Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Sechstes Kapitel. Dem Polarmeere zu.
Auf dem Muonio. – Teerbereitung. – Ameisen. – Muoniovaara. – Der Palojoki. – Eine Zufluchtsstätte. – Bosekop. – Der Kaa-Fjord. Hammerfest.
Von Pajala aus führen zwei verschiedene Wege dem Norden zu: entweder folgt man, stromaufwärts fahrend, dem Lauf des Torneflusses, oder man überschreitet den schmalen Landstreifen Pajala gegenüber, um dann die Reise den Muonio aufwärts weiter fortzusetzen. Der erstgenannte Strom ist ein Ausfluß des Tornesees, eines bedeutenden, 400 m über dem Meeresspiegel gelegenen Wasserbeckens, dessen äußerstes Ende bis 68º 25' nördl. Br. reicht, sich also fast in gleicher Linie mit dem Ofoten-Fjord und den Lofoten-Inseln Norwegens befindet. An seinen Ufern liegen die Dörfer Vittangi und Jukkasjärvi, letzteres ein bevorzugter Sammelplatz der Lappländer.
Der Muonio ist der Ausfluß des Sees Kilpisjärvi, dessen nördliches Ufer einige Kilometer über den 69º nördl. Br. hinausreicht und einen Teil der Grenze zwischen Rußland und Schwedisch-Finnland bildet. Auf eine Entfernung von etwa 32 km westlich von Pajala, besonders an den Ufern des Tärendöflusses, ist das Land ziemlich dicht bevölkert.
Die einzig mögliche Art des Reisens im Sommer ist zu Wasser. In regelmäßigen Abständen sind Bootshaltestellen errichtet, in welchen man Verköstigung sowie Quartier erhält; das gesetzlich vorgeschriebene Fährgeld beträgt pro Person 1,14 M für die schwedische Meile (10,688 km), außerdem ist nur noch ein kleiner Betrag für die Benutzung des Bootes zu zahlen. Die Muonioroute ist, der größeren Länge des Flusses wegen, entschieden vorzuziehen, doch geht die Fahrt auf demselben nicht ohne Aufregung ab, denn Stromschnelle folgt auf Stromschnelle, aber die wunderbare Gewandtheit der Bootsleute weiß alle Gefahren zu überwinden. Nur an einigen wenigen der schlimmsten Stellen auf der ganzen 480 km weiten Fahrt muß man das Boot verlassen und eine kleine Strecke zu Fuß zurücklegen.
Am 30. Juni um 10½ Uhr abends überschritten wir den Torne. Der Schiffer trug mein Gepäck auf dem Rücken und nach einstündigem Marsch war Kieksisvaara, die erste Bootsstation, erreicht. Der Ort liegt auf einem Hügel und gewährte einen Blick über den, wie stets zu Ende Juni, sehr stark angeschwollenen Fluß, dessen zornige Wogen mit gewaltigem Toben über einander hinrollend, den Wald ringsum mit ihrem wilden Tosen erfüllten.
Die Hügel waren bis zu ihren höchsten Gipfeln mit dunkeln Föhren bedeckt, hell hob sich das zarte Grün der Birken von dem düstern Hintergrunde ab und silbernen Säulen gleich erglänzten ihre weißen Stämme.
In dem Dorfe selbst lag alles im tiefstem Schlaf, denn die Mitternachtsstunde war nahe. Immer mehr erblich der leuchtende Glanz der Sonne, ihr mattgoldener Schein überflutete die Landschaft ringsum mit einem sanften ruhigen Lichte; schwerer Tau fiel hernieder, die Hausschwalben hatten ihre Nester aufgesucht, der Kuckuck war verstummt und das Zwitschern der Sperlinge war nicht länger vernehmbar – die Natur selbst schien zu schlummern mitten im hellen Sonnenschein.
Plötzlich öffnete sich gerade vor mir eine Thüre. Ein Mädchen trat aus derselben und blickte zur Sonne empor, als wolle sie sehen, welche Zeit es sei. Ihre Augen wetteiferten an Bläue mit dem Himmel über uns, zartes Rosenrot lag wie ein Hauch auf ihren Wangen, ihr blondes Haar, aufgelöst über die Schultern fallend und weit über den Gürtel hinabreichend, zeigte einen goldigen Schimmer, als sei es in die Strahlen der Mitternachtssonne getaucht, und ihr nackter Fuß erschien doppelt weiß auf dem saftigen Grün des Grases. Sie erschrak, da sie so unerwartet einen Fremden vor sich erblickte, und stand im Begriff sich schleunigst zurückzuziehen, als Josefsson sie in der Landessprache anredete. Dies mochte sie beruhigen, sie blieb und sich zu mir wendend, sprach sie: »Fremdling, schaust du nach der Mitternachtssonne? Jetzt scheint bei uns die Sonne Tag und Nacht, aber der Sommer in unserem fernen Norden ist kurz, er gönnt uns kaum Zeit, unsere Ernte einzubringen. Dafür sind unsere Winter lang und die Stürme häufig.«
Von dem Mädchen ab kehrten sich meine Blicke der Sonne zu.
Wie herrlich war die Mitternachtsstunde! Wie feurig glühend und wunderbar prächtig die Sonne! Welch mattglänzender Schein lag über der Landschaft, alles ringsum in lichtes Gold getaucht! An den Grashalmen aber, an den Blütenkelchen und an den zarten Blättern der Birken schimmerten und leuchteten, köstlichen Brillanten gleich, Millionen funkelnder Tautropfen.
Unmittelbar nach Mitternacht wechselte das Schauspiel. Lebhafter wurde der matte Schimmer, rasch hatte er sich in prachtvoll rote Glut verwandelt und funkelnde Sonnenstrahlen vergoldeten Hügel und Wälder. Die Natur schien zu neuem Leben erwacht, immer heller wurde der Schein des mächtigen Gestirnes, bis es nach kurzer Frist in blendendem Glanz am Himmelsgewölbe prangte.
Vor zwei Uhr verließen die Schwalben bereits ihre Nester, die sie sich an den verschiedenen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden des Hofes gebaut. Aus wie weiter Ferne waren sie doch gekommen, um den Frühling jener abgelegenen Zonen zu genießen! Aber nachdem ich selbst seinen mächtigen Zauber empfunden, wunderte ich mich nicht länger darüber, daß sie jenem kurzen, doch so entzückenden Sommer so treue Liebe bewahren und Jahr für Jahr den Flug nach Norden richten.
Drei Bootsleute sollten uns stromaufwärts befördern, einer derselben ergriff die, mein Reisegerät enthaltende Handtasche und wir marschierten weiter. Bald war das Ufer des Muonio erreicht, laut drang das Rauschen und Tosen der Stromschnellen zu uns herüber; der aus dem Wasser aufsteigende Nebel verhinderte uns jedoch etwas zu sehen. Es war gerade 1 Uhr 30 M. nachts, und das Thermometer zeigte 8º gegen 11º, welche es um 10 Uhr 30 M. verzeichnet hatte.
Unser Boot, nur aus vier Planken bestehend, war sehr leicht, seine Länge betrug etwa 8 m, seine größte Tiefe 57 cm, seine größte Breite 1 m und in der Entfernung von 2 bis 3 m vom Bug hatte der Kiel eine Stärke von 7 cm. Diese Bauart ist für den stürmischen Lauf des Wassers und die vielen Stromschnellen am besten geeignet. Die Boote haben nur geringen Tiefgang, schwimmen aber überaus flott, der Kiel ist stark und bildet bei der Fahrt zwischen den Felsen eine gute Schutzwehr für den Boden, während starke Rippen die Seitenwände decken. Jeder Bootsmann führt eine Stange von 3 bis 3½ m Länge und großer Biegsamkeit und Stärke, gewöhnliche Ruder werden niemals gebraucht. Mein Hauptbootsmann, Henrik, stand am Bug, die beiden anderen befanden sich am Stern des Bootes. Es dauerte nicht lange, so sahen wir uns einer Stromschnelle gegenüber. Mit großer Gewalt strömte das Wasser zwischen Felsblöcken dahin, die Stangen mußten, anstatt seitwärts, unter dem Boot eingestoßen werden und bogen sich bedenklich unter dem Gewicht desselben.
Henrik, um sich und seine Kameraden zu stützen, stemmte sich so mit aller Kraft gegen die Innenseite, daß er nach wenigen Augenblicken vollständig in Schweiß gebadet war; endlich, nach tüchtiger Anstrengung, war das Hindernis überwunden. Diese Strömungen muß man sehr genau kennen, um richtig steuern zu können.
An solchen Stellen, wo der Fluß nicht zu heftige Strömung hatte, gelangten wir mit großer Schnelligkeit vorwärts, und so bedeutend auch die Tiefe des Wassers, so war dasselbe doch so klar, daß wir die Felsen auf seinem Grunde sehen konnten.
Durch die Stromschnellen.
Auf unserer Fahrt stießen wir häufig auf Enten, deren Scharen bei unserem Nahen flatternd aus einander stoben.
Nach vier Stunden hatten wir Kolare erreicht, mithin eine Strecke von etwa 32 km zurückgelegt, im Stationshause selbst herrschte tiefste Stille, ein Beweis, daß die Bewohner sich sämtlich zur Ruhe niedergelegt hatten; es währte indes nicht lange, so war alles in Bewegung.
Auf diesen Stationen ist die Kost von der allereinfachsten Art: trockenes Hammelfleisch, zäh wie Leder, geräuchertes Renntierfleisch, Butter, Käse, Milch, hartes Brot und manchmal Fisch ist alles, was man bekommen kann. Der Kaffee wäre sehr gut, wenn er nicht meistens durch Beimischung großer Mengen von Salz verdorben würde. Sehr häufig ist aber nichts von alledem, sondern nur Stångkakor (hartes Schwarzbrot) vorhanden.
