Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:
Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:
Wie verwende ich eine EPUB-Datei?EPUB herunterladen
„Im Lande der Mitternachts-Sonne“ als E-Book für Ihren Reader.
Projekt Gutenberg unterstützen
Ihr Download startet.
Projekt Gutenberg lebt davon, dass Literatur frei zugänglich bleibt.
Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie, diese Bibliothek zu erhalten und weiter auszubauen.
Im Buch suchen
Erstes Kapitel. Im Lande der Mitternachtssonne.
Charakteristische Eigentümlichkeiten der skandinavischen Halbinsel.
Fern von uns, dem eisigen Norden zu, dehnt sich ein schönes, ein großartiges Land. Zwischen schneebedeckten, kühn emporragenden, prachtvollen Bergen ziehen tiefe, enge, dichtbewaldete Thäler sich hin; öde Hochflächen und kahle Bergabhänge wechseln mit wilden Schluchten; malerische, silberhelle Seen schmiegen sich an den Saum ungeheurer Birken-, Tannen- und Föhrenwälder, deren Einsamkeit den rastlos schweifenden Geist des Menschen zur Ruhe einladet; wunderbar schöne Fjorde – tief in das Land hineinreichende Meeresarme – umspülen mit klarer Flut den Fuß mächtiger Gletscher, wie man sie in solcher Ausdehnung nirgends sonst in Europa findet, in dieser Vereinigung ein Bild gewaltiger landschaftlicher Schönheit bietend. Zahllose Flüßchen, deren krystallklares Wasser im Schein der Sonne die verschiedensten Farben und Schattierungen zeigt, eilen, unzählige Fälle und Wirbel bildend, unter melodischem Rauschen und Plätschern, dem offenen Meere zu. In jähem Sturze wälzen Bäche und Flüsse ihre gewaltigen, schimmernden Wassermassen herab von den Höhen in die unten gähnenden Abgründe, ein Anblick, den man nicht müde wird immer und immer wieder anzustaunen. Wie eine blendende Vision wirkt derselbe zuerst auf den Beschauer, nur allmählich vermag er es, sich von der Wirklichkeit des wunderbaren Schauspiels zu überzeugen. Einen schroffen Gegensatz zu der erhabenen, Großartigkeit solcher Scenen bilden die öden, unfruchtbaren Landstrecken, deren weitausgedehnte Flächen häufig Felsblöcke, an einzelnen Stellen in großen Mengen über einander getürmt, bedecken, und ebenso die Sümpfe und Moore – alles so trostlos und über die Maßen traurig, daß der Fremde umsonst versucht, sich des Gefühls unsäglichster Verlassenheit zu erwehren. An der Meeresküste und den Seen dagegen, am Fuße der Berge und Hügel, an Flüssen und am Saum von Wäldern trifft man Landschaftsbilder von überraschender Schönheit, so voll Ruhe und Romantik, daß man sich nur schwer von ihnen trennt. Größere und kleinere Strecken bebauten Landes, fruchtbare Niederungen, Thäler von Wäldern und Felsen umschlossen, mit Gehöften und Bauernhütten, um welche blondhaarige Kinder fröhlich sich tummeln, bieten ein ansprechendes Gemälde behaglicher Zufriedenheit. Solcher Art sind die charakteristischen Eigentümlichkeiten der skandinavischen Halbinsel, deren Küste fast allenthalben den Stempel der Rauheit und Wildheit trägt. In Irrwegen ist die Natur bei weitem gewaltiger und großartiger denn in Schweden, wo einzelne Küstenstriche längs der Ostsee sogar einen Anblick von wirklich idyllischer Lieblichkeit gewähren.
