Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Einunddreißigstes Kapitel. Norwegens wildeste Bergregion.
Höhe der verschiedenen Bergspitzen. – Vergleich zwischen den Bergen Norwegens und der Schweiz. – Vom Visdal nach Galdhöpiggen. – Das Leiradal. – Ein Schneesturm.
So stolz und gewaltig die Bergregionen Norwegens auch sind, so muß unter ihnen doch den zwischen dem Lom und dem Sogne-Fjord sich dehnenden, wilden, zerklüfteten Jotun-Bergen, auch Jotunheim, »Heim der Riesen«, genannt, unbedingt der Preis der Großartigkeit zuerkannt werden. Diese herrliche Höhengruppe, welche ein Gebiet von ungefähr 100 km2 bedeckt, umschließt unzählige Felder ewigen Schnees, gewaltige Gletscher, tiefe Thäler und, mehr als tausend Meter hoch über dem Meeresspiegel, Seen von ziemlicher Ausdehnung; was aber die Jotunberge ganz besonders vor den übrigen Gebirgsriesen auszeichnet, ist die spitze Form ihrer gewaltigen Gipfel. Der höchste unter diesen ist der Galdhöpiggen, welcher bis zu einer Höhe von 2485 m emporragt, nach ihm kommt der Glittertinden mit 2480 m, Heilstuguhö 2305 m, Tykningssuen 2300 m, Tjaernhultinden 2260 m, Leirhö 2255 m und Beshö 2250 m, während in dem zum Jotungebirge gehörenden Horungerne der Skagastöltinderne die größte Höhe mit 2400 m zeigt.
Ein bedeutender Unterschied macht zwischen der Bergformation der Schweiz und Norwegens sich geltend; dort zeigen die Gipfel neben größerer Höhe kühnere und schärfere Umrisse, sowie tausendfach verschiedene phantastische Gestaltung; hier tragen sie einen mehr ernsten, düsteren Charakter, die ganze Gebirgs- und Gletscherlandschaft gleicht mehr einem riesigen Stein- und Eismeere, aus welchem nur hier und da eine Bergspitze ihr stolzes Haupt emporhebt, und macht vornehmlich durch ihre ungeheure Ausdehnung einen so überwältigenden Eindruck. In Norwegen ist die Zahl der Thäler geringer, und, durch die Bewegung der Eismassen ausgehöhlt, werden sie durch breite Bergrücken von einander geschieden; in der Schweiz dagegen sind es zumeist nur schmale Kämme, welche ein Thal von dem andern trennen.
Um von dem Lom aus nach den Jotunbergen zu gelangen, muß man auf einem sehr holprigen Fahrwege das Baeverdal passieren, an dessen Nordwestseite der Loms-Eggen emporsteigt, während von der Südseite her die Galdhöen herabschauen auf die niederen Hügelreihen, deren Seiten Birkenwälder, mit einzelnen Föhren untermischt, bedecken.
Dicht bei dem an dem Ufer der wilden Baevra, 470 m über dem Meeresspiegel und 90 m über dem Vaage-See gelegenen Gehöfte Rösheim öffnet sich das zu beiden Seiten von gewaltigen Bergen, Schneefeldern und Gletschern umschlossene Visdal; nach Osten hin steigt der Glittertinden zu den Wolken auf, im Westen aber erhebt sich stolz über die umliegenden Schneefelder der Galdhöpiggen, dessen von dunklen, unübersteiglichen Felswänden umschlossener Gipfel von zwei tiefen Abgründen in drei schroffe Zacken getrennt wird.
Von dem Visdal aus ist der Aufstieg zu dem zwischen 1830 bis 2100 m hohen Galdhö-Plateau verhältnismäßig leicht zu bewerkstelligen. In einer Höhe von 850 m über dem Meeresspiegel trifft man eine Anzahl von Saetern; zuerst führt der Pfad durch Birkenwälder, welche dann später Zwergbirken und Weiden Platz machen, bis in der Nähe der Schneegrenze der Baumwuchs überhaupt vollständig aufhört.
Nach einem beschwerlichen Marsche über Schneefelder, Eis- und Felsenmassen ist endlich der Galdhöpiggen erreicht. Ungeheure Gletscher dehnen sich zu seinen Füßen, nach dem Styggebraen hin gähnen entsetzliche Abgründe, und überall ist die gewaltige Eismasse von tiefen Klüften und Spalten zerrissen.