In dem Gastzimmer findet man stets ein amtlich bestimmtes Preisverzeichnis, eine Übervorteilung ist auf diese Weise von vornherein unmöglich; kommt indes ein reicher Fremder, so wird gewöhnlich der Versuch gemacht, die Speisen etwas zu verbessern – der Kaffee z. B. wird stärker bereitet als sonst. Für solche Aufmerksamkeiten erwarten die guten Leute natürlich eine kleine Vergütung, und sie sollte ihnen nicht vorenthalten bleiben; die Preise sind immer noch niedrig genug, wurden mir z. B. für mein vollständiges Frühstück doch nur 70 Pf. berechnet.
Die Einrichtung dieser Bootsstationen ist im übrigen trefflich und ermöglicht äußerst rasches Vorwärtskommen. An jeder Haltestelle erhält man frische Bootsführer und sind dieselben stets sehr schnell zur Stelle, so daß man im Zeitraum von vierundzwanzig Stunden ganz wohl 100 km zurückzulegen vermag. Meine neuen Bootsleute waren Brüder, beide eigentümliche Erscheinungen, mit langen, tief in den Nacken herabfallenden krausen, blonden Haaren, und zwar war dieser Schmuck ihres Hauptes so übermäßig üppig, daß sie sich, anstatt eines Kammes, einer Kartätsche bedienen mußten, wie man solche früher zum Krempeln der Wolle gebrauchte.
Die Entfernung zwischen den Stationen Huuki und Kilangi beträgt 40 km, die Fahrt nahm nahezu zehn Stunden in Anspruch; eine Stromschnelle folgte der anderen, oftmals erwartete ich, wir würden durch die Gewalt der Strömung zurückgeworfen und gegen die Felszacken und Steinblöcke geschleudert werden; die Stangen meiner Bootsleute bogen sich unter dem Drucke, aber mit eiserner Kraft handhabten sie dieselben. An manchen Stellen war der Raum zwischen den Felsen so schmal, daß das Boot kaum zwischen ihnen hindurch gelangen konnte, an anderen Punkten wieder trieb uns der Anprall des Wassers mit scharfem Stoß gegen die mächtigen Steinblöcke. Unfälle kommen übrigens im Allgemeinen nur selten vor und dann auch mehr bei den Fahrten stromabwärts, welche weit gefährlicher sind. Bei Stromschnellen von außergewöhnlicher Ausdehnung und besonderer Stärke gingen wir ans Ufer; zwei der Leute zogen alsdann das Boot vermittelst eines langen Taues vorwärts; der dritte aber blieb in dem Fahrzeug, um dasselbe mit Hilfe des Steuers dicht am Lande zu halten.
Die Fahrt stromabwärts ist zu dieser Jahreszeit, wenn der Schnee schmilzt, überaus aufregend; Flöße, Bauholz und Boote werden von der wilden Strömung fortgerissen und nur die Kühnheit und Geschicklichkeit ihrer Führer bewahrt sie vor dem fast unausbleiblich scheinenden Verderben.
Einen so malerischen Anblick, wie ihn der Torne unterhalb Pajala bietet, gewährt der Muonio nicht, seine Ufer sind nicht hoch, an vielen Stellen sogar sehr flach, aber das Wasser ist hier wie dort klar wie Krystall. Solche, die nur schmutzige, trübe Flüsse kennen, vermögen kaum, sich eine Vorstellung zu machen von der bestrickenden Schönheit, der durchsichtigen Klarheit der skandinavischen Gewässer, die glänzende Reinheit des Wassers erregt das Gefühl des Durstes und oftmals konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, von dem köstlich schimmernden Naß zu schlürfen.
Mehrere Kilometer fuhren wir weiter, ohne ein Haus zu erblicken, nur gelegentlich bezeichnete zwischen den Bäumen aufsteigender Rauch einen Punkt, wo Leute mit der Bereitung von Teer beschäftigt waren, der hier in großen Mengen gewonnen wird. Einen traurigen Anblick gewährten die Stellen, an welchen heftige Feuersbrünste gehaust; weite Strecken waren vollständig vernichtet, ungeheure Massen wertvollen Bauholzes zerstört.
Es giebt hier zwei Arten der Rottanne: Pinus sylvestris, und eine andere mit kürzeren Nadeln, Pinus friesii, der Baum gedeiht hier überaus kräftig und liefert eine große Menge Harz; nur die Wurzeln der gefällten Bäume werden jedoch zur Teerbereitung verwandt, so daß auf diese Weise kein Bauholz verloren geht und auch die niedergebrannten Waldstrecken solchergestalt noch Verwertung finden können. Oftmals läßt man die Wurzeln jahrelang in der Erde, dann werden sie ausgegraben und während des Winters oder Frühlings in mittelgroße Stücke gespalten; das Holz zeigt eine tiefrote Farbe, ist außerordentlich hart und so vollsaftig, daß, wenn man es ans offene Feuer legt, der Teer ausfließt. Die regelrechte Gewinnung desselben geschieht in folgender Weise: an einem für die Bereitung günstig gelegenen Platz der Abhang eines Hügels oder der Raum zwischen zwei niedrigen, sanft abfallenden Anhöhen eignet sich am besten dazu – wird eine Grube von etwa 1–2 m im Durchmesser gegraben. Dann werden Pfosten dicht neben einander auf dem Boden geordnet, doch in geneigter Lage, damit der Teer nach der Mitte zu abfließen kann, die Pfosten bedeckt man mit einer Lage Birkenrinde und diese wiederum mit Lehmerde, auf diese Weise ein Becken von etwa 7–10 m im Durchmesser herstellend, in dessen Höhlung man die zur Teerbereitung bestimmten Stücke Holz mit großer Sorgfalt dicht auf einander schichtet. Ist das Ganze vollendet, so überdeckt man es mit Erde, wodurch der Bau die Gestalt eines Bienenkorbes gewinnt. Die Holzstücke steckt man alsdann in Brand und unterhält sie mehrere Tage lang in langsamer Glut, der Teer träufelt in das Becken und fließt durch die Grube in eine zum Auffangen bereit gestellte Rinne ab. Sind zufällig nicht Tonnen genug zu seiner Aufnahme vorhanden, so bewahrt man den Teer auch wohl zeitweise in Erdhöhlungen auf.
In sehr eigentümlicher Art wird der Teer stromabwärts befördert; eine oder zwei Reihen von Tonnen werden oben und unten durch lange Stangen fest mit einander verbunden, dann überläßt man dies eigenartige Floß ruhig der Strömung, welche es sicher dem Ort seiner Bestimmung zuführt. Große Mengen von Teer kommen alljährlich auf den Flüssen aus dem Norden herab; Schweden hat während einiger Jahre je über hunderttausend Tonnen davon ausgeführt.
Auf meinen Wanderungen durch die Wälder traf ich häufig auf verschiedene Arten von Ameisen, unter welchen sich auch die Formica rufa, in Schweden Stackmyra genannt, befand. Einen ausgetretenen Pfad verfolgend, gelangte ich zu dem etwa 1 m hohen, augenscheinlich aus kleinen Holzstückchen erbauten Ameisenhaufen, große Mengen von Ameisen kamen von allen Seiten herbei, jede derselben trug ihr kleines Hölzchen und legte es an irgend einer Stelle des Haufens nieder. Wenn dann beim Hinaufkrabbeln an den Seiten, die Holzstückchen unter ihnen zurückwichen und die Tierchen mit ihrer Last ins Fallen gerieten, setzten sie trotzdem ihre Versuche so lange fort, bis sie glücklich oben anlangten. Oftmals mußte ich ihre Hügel bis zu einer Tiefe von 30 cm zerstören, ehe ich ihre Wohnungen erreichte; und wenn ich sie in ihrem Vorwärtskommen durch Vorhalten eines Holzstückchens zu hindern suchte, so stellten sie sich ohne weiteres mutig auf die Hinterfüße und bemühten sich, dasselbe in ihre Gewalt zu bekommen.
Etwa 180 km von Pajala entfernt, kamen wir zu den Muoniokoski-Stromschnellen. Unterhalb derselben liegt das elende Dorf Muonionalusta mit einer Kapelle, in welcher nur an wenigen bestimmten Sonntagen im Jahr Gottesdienst abgehalten wird. Hier verließen meine Bootsleute den Fluß und nach einem etwa 6–7 km weiten Marsch über einen sumpfigen, mit Tannen und Föhren bedeckten Boden sahen wir uns unerwartet einem schönen Gehöfte gegenüber, über dessen Hausthür das Wort stand: » Posthaltestelle«; dies war Muoniovaara.
Von dem Hause aus erblickte man den Muonio, der sich hier zum See erweitert; die Wiesen erstreckten sich bis zum Rande des Wassers und dicht beim Hause befand sich ein Gemüsegarten, in welchem Erbsen bereits 6 cm hoch aus dem Boden ragten; ebenso war der Stand der Rüben, Kartoffeln und der Gerste sehr günstig; im allgemeinen sind indes die Ernteerträgnisse hier stets überaus unsicher; aus diesem Grunde ziehen die Landleute es auch vor, sich mit dem Anbau von Getreide auf das notwendigste Maß zu beschränken und lieber das Mehl für ihren eigenen Bedarf zu kaufen; den Hauptwert legt man auf die Ertragsfähigkeit der Wiesen und die Milchwirtschaft.
An dem jenseitigen Ufer des Flusses auf finnländischem Gebiet liegt Muonioniska, dort befindet sich auch eine Kirche, die Bevölkerung ist lutherisch wie in ganz Schweden und Norwegen. An Bemühungen, dieselbe dem protestantischen Glauben abwendig zu machen und zur Annahme des griechisch-katholischen Bekenntnisses zu bewegen, hat es die russische Regierung, seit dem Augenblick der Erwerbung des Landes, freilich nicht fehlen lassen, bis jetzt aber sind alle diese Anstrengungen vollständig ohne Erfolg geblieben.
