Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Sechzehntes Kapitel. Im Sommer durch Lappland.
Von Bodö nach Fagerli. – Der Gletscher Sulitelma. – Am Pjeskajaur. – In einem Lappländerzelt. – Körpergröße der Lappen. – Ihre Tracht. – Von Njunjis nach Jockmock. – Luleå.
Von dem an der Nordküste Norwegens unter 67° 20' nördl. Br. gelegenen kleinen Hafenplatz Bodö ausgehend, trat ich an einem schönen Tage zu Ende Juli meine erste Wanderung an nach dem Reich der Lappen. Quer durch die skandinavische Halbinsel, durch die wildesten, unwirtsamsten Gegenden Norwegens und Schwedens und dicht an dem großen Gletscher Sulitelma vorüber sollte mein Weg mich nach der am bottnischen Meerbusen unter 65° 40' nördl. Br. gelegenen Luleå führen.
Mit Ausnahme der aus schwedischen und norwegischen Beamten zusammengesetzten Kommission, welche alle 20 Jahre im Auftrage der Regierung die Grenze zwischen beiden Ländern revidiert, hatte noch niemand vor mir diese Reise versucht. Auf dem größten Teil der Strecke gab es weder Straßen noch Fußpfade, die Gegend war überaus rauh und auf weite Entfernungen völlig unbewohnt, nur die Berglappländer überschreiten im Sommer mit ihren Herden diese Höhenzüge, wenn sie nach der Küste hinziehen und auf dem Wege die verschiedenen Gehöfte besuchen.
Ehe ich in diese ungastlichen Gebiete gelangte, mußte ich noch das Saltdal durchkreuzen, ein langgestrecktes, auf beiden Seiten von hohen Bergen umschlossenes Thal, eines der fruchtbarsten Gebiete der Provinz Norrland.
Das gebräuchlichste Beförderungsmittel ist die zweirädrige Karriole, dieselbe bietet jedoch nur für eine einzige Person Raum, hinter dem Sitz ist ein Brett für den Wagenlenker, den Skydsjungen, sowie für das Gepäck. Letzteres darf indes nicht zu umfangreich sein, andernfalls ein besonderes Fuhrwerk für dasselbe erforderlich ist. In einzelnen Bezirken bedienen sich die Bauern auch der in Schweden allgemein benutzten Kärra.
Die Skydsskaffer (Stationsleute) – ausschließlich Bauern – sind durch ihr Übereinkommen mit der Regierung verpflichtet, eine bestimmte Anzahl von Pferden in ihren Ställen zu halten, die Zahl derselben richtet sich nach dem Personen- und Frachtverkehr der betreffenden Straßen und wird ihnen eine entsprechende Entschädigung per Jahr ausgezahlt; die Verordnungen und Vorschriften stimmen im übrigen mit den in Schweden geltenden überein.
Eine Karriole.
Seiner bergigen Bodenbeschaffenheit wegen, wie auch zufolge seiner spärlichen Bevölkerung, besitzt Norwegen weniger Landstraßen denn Schweden; verschiedene derselben aber zeichnen sich durch außerordentliche Güte und Schönheit aus. Hunderte und hunderte von Kilometern kann man auf Landstraßen zurücklegen, welche sich nur mit Fahrwegen der besten Stadtparks vergleichen lassen. Da, wo der Ykien seine brausenden klaren Fluten mit den Wassern des Lang-Vand (Vand – See) vereinigt, liegt Fagerli, der Hof eines Bauern, der mir freundliche Aufnahme gewährte bis zur Ankunft der Lappländer, in deren Gesellschaft ich meine Reise weiter fortsetzen sollte. Am 9. August trafen dieselben – zwei Männer und eine Frau – endlich ein, anderen Tags sollte es weitergehen und schleunig mußten nun die Vorbereitungen betrieben werden. Je weniger man bei einer solchen Wanderung zu tragen hat, um so besser: mein Gepäck bestand aus einem zweiten Flanellhemd, einem Paar Beinkleider, einem Paar Schuhen und einem leichten Überrock. Hartes Fladbröd, Butter, Käse, eine Flasche Branntwein (nur für den Notfall), ein starker Kaffeekessel, ein Pfund Kaffee – bereits geröstet und gemahlen – sowie etwas Thee, dies waren meine Vorräte. Bei nassem, kalten Wetter, oder im Falle großer Anstrengung sind Kaffee und Thee sehr wohlthätige Getränke, dagegen ist es ein großer Irrtum zu glauben, Spirituosen dienten zur Erfrischung der ermatteten Lebensgeister, die Wirkung derselben ist freilich im ersten Augenblick anregend, nach einer halben Stunde aber fühlt man sich mehr erschöpft denn zuvor. An Waffen führte ich bei mir: ein Gewehr, mit sehr wenig Munition jedoch, für Jagdzwecke und zwei Revolver. Dieser letzteren gedachte ich mich bei erster Gelegenheit zu entledigen, denn sie waren schwer und ich schämte mich, sie überhaupt bei mir zu haben, weshalb ich sie auch stets sorgfältig versteckte. Ich hatte gemeint ihrer zu meinem Schutze zu bedürfen, hatte auch gewähnt wohl daran zu thun, als ich mehrere meiner Wertsachen, darunter eine goldene Uhrkette, in London zurückließ, und nun reiste ich in dem, wie ich wohl mit vollem Recht behaupten darf, allersichersten Lande der ganzen Welt.
Lappische Sommerschuhe.
Die Sommertracht der Lappländer erscheint dem Klima in den Bergen trefflich angepaßt. Meine Führer trugen einen bis über die Knie reichenden Kittel aus grobem, grauen Wollenstoff, Vadmal genannt, welcher, vorn am Halse offen, ein Hemd aus dem gleichen Material sehen ließ. Enganliegende Beinkleider aus Renntierleder, um die Knöchel mit schmalen Lederstreifen befestigt, Schuhe aus dickerem Leder mit aufwärts gebogenen Spitzen, eine grobe wollene Mütze, ein Gürtel mit daranhängendem Messer und ein auf dem Rücken zu tragender Ledersack für die notwendigen Nahrungsmittel vervollständigten das Kostüm. Die Frauen tragen ganz dieselbe Kleidung, nur ist ihr Obergewand länger und am Halse geschlossen.
Der stete Begleiter des Lappländers ist im Sommer noch ein etwa 2 m langer, kräftiger Birkenstock, dessen er sich beim Bergesteigen und dem Durchwaten der Flüsse zu bedienen pflegt.
Nachdem wir eine Strecke gewandert, befanden wir uns mitten in einer Gegend voll gewaltiger Wildheit und Rauheit. Stumpfe, nackte Hügel starrten uns entgegen, Blöcke der verschiedensten Größe und Form, nach tausend- und tausendjährigem Bemühen durch die Kälte von den Felsen losgelöst, bedeckten den Boden; Schneewehen wurden zahlreicher, dichter Nebel umwallte die Bergspitzen, und den etwa 2000 m hohen Gipfel des Sulitelma verhüllten dunkle Wolkenmassen. Noch etwas weiter und der Gletscher wurde sichtbar, einen prächtigen Anblick bietend. Infolge heftiger Regengüsse war der Schnee von einem großen Teil seiner Oberfläche hinweggeschwemmt, in lichter Bläue schimmerte die ungeheure, von breiten Spalten durchschnittene, wellenförmige Eismasse, viele Kilometer weit dehnte sich dieselbe von Nordwest nach Südost, in ihrer Mitte aber ragten, ein überraschender Gegensatz zu den hellen Farbentönen ringsum, zwei nackte dunkle Bergspitzen empor. Ein See, zu dem ein kaum bemerkbarer Pfad hinabführt und dessen Ufer Weiden, Zwergbirken und Wacholder umsäumen, bespült den Fuß des Gletschers, doch vermag man diesen selbst bei Regenwetter vom Rande des Wassers aus nicht zu erblicken. Da die Mittelzone des Sulitelma sich in nördlicher Richtung erstreckt, so führte unser Weg von jetzt ab am Rande des Sees entlang; von allen Seiten rieselten Bäche hernieder, welche, angeschwollen durch die Regengüsse der letzten Tage, wie durch das Schmelzen des Schnees bald hier, bald dort reizende Fälle bildeten; alle Höhlungen und Vertiefungen füllte zusammengewehter loser Schnee, während große Schneefelder sich bis zum Ufer des Sees herabsenkten; späterhin, als der Nebel verschwand, traten im Süden hohe Berge hervor. Über eine Kette niederer Hügel, an Strecken guten Weidelandes vorbei, gelangten wir zum Ausfluß eines zweiten Sees, der Aufstieg war überaus beschwerlich und wir kamen, obgleich das Thermometer auf 3° stand, in Schweiß gebadet oben an. Der Wind, welcher auf der Höhe mit vermehrter Schärfe wehte, machte sich uns deshalb in doppelt unangenehmer Weise bemerklich; zum Glück giebt es in diesen hohen Regionen noch Zwergbirken und rasch zündeten wir ein Feuer an, um uns während der Rast wenigstens eine Tasse Kaffee bereiten zu können.
