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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 15

Elftes Kapitel. Auf dem Eise des Tanaelf.

Schneefall im Norden. – Der Tanafluß. – Umgeworfen. – Utsjoki. – Segelnaes. – Der Karasjoki. – Schlechte Quartiere. – Eine Begräbnisfeier.

Die Reise von dem Tana oder Varanger- Fjord nach dem bottnischen Meerbusen läßt sich im Winter in verhältnismäßig sehr bequemer Weise zurücklegen. Es giebt auf der ganzen Strecke keine steilen Berge zu übersteigen, vielmehr führt der Weg fast ausschließlich auf der Eisdecke des Tana dahin, welcher – nach dem Glommen Norwegens bedeutendster Fluß – seinen Lauf durch die Thalniederung nimmt und eigentlich nur als eine Fortsetzung des Fjordes zu betrachten ist. Die Entfernung von Karasjok beträgt etwa 230 km, von da nach Kautokeino 260 km, von Kautokeino nach Karesuando 100 km und von letzterem Orte auf der im Sommer bereits zurückgelegten Route weitere 320 km, alles in allem also etwas über 900 km.

Noch immer ist vielfach die Meinung verbreitet, daß je weiter nach Norden zu der Schneefall auch um so größer sein müsse. Diese Ansicht ist vollkommen irrig, Entdeckungsreisende, welche den Versuch gewagt, nach dem Pole vorzudringen, haben, je mehr sie sich demselben näherten, eine entsprechende Abnahme der Schneemassen beobachtet, und der berühmte Forscher Nordenskjöld, wie auch Dr. J. J. Hayes, stimmen darin überein, daß in jenen hohen Breitegraden der Schneefall in einem Jahre 40 cm, in dem anderen 60 cm betragen habe. Demzufolge sind die am meisten von Schnee heimgesuchten Gebiete Schwedens und Norwegens keineswegs die am meisten nach Norden zu gelegenen, im Gegenteil, der große Schneegürtel erstreckt sich, wie ich bereits früher bemerkte, zwischen 61° und 64° nördl. Br. und so überstieg auch am Varanger-Fjord die Tiefe des Schnees nirgends mehr denn 10 cm.

Von Nyborg nach dem am Tanafluß gelegenen Polmak beträgt die Entfernung ungefähr 30 km und zwar führt der Weg, nachdem man den Fjord verlassen, fast ununterbrochen durch Birkenwälder, in welchen man nur hier und da eine schöne Espe gewahrt; eine Fahrstraße war nicht vorhanden und so konnten wir nur sehr langsam vorwärts gelangen.

Die den Fluß zu beiden Seiten säumenden Alluvialterrassen ließen deutlich die Erhebung des Landes erkennen; von Zeit zu Zeit erblickten wir zwischen den Birken hindurch Gammen und Blockhäuser der Flußlappen und nach einer Fahrt von wenigen Stunden war mein Bestimmungsort am Zusammenfluß des Polmak mit dem Tana erreicht.

Oberhalb Polmak bildet der Tana für eine ziemliche Weile die Grenze zwischen Russisch-Finnland und Norwegen. Durch eine freundliche hügelige Landschaft, rings mit Birken- und weiterhin mit Tannen- und Föhrenwäldern bedeckt, schlängelt sich der Fluß dahin, und befinden sich die an seinen Ufern gelegenen Ansiedlungen ihrer Mehrzahl nach, wenn nicht ausschließlich, in dem Besitz von Flußlappen; gewöhnlich lagen die Gehöfte je zwei und zwei zusammen, in weiten Zwischenräumen wurden auch kleine Dörfchen sichtbar. Unser Weg führte andauernd auf der Eisdecke des Flusses weiter; in dem etwa 30 km von Polmak entfernten Sirma machten wir Halt und Leute wurden ausgeschickt nach den Bergen, um frische Renntiere zu beschaffen, denn die unserigen waren vollständig erschöpft. Gerade zu dieser Jahreszeit waren Renntiere zum Reisen sehr schlecht geeignet, sie standen im Begriffe sich zu haaren und ihre Geweihe abzuwerfen, waren dabei durch das mühselige Moosgraben während des Winters mager und entkräftet, konnten infolge dessen die Sonnenhitze nicht ertragen, und 10–12 km war die weiteste Entfernung, welche sie im Zeitraume einer Stunde in dem schmelzenden Schnee zurückzulegen vermochten.

