Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Zehntes Kapitel. Das fernste Ende Europas im Wintersturm.
Andauernde Schneestürme. – Hammerfest im Winter. – Der Magerö-Sund. – Kap Nordkyn. – Ein altes Fort. – Der Varanger-Fjord. –
Unsere Rückfahrt von Lofoten war eine ununterbrochene Aufeinanderfolge von Böen und Schneestürmen und nur unter den größten Schwierigkeiten konnten wir uns einen Weg bahnen durch die aufgeregten Wogen. Manchmal freilich war das Ungestüm von Wind und Wellen so stark, daß wir, sowohl zur Tages- wie zur Nachtzeit, für die Dauer mehrerer Stunden vor Anker gehen mußten und zu der Reise, welche man bei günstigem Wetter in einem Tage zurücklegen kann, eine ganze Woche gebrauchten. In Tromsö, wo wir gleichfalls anhalten mußten, um das Nachlassen eines gewaltigen Schneesturmes abzuwarten, trafen wir mehrere tausend Fischer, welche auf den Eintritt besseren Wetters warteten, ehe sie in ihren offenen Booten die Fahrt nach Norden weiter fortzusetzen vermochten. Sie benutzten die Gelegenheit, um sich für die überstandenen arbeitsschweren Tage und Wochen schadlos zu halten: in dem unteren, nahe dem Fjord gelegenen Stadtteile herrschte ein munteres Leben und Treiben, und zum großen Wohlbehagen der Ladenbesitzer gingen viele der fremden Gäste mit dem so mühsam erworbenen Verdienste nicht gerade sparsam um.
Von dem eine wichtige Stellung einnehmenden Fischerdorfe Skjaervö, in dessen prächtigem Hafen wir abermals eine Zuflucht hatten suchen müssen, dampften wir langsam nach der Fischeransiedlung Loppen auf der Insel gleichen Namens, dann hinüber nach dem auf der Insel Sörö gelegenen Hasvik und weiter den engen Meeresarm entlang nach Hammerfest. Auch hier trafen wir Boote in großer Anzahl vor Anker und in den von dichten Schneemassen erfüllten Straßen drängten sich Fischer sonder Zahl, sowie Seelappländer in ihren Gewändern aus Renntierfellen, alle harrten ungeduldig des Augenblickes, da das Aufhören des Sturmes ihnen gestatten werde wieder in See zu stechen.
Das Thermometer fällt hier nicht nur selten bis zu 24° unter 0°, sondern steht sogar oftmals mitten im Winter für die Dauer mehrerer Tage einige Grade über dem Gefrierpunkt.
Das Abfeuern einer Kanone rief die Passagiere zur Mitternachtsstunde an Bord zurück; nachdem der Sturm ununterbrochen zehn Tage lang getobt, war endlich eine Pause eingetreten, hell funkelten die Sterne am nächtlichen Himmel und wir glaubten auf die Beständigkeit der Witterung zählen zu dürfen, aber unsere Voraussetzung erwies sich leider als eine irrige und nach Verlauf weniger Stunden fegte der Sturm wieder mit dem alten Ungestüm über unsere Häupter dahin.
Im Winter führt der Weg, da die Dampfer das Nordkap nicht umschiffen, durch den Magerö-Sund; von der unter 71° 5' 45'' gelegenen Insel Fruholmen schimmerte hell das Licht des Leuchtturmes – des nördlichsten auf der ganzen Erde – zu uns herüber, ein freundlicher Leitstern bei der Fahrt an der zerklüfteten, wilden Küste entlang. Ein schöner Berg, Kjaerringen (altes Weib), blieb uns zur Seite liegen, und dort tauchte Kap Stikkelvaagnaeringen mit seinen steilen, spitzen Zacken vor uns auf; düster und traurig blickte das trostlose Land zu uns herüber, fast senkrecht fielen die Felswände ins Meer ab und ihre merkwürdig hell- und dunkelstreifige Färbung vermehrte nur noch den finsteren Ernst des eigenartigen Landschaftsbildes, über welches ein unfreundlich grauer Himmel sich spannte.