Von unserem erhabenen Standpunkt aus bot sich uns der Ausblick auf ein über die Maßen trauriges Landschaftsbild – weit nach Süden und Südosten hin streckten gewaltige Berge ihre mit riesigen Felsblöcken bedeckten, kahlen Häupter empor, während nach den übrigen Seiten dichte Nebelschleier die Aussicht verhüllten. Die blauen Umrisse des Sulitelma verloren wir niemals ganz außer Sicht, die Spitze des Berges selbst aber blieb unseren Blicken verborgen.
Nur mühsam kamen wir vorwärts, an manchen Stellen sanken wir bis zu den Knien in den weichen Schnee ein, dann wieder ging es über nassen Sandboden, oder wir mußten Felstrümmer, Geröll und mächtige Blöcke überklettern. Der Wind wehte aus Westen, trotzdem war das Thermometer auf 3° gefallen.
Ein Lappländerlager.
Der Sulitelma lag nun östlich von uns und mit Hilfe des Fernrohres entdeckte ich eine tiefe Schlucht, neben welcher ein Gletscher mit an den Seiten vorspringenden, ungeheuren Eiszacken sich dehnte. Da wo die Schlucht sich erweiterte, bahnte sich ein mächtiger, aus einem der Seitenthäler des Gletschers kommender Strom seinen Weg nach dem Pjeskajaur (Jaur heißt See im Lappländischen). Wir stiegen gerade einen allmählich abfallenden Hügel hinab, und während ich mich damit beschäftigte, die Höhe des Berges wie auch des Gletschers auszumessen, ging die Lappländerfrau einstweilen voraus. Plötzlich hörte ich den Ausruf »Samé« (Lappländer), und wirklich: in einiger Entfernung stieg Rauch über einem Kåta (Zelt) empor; bald hatten wir auch das Lager erreicht, zu welchem unsere Reisegefährtin uns bereits vorangeeilt war. Die hier Lagernden gehörten zu ihrer Verwandtschaft und sie kannte den Weideplatz ihrer Herden. Freundlich wurden wir willkommen geheißen, aber als ich das Zelt betretend um mich schaute und den entsetzlichen Schmutz gewahrte, faßte mich tiefer Ekel. Das Zelt hatte an seiner Grundfläche nicht mehr denn 2½ m im Durchmesser; in der Mitte brannte ein helles Feuer aus Wacholderzweigen, welches nur um unsertwillen angezündet worden war, denn in diesen Gegenden müssen die Leute sparsam umgehen mit dem Brennmaterial. In dem engen Raum an der rechten Seite des Einganges – die entgegengesetzte war für uns frei gemacht worden – hockten auf den vom Regen durchnäßten, schmutzstarrenden Renntierfellen drei Frauen, vier Kinder, zwei Männer und vier Hunde dicht an einander gedrängt. Die Hunde knurrten mich bösartig an, der schlimmste unter den Friedensstörern wurde jedoch rasch mit einem derben Faustschlag zur Ruhe verwiesen. Die Kleidung sämtlicher Zeltbewohner war aus Renntierfellen – mit den Haaren nach der Innenseite zu – gefertigt; die Gesichter der Kinder sahen aus, als ob sie noch niemals, diejenigen der Erwachsenen, als ob sie seit wenigstens vierzehn Tagen nicht mit dem Wasser in Berührung gekommen wären, obendrein fuhren die Leute unaufhörlich mit den Händen in den Halsausschnitt ihrer Gewänder, eine Voraussetzung erweckend, wie sie unangenehmer nicht wohl gedacht werden konnte. Ein tüchtiger Vorrat von Renntierfleisch, sowie sonstigen Lebensmitteln, lag auf denselben Fellen, welche den Leuten als Schlafstätte dienten.
Gutmütig bestrebten sich alle, es uns behaglich zu machen, besonders zeichnete sich darin unsere Reisegefährtin aus. Voll Eifer widmete sie sich der Kaffeebereitung, während das Haupt der Familie den an einer Kette über dem Feuer hängenden eisernen Kessel mit Renntierfleisch füllte. Einem jeden wurde sein Teil gereicht, die besten Stücke aber erhielten meine Führer und ich, nur mußten wir uns insgesamt ohne Gabeln, sowie ohne Brot behelfen. Die Knochen wurden den Hunden vorgeworfen, welche alle unsere Bewegungen hungrigen Blickes verfolgten. Als die Schlafenszeit herankam, wurde das Feuer gelöscht. Meine Kleider waren durchnäßt und mich fror, trotzdem trug ich, der voraussichtlichen Folgen wegen, Bedenken, die Nacht in dem Zelte zu verbringen; aber – für den morgenden Tag lag eine schwere Aufgabe vor mir, es war bereits zwei Uhr nachts und ich bedurfte dringend der Ruhe. Mit wahrer Todesverachtung beschloß ich den Versuch zu wagen und streckte mich auf den Renntierfellen zum Schlafe nieder. Es dauerte nicht lange, so empfand ich das Gefühl, als habe allerhand kriechendes Getier sich meinen Körper zum Tummelplatz auserkoren; ich gab mir jedoch die erdenklichste Mühe, mich zu überzeugen, dies sei nur ein Spiel meiner Einbildung, und endlich – meine Erschöpfung war zu groß – sank ich wirklich in Schlaf.
Gegen vier Uhr weckte mich der Eintritt eines Lappländers aus dem Schlummer. Derselbe hatte während der Nacht eine Herde von 250 Renntieren nach einem an Flechten reichen Weideplatz gebracht und kehrte nun zurück, um nach dem weiten Marsch zu rasten. Rasch wechselte er seine durchnäßten Schuhe, dann warf er sich auch schon auf die Renntierfelle nieder, ohne die für ihn bereitstehende Tasse Kaffee zu berühren.
Ein Lappländerlager.
Das Leben der Lappländer bietet im Sommer ungemein viel Beschwerde, Tag und Nacht müssen sie den Herden folgen, damit sich die Tiere nicht verlaufen, und wenn sie dann nach ihren Zelten zurückkommen, überwältigt sie die Müdigkeit. Ein Reisender mag sich wohl erstaunen, bei hellem Tageslicht in einem Lappländer-Kåta schlafende Personen anzutreffen, trotzdem wäre es unrecht, dieselben deshalb für träge halten zu wollen.
Der Pjeskajaur, dicht bei 67° nördl. Br. gelegen, hat bei einer Länge von 24 km eine Breite von 3–8 km. Der in denselben sich ergießende Fluß war tief, dabei durch das Schmelzen des Schnees und der Gletscher so trübe, daß wir seinen Grund nicht zu erkennen vermochten. Zweimal versuchten die Lappländer denselben zu durchwaten, jedesmal mußten sie wieder umkehren, zuletzt fanden wir zwar eine geeignete Stelle, doch blieb es immer noch eine mühevolle Aufgabe, gegen die Gewalt des Stromes anzukämpfen und auf den unter unseren Füßen weggleitenden Kieseln und dem losen Triebsande vorwärts zu gelangen; obendrein war das Wasser so kalt, nur 2°, daß mir der Atem ausging, als ich bis zum Halse in das feuchte Element geriet. Nachdem wir endlich das jenseitige Ufer erreicht hatten, machte ich die Entdeckung, daß noch zwei andere, glücklicherweise nicht so sehr tiefe Ausflüsse zu durchwaten blieben, und unter dem fortgesetzten Einfluß der Kälte erstarrten meine Glieder in einem solchen Grade, daß ich kaum einen Fuß vor den andern zu setzen vermochte; erschrocken darüber, nahm ich meine Zuflucht zu der Branntweinflasche, gab auch meinen Lappländern einen tüchtigen Schluck aus derselben, wofür sie sehr dankbar zu sein schienen.