Etwas nördlich von Muoniovaara schlägt der Muonio eine westliche Richtung ein, die Bevölkerung wird spärlicher und auf lange Strecken ist nicht ein einziges Haus zu gewahren. Die Fahrt stromaufwärts war ungemein mühsam, eine Stromschnelle folgte der anderen, über die bedeutendste derselben, Kelokortje, mußte das Boot mit großer Anstrengung geschleppt werden. Nach vierzehnstündiger, beschwerlicher Fahrt war der Palojoki (Joki = Fluß im Finnischen) erreicht; die Bootsleute waren vollständig erschöpft; nicht weniger denn zwanzig Stromschnellen hatten wir zu überwinden gehabt; dabei war das Wetter sehr warm, das Thermometer stieg von 20° auf 22°, zeigte um 6 Uhr nachmittags 17° in der Sonne, um 7 Uhr 11° und um 9 Uhr 30 Min. noch 9°.
An der Mündung des Flusses liegt das Dörfchen Palojoensa oder Palojoki. Die acht oder zehn Bauernhöfe, aus welchen der Ort besteht, sahen ärmlich genug aus; die Bevölkerung schien eine Mischrasse von Finn- und Lappländern zu sein. Das Gras, welches die Leute sammelten, genügte kaum für ihr Rindvieh, und es mußten die Tiere statt dessen mit Flechten und Heu gefüttert werden. Obgleich Palojoensa über 68° nördl. Br. gelegen ist, gedeihen hier doch noch Kartoffeln und Gerste; die Ernte ist aber, des schon im August häufig eintretenden Frostes wegen, stets sehr ungewiß. Die Bauern besitzen auch Renntierherden, dieselben befanden sich indes gerade jetzt auf ihren Weideplätzen in den Bergen. Trotz aller Armseligkeit des Ortes war in einem der Häuser doch ein Zimmer als Schulraum eingerichtet, und alljährlich nimmt ein Lehrer für eine bestimmte Zeit in dem Dorfe Aufenthalt, um seines Amtes bei der schulpflichtigen Jugend zu warten.
Von Palojoensa aus führen zwei verschiedene Wege nach Norden, der eine weiter den Muonio verfolgend, dessen obere Ufer berühmt sind durch hohe landschaftliche Schönheit, wendet sich dem See Kilpisjärvi zu, der andere dagegen führt zu Wasser nur bis zu dem etwa 50 km stromabwärts gelegenen Karesuando und dann zu Land weiter nach dem Lappländerdorf Kautokeino. Die letztere Route ist die direktere, deshalb beschloß ich, sie einzuschlagen; ganz unerwartet hörte ich indes durch einen der Eingeborenen von einem dritten, weit besseren Weg, der ganz zu Wasser den Palojoki aufwärts führt, und von allen Seiten riet man mir, diesen letzten zu wählen.
Der Palojoki ist ein kleiner, an Stromschnellen reicher Nebenfluß des Muonio, die Boote, deren man zu seiner Beschiffung bedarf, kleiner als diejenigen des Muonio, aber in derselben Weise gebaut, erfordern zu ihrer Lenkung zwei Bootsleute, außer welchen noch zwei Passagiere Platz finden können. Diese Route hatte den besonderen Vorzug, daß sie – wie ich freilich erst bei meiner abermaligen Anwesenheit in Muoniovaara im darauffolgenden Winter 1872–1873 durch den Postmeister erfuhr – bis jetzt noch von keinem Schweden oder Norweger befahren worden war.
Der Wasserstand war, infolge der anhaltenden Trockenheit, ein niedriger; als ich zuerst an den Ufern des Flusses stand, die großen Felsblöcke und die kleine Wassermenge gewahrte, hielt ich unsere Fahrt, ungeachtet der Geschicklichkeit der hiesigen Bootsleute, für ein Ding der Unmöglichkeit. Unser Boot entwickelte jedoch wahrhaft staunenswerte Eigenschaften, wie ein Kork oder ein Gummiball flog es von Felsen zu Felsen, glücklich überwanden wir die erste Stromschnelle und gelangten für eine Weile in tieferes Wasser. Eine kleine Strecke waren wir gefahren, als plötzlich Schellengeläute vernehmbar wurde, gleich darauf kamen zwölf Renntiere aus dem Walde hervor dem Flußufer zugerannt und blickten zu uns herüber, sie hatten die Stimme ihres Herrn erkannt und schienen sich lebhaft zu freuen, als sie ihn sahen, einige derselben sprangen sogar ins Wasser, um so nahe als möglich zu ihm gelangen zu können. Es waren dies die ersten Renntiere, welche ich zu Gesicht bekommen, und ein jedes derselben hatte, wie der Eigentümer versicherte, einen Wert von mindestens 30 M.
Längs des Ufers zogen sich dichte Föhrenwälder hin, nur an einzelnen Stellen mischte sich das helle Laub der Birken mit ihrem dunkeln Grün; brausend und schäumend stürzten sich die klaren Wellen über die Felsen oder drängten sich rauschend und tosend zwischen denselben hindurch. Von Zeit zu Zeit ließ sich die Stimme des Kuckucks hören, der sich bis in diese Breiten verirrt; dann und wann störten wir auch einen Schwarm Enten auf, welche bei unserem Nahen eilig davonflatterten, oder wir scheuchten eine Wildgans von ihrem Neste empor. Häufig gewahrten wir an den Bäumen Nistkasten aus Baumrinde, die, an Größe verschieden, eine Höhe von 40–60 cm und einen Durchmesser von 20–30 cm zeigten; zum Teil waren an Stelle der Nistkasten auch Höhlungen in den Bäumen selbst angebracht und diese oben und unten mit Borke bekleidet. Diese künstlichen Nester dienen dazu, eine Art von Wasservögeln anzulocken, welche ihre Eier in ausgehöhlte Baumstämme zu legen pflegen; durch die vordere Öffnung kann ein Mann sehr wohl hineinreichen, um die Eier herauszunehmen, deren einzelne der Vögel oftmals zwanzig Stück legen sollen; diese Nistkästen waren übrigens das einzige Anzeichen, welches die Nähe menschlicher Wohnstätten verriet.
Etwas weiter aufwärts wurde der Fluß breiter; grüne, reichen Ertrag versprechende Wiesen säumten seine Ufer, den Waldboden schmückte ein dicker Teppich Renntiermoos von weißlich-grüner Farbe, das schönste Moos dieser Art, welches ich während meiner Reisen in Skandinavien zu sehen bekam.
Dieser Tag – 3. Juli – war der heißeste, den ich bis jetzt hier erlebt, das Thermometer zeigte morgens um 7 Uhr 15° im Schatten und 34° in der Sonne, zwischen 12 und 1 Uhr mittags 22° im Schatten und 38° in der Sonne. Später stellte sich ein heftiges Gewitter ein, die Temperatur wurde durch dasselbe aber nicht im geringsten abgekühlt, sondern betrug um 3½ Uhr noch immer 22°, um 4½ Uhr 21° und um 6 Uhr 20° im Schatten, bei 25° in der Sonne.
An einer der Stromschnellen, über welche das Boot mit Hilfe eines Taues befördert werden mußte, kletterte ich an dem steilen, sandigen, etwa 20–30 m hohen Uferrand in die Höhe, um einen Ausblick über die Gegend ringsum zu gewinnen. Der Boden war leicht wellenförmig und vollständig mit Flechten überzogen, welche einen ungeheuren Futtervorrat für die Renntiere liefern mußten, in der Ferne erblickte ich eine Anzahl zerstreut stehender, kleiner, verkrüppelter Birken; in einsamer Größe ragte eine Fichte empor, während noch weiter im Hintergrund eine mit Schnee bedeckte Fläche sichtbar wurde; die ganze Landschaft hatte ein überaus trostloses, verlassenes Aussehen und war in einer früheren Periode jedenfalls mit Wasser bedeckt gewesen. Myriaden von Mosquitos erfüllten die Luft, doch blieb mir unerklärlich, woher diese Plagegeister eigentlich kamen, da in der ganzen Umgegend keine Sümpfe sich befanden.
Eine kleine Strecke fuhren wir weiter, dann aber machten meine Bootsleute am linken Flußufer, an einem daselbst einmündenden Pfade Halt und legten ihre Stangen nieder. »Wir werden die Nacht in einem Bauernhofe verbringen«, erklärte Matthias, »wir sind sehr müde.« Dies wunderte mich keineswegs, hatten wir doch während unserer vierzehnstündigen Fahrt etwa 40 km zurückgelegt und dabei mehr denn vierzig Stromschnellen zu überwinden gehabt; so schafften wir denn das Boot ans Land, dort sollte es mit allem, was sich darin befand, ruhig liegen bleiben. Mir erschien diese Anordnung keineswegs ganz einleuchtend; ich war einigermaßen in Sorge wegen meines Gepäckes mit der Brieftasche und dem Gelde darin; meinen Bootsleuten aber kam der Gedanke an die Möglichkeit eines Diebstahls wie eine Ungeheuerlichkeit vor. Abwechselnd durch Birkenwaldung, dann wieder über mit Flechten bedeckte Strecken ging es vorwärts und nach einem Marsch von etwa zwanzig Minuten war das Ziel erreicht, – ein schönes Fleckchen Erde zwischen den kleinen Seen Leppäjärvi und Sarjärvi, eine Oase in jener nordischen Wüste, lag vor uns.