Am folgenden Morgen langten die frischen Renntiere an, aber sie waren allem Anscheine nach nicht sonderlich gut abgerichtet und konnten nur mit vieler Mühe angeschirrt werden. Der junge Mann, welcher mir als Führer dienen sollte, schien selbst nicht allzu großes Vertrauen in den glücklichen Ausgang unserer Fahrt zu setzen und um uns gegen jeden Unfall zu schützen, wurden die drei Kerres an einander befestigt. Ich befand mich bereits in dem ersten Schlitten, den Zügel fest um die Hand geschlungen, rasch sprang auch mein Lappländer in sein Fuhrwerk, aber, ehe er noch Zeit gefunden Platz zu nehmen, stürmte das Tier in wildem Galopp davon. Richtig gewann der Renner des zweiten Schlittens einen Vorsprung vor dem meinen, dieser wollte sich nicht überholen lassen und strebte mit verdoppelter Eile vorwärts, und das Reservetier, welches man hinter meinem Schlitten festgebunden hatte, fühlte sich von edlem Eifer getrieben, gleichfalls an dem Wettkampfe teilzunehmen, und brachte es wirklich fertig nach vorne zu gelangen. In dieser heillosen Verwirrung wurden wir durch den Wald gezerrt, welcher uns von dem Flusse trennte; ohne Unterlaß gegen die Bäume stoßend, waren wir in beständiger Gefahr eines ernstlichen Unfalles und ich befreite vorsorglicherweise meine Hand von dem Zügel, um im Falle des Umwerfens nicht etwa über die Baumwurzeln und Felskanten geschleift zu werden. Je mehr wir uns dem Flusse näherten, um so mehr steigerte sich die Wildheit unserer Tiere, plötzlich rannte der Schlitten meines Führers gegen einen Baumstumpf und all seine Gewandtheit bewahrte ihn nicht vor dem Schicksal, gerade unmittelbar am Rande des Flusses umgeworfen zu werden. Er verwickelte sich mit dem Bein in den Zügel und die Kerre ging über ihn hinweg. Das zweite Tier machte eine scharfe Wendung nach links, der Gepäckschlitten stieß auf das erste Fuhrwerk, traf indes glücklicherweise nicht den Lappländer. Mit verdoppelter Schnelligkeit näherte sich meine Kerre den beiden anderen, als abermals das Reservetier hinter meinem Schlitten meinem Zugtiere den Vorsprung abzugewinnen suchte und dabei den Schlitten so gewaltsam herumschleuderte, daß derselbe mit seiner Breitseite gegen einen der anderen aufrannte, worauf wie mit einem Zauberschlage die Tiere plötzlich still standen.

Alles dies ging natürlich in viel kürzerer Zeit vor sich, als ich zum Erzählen bedarf, und war dies das einzige Mal während des Winters, daß das Umgeworfenwerden wirklich mit Gefahr verbunden gewesen. Mit Mühe und Not arbeitete sich mein Führer unter den Kerres hervor, er war in schlechtester Laune ob des Unfalles, hatte aber keinerlei Verletzung davongetragen. Übrigens war nun die allein gefährliche Strecke überstanden, denn einmal auf der Eisdecke des Flusses, wo uns kein Verderben durch die Bäume drohte, konnte es uns ja nur willkommen sein, wenn es den Tieren beliebte, die Schlitten mit der Schnelligkeit des Dampfes vorwärts zu befördern.

Nachdem wir uns von der wilden Fahrt erholt und das Zuggeschirr in Ordnung gebracht hatten, sprangen wir abermals in die Kerres. Einige Meilen hatten wir ohne weiteren Unfall zurückgelegt, als unsere Tiere Spuren von Müdigkeit zeigten, denn die Sonne brannte heiß und der Schnee begann zu schmelzen. In Utsjoki, einem an der Mündung des Flusses gleichen Namens in den Tana, in Russisch-Finnland gelegenen, regsamen Dorfe, machten wir deshalb Halt. Der Ort besitzt eine Kirche, ist auch Sitz eines Länsman, hier trafen wir auch finnische Bauern und die Zahl der zu dem Bezirke gehörenden Renntiere betrug zu dieser Zeit mehr denn 40 000 Stück.

