Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Sechsunddreißigstes Kapitel. Schwedens nördliche Provinzen.
Die Provinzen Helsingland, Medelpad, Ångermanland, Westerbotten und Jemtland. – Häßjas. – Landwirtschaftliche Schulen.
Zwischen 61º und 64º nördl. Br. dehnen die Provinzen Helsingland, Medelpad und Ångermanland sich aus. Flüsse und Seen beleben die Landschaft, schöne Wälder bedecken weite Strecken, in zahlreichen Buchten und Fjorden reicht das Meer tief in das Land hinein, und an ihre Ufer schmiegen malerische Städtchen und Dörfer sich an und wohl verlohnt sich eine Wanderung durch dieses Gebiet.
Das von einem besonderen Menschenschlag finnländischer Abstammung bewohnte Helsingland hat einen vornehmlich großen Reichtum an Wäldern, Sümpfen und Mooren aufzuweisen; eine Landstraße führt durch den ganzen Bezirk und durch Herjeådal bis nach Röros in Norwegen, die beiden hauptsächlichsten Städte aber sind Hudiksvall, ein Seehafen am äußersten Ende eines Fjords unter 61º 50', mit einer Bevölkerung von 3700 Seelen, und Söderhamn unter 61º 25' mit einer Einwohnerzahl von 6200, nicht weit von der Mündung des in den Bergen von Herjeådal entspringenden, das ganze Gebiet durchströmenden Ljusneflusses.
Ångermanland ist nicht nur eine schöne Provinz, sondern auch an den durch die Berge geschützten Stellen sehr fruchtbar. Der das ganze Gebiet durchströmende Ångerman-Elf, der tiefste Fluß Norwegens und Schwedens, ist für Dampfer bis nach Nyland, eine Strecke von etwa 100 km, für kleinere Fahrzeuge dagegen bis nach Holm, noch etwa 50 km weiter, schiffbar.
Unter den bedeutenderen Orten an dieser Küste ist Örnsköldsvik der nördlichste. Unter 63º 15', zwischen den Hügeln am Ausgang des Fjords gelegen, zählt er eine Bevölkerung von 600 Seelen, die Hauptstraße hat stattliche Häuser aufzuweisen, von denen verschiedene bei einer Länge von etwa 50 m eine Tiefe von 12–15 m besitzen, ihrer Mehrzahl nach auf soliden Granitfundamenten ruhen und einen weißen oder hellgelben Anstrich zeigen. Ebenso befinden sich hier verschiedene gute Läden, eine Telegraphenstation sowie ein kleiner öffentlicher Garten.
Südlich von Örnsköldsvik steigert sich die Schönheit der Landschaft, auch ist auf der Strecke zwischen Örnsköldsvik und Sundsvall die Küste höher als irgendwo sonst in Schweden und liegt eine große Menge von Inseln dicht an derselben verstreut, von denen die beiden größten, Nord- und Süd-Ulfö, je von einigen Hunderten von Fischern bewohnt werden.
Der bedeutendste Ort in der ganzen Provinz ist der Hafenplatz Hernösand auf der Insel Hernö unter 62º 36' nördl. Br. mit einer Einwohnerzahl von 4700. Hübsch am Abhange eines Hügels gelegen, enthält er mehrere schöne Gebäude, ist auch der Sitz des Gouverneurs, eines Bischofs und eines Gerichtshofes, außerdem verleiht ihm seine Lage dicht am Ausfluß des Ångerman-Elf noch Wichtigkeit als Handelsplatz.
Zu den nützlichsten Anstalten in Schweden gehören die landwirtschaftlichen Schulen (Landbruksskolor), deren sich siebenundzwanzig auf das Land verteilen, außer welchen noch zwei landwirtschaftliche Seminare bestehen. Der Zweck besagter Schulen ist, die Landwirtschaft auf eine höhere Stufe zu bringen, somit den Bauerssöhnen zur Verbesserung ihres Besitzes zu verhelfen, und da diese Schulen in der That überaus vorteilhaft auf die Entwickelung und den Fortschritt der Landwirtschaft einwirken, so verdienen sie vollständig die Beliebtheit, deren sie sich erfreuen. Die Schüler müssen einen Kursus von zwei Jahren durchmachen, die Lehrfächer umfassen die Grundzüge des Ackerbaus und der Obstbaumzucht, Forstwissenschaft, Vermessung und Drainierung, Behandlung der Haustiere, sowie Aufbesserung der Zucht, Butter- und Käsebereitung, landwirtschaftliche Chemie, Tierarzneikunde, Mathematik, Botanik, Meteorologie, etwas Zoologie und Geologie und außerdem noch Wagenbauerei, das Zimmermanns- und Schmiedehandwerk.
