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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 27

Dreiundzwanzigstes Kapitel. Norwegische Saeter.

Die Saeter. – Vorbereitungen zum Auszug nach den Bergen. – Leben der Saeter. – Suledal. – Über die Berge nach Röldal. – Der Valdal-Saeter. – Roter Schnee. – Djörne-Vand-Saeter.

Mitten in den Bergen, weit entfernt von Dörfern und Gehöften, an den Ufern einsamer Flüsse und Seen, liegen kleine aus Holzstämmen oder rohen, unbehauenen Steinen errichtete Häuschen – die Hütten der Saeter. Hierher wird während der Sommermonate das Vieh getrieben, denn gedeiht in solcher Höhe auch kein Getreide mehr, so dehnt sich zwischen den Felsen und Bergen doch üppiges Weideland, dessen würzige Kräuter der Milch einen besonderen Wohlgeschmack verleihen. Viele dieser Saeter sind sehr schwer zugänglich; hohe Berge und Schneefelder müssen überschritten, Bäche und Flüsse von den Herden und ihren Hirten durchwatet werden und es ist ein sehr einsames Leben, welches die Saeter und Saeterinnen dort oben in der Bergwildnis führen, denn nur ein- oder zweimal im Laufe des Sommers steigt der Bauer selbst zu der Höhe hinauf, um nach dem Rechten zu sehen, frische Vorräte zu bringen und den Ertrag der Milchwirtschaft zu Thal zu schaffen. Den ganzen langen Tag, bei Regen und bei Sonnenschein müssen die Saeter, Männer sowohl wie Mädchen, den Herden nach den oft weit abgelegenen Weideplätzen folgen, um erst abends, hungrig und erschöpft vom beschwerlichen Marsche, häufig auch vollkommen durchnäßt, nach der Hütte zurückzukehren. Um die Wichtigkeit ihres Amtes in ihrem ganzen Umfang zu erkennen, muß man bedenken, daß aus dem Ergebnis dessen, was dem Bauer nach Abzug des für den eigenen Hausstand nötigen Butter- und Käsevorrats zum Verkauf übrig bleibt, die Anschaffung fast sämtlicher Lebensmittel bestritten werden muß, dabei haben sie es jedoch bei aller Mühe und Sorgsamkeit keineswegs in der Hand, den Stand der Dinge ihren Wünschen entsprechend zu gestalten, denn abgesehen von sonstigen Zwischenfällen übt besonders die Witterung einen bedeutenden Einfluß auf den Ertrag der Milchkammer; ist das Wetter kalt und naß, so wird weniger Milch und infolge dessen auch eine geringere Menge von Butter und Käse erzielt.

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Auszug nach dem Saeter.

In einzelnen Berggegenden sind die Weideplätze, somit auch die Saeter sehr zahlreich; in anderen wieder giebt es deren nur wenige und weit aus einander liegend. Fast jeder Bauer besitzt einen solchen; einzelne, welche mehr Weideland ihr eigen nennen, als sie selbst bedürfen, verpachten dasselbe in kleineren Parzellen an die weniger mit Glücksgütern gesegneten Nachbarn, aber gleichviel, ob die Eigentümer arm oder reich, so darf man in diesen niederen Saeterhütten stets eines freundlichen Willkomms gewiß sein.

In den meisten Gegenden erfolgt der Auszug nach den Saetern gegen Ende des Juni; bei einigen etwas früher, bei anderen etwas später, je nach der Entfernung und nach der Natur der zu übersteigenden Höhen sich richtend – und findet die Rückkehr in der zweiten Hälfte des September, wenn hohe Berge zu passieren sind, auch schon zu Anfang dieses Monates statt.

Während jener ganzen Zeit bleiben zwei junge Mädchen, vielleicht der Stolz und die Freude ihrer Familie oder des heimatlichen Dorfes, mutterseelenallein in dieser Bergeinsamkeit und fühlen sich im vollen Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit der Bönder hier so sicher wie unter dem väterlichen Dache; niemand würde es wagen, sie durch Zudringlichkeit zu belästigen.