Nachmittags trat Frost ein, und nachdem der Schnee genügend hart geworden, machten wir uns auf den Weg, hielten uns auch wie seither fast immer auf dem Eise des Flusses. Nur da, wo seine Krümmungen eine zu bedeutende Zeitverschwendung verursacht haben würden, kürzten wir die Fahrt auf dem Überlandwege und auf einer dieser Strecken hatten wir abermals einen Unfall zu verzeichnen. Wir kamen durch einen Birkenwald, als der eine der Schlitten, an einer Baumwurzel hängen bleibend, plötzlich festsaß; dabei riß der Zugriemen, das Renntier, seiner Fesseln ledig, rannte in vollem Galopp davon, und nun hieß es, den Durchgänger wieder einfangen. Mein Lappländer versuchte es mit dem Lasso, aber das Tier war auf seiner Hut und es dauerte eine ziemliche Weile, ehe es ihm endlich gelang, sich dem scheuen Geschöpf listig zu nähern und die Schlinge überzuwerfen. Endlich war auch das Geschäft des Anschirrens besorgt und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen, gleich darauf jedoch, als wir den steilen Uferrand hinabsausten, wurde ich bei einer unerwarteten Wendung mit solcher Gewalt aus dem Schlitten geschleudert, daß, ungeachtet der tiefen Schneemassen, meine blutrünstige Stirne nur allzu deutlich Zeugnis ablegte von der Heftigkeit des Sturzes.

Die größte Schwierigkeit bietet in diesen Gegenden die Beschaffung eines nur einigermaßen reinlichen Nachtquartiers, und das Unterkommen, mit welchem ein Reisender nach langem Suchen endlich vorlieb nehmen muß, ist stets weit davon entfernt, auch nur den allerbescheidensten Ansprüchen an Sauberkeit zu genügen. Zahlreich sind die Wohnungen von Flußlappen, in welchen der Schmutz jeder Beschreibung spottet, trotzdem wird man oftmals durch das Übermaß von Erschöpfung gezwungen, in diesen Höhlen Rast zu machen; sobald das Wetter, selbst im Winter, es nur irgendwie gestattet, ist der Aufenthalt im Freien freilich unbedingt vorzuziehen.

Es war Mitternacht, als wir ein einzelstehendes Haus erreichten und in demselben einen Mann, völlig nackt zwischen zwei von Schmutz starrenden schwarzen Schaffellen liegend, antrafen. Der Zustand des Hauses war derart, daß ich mich weigerte zu bleiben, obschon mein Lappe, der, an jeden Grad von Unsauberkeit gewöhnt, durch das Vorhandensein von Milliarden von Ungeziefer weiter nicht berührt ward, meinem Beschluß einigen Widerstand entgegensetzte. Trotz unserer Müdigkeit ging es weiter und endlich lag das etwa 100 km von Sirma entfernte Port vor uns; wir waren nunmehr, einschließlich unserer vierstündigen Rast in Utsjoki und einer Ruhestunde auf dem Fluß, 15 Stunden unterwegs gewesen. In Port versuchten wir es abermals, ein Unterkommen zu finden, wir erlebten indes nur eine Wiederholung des Anblicks, den wir vor kurzem erst gehabt. Das der Familie als Aufenthalt dienende Gelaß bot ein wahrhaft abschreckendes Bild von Schmutz und Verwahrlosung, die ekelhaften Betten enthielten modriges Heu, in einem derselben lagen drei Kinder, in einem anderen eine alte und eine junge Frau und in dem dritten das Ehepaar mit noch einem Kinde; alle waren völlig unbekleidet und nur in schmutzige Schaffelle eingewickelt. Es dauerte ziemlich lange, ehe der Mann endlich zu sich kam, erst nachdem ich ihn tüchtig geschüttelt, erwachte er aus seinem Schlummer; zog ein langes wollenes Hemd über und führte mich durch den Vorflur in ein anderes Zimmer, in dessen Ofen er sofort ein Feuer anzündete. Mir war es eine Erleichterung, die Bettstatt in der Ecke leer zu sehen, auch die Renntierfelle, welche der Mann aus einem Winkel hervorholte, hatten ein unverdächtiges Aussehen, auf alle Fälle, wenn sie jemals Ungeziefer enthalten hatten, mußte die Kälte sie längst von diesen Einwohnern befreit haben. Mein Führer bot mir freundlich an, sich neben mich zu legen, was ich jedoch ebenso freundlich ablehnte, ohne ihn durch meine Weigerung zu beleidigen; er hatte nur gemeint, es sei wärmer, wenn wir bei einander lägen.

Etwas oberhalb Utsjoki hatte ich schon in einem Birkenwalde an der rechten Seite des Flusses eine einsame Föhre wahrgenommen, ich erkannte daraus, daß das Gebiet derselben nicht mehr weit entfernt sein konnte, wirklich trafen wir bald darauf zwei Gehölze und nach einer Weile noch mehrere an dem linken Flußufer. Auch die Gehöfte wurden nun zahlreicher bis nach Segelnaes hin, dem letzten Flecken vor Karasjok.

