Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Zweiunddreißigstes Kapitel. Der Süden von Norwegen.
Schöne Gehöfte. – Norwegische Städte. – Saetersdal. – Tracht im Saetersdal.
Nach Süden zu bildet Norwegen ein kühnes Vorgebirge, welches, an seinem breitesten Teile etwa 320 km und 200 km in der Länge messend, bei Lindesnaes unter 57º 59' nördl. Br. sein Ende erreicht. Im Westen wird dies ausgedehnte Gebiet von der Nordsee, nach Süden und Osten hin vom Skager-Rack begrenzt, von welchem sich auch der Christiania-Fjord abzweigt. Die Fjorde an diesem Teil des Landes besitzen nicht die Großartigkeit der weiter nördlich gelegenen, vielmehr finden sich hier in Lister, Dalarne und Jaederen die einzigen flachen Landstriche an Norwegens Küste.
Bei Lister erheben sich drei Leuchttürme dicht neben einander, deren Stellung derart ist, daß, wenn man sie einzeln sichtet, dies als ein Zeichen von Gefahr gilt, und an der Küste hin führt eine 800 km lange Landstraße von Christiania nach dem einige Kilometer nordwärts von Stavanger gelegenen Kap Tungnaes, am Bukne-Fjord, und zwar ist dies eine Fortsetzung der Landstraße, welche an der Küste von Schweden und Norwegen entlang, eine Strecke von etwa 3200 km, von Haparanda bis nach Christiania sich hinzieht.
Während diese Gegenden in ihren westlichen Teilen fast keine Bäume aufzuweisen haben, dehnen sich mehr östlich im Innern dieses Landteiles dichte Wälder und auf zahlreichen Flüssen schwimmen die ihnen entnommenen Stämme stromabwärts dem Meere zu, während in den Thälern sich einige von Norwegens fruchtbarsten Strichen bergen, auch besitzt die hier ansässige ländliche Bevölkerung nicht die geringste Ähnlichkeit mit den rauhen Bewohnern der Berge.
Unter den Thälern, welche das Vorgebirge, den südlichen Teil Norwegens, in der Richtung von Nord nach Süd durchschneiden, bieten mehrere ein ganz besonderes Interesse und gehört zu diesen vor allen anderen auch das von einem eigenartigen Menschenschlage bewohnte Saetersdal. Von der Stadt Christiansand, deren Bevölkerung sich auf etwa 12 000 Seelen beläuft, führt eine Fahrstraße 260 km weit bis über die Kirche von Valle hinaus und von hier aus zieht sich ein Reitpfad eine Strecke von 40 km weit bis zur Bykle-Kirche, von wo aus wieder andere Pfade bis nach der Thelemarken-Straße oder bis nach Stavanger hin ausgehen.
Tracht im Saetersdal.
Im Sommer läßt sich die Reise nach Saetersdal teilweise zu Wasser mit Hilfe der die Kile – und Bygland-Seen befahrenden Dampfer zurücklegen und an dem untern Ende dieses Sees findet der Tourist auch gutes Unterkommen, woran es, sobald das Saetersdal selbst einmal erreicht ist, vollkommen fehlt. Der Reisende, welcher seine Schritte nach dieser Gegend lenkt, muß auf mancherlei Entbehrungen und Unbequemlichkeiten vorbereitet sein; Kost wie Herbergen lassen gleich viel zu wünschen übrig, und blutgierige Quälgeister stören die Nachtruhe, denn die Bewohner des Saetersdal stehen in dem Rufe ganz besonderer Unsauberkeit. Im großen und ganzen fand ich sie indes nicht schlimmer als die Bewohner anderer Bergregionen; sie sind eben alle gleich in dem Mangel an Reinlichkeit, obgleich es hierbei wie in allen übrigen Dingen natürlich auch Ausnahmen giebt.
Frau aus Saetersdal.