Einige Tage ehe der Auszug nach dem Saeter vor sich geht, herrscht reges Leben in dem Gehöfte: Milcheimer, Butterfässer, hölzerne Gefäße, der große, eiserne Topf, die Käseform, einige Teller und Tassen eine Pfanne und vor allem der Kaffeekessel werden eingepackt; Salz für das Vieh, Mehl, um mit demselben die zum Füttern der Kälber bestimmte abgerahmte Milch zu verdicken, Brot, ein Stück Speck als Leckerbissen für das sonntägliche Mahl, Kaffee, Zucker und Decken für die Betten dürfen nicht vergessen werden. Außerdem führen die Mädchen noch ihre Gebetbücher, sowie einen tüchtigen Vorrat Wolle mit sich, um in ihren Mußestunden Strümpfe, Pulswärmer und Handschuhe anzufertigen, ebenso auch Stücke Zeug zum Sticken. Das alte Pferd, welches diese ganze Ausrüstung schleppen muß, läßt man, auf der Höhe angelangt, oftmals für mehrere Wochen frei in den Bergen werden, man bedarf seiner Dienste auf dem Gehöfte zu jener Zeit nicht, denn die Arbeit des Pflügens muß dann schon längst gethan sein und das zu seinem Unterhalt nötige Heu wird stets von einem Jahr zum anderen sorgfältig aufbewahrt.

Am Morgen des Auszuges wird gewöhnlich den Kindern der Auftrag zuteil, Sorge dafür zu tragen, daß die Kühe, Schafe, Ziegen, sowie die wenigen Schweine sich nicht verlaufen. Ist das Gehöfte klein und der Bauer arm, so geht häufig die ganze Familie bis zur Erntezeit nach dem Saeter; auf alle Fälle aber bereitet die Hausfrau vor dem Aufbruch ein besonders reichliches Mahl für die Burschen oder diejenigen Familienmitglieder, welche die Saeterinnen – entweder die Töchter des Hauses oder, in Ermangelung derselben, eigens zu diesem Zweck gedungene Dirnen – nach dem Saeter zu begleiten bestimmt sind. Der schrille Ton langer Hörner lockt die Tiere vorwärts, auch reicht man ihnen zuweilen Salz, eine Leckerei, welche sie sehr lieben, den Kindern aber bleibt auch unterwegs das Amt, die Herde zusammen zu halten.

Den ganzen Sommer über ist, außer auf den Poststationen, süße Milch nirgends zu bekommen; die meisten Dörfer sind wie ausgestorben und zu einer Beobachtung des häuslichen Lebens bietet sich keinerlei Gelegenheit. Aus diesem Grunde vermied ich auch während der Sommermonate die von dem Schwarm schaulustiger Touristen bevölkerten Heerstraßen und wandte mich den Bergen zu; in jedem Jahre wählte ich mir ein anderes Ziel, stets aber lebte ich nur in den Saeterhütten und zu diesen, hoch zwischen den Wolken liegenden, einfachen Heimstätten möge der freundliche Leser mich jetzt begleiten.

Zu Anfang Juli verließ ich die alte Stadt Stavanger. Die Fahrt auf dem Fjord bot hohes Interesse, denn in einer Höhe von 45–55 m traten an den Felsenwänden bei Stensö Spuren früherer Meereshöhe hervor, während in dem engen Thal bei Aardal vier Terrassen, eine über der andern, deutlich sichtbar sind.

Nach etwa zwölfstündiger Fahrt war das Ende des Sands-Fjord, eines Armes des Stavanger, erreicht und weiter ging es dem malerischen Suledal zu, welches besonders dem Altertumsforscher viel des Interessanten bietet, denn zahlreiche Grabstätten aus der Heidenzeit, einige rund und von Steinen umschlossen, andere viereckig befinden sich hier. Von Suledal aus nahm ich Samson Fiskekjön als Führer mit für die weitere Reise und eine angenehme Ruderfahrt brachte uns nach dem 20 km entfernt am oberen Ende des Sees gelegenen Naes, von wo aus es über die Berge an einem Strome entlang nach Röldal weiterging. Als der Tag sich neigte, kam die Sonne zum Vorschein; ihre letzten Strahlen vergoldeten die Hügel und die schneebedeckten Berggipfel ringsum, die Dunkelheit aber überraschte uns, während wir noch die von der Natur gebildete gigantische Treppenflucht nach Botten zu hinabstiegen.