Ein kurze Strecke oberhalb Segelnaes ergießt sich der Karasjoki in den Tana, wir fuhren auf diesem Flusse weiter, erreichten nach einer kleinen Weile das einige Kilometer weiter unter 69° 35' nördl. Br. gelegene Karasjok und befanden uns nur wenige Kilometer von dem Längegrad des Nordkap entfernt; die Strecke, welche wir vom Tana-Fjord oder von Nyborg bis hierher zurückgelegt hatten, betrug ungefähr 200 km.

Karasjok, ein echtes rechtes Lappendorf, zählt etwas über 100 Einwohner und bildet einen Hauptsammelplatz der Berglappen. Es befindet sich hier sowohl eine Kirche wie ein Pfarrhaus, der Geistliche pflegt aber nur während des Winters hier zu verweilen, auch die Schule ist für die Dauer von 6 Monaten geöffnet und ebenso hat ein Länsman hier seinen Sitz. Der Ort besteht aus etwa 20 Gehöften mit 20 Pferden, 60 Kühen, 12 Ochsen, 150 Schafen und einer beträchtlichen Menge von Renntieren; vom Süden aus gerechnet, trifft man Pferde nach Norden hin bis Karefuando, vom Norden nach Süden hin bis Karasjok, so daß also dazwischen eine Strecke von 100 km übrig bleibt, auf welcher man diesen treuen Gehilfen des Menschen nicht findet. Hier werden sie mit Heu gefüttert und vornehmlich zum Transport von Bauholz verwandt, während man zum Reisen ausschließlich Renntiere benutzt, und zwar beträgt die Taxe für die 208 km lange Strecke von Karasjok nach Bosekop beinahe 5 Kronen (5,80 M) für jedes Renntier. In Karasjok giebt es fast nur Blockhäuser, deren einzelne Stämme, sämtlich aus den nahen Wäldern geholt, bis zu 40 cm Durchmesser aufweisen, und leben die Einwohner nach Art der Flußlappen von den Erträgnissen der Milchwirtschaft, von dem Lachsfang und von dem, was sie aus ihren Renntierherden und den wenigen selbstgezüchteten Pferden lösen. Karasjok ist auch der einzige Ort in ganz Schwedisch- und Norwegisch-Lapplands woselbst der Verkauf geistiger Getränke gestattet ist, doch unterliegt dies insofern einer Beschränkung, als auf Grund einer sehr alten Konzession das Recht hierzu einzig und allein dem Kaufmann F. zusteht, in dessen Haus, obschon er selbst abwesend war, ich freundliche Unterkunft gefunden hatte.

Für die Lappen war der Frühling gekommen und demgemäß trugen alle ihre langen Gewänder aus Vadmal, meist blau von Farbe, manchmal auch weiß mit bunten Streifen besetzt, die Männer dazu viereckige mit Eiderdaunen gefütterte Mützen aus rotem oder blauem Flanell, die Frauen gleichfalls Mützen, welche jedoch durch ein im Innern angebrachtes Holzgestell eine sehr merkwürdige Form erhalten. Die Karasjok-Lappen zeichnen sich durch ihr schönes Äußere sehr vorteilhaft vor ihren übrigen Stammesbrüdern aus; sie sind unbedingt die größten unter ihnen, der Schulmeister z. B. maß sicherlich nicht weniger denn 1,80 m. Ebenso sind die Frauen stattliche Erscheinungen mit meist dunkeln Haaren und grauen oder hellgrünen Augen; auch schwarze Augen findet man zuweilen, sehr selten aber blaue Augen und blonde Haare. Viele der Karasjok-Lappen sind übrigens Mischlinge und zeigen die Merkmale der vorherrschenden Rasse.

Das umliegende Gebiet ist vielfach mit Gletscherkies bedeckt, die Flußbetten zeigen abwechselnd feinen Sand und groben Kies, auch Gold findet sich in diesen Gegenden, doch hat man bis jetzt noch nicht den Versuch gemacht, diese Entdeckung zu verwerten.