Gleich nach uns durchschwamm eine Renntierherde den Strom. Diese Tiere bewegen sich trefflich im Wasser und sollen an den Fjorden oftmals bedeutende Entfernungen zurücklegen; wie man mich versicherte, sind sie imstande, eine Strecke von 9 km binnen drei oder vier Stunden zu durchschwimmen.
Unser Weg setzte sich durch einen Morast fort; das Vorwärtskommen war sehr beschwerlich und ermüdend, diese angestrengte Bewegung aber war es gerade, deren ich bedurfte, allmählich verlor sich die Steifheit meiner Glieder und wieder strömte mein Blut warm durch die Adern. Die Mittelzone des Gletschers erstreckte sich jetzt in nordwestlicher Richtung und schien einen Bogen von Nord-Nord-West nach Norden zu beschreiben.
Nachdem wir einen anderen Fluß durchschritten, dessen Wasser, weil es nicht von den Eisbergen kam, einen bedeutend höheren Wärmegrad zeigte, gelangten wir zu einer Gruppe mäßig hoher Birken ( Betula glutinosa), den Überresten eines ehemaligen Waldes. Sehr bedauerte ich späterhin, nicht eine derselben gefällt zu haben, um die Ringe zählen und danach ihr Alter feststellen zu können, denn bis jetzt hatte ich noch in keiner so hohen Region innerhalb des Polarkreises solche Bäume gefunden.
Von dem Gipfel eines Hügels gewahrten wir in der Entfernung abermals ein Kåta. Die sich hier befanden, waren Lappländer aus Lule-Lappmark, deren Weidegründe sich bis zum Sulitelma erstrecken. Drei junge Weiber und ein Mann, die Bewohner des Lagers, befanden sich vor dem Zelte, verschwanden jedoch im Innern desselben, sobald sie uns erblickten. Die Frauen legten bei unserem Eintreffen gerade noch die letzte Hand an ihre Toilette – die eine befestigte einen schönen silbernen Gürtel um ihre Taille, die zweite ordnete ihr Kleid, während die dritte ihre Schuhe anzog. Ihre bis zu den Knöcheln reichenden Röcke aus dickem blauen Wollenzeug, Vuolpo genannt, am unteren Rand mit roten und gelben Streifen besetzt, ließen ein gleichfalls wollenes Untergewand sehen, dessen Halsausschnitt sehr hübsche buntfarbige Stickerei umgab. Den Hauptschmuck bilden indes Gürtel, die häufig sehr kostbar sind, nur eine dieser Frauen trug jedoch einen mit Silber verzierten, die beiden anderen bestanden aus Kupferplättchen, und waren die etwa 3 cm breiten Metallzieraten so dicht neben einander auf dem Zeug befestigt, daß sie dasselbe vollständig deckten, hübsche Schnallen vermittelten den Schluß und an der Seite hingen je ein kleines Messer, sowie eine Schere herab. Sehr enganliegende Gamaschen von blauer Farbe vervollständigten das Kostüm, auch hatte eine der Frauen neue Sommerschuhe aus gegerbtem Renntierleder an, die beiden anderen jedoch waren barfuß, was mir Gelegenheit gab, die außerordentliche Kleinheit, schöne Form und große Sauberkeit ihrer Füße zu bemerken. Ebenso waren die Gesichter der Frauen rein gewaschen und ihre Haare sorgfältig gekämmt unter eine wirklich zierliche Mütze gestrichen. Zwei von ihnen waren überdies sehr hübsch, mit blonden, etwas rötlich schimmernden Haaren, blauen Augen, kleinen Händen und rosiger Gesichtsfarbe. An denjenigen Stellen, die vor der Einwirkung der Luft geschützt waren, zeigte die Haut eine wahrhaft blendende Weiße; der Mann dagegen war durch Wind und Wetter vollständig gebräunt. Sein Rock (Kapte), kürzer denn derjenige der Frauen, reichte nur wenig über die Knie und war am unteren Rand mit einem bunten Streifen verziert, dessen lebhafte Farbe sich vorteilhaft von dem dunkeln Blau abhob. Der Kragen des Untergewandes war ebenfalls bunt gestickt, während der Schlitz der Kapte eine reich mit Silberzieraten besetzte Weste sichtbar werden ließ. Den Gürtel aus Leder – meist sind dieselben 5–8 cm breit – schmückten Bärenzähne, zum Zeichen, daß der Träger auch glücklicher Jäger gewesen.
Frei von aller Schüchternheit hießen uns die Leute willkommen. Der Kaffeekessel wurde über das Feuer gehängt, der bereits geröstete Kaffee gemahlen, gekocht und mir in einer kleinen silbernen Tasse von sehr merkwürdiger Form dargereicht. Diese Tasse, welche meine lebhafte Bewunderung erregte, war, wie man mir sagte, ein Familienerbstück und schon etwa hundert Jahre alt, auch die Form des silbernen Löffels – gleichfalls ein Erbstück und noch älter als die Tasse – war sehr zierlich. Derselbe, nicht ganz rein, zeigte die Spuren von Renntiermilch, und es blieb mir vorbehalten, eine neue Art des Spülens kennen zu lernen. Wasser war gerade nicht zur Stelle, die eine der Frauen oder Mädchen fuhr deshalb ohne weiteres mit ihrer kleinen, roten Zunge so lange über denselben hin, bis er ganz sauber geworden, dann, als ob sich dies ganz von selbst verstünde, füllte sie ihn mit Milch aus der Schale, rührte den Kaffee damit um und reichte mir die Tasse. Es wäre Unwahrheit, behaupten zu wollen, daß diese neue Art des Spülens meinen Beifall gehabt, zum Glück waren die Zähne der erfinderischen Lappin gleich weißen Perlen und ihre Lippen rot wie Kirschen; groß ist die Zahl ihrer Stammesgenossinnen, welche ich seither gesehen, aber noch heute meine ich, sie sei die schönste unter ihnen allen gewesen.
Der Kaffee schmeckte köstlich. Ich hatte kaum meine zweite Tasse geschlürft, als ein Lappe, begleitet von mehreren Hunden, das Zelt betrat, er war gerade jetzt erst mit 273 Renntieren angekommen, ihre Annäherung erfolgte indes so geräuschlos, daß wir durch dieselbe völlig überrascht wurden. Die ganze Schar war dicht um das Zelt versammelt, einzelne der Tiere kauten behaglich das Moos, welches sie mit den Vorderfüßen vom Boden losgescharrt, andere lagen auf der Erde niedergestreckt; die Männchen waren groß, mit weit ausgebreiteten Geweihen, die Weibchen bedeutend kleiner. Keines der Tiere zeigte die mindeste Neigung, sich von den übrigen zu entfernen, auch die Böcke verhielten sich – ein gelegentliches Stoßen mit den Köpfen abgerechnet – ganz still; manchmal freilich sollen sie so heftige Kämpfe unter einander ausfechten, daß ihre Geweihe sich unlöslich in einander verwirren und man die Tiere töten muß, weil man sie nicht mehr zu trennen vermag.
Das Melken, welches alsbald vorgenommen wurde, beobachtete ich mit großem Interesse. Die Frauen kannten jedes der Tiere, hätte eines von ihnen gefehlt, sie würden imstande gewesen sein, dasselbe sofort genauer zu bezeichnen. Vorsichtig näherten sie sich den einzelnen Tieren, ein Lasso wurde ihnen über den Kopf geworfen und um die Schnauze geschlungen, um ihr Fortlaufen zu verhindern, mehrere aber wurden nicht gefesselt, sondern nur gehalten. Mir kam diese Maßregel sehr überflüssig vor, die sanften Geschöpfe schienen gar nicht an Flucht zu denken. Beim Melken hielten die Frauen ein kleines hölzernes Gefäß in der einen Hand, mit der anderen preßten sie das Euter häufig sehr stark, denn die dicke Flüssigkeit schien nur langsam und schwer zu kommen. Aus den kleinen Holzgeschirren wurde die Milch in faßartige, mit einem Schiebedeckel versehene Gefäße geleert, welche derart eingerichtet sind, daß die Tiere sie auf dem Rücken tragen können, auch Blasen wurden gefüllt für die Lappen, welche den ganzen Tag über bei der Herde bleiben müssen. Mich überraschte der geringe Milchertrag der einzelnen Tiere, in vielen Fällen kaum eine kleine Tasse voll, dafür ist diese Milch freilich so dick und kräftig, daß man sie vor dem Genuß sogar mit Wasser verdünnen muß, ebenso ist sie außerordentlich nahrhaft, weit nahrhafter denn Kuh- oder Eselsmilch, hat aber einen strengen Beigeschmack, ähnlich dem der Ziegenmilch. Sie bildet ein Hauptnahrungsmittel der Lappen, merkwürdigerweise eignet sie sich indes durchaus nicht zur Herstellung von Butter, denn dieselbe schmeckt wie Talg. Aus diesem Grund verwenden sie die Lappen auch nur selten zu dem Zweck, Käse wird dagegen in großen Mengen, und zwar in folgender Weise, bereitet.