Im Anschluß an einige der bedeutendsten Schulen dieser Art befinden sich auch Milchwirtschaftsschulen für Frauen, in welchen sie ein Jahr hindurch in der Bereitung von Butter und Käse unterwiesen werden. Dem Willen der Schüler bleibt es überlassen, nach bestandener Prüfung noch für die Dauer von zwei Jahren eine der höheren landwirtschaftlichen Lehranstalten zu besuchen, die meisten indes kehren nach Ablauf der beiden Schuljahre nach dem elterlichen Gehöfte zurück.
Der Unterricht in diesen Schulen ist frei, statt der Bezahlung giebt der Schüler seine Arbeit und werden die Kosten der Anstalt zur Hälfte von der betreffenden Provinz, zur Hälfte vom Staate getragen. Der Aufenthalt auf der Schule stellt sich, einschließlich Kost und Wohnung, auf etwa 530 M im Jahr. Jeder Län hat gewöhnlich eine solche Schule, im Süden, wo die Bevölkerung dichter ist, manchmal deren zwei, die nördlichst gelegene befindet sich an dem Ufer des Lule-Flusses.
Auch eine forstwissenschaftliche Anstalt mit sechs unter ihr stehenden Schulen zur praktischen Ausbildung von Forstleuten giebt es hier. In dem nicht weit von Hernösand gelegenen Nordvik befindet sich eine derartige landwirtschaftliche Schule und natürlich benutzte ich die Gelegenheit, ihre Einrichtung kennen zu lernen.
Die Ökonomiegebäude lassen an Zweckmäßigkeit nichts zu wünschen übrig, zu ihnen gehört eine Scheune von 60 m Länge bei entsprechender Breite; aus den Ställen führt ein Rinnstein nach einem anstoßenden Schuppen, in welchem der abfließende Dung, sorgfältig vor Regen geschützt, aufbewahrt wird; ein anderer großer Raum dient zur Unterbringung der Wagen, Karren, Pflüge und sonstigen Ackergerätschaften, während die Getreideschober sich gegenüber befinden.
Das Wohnhaus für die Schüler, zwölf an der Zahl, begreift Küche, Speisesaal, Studierzimmer sowie die erforderliche Anzahl von Schlafzimmern in sich, alles überaus sauber und nett.
Die Schule besaß zur Zeit meines Besuches nur 16 Kühe, doch hatte eine derselben in einem Jahre 2250 Ltr. Milch geliefert, 11½ Ltr. aber geben im Durchschnitt ½ kg Butter; über das von einer jeden Kuh gewonnene Milchquantum wird ein genaues Verzeichnis geführt, und geschieht dies besonders bei Kreuzung der Rassen, um die Höhe der erzielten Aufbesserung von Milch und Butter in quantitativer und qualitativer Beziehung festzustellen. Eine Art sehr kräftiger, besonders für Brauer geeigneter Pferde wird gleichfalls hier gezüchtet.
Mit der Anpflanzung verschiedener Getreidearten hatte man befriedigende Resultate erzielt, auch hinsichtlich der Obstbaumzucht waren die Erfolge günstig. Der Versuchsgarten enthielt mehrere Apfelbäume, die einzigen, welche so weit im Norden von Schweden, unter 62º 40', vorkommen, und waren einige der noch jungen Bäume mit Früchten förmlich überladen, deren geringe Größe allerdings etwas zu wünschen übrig ließ. Diese sehr ausdauernde Apfelsorte kommt aus Rußland und scheint sich in diesem Teile Schwedens ganz gut zu acclimatisieren, Kirschbäume zeigten hier gleichfalls reife Früchte, Stachelbeeren nahten der Reife, Erdbeeren standen schön und die Gemüse waren gut geraten. Weiter nach Norden zu ist die Vegetation natürlich immer etwas zurück, habe ich doch in der Provinz Westerbotten noch zu Ende April oftmals heftige Schneestürme erlebt, häufig auch die kleinen Seen in der Nähe des Meeres, wie den Stocksjö bei Umeå, noch zu Mitte Mai mit einer festen Eisdecke überzogen gefunden, weiter landeinwärts auf dem im Umeå-Thal gelegenen Tafvelsjö sogar noch zu Anfang Juni beträchtliche Mengen Eis getroffen, trotzdem wurde das Pflügen der Felder in der zweiten Hälfte des Mai vorgenommen.