Aber selbst für diese trübselige Insel haben sich Ansiedler gefunden; unerwartet tauchten Masten vor uns auf, dort lagen Boote vor Anker und am Ufer erhoben sich kleine Häuschen – wir sahen die Fischerstation Honningsvaag vor uns und gleich darauf kam auch Kjelvik, die Station an der Ostseite der Insel, mit ihren Schiffen, Häusern und der Kirche in Sicht. Von dem Wind, welcher draußen auf der See mit großer Heftigkeit wehte, war hier nichts zu bemerken, dafür fegte er aber mit solcher Wut über die Berggipfel hin, daß die Schneemassen jetzt in ungeheuren Wolken einhergewirbelt wurden, dann wieder in einer mächtigen Säule zum Himmel emporstiegen, um gleich darauf, vor einem neuen Windstoße zerflatternd, als feiner weißer Staub weit über die aufgeregten Meereswogen zerstreut zu werden.
Hier ist auch der Punkt, wo die Flut ihren höchsten Stand erreicht am Kattegat nur schwach, steigt sie weiter nordwärts zu immer größerer Höhe und zeigt bei Stavanger 1 m, bei Drontheim 2 m, am Nordkap und bei Vadsö gar 3 m.
Von Kjelvik aus brachte uns eine Segelfahrt über den Porsanger-Fjord nach dem Kap Svaerholt-Klubben, welches, am äußersten Ende der den Porsanger- von dem Laxe-Fjord trennenden Halbinsel gelegen, an seiner Ostseite bis zu einer Höhe von etwa 300 m ansteigt. Der Porsanger-Fjord, der bedeutendste Fjord jenseits des Polarkreises, reicht, 130 km lang, bis zum 70° nördl. Br. ins Land hinein, seine Ufer, an welchen man, außer zwei oder drei kleinen Fischeransiedlungen mit einer Kirche dabei, nur hier und da eine Lappenhütte erblickt, sind überaus öde und traurig, am wildesten aber ist die Scenerie dicht am Kap selbst, wo zerklüftete Felsmassen, den Fuß von mächtigen Blöcken und Schuttmengen umlagert, sich dicht an dem steil abfallenden Ufer über einander türmen.
Ein unerwarteter Anblick wartete meiner, als wir das Kap umschifften, das Geräusch unseres Dampfers störte die Ruhe der hier hausenden Möwen und in ungeahnten Mengen sah ich sie plötzlich ringsum empor flattern. Niemals zuvor hatte ich so gewaltige Schwärme von Vögeln beisammen gesehen, zu Tausenden erfüllten sie die Luft ringsum und ebensoviele Tausende, vielleicht Millionen hockten auf den Felsen, deren Spalten vollkommen weiß aussahen unter dieser lebendigen Decke. Wirklich merkwürdig jedoch wurde das Schauspiel, als der Kapitän sein Gewehr unter sie abfeuerte: in so dichten Scharen flatterten sie über unseren Köpfen umher, daß stellenweise sogar der Himmel vollständig unseren Blicken entschwand. Diese Vögel ( Larus tridactylus) gehören der kleinsten Gattung von Möwen an und die Menge der Eier, welche sie in die Bergspalten legen, entzieht sich jeder Berechnung.
An den Fuß des Kaps schmiegt sich die kleine Fischeransiedlung Svaerholt, an welcher man übrigens, sobald der Wind aus Norden oder Nordwesten weht, nur schwer eine Landung bewerkstelligen kann. Eine einzige Familie hat hier für die Dauer des ganzen Jahres ihren Wohnsitz, im vergangenen Winter wurde ihr Haus ein Raub der Flammen und hatten die Armen dabei noch obendrein das Unglück, ein Kind zu verlieren keine Spur war von demselben zu entdecken und bis auf den heutigen Tag wissen die unglücklichen Eltern nicht, ob der bedauernswerte Knabe in der allgemeinen Verwirrung ins Wasser gefallen ist oder ob er einen schrecklichen Tod in den Flammen gefunden.
An dem Laxe-Fjord liegt die Fischerstation Lebesby mit ihrer schmucken Kirche, Kap Svaerholtklubben aber nahezu gegenüber an dem östlichen Ufer des Laxe-Fjord befindet sich ein buchtenartiger Meeresarm, der Eid-Fjord, und von dem Deck des Dampfers aus konnten wir jenseits eines schmalen Landstreifens den Hop-Fjord, einen kleinen ostwärts vom Tana-Fjord sich abzweigenden Meeresarm wahrnehmen. Der Eid-Fjord ist seicht, der Hop-Fjord dagegen tief, und da die sie trennende Landstrecke nur sehr schmal ist, so hat man bereits daran gedacht, dieselbe behufs Anlage eines Kanales zu durchstechen, ein Projekt, dessen Durchführung für die Fischer bei schlechtem Wetter von großem Vorteil sein würde. Die Bildung des Landes erinnerte mich lebhaft an diejenige der Insel Magerö und läßt deutlich erkennen, daß, so lange dies Gebiet sich noch unter dem Meeresspiegel befand, jener gewaltige Felskoloß, der von Buchten und Fjorden rings eingeschnittene Kjorgosj Njarg, eine Insel gewesen sein muß.