Da ich den ganzen Sommer auf den Hardanger Bergen, von Saeter zu Saeter wandernd, zu verbringen gedachte, so verschaffte ich mir in Röldal ein Pferd, welches die Vorräte für mich und meinen Führer tragen sollte. In diesen Gegenden verursacht ein Pferd nicht die geringste Mühe; meist kann man zwar die Hügel schneller erklimmen denn das Pony; doch ist es an schwierigen Stellen geraten, sich lieber seinem Rücken anzuvertrauen, als sich auf die Sicherheit der eigenen Füße zu verlassen, denn die Tiere gleiten fast niemals, nur darf man nicht den Versuch machen, sie lenken zu wollen, sondern muß den Zügel ruhig auf ihrem Nacken liegen lassen. Im Gehen, da und dort an einem grünen Fleckchen anhaltend, suchen sie ihr Futter; übrigens sind diese Bergpferde ungemein genügsam und vermögen einen hohen Grad von Beschwerden, Hunger und Kälte, zu ertragen.

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Röldal

Von Röldal aus führte unser Weg allmählich ansteigend am Valdal-Fluß entlang, dann wieder bergab auf einer Brücke über den Strom; hell schimmerte am linken Ufer die weiße Wassersäule des Risbu-Foß, während am rechten zahlreiche Saeter sichtbar wurden.

Nachdem der Valdal sich eine Strecke weit durch ein flaches, mit schönen Weiden und stattlichen Gehöften besäetes Thal dahingeschlängelt, nimmt er einen in schäumendem, brausendem Fall aus einer Höhe von 300 m herabkommenden Nebenfluß in sich auf und 20 km von Röldal entfernt schmiegt sich zwischen sanft abfallenden Bergen der Valdal-See. Hoch oben am Bergabhang erblickten wir den Bakken-Saeter und leise sich kräuselnde Rauchwölkchen ließen den Valdal-Saeter am Ende des Sees erkennen; überall auf den grünen Matten lagerten Herden und laut tönte durch die. stille Luft das Schreien der Mädchen, mit welchem sie die Tiere lockten.

Von dem Valdal-Saeter aus hatte man unsere Annäherung bereits wahrgenommen und mit der gewohnten Gastfreundlichkeit kam man uns entgegen; das flache mit Milch gefüllte Holzgefäß ging in der Runde umher, wir nahmen dem Gebrauche entsprechend einen Schluck, um dann nach der üblichen Aufforderung driek mer (trinkt mehr) uns den Inhalt nach Herzenslust schmecken zu lassen und die leere Schüssel mit mange tak (vielen Dank) zurückzugeben. Nils, ein Bauer vom Ufer des Sör-Fjord, war gerade anwesend, um seine Familie zu besuchen und den Butter- und Käsevorrat mit nach dem Hofe zu nehmen, und als er erfuhr, ich sei » fra Amerika«, wurde sein ehrliches Gesicht noch freundlicher, und er erzählte mir, daß eine seiner Töchter mit ihrem Manne in den Vereinigten Staaten lebe. Drei andere Töchter – alle strotzend von Gesundheit, echte blonde Vikingersprößlinge – walteten hier als Saeterinnen; Synnöve, die älteste, etwas untersetzt an Gestalt, zählte 19 Jahre; Anna, 17 Jahre alt, kräftig und stattlich gebaut, mit feurigen blauen Augen, voll Mut und Entschlossenheit, hätte ein prächtiges Modell abgeben können für eine Walkyre; die sechzehnjährige Martha dagegen war ein liebliches, goldhaariges Kind mit sanften blauen Augen und zarter Gesichtsfarbe. Alle drei galten am Hardanger als hervorragende Schönheiten und junge Bönder ohne Zahl ließen es sich angelegen sein, die Herzen der prächtigen Nordlandsmädchen zu gewinnen.

Das zu diesem Saeter gehörende Weideland hatte einen bedeutenden Umfang und genügte für 52 Milchkühe, 8 andere und 4 Pferde, und zwar war das Vieh, von welchem ein Teil vom Sör-Fjord, aus einer Entfernung von 80 km, kam, das Eigentum dreier verschiedenen Bauern, einschließlich Nils. Zwei seiner Töchter besorgten das fremde Vieh, wofür sie einen bestimmten Lohn erhielten, und wurde die von einer jeden Herde gewonnene Milch in die dem betreffenden Eigentümer gehörigen Gefäße gefüllt; ebenso wurde jedes Teil Butter und Käse besonders aufbewahrt. Ein solches Zusammenweiden kommt häufig vor und die Ehrlichkeit der Leute ist so groß, daß keiner der Bauern auch nur einen Augenblick fürchtet, die Mädchen könnten einen unter ihnen, zu Gunsten des anderen, benachteiligen.

