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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 23

Neunzehntes Kapitel. Über die Berge im Schneesturm.

Der Lappe Pehr. – Vuokainen. – Heftiger Sturm. – Eine Eismaske. – Aus dem Schlitten geworfen. – Gefährliche Fahrt. – Helligskoven. – Noch ein Sturm. – An der norwegischen Küste. – Skibotten – Der Lyngen-Fjord.

Vier Kerres, mit stattlichen Renntieren bespannt, standen auf dem Eise des Muonio zur Abfahrt bereit, drei davon waren für Pehr, meinen Führer, für Elsa – ein junges Mädchen, welches man mir in Sattajärvi mitgegeben, damit ich sie zu ihren in Norwegen lebenden Geschwistern zurückbringe – und mich bestimmt, während der vierte unser Gepäck enthielt, welches man, vermittelst einer übergespannten Felldecke, vor dem Herausfallen gesichert hatte. Elsas Reiseausrüstung nahm nicht allzu viel Raum in Anspruch, ein Sack mit zwei Kleidern aus Hausgespinst, zwei Paar wollenen Strümpfen, einem Paar Lederschuhe und zwei oder drei Halstüchern bildete ihre ganze irdische Habe. Nachdem wir uns im Pfarrhause an einem trefflichen Mahle für die Reise gestärkt, begaben wir uns, begleitet von dem Pfarrherrn und seiner Gattin, hinab zum Fluß, noch versah mein ehrwürdiger Gastfreund meinen Führer mit allen nur möglichen Weisungen und Ratschlägen und dann traten wir unsere Weiterreise an.

Der offenbar ziemlich stark befahrene Weg war in guter Beschaffenheit und mit großer Schnelligkeit eilten unsere Tiere vorwärts, bald aber zeigten sie Spuren von Ermüdung und mäßigten ihre Gangart. Zuletzt konnten sie kaum noch weiter, und als wir etwa um 11 Uhr abends den Kellotijärvi – einen aus dem weiterhin den Namen Köngämä annehmenden Fluß gebildeten See – erreichten, sahen wir uns gezwungen, an dem Gehöfte Vuokainen oder Vuokaima Halt zu machen. Vor dem Hause standen wenigstens hundert mit den verschiedensten Dingen beladene Kerres und das Gebäude selbst war mit Finnländern und Lappen förmlich vollgepfropft. Jedes Fleckchen war von ihnen in Beschlag genommen und sogar die Nebenstube, wo die Frau des Bauern das einzige vorhandene Bett mit einem neugeborenen Kinde innehatte, war bis in den fernsten Winkel von schlafenden, schnarchenden Gestalten erfüllt. Natürlich herrschte eine erstickende Hitze und ein keineswegs angenehmer Geruch in dem von einer Hängelampe matt erhellten Raume, ich konnte mich daher nicht entschließen, hier länger zu verweilen, als zur Fütterung und Rast unserer Renntiere unbedingt notwendig war.