Nur selten und auch dann nur in spärlich bevölkerten Bezirken trifft man in Skandinavien ein vereinzeltes Gehöft, meist liegen ihrer mehrere, einen Flecken bildend, zusammen, sind jedoch nicht in Straßen geordnet, sondern, durch unregelmäßige Abstände von einander getrennt, da und dort verstreut. Aus diese Weise ist es den Bauern möglich, geselligen Verkehr zu pflegen und sich unschuldige Zerstreuungen zu gönnen, ein Umstand, der nicht wenig dazu beiträgt, ihrem Wesen jenen charakteristischen Stempel der Zufriedenheit aufzudrücken.
Ein jedes Gehöfte besteht aus einer Anzahl einzelstehender Gebäude, welche eine Art Hof umschließen; ist der Besitzer wohlhabend, so sind alle diese Baulichkeiten rot angestrichen, in jedem Falle aber wenigstens das Wohnhaus. Küchen- und Blumengärten sind unbekannte Dinge bei den Bauern.
In dem peinlich sauber gehaltenen Staatszimmer decken selbstgefertigte, grobe Teppichstücke den Boden, in der Ecke ragt der mächtige Porzellanofen, meist weiß von Farbe, rund oder viereckig, bis zur Decke, also etwa 3 m hoch, empor und die Schlafzimmer enthalten gute Betten, deren Matratzen und Kissen ausnahmslos mit Federn gefüllt sind.
Der Hauptraum und bevorzugteste Aufenthalt ist die Küche mit dem offenen Herdfeuer, welches tagsüber angenehme Wärme, abends aber genügende Helle verbreitet. Alle häuslichen Verrichtungen werden in diesem Raume vorgenommen, dessen Einrichtung einfach, jedoch vollkommen zweckentsprechend ist. An den Wänden entlang befinden sich Schiebladen aus rohem Holz, welche während des Tages mit einem Brett bedeckt als Sitze, nachts mit Stroh oder Heu gefüllt als Betten dienen und breit genug sind, um zwei oder drei Personen aufnehmen zu können. Alle dem Hausstande Angehörenden – Brüder und Schwestern, Mägde und Knechte – alle schlafen in demselben Raum; die Frauen behalten beim Zubettegehen stets ihre Röcke an, auch die Männer bleiben teilweise angekleidet und nur die für die Nacht überflüssigen Kleidungsstücke, besonders Strümpfe, hängt man an den in der Nähe des Ofens, dicht unter der Decke, angebrachten Stangen zum Trocknen auf.
Der Keller, in welchem Kartoffeln, Bier, Butter, Käse, kurz alles zum täglichen Gebrauch Nötige aufbewahrt wird, befindet sich unter der Küche, von wo aus eine in den Boden eingelassene Fallthüre den Zugang vermittelt.
In diesem allen Zwecken dienenden Wohnraum werden auch die alltäglichen Gäste empfangen. Die Männer rauchen und spucken dabei auf die Diele, die wöchentlich einmal – am Sonnabend, dem allgemeinen Scheuertage – einer gründlichen Reinigung unterzogen wird.
Der Tisch ist stets sehr sauber gehalten; Tafeltücher werden indes nicht gebraucht bei den Mahlzeiten, und Gabeln sind unbekannte Dinge, ebenso kommen Teller selten zum Vorschein, das Brot vertritt einfach ihre Stelle. Gewöhnlich nimmt eine mächtige Schüssel mit Kartoffeln die Mitte des Tisches ein, jeder langt zu, während Butter, oftmals auch das Fleisch sowie Fische, vorher besonders ausgeteilt werden; auch von der tüchtig durcheinandergeschüttelten sauren Milch, welche in einem großen Holznapfe aufgetragen wird, schöpft jedermann ganz nach Belieben.