Auf einer von einer steinernen Mauer umschlossenen, schönen Wiese grünte das zum Wintervorrat bestimmte Gras, welches im Herbst mit Hilfe von Schlitten zu Thal geschafft werden sollte.

Im ganzen befanden sich aus den Valdal-Saetern mehr denn 250 Milchkühe, daneben große Mengen junger Kühe, Kälber und Pferde, doch wurden die Kälber nicht auf die Weide getrieben, sondern morgens und abends mit einer Mischung von abgerahmter Milch, Mehl und Salz gefüttert. War nicht genug Milch vorhanden, so mußte heißes Wasser, in welches man eine Zeit lang Wacholderbüschel gelegt, ihre Stelle vertreten.

Das Tagewerk der Saeterinnen nahm morgens um 4 Uhr seinen Anfang, die Tiere stellten sich, ganz von selbst von der Weide kommend, zum Melken ein und weckten durch das Geläute der Glöckchen, welche einige unter ihnen um den Hals trugen, die Mädchen aus dem Schlaf. Ehe diese zu den Tieren hinaustraten, befestigten sie stets ein mit Salz gefülltes Horn an ihrem Gürtel, denn nicht nur die Kühe, sondern auch die Pferde und Schafe erhalten diese Leckerei morgens und abends.

Nachdem das Melken vorüber, wurde die Herde nach einem frischen Weideplatz getrieben, von welchem dieselbe, wenn sie einmal den Weg kannte, allein zurückkam. Sobald dies geschehen, verfügten sich die Mädchen nach der Milchkammer, deren Thüre stets sorgfältig verschlossen gehalten wurde und nachdem der Rahm von der tags zuvor gemolkenen Milch abgeschöpft, und in die Butterfässer gefüllt worden, begann das Buttern. Während dies in der Milchkammer vor sich ging,, begaben sich zwei der Mädchen mit den leeren Gefäßen an den Fluß, um sie zuerst mit Sand und dann mit Wacholderzweigen innen und außen sorgfältig zu scheuern und in dem fließenden Wasser tüchtig auszuspülen. An den Tagen, da die Käsebereitung vorgenommen werden mußte, gab es natürlich noch mehr zu thun; aber auch dabei wurde die größte Sorgfalt und Reinlichkeit beobachtet, wie denn überhaupt in der Milchkammer eine wahrhaft bewundernswerte Sauberkeit und Ordnung herrschte. Etwa 150 tannene Gefäße, jedes ungefähr 30 cm im Durchmesser und 12 cm hoch, mit Henkeln versehen, prangten auf den Gestellen ringsum, die Melkeimer standen am Boden zum Gebrauche bereit und ebenso wohlgeordnet mehrere Tonnen für die abgerahmte Milch und die Buttermilch, sowie auch Fässer für die Butter.

Es war durchaus keine Kleinigkeit, alles so trefflich imstande zu halten und mußten sich die Mädchen von früh bis spät tüchtig regen. Der einzige Ruhetag war Sonntag; an diesem Tage legten alle sobald das Melken morgens vorüber, frische Wäsche, sowie ihre besten Kleider an, und zwar trugen die Mädchen, wie auch ihre Mutter, Röcke aus selbstgefertigtem dunkelblauem Wollenstoff, mit Leibchen von derselben Farbe; ein breiter grüner Streifen schmückte den unteren Rand des Rockes, das Leibchen aber war offen und ließ einen schön mit Gold gestickten Latz sichtbar werden, während dicht anliegende Mützchen die üppigen Haare bedeckten. Außer dem, was unbedingt notwendig, wurde an diesem Tage keinerlei Arbeit verrichtet; je nach Belieben lasen die einen in der Bibel, während die übrigen geistliche Lieder sangen, nach dem Mittagsmahle jedoch stattete man den übrigen Saetern Besuche ab und verbrachte den Nachmittag in der hierzulande üblichen geselligen Weise.

Ich beabsichtigte, in dem jenseits des Stromes gelegenen Saeter einige Freunde aus Röldal zu besuchen, bei der Tiefe des Wassers, sowie der Heftigkeit der Strömung, war es indes für das Pferd nicht leicht, hinüber zu gelangen. Anna begleitete mich; nach Männerart reitend, saß sie vor mir auf dem Rücken des Tieres, so daß ich mich an ihr festhalten konnte, denn wir mußten uns ohne Sattel behelfen, das Pferd aber, welches allem Anscheine nach den Weg schon öfters zurückgelegt hatte, schritt voll Bedacht vorwärts und brachte uns glücklich ans Ziel.