Der Kjorgosj Njarg, welcher sich bis zu einer Höhe von 200 m erhebt, ist der nördlichste Punkt Europas und seine Nordseite bietet unter allen düsteren Landschaftsbildern von Finnmarken das rauheste und wildeste. Die Strata des Gesteins lassen sich aufs deutlichste erkennen, große Blöcke und Platten hatten sich von der Hauptmasse losgelöst und lagen von den Wogen umspült am Fuß des Felskegels über einander geworfen, die größte Merkwürdigkeit aber ist die Gammel-Finkirken (alte Finnenkirche). Dicht am Meeresrand, am Fuß eines hohen Hügels gelegen, hielt ich die Steinmasse allen Ernstes für die Ruinen einer Kirche oder eines Klosters, von welchem nur die Säulen und Mauern noch standen, deutlich glaubte ich sogar die einzelnen Steine des Mauerwerkes unterscheiden zu können, und erst als ich ganz nahe war, gelangte ich zur Erkenntnis, daß hier eine wahrhaft täuschende Übereinstimmung zwischen der natürlichen Schöpfung und den Werken aus Menschenhand bestehe. Unstreitig nimmt Finkirken unter den Sehenswürdigkeiten des nördlichen Europas eine ganz besonders hervorragende Stelle ein.
An dem Ende des Kjölle-Fjord trafen wir abermals unter 70° 55' eine aus wenigen Häusern bestehende Ansiedlung mit einer malerischen hölzernen Kirche dabei, diese wie diejenige von Kjelvik die beiden am meisten nach Norden zu gelegenen Kirchen Europas. An der Küste entlang fahrend, erblickten wir dann nach Westen hin die finsteren Felsmassen des Nordkap fast senkrecht aus den Wogen emporragend, und umschifften Nordkyn 71° 6' 50'', von wo aus die Ufer allmählich flacher werden. Die Fjorde waren an ihrem inneren Ende mit einer Eisdecke überzogen und hier und da an ihren Ufern zerstreut bemerkten wir Fischereistationen, einzelne davon mit einer sauber getünchten Kirche versehen, ein erfreulicher Beweis dafür, wie lebhaft das Bedürfnis nach einem sichtbaren Ausdruck ihrer Gottesverehrung bei den seefahrenden Söhnen des Nordens ist. Der Tana-Fjord streckt sich zwischen hohen Bergen hindurch etwa 70 km weit ins Land hinein; bis zu einer Höhe von 700–750 m steigen hier die steilen Felsen empor und deutlich lassen sich an ihnen die geologischen Formationen erkennen: vornehmlich Sandstein-Quarz in weißen, roten und gelben Schichten. Bemerkenswert erscheint dieser Fjord durch die Birkenwaldungen, welche weiter nach Süden hin an seinen vielfach gezackten und eingeschnittenen Ufern sich hinziehen, das obere Ende aber versperren zahlreiche durch den Tana-Fluß gebildete Sandbänke.