Renntiere.
Nachdem die hierfür bestimmte Milch zum Kochen gebracht ist, schöpft man den oberen Teil des aufsteigenden Schaumes sorgfältig in eine Holzschüssel ab, während der übrige größere Rest in eine Blase gefüllt zum Trocknen aufgehängt wird. Dieser getrocknete Schaum, Kappa (Rahm) genannt, gilt als besondere Leckerei, weshalb man denselben auch stets nur bevorzugten Gästen vorsetzt. Das Hinzufügen von Labkraut läßt die Milch gerinnen, worauf man den Käse mit der Hand preßt und in runde Holzschachteln, oder aus den Wurzeln der Sprossenfichte geflochtene Formen packt. Wenn der Käse trocken ist, so hängt man denselben in dem Kåta in den Rauch, er bleibt weiß im Innern und behält den Geschmack der Milch, von dieser selbst wird ein großer Teil als Wintervorrat aufbewahrt. Die Lappen besitzen eine große Vorliebe für saure Milch, des Klimas wegen müssen sie jedoch das Gerinnen durch einen Zusatz von Butterwurz ( Pinguicula vulgaris) beschleunigen.
Bis jetzt hatte ich mir die Lappen immer mit dunkeln Haaren und ebensolchen Augen vorgestellt, diese aber zeigten blonden Kopfschmuck bei blauen Augen und heller Hautfarbe, die Backenknochen waren vorstehend – bei zwei der Frauen jedoch nicht in häßlicher Weise – die Nase aber war echt lappisch, himmelwärts gekehrt. Die angestellten Messungen ergaben bei den Frauen eine Höhe von 1,23 m, 1,24 m und 1,39 m; die Größe der Männer betrug 1,35 m bis 1,52 m. Die Gesichtsmessungen der Frauen von der Nasenwurzel bis zur Kinnspitze wechselten zwischen 9 cm und 10 cm, bei den Männern zwischen 11,4 und 12 cm.
Während die Männer sich dem Genusse ihrer Pfeifen hingaben, widmeten sich die Frauen dem Geschäft des Kochens, abgerahmte Milch, vermittelst eines hölzernen Löffels in Wasser gerührt, gab eine ebenso wohlschmeckende wie nahrhafte Suppe. Jede der anwesenden Personen führte eine kleine Tasche mit einem Löffel darin bei sich, aber auch in diesem Fall mußte die Zunge die Stelle von Wasser und Handtuch vertreten, während die Teller so lange mit den Fingern bearbeitet wurden, bis jede Spur der Suppe verschwunden war. Die Löffel besitzen übrigens die gleiche Form wie die bei den Bauern Schwedens und Norwegens in Gebrauch befindlichen; häufig sind sie, wie auch die sonstigen Silbergeräte, von hohem Alter, Gabeln findet man dagegen nicht bei den Lappen.
Die Hunde, welche uns in das Zelt gefolgt waren, beobachteten jede unserer Bewegungen mit gierigen Blicken; nachdem wir gesättigt, wurde ihnen die übriggebliebene Suppe, mit etwas Wasser verdünnt, vorgesetzt, und heißhungrig fielen sie darüber her. Dann brach der Mann, den ich zuerst im Zelt getroffen, mit der Renntierherde auf, um sie nach einem moosreichen Weideplatz zu führen, bis zum Abend mußte er nunmehr der Tiere warten, während sein Genosse, auf einem Renntierfelle ausgestreckt, der Ruhe pflegte. Wir übrigen fanden sein Beispiel nachahmenswert, und uns in dem engen Raum behelfend, so gut es eben gehen wollte, sanken wir bald alle in festen Schlaf. Das Zelt der Lappen ist überaus leicht zu transportieren, Renntiere finden ausnahmslos zu seiner Weiterbeförderung Verwendung. Das Untergestell besteht aus genau in einander passenden kräftigen Stangen, welche der Gewalt auch des heftigsten Sturmes Widerstand zu leisten vermögen, von einer an der Spitze hinlaufenden Querstange hängt eine eiserne Kette herab mit einem Haken daran zum Befestigen des Kessels. Dies hölzerne Untergestell wird mit dem von ihnen selbst gefertigten Zelttuch aus grobem Wollenstoff, Vadmal, überzogen – Felle werden hierzu niemals benutzt – diese Zeltdecke besteht aus zwei Stücken, Bänder übernehmen die Verbindung und eine kleine Thüre aus Leinwand verdeckt den schmalen Eingang. Der Wollenstoff, welcher, vermöge seiner Webart, der Luft einigermaßen freien Durchzug gestattet, ist von außerordentlicher Dauerhaftigkeit, hält zwanzig Jahre und noch länger, doch sind diese Zelttücher allerdings sehr teuer, der Preis für ein solches stellt sich auf 130–170 M, weshalb man sie denn auch häufig genug über und über mit Flicken bedeckt findet. Im Sommer schlagen die Lappen ihr Lager gewöhnlich dicht bei einer Quelle oder einem Flüßchen auf, woselbst Zwergbirke und Wacholder genügend Brennmaterial liefern und gute Weideplätze nicht allzu weit entfernt find.
Das Zelt, in dem ich mich befand, sollte gerade verlegt werden; zum Ziehen und Lasttragen abgerichtete Renntiere wurden herbeigebracht, um das Gepäck hinwegzuschaffen. Man verwendet hierzu vorzugsweise Gellinge, große, starke Tiere, doch läßt sich ein solcher Umzug viel leichter im Winter denn im Sommer ausführen, weil dann die Last gezogen werden kann, während sie im letzteren Fall von den Tieren auf dem Rücken getragen werden muß.
Das Zelt war abgebrochen, die Stangen wurden in verschiedene Bündel geschnürt, das Zelttuch, die Kleider samt allem übrigen in mehreren etwa 50 cm langen, 30 cm breiten und 10 cm hohen Holzkästen untergebracht und je einer davon an jeder Seite des Sattels befestigt. Auch Taschen, einige davon glichen starken Netzen, dienten zur Unterbringung des Gepäckes. Der Packsattel, Svaka, eine wahre Merkwürdigkeit, besteht aus zwei der Körperform des Tieres entsprechend gerundeten, an den beiden Enden mit Leder umkleideten Holzstücken, welche man, in derselben Weise wie beim Satteln der Pferde, nur etwas mehr nach vorn, den Tieren über den durch eine grobe wollene Decke oder ein Renntierfell geschützten Rücken legt. Die Bündel und Kasten werden dann möglichst gleichmäßig auf beide Seiten verteilt und sorgfältig festgemacht, 40–50 kg schien das Durchschnittsgewicht zu sein, welches ein Tier zu tragen vermochte, dabei schleppte es jedoch noch mehrere Stangen zusammengebunden auf dem Boden nach. Kräftige Stricke, um den Ansatz der Geweihe geschlungen, verbanden sieben Renntiere unter einander und einer der Führer leitete die Schar, während einige ledige Tiere, bestimmt die Stelle ihrer etwa müde werdenden Kameraden einzunehmen, den Nachtrab bildeten. Sie waren übrigens anfangs störrisch und mußten gewaltsam vorwärts getrieben werden.
Gepacktes Renntier mit Führer.