Pehr war keineswegs damit einverstanden und suchte mich zum Bleiben zu bewegen, ich aber beharrte darauf nach der nächsten, 20 km entfernten Haltestelle weiterzufahren, und so brachen wir auf. Pehrs Widerstreben schien sich unseren Tieren mitgeteilt zu haben, sie weigerten sich entschieden vorwärts zu gehen und Pehr mußte wohl oder übel neben seinem Schlitten her wandern und sein Tier am Zügel führen. Mein Vierfüßler zeigte sich anfangs weniger widerspenstig, plötzlich aber änderte er seinen Sinn, mit einer scharfen Wendung schleuderte er den Schlitten herum und rannte spornstreichs zurück nach der Station. Umsonst bemühte ich mich seinem wilden Ungestüm Einhalt zu thun, er hielt nicht eher an in seinem wilden Laufe, bis die Kerre sich mitten unter den Fuhrwerken im Hofe von Vuokainen befand. Eine Lappländerin kam mir zu Hilfe und führte das eigenwillige Tier eine ziemliche Strecke weit, weit genug, um ihm die Lust zur Umkehr zu benehmen, und ich setzte meinen Weg – meiner Meinung nach in der gleichen Richtung wie Pehr – fort. Bald aber mußte ich erkennen, daß ich geirrt, ich hatte meinen Renner zu doppelter Schnelligkeit angetrieben und hätte Pehr längst einholen müssen, wenn er sich auf der nämlichen Bahn befand, aber weit und breit ließ sich keine Spur von ihm entdecken und ich dachte mit Schrecken daran, was wohl aus mir werden sollte, denn ich hatte auch nicht den geringsten Speisevorrat bei mir. So laut ich konnte, rief ich Pehrs Namen, aber keine Antwort kam zurück, endlich nach langem Umherspähen glaubte ich auf der weißen Schneefläche einen dunkeln Gegenstand wahrzunehmen, aufs neue strengte ich meine Stimme an und vernahm diesmal auch meinen Namen, es war wirklich Pehr, welcher, sobald er mein Fehlen gewahrte, zurückgekehrt war, um mich aufzusuchen. Gemeinschaftlich setzten wir nun unseren Weg fort, die Aurora borealis verbreitete nahezu Tageshelle und deutlich traten zu unserer Rechten die Umrisse der Hügelketten hervor, die Kälte aber nahm zu und um 3 Uhr, da wir Sikavuopio erreichten, stand das Thermometer auf 12° unter 0°.

Von Sikavuopio aus gelangten wir, an birkenbestandenen Hügeln entlang, in wenigen Stunden nach Vittangi, woselbst der Fluß sich zu einem See erweitert. Das Gehöfte bestand nur aus einem Wohnhaus und einem für drei Kühe bestimmten niedrigen Gebäude und die Familie selbst zählte außer dem Mann und seiner Frau nur zwei erwachsene Töchter. Der Bauer stand gerade im Begriff, seinen Vorrat an Butter, Schuhen und Häuten, sowie mehrere hundert Schneehühner, welche er im Laufe des Winters in Fallen gefangen hatte, nach Skibotten zum Markte zu führen, und so brachen wir am folgenden Morgen zusammen auf. Unsere Route führte auf dem Muonio weiter nach Kilpisjärvi zu, von wo aus der Fluß seinen Ausgang nimmt und je mehr wir uns diesem Punkte näherten, um so schöner wurde die Landschaft ringsum. Die weiche Schneedecke, welche etwa metertief das Eis des Stromes überzog, zeigte keinerlei Spuren von Schlitten, entweder hatte sie der Wind verweht oder wir waren die ersten Reisenden auf dieser Strecke. Eine ziemliche Weile befanden wir uns schon unterwegs, als das Aussehen des Himmels plötzlich anfing drohend zu werden, ein Sturm zog herauf, nicht lange so erhob sich ein heftiger Wind und der Schnee begann in einzelnen Flocken zu fallen. Immer gewaltiger tobte der Sturm und wildflatternd zogen dunkle Wolken über unseren Häuptern dahin. Ich trieb mein Renntier zu größerer Eile, um nur gleichen Schritt mit Pehr zu halten, der in sausendem Galopp vorwärtsjagte, und es war ein Glück zu nennen, daß wir dies thaten, denn kaum hatten wir die Station Mukkavuoma erreicht, als auch die Wut des Unwetters sich verdoppelte, dichte Schneewolken verbargen die Hügel unseren Blicken und umgaben uns gleich einem undurchdringlichen weißen Nebel.

