in Stockholm.

In der zweiten Hälfte des Mai 1871 fuhr ich von New-York nach London und in den ersten Tagen des Juni verließ ich morgens um drei Uhr mein Gasthaus, um mich an Bord des jede Woche nach Schweden abgehenden Dampfers zu begeben. Unser Bestimmungsort war Gothenburg, die Zahl unserer Passagiere, meist Schweden, nur gering.

Der schwedische Kapitän zeichnete sich durch höfliches Wesen aus, sprach auch vorzüglich englisch. Niemals vernahm ich einen Fluch von ihm; vor Beginn jeder Mahlzeit pflegte er ein Gebet zu sprechen, ein Gebrauch, den ich übrigens fast durch ganz Skandinavien verbreitet gefunden habe.

Der erste Teil unsrer Überfahrt ging, des andauernden Nebels wegen, nicht rasch von statten, das Schiff war außerdem etwas langsam. Eines Morgens, es war an einem Sonntag, klärte sich indes das Wetter plötzlich auf und blieb während der noch übrigen Reisezeit anhaltend schön. Nachmittags erblickten wir die flache, öde aussehende Sandküste Jütlands, abends kamen wir bei dem Leuchtturm von Skagen vorüber und genossen den Anblick eines herrlichen Sonnenuntergangs.

Montags in der Frühe kam die unfruchtbare, von Granitfelsen umschlossene Küste in Sicht. Bald darauf liefen wir in den Göta-Elf ein, und um fünf Uhr lagen wir, nach einer Reise von drei Tagen, an einem der Quais von Gothenburg vor Anker. Gothenburg, die zweitgrößte Stadt Schwedens und dessen bedeutendster Seehafen, liegt an der Westküste unter 57° 42' nördl. Br. und zählt 73 000 Einwohner. Sofort in die Augen fallend ist die überaus große Reinlichkeit der Stadt, die die Straßen in der Mitte durchschneidenden Kanäle erinnern an holländische Städte.

Meine zahlreichen Empfehlungsbriefe verschafften mir unter anderem auch den Eintritt in eines der ersten Kaufmannshäuser Gothenburgs, dessen ältester Teilhaber Mitglied der ersten Kammer des Reichstages war, die beiden Brüder waren die ersten, die mir zuriefen: »Willkommen in Schweden! willkommen in Skandinavien!«

Die Reise von Gothenburg nach Stockholm läßt sich auf dreierlei Weise bewerkstelligen, entweder vermittelst der Eisenbahn in zwölf Stunden; zu Wasser von See zu See; oder mit der Post. Die Kanal- und Seenfahrt ist jeder anderen vorzuziehen, nimmt sie auch zwei bis drei Tage in Anspruch, so gewährt sie doch ausgezeichnete Gelegenheit, das Land kennen zu lernen; dabei sind die meisten Dampfer überaus bequem.

»Sie müssen mit uns speisen«, hieß es. »Vor morgen früh können Sie nicht weiterreisen, denn es geht täglich nur ein Zug nach Stockholm ab.«

So hatte ich kaum skandinavisches Gebiet betreten, als ich auch schon Gelegenheit fand, die Gastfreundschaft des Volkes kennen zu lernen.

Das Mittagsmahl wurde um drei Uhr eingenommen. Zu spät erst machte ich die Wahrnehmung, daß es für passend gilt zu demselben in Frack und weißer Binde zu erscheinen und daß die Schweden genau auf Beobachtung dieser Form sehen. Dem Mittagsmahl geht ausnahmslos eine Vorkost voran, d. h. eine Anzahl besonderer Speisen, zur Reizung des Appetites.

