Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Achtzehntes Kapitel. Im Winter bei den Lappen.
Wintertracht der Lappen. – Renntierschlitten. – Das Abrichten der Renntiere. – Lappenkåta im Winter. – Harte Lebensweise der Lappen.
Muoniovaara zur Winterzeit unterschied sich wesentlich von dem Muoniovaara, welches ich im Sommer geschaut; sonderbar geformte Lappenschlitten, mit prächtigen Renntieren bespannt, füllten den Hof, und überall standen Lappen in Gruppen plaudernd beisammen. Trefflich dem Klima angepaßt und dabei überaus bequem ist die Kleidung der Lappen; die Erfahrung hat sie gelehrt, wie wichtig es ist, alles zu vermeiden, was den Blutumlauf hemmen und damit die animalische Wärme des Körpers beeinträchtigen könne, und so ist die aus Renntierfellen gefertigte, bis über die Kniee herabreichende Winterkapta vollkommen lose, hat auch nur einen Schlitz zum Hindurchstecken des Kopfes aufzuweisen, und schließt dabei so dicht um den Hals, daß weder Schnee noch kalte Luft einzudringen vermögen. Die Ärmel sind gleichfalls weit, und am unteren Rand, wo die Haare von dem Pelz entfernt sind, mit einem Tuchstreifen besetzt. Unter der Kapta tragen sie gewöhnlich ein oder zwei dicke wollene Untergewänder und über diesen häufig noch eine Weste aus sehr weichem Renntierleder; bei sehr kaltem Wetter aber außerdem noch eine zweite Kapta unter der oberen und zwar mit den Haaren nach innen gekehrt. Die Beinkleider werden aus dem Fell vom Beine des Renntieres gefertigt, welches als das wärmste Stück gilt, und über dicht anliegenden, wollenen Unterbeinkleidern um die Hüften mit einer Schnur befestigt, wenn kurz, auch oberhalb des Kniees gebunden. Am unteren Ende ist das Fell gleichfalls enthaart und das Leder so geschmeidig gemacht, daß die Beinkleider sich bequem in die Schuhe stecken lassen. Diese selbst sind das Wärmste und Zweckmäßigste, was man in dieser Art überhaupt haben kann, sie sind so weit, daß der mit doppelten Strümpfen bekleidete Fuß noch obendrein tüchtig in Gras eingehüllt werden kann, während ein langer Lederriemen, vielfach um den Knöchel geschlungen, nicht nur die Befestigung der Fußbekleidung vermittelt, sondern auch das Eindringen von Schnee und Kälte aufs wirksamste verhindert. Ich gebrauchte die Vorsicht, mir stets von einem der Eingebornen die Schuhe mit Gras ausfüllen und auch anziehen zu lassen, und so hatte ich während der ganzen Winterzeit nicht ein einziges Mal an kalten Füßen zu leiden. So trefflich sich indes diese Schuhe auch bei trocken-kaltem Wetter bewähren, so genügen sie doch nicht, wenn es sich darum handelt, gegen die Nässe Widerstand zu leisten, und so treten im Frühling, sobald der Schnee anfängt zu schmelzen, sowohl bei den Lappen wie bei den Finnländern Schuhe aus enthaarten Häuten an ihre Stelle.
Wintertracht der Lappen.
Die Kopfbedeckung der Lappen zeigt, je nach den einzelnen Bezirken, verschiedene Form, bei der z. B. in Muoniovaara gebräuchlichen ist der obere, mit Eiderdaunen gefüllte Teil viereckig, dabei entweder rot oder blau von Farbe, indes der breite Rand, welchen man beliebig über die Ohren ziehen oder emporkrempeln kann, aus Otternpelz hergestellt ist; bei sehr windigem Wetter wird außerdem die Mütze noch durch eine, das Gesicht vollständig verhüllende, Pelzmaske vervollständigt. Auch die Fausthandschuhe aus Pelzwerk, welche man über dicken, wollenen Handschuhen trägt, sind überaus warm und dabei so lang, daß sie über den unteren Rand der Kaptaärmel reichen und somit die Hände wie das Handgelenk aufs beste gegen die Kälte schützen.