Mukkavuoma, am Ufer des Sees Kilpisjärvi gelegen, besteht aus zwei nicht weit von einander entfernten Gehöften, ein freundlicher Empfang ward uns zu teil und sofort räumte man uns das mit einem offenen Kamin versehene Gastzimmer ein. Elsa, für welche die Beschwerden der Fahrt zu viel gewesen, fieberte stark. Einer nach dem andern trafen auch die Finnländer ein, welche wir auf dem Wege überholt hatten, und während wir uns um das offene Feuer scharten, beobachteten wir durch die Scheiben des kleinen Fensters das Zunehmen des Sturmes. Die Großartigkeit des Schauspiels lockte mich hinaus in den Hof, ich liebe es, einem Sturme kühn die Stirne zu bieten, und das Wehen des Windes wirkt wahrhaft belebend auf mich. So dicht fiel der Schnee hernieder, daß unsere Schlitten schon vollständig von demselben bedeckt waren, unsere Renntiere jedoch, welche man vorsichtshalber zusammengebunden hatte, standen ganz stille.

Am folgenden Morgen war das Wetter ruhig und ich erhob mich zeitig von meinem Lager. Im nächsten Zimmer fand ich Pehr mit dem Hunde an seiner Seite im besten Schlafe, auch die übrigen Gäste schnarchten noch nach Herzenslust, die Bäuerin aber war dabei, den Kaffee zu mahlen, denn schon kochte das Wasser in dem über dem Feuer hängenden Kessel. Bis der Kaffee fertig geworden, waren auch die Schläfer bei der Hand und alle ließen sich den warmen Trank, unter welchen die meisten etwas Bränvin mischten, trefflich munden. Dabei wurde auch tapfer den Speisevorräten zugesprochen, die jedermann bei sich führte, eine Gewohnheit, welche angesichts der hier üblichen hohen Preise vollkommen gerechtfertigt erscheint.

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Schlittenfahrt.

Die Entfernung von Mukkavuoma bis nach Helligskoven in Norwegen beträgt etwa 50 km, die Gegend ist bergig und die Fahrt somit beschwerlich, aber obschon das Wetter keineswegs Gutes versprach, beschlossen wir doch uns auf den Weg zu machen, um so mehr als auch alle übrigen das gastliche Dach von Mukkavuoma verließen, wir also Gelegenheit hatten, in größerer Gesellschaft zu reisen.

Pehr war überaus besorgt für mich und suchte mich im voraus gegen die Unbill eines etwa ausbrechenden Sturmes zu schützen, er überzeugte sich davon, daß meine Kleidungsstücke gehörig befestigt waren, und bestand auch darauf, daß ich eine Gesichtsmaske, sowie eine schwere Kapuze anlegte.