Die aus Fichtenstämmen, zur Sicherheit bei etwaiger Feuersgefahr in ziemlich bedeutenden Abständen von einander, errichteten Häuser waren niedrig, die mit Erde überdeckten Dächer mit Gras bewachsen; ihr Aussehen erhob keinerlei Anspruch auf Reinlichkeit, nur zwei oder drei der Wohnstätten machten einen besseren Eindruck und hatten kleine Fenster aufzuweisen, auch die Kleidung der Leute war sehr unsauber. Fischernetze waren überall zum Trocknen aufgespannt und zwei Männer eifrig mit dem Ausbessern derselben beschäftigt.
Alles und jedes befand sich hier im Zustande der Ursprünglichkeit – die Teller, Schüsseln und Löffel waren aus Holz gefertigt; Gabeln schienen ein unbekanntes Ding oder, wenn sie wirklich vorhanden, so wurden sie doch nicht gebraucht, Kaffeetassen waren die einzige Töpferware, welche ich hier traf und da die Schlafeinrichtung für die Fremden, dem Übrigen entsprechend, keineswegs einladend war, so zog ich eine Bank dem Bette vor, während mein Führer sowie meine Bootsleute es sich auf dem schmutzigen Fußboden bequem machten.
Des anhaltend trockenen Wetters wegen war alles im Wachstum bedeutend zurück, es blieb mir unbegreiflich, wie die Gerste bis zu Ende August, nach welcher Zeit der Eintritt des Frostes mit Bestimmtheit zu erwarten steht, ihre Reife erlangen sollte. Dies waren übrigens die letzten Gerstenfelder, die ich sehen sollte, denn wir befanden uns jetzt unter 68° 35' nördl. Br., und weiter nach Norden zu gedeiht diese Fruchtart nicht mehr, an Birken war dagegen kein Mangel, so daß es wenigstens den Armen hier nicht an Holz zum Heizen ihrer Wohnungen fehlt.
Der nächste Arzt wohnt etwa 300 km entfernt; die nächste Kirche ist in Palojoensa – der Besuch derselben ist also mit vielen Schwierigkeiten und Umständen verknüpft, in jedem Hause aber findet man eine Bibel, sowie ein Gesangbuch oder eine Postilla (eine Sammlung von Predigten). Geld ist ein seltener Gegenstand, wenn die Ernte mißrät, leiden die Bedauernswerten häufig Mangel; zerkleinerte Birkenrinde unter das Mehl gemischt, muß zu solchen Zeiten als Nahrungsmittel dienen, auch kochen sie Renntiermoos mit Milch und verstehen hieraus, durch Hinzufügen von etwas Mehl, eine ganz schmackhafte Speise zu bereiten.
Die Leute waren gesund und kräftig, einige derselben sehr alt, unter ihnen ein noch rüstiger Greis von neunzig Jahren; Männer, Frauen und junge Mädchen rauchten, ein Gebrauch, den man übrigens in ganz Schweden und Norwegen findet.
Nachdem wir von Leppäjärvi aus zwei Stunden lang gefahren, mehrere Stromschnellen hinter uns gelassen und im ganzen eine Strecke von 50 km auf dem Fluß zurückgelegt hatten, gelangten wir in den See Palojärvi, von welchem der Palojoki seinen Ausgang nimmt. Der Palojärvi, einer von den zahlreichen Seen an dem südlichen Abhang des die Wasserscheide bildenden Plateaus, liegt etwa 330 m über dem Meeresspiegel; eine Reihe sandiger, mit niederem Buschwerk bestandener Hügel umschließt seine Ufer nach Westen zu. Nach Osten blickend, gewahrte ich den hohen Hügel Isticconära, dessen Seiten noch stellenweise dichter Schnee bedeckte.
Es liegt etwas Überwältigendes in der Einsamkeit und Stille dieser nordischen Landschaften. Die Ruhe und Abgeschiedenheit der Seen, das Murmeln der rasch dahineilenden Flüsse, ihr Brausen und Schäumen, wenn sie wild über die Felsmassen sich stürzen, die wunderbare Klarheit der Atmosphäre, die zarte Bläue des Himmels, das kräftige Wehen der Luft – dies alles webt einen Zauber eigener Art um den Reisenden; ein unbeschreibliches Gefühl der Verlassenheit bemächtigte sich oftmals meiner und dennoch trieb es mich mit unwiderstehlicher Gewalt, den Wanderstab weiter und immer weiter zu setzen.
Als wir über den See fuhren, wurde ein Bauernhof sichtbar, in dessen Nähe eine Anzahl von Netzen zum Trocknen aufgehängt war. Hier im fernen Norden sind solche einsamen Höfe meist an Seen gelegen, die in jenen Breitegraden von Fischen wimmeln, und es bilden diese sowie saure Milch die Hauptnahrung während der Sommermonate, außerdem werden auch große Vorräte von Fischen für den Winterbedarf gesalzen und getrocknet.
Eine Fahrt von halbstündiger Dauer brachte uns an das nördliche Ufer, an einen schmalen vielfach gekrümmten Fluß, den Rastajoki, auf welchem es in nördlicher Richtung noch einige Kilometer weiter aufwärts ging, dann legten wir an.
Zu Fuß mußte nun der Weg fortgesetzt werden. Durch eine öde Gegend, stellenweise sumpfig, meist aber mit Renntiermoos und einzelstehenden niederen Birken bedeckt, kamen wir zu den Ufern des etwa 10 km vom Palojärvi entfernten kleinen Sees Givijärvi, welcher die Grenze zwischen Russisch-Finnland und Norwegen bildet. Auf dem Wege bemerkte ich am Fuße eines Felsenhügels große Mengen runder Steine von der doppelten Größe eines Apfels bis zu der dreifachen Größe eines Männerkopfes, welche allem Anscheine nach vor langen Zeiten von Menschenhänden hier gesammelt worden waren. Seit wir Leppäjärvi verlassen, hatte ich nur eine einzige Konifere zu Gesicht bekommen, denn wir hatten nunmehr die Region erreicht, in der sie nicht mehr gedeihen, Birken waren dagegen zahlreich, aber klein.
Fischerhütten.
Eine trotz der warmen Sommersonne mit einer bis zum Rande des Wassers reichenden, großen Schneefläche bedeckte Insel wurde sichtbar und da aus zwei spitzen, kegelförmigen Hütten Rauch emporstieg, mußten dieselben wohl bewohnt sein, auch entdeckten wir ein altes Boot, dessen wir uns zur Überfahrt zu bedienen gedachten. Gebrechlich genug war das Fahrzeug allerdings, zum Glück fanden wir einen Becher in der Nähe, den wir zum Ausschöpfen des Wassers benutzen konnten, ein Segel aus Birkenzweigen war rasch hergestellt, der Becher that seine Schuldigkeit, ein Stock mußte mir als Steuer dienen, auch die Leute paddelten mit Stöcken anstatt der Ruder und nach einer Stunde hatten wir glücklich die Entfernung von 5 km zurückgelegt. Sobald wir uns dem Ufer näherten, erschienen zwei Männer und luden uns ein, ihnen nach den Hütten zu folgen, die wir vom anderen Ufer bereits wahrgenommen. Diese hatten, bei einer Höhe von etwa 4 m etwa 2½ bis 3 m im Durchmesser und waren aus Rasenstücken erbaut, welchen ein Untergestell aus Baumzweigen als Stütze diente. Das Innere derselben, wie auch ihre ganze Umgebung, starrte von Schmutz, Fischüberreste waren überall verstreut und zwei Tonnen, zur Hälfte mit gesalzenen Fischen gefüllt, verbreiteten einen keineswegs angenehmen Duft. Auch die Netze, mit deren Ausbesserung die beiden Männer beschäftigt gewesen, lagen am Boden, denn erst am Abend sollten sie wieder ausgeworfen werden.
Im Mittelpunkt der Hütte brannte ein Feuer, dessen Rauch seinen Abzug durch eine darüber befindliche Öffnung im Dache hatte, alle nur möglichen Fischabfälle waren in den Boden eingetreten, fauliges Gras bildete die Lagerstätten und als Decken dienten Schaffelle, deren ursprüngliche Weiße unter einer dicken Schmutzschicht sich barg. Über dem Feuer hing ein Kaffeekessel, eine alte Tasse war jedoch das einzige Trinkgeschirr, denn die Nahrung der Hüttenbewohner bestand fast ausschließlich aus Fischen.
Die beiden Bewohner besagter Hütten waren ebenso schmutzig wie ihre ganze Umgebung, ihr zottiges, tief in den Nacken herabfallendes Haar diente ihnen als Schutz gegen die Mosquitos, beherbergte aber, allem Anscheine nach, andere noch weit lästigere Wesen. Sie waren von mittlerer Größe, ihre Gesichtszüge mit den hervorstehenden Backenknochen deuteten auf eine Mischung von finnischem und lappländischem Blut, ihre Kleidung bestand aus Beinkleidern, selbstgesponnenen wollenen Hemden und sonderbar geformten, spitzen Schuhen. Im Äußeren waren sie in der That abstoßend genug, aber sie kamen uns voll Freundlichkeit entgegen, bestanden auch darauf, daß wir eine Tasse Kaffee mit ihnen tranken.
Von Givijärvi aus führt die Überlandroute nordwärts durch öde Strecken nach Aitijärvi. Die Einförmigkeit dieser Wanderung ward nur zu Zeiten durch das Aufflattern eines Schneehuhnes unterbrochen, kleine Seen oder vielmehr Teiche waren auch hier überall sichtbar.
Mosquitos machten sich wieder sehr bemerklich und obgleich der Wind mit ziemlicher Stärke wehte, so folgten uns doch Schwärme derselben nach, uns in unangenehmster Weise belästigend. Dies Plateau scheint die Scheidelinie zu sein für die Ausflüsse der Seen nach Süden und Norden, die wenigen, hier gedeihenden Birken hatten eine zwerghafte Gestalt und die Biegung ihrer Zweige legte Zeugnis ab von der Richtung, wie von der Gewalt der Winterstürme.