Die Einwohner des Saetersdal sind ein ungemein großer, kräftiger Menschenschlag, – der größte in Norwegen oder wohl gar in ganz Skandinavien; wie sich denn in einem der Jahresberichte des Turistförening ein Vermerk findet, in welchem ein Herr, der die Männer beim Verlassen der Kirche von Osstad gemessen, die durchschnittliche Größe derselben auf 1,82 m angiebt. Dabei ist ihre Tracht sehr eigentümlich; die Beinkleider reichen ihnen bis zu den Achselhöhlen, während eine mit Silberzieraten reich besetzte Weste die Schultern deckt. Die Frauen tragen die kürzesten Röcke in ganz Norwegen, welche aus dunkelblauem Wollenstoff gefertigt, mit einem bunten Streifen am unteren Rand, an den Knieen endigen, so daß die Strumpfbänder aus buntem Wollenband gewöhnlich sichtbar werden. Die Mieder zeigen gleichfalls reichen Silberschmuck, große, eigentümlich geformte Spangen vermitteln den oberen Schluß, während häufig ein sehr schön gearbeiteter Gürtel aus Kupfer die Taille umgiebt.
Zur Nachtzeit halten die Leute oftmals eine Bekleidung für überflüssig und von jedem Gewandstücke entblößt, strecken sie sich zwischen ihren Schaffellen aus.
Hier wie in Thelemarken trifft man noch die alten mit Galerien versehenen Häuser; auch haben einige unter ihnen, anstatt eines Schornsteines, noch die einfache Öffnung im Dache zum Abzug des Rauches; ebenso findet man hier wie in Thelemarken jenen sonderbaren Bau, den Stabbur. In Osse giebt es deren zwei, und sind die Türpfosten reich mit Schnitzwerk verziert, über denselben aber, wie dies in alten Zeiten gebräuchlich, Kreuze angebracht zum Schutze gegen Hexen.
Die Bewohner des Saetersdal sind in vieler Beziehung den Norwegern sehr unähnlich; überaus streitsüchtig im Zustande der Trunkenheit, spielt das Messer bei ihnen eine große Rolle. Aber obschon mir keine andere Gegend in Norwegen bekannt ist, wo die Menschen dem Genuß geistiger Getränke in gleichem Maße ergeben wären, so habe ich trotzdem, so oft ich auch unter ihnen weilte, nur Freundlichkeit von ihnen erfahren, und gewiß sind auch viele von dem Vorwurf der Unmäßigkeit freizusprechen.
Eine der eigenartigsten Provinzen Norwegens ist Thelemarken, deren Bewohner, auffallend groß und wohlgebaut, ihrer Mehrzahl nach einen angenehmen intelligenten Ausdruck der Züge zeigen und einige Ähnlichkeit mit den Dalekarliern in Schweden besitzen.
Die Provinz zerfällt in Unter- und Ober-Thelemarken. In Unter-Thelemarken tragen die Männer – gleichwie im Saetersdal – bis fast zu den Achselhöhlen reichende Beinkleider von dunkler Farbe und ganz merkwürdigem Schnitt; dazu kommt eine kurze, sehr eigentümliche Weste und darüber eine noch eigentümlichere weiße Jacke mit silbernen Knöpfen; sehr absonderlich ist das Ganze, schön aber keineswegs. Die Röcke der Frauen aus dunklem, schwerem Vadmal schmückt am unteren Rand ein bunter Streifen, und die Taille umschließt ein niederes Mieder, von welchem ausgehend, Tragbänder sich über den Schultern kreuzen, während über demselben das hoch heraufreichende, langärmelige Hemd zum Vorschein kommt. Außer dem Hause vervollständigt gewöhnlich eine kurze lose Jacke den Anzug; in der Kirche aber sowie bei sonstigen festlichen Gelegenheiten tragen sie auch noch Handschuhe und Strümpfe mit bunten Blumen gestickt und auf dem Kopfe ein in Form eines Turbans gewundenes Seidentuch, dessen Enden tief in den Rücken herabfallen.
Das Innere eines Zimmers in Thelemarken.
Nach allen Richtungen hin zweigen Thäler sich ab; holperige, nach abgelegenen Orten und alten Gehöften führende Pfarreiwege bilden die alleinige Verbindung und bildet hierbei noch die überaus armselige Kost, welche man auf den Stationen erhält, eine besondere Schattenseite.