Kaum zwei Stunden nachdem wir Mukkavuoma verlassen, mehrten sich die Anzeichen des heraufziehenden Sturmes, der Wind wurde heftiger und fuhr von Zeit zu Zeit in heftigen Stößen über uns hin, bis wir uns schließlich von einer wahren Windsbraut umtobt sahen, während gleichzeitig das Thermometer auf 11° unter 0° sank. Trotzdem strebten wir mutig vorwärts und näherten uns, wenn auch mühsam, so doch allmählich dem höchsten Punkte der Hügelreihe. Was unser Vorwärtskommen noch erschwerte, war der Umstand, daß, da keinerlei Schlittenspuren vorhanden waren, Pehr lediglich die umliegenden Berge als Wegweiser benutzen mußte, dabei ließen sich jedoch die Umrisse derselben nur dann erkennen, wenn gerade einmal, was selten genug geschah, eine Pause in dem Toben des Sturmes sich einstellte. Lange hielten dieselben obendrein nicht an, es war nur, als ob er einen Augenblick Atem schöpfen wolle, um dann mit erneuter Wut loszubrechen. Noch niemals hatte ich ein solches Unwetter erlebt, der Schnee fiel in so dichten Massen hernieder, daß sich die Luft oft vollständig verdunkelte und ich weder Pehr noch Elsa zu erblicken vermochte. Schließlich konnte ich sogar mein eigenes Renntier nicht mehr sehen und mußte, jeden Versuch zu seiner Lenkung aufgebend, mich gänzlich auf seinen Instinkt verlassen, der es, wie ich wohl wußte, dem Leittiere würde folgen lassen. Unaufhörlich drang der feine Schneestaub durch die Öffnungen meiner Maske ein und bildete, sich mir an dem Bart, den Augenbrauen, Augenwimpern und Haaren festsetzend, eine förmliche Eismaske, welche ich, um nur überhaupt sehen zu können, mit Gewalt loslösen mußte. Kaum war dies geschehen, so entstand auch schon wieder ein frischer Überzug und der keineswegs angenehme Prozeß des Losreißens mußte von neuem seinen Anfang nehmen. Dergestalt am Sehen verhindert, dachte ich durch Rufen Pehrs Aufmerksamkeit zu erregen, aber so sehr ich meine Stimme auch anstrengte, so verhallte sie doch ungehört in dem entsetzlichen Heulen und Brausen des Sturmes. Die Aussicht, mich in dieser öden Bergwildnis von meinen Reisegefährten zu verlieren, hatte gerade nichts Verlockendes, meine Unruhe wuchs mit jeder Minute und ich wußte mir keinen Rat; da, als ich mich schon auf das Schlimmste gefaßt gemacht hatte, gewahrte ich plötzlich in einiger Entfernung dunkle Schatten, in welchen ich die Gestalten von Menschen und Tieren zu erkennen meinte, – ich hatte mich wirklich nicht getäuscht und gleich darauf befand ich mich auch schon inmitten der Gruppe. Es war eine größere Gesellschaft von Lappen und Finnländern, bei der ich mich befand, auch Pehr und Elsa traf ich bei derselben an, die Leute hatten Halt gemacht, weil sie die Unmöglichkeit einsahen, bei diesem entsetzlichen Sturme vorwärts gelangen zu können, die Gefahr war zu groß und außerdem waren auch die Renntiere allzu sehr erschöpft. Die armen Geschöpfe wurden von schrecklichem Durste gequält und mit wahrer Gier fraßen sie von dem frischgefallenen Schnee.