Eine überaus eigenartige Gestalt zeigen auch die verschiedenen Gefährte der Lappen, im Hofe des Stationsgebäudes von Muoniovaara fand ich deren eine bunte Auslese versammelt. Die Kerres, welche sowohl zur Beförderung von Personen, wie von Waren Verwendung finden, zeigen die Gestalt eines offenen Bootes, sind aus schwachen tannenen Planken gefertigt und an der Innenseite mit starken Rippen versehen, messen etwa 2 m in der Länge, an der breitesten Stelle knapp 1 m und haben einen starken, etwa 10 cm breiten Kiel. Je höher derselbe ist, um so schneller geht die Fahrt vorwärts, denn was die Schiene für den Schlittschuh, das ist er für das Schlittenboot, dessen Seitenwände die Schneemassen, sobald diese nur einigermaßen fest geworden sind, gar nicht einmal berühren. Dasselbe gilt von den Pulkas (in Norwegen Akja), deren Kiel meistenteils eine Höhe von 6 cm zeigt, und die ebensowohl zur Warenbeförderung wie auch als regelrechte Postschlitten benutzt werden. In letzterem Falle sind sie stets sehr gut ausgestattet; der vordere Teil bildet eine Art Kasten, dessen Deckel ein Überzug von Seehundsfellen deckt, während das Kopfteil häufig gepolstert und ringsum mit glänzenden Kupfernägeln beschlagen ist. Wieder eine andere Art, Lokke-Kerres, ist vollständig geschlossen und vertritt die Stelle eines Koffers, in welchem Kleidungsstücke, Schmucksachen, die Bibel sowie sonstige Erbauungsbücher und außerdem Kaffee, Zucker und Mehl, kurz, alle diejenigen Vorräte zur Aufbewahrung gelangen, welche nicht jedem Wechsel der Witterung ausgesetzt werden können. Jeder Schlitten faßt nur eine einzige Person, ist auch bloß mit einem Renntiere bespannt, und das sehr einfache Zaumzeug besteht aus einem Kummet, von dessen unterem Teil der lederne Zugriemen ausgeht, welcher in dem am Vorderteil des Schlittens befindlichen starken Lederring befestigt ist. Stangengebisse sind nicht gebräuchlich; der aus geflochtenen Lederriemen bestehende Zügel wird vielmehr einfach um den Ansatz des Geweihes geschlungen, doch erfordert das Anschirren stets große Behutsamkeit, indem die Tiere sehr schreckhaft sind und oftmals bei dem geringsten Geräusche furchtsam beiseite springen. Große Vorsicht ist auch beim Besteigen des Schlittens notwendig, man muß den Zügel fest um die rechte Hand schlingen, sich dabei aber ebensowohl hüten, ihn zu straff anzuziehen, als ihn zu lose herabhängen zu lassen, denn auf diese Weise kann er leicht unter den Schlitten geraten, und es kommt häufig vor, daß dann der Fahrende eine Strecke weit geschleift wird, ehe es ihm gelingt, die Hand wieder frei zu machen. Ein Neuling in der Kunst des Renntierfahrens muß deshalb beständig auf seiner Hut und vor allen Dingen darauf gefaßt sein, daß er unzählige Male umgeworfen wird, ehe er überhaupt lernt, ein solches Gespann zu lenken. Will man das Tier zum Stehen bringen, so muß man den Zügel nach der linken Seite werfen, nach der rechten dagegen, sobald man es zu größerer Schnelligkeit anzutreiben wünscht; dies letztere ist indes kaum jemals nötig; was mich persönlich anbetrifft, so konnte ich niemals ein Renntier zu langsamerer Gangart veranlassen, denn sie mäßigen ihren Lauf nur im Falle sehr großer Müdigkeit.