Der vom Valdal-See über die Berge nach Norden führende Weg ist rauh und öde, und schon zu Beginn desselben mußten weite Schneeflächen überschritten werden, dann jedoch, nachdem wir den See hinter uns gelassen, gelangten wir über ein vielfach zerrissenes und zerklüftetes Terrain über die Birkenregion hinaus in ein Gebiet, in welchem Wacholder und arktische Beeren in Fülle gedeihen.

Ein Marsch von etwa einer Stunde brachte uns an die Ufer eines kleinen Sees, des Visadals-Vand, in dessen Nähe wir einen kleinen, nur aus lose über einander liegenden Steinen errichteten Saeter erblickten.

Die Bewohner des Saeters waren beide alte Leute; der Mann ein Greis von wenigstens 80 Jahren, dabei aber rüstig und gesund, ein wahres Musterbild von einem kräftigen Bergbewohner. Aus einer Entfernung von mehr denn 130 km war er gekommen, um hier den Sommer zu verbringen, und seine Ausdauer mußte sich wohl belohnen, denn gerade in den Monaten Juli und August giebt es keinen gesünderen Aufenthalt als jene Saeter, besonders wenn sie in einer Höhe von 1100–1200 m über dem Meeresspiegel gelegen sind. Die über die wellenförmig sich hebenden und senkenden nackten Höhenzüge hinstreichende Luft ist überaus trocken und wirkt wunderbar belebend und kräftigend auf jedermann, und selbst bei den an den Fjordufern und in den tieferen Thalern lebenden Norwegern verfehlt sie ihren wohlthätigen Einfluß nicht. Schon nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen macht sich derselbe geltend und erlangen Personen, welche krank hierher kommen, oftmals ihre volle Kraft und Gesundheit wieder.

Zu diesem Saeter am Visadals-Vand gehörten 120 Kühe, das Eigentum mehrerer Bauern, und besorgten eine gedungene Magd, sowie drei Männer diese Herde samt den fünf Milchkühen, welche sie, außer dem Lebensmittelvorrat, für ihren eigenen Bedarf mit nach dieser Höhe gebracht.

An der Hügelseite des Visadals entlang, an einer Menge von Wasserfällen und Kaskaden vorüber, unseren Weg weiter fortsetzend, überkletterten wir nackte Felsen sonder Zahl, überschritten auch verschiedene, teilweise von Bächen und Flüssen unterhöhlte ausgedehnte Schneeflächen. In fast ganz nördlicher Richtung ragte, glitzernd und funkelnd im Scheine der Sonne, der mit Schnee bedeckte Haarteigen, 1640 m hoch, empor, während der Nups Eggen, dessen Glimmerschiefermasse unmittelbar auf dem Primärgesteine lagert, uns zur Linken thronte. Außer den jetzt trocknen Flußbetten, durch welche im Frühling brausend die Wasser sich wälzten, schienen Pfade nicht vorhanden und mühsam immer weiter aufwärts klimmend, kamen wir an dem Steige-Vand vorüber, einem trostlos einsam gelegenen See, auf hohem Berggipfel, auf welchem sogar die Zwergbirke nicht mehr ihr kümmerliches Dasein zu fristen vermag. Die Sonne schien warm, trotzdem wehte der Wind kalt und das Thermometer stand auf 12°; große Schneeflächen reichten bis dicht zum Ufer des Sees, oftmals sogar über dessen Rand hinaus; auch tauchte wieder der graue Flechtenteppich auf, denn wir befanden uns nunmehr 1200 m hoch über dem Meeresspiegel und noch immer höher stiegen wir.