Mächtige Felsblöcke gewährten uns zwar einigen Schutz, trotzdem aber litten wir so furchtbar unter der Gewalt des Sturmes, daß die hier verbrachten drei Stunden mir stets in schreckenvollster Erinnerung bleiben werden. Das Thermometer stand auf 22° unter 0° und die Schneedecke, welche sich während des Winters gebildet, wurde so bis auf den Grund aufgewühlt, daß der Schnee in mächtigen weißen Wolken umhergetrieben wurde, bald hier, bald dort entstanden größere und kleinere Hügel und wir befanden uns in beständiger Gefahr, unter einem derselben begraben zu werden, ein Schicksal, welches demjenigen gleichkommt, in der Sahara von dem Wüstensand verschüttet zu werden.

Wahrhaft rührend war die Besorgnis, mit welcher meine Gefährten mich vor der Unbill des Wetters zu schützen suchten, sie bildeten einen Kreis um mich, damit mich der Wind nicht mit voller Wucht treffe, und einer von ihnen, Ephraim Person aus Kuttainen, gab sich alle Mühe, ein großes Bärenfell über mich zu halten, ein Versuch, der bei dem Ungestüm des Windes sich allerdings für die Dauer als nutzlos erwies.

Allmählich trat jedoch eine Wendung zum Besseren ein und setzte uns in den Stand, unseren Weg weiter zu verfolgen, doch gebrauchten wir, der vielen zu passierenden Berghöhen und Schluchten wegen, die Vorsicht, dicht zusammen zu bleiben. Nach einer Weile ließ mich die zunehmende Schnelligkeit der Tiere die Nähe eines Hügelabhanges vermuten und wirklich glitten wir auch gleich darauf in rasender Eile eine steile Bergwand hinab. Dabei sank mein Renntier plötzlich bis über die Flanken in den weichen Schnee, und ehe es sich aus demselben herausarbeiten konnte, wurde mein Schlitten so mit aller Gewalt nach vorn geschleudert, daß ich durch die Gewalt des Stoßes meinen Sitz verlor. Glücklicherweise gelang es mir rasch genug, denselben wieder einzunehmen, und mit verdoppelter Eile flog mein Renner dahin. So weit wäre alles ganz gut abgelaufen, wenn nicht in demselben Augenblick der vor mir herfahrende Finnländer einen Unfall gehabt hätte. Die Schnelligkeit seines Schlittens war größer denn diejenige seines Renntieres, so daß das Gefährte demselben gegen die Beine schlug und umfiel, wobei der Insasse natürlich herausgeschleudert wurde. Ich befand mich in so unmittelbarer Nähe, daß mir keine Zeit mehr blieb, mein Fuhrwerk zum Stehen zu bringen, ein Zusammenstoß war unvermeidlich und kopfüber stürzte ich in den Schnee; aber noch nicht genug der Verwirrung, mußte nun auch mein Tier noch wild werden und auf mich losgehen, rasch jedoch raffte ich mich empor, ebenso gelang es mir wider Erwarten schnell, das scheu gewordene Tier zur Vernunft zu bringen und in wildem Jagen eilte ich hinter dem Finnländer drein, welcher inzwischen auch wieder das richtige Gleichgewicht erlangt hatte. Noch kam an Elsa die Reihe, umgeworfen zu werden, indes bald war sie ihres Durchgängers Meister und ohne weiteren Unfall erreichten wir den Fuß des Hügels. Das Überschreiten des Flusses bot eine neue Schwierigkeit: die über seinem Eise lagernde Schneedecke war so dünn, daß sie den Hufen unserer Renntiere nicht genügend Halt gewährte, und es war wirklich lächerlich anzusehen, wie die Geschöpfe es immer wieder von neuem versuchten, auf der glatten Fläche festen Fuß zu fassen. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit für sie, sich auf einer Eisfläche mit Sicherheit zu bewegen, und es blieb uns keine andere Wahl, als neben ihnen herzugehen, um sie bis zum jenseitigen Ufer zu führen, aber auch dann noch kamen wir nur sehr langsam und mit vieler Mühe vorwärts.

Jenseits des Flusses lag der Schnee tiefer und in den zahlreichen Schluchten, welche wir passieren mußten, waren die Massen so weich, daß unsere Schlitten bis zum Rand in dieselben einsanken; mit unglaublicher Geschicklichkeit überwanden indes die Tiere die Schwierigkeiten dieser Fahrt. Es ist wirklich wunderbar, wie trefflich die Eigenart der Renntiere den Verhältnissen ihrer nordischen Heimat angepaßt erscheint. Ihre Hufe, zwischen welchen lange Haare wachsen, breiten sich aus einander, sobald der Fuß den Schnee berührt, und obschon derselbe an einzelnen Strecken eine Tiefe von mindestens 2½ – 3 m haben mochte, so sanken sie doch niemals tiefer ein als bis zu den Knien. Ihre Schnelligkeit ließ ihnen nicht Zeit dazu und nur an denjenigen Stellen, wo der Schnee lose zusammengeweht lag, gerieten sie zuweilen bis zum Bauch in denselben.

Unsere Fahrt ging über die Maßen langsam von statten, das Bergansteigen ermüdete unsere Tiere ungemein, sie waren häufig mit Schweiß bedeckt, öffneten den Mund, keuchten und ließen die Zungen heraushängen. Manchmal war ihre Erschöpfung so groß, daß sie gar auf dem Schnee niedersanken, sie legten sich auf den Rücken und offenbar war ihnen sehr schlimm zu Mute, dabei ging der Atem schwer und kurz, und ein Fremder mußte sicherlich auf den Gedanken kommen, die armen Geschöpfe seien dem Verenden nahe. Aber nachdem sie einige Minuten in ihrer liegenden Stellung verharrt, erholten sie sich immer wieder, standen auf, fraßen Schnee und setzten sich alsbald wieder in Trab. Natürlich suchten wir sie nach Möglichkeit zu schonen, und zahlreich waren die steilen Hügel, bei denen wir, um ihnen das mühsame Erklimmen zu erleichtern, unsere Schlitten verließen und zu Fuß nebenher wateten.