Am gefährlichsten ist immerhin eine Fahrt hügelabwärts, denn die Schnelligkeit, mit welcher der Schlitten auf der abschüssigen Schneedecke hingleitet, übertrifft diejenige des Renntieres ganz bedeutend, und die Lappen suchen sie dadurch abzuschwächen, daß sie, mit gebogenen Knieen rittlings auf dem Schlitten sitzend, ihre Füße gleichzeitig als Steuer wie als Hemmschuh benutzen. Wer nicht von Jugend auf an diese Kraftübung gewöhnt ist, läuft Gefahr, sich bei dem bloßen Versuch die Glieder zu brechen, und so wollten meine lappischen Freunde mir niemals gestatten, denselben zu wagen; vielmehr mußte ich mich eines kurzen Stockes bedienen, den ich mit aller Kraft in die Schneemassen eintrieb, und dadurch die übermäßige Geschwindigkeit des Schlittens minderte. Manche Berg- und Hügelwände sind aber selbst für die Gewandtheit der Lappen zu steil und sie sind auf ein ganz praktisches Auskunftsmittel verfallen: sie befestigen nämlich die Renntiere hinter den Schlitten, und diese, die es durchaus nicht vertragen können, an dem Geweihe gezerrt zu werden, geben sich die erdenklichste Mühe loszukommen, wodurch das Fuhrwerk dann selbstverständlich weniger schnell abwärts gleitet. Natürlich kommt es hierbei vor allem darauf an, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, was übrigens schon unter gewöhnlichen Umständen schwierig genug ist; so muß man z. B., wenn der Schlitten am Fuße eines Hügels angekommen, nach der einen oder der anderen Seite abschwenkt, sich so weit wie möglich nach der entgegengesetzten Seite beugen, widrigenfalls man unfehlbar umgeworfen und von seinem Sitze geschleudert wird, und ist es, je schneller die Fahrt vor sich geht, auch um so schwieriger, den richtigen Augenblick zur Ausführung dieses Manövers zu erhaschen.
Muoniovaara bot eine treffliche Gelegenheit, mich in der Lenkung der Renntiere zu üben; Herr Gustaf, der eine von Herrn Forsströms Söhnen, bot sich mir als Lehrer an und so begaben sich eines schönen Morgens zwei mit Lassos ausgerüstete Knechte auf ihren Schneeschuhen nach dem etwa 9 km entfernten Walde, wo die zum Ziehen abgerichteten Tiere zusammen mit der übrigen Herde sich zur Zeit befanden, denn man kann Renntiere niemals in Ställen unterbringen, sondern muß sie, Sommers sowohl wie Winters über, stets im Freien lassen.
Nach einer Weile kehrten die Männer mit fünf prächtigen Tieren zurück, sie wurden angeschirrt und ich nahm meinen Sitz in dem Schlitten ein. Als man mir den Zügel um Hand und Arm schlang, wagte ich eine Einwendung, indes bedeutete man mich, diese Maßregel sei unbedingt notwendig, weil sonst, wenn ich umgeworfen würde, das Tier ohne mich weiterrennen würde. Die Aussicht war nicht sehr ermutigend, indes glaubte ich damals noch nicht, daß diese Voraussetzung sich auch notwendigerweise erfüllen müsse, sondern grüßte wohlgemut nach den Fenstern des Wohnhauses, wo, zwischen den Gardinen versteckt, die hübschen Töchter des Hauses mit übermütig lachenden Augen den Vorbereitungen zuschauten; ach! sie wußten nur zu gut, was mir bevorstand, ich aber befand mich in glücklicher Unwissenheit des meiner harrenden Schicksals! Endlich waren wir fertig, das Zeichen zur Abfahrt ertönte, Gustaf, welcher die Führung übernehmen sollte, sprang in den Schlitten und in sausendem Galopp rannte sein Renntier den nach dem Fluß hin abfallenden Hügel hinab. Mein Tier folgte in dem nämlichen rasenden Tempo; von einer Seite zur andern wurde mein Schlitten geschleudert, nur wenige Meter weiter und er warf um, ich aber kollerte hinter ihm her, bis es meinem Vierfüßler gefiel, stille zu stehen.