Ich hatte die Ehre, die Dame des Hauses nach dem Speisezimmer geleiten zu dürfen. Dort führte man mich zu einem kleinen Tisch, dem Smörgåsbord, um welchen alsbald alle sich versammelten. Zierlich geordnet war auf diesem Tische aufgestellt: geräuchertes Renntierfleisch, in dünne, kleine Scheiben geschnitten; geräucherter Lachs mit weichgesottenen Eiern; hartgekochte Eier; Kaviar; Bratwürste; eine Art Anchovis, die an der Westküste gefangen wird; roher, gesalzener, sehr fetter norwegischer Hering, gleichfalls in kleine Stücke geschnitten; Sillsalat aus marinierten Heringen, kleingeschnittenem gekochten Fleisch, Kartoffeln, Eiern, roten Rüben und Zwiebeln, mit Pfeffer, Essig und Olivenöl angemacht; geräucherte Gänsebrust; Gurken; Schwarz- wie auch Weißbrot in kleinen Scheiben; Knäckebröd, eine Art hartes Fladenbrot aus grobem Roggenmehl, mit Anis gewürzt; Siktadt, sehr dünnes Brot aus dem feinsten gebeutelten Mehle; Butter; Gammal-ost, der schärfste alte Käse, den man finden kann, und Kummin-ost, ein mit Kümmel gewürzter Käse. Drei Krystallflaschen enthielten verschiedene Arten von Bränvin (Likör): Renadt aus Roggen oder Kartoffeln bereitet; Pomerans, bestehend aus Renadt mit einem Zusatz von bitterem und etwas süßem Orangenöl, und Finkelbränvin oder ungeläuterter Rum. Winzige Gläschen umgaben die Flaschen, und die Herren der Gesellschaft wählten unter den Getränken, welche wie auch die Speisen mir ganz fremd waren. Alles war auf einem schneeweißen Tischtuch geschmackvoll geordnet, die Teller, Messer, Gabeln und Servietten standen und lagen wie bei einer Zwischenmahlzeit, aber da ich mich bedienen sollte, wußte ich in der That nicht, was zu thun – das Mahl wurde nämlich stehend eingenommen. Die Dame des Hauses, meine Verlegenheit bemerkend, half mir in freundlicher Weise aus der Klemme, indem sie vor mir zulangte. Sie nahm ein Stück Brot, bestrich dasselbe mit Butter und wählte darauf mit einer Gabel unter den Leckerbissen. Ich unterhielt ein lebhaftes Gespräch mit unserem Wirte, beobachtete unterdes aber sorgfältig die Übrigen, um mein Verhalten nach dem ihrigen zu regeln. Mit der Zeit lernte ich alle auf dem Smörgåsbord zu findenden Gerichte, namentlich den Sillsalat, schätzen.

Nachdem das Smörgås seine Bestimmung, Schärfung des Appetits, erfüllt, begaben wir uns zur Tafel, wobei mir der Ehrenplatz zur Rechten der Hausfrau zu teil wurde. Die Speisen bei dieser Mahlzeit, wie auch die Weine, waren von denen anderer Länder nicht verschieden. Bei Beginn des Essens ist es Sitte, daß der Wirt seinen Gast mit einem Glase Wein willkommen heißt, während des Mahles aber trinken Wirt, Wirtin und Gäste unter gegenseitigen Verbeugungen einander zu.

Das Wetter war entzückend, ein Spaziergang nach dem Park, einem Lieblingsaufenthalt der Gothenburger im Sommer, wurde deshalb vorgeschlagen. Nach Erlegung eines geringen Eintrittsgeldes wanderten wir in den prächtigen Anlagen, im Schatten mächtiger Bäume, zwischen Buschwerk und am Ufer eines kleinen Flüßchens dahin. Man sagte mir, der Frühling sei diesmal um etwa eine Woche zurück, trotzdem aber fing der Hagedorn an, seine Knospen zu erschließen, die Nelken, Apfel- und Kastanienbäume waren in voller Blüte, die Pappeln, Ulmen und Linden standen in herrlichster Pracht, die Eichen prangten im Schmuck ihrer jungen Blätter, das Gras sproßte kräftig, ringsum dufteten eine Menge von Blumen, kurz, das Ganze gewährte einen überaus lieblichen Anblick. In der Mitte des Parkes etwa erhob sich ein Musikzelt, ein gutes Orchester ließ von hier aus seine munteren Weisen ertönen. Scharen zahmer Sperlinge zwitscherten dazwischen und Hunderte von Gästen wandelten auf und nieder, saßen in Gruppen zusammen, nahmen an kleinen Tischen Erfrischungen ein oder tauschten jene anmutigen Höflichkeitsformen mit einander aus, welche diesem Volke so ganz besonders eigen sind.