Aber es sollte noch schlimmer kommen, der gefährlichste Teil unserer Fahrt lag noch vor uns. An dem Rande einer engen Schlucht machten wir Halt, denn überaus steil fielen die Felswände hinab, und besondere Sicherheitsmaßregeln mußten getroffen werden. Mich überschlich ein etwas unbehagliches Gefühl, als ich, in die Tiefe hinabblickend, mich mit der Natur der vor uns liegenden Schwierigkeiten vertraut zu machen suchte: der Pfad, welchen wir verfolgen mußten, zog sich in zahlreichen Windungen auf einem stellenweise außerordentlich schmalen Felsgrate dahin und zwar waren, was die Gefahren der schwindelnden Niederfahrt noch bedeutend vermehrte, die Gneisfelsen an einzelnen Strecken vollständig von Schnee entblößt. Verlockend erschien die Fahrt auf keinen Fall, die Aussicht, auf der schmalen Felskante umgeworfen zu werden und sich an den Felszacken und Blöcken den Schädel zu zerschmettern, vermochte keinen Reiz auf mich zu üben.

Wir mußten auf die zurückgebliebenen Gefährten warten und während dieser ganzen Zeit fraßen unsere Tiere mit wahrer Gier Schnee. Als endlich unsere Gesellschaft versammelt war, wurden auch unsere Vorkehrungen sofort getroffen, indem man eine bestimmte Anzahl von Schlitten vermittelst eines starken geflochtenen Lederriemens mit einander verband. Man befestigte diesen Riemen zuerst an dem Vorderteile eines Schlittens, ließ ihn in der Mitte über das Fuhrwerk hingehen, machte ihn am Kopfende fest, führte ihn zum nächsten Schlitten weiter, dann zum dritten und so fort. Häufig werden 8 oder 10 Schlitten in dieser Weise, stets aber in geringen Zwischenräumen, mit einander verbunden, an dem meinigen aber wurden deren nur vier befestigt. Mit Ausnahme des vordersten Schlittens pflegt man gewöhnlich auch, vermittelst eines um den Ansatz des Geweihes geschlungenen Lederriemens, ein Renntier hinter jedem Gefährte anzuspannen, damit sie – die es nicht vertragen können, wenn man sie an den Geweihen zerrt –, durch ihre Bemühungen sich loszureißen die Schnelligkeit der Fahrt einigermaßen mindern. Zum erstenmal legte man nun den frischen Renntieren das Geschirr an, während die seither benutzten Tiere ihren Platz hinter den Schlitten angewiesen erhielten. Pehr übernahm die Leitung, und zwar saß er etwas zurückgelehnt, mit den Beinen nach auswärts, auf seinem Schlitten, indem er seine Füße gleichzeitig als Steuer wie als Hemmschuh gebrauchte; auch die übrigen gedachten die Niederfahrt in der gleichen Weise zu bewerkstelligen, mir aber wollte man, weil zu gefährlich, durchaus nicht gestatten, ihrem Beispiele zu folgen. Ephraim Person ließ sich den Platz hinter meinem Schlitten nicht nehmen, er wollte selbst jede meiner Bewegungen genau überwachen, um im Notfall helfend eingreifen zu können. Mir kam die ganze Sache etwas bedenklich vor, meine Genossen aber waren mit den Fährlichkeiten solcher Strecken vertraut und suchten auch meine Befürchtungen zu zerstreuen. Endlich waren alle Vorbereitungen beendigt, Pehr gab das Zeichen zum Aufbruch und im Zickzack sausten wir die steile Felswand hinab. Zu unserer Rechten gähnte ein tiefer Abgrund, streckenweise mußten wir die nackten Felsen passieren und ich schwebte in beständiger Angst, unsere Tiere möchten auf dem ungewohnten Boden den Halt verlieren und ausgleiten, an anderen Stellen wieder sausten wir so haarscharf an dem Rande des Abgrundes dahin, daß mir ein Sturz in die Tiefe und ein schrecklicher Tod gewiß schien. Trotzdem gelangten wir ohne Unfall unten an, die gefährlichste Fahrt, welche ich in meinem Leben gewagt, war glücklich überstanden, unsere Tiere aber waren, infolge der ungeheuren Anstrengung, dermaßen erschöpft, daß sie notwendigerweise einer kurzen Rast bedurften.