Als ich endlich wieder imstande war, auf meine Füße zu gelangen und um mich zu blicken, war Gustaf weit voraus, der Knecht aber, welcher bestimmt gewesen den Schluß des Zuges zu bilden, befand sich dicht an meiner Seite, bereit mir zu helfen. Er mochte es wohl für nötig halten, meinen sinkenden Mut durch eine tröstliche Zusprache aufzurichten, und so sagte er: »Wenn jemand noch nie mit einem Renntier gefahren, konnte er unmöglich diesen Hügel herunterkommen, ohne umzuwerfen.« Als ich mich hierauf jedoch über die ungeheure Schnelligkeit des Tieres beklagte, wurde mir die Versicherung zuteil, daß es eines der langsamsten und zuverlässigsten Geschöpfe der ganzen Herde sei. Ich mußte diese Angabe wohl auf Treu und Glauben annehmen, obgleich die Erfahrung, die ich hierbei machte, derselben zu widersprechen schien; kaum hatte ich den Schlitten wieder bestiegen, so lag ich auch abermals neben demselben. Endlich am Fuße des Hügels angelangt, traf ich mit Gustaf zusammen, der mich mit der Bemerkung empfing: »es sei eine vorzügliche Strecke, um das Schlittenfahren zu lernen« – in diesem Augenblick vermochte ich es freilich nicht über mich, seiner Ansicht zuzustimmen, trotzdem war er vollkommen im Recht, denn es ging hierbei wie bei jemand, der sich zum ersten Male aufs Meer wagt: erlebt er dann gleich einen Sturm, so bleibt er für die Zukunft von den Schrecken der Seekrankheit verschont. Auf dem Fluß angelangt, war das Terrain, weil eben, schon günstiger, die Fahrbahn außerdem wirklich gut, auch ging, da das Renntier des vorderen Schlittens sich nunmehr in langsamem Tempo vorwärts bewegte, mein eigenes Tier gleichfalls in mäßigem Schritt, und so schlug ich bei der etwa zehn Minuten dauernden Fahrt wirklich nur viermal um. Auf dem Rückwege traf mich dasselbe Geschick noch zu verschiedenen Malen, doch war ich im ganzen vollständig zufrieden mit dem Ergebnis dieser ersten Unterrichtsstunde, um so mehr, als ich mit heilen Knochen davongekommen war.
Am folgenden Morgen wurde mir abermals eine Übungsfahrt angesetzt, diesmal die nach den Gespannen ausgesandten Knechte jedoch beauftragt, die besten Renner der Herde auszuwählen. Nach Verlauf von vier Stunden kehrten sie denn auch mit drei sehr schönen, mit herrlichen Geweihen geschmückten Tieren zurück, deren Schnelligkeit diejenige des schnellsten Pferdes übertraf. Da wir die Absicht hatten, in einem etwa 40 km entfernten Lappländerlager einen Besuch abzustatten, so hatte Gustaf sein bestes Pelzkleid angelegt, welches, sowohl der Rock wie auch Schuhe und Handschuhe, eine fast ganz weiße Farbe zeigte. Das Wetter war kalt, aber sehr klar und vollkommen windstill, das Thermometer stand auf 28° unter 0°, gerade die Temperatur, bei welcher Renntiere sich am behaglichsten fühlen und die größte Lebhaftigkeit entwickeln.