Von dem Gipfel des Hügels aus konnten wir die Station in Aitijärvi erkennen; über die Maßen einsam war die Lage der Gebäude und noch eines Marsches von etwas weniger denn 1½ Stunden bedurfte es, ehe wir dieselben erreichten.
Diese Station, weit entfernt von menschlichen Wohnungen, in einem der ödesten, kältesten Bezirke des nördlichen Europa gelegen, wo das Thermometer bis zu 35° unter Null sinkt, soll eine Zufluchtsstätte bieten, und in der That hochwillkommen muß der Schutz dieses Daches im Winter sein, wenn nahende Stürme den müden Wanderer bedrohen. Sie liegt nahe bei dem kleinen See Aitijärvi an dem Ufer des Flusses Sitcajoki, der, ehe er seine Wasser mit denjenigen des Sees mischt, einen mäßigen Fall bildet. Etwas unterhalb dieser Stelle erhebt sich eine Insel, deren wohlgedüngten Boden üppiger Graswuchs bedeckte.
Das Haus, behaglich und sauber, enthielt zwei Zimmer, eines für die Familie, das andere für die Reisenden, welche sich in diesem Teil der Welt freilich ohne weiche Betten und seines Leinenzeug begnügen müssen. Zwei Kühe sowie einige wenige Schafe – die Renntiere befanden sich auf der Weide – machten den ganzen Viehbestand aus. Das Ehepaar, welches wir allein zu Hause antrafen, bot uns freundlichen Willkomm; Adam Triumf, von mittlerer Größe mit langen, etwas mit Grau untermischten schwarzen Haaren, die ihm bis auf die Schultern fielen, war ein prächtiger alter Kauz und sein Weib Kristina in ihrer Art eine wahre Sehenswürdigkeit. Ihren Kopf umschloß eine enganliegende glatte Haube, unter welcher ihre langen, glänzend schwarzen Haare tief in den Rücken herabwallten, und obgleich die Runzeln in ihrem Gesichte auf ein ziemlich hohes Alter deuteten, so zeigten sich die Silberfäden in ihrem Hauptschmuck doch nur sehr spärlich vertreten. Gleich ihrem Gatten trug sie selbstgesponnene und gewebte Kleider, dazu auch ein Paar von den Stiefeln ihres Eheherrn. Seit sechsundzwanzig Jahren lebten die beiden hier; zwölf Kinder waren ihnen geboren, aber nur ein Sohn teilte ihre Einsamkeit, und auch dieser war zur Zeit meines Besuches gerade abwesend.
Die norwegische Regierung zahlt den beiden Alten jährlich eine bestimmte Summe für die Unterhaltung der Station, im Winter haben sie etwas mehr Verkehr denn im Sommer, einige ihrer Kinder besuchen sie alsdann, auch stellen sich zu dieser Jahreszeit häufig Lappländer ein, während des kurzen Sommers aber haben der alte Adam Triumf und Kristina alle Hände voll zu thun, denn die langen Tage werden fast ausschließlich dem Fischfang gewidmet und Fische in großen Mengen für den Winter eingesalzen, außerdem muß das Heu eingebracht, Holz- und Renntiermoos gesammelt werden. Das Sammeln dieses Mooses muß geschehen, ehe der erste Schnee fällt; es wird in große Haufen geschnürt, welche dann im Winter vermittelst Renntierschlitten abgeholt und zur Fütterung des Rindviehes verwandt werden. Auch die Milchwirtschaft bedarf großer Sorgfalt, gehören doch Butter und Käse zu den notwendigsten Vorräten.
Bald nach unserer Ankunft brachte die Frau eine große hölzerne Schale voll köstlicher Milch, Butter und Käse, sowie einen Laib eben erst gebackenen, groben Schwarzbrotes herbei und sagte freundlich: »Ihr müßt hungrig sein, Fremdling!«
Ich bat um ein Boot; Adam erklärte mir jedoch, daß er erst nach den Netzen sehen und die Fische einholen müsse; die beiden Alten gingen denn auch sofort an dies Geschäft, uns während dieser Zeit das ganze Haus überlassend. Nichts war verschlossen, aber sie schienen keinen Augenblick zu fürchten, daß wir uns an dem ungebrannten Kaffee, dem Zucker sowie den sonstigen Vorräten, welche sie von der Küste hierhergebracht hatten, vergreifen könnten. Nach zwei Stunden kehrten sie mit einer reichen Ausbeute an Forellen wieder, von welchen mehrere – 50 bis 55 cm lang – das Herz eines jeden Anglers mit Entzücken erfüllt haben würden. Kristina kochte alsbald einige derselben, setzte sie mir in einer hölzernen Schüssel vor und nötigte mich zum Zulangen mit den Worten: »Eßt, Fremdling, eßt, so viel Ihr könnt, Ihr habt eine weite Reise vor!«, dann füllte sie die hölzerne Schale aufs neue mit Milch und bereitete obendrein Kaffee für mich. Für alle Mühe, die sie gehabt, drückte ich ihr denn auch beim Fortgehen einige Mark in die Hand.
Am 5. Juli, nachts um 1 Uhr, verließ ich Aitijärvi, mit treuherzigem Ernst schüttelte mir Adam Triumf zum Abschied die Hand und rief mir nach: »Kehrt bald wieder!« Das Wetter war herrlich, der Himmel wolkenlos, das Thermometer stand auf 12° und schwerer Tau bedeckte den Boden, im Süden war der Mond in weiter Ferne sichtbar, farblos und ohne Schein, während in entgegengesetzter Richtung die Sonne in heller Pracht erglänzte.
Givijärvi und Aitijärvi liegen an dem südlichen Teil des Plateaus, welches wir vom Palojärvi aus überschritten; die Wasser wenden sich von diesem Punkte nach Norden, dem Polarmeere zu. Von hier aus ging es nun zu Thal, über manche gefährliche Stromschnelle, dem etwa 50 km entfernten Kautokeino zu.
Das Wetter wurde immer wärmer; um 9 Uhr zeigte das Thermometer in der Sonne 30°; die Temperatur des Wassers betrug 12°, ein Zeichen, daß der Schnee geschmolzen war, um 11 Uhr, zu welcher Zeit wir rasten mußten, hatten wir 14° im Schatten und 33° in der Sonne, die Wärme des Wassers war 14°. Um 2 Uhr rasteten wir abermals, da die Leute nahezu erschöpft waren, und obgleich wir uns unter 67° 30' nördlicher Breite befanden, stand das Thermometer doch auf 19° im Schatten und stieg auf 35° in der Sonne, dies war der zweitheißeste Tag, den ich hier erlebte.
An dem Ausgangspunkte unserer Fahrt war der Fluß schmal, dabei nicht sehr tief, seine Breite betrug im Durchschnitt nicht über 10 m. Aus den die beiden Ufer säumenden Birkenwäldern drang muntrer Vogelsang hell zu uns herüber; seit ich Stockholm verlassen, hatte ich nach Mitternacht nicht so viele Vögel zusammen gehört, sie freuten sich des herrlichen Frühlings, ich aber konnte nicht umhin, mich über die kurze Schlafenszeit zu wundern, welche die Tierchen bei diesem andauernden Sonnenschein genossen, an manchen Tagen schienen sie von 11 bis 1 oder 2 Uhr zu schlafen, an anderen Tagen aber waren sie in fortwährender Bewegung. Die Schwalben, welche mittlerweile diese hohen Breiten erreicht hatten, blieben allein regelmäßig einige Stunden lang in ihren Nestern.
Die Bäume zeigten eine, bei ihrer geringen Höhe unverhältnismäßige Dicke, ihre Blätter entfalteten sich gerade jetzt und die weißen Stämme sowie die hängenden Zweige bildeten einen schönen Gegensatz zu dem zarten Grün derselben. Die Vegetation war hier weiter zurück denn an dem südlichen Abhang, an verschiedenen Stellen deckte sogar noch tiefer Schnee den Boden, ein solches Schneefeld hatte einen Umfang von mehreren hundert Metern, von seiner Grenze aber bis zum Rande des Wassers dehnte sich üppiges Grasland. Das Wasser des Flusses war klar wie Krystall, an Stellen, wo es einen ruhigen Lauf hatte, schien unser Boot über einen grünlich schimmernden Spiegel dahinzugleiten. Immer weiter nach Norden ging unsere Fahrt; eine Stromschnelle um die andere kreuzte unseren Pfad, schaukelnd schoß das Boot über die Wellen. Die Bootsleute kannten jede Wendung des Flusses, alle gefährlichen Steine und verborgenen Felsen, über welche hinweg das Wasser tanzte; das Aussehen der schäumenden Wogen sagte ihnen, ob wir ungefährdet über sie hineilen konnten. Manchmal waren wir nur einige Centimeter weit von einem mächtigen Felsblock entfernt, es schien, als müsse unser Fahrzeug an ihm zerschellen, aber – eine schnelle Bewegung der Leute mit ihren Stangen und gerade im Augenblick drohendster Gefahr schwenkte unser Boot seitwärts, wie ein Pfeil an dem Hindernis vorübersausend, um leicht beschwingt weiter zu fliegen, bis ein neues Hemmnis ihm den Weg versperrte. Die Aufregung, welche diese Niederfahrt verursachte, war weit größer als diejenige der Fahrt stromaufwärts auf dem Muonio, jeder Irrtum, auch das geringste Versehen konnte verhängnisvoll für uns werden; die Gewandtheit und Entschlossenheit meiner Bootsleute aber leistete wahrhaft Erstaunliches.