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Fahrt hügelabwärts.

Hier fanden wir auch wenigstens Schutz vor dem Wehen des Windes, obschon wir sein Rauschen in den Zweigen der blätterlosen Birken vernahmen, denn wir befanden uns nun wieder in der Region des Baumwuchses und je weiter wir zu Thal stiegen, um so dichter wurde der Wald, auch die Größe der einzelnen Bäume nahm von hier aus stetig zu. Endlich – die Dunkelheit war bereits hereingebrochen – erreichten wir die Bergstation Pyhävutta oder Helligskoven, jene von der norwegischen Regierung erbaute Zufluchtsstätte, nach welcher wir uns schon den ganzen Tag über gesehnt hatten; unsere Glieder waren von dem langen Sitzen ganz steif, dabei fühlten wir uns halb erfroren, und unsere Müdigkeit war so groß, daß, obschon wir während der ganzen Fahrt nichts genossen, unser Verlangen nach Ruhe doch unseren Hunger überwog. Hochwillkommen war unter diesen Umständen uns allen ein Schluck aus der Sherry-Flasche, welche Pehr zum Vorschein brachte, und nachdem wir uns erwärmt, mundete uns auch das aus schwarzem, harten Fladbröd, Butter, Käse und Kaffee bestehende Mahl ganz trefflich.

Der Sturm, welcher kurz nach unserer Ankunft nachgelassen hatte, brach nach Mitternacht mit vermehrter Heftigkeit los und währte auch den ganzen folgenden Tag hindurch, trotzdem machten wir uns baldmöglichst auf den Weg, denn da der Markt in Skibotten nur drei Tage dauerte, so erschien für meine Freunde längeres Verweilen unstatthaft, ich aber mochte mich nicht von den Menschen trennen, welche alle Beschwerden der Reise so treulich mit mir geteilt.

Vorsichtshalber befestigten wir unsere Schlitten an einander und wohlgemut traten wir die Fahrt an, bald jedoch nahm der Sturm an Heftigkeit zu und bildete schließlich nur eine Wiederholung dessen, was wir am Tage zuvor erlebt hatten. Dabei fiel der Schnee in so dichten Massen, daß wir uns genötigt sahen, Halt zu machen, wir konnten den Weg nicht mehr erkennen und wußten überhaupt nicht, wo wir uns befanden; mir selbst verursachte der Wind ein unerträgliches Gefühl des Schwindels. Als der Sturm etwas nachließ, beschlossen mehrere der Männer, das Terrain zu rekognoszieren, sie legten ihre Schneeschuhe an und verteilten sich nach verschiedenen Richtungen, bald jedoch kehrten sie mit der erfreulichen Nachricht zurück, daß wir nur unbedeutend von der rechten Straße abgekommen seien. Gerade da wir uns wieder in Bewegung setzen wollten, klärte sich das Wetter plötzlich auf, gleichzeitig trat indes scharfe Kälte ein, und als ich unvorsichtigerweise meinen Handschuh nur für einen Augenblick abnahm, erstarrte meine Hand sofort in einem solchen Grad, daß ich sie nicht mehr zu bewegen vermochte. Nur dadurch, daß ich sie alsbald tüchtig mit Schnee rieb und dann eiligst in meinen warmen Fausthandschuh schlüpfte, kam wieder Leben in die erfrorenen Glieder.

Nachdem wir eine Strecke weitergefahren waren, bemerkten wir eine Abnahme des Schnees und als wir gleich darauf einen kleinen See erreichten, lag die Eisdecke desselben sogar vollkommen schneefrei vor uns: der Wind hatte hier die Arbeit des Fegens gründlich verrichtet. Für uns war dieser Umstand nicht sehr angenehm, denn anstatt, wie wir gehofft, quer über den See hinfahren zu können, mußten wir nun den Umweg an seinen Ufern entlang machen. Seit einiger Zeit schon hatten wir hier und da Föhren wahrgenommen, und je weiter wir bergabwärts in wärmere Regionen gelangten, um so häufiger trafen wir sie an.