Die Aussicht ist von entzückender Großartigkeit; wer einmal dies wunderbare Panorama geschaut, wird den überwältigenden Eindruck nimmermehr vergessen! Nach Norden hin strebt eine Bergkette hinter der anderen empor: das Romsdalhorn, die Dovre-Berge und der Sneehaettan; nach Osten hin erblickt man Rondane, eine interessante Pyramidengruppe, gegen das Österdal zu gelegen; von der Westseite grüßen die Horungen herüber; jenseits des Visdal schimmert der Glittertinden mit den endlos sich dehnenden Schneefeldern und Gletschern, während nach Süden hin die übrigen Zacken und Zinnen der wilden zerklüfteten Jotunberge zu den Wolken emporragen.
Einige Kilometer westwärts von Rösheim öffnet sich zwischen dem Galdhöpiggen und den 1930 m hohen Veslefjeld das Leirdal. Am Eingang desselben liegen am Fuß der hohen Berge und 880 m über dem Meeresspiegel einige Saeter; weiter aufwärts kommt man zu einem von düsteren Felsen umschlossenen, kleinen See und in einiger Entfernung erhebt sich Kirken, ein sehr merkwürdig gestalteter Berg, um dessen Gipfel ein dunkler Streifen wie ein Gürtel sich hinzieht. Unterhalb des Kirken dehnt sich 1440 m über dem Meeresspiegel der Leira-Vand und in kleiner Entfernung einer der Smörstab-Gletscher. Auf dem die Wasserscheide bildenden, schmalen Bergrücken weiterwandernd, kamen wir zu zwei kleinen, mit dem Gjendin-Vand in Verbindung stehenden Seen; zugleich bot sich hier ein großartiges Schauspiel unseren Blicken – Felsmassen jeder Form und Größe türmen sich zur Linken wild über einander, an der entgegengesetzten Seite aber reihen sich hochragende, schneeumhüllte Bergspitzen und schimmernde Gletscher in schier endloser Reihenfolge an einander.
Den etwa 7 km langen Lang-Vand, zu dem wir weiterhin gelangen, umgeben an einer Seite schöne Weidegründe – im Sommer von zahlreichen Herden belebt –, an dem rechten Ufer aber liegen die 1870 m hohen Skarvdal-Berge mit ihren gewaltigen Gletschern. Der Lang-Vand vereinigt – in einem etwa 30 m hohen Falle herabstürzend – seine Wasser mit denjenigen eines anderen Sees, des letzten Gliedes dieser Kette. Der Abstieg nach dem Aadal ist steil und führt über Diluvialboden; Zwergbirke, Wacholder und Weide grüßen wieder den Blick, und endlich ist der Gjendin-See erreicht. 960 m über dem Meere gelegen, ist er 20 km lang und 1 km breit und rings von schneeumkleideten Bergen und mächtigen Gletschern umgeben; in tiefster Einsamkeit liegt hier ein Saeter, dicht dabei ein dem Turistförening gehöriges, viel besuchtes Unterkunftshaus, die Gjendehütte. Von einem schmalen Felsgrat, dem Besegg, aus erblickt man an einer Seite in einer Tiefe von 600 m den Gjendin-See, an der anderen, 240 m tief, den Bes-Vand, welcher wiederum durch eine wilde Masse von Felsen, den Beshö, von dem Rus-Band getrennt wird. Nur eine kleine Strecke von dem Gjendin entfernt liegt, 1070 m über dem Meeresspiegel, der 25 km lange Bygdin-See mit einer ziemlichen Anzahl von Saetern ringsum, und etwas weiter, 1096 m über dem Meere der Tyen-See. Bei einem Thermometerstand von 1° unter 0° suchten wir in dem Blockhause des Turistförening Unterkommen für die Nacht, um 3 Uhr wurden wir jedoch durch das Heulen des Windes aus dem Schlummer geweckt und machten die Entdeckung, daß der Schnee in dichten Massen herniederfiel. Bis zum folgenden Mittag hielt das Unwetter an und dann erst konnten wir daran denken, die 2 km bis zur Landstraße zurückzulegen. Bei einer Kälte von 5° unter 0° ging es langsam vorwärts; bald lagen die Hagesaet-Saeter hinter uns, immer zahlreicher wurden die Birken und endlich kamen auch die Telegraphenstangen an der längs des Filefjelds sich hinziehenden Landstraße in Sicht.