Trotzdem sind übrigens diese alten, aus längst vergangenen Zeiten stammenden Gehöfte eines Besuches wohl wert; hier trifft man noch in den Häusern eigenartig anheimelnde Gemächer und in denselben jene mächtigen Bettstellen, in deren geräumiges Innere man nur mit Hilfe eines hohen Trittes zu gelangen vermag. Auf dem Gesimse liegt die Bibel oder sonst ein frommes Buch; in den Schränken prangt, zierlich geordnet, altes Porzellan, Krüge u. s. w., während an den mit Inschriften, Bibelversen u. dergl. m. geschmückten Wänden sich uralte, aus einem einzigen Block gefertigte Sitze reihen. Die allercharakteristischste Eigentümlichkeit dieser Gehöfte aber ist der Stabbur, jenes merkwürdige Gebäude, in welchem man sowohl die Kleider wie auch die Lebensmittelvorräte aufzubewahren pflegt.
Die gebräuchlichste Route ist entweder zu Wasser oder mit der neuen Jarlsbergbahn nach Skien und von da vermittelst des Kanals nach Nordsjö, oder zu Land von Christiania über Drammen und Kongsberg. Von Westen her führt eine prachtvolle Landstraße, deren höchster Punkt sich 1070 m über dem Meeresspiegel befindet, von Odda am Hardanger nach Röldal, dann über den Haukelid hinab nach Siljord, indes eine andere Straße sich nach Süden hin abzweigt und an dem Bandaks-Vand hinzieht, an dessen Ufer, in überaus geschützter Lage, das Dörfchen Laurdal sich schmiegt. Hier gewahrt man, im Gegensatz zu den rauhen Landstrichen in Ober-Thelemarken, eine Fülle von großen Ulmen, Linden Espen, Eschen, Erlen und Ahornbäumen, auch liefern Apfel-, Kirschen- und Nußbäume – die letzteren kommen in Norwegen sonst nirgends vor – reichen Ertrag und dabei sind die auf den Feldern stehenden Bäume so gezogen, daß ihr Schatten dem Wachstum des Getreides in keiner Weise hinderlich wird.
Stabbur.
Der Bandaks-Vand, 60 m über dem Meeresspiegel gelegen, hat nebst den mit ihm zusammenhängenden Seen Hvitiseid und Flaavand, eine Länge von 50 km bei einer Breite von kaum 1 km; das Wasser zeigt eine tief olivengrüne Farbe, auch die Umgebung des Sees ist überaus düster, denn Fichten und Tannen umkleiden die Berghöhen bis zum äußersten Gipfel. Von hier aus kann man über eine Reihe anderer Seen bis zum Meere gelangen; nur die 20 km lange Strecke von Straengen nach Ulefos muß per Achse zurückgelegt werden.
Gelegentlich einer meiner Streifereien durch diese Provinz befand ich mich Mitte August in dem 150 m über dem Meere, am Ufer des Laagen gelegenen Kongsberg, welcher Ort 5000 Einwohner zählt und seiner Silberminen wegen berühmt ist, deren ergiebigste, die Kongen-Grube, bereits eine Tiefe von 550 m erreicht hat.
Von Kongsberg aus brachte mich eine rasche Fahrt nach dem 30 km entfernten und 520 m über dem Meeresspiegel sich erhebenden Plateau; finstere Wälder decken diese Höhe und durch eine enge Schlucht ging es wieder abwärts, bis plötzlich, vollkommen unerwartet, das Bolkesjö-Gehöfte vor mir auftauchte. 380 m über dem Meeresspiegel gelegen, kommt ihm kein anderes Gehöfte in Norwegen gleich, weder an malerischem Reiz, noch an köstlicher Eigenartigkeit der Landschaft ringsum, wie ein kleines Eden schmiegt es sich in den dunkeln Rahmen föhrenbestandener Hügel, deren düstere Farbe einen wirksamen Gegensatz bildet zu dem saftigen Grün der Wiesen und dem schimmernden Goldglanz der Felder. Seitwärts recken nackte Felsmassen sich empor, an deren Wänden weiße Schneeflächen leuchten, dort öffnet sich zwischen steilen Höhen ein enges Thal und zwei Seen, scheinbar übereinander hängend, werden sichtbar; der eine ist der seiner dreieckigen Form wegen merkwürdige, 305 m über dem Meeresspiegel befindliche Bolkesjö, während etwas weiter abwärts in einer Höhe von 210 m der Tolsjö liegt, ringsum aber rieseln und rauschen, das herrliche Landschaftsgemälde vervollständigend, Bäche und Flüßchen sonder Zahl an den Hügelseiten hernieder.