Sehr schön sind die an den Ufern des Tana und des Karasjok sich hinziehenden Föhrenwälder, einzelne der Bäume erreichen eine Stärke von 40–50 cm im Durchmesser. Sie erheben sich auf den Alluvialterrassen und verschwinden, je mehr das Land ansteigt, um erst wieder an dem jenseitigen Abhang nach Karesuando hin aufzutreten. Die Wälder sind Staatseigentum und darf ohne besondere Erlaubnis kein Baum gefällt werden; der Länsman wählt diejenigen aus, welche der Axt überliefert werden dürfen, und bezeichnet obendrein die Stelle, an welcher sie abzuhauen sind. Für jeden Stamm ist eine bestimmte Summe zu erlegen, und sogar das Brennholz wird eigens angewiesen. Diese strenge Handhabung der Forstverordnungen erscheint durch die Umstände geboten, denn die Bäume wachsen hier nicht nach, wie weiter nach dem Süden zu; ich bemerkte fast gar keine jungen Bäume, und obendrein bedürfen dieselben, unter günstigen Verhältnissen, immerhin eines Zeitraumes von 200–300 Jahren, bis sie vollständig ausgewachsen sind. Für das Gedeihen von Cerealien ist der Sommer zu kurz; der Winter aber dauert lang und ist so streng, daß das Thermometer manchmal bis zu 35° und 37° unter 0° fällt. Sehr bedeutend sind außerdem die Schwankungen, denen die Temperatur während der Frühlingsmonate unterworfen ist. Am 29. und 30. April stand in Sirma das Thermometer für die Dauer mehrerer Stunden auf 2° über 0°, um bis 10 Uhr abends auf 15° unter 0° zu fallen. Am 2. Mai ließ die Sonnenwärme einen vor dem Winde geschützten Thermometer bis zu 24° über 0° steigen, im Schatten aber zeigte das Glas nur 4° über 0° und fiel im Laufe der Nacht auf 11° unter 0°. So groß diese Schwankungen übrigens auch waren, so empfand ich deren Einwirkung doch kaum, denn es herrschte vollkommene Windstille und die Veränderungen traten nur allmählich ein.

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Berglappen von Karasjok.

Tagsüber brannte die Sonne zu heiß, das Reisen ließ sich deshalb nur zur Nachtzeit bewerkstelligen; um fünf Uhr nachmittags etwa fing der Schnee an zu frieren, die Renntiere vermochten wieder festen Fuß zu fassen und pfeilschnell flogen unsere Kerres dahin. In Karasjok war am 2. Mai die Dämmerung nicht so hell wie in dem weiter südlich gelegenen Vardö am 24. April; kurz nach 11 Uhr abends war es am dunkelsten, aber selbst dann noch war man ganz wohl imstande zu lesen. Jupiter und Venus waren bis ungefähr 1½ Uhr sichtbar, andere Sterne aber nicht zu erblicken.

Während meines Aufenthaltes in Karasjok passierte ein Leichenzug den Ort. In der ersten Kerre befand sich ein junger Lappländer, und der an das vordere Fuhrwerk befestigte überdeckte Schlitten enthielt den Sarg, welchem in einiger Entfernung ein junges Mädchen folgte. Es war die Leiche eines Mannes, der in dem ehrwürdigen Alter von 96 Jahren das Zeitliche gesegnet hatte, und von dem 60 km entfernten Gehöfte Gjusjavre hierher befördert worden war. Am folgenden Morgen gab ich dem Toten das Geleite nach dem nahe gelegenen Friedhofe, der ganze Zug bestand blos aus den beiden Leidtragenden und drei Männern mit Stricken und Sägen. In der Mitte des Gottesackers befand sich eine tiefe Grube, denn bei der Strenge des Winters friert in Lappland, wie auch in vielen Teilen des übrigen Skandinaviens, der Boden bis zu einer beträchtlichen Tiefe dermaßen, daß es unmöglich ist, ihn mit Spaten und Hacke zu bearbeiten; man ist deshalb gezwungen, im Herbst eine große Grube herzustellen, in welcher die Leichen während des Winters untergebracht werden, bis man sie dann im Frühling in den betreffenden Familiengräbern bestatten kann. Als wir ankamen, hatte man die Bretter, mit welchen die Grube sonst zum Schutz gegen Schnee bedeckt ist, bereits entfernt, und ich gewahrte auf dem Boden derselben vier Särge, d. h. bedeckte Kerres, von welchen man die äußeren Enden abgesägt hatte. Auch an der Kerres, welche wir hierher begleitet, wurden nun die Enden abgesägt, ehe wir sie hinabsenkten in die Tiefe; dann wurden die Bretter wieder übergedeckt, nicht aber, ohne daß wir vorher ein paar Hände voll Erde auf den Sarg geworfen und ein stilles Gebet gesprochen hatten.

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