Wir trennten uns von den gutmütigen Menschen, um unsere Reise in ost-südöstlicher Richtung fortzusetzen. Längs der Flußufer trafen wir stellenweise terrassenförmige Anhöhen, Spuren früherer Bodenerhebungen und in der Nähe der Wasser fanden wir vielfach das berühmte »Schuhgras« der Lappen, von dem es zwei Arten: Carex ampullacea und Carex vesicaria giebt. Im Sommer wird dasselbe in großen Mengen von den Lappen gesammelt, getrocknet und sorgfältig aufbewahrt, denn im Winter ist es ihnen unentbehrlich. Es besitzt die Eigenschaft, die Wärme in sich zu bewahren, sie füllen deshalb ihre Schuhe damit und es hält selbst bei der strengsten Kälte die Füße warm; bei Märschen über steinigen Boden tragen sie es auch häufig in ihren Sommerschuhen.
Sulitelma.
Der große Gletscher war fortdauernd sichtbar, der Sulitelma aber barg sein Haupt beharrlich hinter dichten Wolkenschleiern. Plötzlich zerrissen dieselben und für die Dauer von etwa fünfzehn Minuten enthüllte sich uns – in genau nordwestlicher Richtung, wie der Kompaß angab – der Bergriese in seiner vollen Pracht. In ungeheurer Ausdehnung lag die gewaltige Eismasse vor unseren Blicken. Einzelne Strecken waren mit Schnee bedeckt, aber nur an zwei Stellen unterbrachen dunkle Felsen die starre, weiße Fläche, während der Sulitelma aus stolzer Höhe ernst und düster auf das Eismeer zu seinen Füßen herabschaute. Wunderbar war der Anblick, als die Sonne das mächtige Schnee- und Eisfeld mit ihren Strahlen berührte: schimmernd und gleißend leuchtete es auf in zauberhaftem Scheine, funkelnd und blitzend das Ganze wie ein einziger riesiger Topas.
Etwas weiter gelangten wir zu dem Gipfel eines anderen, gleichfalls zu dieser großen Bergkette gehörenden Hügels und nahmen von hier aus einen kleinen Gletscher wahr, der von Norden nach Nord-Nord-Ost sich streckte. Über hügeliges, ödes Terrain ging es dann wieder vorwärts an zahlreichen kleinen Seen vorbei. Unterwegs trafen wir mehrere Lappen mit ihren großen Herden, bunt liefen die Tiere durch einander, jedermann aber kannte trotzdem sein Eigentum an einem an den Ohren angebrachten besonderen Zeichen.
Das Thermometer stand auf 5° bis 6° und die Mosquitos, welche uns während zweier Tage verschont hatten, kamen wieder in großen Mengen zum Vorschein.
Zu verschiedenen Malen im Laufe dieses Tages erreichten wir die Schneegrenze, aber inmitten dieser öden Strecken, wo die mittlere Jahrestemperatur etwa auf dem Gefrierpunkt steht, erfreuen noch zahlreiche Blumen das Auge des Wanderers, Ranunculus nivalis und Ranunculus glacialis (Butterblume), Rumex digynus (Ampfer), Juncus curvatus (Binsen), Silene acaulis (Klebnelke), sowie Saxifraga stellaris, rivularis und oppositifolia (Steinbrech) findet man hier. Bewundernd stand ich oftmals vor dieser letztgenannten Pflanze, die wie ein samtweicher Teppich purpurfarbenen Mooses sich um die nackten Felsen schmiegte und rings umgeben von Schnee und Eis ihre zarten Blüten entfaltete. Zum ersten Male sah ich sie so auf dem Gipfel der hohen hinter Hammerfest sich erhebenden Hügel. Alle diese Pflanzen gedeihen hier etwas höher denn 1300 m über dem Meeresspiegel, unmittelbar an der Schneegrenze, weiter hinauf vermindert sich ihre Zahl, bis endlich Ranunculus glacialis (Butterblume) die einzig übriggebliebene Blume ist, während die Flechten zu allerletzt, etwa 700 m über der Schneegrenze, verschwinden.
Der Weg wurde immer beschwerlicher, Blöcke jeder Form und Größe bedeckten, stellenweise hoch über einander gehäuft, den Boden und die Seiten der steil abfallenden Hügel, deren einer sich dicht an den anderen reiht; in der Entfernung erblickten wir eine Kette von Seen, welchen – der Aussage meiner Lappen nach – der Pitefluß entströmt. Flechten wuchsen nur spärlich auf den nackten Felsen, in den Thalgründen aber war – obgleich bereits Mitte August – das Gras kaum grün und nur wenige wilde Blumen waren sichtbar.
Wir fühlten uns über die Maßen erschöpft und wünschten sehnsüchtig ein Kåta zu treffen; unsere Einbildung ließ uns in jedem Felsen die Form eines Zeltes erkennen, aber eine Enttäuschung folgte der anderen; dabei war das Wetter kalt und regnerisch und oftmals mußten wir unter Felsenvorsprüngen Schutz suchen vor der Unbill der Witterung.
Abends trafen wir auf einen mächtigen Steinblock, über den ein anderer so weit vorragte, um uns ein Obdach bieten zu können, Birken und Wacholder wuchsen in der Nähe und so beschlossen wir, hier die Nacht zu verbringen. Das Thermometer stand auf 5°; mehr wie hundert der in diesen Höhen nur gedeihenden Zwergbirken sammelten wir, bloß um uns vor dem Erfrieren sowie vor den Mosquitos zu schützen, gleichzeitig auch unsere Kleider trocknen zu können. Besonders glücklich waren wir indes in der Wahl unserer Zufluchtsstätte nicht gewesen, wir versuchten erst eine, dann die andere Seite des Felsblockes, überall aber trieb der Regen und der Wind sein Spiel mit uns, obendrein erhöhte der Rauch das Unangenehme unserer Lage. Ich setzte mich mit dem Rücken gegen die Felswand und versuchte zu schlafen, der Regen überschüttete mich aber derart, daß ich meinen Platz aufgeben mußte. Um drei Uhr wurde die Kälte so heftig und wir waren alle so völlig durchnäßt, daß wir es nicht länger auszuhalten vermochten und es vorzogen, unseren Marsch fortzusetzen. Im Gehen hofften wir die Steifheit unserer Glieder los zu werden; rasch wurde Kaffee bereitet, um uns nur einigermaßen zu erwärmen und um 4 Uhr befanden wir uns wieder unterwegs. Der Regen goß in Strömen und unsere Erschöpfung war so groß, daß wir einschliefen, sobald wir nur einen Augenblick Rast machten.
Von Südost nach Ost über ungeheuere Sümpfe, über steinbesäete Strecken, über Felsblöcke kletternd und stolpernd, Flüsse, Bäche und Schneeflächen durchwatend, drangen wir vorwärts bis endlich der, seit unserem Aufbruch von Fagerli, höchste Punkt erreicht war und wir uns mehr denn 1300 m über dem Meeresspiegel befanden.
Von allen traurigen, öden Landschaften, die ich bis jetzt auf meiner Reise gesehen, schien mir diese die schrecklichste; sie machte einen wahrhaft überwältigenden Eindruck durch ihre Trostlosigkeit. Ein unbeschreiblich grauenvoller Zauber lag in der Einsamkeit, dem erhabenen Schweigen ringsum; nackte Granit- und Gneisfelsen umgaben gleich einem Rahmen das todestraurige Bild; so weit das Auge reichte, bedeckten mächtige Blöcke in Haufen den Boden. Über diese hinweg führte fast ununterbrochen unser Weg, von Stein zu Stein springend, keuchten wir vorwärts, bis unsere Füße wund wurden von der gewaltigen Anstrengung. Meine seitherigen aus mühevollen Wanderungen gemachten Erfahrungen sanken in nichts zusammen; keine der vielen Beschwerden, die ich bis jetzt kennen gelernt, ließ sich mit dieser vergleichen; zwar hatte ich steinigeres Terrain und steilere Hügel schon gesehen, für kurze Strecken vielleicht auch mit noch mehr Schwierigkeiten mir einen Pfad suchen müssen, noch niemals aber war mir ein alle Beschwerden vereinigendes Gebiet von solcher Ausdehnung vorgekommen.
Zur Mittagszeit klärte sich das Wetter einigermaßen auf und wir machten an einer gegen den Wind geschützten, mit niederen Flechten bedeckten Stelle Rast, denn wir bedurften dringend des Schlafes. Die Temperatur war mittlerweile auch wärmer geworden, das Thermometer zeigte 10° im Schatten meiner eigenen Gestalt und 28° in der Sonne. Unser Flechtenlager war weich und warm; bald lag ich in tiefem Schlaf, aus dem ein kalter Wind mich erst nach einer Stunde wieder weckte, der Himmel hatte sich mit Wolken umzogen, ich entriß meine Lappen den Armen des mohnbekränzten Gottes und weiter ging es auf unserem Marsche.