Der alte Ole Gulliksen Bolkesjö, der Besitzer des Gehöftes, gehört einer jener alten norwegischen Familien an, welche ihren Stammbaum weit in vergangene Jahrhunderte zurückführen, sein Vermögen beläuft sich auf wenigstens eine Million Mark; trotzdem aber arbeitet er als echter Bonde draußen auf den Feldern wie der geringste seiner Knechte.
Das Stue (Haus) ist in seinem Aussehen vollkommen dem Charakter der Umgebung angepaßt und stammt, wie eine Inschrift in dem Getäfel des unteren, für gewöhnlich benutzten Wohnzimmers besagt, aus dem Jahre 1778; über der Jahreszahl sind, gleichfalls in das Holz eingeschnitten die Worte: » Soli Deo Gloria« angebracht, überhaupt sind an den Wänden die Inschriften überaus zahlreich, in allen indes gelangt die religiöse Gesinnung der Erbauer in ansprechender Weise zum Ausdruck. An einer Stelle las ich die Worte: »Haus und Hof stammt von den Vorfahren; ein gutes Weib aber kommt von dem Herrn«, an einer anderen Seite stand: »Vertrau auf Gott«; das weitere vermochte ich nicht zu entziffern Ein Schrank in einer Ecke trägt unter den Buchstaben O. E. S. B. die Jahreszahl 1797; und die beiden Betten in den oberen Zimmern, welche gleich den Kojen einer Kajüte der Wand angefügt erscheinen, zeigen an der Innenseite einen blauen Anstrich, außen jedoch grellbunten Blumenschmuck.
Leider wird die Zahl dieser alten Bauten mit jedem Jahre kleiner, auch die aus den frühesten Zeiten stammenden Holzkirchen haben fast alle Neubauten Platz machen müssen. An einer derselben, in der nicht weit von Bolkesjö entfernten Pfarrei Tino, entdeckte man im Jahre 1822 eine Runeninschrift, aus welcher mit Bestimmtheit hervorging, daß die Einweihung der Kirche zwischen 1180 und 1190 stattgefunden. Das ehrwürdige Gebäude ist mittlerweile niedergerissen worden, das Stück Holz jedoch mit der Inschrift, welches aussieht, als ob es noch jahrhundertelang dem Zahn der Zeit Trotz zu bieten vermöge, hat man der Altertumssammlung der Universität Christiania einverleibt. Auch die im Jahre 1850 niedergerissene Kirche zu Naesland hatte eine ähnliche Inschrift aufzuweisen, derzufolge ihre Einweihung 1242 erfolgt sein mußte.
Etwa 30 km westwärts von Bolkesjö dehnen sich die Wasser des Tin-Sees, welchen zerklüftete Berge, bis zum äußersten Gipfel mit dichten Wäldern bedeckt, von allen Seiten umschließen. Gegen das nördliche Ende hin, an dem Punkte, wo der Vest-Fjord sich von dem See abzweigt, steigert sich die Schönheit der Scenerie, die Landschaft erinnert hier ungemein an diejenige des Hardanger, auch öffnet sich von diesem Fjord aus ein schönes, wenngleich enges Thal, das Vestfjorddal, an dessen Seite der Gaustad 1830 m hoch emporragt, während an seinem Ende der Rjukand-Foß, einer von Norwegens höchsten und schönsten Wasserfällen, in gewaltigem Sturz über vollkommen senkrecht abfallende Felswände, 240 m hoch herabrauscht. Der Rjukand-Foß wird von dem aus dem Mjös-Vand kommenden Maan-Fluß gebildet und, ungeheure Schaumwolken emporschleudernd, wälzt er seine gewaltigen Fluten in die Tiefe, um dann brüllend und tosend, von Klippe zu Klippe springend, durch die enge Felsschlucht sich hindurch zu zwängen.