Hier und da gewahrten wir die Fährte des wilden Renntiers, und die weichen tiefen Schneefelder, welche wir zu überschreiten hatten, zeigten eine immer größere Ausdehnung; eines derselben besaß eine Länge von 2 km. Ein breiter roter Streifen, welcher mitten durch die weiße Fläche sich hinzog, erregte meine Aufmerksamkeit; ich vermutete, ein Renntier sei hier getötet worden und dies seien die Spuren des vergossenen Blutes; mein Führer belehrte mich indes eines besseren, indem er mir erklärte: »Das ist » gammel snö!« (alter Schnee).«

Je weiter wir vordrangen, um so zahlreicher wurden diese rosenfarbenen Streifen; einige derselben, welche bis zu 5 m Länge wiesen, brachten eine wirklich eigenartige Wirkung hervor; doch findet man diesen roten Schnee stets nur in großen, im Schmelzen begriffenen Flächen, und zwar verdankt er seine ungewöhnliche Farbe der Anwesenheit winzig kleiner, eine ölige, rote Flüssigkeit enthaltender Pflanzen-Organismen, der Algen, bekannt als Haematococcus (protococcus) nivalis; nach Ehrenberg trifft man in demselben auch Animalcula (mikroskopische Tierchen), welche er als Philodina roseola bezeichnet.

Nachdem wir den in nord-nord-westlicher Richtung sich erstreckenden Vasdals-Eggen hinter uns gelassen und etwa 3 Stunden lang auf diesem Plateau dahingewandert, erreichten wir den Punkt, von welchem aus es sich sanft nach Osten senkt, und ein mühevoller Marsch durch halbgeschmolzenen Schnee brachte endlich den Björne-See in Sicht. Rindviehherden grasten an seinen Ufern, in nicht allzu weiter Entfernung kräuselten sich leichte Rauchwölkchen, das Vorhandensein eines einsamen Pige-Saeter (Mädchen-Saeter) in dieser öden Gegend, der bergigen Heimat des wilden Renntiers, verkündend; indes brach der Abend herein, ehe wir den in weltverlassener Abgeschiedenheit gelegenen Ort erreichten.

Die Mädchen, welche unser Näherkommen bemerkt, verschwanden im Innern der Hütte, aber nur um nach einer kleinen Weile, angethan mit ihrem besten Staate, wieder zu erscheinen; sie trugen die Tracht der Mädchen von Röldal, dazu die eine blaue, die andere rote Strümpfe, beide aber in gleich koketter Weise die zierlichen Mützchen aus den üppigen Flechten.

Drei kleine Häuschen aus unbehauenen Steinen – mit der Rückseite an einem niederen Hügel lehnend – erhoben sich neben einander. Die Mauern zeigten eine Stärke von etwa 75 cm; die Dächer waren mit Holzschindeln gedeckt; über diesen lag eine Reihe Balken und darüber eine Schicht Erde, auf welcher das Gras üppig grünte; große ungleiche Steinplatten bildeten den Fußboden und eine roh gezimmerte Thüre verschloß den Eingang. Der Schornstein aber war neben dem Hause angebaut und mit einem flachen Steine überdeckt, um das Eindringen von Wind und Regen zu verhindern.

Im Innern herrschte eine wahrhaft erstaunliche Sauberkeit und Ordnung; auch schmückte ein kleiner Spiegel den Raum, welcher durch die vier Scheiben eines ziemlich hoch angebrachten Fensters von 50 cm Höhe und 35 cm Breite das nötige Licht erhielt. In der Ecke am Herde standen Pfanne und Kaffeetopf, während ein kupferner Kessel, mit Wasser gefüllt, über dem Feuer schwebte und auf Gesimsen an der anderen Seite Eimer voll Milch in Reihen geordnet standen. Die Mitte des Fußbodens nahm die einfache Lagerstätte ein, Holzstücke hielten das Heu zusammen, über welches Schaffelle und selbstgesponnene, wollene Decken sich breiteten; im Hintergrund hingen Kleidungsstücke über quergespannten Stricken und in einer Ecke lagen sorgfältig geschichtet Wacholder- und Weidenreiser zur Feuerung, denn an Holz war großer Mangel und das Brennmaterial mußte sparsam verbraucht werden.

Das zweite Haus zeigte dieselbe Bauart wie das vordere; nur war das Fenster bedeutend kleiner und diente diese Hütte lediglich zur Aufbewahrung der sauren Milch, des Butter- und Käsevorrates; ebenso befanden sich hier große Haufen Wacholderreisig, während hinter diesem das dritte, viel roher gefügte Gebäude lag. Es mag keine leichte Aufgabe gewesen sein, diese drei Bauten an so abgelegener Stätte zu errichten: das Holz, die Balken und Thüren mußten aus weiter Entfernung hierher gebracht werden und ebenso verursachte das Sammeln der Steine unendlich viel Arbeit.

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Björne-Vand-Saeter.