Am Barjag-Njarg, einem zwischen dem Tana- und dem Varanger-Fjord in die See hinausragenden Vorgebirge, vorüber, gelangten wir nach dem Tana-Horn, von wo aus die Höhe der Küste immer mehr abnimmt und schließlich nur noch etwa 100 m beträgt. Einige wenige Fischerstationen liegen hier und da zerstreut und endlich war Vardö, der wichtigste Punkt an der Küste von Finnmarken, erreicht. Die Stadt zieht sich an den Ufern zweier in entgegengesetzter Richtung sich dehnenden, durch eine schmale Landzunge getrennten Buchten hin. Eine Insel schiebt sich etwas weiter seewärts vor den Eingang derselben, und gewähren diese beiden Häfen, obgleich gerade nicht im besten Zustande befindlich, doch Schutz, der eine bei südöstlichen, der andere bei nordwestlichen Winden. Die Stadt selbst, auf der Insel gleichen Namens am äußersten östlichen Ende des Varjag-Njarg gelegen, hatte ein unfertiges Ansehen, einige der Häuser waren getüncht, andere nicht und dabei herrscht, woran freilich die Bodenverhältnisse Schuld tragen, keinerlei Regelmäßigkeit in der Anlage der Straßen. Sie steht in dem Rufe der schlechtgelegenste Ort an der ganzen Küste zu sein und den durch die Straßen fegenden Winden, sowie den ungeheuren Schneewehen nach zu urteilen, muß diese üble Nachrede nicht ohne Begründung sein; auf alle Fälle ist Vardö der kälteste Ort in Finnmarken, die mittlere Jahrestemperatur zeigt nur ein Bruchteil über 0°, und nur in sehr kalten Wintern wird ihm von Kåfjord und dem am inneren Ende des Varanger-Fjord gelegenen Nyborg hinsichtlich des niederen Thermometerstandes der Rang abgelaufen.
Trotzdem besitzt die Stadt eine Einwohnerzahl von 1200 Seelen, welche zur Zeit des Fischfanges natürlich noch eine ganz beträchtliche Steigerung erfährt, und wenn auch die Zahl der vor Anker liegenden Schiffe zur Zeit meines Aufenthaltes nur gering erschien, so war dafür diejenige der Fischerboote um so bedeutender. Seit drei Wochen hatte sich diese Flottille jedoch, der unausgesetzt tobenden Stürme wegen, am Auslaufen verhindert gesehen; der Köderfang, auf welchen die Leute gerechnet hatten, war somit ausgefallen, indes mußten die früheren Züge wohl einen guten Erfolg gehabt haben, wenigstens waren die nach hunderten zählenden Stangengerüste ringsum über und über mit Fischen bedeckt, welche hier den Prozeß des Trocknens durchmachten. Nahe bei der Bucht erhoben sich auch mehrere der Bereitung des braunen Leberthrans gewidmete Baulichkeiten und, zum Teil auf Pfählen in das Wasser hinausgebaut, die Lagerhäuser der Kaufleute.
Vardö ist der einzige befestigte Ort an der Nordküste Norwegens und trägt das Fort Vardöhus über dem Eingangsthor die Jahreszahl 1737. Im Innern desselben trafen wir ungeheure Schneemengen, an der einen Seite des von dem Kommandanten bewohnten Hauses reichten sie nicht nur bis über die Thüre, sondern waren sogar bis über die Fenster des ersten Stockwerkes hinaus aufgehäuft und wir mußten unseren Weg durch die Küche nehmen, wo wir den biederen Sohn des Mars damit beschäftigt fanden, ein Paar Schuhe für eines der Kinder anzufertigen. Die Familie war groß, strengste Sparsamkeit erschien unter allen Umständen geboten und es setzte den wackeren Kommandanten keineswegs in Verlegenheit, daß wir ihn bei der Handhabung von Pfriemen und Ahle angetroffen, vielmehr hieß er uns mit der größten Freundlichkeit willkommen.
Das Fort war mit 20 altmodischen Geschützen armiert und die Besatzung bestand aus 20 Mann – Seeleute ohne Zweifel, denn da der Sold nur gering ist, so müssen sechs der Soldaten für den Kommandanten, drei für den Lieutenant und zwei Mann für den Doktor auf den Fischfang gehen und wird die dabei gemachte Beute zwischen den Fischern und den betreffenden Offizieren geteilt. Diese Zustände lassen sicherlich nichts an Ursprünglichkeit zu wünschen übrig, zeigen aber deutlich, daß die Regierung keineswegs die Absicht hat, das Volk um des Militäretats willen allzu sehr zu belasten, auch die Kaserne ist sehr einfach und besitzt große Ähnlichkeit mit derjenigen der Kosaken auf der Insel Torneå.
An der entgegengesetzten Seite der den Eingang zum Varanger-Fjord bildenden Bucht erhebt sich Kap Njemetsky, der nördlichste Punkt des Gikker-Njarg – des letzten Njarg an dieser Küste, die Halbinsel oder richtiger gesagt Insel Kola ausgenommen, deren Küste eine der allertrostlosesten Regionen im Norden Europas bildet.