Endlich nach viertägiger beschwerlicher Fahrt erreichten wir abends um 8 Uhr Skibotten, und ohne weiteres machte ich vor einem am Fjordufer gelegenen stattlichen Hause Halt. Durch die blanken Fensterscheiben strahlte mir der trauliche Schein des Herdfeuers freundlich entgegen, und einer gastlichen Aufnahme im voraus gewiß, überschritt ich die Schwelle, um mich alsbald zwei jungen Mädchen gegenüber zu sehen. Meine Erwartung hatte mich nicht getäuscht, ein herzlicher Willkomm harrte des müden Wanderers und im nächsten Augenblick schon bemühten sich vier geschäftige Hände, um mich meiner zahlreichen warmen Hüllen zu entledigen. Währenddes trat der Eigentümer des Hauses, der Vater der beiden jungen Mädchen, ins Zimmer und auch von seinen Lippen tönte mir freundlicher Willkommgruß entgegen. Selbstverständlich wurde sofort für Stillung meines Hungers Sorge getragen, und während ich mir Speise und Trank schmecken ließ, mußte ich auf alle nur möglichen Fragen Rede und Antwort stehen.

In düsterer Schönheit schauten die Gletscher und Schneefelder auf die Wasser des Fjordes hernieder, stellenweise boten sich indes auch Ausblicke von entzückender Lieblichkeit, wie z. B. bei dem nur in geringer Entfernung von Skibotten gelegenen Dorfe Lyngen oder Lyngseidet, wo die birkenumkleideten Hügel ein wirklich köstliches Landschaftsbild umrahmten.

Von dem Dorfe Lyngen aus zieht sich ein Thal quer durch die ganze Halbinsel bis zum Ulfs-Fjord; auf der durch dasselbe führenden guten Landstraße und dann auf dem Wasserwege an schönen, beständig wechselnden Landschaftsbildern vorüber, erreichte ich am 25. März das etwa 5100 Einwohner zählende Tromsö. Die überaus freundliche, hübsche Stadt liegt in ein Thal geschmiegt, dessen Lieblichkeit einen sonderbaren Gegensatz bildet zu der Rauheit der zerklüfteten Berge ringsum, der Hafen ist gut und alljährlich gehen von hier Boote in großer Anzahl nach Spitzbergen und anderen Punkten im fernen Norden auf den Seehundsfang. Tromsö ist der Sitz des Stiftamtmand, sowie des Bischofs der Diözese, auch mehrere bedeutende Kaufmannshäuser, verschiedene Banken, sowie schöne Schulen befinden sich hier.

Meine Absicht, die wilde Bergregion zwischen 69° und 70° nördl. Br. zu durchwandern, war erfüllt und zwar war dies gerade unter den Umständen geschehen, wie ich sie mir gewünscht hatte. Wie zahlreich waren die Stürme, welche ich, auf den Wogen des atlantischen Oceans schaukelnd, erlebt, wie oft war am Äquator der Tornado mit glühendem Hauche über mich hingefegt, daß das Schiff, welches mich trug, bis ins Innerste erbebte, aber von allen Stürmen, so gewaltig sie auch gewesen sein mochten, war doch derjenige, welcher mich auf der soeben zurückgelegten Bergreise überraschte, der großartigste und schrecklichste. Noch jetzt wandern meine Gedanken oftmals zurück zu jenen Stunden und Tagen, noch entsinne ich mich, wie ich mich schutzsuchend dicht an die kalten Felsblöcke drängte, und noch immer tönt mir das Heulen und Brausen des Windes ins Ohr, so schauerlich wild und grauenhaft tobend, als wolle die Wut der Elemente das Weltall in seinen Grundfesten erschüttern und das Chaos wiederkehren lassen.

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