Während ein Knecht mein Renntier festhielt, machte ich es mir in der Pulka bequem und schlang sorgfältig die mir gereichten Zügel um mein Handgelenk, in demselben Augenblick jedoch, noch ehe Gustaf zur Abfahrt fertig geworden, setzte sich dessen Renntier in Trab und es blieb ihm kaum so viel Zeit, um sich auf das Gefährte zu werfen. Dieser unerwartete Aufbruch gab das Zeichen zu einem wilden Jagen, ein Tier suchte das andere zu überholen. In tollem Laufe rannten sie eine ziemliche Weile dahin, dann gelang es Gustaf zuerst, seinen Durchgänger zum Stehen zu bringen, nicht aber ohne dabei umzuschlagen und mit seinem Schlitten den Weg zu versperren. Mein Vierfüßler dachte noch nicht daran, seinem Ungestüm Einhalt zu thun, mit einer scharfen Seitenschwenkung suchte er an dem Hindernis vorüberzukommen, dabei geriet der Schlitten indes in so verderbliche Berührung mit einem Pfosten, daß ich in Gefahr schwebte, mir die Glieder zu zerschmettern, glücklicherweise lief der Zusammenstoß jedoch besser ab, als zu erwarten stand. Ich flog nur kopfüber aus meinem Schlitten heraus und wurde, mich einmal ums andere Mal dabei überschlagend, hinter dem Schlitten hergezerrt, bis der Zügel meiner Hand entglitt, worauf mein Renner, des letzten Widerstandes ledig, in so sausendem Galopp davonsprengte, als ob alles hinter ihm in Flammen stehe. Als ich mich endlich aus dem tiefen Schnee herausgewühlt hatte, war er schon weit davon und Gustaf eilte, so rasch er konnte, hinter dem Flüchtling drein, während der Knecht, welchen ähnliches Schicksal wie mich betroffen hatte, sich nach Kräften bemühte, sein ungeberdiges Tier zur Vernunft zu bringen. Nachdem Gustaf etwa eine Meile weit hinter dem wild gewordenen Traber einhergejagt war, gelang es ihm endlich ihn einzuholen und wieder zurückzubringen; unsere so glänzend geplante Auffahrt war jämmerlich zu schanden geworden und in ziemlich kleinlauter Stimmung setzten wir uns nun abermals in Bewegung. Diesmal trug Gustaf Sorge, mir selbst den Zügel fest um das Handgelenk zu schlingen, denn es verlangte ihn nicht nach einer Wiederholung der kaum überstandenen wilden Jagd. »Das Tier kann nicht durchgehen«, sagte er dabei, »wenn Sie den Zügel nicht fahren lassen, sondern wird von selbst anhalten, sobald es merkt, daß Sie aus dem Schlitten gefallen sind.« Ich nahm mir vor, seiner Weisung Folge zu leisten, mußte aber trotz alledem bei dieser, wie auch bei späteren Fahrten, die Erfahrung machen, daß es den Tieren nicht immer gefiel, sogleich anzuhalten, sondern daß sie, woran vermutlich mein geringes Gewicht die Schuld trug, erst dann mein Herausfallen aus dem Schlitten bemerkten, nachdem ich schon eine ziemliche Strecke weit durch den Schnee geschleift worden war; doch lernte ich es allmählich, mich besser im Gleichgewicht zu erhalten und in kritischen Momenten durch Herauslehnen des Oberkörpers aus dem Schlitten der Gefahr des Umschlagens überhaupt zu entgehen.
Die Straße, auf welcher wir unseren Weg weiter verfolgten, war, wie die tiefen Furchen deutlich erkennen ließen, bereits vielfach befahren worden, und so flogen unsere Fuhrwerke mit einer Geschwindigkeit von 24 km per Stunde dahin. Noch rascher, einer Eisenbahnfahrt vergleichbar, ging es hügelabwärts, in einem Tempo von 30–50 km per Stunde sausten wir zu Thal, daß alles ringsum mit Windeseile an uns vorüberglitt und die Tiere bei ihrem raschen Vorwärtstraben uns unaufhörlich die harten Schneekörner ins Gesicht schleuderten. Sie schienen mit den Füßen den Boden kaum zu berühren und dabei machte sich ein eigentümlich klapperndes Geräusch unausgesetzt bemerkbar, denn der Huf eines Renntieres breitet sich aus einander, sobald er den Boden berührt, klappt aber zusammen, wenn der Fuß sich wieder hebt. Eine andere Eigentümlichkeit ist, daß das Renntier beim Laufen den Kopf stets vornüber geneigt trägt.