Ausgezeichnet durch hohe Schönheit ist auch die Umgebung des Silgjord-Sees; vornehmlich bieten an seinem oberen Ende die prächtigen Thäler Morgedal, Flatdal und Grundingsdal stets neue überraschende Ausblicke nach der herrlichen Berglandschaft, nach Süden hin aber, da wo der Ausfluß des Sees sich nach Nordsjö zu wendet, dehnt sich das Bö-Thal, eines der fruchtbarsten Gebiete in Unter-Thelemarken. Stattliche Gehöfte schmiegen sich an die Ufer des Flusses oder krönen mit ihren zahlreichen Gebäuden die Höhen der Hügel ringsum.
Der Rjukand-Foß
Ober-Thelemarken ist reich an düsteren Landschaftsbildern – ein dunkler Rahmen für die schimmernden Seen, welche auf der Höhe der Berge, wie im Schoß tiefer Thäler sich dehnen und unter welchen der nur wenige Kilometer vom Rjukand-Foß entfernt, 860 m über dem Meeresspiegel gelegene, 45 km lange Mjös-Vand durch eigenartige Schönheit sich besonders auszeichnet. Voll ernster Großartigkeit ist die Gegend an seinem nördlichen Ende; nach Süden hin teilt er sich in zwei schmale Arme und bestehen die überaus unregelmäßigen Ufer auf weite Strecken hin aus Myr (Moor), welches, oftmals nur mit einer dünnen Erdschicht überzogen, dem ahnungslosen Wanderer Verderben bringt. In der Nähe der Aamotsdal-Kirche erreicht die Landstraße ihr Ende und ein holperiger Weg, für einen Karren indes noch passierbar, führt von hier aus nach dem unteren Ende des Sees.
In fast allen klaren Gewässern Norwegens trifft man die Forelle, nirgends jedoch in größerer Menge denn im Mjös-Vand und giebt es deren zwei Arten: Salmo eriox und Salmo alpinus. In einzelnen Seen, besonders in denjenigen von Ober-Thelemarken, erlangt die erstere Art eine bedeutende Größe; ich habe Fische von 3–6 kg Schwere gesehen und in einzelnen Fällen wogen sie gar 10 kg; im September und zu Anfang Oktober, wenn sie in die Flüsse kommen, um zu laichen, werden große Mengen in Netzen gefangen und für den Winterbedarf eingesalzen. Der Geschmack des Fisches, dessen Fleisch eine rosa Farbe zeigt, ist sehr angenehm; häufig kochen auch die Bauern den Rogen in Rahm – ein wirklich köstliches Gericht.
Der Fischfang wie auch die Jagd liefern reiche Beute, vorausgesetzt, daß man die richtigen Orte zu finden weiß. Zu Zeiten habe ich in den Bergen Herden wilder Renntiere getroffen, welche nach hunderten, nein nach tausenden zählten; manchmal wiederum vergingen Wochen, ehe ich ein einziges Tier erblickte; der Erfolg hängt eben vollständig von der Richtung des Windes ab, denn das Renntier geht stets gegen denselben und wechselt seinen Standort, sobald er sich dreht; nichts aber gewährte mir größeres Vergnügen, als mit meinem Remington-Gewehr, einer prächtig leichten Waffe, ausgerüstet, allein der Spur dieser scheuen Geschöpfe zu folgen.
Von dem Mjös-Vand führt ein Reitpfad nach dem 660 m über dem Meeresspiegel gelegenen Totak-See. Derselbe besitzt eine Länge von 30 km, dabei seine größte Breite an dem südöstlichen Ende, und mit keckem Arm reichen seine zahlreichen Buchten zwischen die dunkeln Berge hinein, von welchen viele die stolzen Häupter bis zu einer Höhe von über 900 m emporrecken, während die Flut dunkelgrün den Fuß der starren Felsen umspült.