Wir hatten nunmehr eine sub-alpine, durch die Betula alba (Birke), Varietät glutinosa, gekennzeichnete Region erreicht, deren obere Grenze sich etwa 700 m unterhalb der Schneelinie befand. Aber auch hier entfaltete sich an den Hügelseiten unter dem belebenden Einfluß der Sonnenstrahlen mannigfaltiger Pflanzenwuchs: die Sonchus alpinus (Alpensaudistel), Struthiopteris (Straußfarn), Aconitum lycoctonum (Eisenhut), sowie Tussilago frigida (Huflattich) waren vertreten.
Von einer Hügelwand aus erblickte ich in der Ferne den Saggat-See, dort lag Qvickjok, das vorläufige Ziel unserer Wanderung. An dem anderen Ufer des das Thal durchströmenden Tarrejoki erhob sich Njungis, ein kleines Gehöfte, und meine Führer machten den Vorschlag, über den Fluß zu setzen, um in jenem Hause die Nacht zu verbringen. Thörichterweise und völlig entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, die Ratschläge meiner Führer stets zu befolgen, lehnte ich denselben ab; es giebt Tage in diesen Bergen, da alle Gegenstände ganz nahe gerückt erscheinen, dieser Tag war ein solcher und ich mußte für meine Verblendung büßen. Nachdem wir die Thalsohle erreicht, gelangten wir in einen nur wenige Kilometer südlich vom 67° nördl. Br. gelegenen Fichtenwald. Von den Zweigen hingen große Mengen dunkeln Mooses herab, auf dem Boden bildete es einen dicken, aber auch sehr nassen Teppich, denn da die Stiele des Mooses aus kleinen Zellen zusammengesetzt sind, welche die aufgenommene Feuchtigkeit sehr lange bei sich behalten, das Moos überdies sehr dicht wächst und die Verdunstung deshalb sehr langsam vor sich geht, so wird es eigentlich niemals ganz trocken, sondern giebt, besonders nach Regengüssen, beim Betreten stets große Mengen von Wasser von sich. Mitten in diesem samtartigen Teppich bargen sich reife Zwergbrombeeren in großer Anzahl, eine rechte Labung für uns, die wir seit dem morgens früh getrunkenen Kaffee nichts genossen hatten.
Ujungis.
Ein etwa 1½ m tiefer Fluß mußte durchwatet werden, dann lag eine, aus über einander gehäuften Steinblöcken gebildete Höhle vor uns. Meine Lappen drangen darauf, hier zu rasten, da der Schmutz aber erkennen ließ, daß der Ort vorher vielen Personen als Schlafstätte gedient, so beredete ich meine Führer, noch eine Weile auszuharren. Etwas weiter, dicht beim Tarrejoki, machten wir endlich im Schutze hoher Tannen für die Nacht Halt, wir waren vollständig erschöpft, sechsunddreißig Stunden befanden wir uns auf dem Marsch und meine Kleider waren seit den vier Tagen, da ich Fagerli verlassen, noch nicht trocken geworden.
Wir errichteten eine Feuerstelle von etwa 2 m Länge, je zu beiden Seiten eines jeden von uns und bedeckten das Ganze mit Moos, um einen tüchtigen Rauch zur Vertreibung der Mosquitos zu erzeugen. Das Moos bot ein weiches Lager, aber dennoch wollte kein Schlaf in meine Augen kommen. Um elf Uhr, als ich den Blick aufwärts durch die Zweige schweifen ließ, erfreute mich das Erscheinen eines Sternes, des ersten, den ich seit drei Monaten geschaut, es war die Vega, die so hell dort oben flimmerte, jener Stern – ein alter Freund –, welcher mir oftmals in Afrikas Dschungeln als Wegweiser gedient. Nachdem ich endlich eingeschlafen, wurde ich durch ein eigentümliches Gefühl wieder geweckt – das Moos hatte Feuer gefangen und wie Zunder langsam weiterglimmend, war die Flamme bis zu mir gedrungen.
Beim Grauen des Tages machten wir uns abermals auf den Weg. Welcher Unterschied zwischen gestern und heute! Üppiges Grasland, Gehölze von Birken, Erlen und Weiden säumten die Ufer des Tarrejoki, an welchen wir entlang zogen. Meine Lappen erkletterten eine hohe Birke und riefen nach einem Boote, der Wind stand ihnen jedoch entgegen, weshalb ihr Schreien ungehört verhallte. Daraufhin feuerte ich mein Gewehr mehrmals hinter einander ab und alsbald wurden Stimmen laut. Nicht lange, so ließen sich Ruderschläge vernehmen, ein Boot mit zwei Männern darin näherte sich uns und nach einer kleinen Weile landeten wir in Qvickjok, welcher Ort 100 km von dem Sulitelma entfernt sein soll.
Er liegt nahe 66° 55' nördl. Br. an dem Ende des Saggatjaur, des ersten großen Wasserbeckens unter der zu dem Lilla-Lule (lilla = klein) gehörenden Reihe von Seen. Dicht bei dem Dorfe eilt auch der aus einem kleinen See in den Bergen kommende, munter über Felsen dahinrauschende Kamajoki vorüber.
Der See, 320 m über dem Meeresspiegel gelegen, birgt großen Reichtum an Fischen, denn sind auch über das Gebiet der Fichten und Föhren hinaus Hechte und Barsche in den Seen nicht zu treffen, so finden sich doch Schare und Forellen in allen Gewässern bis zur obersten Grenze der Birkenregion, über welche Höhe hinaus Fische dann vollständig verschwinden.
Das obere Ende des Sees bot eine außerordentliche Mannigfaltigkeit der Vegetation, deren Anblick, nachdem ich so überaus öde Strecken durchwandert, meinen Augen doppelten Genuß gewährte. In dem Garten des Pfarrhauses gediehen weiße und gelbe Rüben, Rettiche, Petersilie, Spinat, Lattich, Schalotten und Rhabarber; von Blumen: Calendula (Ringelblume), Reseda, Iberis (Bauernsenf), Baptisia, Stellaria (Steinmiere), Malven, Tagetes, Aquilegia (Akelei), Campanula (Glockenblume), Dianthus (Nelke) und Convolvulus (Winde).
Das Wetter war schön, am 13. August zeigte das Thermometer vormittags um 11½ Uhr 12° im Schatten und 39° in der Sonne.
Meine beiden Führer hatten das dem wackern Bauern von Fagerli gegebene Versprechen treulich erfüllt und wünschten nun zurückzukehren nach ihren Bergen, so zahlte ich ihnen denn den wohlverdienten Lohn und wir trennten uns als die besten Freunde.
Die Entfernung von Qvickjok bis zu dem Ufer des bottnischen Meerbusens beträgt 200 km; die Reise bietet keinerlei Beschwerden und läßt sich größtenteils zu Wasser über eine Reihe von Seen bewerkstelligen. Kleine Flüsse verbinden diese Seen unter einander, sind jedoch, ihrer zahlreichen Stromschnellen wegen, nicht schiffbar, weshalb man auf diesen Strecken die Landstraßen benutzen muß; an den Seen selbst – einer fortlaufenden, allmählich sich senkenden Kette von Wasserbecken, die der Landschaft einen eigenen Reiz verleihen – findet man dagegen überall Bootsstationen. Der Saggatjaur, etwa 30 km lang, mit einem Wasserfall an seinem unteren Ende, liegt 320 m über dem Meeresspiegel; der Tjåmåtisjaur und der Skalkajaur zusammenhängend, ohne Stromschnellen, 48 km lang und 310 m über der See; der Parkijaur, 8 km lang und 300 m, der Randijaur 280 m, der Purkijaur gleichfalls 280 m und der Vajkijaur 260 m über dem Meeresspiegel.