So verging der erste Tag meiner Anwesenheit in Skandinavien.

Die Bahnlinie von Gothenburg nach dem etwa 450 km entfernten Stockholm, vom Staat erbaut und unter dessen Verwaltung stehend, ist der Hauptverbindungsweg zwischen West und Ost und zweigt sich ab nach Süd und Nord bis nach Christiania.

Am anderen Morgen (13. Juni) befand ich mich auf dem Wege. Die Eisenbahnwagen waren dieselben, wie sie in allen europäischen Ländern in Gebrauch sind, aber nur 35 Kilo Freigepäck waren gestattet, jede Überfracht wurde sehr hoch berechnet.

Die Gegend in der Nähe von Gothenburg ist öde und felsig; manche Felder waren von Mauern umschlossen, andere hatten eine Holzumzäunung. In raschem Fluge eilten wir dahin, an kleinen Seen, Wäldern, Sümpfen, bebauten Feldern, herrlichen Eichen und rot angestrichenen Bauernhäusern vorüber. Je weiter wir jedoch ins Innere vordrangen, um so eigentümlicher wurde das Aussehen des Landes, auch schien die Vegetation in der Entwicklung weit zurück zu sein. Flache, trostlose Einöden und schimmernde Granitfelsen wechselten mit Föhren-, Tannen- und Birkenwäldern, dazwischen dehnten sich bebaute Landstriche, Sümpfe und Moorland, hier und da auch sandige Strecken, mit Felsblöcken oder verkrüppelten Bäumen bedeckt.

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Stora Hamugatan (große Hafenstraße) in Gothenburg.

Die Bahn ist augenscheinlich mit großer Sorgfalt angelegt; bei der Verwaltung schien in allen Einzelheiten die größte Sparsamkeit Regel zu sein, abgenütztes Eisen war an den Seiten der Bahnlinien aufgehäuft, jedes Stück wird aufbewahrt, um wieder eingeschmolzen zu werden; selbst das Ölen der Lokomotiven und Wagenräder wurde in einer Weise ausgeführt, die jede Vergeudung des Materials durch Abtropfen verhinderte. Die Stationsgebäude befanden sich ausnahmslos in bestem Zustand, bei einem jeden derselben war an der Vorderseite der Name des Ortes, sowie dessen Entfernung von Stockholm sowohl als von Gothenburg in großer Schrift angebracht, und die meisten dieser Häuser waren von hübschen Gärten umgeben. In Zwischenräumen von je 5 km erhoben sich kleine rote, mit fortlaufenden Nummern bezeichnete Häuschen für die Bahnwärter, denen die strenge Bewachung der Bahnstrecke je halbwegs auf- und abwärts übertragen ist, bei jeder Kreuzung befindet sich außerdem ein besonderer Wächter. Die Eisenbahnbeamten tragen sämtlich Uniform; allen muß eine außerordentliche Höflichkeit nachgerühmt werden.