An der Küste entlang fahrend, gelangten wir zu dem 110 km entfernten Vadsö, der letzten Stadt auf norwegischem Gebiete. Sie zählt 1800 Einwohner und zerfällt in eine norwegische und eine finnländische Hälfte, auch einige wenige Lappen haben hier ihren Wohnsitz; ein Gerichtshof befindet sich hier und der Richter ist der höchste Würdenträger des Ortes. Wie in allen übrigen Fischereistationen erheben sich allenthalben Gerüste zum Trocknen der Fische und mehrere Gebäude finden lediglich für die Herstellung von Leberthran, sowie Dünger aus Fischköpfen und Gräten Verwendung. Besonders zahlreich sind die Walfische auf dieser Strecke der Küste, und wird ihr Fang in ganz eigenartiger Weise bewerkstelligt – man feuert nämlich von einem kleinen Dampfer aus, vermittelst eines Geschützes, eine Harpune ab, an welcher ein Explosionsgeschoß befestigt ist, und werden die mit demselben erlegten Tiere dann nach dem Hafen geschleppt. Für die großen norwegischen Küstendampfer ist Vadsö die letzte Station, ein kleineres Dampfboot aber fährt allwöchentlich von einem Fjord zum anderen. Auch die Telegraphenleitung reicht bis Vadsö und Tag für Tag befördert der elektrische Draht die Nachricht von den Ereignissen draußen in der Welt bis in diesen entfernten Erdenwinkel; für das ganze Landesgebiet besteht eine gleichmäßige Taxe und kostet ein Telegramm vom höchsten Norden nach dem südlichsten Punkte Norwegens nur 1 Krone (1, 14 M). Der gleiche Tarif ist auch in Schweden eingeführt und obschon die Entfernungen so groß sind, so verliert die Regierung doch keineswegs bei diesem Unternehmen, was wohl am besten daraus hervorgeht, daß sobald die Einnahmen dies irgendwie gestatten, die Preise noch weiter herabgesetzt werden sollen.
Die Schulen sind sehr gut und wird in denselben Griechisch, Lateinisch, Hebräisch, Französisch, Deutsch und Englisch gelehrt, wie denn überhaupt die Lehrer in diesem Bezirke nicht nur der norwegischen, sondern auch der lappischen, sowie der finnländischen Sprache mächtig sein müssen.
Groß ist die Vorliebe für Musik und in vielen der behaglichen Kaufmannshäuser trifft man Klaviere, Violinen und Konzertinas, welche bei den geselligen Zusammenkünften eine hervorragende Rolle spielen, denn Gastfreiheit gilt auch hier als oberstes Gesetz und in gar mancher der gemütlichen Heimstätten habe ich angenehme Stunden verlebt.
Eine ganz merkwürdige Erscheinung tritt häufig bei den Bewohnern dieser einsamen Gegenden hervor: eine hochgradige religiöse Erregtheit bemächtigt sich der Gemüter und oftmals nehmen unter diesen Umständen die Dinge eine so ernste Wendung an, daß nur die Furcht vor der unausbleiblichen Strafe die Betreffenden von gewaltsamen Ausschreitungen zurückzuhalten vermag.
Große Aufregung bringt stets das Einfangen des Köders, des Mallotus arcticus, in den Fischeransiedlungen hervor und ist namentlich die Jugend beständig auf dem Ausguck nach jenen kleinen Fischen, welche, wenn sie von dem Kabeljau verfolgt werden, dicht ans Ufer herankommen. Während meines Aufenthaltes in Vadsö wurden ungeheure Mengen gefangen, zur großen Freude der Fischer, welche schon die ganze Zeit über mit Ungeduld auf ihr Erscheinen gewartet hatten.
Die Auswanderung von Finnland nach Norwegen nimmt immer größere Verhältnisse an, mit jedem Jahr lassen sich aufs neue Ansiedler an der Küste nieder. Auch nach Amerika ziehen viele und kommen die Leute gewöhnlich im Laufe des Winters auf ihren Schlitten aus Finnland, um im Frühling von Vadsö aus mit dem Dampfer über Drontheim, Bergen oder Christiania die Fahrt nach den Vereinigten Staaten fortzusetzen.
Wahrhaft wunderbar war die rasche Zunahme der Tage: in diesen Regionen steht die Sonne bis zu Ende Januar unter dem Horizont und nun am 25. April war ich imstande, bei hellem Wetter zur Mitternachtsstunde an dem Fenster meines Zimmers die Zeitung zu lesen.