Am 14. August trat ich von Qvickjok aus die Weiterreise an, an dem unteren Ende des Sees gebot indes eine Masse von Felsen und Steinblöcken der Schiffahrt Halt; schon kündete die Gewalt der Strömung die Nähe des Falles, eine rasche Schwenkung aber brachte uns seitwärts an das linke Ufer des Flusses. Ein Marsch von zwanzig Minuten und der Tjåmåtisjaur samt dem dicht an seinem Ufer, nahe der Stelle, wo der tosende Ausfluß des Saggatjaur sich in den Tjåmåtisjaur ergießt, gelegenen Niavi war erreicht. Niavi, ein sehr schönes Gehöfte, enthielt in seinem Wohnhaus mehrere geräumige Zimmer, das Speisezimmer, ein Muster von Reinlichkeit, hatte tapezierte Wände aufzuweisen, der tannene Fußboden hätte unmöglich weißer sein können und die gut bereiteten Speisen wurden in einladender Weise aufgetragen. Zehn Kühe, vier Pferde und ungefähr zweihundert Renntiere, welche den Viehbestand bildeten, befanden sich teils im Wald auf der Weide, teils in den Bergen; die Heuernte war vor der Thüre, Kartoffeln standen sehr gut, auch der Hafer färbte sich golden und konnte gleichfalls bald eingebracht werden.
Meine neuen Bootsleute, zwei kräftige, junge Bauernburschen, handhabten, obgleich sie ein hartes Tagewerk hinter sich hatten, die Ruder mit großem Eifer. Die Haare fielen ihnen bis auf die Schultern herab, ich war deshalb auch keineswegs erbaut, als beim Eintritt der Abendkühle einer von ihnen den Rock auszog und darauf bestand, daß ich denselben umnehme, ich wußte wohl, welche Strafe meiner dafür warte, schließlich mußte ich aber doch seinem gutgemeinten Drängen nachgeben.
Die Ufer des Tjåmåtisjaur boten einen wenig interessanten Anblick; die höheren Hügel liegen ziemlich weit von demselben entfernt und die ganze Gegend wurde immer weniger malerisch, je mehr wir uns nach Osten wandten.
Nach einer Fahrt von ungefähr 20 km kamen wir nach dem aus mehreren Gehöften bestehenden Tjåmåtis und an den Ausfluß eines aus dem Wasser mehrerer Seen gebildeten starken Stromes. Von hier aus verengte sich der Tjåmåtisjaur zu einem mehrere hundert Meter langen Kanal, um alsdann in den Skalkajaur überzugehen, an dessen unterem Ende, auf der Insel Björkholm, wir eine Bootsstation trafen. Das Haus war wie gewöhnlich unverschlossen, der Mann abwesend, die Frau jedoch, welche bereits zu Bette gelegen, setzte uns sofort ein Abendessen vor und besorgte auch ein Lager für mich. Nur eine Stunde lang rasteten meine Bootsführer, dann, nachdem sie mir, wie dies der allgemeine Brauch, treuherzig die Hand geschüttelt, kehrten sie nach Niavi zurück, denn ihre Anwesenheit zu Hause war nötig und sie wollten, obschon sie den ganzen Tag über hart gearbeitet und nun obendrein noch diese anstrengende Fahrt gemacht, um keinen Preis ihre häuslichen Geschäfte vernachlässigen.
Auf einem schmalen Pfad gelangte ich an den Parkijaur und nach einstündiger Ruderfahrt an sein unteres Ende, von wo aus ein kurzer Marsch mich nach dem Randijaur und einem Gehöfte brachte – der einzigen Wohnstätte weit und breit.
Am anderen Ende des Sees lag wieder eine Station; eine kurze Bootfahrt, dann auf einer guten durch den Wald führenden Straße vorwärts und der Vajkijaur war erreicht. Eine große Herde Renntiere weidete hier auf dem mit Flechten überzogenen Boden, die Landschaft ringsum zeigte indes ein sehr alltägliches Aussehen. Von hier aus ging es abermals zu Boot, dann wieder eine Stunde lang zu Fuß weiter und endlich lag das von Lappen bewohnte Dorf Jockmock vor uns.
Jockmock besitzt eine Kirche und Schule nebst einem ständigen Geistlichen. Das sehr merkwürdig aussehende Gotteshaus mit dem abseits stehenden Glockenturm liegt auf einem Hügel, dessen Fuß der Lilla-Lule bespült, und stammt aus dem Jahre 1753, eine andere jetzt nicht mehr benutzte gar aus dem Jahre 1607. In dem Brunnen der Pfarrei befand sich eine nahezu 1 m dicke Eis- und Schneekruste, überhaupt ist der Boden nur etwa für die Dauer von drei Monaten schneefrei, manchmal erreicht der Schnee eine Höhe von 1½ m, das Eis auf den Seen eine Stärke von 1 m, während der Boden selbst bis zu einer Tiefe von 2 m fest gefroren ist.
Eine der Hauptbeschäftigungen der Bewohner ist die Muschelfischerei in dem Fluß und enthalten viele der Muscheln Perlen von bedeutendem Werte.
Der unter dem Namen Lule-Lappmark bekannte, 3460 km2 umfassende Landstrich besteht aus zwei Socknar (Pfarreien) und besitzt die Pfarrei Jockmock in ihren vier Bezirken oder Byars – Jockmock, Tuorpenjaure, Sirkasluokt und Skokksjok – deren jeder seine eigenen Weideplätze in den Bergen hat, eine Bevölkerung von 648 Seelen. Sehr wenige von diesen Lappländern dehnen ihre Streifzüge bis zur norwegischen Küste aus.
Von Jockmock aus ist der Luleå bis nach Storbacken, eine Entfernung von 40 km, der fast ununterbrochen aufeinanderfolgenden Stromschnellen wegen, nicht schiffbar, dafür beginnt hier eine Landstraße, welche, zur Zeit der großen Hungersnot 1867 in Angriff genommen, erst vor wenigen Jahren vollendet wurde. Mit unauslöschlicher Schrift steht dies Jahr in der Geschichte des nördlichen Europas verzeichnet; ein frühzeitig eintretender heftiger Frost vernichtete die Ernte, namenloses Elend, Krankheit und Tod waren die Folgen, Flechten und zerkleinerte Birkenrinde mit ein klein wenig Mehl vermischt, darin bestand die Nahrung der Unglücklichen, nachdem das Vieh geschlachtet und sonst nichts mehr übrig geblieben war. Im nächsten Jahre ergoß sich dann ein gewaltiger Strom von Auswanderern nach Amerika.
Durch eine einförmige Gegend, an Sümpfen entlang und über weite, mit Granitblöcken übersäete Flächen, zieht diese Landstraße sich hin, welche, den an den Bäumen befestigten Wolfsfallen nach zu urteilen, nicht so ganz ungefährlich sein kann. Zu Zeiten kamen wir auch an einen ungemein traurigen Anblick bietenden, niedergebrannten Waldstrecken vorüber. Diese Waldbrände entstehen zumeist nur durch die Nachlässigkeit der Lappen und sonstigen Waldbewohner, welche es unterlassen, ihre Lagerfeuer gehörig zu löschen, der durch dieselben verursachte Schaden aber ist ungeheuer, denn das Wachstum der Bäume geht in diesen Regionen nur sehr langsam vor sich. Es bedarf eines Zeitraumes von mindestens hundertundfünfzig Jahren, ehe ein Baum die Stärke von etwa 30 cm im Durchmesser erreicht und gar manchen findet man, der kaum 15 cm im Durchmesser mißt, dabei aber ein Alter von mehr denn zweihundert Jahren aufzuweisen hat. Tausende und abertausende mächtiger Fichten lagen entweder verbrannt und verkohlt am Boden oder ragten, ihrer Zweige und Nadeln beraubt, gleich geschwärzten Säulen in die Luft empor, während Haufen von Kohlen und Asche rings den Boden deckten. Kein Grashalm, kein noch so kleines Moosbüschel entsproßte dem versengten Boden, hier und da aber war – eine wunderbare, unerklärliche Erscheinung – ein einzelner Baum oder eine Gruppe von Bäumen unversehrt geblieben mitten im Flammenmeer, indes alle Genossen ringsum der Gewalt des vernichtenden Elementes zum Opfer gefallen.
Je weiter wir auf unserer Reise gelangten, um so besser ward das Aussehen der Gehöfte, manche derselben konnten eines kleinen Gartens mit Rettichen, Zwiebeln, Lattich und Erbsen darin sich rühmen. In einzelnen Häusern waren auch die Zimmer hübsch tapeziert, Porzellanöfen schmückten die Räume, und den fremden Gästen zu Ehren ward ein weißleinenes Tafeltuch beim Essen über den Tisch gebreitet.