In den nördlichen Teilen des Landes übergießt die Sonne von den letzten Tagen des Maimonates bis zu Ende Juli Berge, Thäler, Fjorde, Flüsse, Seen, Wälder und Felder, Städte, Dörfer, Flecken und Bauernhütten Tag und Nacht mit ihrem Lichte, und so nennt man wohl mit vollem Recht Schweden und Norwegen: »das Land der Mitternachtssonne«. Der Sommer ist nur kurz, er dauert gerade lange genug, um die wilden Blumen draußen in Wald und Feld wachsen, blühen und welken zu lassen, gönnt aber dem Landmann kaum die nötige Frist zum Einbringen seiner Ernte, welche obendrein Nachtfröste oftmals empfindlich schädigen. Wenige Wochen, nachdem die Mitternachtssonne aufgehört hat sichtbar zu sein, nehmen die Stunden, an welchen die Sonne scheint, an Zahl beträchtlich ab; Mitte August wird die Luft kühl, auch sind die Nächte bereits kalt, während die Sonne tagsüber noch Wärme verbreitet. Dann wird das Gras gelb, die Blätter verlieren ihre Farbe, welken und fallen ab; die Schwalben, wie auch die übrigen Zugvögel, richten ihren Flug dem Süden zu; wieder kommt die Dämmerung; die Sterne treten, einer nach dem anderen, hervor und glänzen hell am mattblauen Himmelszelt; Luna aber regiert von neuem als Königin der Nächte, erfreut und verklärt die langen, trüben Monate des skandinavischen Winters. Endlich naht die Zeit, da die Sonne völlig dem Auge entschwindet; der Himmel scheint in eine Flut von Licht und Glanz getaucht, Mond und Sterne erbleichen vor dem wunderbaren Scheine des Nordlichtes.
Skandinavien, wie oft habe ich auf deinen schneebedeckten Bergen, deinen Hügeln, in deinen Thälern geweilt, wie oft hat das Eis deiner Flüsse und Seen mich getragen! Wie so oft meinte ich, während der flüchtige Renner des Nordens mich in raschem Laufe vorwärts trug, eine Stimme zu vernehmen, die mir leise zuflüsterte: »Du hast viele Länder gesehen, die keinen Herbst und keinen Winter kennen, und wo die Blumen das ganze Jahr hindurch blühen, nimmermehr aber hat dein Auge so wunderbar herrliche Nächte geschaut, wie diese!« Und leise antwortet es in mir: »Niemals! niemals!«
Dies nahezu sechzehn Breitegrade umfassende Land wird fast ausschließlich von einer flachshaarigen, blauäugigen Menschenrasse bewohnt, die durch Tapferkeit, Einfachheit, Ehrlichkeit und Gutmütigkeit sich auszeichnet. Es sind die Nachkommen der normannischen Vikinger, jenes Volkes, welches allein im Zustand der Freiheit, unter selbstgegebenen Gesetzen, zu einer Zeit lebte, da ganz Europa Sklavenketten trug, und welches, wenn es seine felsenumgürtete, sturmgepeitschte Küste verließ, um Kriegs- und Eroberungszüge nach fernen Landen zu unternehmen, zu Land wie auch zur See als die Verkörperung von Kühnheit und Tapferkeit erschien. In den Gebieten, welche die Normannen durchzogen oder in denen sie sich festgesetzt, haben sie bis auf den heutigen Tag unvertilgbare Spuren ihrer Eigenart zurückgelassen; der Beimischung skandinavischen Blutes verdankt England die Freiheit, deren es sich rühmt, und die mannhaften Eigenschaften seines Volkes, dessen Wanderlust, Liebe zur See und Vorliebe für Eroberungen in fernen Ländern; dies Erbteil ist ein Kennzeichen seiner vorzugsweise anglo-skandinavischen, nicht der angelsächsischen Abstammung.
Von einem Ende bis zum andern werden wir nun dies Land durchstreifen, über treffliche Landstraßen und wilde Steige, zur Sommer- und zur Winterszeit, von einer Küste zur anderen schweifen und mitten unter seinen Bewohnern weilen.