Die Mädchen zeigten, obschon wir ihnen doch ganz fremd waren, nicht die geringste Schüchternheit, sondern hießen uns, froh der unerwarteten Unterbrechung ihrer Einsamkeit, freudig willkommen; Ambjör zählte 18 Jahre, Martha 26, beide waren Töchter wohlhabender Bauern; die Eltern der einen lebten am Hardanger Fjord, diejenigen der anderen an den Ufern des Röldal-Sees. Sofort nach unserer Ankunft wurden auch schon Anstalten zu unserer Bewirtung getroffen; eine kleine Kiste mußte sich die Umwandlung in einen Tisch gefallen lassen, ein Handtuch diente als Tafeltuch, schnell waren Speckschnitten gebraten und nebst kalten Kartoffeln, den Überresten des sonntäglichen Mahles, sowie Käse, Butter und Fladbröd aufgetragen; ein großer Eimer voll Milch, mit einer mächtigen Rahmschicht bedeckt, stand so, daß wir bequem zulangen konnten, und außerdem wurde uns noch köstlicher Kaffee kredenzt.

Während ich mir das einfache, aber treffliche Mahl gehörig schmecken ließ, ertönte von draußen her der Klang der Kuhglocken, die Mädchen daran mahnend, daß die Zeit des Melkens gekommen sei. Alsbald streiften sie ihre guten Kleider ab, zogen die Alltagsgewänder an, füllten die Salzhörner, ergriffen die Eimer und befanden sich gleich daraus, inmitten der aus eigenem Antrieb von der Weide zurückgekehrten 22 Milchkühe, eifrig bei der Arbeit. Jedes Tier erhielt etwas Salz und ruhig blieb die ganze Herde für eine Weile rings um die Hütte gelagert.

Als die Schlafenszeit herannahte, entfernten die Mädchen die Planken rings um die Lagerstätte, breiteten das Heu weiter aus und legten die wollenen Decken darüber. Das eine Bett nahm uns alle auf; völlig angekleidet streckten wir uns auf demselben nieder, nur unsere Schuhe und Strümpfe zogen wir aus, Samson und ich auch unsere Röcke. Von Schlaf war indes nicht die Rede, denn Samson schnarchte so laut, daß wir ein über das andere Mal wieder dadurch aufgeweckt wurden, doch litt zum Glück unsere gute Laune nicht unter diesen Ruhestörungen; mit Lachen und Scherzen verbrachten wir die ganze Nacht bis um 4 Uhr, da das Klingen der Schellen die Mädchen wieder zur Arbeit rief. Mehrere Tage verweilte ich in der Saeterhütte, und während Samson einem anderen in den Bergen gelegenen Heimwesen einen Besuch abstattete, füllten Streifereien durch die großartige Umgegend mir die Zeit angenehm aus. Jenseits des Sees erhebt sich der Sauerflot, ein ungeheures, wellenförmiges Plateau, dessen düsteren Ernst kein grünes Fleckchen, nicht der geringste Farbenwechsel mildert; unten in der Tiefe schmiegen sich, schimmernden Krystallen gleich, die Wasser der Seen und aus der Ferne gesehen, erscheinen die zahlreichen Thaler, durch welche die Flüsse und Ströme sich einen Weg bahnen, wie enge Schluchten, welche in dunkeln Schlangenlinien die starre Felsenfläche des ungeheuren Plateaus durchfurchen. In erhabener Einsamkeit aber ragen im Westen der Vasdals-Eggen und der Nups-Eggen, 1380 m hoch, empor, die stolzen Häupter von dichten Schneemassen umhüllt, welche auch blendend weiß die Abgründe erfüllen.

Am 8. August, trat abends ein plötzlicher Umschlag in der seither so schönen Witterung ein; schneidend kalt drang der aus Norden wehende Wind durch die Spalten und Ritzen der Saeterhütte und fegte mit solcher Gewalt die höheren Bergregionen, daß die Kühe sich Schutz suchend zu dem tiefer gelegenen Saeter flüchteten. Das Läuten ihrer Schellen weckte uns aus dem Schlummer; die Mädchen eilten in die bittere Nachtkälte hinaus, um zu sehen, was den Tieren zugestoßen sei, ob vielleicht gar der Überfall eines Bären sie erschreckt habe; indes ihre Zahl stimmte, morgens jedoch deckte dichter Reif den Boden.

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