Berge, dichter am Ufer gelegen, zählt acht verschiedene Gebäude. In dem Wohnhause befindet sich, links vom Eingang, ein etwa 6 m im Gevierte haltendes Zimmer mit dem üblichen offenen Herd in der einen Ecke, während die Ausstattung dieses durch drei kleine Fenster erhellten Raumes aus einem großen, rot angestrichenen Tisch, einer hölzernen Bank und verschiedenen je aus dem Stamme eines Baumes gefertigten Stühlen besteht; in zwei Ecken des Zimmers sind außerdem kojenartige Betten angebracht, deren Rahmen bis zu der Decke des etwa 3 m hohen Gemaches reichen, und so grell wie der Anstrich der Bettstellen ist auch derjenige der bis zur Decke reichenden Gesimse, welche zur Aufnahme von Schüsseln, Gläsern, Löffeln u. s. w. dienen. Blumen an den Fenstern verliehen dem Zimmer ein freundliches Ansehen; der Fußboden aber war sehr schmutzig, denn, wie dies allgemeiner Brauch, wird er nur jeden Sonnabend gescheuert, obgleich doch zahlreiche Personen mit schmutzigen Schuhen beständig aus- und eingehen.
Dem Wohnhause gegenüber liegt der Stabbur und auf einer steilen Leiter gelangte ich in das obere Stockwerk, dessen in sehr sonderbaren Angeln sich bewegende Thüre ein ungeheurer Schlüssel öffnete. Ich glaubte mich in die Zeiten des Mittelalters zurückversetzt, als ich diesen halbdämmerigen Raum betrat, in welchen das Tageslicht nur durch das phantastische Schnitzwerk der Galerie dringt. Alles zeigte hier ein ungewöhnliches Ansehen, mächtige alte Truhen, mit den Namen des Eigentümers oder der Eigentümerin bezeichnet, standen rings an den Wänden, und jede der drei Töchter von Rikard, dem Besitzer des Gehöftes, nannte eine solche Kiste ihr eigen, deren Inhalt: Kleidungsstücke und Schmucksachen dereinst einen Hauptbestandteil ihrer Mitgift zu bilden bestimmt war. Auf Querstangen hingen 14 Schaffelle, weiß wie Schnee, sowie Frauenkleider, kostbar mit Silber gestickt, auch Tischtücher mit reicher Verzierung an beiden Enden und ebenso buntfarbige Wollendecken fehlten keineswegs, außerdem war das von dem Ehepaar früher benutzte Bett gleichfalls noch vorhanden, wurde aber nicht mehr gebraucht, denn seit die Töchter herangewachsen, hatten alle ihre Zimmer in dem bereits geschilderten Wohnhause.
Der untere Raum des Stabbur diente zur Aufbewahrung aller nur möglichen Vorräte und enthielt an einer Seite große Kornkasten dicht neben einander stehend; ebenso waren hier die Vorräte an Hammelfleisch und Speck, die Säcke mit Mehl und die Körbe voll teilweise schon gekrempelter Wolle untergebracht.
Rikard und seine Gattin Sigrid zeichneten sich durch eine wahrhaft unbeschränkte Gastfreundschaft aus; Torbjör, Sigrid und Ingeborg, ihre Töchter, waren Muster von Fleiß und Wirtschaftlichkeit, und stets werden mir die angenehmen Tage unvergeßlich bleiben, welche ich in diesem traulichen Heim verbringen durfte.
Die Tracht ist in Ober-Thelemarken weniger absonderlich denn in dem anderen Teile der Provinz, die Männer tragen Jacke, Beinkleider und Weste aus schwarzem oder dunkelblauem Wollenstoff, die letztere mit silbernen Knöpfen besetzt; die Frauen gleichfalls dunkle Kleider aus Hausgespinst und dazu ein Tuch in eigener Art um den Kopf geschlungen.