Einfache Häßja.
In Westerbotten und einigen der angrenzenden Provinzen ist das Wetter während der Herbstmonate häufig so regnerisch, daß es schwer fällt, das Korn zu trocknen, ohne daß es modrig dabei wird, deshalb bedienen sich die Bauern in Ångermanland und Jemtland der Häßja, eines merkwürdigen Baues, welchen man in diesen Gegenden bei jedem Gehöfte, in den übrigen Teilen Skandinaviens aber nur selten, in anderen Ländern niemals antrifft. Eine solche Häßja besteht aus Baumstämmen, welche, je 3–5 m von einander entfernt, senkrecht in dem Boden befestigt werden und in Zwischenräumen von 75 cm mit Öffnungen zum Durchschieben der Querstangen versehen sind; die Höhe schwankt zwischen 5–10 m, indes die Länge sich nach dem Durchschnittsertrag der Ernte eines jeden Gehöftes richtet; jeden der vertikalen Balken stützen von den Seiten her Baumstämme von geringerer Größe, so daß der ganze Bau fest und dauerhaft gefügt erscheint. Ist die Ernte beendet, so werden die Garben in regelmäßigen Reihen, eine über der anderen hängend, zum Trocknen aufgeschichtet und sind in dieser Weise bei eintretendem Regen vor dem Naßwerden bewahrt, während gleichzeitig der Luft ein beständiger Durchzug durch die ganze Getreidemasse gestattet ist. Wenn das Gestell leer ist, bietet es, einem Skelette gleich emporragend, einen merkwürdigen Anblick. Doppelte Häßjas mit zwei Reihen Stämmen, durch Querbalken mit einander verbunden und mit einem Dach versehen, werden ebenfalls gebaut, haben häufig eine Länge von 15–35 m und an ihrem Ende befindet sich das Vorratshaus zur Unterbringung des Korns, während an dem anderen Ende oder wenigstens dicht dabei sich noch die manchmal auch zur Aufbewahrung des Getreides benutzte Scheune erhebt. Die allgemein gebräuchlichste Art des Dreschens besteht darin, daß man den Roggen oder die Gerste auf dem gedielten Boden der Häßja ausbreitet und eine mit langen Holzstacheln versehene schwere Walze, welche von einem Pferde gezogen wird, darüber hingehen läßt, in kleinen Gehöften aber wird das Dreschen in der althergebrachten Weise mit Benutzung des Dreschflegels vorgenommen.
An einem heiteren Augusttage landete ich bei dem am Ausfluß des Ume gelegenen Holmsund – entern jener zahlreichen Flecken, deren Hafendämme mit hunderttausenden von zur Einschiffung bereit liegenden Bauhölzern bedeckt sind. Nichts vermag besser einen Begriff von der ungeheuren Ausdehnung des Handels hier zu geben als die Erwähnung des Umstandes, daß die Firma D. & Co. in Gotenburg zu jener Zeit zwischen 3– bis 5000 Menschen beim Betrieb der Sägemühlen, dem Flößen und Einladen der Hölzer beschäftigte. Diese Firma sah die unausbleibliche Preissteigerung rechtzeitig voraus und erstand, in kluger Berechnung der Verhältnisse, vor Jahren von den Bauern ausgedehnte Waldstrecken, welche dazumal so gut wie gar keinen Wert besaßen. Der ältere Geschäftsteilhaber hat eine Kirche und ein Schulhaus hier errichten lassen, bezahlt den Gehalt des Geistlichen sowie des Lehrers aus eigenen Mitteln, ja er hat eigentlich diesen Ort erst gegründet und sorgt auch in jeder Weise für die Bewohner desselben, seine Untergebenen, welche dann wiederum durch ihr gutes Betragen seinen menschenfreundlichen Bestrebungen alle Ehre machen. Ein anderer Teilhaber der Firma unterstützte – ein rühmenswerter Beweis patriotischer Gesinnung – die Expedition Nordenskjölds in thatkräftiger Weise, indem er den größten Teil der entstehenden ungeheuren Kosten trug.