Etwas mehr abwärts, nach einer weiteren Anzahl von Stromschnellen verbreiterte sich der Fluß zu einem kleinen See, Suddumaelopaljärvi genannt, und nachdem wir noch eine mäßige Stromschnelle hinter uns gelassen, kamen wir in den Sopatusjärvi, von welchem aus der Fluß sich alsdann oberhalb von Kautokeino in den Altenfluß ergießt, aber erst nach einer Fahrt von neun Stunden Dauer erreichten wir endlich jenen Punkt. Diese Route bot übrigens weit mehr Interesse, dabei viel weniger Beschwerde, als wenn ich den Muonio weiter bis nach Karesuando verfolgt und dann den 96 km langen, mit Morästen, Sümpfen und sonstigen Hindernissen reichlich versehenen Überlandweg eingeschlagen hätte, auf der Palojokiroute, einer Strecke von etwa 130 km von Palojoensa bis hierher, hatte ich im ganzen nur einen Marsch von drei Stunden zurückgelegt.
Kautokeino, nahe dem 69.° nördl. Br. gelegen, war, wie alle lappländischen Dörfer im Sommer, nahezu verödet, nur wenige Menschen ließen sich sehen, die meisten befanden sich in den Bergen oder beim Fischen, das Rindvieh aber, wie auch die Renntiere auf der Weide.
Das Dorf zählte etwa zehn bis zwölf Gehöfte, deren Wohnhäuser aus Baumstämmen, die Ställe entweder aus Stein oder aus Rasen errichtet waren. Der Viehbestand des ganzen Ortes umfaßte etwa 50 Kühe, 150 Schafe, 4 oder 5 Ochsen und ungefähr 250 Renntiere, von welchen mehr als die Hälfte als Zugtiere benutzt wurden, Pferde waren nicht vorhanden.
Kautokeino besitzt eine Pfarrkirche; während der Winterszeit wohnt auch ein Geistlicher hier, ebenso hält der Bezirksrichter zweimal im Jahre Gerichtssitzungen ab und verweilt dann jedesmal eine Woche in dem Ort und die gleichfalls während des Winters geöffnete Schule wird von etwa siebzig Kindern besucht.
Ungefähr 10 km von Kautokeino entfernt ist das Dorf Autzi, die Bevölkerung ist in beiden Orten fast gleich; eine Anzahl von Gehöften liegt an den Ufern des Altenflusses zerstreut; das Dorf Autzi selbst besitzt übrigens nahe an 200 Kühe.
Diese Ansiedlung ist sehr alt; die Gegend fast ganz von Bäumen entblößt, so daß die Leute ihr Brennholz aus einer ziemlich bedeutenden Entfernung herbeiholen müssen. Früher gab es hier große Tannen und Föhren in Menge, wie die Überreste der in den Sümpfen noch vorhandenen Wurzeln und Stämme bezeugen, jetzt aber sind sie völlig verschwunden.
In Autzi ist auch der Wohnsitz des Lensmand oder Richters, dessen Amt es ist, über die Befolgung der Gesetze zu wachen; in solch kleinen Orten wie dieser hier nimmt er auch die Gefangenen in Verwahrung; ein Zimmer seines Hauses, mit einem eisernen Gitter vor dem Fenster, vertritt die Stelle des Gefängnisses, wird aber nur sehr selten benutzt. In Amerika und auch wohl in den meisten Ländern Europas würde ein Gefangener rasch genug das schwache Gitter beseitigt haben, welches ihn von der Außenwelt trennt, um sein Heil in der Flucht zu suchen; hier kommt aber derartiges nicht vor, die Achtung vor dem Gesetz ist bei den Leuten zu mächtig und mit zwei als Polizeidienern fungierenden Lappländern unter sich, verwaltet der Lensmand den ganzen Bezirk.
Er wie auch seine Frau begrüßten mich mit großer Freundlichkeit, auch war es eine sehr angenehme Überraschung für mich, daß der Mann etwas englisch sprechen konnte. Neben seinem Hause lag ein Garten; die Rettiche und Rüben waren wohl geraten; Kartoffeln sollen in der Regel sehr klein ausfallen, denn das Kraut wächst zu schnell, als daß die Knollen sich richtig entwickeln könnten, außerdem gönnt nicht jedes Jahr dem wackeren Mann den Luxus dieser Speise und das Gleiche ist mit Erbsen der Fall; im vergangenen Sommer sollen dieselben freilich sehr gut gediehen sein. Gerste wird manchmal gebaut, muß aber vor ihrer völligen Reife geschnitten werden, und des so überaus ungewissen Ertrages wegen wird sie im ganzen nur selten angepflanzt, die Heuernte dagegen fällt oftmals sehr reichlich aus.
Der Sommer ist nur von sehr kurzer Dauer; der Alten friert häufig schon in den letzten Tagen des September zu und erst Ende Mai oder Anfang Juni setzt sich das Eis in Bewegung.
Ich beschloß Josefsson von hier aus zurück zu senden, da ich fürchtete, die Rückreise möchte ihm zu große Schwierigkeiten bereiten, wenn ich ihn noch weiter von seiner Heimat sich entfernen ließe.
Am 7. Juli war die Luft schwül und drückend, endlich brach ein heftiges Gewitter los, der Donner krachte, unaufhörlich zuckten die Blitze, starker Regen folgte und hielt vier Stunden lang an. Dies war der dritte Regenguß seit meiner Landung in Skandinavien, alle diese Niederschläge hatte ich jenseits des Polarkreises beobachtet und zwei derselben waren von Donner und Blitz begleitet gewesen. Nach dem Regen drehte sich der Wind und das Thermometer fiel von 21° auf 6°, ein Unterschied von 15° im Zeitraum weniger Stunden.
Der Lensmand besorgte mir zwei Führer – Brüder – Mathias Johannesen und Johannes Johannesen Haetta, welche den regelmäßigen Postdienst zwischen dem Orte und dem etwa ungefähr 190–200 km entfernten Bosekop versahen.
Die Ufer des Alten sind in der Nähe von Kautokeino schöner, weißer Sand, streckenweise auch Lehm; das ganze Gebiet, welches an vielen Stellen eine schwammige, nasse Moosart überzieht, stand augenscheinlich früher unter Wasser. Der Fluß verfolgt eine vollkommen nördliche Richtung durch das bergige Terrain, die übergroße Zahl der Stromschnellen macht die Schiffahrt auf demselben weiter abwärts jedoch unmöglich, so daß die Reise nach dem an dem Alten-Fjord gelegenen Bosekop nur zum Teil zu Wasser, zum übrigen Teil aber auf dem Landwege gemacht werden muß.
Je mehr wir uns der ersten Stromschnelle näherten, um so ungestümer wurde der Lauf des Wassers, das Tosen der Wellen übertönte den Schall unsrer Stimmen. Eilends trug die Strömung uns vorwärts, als mitten in das Rauschen der Wogen das dröhnende Toben und Brausen eines Wasserfalles sich mischte.
Plötzlich an einer Krümmung des Flusses schossen wir in eine Art Wirbel, gleich darauf jedoch näherten wir uns dem Ufer; meiner Ansicht nach keine Minute zu früh, denn nur eine kleine Strecke entfernt stürzte der Fluß in gewaltigem Fall über eine Felsenwand 7–8 m hoch hinab, Felsen umschlossen auch von beiden Seiten die tobenden, brandenden Wassermassen. Wir befanden uns an dem Wasserfall von Njejdagorze, das Boot wurde ans Ufer und auf dem Lande weiter geschafft bis zum Fuße des Falles. Nach einer Weile trafen wir abermals auf eine Stromschnelle, dann nach einer Fahrt von wiederum fünf Stunden erweiterte sich der Fluß zu einem See, Ladnejärvi genannt, an dessen Ufer sich eine Schutzstation für die Reisenden aus dem Wege nach und von Kautokeino und dem Alten befindet.
Wir waren fünfzehn Stunden unterwegs gewesen, deshalb waren wir froh, an dem von der norwegischen Regierung erbauten Blockhause Halt machen zu können. Das Gebäude maß 6 m in der Länge, 4 in der Breite, war, um das Eindringen des Windes zu verhindern, am unteren Teile dicht mit Rasen belegt und ebenso das Dach mit Erde und Rasen gedeckt. In einer Ecke befand sich eine offene Feuerstelle, auch waren zwei Betten vorhanden, an einem Pfosten im inneren Raum hingen einige Kleidungsstücke, ja frühere Reisende hatten sogar Nahrungsmittel für ihre Rückreise hier zurückgelassen, und niemand würde gewagt haben dieselben zu berühren. Birken, welche das nötige Brennholz lieferten, umgaben das kleine, dicht an einem rauschenden Wasserfall gelegene Haus und wir fanden auch etwas Feuerungsmaterial für uns bereit liegen.
Zum ersten Male, seit ich Stockholm verlassen, fühlte ich mich, infolge Mangels an Schlaf, vollständig erschöpft: während der ganzen Fahrt stromabwärts hatte ich mich mit Gewalt wach gehalten, um die Gegend zu sehen, jetzt schlief ich ein mit dem Essen in der Hand. Seit Mittwoch 9 Uhr morgens bis Sonnabend um 4 Uhr nachmittags hatte ich nur zweimal und zwar das eine Mal zwei, das andere Mal fünf Stunden lang geschlafen. Wir machten tüchtigen Rauch, um die Mosquitos auszutreiben, und schliefen dann tief und fest vier Stunden lang.
Nach unserem Erwachen sammelten wir frisches Brennmaterial, zum Ersatz für das, welches wir verbraucht, – dies ist Gebrauch so, damit der nachfolgende Reisende bei seiner Ankunft solches bereit finde, – dann gossen wir Wasser in das Feuer, um es zu löschen und verschlossen beim Fortgehen das Haus mit einem hölzernen Riegel.