Der Varanger-Fjord ist der letzte unter den vielen malerischen Meeresarmen, welche in das norwegische Gebiet hineinreichen und außerdem der einzige an der Küste Finnmarkens, welcher sich sowohl nach Osten wie nach Westen wendet. Zwischen 69° 30' und 69° 50' gelegen, ist seine Nordseite fast gänzlich von aller Vegetation entblößt, sogar Buschwerk kommt nur spärlich fort, wogegen an der unter dem Namen Sydvaranger bekannten Südseite – auch Raftesiden (Holzseite) genannt – die Bäume eine ziemlich bedeutende Stärke erreichen. Zu gar vielen Gebäuden in Vadsö hat man das Material diesen Wäldern entnommen, und wenn auch dichter bei der See die großen Stämme nunmehr eine Seltenheit geworden sind, so reihen sich doch an den inneren Enden des Fjordes schöne Fichten- und Föhrenwälder in ununterbrochener Folge an einander, die Bäume erreichen eine stattliche Höhe und an dem Kjö-, dem Bugö- und Neiden-Fjord, den südlichen Armen des Varanger, kommen Birken vor, Heidekraut überzieht die Felsen mit schwellendem Teppich und üppige Grasflächen dehnen sich zwischen denselben.
Der Pasvik, Europas nördlichster Fluß.
Drei bedeutende Flüsse, der Jakobsfluß, der Neiden- und der Pasvik – alle reich an Lachsen – vereinen ihre Wasser mit denjenigen des Fjordes. Den aus dem Enare-See kommenden Pasvik säumen zu beiden Seiten Hügel bis zum Gipfel mit prächtigen Wäldern bedeckt und sollen diese Wälder ein Gebiet von etwa 400 km2 einnehmen, auch, mit Ausnahme der Strecke dicht am Wasser, von der Axt fast unberührt sein. Viele der Bäume sind groß genug für Bauholz und man kann nicht umhin, darüber zu staunen, daß unter so hohen Breitegraden – 69° bis 70° – Bäume gedeihen, welche mit denjenigen südlicherer Gegenden den Vergleich wohl auszuhalten vermögen. Birken, Erlen und Espen sind in großen Mengen vertreten und erlangen die letzteren oftmals einen Umfang von 1 m; zu bedauern ist nur, daß auf einzelnen Strecken wiederholte Feuersbrünste schlimme Verheerungen angerichtet haben.
Die Küstenstriche westlich vom Nordkap können sich, obgleich das Klima dort weit milder ist, denn an der Ostseite, keines solchen Reichtums an Wäldern rühmen, wahrscheinlich wurden dieselben in früheren Zeiten auf eine oder die andere Weise vernichtet. Die Temperatur des Wassers ist geringer und die aus Osten wehenden Winde sind schärfer, aber trotz der Unfruchtbarkeit des Bodens ist doch im Laufe der letzten Jahre die Einwohnerzahl in diesem äußersten Nordosten Norwegens in stetem Steigen begriffen gewesen, wozu lediglich die Fischerei, sowie die bequeme Verbindung, Veranlassung gegeben. Zwei neue Pfarreien sind in Sydvaranger entstanden und die Bevölkerung, welche sich früher auf kaum 100 Köpfe belief, hat sich, der letzten 1865 vorgenommenen Zählung zufolge, auf 1171 Seelen vermehrt, unter welchen 194 Norweger, 68 Wanderlappen, 339 Ackerbaulappen, 539 Bauern, vorzugsweise Quänen (Finnen), und 31 Mischlinge. Zwei Kirchen sind in diesem fernen Norden erbaut worden, ein Doktor und ein Länsman mußten ernannt werden, auch die Einrichtung von Schulen wurde nicht vergessen.
Hier habe ich die größte Art von Renntieren getroffen; wie man mir sagte, kommen sie aus dem Lande der Samojeden, wo sie eine bedeutendere Größe erreichen als diejenigen Schwedens oder Norwegens.
Einen überaus großen Reichtum an Fischen besitzt die Küste von Russisch Lappland und viele Ansiedlungen befinden sich daselbst, welche tausende von Booten beim Fischfang beschäftigen. Aber auch die Norweger bringen von dort oftmals reiche Beute heim, obgleich sie bei ausbrechendem Sturme Gefahr laufen, da man ihnen die Landung nicht gestattet, nicht nur ihr Eigentum, sondern auch ihr Leben einzubüßen.