Wenige Kilometer flußaufwärts unter 63° 49', für große Schiffe jedoch nicht erreichbar, liegt die kleine freundliche Stadt Umeå, mit einer Bevölkerung von etwa 2500 Seelen.
Die außerordentliche Sauberkeit, welche die schwedischen Orte kennzeichnet, traf ich auch hier, die Straßen waren zwar etwas schmal, aber mit Kieseln gepflastert und die hölzernen, teilweise zwei Stockwerk hohen, sehr langen Häuser ausnahmslos gut angestrichen, auch eine schöne hölzerne Brücke, auf Granitpfeilern ruhend, führt über den Ume, an dessen Ufer eines Tages, wie ich mich durch Zählen überzeugte, mehr denn 10 000 Tonnen Teer der Verschiffung harrten. Da diese kleinen Städte den Mittelpunkt des Handelsverkehrs für die ganze Gegend ringsum bilden, so war dementsprechend auch hier die Zahl der Läden bedeutend, überhaupt machte das ganze Städtchen den Eindruck behaglicher Wohlhabenheit, die Kleidung seiner Bewohner zeigte durchgehends städtischen Schnitt, und in dem Benehmen, auch des Geringsten, trat ein gewisser Grad von Bildung hervor. In der That sind die Unterrichtsanstalten hier sehr gut, in der höheren Schule gehören Griechisch, Latein, Deutsch, Französisch, Englisch, Zeichnen, Musik, Astronomie, Mathematik u. s. w. zu den Lehrfächern.
Die unter den Schweden allgemein verbreitete Vorliebe für Musik machte sich lebhaft bemerkbar, beim Durchwandern der Straßen tönte mir fast aus allen Häusern Klavierspiel entgegen: hier das Üben der Kinder, dort der gediegene Vortrag Erwachsener. Wenigstens hundert Instrumente – eins auf je 25 Personen – befanden sich in dem kleinen Ort, viele derselben aber waren, wie dies an abgelegenen Plätzen häufig der Fall, nicht von der besten Sorte oder auch in nicht besonders gutem Zustande.
Jemtland, eine der größten Provinzen im Innern von Schweden, dehnt sich nach Westen hin bis zur norwegischen Grenze, und erhebt sich das Terrain an einzelnen Punkten bis zu einer Höhe von 600 m über den Meeresspiegel, auch sind viele Strecken, so weit das Auge nach allen Seiten hin reicht, von einer gewaltigen Masse herrlicher dunkler Bäume bedeckt; Hügel um Hügel trifft man bis zur äußersten Spitze mit Fichten und Föhren umkleidet. Es liegt etwas überwältigend Großartiges in diesen ungeheuren düsteren Waldstrecken, über welchen sich – ein wunderbarer Gegensatz – ein heiterblauer Himmel mit schneeig weißen Wolken wölbte.
Viele der Thäler zeichnen sich durch große Fruchtbarkeit aus, sind auch wohl angebaut, in den höher gelegenen Regionen dagegen trifft man häufig weite Flächen öden Landes.
In den tiefsten Gründen der ausgedehnten Wälder haust das Elentier ( Alces malchis), etwas kleiner und mit weniger breitem Geweih geschmückt als das amerikanische Elentier ( Alces americanus), ebenso durchstreift das wilde Renntier ( Rangifer tarandus) diese öden Bergregionen. Der Vielfraß ( Gulo luscus), Füchse und Wölfe erweisen sich in manchen Gegenden als schlimme Feinde der Herden, auch die Polarbären ( Ursus arctos) haben ihre Heimat in den Wäldern, bemächtigen sich alljährlich einer großen Menge von Rindvieh und Schafen, ja oftmals sogar Pferden, und kommen die stattlichsten Vertreter dieser Gattung, deren größte Zahl man in Jemtland, Wermland, Dalekarlien und im mittleren Norwegen findet, im Aussehen und an Stärke dem grauen Bären ( Ursus horribilis) der Rocky Mountains fast gleich.