Im Laufe des Nachmittags gelangten wir zur Station Katrineholm. Der Ruf: »Zwanzig Minuten Aufenthalt!« brachte mich eilends aus dem Wagen in den »Matsal« (Speisesaal). Als ich jedoch die Halle betrat, schämte ich mich meiner Hast und der Rücksichtslosigkeit, mit der ich mich an meinen Mitreisenden vorüber gedrängt hatte. Alles war hier so ruhig, so voll Ordnung und Reinlichkeit, daß ich überrascht stille stand, um den mir ganz neuen Anblick zu genießen. In der Mitte des weiten Raumes, dessen Fußboden auch nicht ein Flecken verunstaltete, prangte auf einer großen mit einem blendend weißen Tuche bedeckten Tafel eine Fülle der verschiedensten Gerichte, darunter große Fische aus den Seen, Roastbeef, Lämmerbraten, Hühner, Suppe, Kartoffeln, frische Gemüse, verschiedene Arten Brot, Puddings, Gelées, süße Milch, Rahm, Butter, Käse, sowie die unvermeidliche Buttermilch, welche viele vor der Suppe aßen. Die Speisen waren sämtlich gar gekocht und die Braten kamen eben erst vom Feuer; der Telegraph hatte den Wirth wie gewöhnlich, genau von der Ankunft des Zuges in Kenntnis gesetzt. Auch gewaltige Stöße angewärmter Teller nebst Messern, Gabeln, Löffeln und Servietten standen schon bereit; alles zeigte ein freundliches, sauberes Ansehen. Es gewährte mir großes Vergnügen, das Verhalten der Gäste zu beobachten; da war keine Hast, kein Schieben und Drängen; ein jeder schritt um die Tafel herum, wählte von den Speisen, welche ihm gerade behagten, und begab sich dann, mit den nötigen Eßwerkzeugen bewaffnet, nach einem der in dem Saale umherstehenden kleinen Tische. Der großen Tafel näherte er sich erst wieder, wenn ein anderes Gericht ihn lockte. Was mir noch besonders auffiel, war die außerordentliche Mäßigkeit, deren sich jedermann befleißigte, die Portionen waren nicht größer, als etwa bei einem Familientisch gebräuchlich, ein jeder schien daran zu denken, daß auch sein Nachbar vielleicht an derselben Speise Geschmack finden könne, welche er selbst gewählt. Der Verkauf starker Getränke ist in den Bahnhofsräumen verboten, nur Bier und leichte Weine waren zu haben und wurden von flinken, netten Kellnerinnen gereicht. Auf einem besonderen Tische stand Kaffee in einer mächtigen Kanne, aus welcher sich die Gäste selbst bedienten; für Milch wurde nichts berechnet.

Nachdem die zwanzig Minuten verstrichen und das Mahl vorüber war, nahmen junge Mädchen an einem Pult die Bezahlung in Empfang; der Preis für das treffliche Mittagsessen, einschließlich Kaffee, betrug 1 Krona 25 Öre (1,42 M), weitere 25 Öre (28 Pf) wurden für das Flaschenbier berechnet. Die Angabe eines jeden Gastes betreffs der genossenen Speisen und Getränke wurde ohne weiteres als richtig angenommen, auch wurde das Fortgehen der Fremden in keiner Weise überwacht.

Schon ehe wir Katrineholm erreicht hatten, wurde die Gegend immer schöner; die Bahnlinie zog sich am Rand eines malerischen, von Fichten, Föhren, Birken und Eichen umsäumten Sees hin, einzelne der Eichen mit den weitausgebreiteten Ästen verliehen der Landschaft ein ganz eigenartiges Gepräge. Je mehr wir uns Sparreholm näherten, um so herrlicher wurde die Gegend, fruchtbare Felder, Gehölze, Wälder, Seen und Flüsse flogen – ein prächtiges Panorama – in raschem Wechsel an uns vorüber. Um sechs Uhr langten wir in Stockholm an und bald darauf genoß ich von dem, am Gustav-Adolfs-Platz gelegenen Hotel Rydberg aus einen umfassenden Blick nach dem königlichen Palast und dem lebhaftesten Teil der Hauptstadt.

Anm.: 1 Krona = 100 Öre = 1,15 M; 1 Öre = ? Pf

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