Völlig unverändert hat sich hier unter der ländlichen Bevölkerung der althergebrachte Brauch der Frieri (Freierei) erhalten und zu verschiedenen Malen bot sich mir Gelegenheit, Zeuge zu sein der alten Sitte, welche mich nicht wenig ergötzte.
Sonnabends pflegen nämlich die Eltern, welche nicht durch beständiges Klopfen in ihrer Nachtruhe gestört werden wollen, einfach die Thüre unverschlossen zu lassen, denn wenn sie mit vielen Töchtern gesegnet sind, so können sie auch mit Sicherheit auf das Eintreffen zahlreicher Besucher rechnen; daß deren Ankunft jedoch erst erfolgt, nachdem die Alten sich zur Ruhe begeben, ist gewöhnlich stillschweigendes Übereinkommen. Die Entfernung, welche die Liebenden von einander trennt, ist häufig eine sehr beträchtliche; die Burschen müssen oftmals bei völliger Dunkelheit und bitterer Kälte viele Kilometer weit durch tiefen Schnee waten, die Eisdecke von Seen überschreiten oder auf gefährlichen, schmalen Bergpfaden dahinwandern, um zu dem Gegenstände ihrer Sehnsucht zu gelangen; keine dieser Beschwerden vermag sie indes von der Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten, und nur wenn das Toben des Sturmes und heftige Regengüsse die Wege vollkommen ungangbar machen, entschließen sie sich vielleicht zur Aufgabe desselben.
Einem Fremden erscheint die hier herrschende Harmlosigkeit des Verkehrs oftmals ganz unfaßbar, wie gar manchmal, wenn ich erschöpft und vollständig durchnäßt von der Jagd oder einem Ausfluge nach den Bergen zurückkehrte, mußte ich es mir gefallen lassen, von einem weiblichen Gliede der Familie wie ein Kind zu Bette gelegt zu werden. Mit der Ermahnung, ruhig zu schlafen und einem freundlichen »Gute Nacht« wurde ich dann erst allein gelassen, in der Frühe des nächsten Morgens aber brachte mir entweder Mutter oder Tochter eine Tasse Kaffee ans Bett.
Überaus großartig ist die Scenerie am oberen Ende des Totak-Sees, dort wo die Raudland-Fjelde sich bis zu einer Höhe von 860 m über die grünen Fluten desselben erheben, während sich das enge Songadal, welches ungeheure Felsblöcke an einer Stelle fast vollständig versperren, von hier aus in nordwestlicher Richtung dehnt. Auf dem Wege nach dem Songa-See wurde ich gerade an diesem Punkte plötzlich von einem furchtbaren Sturme überrascht, der Wind heulte und tobte, der Regen goß in Strömen herab und dabei war der Nebel so dicht, daß ich die Umrisse der Berge nicht länger zu erkennen vermochte und immer weiter vom rechten Pfade abirrte. Umsonst versuchte ich mich zurecht zu finden, es wollte mir nicht gelingen und so begrüßte ich bei einbrechender Dunkelheit mit nicht geringer Freude den Anblick eines Saeters; eine willkommene Überraschung war es dann noch, in den Bewohnern desselben alte Freunde zu erkennen.
Am folgenden Morgen hatte der Sturm ausgetobt und ich setzte meine Jagdstreiferei allein fort, als ich plötzlich lautes Stampfen vernahm und elf Pferde auf mich zukommen sah, welche mich, augenscheinlich überglücklich bei dem Anblick eines Menschen, mit den Zeichen lebhaftester Freude umdrängten; die Tiere gehörten zu den verschiedenen in den Bergen befindlichen Saetern und weideten, völlig sich selbst überlassen, während des Sommers hier in der Gegend.
Die Wanderung über das wellenförmige Plateau des Sauerflot nach Norden zu gewährte mir großes Vergnügen; der Boden war hart, streckenweise auch mit einem üppigen Flechtenteppich bedeckt, und selbst die sumpfigen Strecken hatten durch die Trockenheit des Sommers Festigkeit erlangt; groß war auch die Zahl der Steinblöcke, welche, je mehrere Meter hoch und in kurzen Entfernungen von einander aufgepflanzt, als Wegweiser dienten.