Von dem Geflügel, welches in einzelnen Strichen der Provinz überaus zahlreich ist, wagte sich der Auerhahn »Tjäder« ( Tetrao urogallus) dicht bis zur Landstraße vor, schien auch weder vor uns, noch vor unseren Pferden Scheu zu empfinden. Diese Vögel sind die größten unter den Vögeln, welche die Wälder Skandinaviens beleben, schmecken, wenn gut zubereitet, wirklich köstlich, und beträgt ihr Gewicht oftmals 5 bis 7½ kg; im Winter werden große Mengen von ihnen in Norrland gefangen, um nach den Städten geschickt zu werden. Das Birkhuhn »Orre« ( Tetrao tetrix), das Haselhuhn »Hjerpe« ( Tetrao bonasia), das Schneehuhn »Dalripa« ( Lagopus subalpinus), das Alpenschneehuhn ( Lagopus alpinus) sind ebenfalls zahlreich vertreten, während das Rebhuhn »Rapphöns« ( Perdix cinerea) selten vorkommt. Dagegen sind Regenpfeifer ( Charadrius apricarius), sowie Schnepfe ( Gallinago media und Gallinago major) nicht ungewöhnlich, und ebenso erscheinen, wie in vielen anderen Gegenden, auch hier zu bestimmten Zeiten des Jahres verschiedene Arten von Enten, Gänsen und Schwänen, um Teiche und Seen zu bevölkern.
Die Jagd- und Fischereigesetze werden mit großer Strenge gehandhabt, so darf z. B. das Elen nur vom 10. August bis 30. September, der fast ganz ausgestorbene Biber gar nicht gejagt werden, die Schonzeit für Auerhähne und andere Birkhuhnarten, sowie für Hasen dauert von Mitte März bis 10. August, Rebhühner und rote Schneehühner aber dürfen nur im September und Oktober geschossen werden. Wie in allen Ländern, welche sich guter Jagdgesetze erfreuen, ist denn auch hier der Wildstand ein trefflicher, und ebenso liefert der Fischfang in den meisten Seen und Flüssen reichen Ertrag.
Es war ein an Abwechslung reiches Landschaftsbild, welches sich vor uns entrollte: auf üppig wogende Felder und grüne Wiesen folgten öde, mit mächtigen Steinblöcken bedeckte Flächen, trostlose Sümpfe und ausgedehnte Wälder, umweht von dem Zauber unendlichster Einsamkeit, dazwischen schmiegten sich Seen, umgeben von freundlich lachenden Ufern, dort wieder schimmerten wildrauschende Flüsse, die in trotzigem Anprall gegen die ihren Lauf hemmenden gewaltigen Felsen ihre silberglänzenden Wassermassen zu blendend weißen Schaumwolken zerstäubten.
Von dem Gipfel des Åreskutan aus, welcher sich zu einer Höhe von 1510 m über den Meeresspiegel erhebt, entrollte sich ein herrliches Panorama meinen Blicken, gewaltige Bergketten lagen zu meinen Füßen, eine Menge von oft sehr hoch gelegenen Seen einschließend, deren glitzernde Wasserflächen wie Juwelen von dunkelem Grunde sich abhoben. Mehrere der bedeutendsten skandinavischen Flüsse, wie der Ångerman, Indals, Ljusne, Stördal und der Glommen – letzterer Norwegens größter Strom – nehmen von hier ihren Ausgang, um sich nach allen Richtungen der Windrose hin zu verteilen.
In einem auf dem Gipfel des Åreskutan angebrachten steinernen Behälter fand ich eine zinnerne Büchse und darin ein Buch zum Einschreiben der Namen, und nachdem ich den meinen der Liste hinzugefügt, feuerte ich zwei Schüsse aus meiner Doppelflinte ab, welche ich der Schneehühner wegen mitgenommen, dann trat ich den Rückweg an, um nach einem Marsch von l¼ Stunde wieder in dem Bauernhause anzulangen, von welchem ich ausgegangen war.
Vom Åreskutan bis nach Skalstugan und der norwegischen Grenze führte mein Weg durch ein überaus einförmiges Gebiet, Wälder und ungeheure Sümpfe wechselten mit einander ab, und nur selten wurde ein armseliges, unangestrichenes Bauernhaus sichtbar, auf weiten Strecken aber verkündeten außer der Landstraße nur die Telegraphenstangen die Nähe der Civilisation.