Unsere Wasserreise war hier zu Ende, wir erklommen die steilen, mit Birken bewachsenen Hügel und erreichten ein wellenförmiges Plateau. Öde und trostlos mit großen Mengen von Steinblöcken bedeckt, dehnte es sich vor unseren Blicken, Flechten gab es in großen Mengen, und obgleich wir uns bereits in der zweiten Woche des Juli befanden, hatten sich die Blätter der Zwergbirken und Weiden in dieser Höhe noch nicht entfaltet.
Der Himmel war klar das Thermometer auf 5° gefallen, eine feste Eisdecke überzog die Teiche – auch Schneefelder zeigten sich in der Ferne, der Boden war hart, das Gehen auf demselben angenehm; hätten wir Pferde gehabt, dies wäre ein gutes Terrain für sie gewesen. Als wir nach einer Weile eine der mit Schnee bedeckten Stellen überschreiten mußten, leuchteten die Gesichter meiner Lappländer, sie warfen sich plattauf den Boden nieder, wälzten sich in dem Schnee, wuschen sich Gesicht und Hände mit demselben, ja, sie aßen ihn sogar, ihre Freude war unmäßig, ließ aber deutlich ihre Vorliebe für den Winter erkennen.
Wir befanden uns jetzt etwa 600 m über dem Meeresspiegel, noch immer höher stiegen wir und vier Stunden, nachdem wir die Schutzstation verlassen, gelangten wir an den Fuß eines hohen, alleinstehenden, das Plateau weit überragenden Felsenhügels. Es war der Lodigen oder Nupp Vara, der sich bis zu einer Höhe von 720 m über den Meeresspiegel erhebt. Von seinem Gipfel aus, wo ich die Mitternachtssonne zu beobachten beschloß, bot sich mir ein in seiner Trostlosigkeit großartig feierliches Schauspiel, Seen mit und ohne Eisdecke waren sichtbar, in der Ferne ragten schneebedeckte Berggipfel zum Himmel empor, und riesige Steinblöcke bedeckten die Felsenfläche ringsum, welche grau erschien unter dem dichten Überzug von Renntiermoos. Allmählich erblich der Glanz der Sonne, ihre letzten matten Strahlen zitterten um die Berggipfel und ließen die Schneefelder in so rosigem Schimmer erglühen, daß es aussah, als ob ihr Widerschein sich wie ein zarter Hauch am Himmel selber male, es war ein Anblick voll wahrhaft überwältigender Ruhe und Erhabenheit.
Aber selbst in dieser Höhe, während das Thermometer aus 5° stand, erwiesen sich die Mosquitos als eine fürchterliche Plage; es erschien mir vollkommen unbegreiflich, woher sie kamen; sicherlich konnten ihre gewaltigen Schwärme nicht den eisbedeckten Seen am Fuße des Hügels ihre Entstehung verdanken. Sie waren so zahlreich und wagten so gewaltsame Angriffe, daß ich kaum meine Beobachtungen anzustellen vermochte, ich zerbrach einen Aneroidbarometer sowie zwei Thermometer, welche meinen Händen entglitten, während ich mich bestrebte, diese grausamen Quälgeister von mir abzuwehren.
Wirklich erstaunlich war der Einfluß, welchen die Atmosphäre in einer gewissen, je nach den verschiedenen Breitegraden wechselnden Höhe, auf mein Befinden übte, ich fühlte mich so leicht wie ein Kork, dabei so voll Leben und Heiterkeit, als ob Champagner mich anrege, die dünne Luft wirkte wie ein Reizmittel auf mich ein, so daß meine Leute mich verwundert anblickten und erklärten, ich übertreffe sie an Ausdauer im Gehen. Die gleiche Erfahrung machte ich auch auf den Bergen im Süden Norwegens, dort gab es Tage, an denen ich meinte, niemals müde werden zu können. In keinem anderen Land war ich imstande, so langandauernde Märsche zu machen wie in Skandinavien.
In so verlassenen Gegenden ist die Begegnung mit Menschen ein willkommenes Ereignis und mit aufrichtiger Freude begrüßten wir die beiden Boten, welche die Post nach Kautokeino beförderten.
Bei der weiteren Fortsetzung unseres Weges kamen wir über eine Strecke nassen, dunkeln Bodens, in welchen wir oftmals bis zu den Knieen einsanken, dann aber – ein wunderbarer Gegensatz zu dem öden Landstrich, den wir hinter uns gelassen, – öffnete sich ein reizendes grünes Thal vor unseren Blicken. Klare Bächlein rieselten von den Hügelseiten herab, eine Decke saftig grünen Grases breitete sich über den Boden, und zwischen Veilchen, Butterblumen und Löwenzahn schmiegte sich das liebliche Vergißmeinnicht, die Birken besaßen eine recht stattliche Höhe und von den Föhren, deren ich zwei, an der Wegseite stehende, maß, hatte die eine dicht über der Wurzel 2½ m, die andere dagegen etwas mehr denn 3 m im Umfang; indes waren sie doch bei weitem nicht so hoch wie die weiter im Süden wachsenden.
Vögel gab es in solchen Mengen, daß ich mich besinnen mußte, ob ich mich wirklich so weit im Norden befinde, man trifft hier die Sylvia hortensis (Gartengrasmücke), Fringilla coelebs (Dompfaff) und andere von der Finkenfamilie, Turdus pilaris (Wacholderdrossel), verschiedene Arten Parus (Meisen), die Alauda arvensis (Feldlerche); Lusciola suecica (Blaukehlchen), Motacilla flava (Bachstelze), verschiedene Arten von Muscicapa (Fliegenschnäppern); Kuckuck, Sperling und Schwalbe; Plectrophanes nivalis (Schneeammer), Garrulus infaustus (Häher), den Specht; die Pica caudata (Elster), den Corvus corax (Rabe), und den Corvus cornix (Krähe), den Ampelis garrulus (Kernbeißer) und den Loxia curvirostra (Kreuzschnabel). Die Cinclus aquaticus (Wasseramsel) ist ein dem hohen Norden angehörender Sänger, der sich meist bei Bergströmen, dicht an der Schneegrenze aufhält und nur zur Brutzeit in die Thäler herabkommt.
Zwölf Stunden, nachdem wir den Ladnejärvi verlassen, langten wir in Wind an dem Ufer des Altenflusses an; wir waren nunmehr nur wenige Kilometer von der See und nur eine kurze Strecke von 70° nördl. Br. entfernt.
Von einem Gehöfte aus, in welchem wir eine Stärkung eingenommen, brachte uns ein Boot nach zweistündiger Fahrt zum Fuße eines hohen Hügels, von dessen Gipfel eine gute Fahrstraße dem am Alten-Fjord gelegenen Bosekop zuführt. Während wir rüstig unserem Ziele zuschritten und dasselbe fast erreicht hatten, machte ich plötzlich eine sehr unangenehme Entdeckung, mir fehlte meine Brieftasche mit meinem Geld, meinen Kredit- und Empfehlungsbriefen darin, ich hatte die Tasche an unserer letzten Haltestelle liegen lassen. Umsonst jedoch bemühte ich mich, meine beiden Lappländer über die Natur meines Mißgeschickes aufzuklären, sie verstanden meine Geberden nicht und blickten mich nur mit staunender Verwunderung an.
Aus dieser nicht sehr angenehmen Lage wurde ich ganz unerwartet durch das Dazwischentreten mehrerer, aus einem Gehöfte auf mich zukommenden Personen befreit. In englischer, deutscher und französischer Sprache wurde die höfliche Anfrage an mich gerichtet, ob man mir in irgend einer Weise behilflich sein könne, und meiner Erklärung des Vorfalles folgte auch sofort das Anerbieten, einen reitenden Boten nach Wind absenden zu wollen. Mein Erstaunen kannte keine Grenzen, rohe ungebildete Menschen hatte ich in diesen fernen Gegenden zu finden gewähnt und sah mich statt dessen nun unerwarteterweise gründlicher Bildung und feiner Lebensart gegenüber und rasch verflog mir die Zeit in dem traulichen Heim, dem auch der Schmuck zahlreicher Bücher und eines Klaviers nicht fehlte. Ehe der Bote zurückkehrte, stellte meine Wirtin aus Wind sich mit der Tasche ein. In dem Glauben, daß sie eine große Summe Geldes enthalte, wollte sie dieselbe niemand anvertrauen und hatte den weiten Weg nicht gescheut, um sie mir zurückzuerstatten. Sie weigerte sich entschieden, einen Lohn für ihre Mühe anzunehmen, indem sie erklärte: Ehrlichkeit dürfe man sich nicht bezahlen lassen, und nur nach vielem Sträuben gelang es mir endlich, ihr wenigstens ein Geschenk aufzudrängen.
Eine überaus angenehme Überraschung für mich war es, hier in Bosekop auch Herrn Professor Theodor Kjerulf, einen der bedeutendsten Gelehrten Skandinaviens, anzutreffen, dessen Geologie Norwegens nicht verfehlen wird, ihm einen dauernden Ruf zu sichern; die Vorarbeiten zu diesem Werk – die Untersuchung der Formation des Landes – bildeten die Veranlassung zu seinem Aufenthalte hier. Er zeigte sich sehr erstaunt über den geringen Umfang meines Gepäckes, welches, wie er sagte, fast nur aus Schreibpapier und Karten bestände, auch meinen Schuhen schenkte er große Aufmerksamkeit, ihrer dünnen Sohlen wegen, denen ich stets den Vorzug gebe, sobald es sich um weite Märsche auf nicht zu nassem und zu steinigem Boden handelt.