Pasvik, der letzte Hafen- und Fischerort an der norwegischen Küste, leitet seinen Namen von dem lappischen Worte basse (heilig) ab und hatten vermutlich die Pasvik-Lappen in früheren Zeiten hier eine Opferstätte. Der nahezu runde, von Felsen rings umschlossene Hafen ist ausgezeichnet und wenn auch die Einfahrt nur schmal ist, so kann man doch bei allen Winden in denselben gelangen.
Der Pasvikfluß bildet die Grenze Norwegens an dessen östlichstem Ende und ergießt sich mit dem Jakobsfluß, Vadsö gegenüber, in die See. Wer diese nordischen Regionen kennt, weiß auch, daß auf eine gewisse Entfernung nach Osten hin diese Küste das ganze Jahr hindurch offen bleibt, und so kann ich in Bezug aus die eisstarrende Küste Rußlands eine Bemerkung nicht unterdrücken. Der russische Staat hat es vollständig in der Hand, sich einen eigenen Hafen zu schaffen, denn der Kola-Fjord friert nicht zu und auf eine beträchtliche Entfernung bleibt die Küste gleich der norwegischen eisfrei, ebenso sind die Ufer der Seen und Flüsse von Wäldern umsäumt – Thatsachen, welche deutlich erkennen lassen, daß für die Russen keineswegs die Notwendigkeit vorliegt, den nördlichen Teil Norwegens in ihren Besitz bringen zu müssen, um einen das ganze Jahr hindurch offenen Hafen ihr eigen zu nennen.
Etwa 50 km von Vadsö entfernt liegt am inneren Ende des Varanger, an einen Hügel geschmiegt, das aus mehreren zerstreuten Gehöften bestehende Dorf Nyborg. Die Bewohner sind Fischerlappen, auch weiterhin gewahrt man an den Ufern einige wenige Fischeransiedlungen, einige Lappen-Gammen und die Kirche von Naeßeby. Verschiedene Boote, je von zwei Frauen gerudert, legten an unserem Dampfer an, zahlreiche Boote aber gewahrten wir auch auf dem Fjord, in welchen nur je eine Frau sich selbständig vorwärts bewegte.
Am 25. April hatte ich das innere Ende des Varanger-Fjordes erreicht, auf eine Strecke von etwa 5 km war die See mit einer Eisdecke überzogen, unser Dampfer mußte an derselben anlegen und mit Hilfe von Schlitten wurden die Passagiere, wie auch die Post und die Frachtstücke, ans Land befördert.
Dicht beim Ufer erhob sich ein nettes weißes Haus, das Heim des Länsman Brun und seiner, aus der liebenswürdigen Gattin und zwei hübschen erwachsenen Töchtern, bestehenden Familie. Sie lebten hier vollständig auf sich allein angewiesen und nur die wöchentlich oder halbmonatlich mit der Post eintreffenden Bücher und Zeitungen halfen ihnen die Zeit verkürzen, auch ein Klavier war natürlich vorhanden, und es waren angenehme Tage, welche ich in dem reizenden Kreise verbrachte. Meine Ankunft war nämlich zu spät erfolgt, die Lappländer hatten bereits alle ihren Abzug bewerkstelligt und ich mußte nun abwarten, bis mein freundlicher Wirt in der Nachbarschaft Erkundigungen eingezogen und eine Reisegelegenheit für mich ausfindig gemacht. Im Grunde genommen war mir die Verzögerung nicht gerade unangenehm, denn nach allen Beschwerden und Entbehrungen des Winters empfand ich den Verkehr mit diesen herzigen Menschen, wie auch die Vorzüge und Bequemlichkeiten eines civilisierten Daseins, mit einem Gefühl aufrichtigen Behagens.