Etwa 5 km vor Stalltjernsstugan kam ich an dem Tänn-Forsen, Schwedens schönstem Wasserfall, vorüber. Der ungefähr 25 m breite Strom wird durch einen Felsen, den Bärenfelsen – so genannt, weil ein Bär, beim Versuch den Fluß zu durchschwimmen, hier ertrank – in zwei Arme geteilt, von einer Höhe von 30 m stürzt die Wassermasse, ungeheure Gischtwolken emporschleudernd, herab, um unten angekommen sich zu einem lieblichen See auszudehnen.
Skalstugan, woselbst ein schönes Gehöfte sich befindet, ist der letzte Flecken auf schwedischem Gebiet; eine kleine Stunde weiter, an dem höchsten Punkt der den bottnischen Meerbusen mit der Nordsee verbindenden Landstraße, liegt die norwegische Grenze. Öde und traurig dehnte sich die Hochfläche vor mir, Renntiermoos umkleidete die Felsenhügel, Sumpf und Moor, vereinzelte Birken und Weiden füllten die Niederungen, an einer Seite schlängelte sich ein Bächlein hinab nach schwedischen Gefilden, dort rauschte ein Strom schnellen Laufes auf norwegischem Boden dahin. Auf einem Steinblock steht die Entfernung von Östersund, 26,5 km, sowie von Drontheim, gleichfalls 26,5 km, verzeichnet, die Straße selbst ist so trefflich gebaut, daß die Steigung, so beträchtlich sie auch ist, keinerlei Unbequemlichkeit verursacht, und doch war ich nun zu einer Höhe von 610 m über dem Meeresspiegel gelangt.
Am Flax-Elf und dann weiter am nördlichen Ufer des Storsjö entlang führt eine Landstraße nach Östersund, wo mehrere von Osten herkommende Straßen zusammentreffen; abwechselnd zieht sich der Weg durch weite Wälder, dann wieder durch Felder mit Gerste, Roggen und Hafer bestellt, auch eine Art Wicke wird hier vielfach als Futter für das Rindvieh gepflanzt.
Eine andere Route, welche den Vorzug besitzt, weniger einförmig zu sein, geht von dem 10 km von der norwegischen Grenze entfernt gelegenen Melen aus, teils auf dem Wasser-, teils auf dem Landwege über Anjehem und den Anjan-See, sowie Bonäset und den Kallsjön nach Qvittsle, von wo aus das nur 50 km entfernte Östersund sich vermittelst Dampfer leicht erreichen läßt. Seit 1882 ist die schwedische Ostseeküste mit der norwegischen Küste durch eine Eisenbahn verbunden, welche von Sundswall ausgehend über Östersund nach Drontheim führt und bei der Station Ånge die schwedische Nordbahn schneidet. Dr. Y. Nielsen.
Kirche von Frösö
Östersund liegt unter 63º 24' nördl. Br. am östlichen Ufer des Storsjö. Dieser selbst, etwa 300 m über dem Meeresspiegel, fast im Mittelpunkt der Provinz gelegen, ist einer der schönsten Seen Schwedens und die Landschaft ringsum in ihrer Eigenart von ganz bezaubernder Lieblichkeit.
Nahe bei Östersund steigt die hübsche Insel Frösö, welche eine 400 m lange Brücke mit dem festen Lande verbindet, 150 m hoch aus dem Wasser empor, hier befindet sich noch ein alter Runenstein mit der Inschrift: »Errichtet zum Gedächtnis an Ostmadur Gudfasts Sohn, welcher Jemtland zuerst zum Christentum bekehrte«, und die Kyrka (Kirche) von Frösö, auf dem höchsten Punkte der Insel aus Stein erbaut, ist eine der ältesten in Schweden. An den Eingängen zeigen die Wände eine Dicke von etwa 3 m, an den Fenstern eine solche von 2–2½ m, nicht weit von dem Gotteshause entfernt liegt der hölzerne Glockenturm »Klockstapel«, der Friedhof aber umgiebt beide Gebäude.
Mädchen aus Jemtland.
Die Tracht zeigt in diesem Bezirke keine besonderen Eigentümlichkeiten, nur trugen mehrere der Mädchen eine Art Turban, welcher, wie die vorstehende Abbildung zeigt, manche Gesichter gar nicht übel kleidet.