Nicht weit von Bosekop am Kaa-Fjord liegt ein schon seit langer Zeit mit bestem Erfolg betriebenes Kupferbergwerk. Es ist dies das am weitesten nördlich gelegene in der ganzen Welt, liefert ein Metall von ausgezeichneter Qualität und es waren zur Zeit meines Besuches etwa fünfhundert Arbeiter auf den Werken beschäftigt, welche im Besitz einer englischen Gesellschaft, von einem Engländer geleitet wurden. Das Klima sagte ihm sehr gut zu und weilte derselbe schon seit 43 Jahren hier am Ort; von den Arbeitern sind dagegen im Lauf der letzten fünf Jahre viele nach Amerika ausgewandert, verlockt von den Schilderungen zweier Kameraden, welche ihr Glück in der neuen Welt versucht und Wunderdinge von den dort üblichen hohen Löhnen berichtet hatten. Die Bergleute, zum größten Teile Finnländer, erhielten im Durchschnitt einen Tageslohn von 1,60 M bis 2 M, viele von ihnen waren verheiratet und hatten große Familien. Der Geschäftsführer erzählte mir, er habe einer Frau versprochen, bei ihrem zwanzigsten Kinde Patenstelle zu vertreten, sie fand es aber geraten, es bei der Zahl von neunzehn bewenden zu lassen und im Alter von 70 Jahren das Zeitliche zu segnen.
An keinem Punkte der Erdkugel ist unter einem so hohen Breitengrade die Vegetation so üppig wie an dem Alten-Fjord. Am Kaa-Fjord, einem Arme des Alten, wie auch bei Bosekop gedeihen Rhabarber, Gerste, Hafer, Roggen, weiße Rüben und Kartoffeln trefflich; gelbe Rüben erreichen eine Länge von 12–15 cm, Stachelbeeren zeitigen Ende Juli oder Anfang August; Johannisbeeren kommen gut vorwärts und Brombeeren reifen in drei oder vier Jahren einmal. Erbsen tragen jedes Jahr; ich selbst sah solche am 10. Juli, welche, etwa vier Wochen vorher gepflanzt, bereits eine Höhe von 25–35 cm erreicht hatten und nahe am Blühen waren, auch Hafer und Gerste werden neun oder zehn Wochen, nachdem sie gesäet sind, schon geerntet, und das Gras ist so saftig, daß 16 Ltr. Milch im Durchschnitt ½ Kilo Butter liefern.
Die heißeste Zeit dauert von Anfang Juli bis Mitte August, in diesen Wochen steigt das Thermometer manchmal auf 24°. Während meines Aufenthaltes in Bosekop hatte sich das Wetter etwas abgekühlt, die wärmste Temperatur war im Schatten 14°, die kühlste 10°.
Die Reise weiter dem Norden zu legte ich, wie dies gewöhnlich geschieht, vermittelst des wöchentlich von Bosekop nach Hammerfest abgehenden Dampfers zurück.
Der Alten-Fjord ist an einzelnen Stellen von außerordentlicher Schönheit, an anderen dagegen, wo dunkle Felsmassen seine Ufer umsäumen, ist die Landschaft überaus öde und trostlos. Vielfach bemerkt man in beträchtlicher Höhe Buchten und Zeichen früherer Meereshöhe an den starren Felswänden und treten zwei der letzteren, je 7 und 12 m über dem Wasserspiegel befindlich, an dem Kvaen Klubben besonders auffällig hervor.
Der Dampfer legte an verschiedenen Punkten an, dann, den Fjord verlassend, fuhren wir zwischen den Inseln hindurch, bis nach dreizehnstündiger Fahrt Kvalö, eine Insel nahe dem Festland, und das an ihrem nordwestlichen Ende unter 70° 40' nördl. Br. gelegene Hammerfest, die nördlichste Stadt der Welt, erreicht war.
Die norwegischen Seehäfen verstecken sich, ihrer Mehrzahl nach, hinter hohen Bergen oder Hügeln, so daß sie erst nach einer Wendung des Schiffes ganz unerwartet in Sicht kommen. Ich war erstaunt, unter so hohem Breitegrad eine so regsame Handelsstadt zu treffen; mehr denn fünfzig Fahrzeuge, vorzugsweise Schooner, befanden sich hier vor Anker, die englische, russische, norwegische, schwedische und deutsche Flagge war vertreten. Zwei Dampfer lagen zur Abfahrt bereit, hier lud ein englisches Schiff Kohlen, dort ein russisches aus Archangel Säcke mit Mehl aus, während andere Fahrzeuge ihre Fracht an Labberdan, Stockfisch, Leberthran u. s. w. einnahmen.
An den hölzernen Hafendämmen, auf welchen sich die Warenhäuser erheben, bewegten sich Boote, Lichterschiffe und kleinere Kähne bunt durch einander. Der Hafen liegt sehr geschützt und bietet treffliche Sicherheit, durch Eis wird derselbe niemals versperrt, denn der Golfstrom bespült die trostlos öde Küste, welche zu manchen Zeiten des Jahres von Fischen wimmelt; ohne diesen Fischreichtum gäbe es wohl überhaupt kein Hammerfest.
Die geographische Lage der etwa 2500 Einwohner zählenden Stadt ist ausgezeichnet, eine Telegraphenleitung setzt sie in direkte Verbindung mit Christiania und dadurch mit der übrigen Welt. Wenige Orte der ganzen Erde aber haben eine so unfruchtbare, so über die Maßen traurige, schauerlich öde Umgebung aufzuweisen wie Hammerfest: kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, nur finstre, nackte Felsen, so weit das Auge reicht! Keine Landstraße zweigt sich ab von der Stadt, es giebt ja keine Gehöfte, die man auf derselben erreichen könnte und ebensowenig besitzt die umliegende Landschaft Holz, welches nach der Stadt zu befördern wäre. Die Straßen sind eng, die hauptsächlichste derselben folgt der Krümmung der Bucht, einzelne der Wohnhäuser aber sind groß und geräumig und die Warenlager aller Art und Größe zahlreich. Der kleine Gasthof bietet dem Fremden bequeme Zimmer und gute Küche; drei Zeitungen erscheinen am Platz, die Schulen sind gut und werden von allen Kindern besucht, denn auch hier gilt der Schulzwang. Ebenso hat die Mode bis hierher ihre Herrschaft ausgedehnt, in den Straßen und auf den Quais bewegen sich zwischen russischen Kapitänen mit langen Bärten, zwischen Fischern und Matrosen zahlreiche Gestalten von Finnländern und Norwegern, deren Kleidung vom modernsten Schnitt allen Ansprüchen größerer Städte entspricht.
Eine sehr häßliche Eigenschaft der Stadt, welche sich besonders dem Fremden in überaus lästiger Weise bemerkbar macht, ist der alle Straßen erfüllende Fischgeruch. Dieser sowohl, wie auch der entsetzliche Rauch sind eine Folge der Leberthranbereitung, welche, besonders diejenige der braunen Sorte, hier in ausgedehntem Maße betrieben wird. Die Einwohner sind an diese Unbequemlichkeit gewöhnt, außerdem, wie einer der Kaufleute bemerkte, riecht Rauch, wenn er Geld einbringt, niemals unangenehm.
Die Lebensweise ist im allgemeinen gut. Fische bilden ein Hauptnahrungsmittel, Ochsen und Hämmel werden aus den südlichen Provinzen durch den Fjord von Tromsö hierher gebracht; Kühe werden in großer Anzahl gehalten und mit Fischen, Renntiermoos und Heu gefüttert; ebenso fehlt es im Winter nicht an Wildbret und Renntierfleisch. Kaffee, Thee, Gewürze sowie Delikatessen jeder Art gelangen auch in diese nordischen Gebiete und die hier abgehaltenen Essen würden mancher weniger weit vom Mittelpunkt der Civilisation entfernt gelegenen Stadt zur Ehre gereichen.
Holz ist teuer, da es aus den umliegenden Fjorden herbeigeschafft werden muß, dafür dienen Kohlen aus England als Brennmaterial und werden in großen Mengen verbraucht, der Preis derselben – in diesem Jahre nur 21,80 M pr. Ton – ist erstaunlich niedrig.
Der ganze nördliche Teil der norwegischen Küste ist Sommer und Winter hindurch von der Seeseite aus zugänglich. Von verschiedenen Städten längs der Küste, auch von Christiania, kommen Dampfer nach Hammerfest; von letzterem Orte aus nimmt die Reise vierzehn Tage in Anspruch; die Entfernung beträgt über 3200 km, außerdem legen die Schiffe unterwegs an vielen Stellen an. Auch mit Hamburg hat jene nördlichste aller Städte eine regelmäßige, je wöchentlich fällige Dampfschiffverbindung. Diese norwegischen Boote, sehr groß und bequem eingerichtet, werden gewöhnlich von Touristen benutzt, welche die Küstenlandschaft oder die Mitternachtssonne zu sehen wünschen; außerdem befördert die schon seit einer Reihe von Jahren in Betrieb befindliche Linie auch Waren der verschiedensten Art von der deutschen Seestadt nach Norwegen, um dagegen die Erzeugnisse dieses Landes mit zurückzubringen.
Hochragende Hügel, der höchste derselben Tyven (der Dieb) erhebt sich 410 m über den Meeresspiegel, bilden den Hintergrund der Stadt und lassen ihr kaum Raum zu weiterer Ausdehnung. In so wunderbar scharfen Zacken und Spitzen zeichnen sich ihre Umrisse am Horizont ab, daß es aussieht, als ob die auf ihrer Höhe lagernden großen Felsblöcke auf der schmalen Kante das Gleichgewicht verlieren und herab in die Tiefe stürzen müßten.
Weiter landeinwärts sind überall kleine Seen über die trostlose Einöde zerstreut, in der Entfernung aber ragen die kahlen unfruchtbaren Inseln Sörö und Seiland, die letztere, den am weitesten nördlich gelegenen Gletscher Norwegens tragend, bis zu einer Höhe von 1040 m, aus dem Meere empor. Von dem Gipfel der Hügel ist die Mitternachtssonne noch ebenso spät im Jahre sichtbar wie am Nordkap, doch entbehrt das Schauspiel hier der überwältigenden Großartigkeit, die es dort auszeichnet.