Nicht weit vom Songa-Vand befindet sich in der Einsamkeit der Berge das Gehöfte Berunuten, woselbst mir eine überaus freundliche Aufnahme zuteil wurde, doch konnte leider meines Bleibens hier nicht lange sein, denn schon machte sich dann und wann der Frost in empfindlicher Weise bemerkbar, eine Mahnung, daß der Winter in diesen Regionen bereits mit Riesenschritten sich nahe.
In den engen, von hohen Bergen umschlossenen Thälern ist überdies zu dieser Jahreszeit, so lange der Boden noch schneefrei, die Dunkelheit abends so gewaltig, daß man oft kaum auf Armeslänge weit zu blicken vermag, und ich selbst war oftmals, wenn ich nur wenige Schritte von dem Hause mich entfernte, für eine ganze Weile außer stande, dasselbe wieder zu finden.
Auf dem Wege von Berunuten nach Grungedal gewahrte ich in tiefen Sümpfen mächtige Föhren, ohne Zweifel die Überreste großer Wälder.
Von Grungedal aus, einer armen Gegend mit nur wenigen Gehöften, steigt dann die Landstraße, am Rande zahlreicher Seen sich hinziehend, bis zu den Haukelid-Fjelds und an dem letzten dieser Seen, gleichzeitig auch dem am höchsten gelegenen unter ihnen – 915 m über dem Meeresspiegel –, dem Staa-Vand, endete vorläufig die im Werden begriffene Landstraße; die Jahreszeit forderte die Einstellung des Baues und die Arbeiter hatten sich bereits nach der Heimat zurückbegeben.
An dem Ufer des Staa-Vand erhebt sich auch der Haukelid-Saeter, eine neue, von der Regierung errichtete Zufluchtsstätte, und erreichte ich das schützende Obdach noch rechtzeitig vor Ausbruch eines furchtbaren Schneesturmes, welcher ununterbrochen die ganze Nacht und einen Teil des nächsten Vormittags hindurch dauerte. Es war am 30. September, gerade an demselben Tage hatte ich im vorhergehenden Jahre, an der nämlichen Stelle, ein ähnliches Unwetter erlebt und lebhaft erinnerte ich mich der entsetzlichen Schwierigkeiten, welche wir damals, bei Fortsetzung unseres Weges, zu überwinden gehabt: bis zur Brust sanken wir oft in die weichen Schneemassen und gar manche unsanfte Berührung mahnte uns an das Vorhandensein verborgener Felsen.
Rasch verflogen mir die Stunden meines unfreiwilligen Aufenthaltes in der Gesellschaft des wackeren Knut Björgussen, des Verwalters dieser einsamen Stätte, als dann aber das Wetter sich aufgeklärt, machte er mir den Vorschlag, dem am Bordal-See, 860 m über dem Meeresspiegel gelegenen Gehöfte Havredal einen Besuch abzustatten, und voll Freude erklärte ich mich mit diesem Plane einverstanden, war doch der Besitzer von Havredal, Ole Ormsen, mir ein lieber alter Freund. Alsbald traten wir die Wanderung an, ein tüchtiger Marsch in östlicher Richtung und das 6–8 km entfernte Ziel war erreicht. Anderen Tags wurde der Rückweg nach dem Haukelid-Saeter zeitig angetreten, denn von dort aus mußte ich meine Wanderung weiter fortsetzen. Gegen Abend war der 360 m über dem Meeresspiegel gelegene Röldal-See erreicht. Von hohen Bergen rings umschlossen, schmiegt er sich in einen tiefen Kessel, an seinem nördlichen Ufer erhebt sich die Kirche und groß ist die Zahl der Gehöfte ringsum.
Steil abfallend führt die Landstraße von Röldal aus über zerklüftete Berge durch Gebiete voll wilder Schönheit; noch mußte ein jäher Abhang überschritten werden, dann war Odda erreicht. Bei meiner Ankunft fand ich den inneren Teil des Hardanger-Fjords auf eine Strecke von 3–5 km mit einer festen Eisdecke überzogen, an deren Rande der Dampfer anlegen mußte – der Winter war da! –