Vuollerim liegt allerliebst, dicht bei einem hufeisenförmigen Wasserbecken, umgeben von Gerste-, Hafer- und Kartoffelfeldern, sowie grünen Wiesen. Die Dächer der Häuser waren mit Birkenrinde gedeckt, über welcher, zum Schutz gegen den Wind, starke Balken lagerten; auf verschiedenen der Dächer befand sich auch eine Plattform zum Trocknen des Fleisches der im November geschlachteten Renntiere und Schafe.
Nicht weit von dem Dorfe entfernt vereinigt der Lilla-Lule seine Wasser mit denjenigen des Stora-Lule (stora = groß), welcher, nachdem er eine mächtige Stromschnelle gebildet, als Porsi-Fall etwa 3 m hoch herabstürzt.
Der Stora-Lule, wie auch der Lilla-Lule, ist der Ausfluß einer Reihe von Seen, deren nördlichster, der Virijaur, am Fuße des Riesengletschers Sulitelma, 650 m über dem Meeresspiegel liegt. In seinem weiteren Laufe bildet der Stora-Lule den Niommelsaska-Fall, welcher besonders im Juli, zu welcher Zeit die Wassermasse am bedeutendsten ist, von erhabener Schönheit sein soll, überhaupt ist ein Teil des Flusses eine einzige gewaltige Stromschnelle mit einem Fall von 80 m, so stürzt er z. B. an einer Stelle eine Höhe von 35 m herab. Noch großartiger ist der Fall von Adnamuorki-Kortje, da wo die Wasser des Sees Gjertejaur sich 45 m hoch hinab in den See Pajiplolilujaur wälzen; im ganzen hat der Fluß auf der Strecke zwischen Jockmock und Storbacken, einem einige Kilometer unterhalb Vuollerim gelegenen Orte, bei welchem die Landstraße endigt, einen Fall von über 200 m.
Eine der merkwürdigsten Erscheinungen innerhalb des Polarkreises ist der große Unterschied der Temperatur in der Sonne und im Schatten; aus den seither schon gegebenen Aufstellungen wird der Leser die wirklich überraschende Macht der Sonnenstrahlen, deren Glut am größten ist, wenn sie durch schwere bleifarbene Wolkenmassen brechen, zu erkennen vermögen. Sobald man aber aus der Sonne in den Schatten tritt, macht sich der Unterschied in so empfindlicher Weise bemerkbar, daß man sich häufig eines Frostschauers nicht zu erwehren vermag. Bei meinen Beobachtungen verwandte ich stets mehrere Thermometer gleichzeitig, in der Sonne benutzte ich die gewöhnlichen Glasthermometer mit geschwärzter Kugel, welche ich, größerer Vorsicht halber, jedoch in meinen Filzhut legte, um sie vor dem Winde zu schützen, denn der geringste sie berührende Luftzug ließ sie sofort um mehrere Grad sinken.
Am 18. August zeigte das Thermometer morgens um 8 Uhr 9°; um 9 Uhr 27° in der Sonne; zur Mittagszeit 12° im Schatten; um 2 Uhr nachmittags 12° im Schatten und um 3½ Uhr 38° auf dem Wasser in der Sonne.
Am 19. August stand das Thermometer abends um 6 Uhr auf 10°, die Luft wurde jedoch kühler, je weiter der Abend vorschritt, dabei war der Himmel ganz klar, um 11 Uhr betrug die Temperatur nur noch 4° und man fürchtete Frost für die Nacht. Diese Übergänge kamen ganz allmählich bei vollkommener Windstille, den ganzen Abend hindurch regte sich kein Lufthauch; um Mitternacht zeigte das Thermometer gar 3°, fiel aber noch tiefer im Laufe der Nacht.
Am 20. August morgens bedeckte dichter Reif den Boden, und obgleich die Sonne schien, stand das Thermometer doch auf 0°, glücklicherweise hatte indes das Korn durch den Frost keinen Schaden genommen.
In diesen Regionen sollen zwischen dem 20. und 24. August starke Fröste häufig eintreten, gewöhnlich leiden dann die Feldfrüchte Not, wenn sie nicht überhaupt ganz vernichtet werden; gehen diese Tage jedoch vorüber, ohne Schaden zu bringen, so kann man die Ernte meist für gesichert halten.
Zur Zeit unserer Anwesenheit hatten die Walderdbeeren bereits ihre Reife erlangt; Sperlinge waren in großen Mengen in der Nähe von Gehöften zu finden und die Schwalben zogen es vor, noch hier zu verweilen, anstatt ihren Flug nach dem Süden zu richten.
Auf dem Wege von Storbacken nach dem Meere bildet der Lule zwei Seen und zwischen diesen, bei dem etwa 40 km entfernten Edefors, einen schönen Fall. Der zweite See liegt 35 m über dem Meeresspiegel und 10 km weiter wird der Fluß wieder schiffbar bis nach Hedensfors, wo sich abermals ein Fall befindet, von dessen Fuße bis nach Luleå alsdann ein Dampfer die Verbindung übernimmt.
An diesen beiden Seen sind die Dörfer und Gehöfte zahlreicher und auch größer; wohlbestellte Felder und schöne Wälder wechseln in dem anmutigen Landschaftsbild.
Der Roggen liefert hier oftmals reiche Ernte, auch in diesem Jahre stand er sehr gut, viele der Halme zeigten eine Höhe von 2–2½ m, einzelne sogar noch mehr.
Zahlreich waren Blåcklint (Kornblume, Centaurea cyanus) und Klatschrosen, deren lebhafte Farben das Auge erfreuten, dabei war jedoch etwa 1 m unter der üppigen Vegetation der Boden fest gefroren.
In Råbåck trafen wir den Dampfer »Gellivara«, welcher bald nach unserer Ankunft die Fahrt flußabwärts antrat. Der Strom verbreiterte sich immer mehr, an verschiedenen Punkten machten wir Halt, kamen auch an einer landwirtschaftlichen Schule vorüber und langten endlich abends vor Luleå an.
Luleå, nach Haparanda die nördlichste Stadt, liegt unter 65° 41' nördl. Br. an der Mündung des Flusses gleichen Namens. Hier befindet sich der Sitz des Landshöfding (Gouverneur) der bis zur äußersten Nordspitze sich dehnenden Län (Provinz) Norrbotten, auch besitzt die aus stattlichen, meist weiß oder rot angestrichenen Holzhäusern bestehende Stadt mehrere große Warenhäuser, denn gleich allen an Flußmündungen gelegenen schwedischen Städten ist sie ein bedeutender Handelsort und gleichzeitig Stapelplatz für Waren aller Art. Besonders der Handel mit Bauholz wird von hier aus in schwunghafter Weise betrieben und zahlreiche mit demselben befrachtete Schiffe verlassen alljährlich den Hafen; bloß zur Sommerszeit indes, wenn die Dampfer den Verkehr vermitteln, ist er von Bedeutung, da im Winter Waren auf dem Landwege nur mit hohen Kosten befördert werden können.
Apfel- oder Kirschbäume gedeihen unter diesen Breitegraden nicht, von Blumen aber bemerkte ich: Georginen, Astern, Petunien, Dielytra (Jungfernherz), Delphinium (Rittersporn), Zinnia, Belli (Maßlieb), Digitalis (Fingerhut), Hesperis (Nachtviole), Antirrhinum (Löwenmaul), Lupinen, Veilchen, Deutzia, gefüllte Nelken, Päonien, Tulpen, Anemonen, Lilien und Flieder.
Die Tage nahmen rasch ab, am 24. August umgab uns um 10½ Uhr die Nacht bereits völlig mit ihrem Schatten, hell funkelten die Sterne über unseren Häuptern und mit Freuden begrüßte ich den drei Monate lang entbehrten Mondschein wieder; seit ich Norwegen verlassen, war der Himmel fast immer bewölkt gewesen. Um elf Uhr abends prangte die Aurora borealis – die erste in diesem Herbste – in vollem Glanz am Himmelsgewölbe. Ihr Erscheinen vor Mitternacht wird in diesen Breitegraden als Verkünderin nördlicher und östlicher Winde betrachtet, ist sie nach Mitternacht sichtbar, so glaubt man dagegen auf den Eintritt südöstlicher Winde rechnen zu dürfen.