Nahe bei Nyborg erhoben sich auf dem Kamme eines Hügels die Wohnstätten mehrerer Seelappen und ich konnte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, denselben einen Besuch abzustatten. Die aus Erde und Steinen erbaute Gamme, das Eigentum des Matis (Mathias) Johnsen Laiti, war ein langer, schmaler, niedriger Bau, dessen Holzgerüst Erde und Steine deckten und dessen Inneres in drei Räume zerfiel. Die Eingangsthüre führte in den zur Aufbewahrung der Winterkleider, des Holzes und des Seetanges dienenden Mittelraum, während die zur Linken befindliche, etwa 4 m lange und 3½ m breite Stube den Aufenthaltsort der Familie bildete, weshalb auch der Boden hier mit flachen Steinplatten belegt war. In der einen Ecke befand sich eine Lagerstätte aus kleinen Birkenzweigen, welche mit Hilfe von Holzklötzen zusammengehalten wurden, und am Fußende derselben hatte eine Kuh mit einem Kalb ihren Stand. In der Ecke gegenüber machte es sich eine andere Kuh bequem und außerdem teilten noch drei Schafe den Wohnraum der aus dem Ehepaar und zwei kleinen Kindern bestehenden Familie. Der Hausherr selbst war abwesend, die mit einem langen wollenen Hemde, wollenen Beinkleidern, Lappenschuhen und einer jener sonderbaren viereckigen Mützen bekleidete Frau aber saß bei unserer Ankunft auf dem Bette, von welchem sie sich jedoch sofort erhob, um uns auf das freundlichste willkommen zu heißen. Einige Kisten, verschiedene Kessel, ein Kaffeetopf, und eine Lampe, darin bestand, außer dem Lager, die ganze Ausstattung des lappischen Wohngemaches, indes herrschte, so eng und niedrig der Raum auch war, doch überall eine wahrhaft peinliche Sauberkeit, wie denn auch ein Rinnstein zur Aufnahme des Kuhmistes vorhanden war. Unter der zum Abzug des Rauches angebrachten Öffnung im Dach hing zwischen vier Stangen über einem lustig flackernden Feuer ein mächtiger Kessel voll Seetang, mit Birkenrinde vermischt, dieses Gemengsel war für die Kühe bestimmt; ich kostete von demselben und war nicht wenig erstaunt, es so gar nicht salzig zu finden. Überhaupt haben sich die wiederkäuenden Geschöpfe in diesem Teile der Welt an eine absonderliche Ernährungsweise gewöhnen müssen: Pferdedung, rohe Fische, getrocknete und gekochte Fischköpfe, Seetang mit Gras vermischt, und gekochte Flechten bilden den Speisezettel der armen Vierfüßler, welche obendrein im Wachstum zurückbleibend nur eine Höhe von etwa 1 m erreichen.
Eine aus Erde und Sternen erbaute Gamme.
Diese Gammen halten oft 10 oder 12 Jahre, erfordern aber häufige Ausbesserung, müssen auch oftmals frisch mit Erdstücken gedeckt werden.
Nicht weit von Matis Gamme lag das kleine Gehöfte Mikel Iversens, eines für die hiesige Gegend recht vermögenden Mannes. Das Wohnhaus war gleichfalls lang und schmal, dabei zur einen Hälfte aus Baumstämmen, zur anderen aus Erdstücken erbaut. Der aus Holz errichtete Teil hatte eine Balkendecke, über welche eine Lage Birkenrinde sich breitete; das Vieh, zwei Ochsen, zwei Kühe und acht Schafe, hatte einen besonderen Stall. Der Mann war bei meiner Ankunft nicht zu Hause, sondern holte gerade Seetang, kam aber bald darauf mit dem von zwei elend und zwerghaft aussehenden Ochsen gezogenen Karren zurück.
Nahebei lag auch das Gehöfte von Ole Persen Maja, dessen ganz aus Baumstämmen erbautes Wohnhaus mich an die Blockhäuser erinnerte, wie sie in den verschiedenen Gegenden Schwedens und Norwegens vorkommen, es erhob auch in seiner inneren Einrichtung Anspruch auf Bequemlichkeit: zwei Betten, ein eiserner Ofen, eine Uhr und drei Stühle bildeten die Ausstattung und dabei glänzte alles von Sauberkeit. Die Frau trug das übliche Gewand aus Vadmal und dazu eine fest anschließende Mütze, welche ihr eine täuschende Ähnlichkeit mit einem Manne verlieh. Maja galt für sehr reich unter seinen Nachbarn, besaß er doch ein Pferd und einen besonderen Stall für dasselbe, während die vier Kühe und die Schafe in einem anderen Gebäude untergebracht waren.
Es war unmöglich, Lappen sowohl als Renntiere zu beschaffen, deshalb entschloß sich der Länsman, mich selbst ein Stück Weges zu begleiten, um sonstwo Reisegesellschaft für mich aufzutreiben, mich so in liebenswürdigster Weise aus meiner ungewissen Lage befreiend.