Eine Strecke weit waren wir gefahren und hatten auch bereits die Decke mehrerer Seen passiert, als wir zu einem Fichtenwalde gelangten. Der durch denselben führende Pfad war ganz gut, trotzdem aber verließen wir, da Gustaf bei meiner Ungeschicklichkeit im Fahren einen Unfall befürchtete, unsere Schlitten, um neben unseren Tieren herzugehen; es dauerte nicht lange, so kündete das laute Bellen der Hunde die Nähe eines Lappländerlagers an und gleich darauf erblickten wir auch schon ein Kåta vor uns. Gustaf kannte dessen Bewohner, welche – außer ihrer eigenen der finnländischen, schwedischen und norwegischen Sprache mächtig – uns freundlich willkommen hießen. Mehrere Frauen, fleißig wie alle Lappländerinnen, denen ja ausnahmslos die Sorge für die Bekleidung der Familie überlassen bleibt, saßen ringsum, mit verschiedenartigen Arbeiten beschäftigt: die eine fertigte am Webstuhl bunte Borten, eine andere nähte an einem Rock, während die dritte von einem Schuh in Anspruch genommen war; der Faden, dessen sich die Frauen beim Arbeiten bedienen, ist aus den Sehnen an den Vorderfüßen des Renntieres hergestellt, und ihre Werkzeuge sind sehr einfacher Art, trotzdem verstehen sie sich darauf, Treffliches zu leisten, wie sie denn auch im Sticken auf Leder und Tuch außerordentlich geschickt sind. Bei unserer Ankunft drängte sich die ganze Bewohnerschaft des Zeltes, Männer, Frauen und Hunde an der rechten Seite desselben zusammen, um, wie der Brauch es fordert, die linke Hälfte für uns frei zu lassen. Alsbald wurde auch ein mit Schnee gefüllter Kessel über das Feuer gehängt und, sobald der Inhalt geschmolzen, der Kaffeetopf damit gefüllt, der inzwischen gemahlene Kaffee hinzugethan, gekocht und mit einem Stück getrockneter Fischhaut geklärt. Die silbernen Löffel, welche man uns reichte, zeigten eine sehr eigenartige Form – rund, mit gedrehten Stielen –; wir ließen uns den Kaffee gehörig schmecken, dann aber brachen wir wieder auf, um uns nach einem anderen, nur eine kurze Strecke entfernten Lappländerlager, dem Heim von Gustafs Freunden, zu begeben.
Lappländerlager im Winter.
Das Innere einer Lappenkåta.
Unsere Tiere am Zügel führend, d. h. oftmals hinter uns herziehend, setzten wir unseren Weg fort, bald erblickten wir auch zwischen den Bäumen ein etwa 4 m im Durchmesser haltendes Zelt aus schwerem Vadmal, und gleich darauf schlugen wenigstens 6 bis 7 Hunde zugleich an, den Bewohnern des Kåta unsere Annäherung verkündend. Die hier wohnten, waren reiche Lappen, nannte doch das Haupt der Familie – ein untersetzter, starker, blauäugiger Mann mittleren Alters, der, auf das Bellen der Hunde hin, alsbald unter der Thüre erschien – nicht weniger denn 1000 Renntiere sein eigen. Auf seinen Zuruf verstummte das Gekläffe der struppigen Wächter und mit freundlichem Gruß trat er uns entgegen. Rings um das Zelt standen Pulkas und Kerres bunt durch einander, zahlreiche Schneeschuhe lagen auf dem Boden oder lehnten an den Bäumen, an deren Zweigen neben dem Zaumzeug auch alle nur möglichen Fleischvorräte aufgehängt waren, denn das eigens zu diesem Zweck zwischen den Bäumen, etwa 2 m über dem Boden, errichtete Gestell schien zu ihrer Unterbringung nicht auszureichen. Gefroren oder geräuchert lagen die Stücke hier auf- und nebeneinander gestapelt; an Renntierzungen und Blasen voll gefrorenem Blute mit Renntierfüßen darin war kein Mangel; während eine andere Anzahl von Blasen, sowie Eimer und Kannen, gefrorene Milch enthielten, denn viele Renntiere können, wie unser Wirt versicherte, bis zu Weihnachten gemolken werden. Seitwärts waren, um ihr Zusammenschrumpfen zu verhindern – die Häute kürzlich geschlachteter Renntiere auf Rahmen ausgespannt, und überall lagen Sättel, leere Eimer, Kessel, eiserne Töpfe, hölzerne Schüsseln und selbst Gewandstücke zerstreut umher.
In dem Zelte trafen wir die ganze Familie versammelt und verwundert fragte ich mich im Stillen, wie wohl so viele in dem engen Raum für die Nacht ein Unterkommen finden sollten. Einzelne der Gesellschaft hatten blaue Augen gleich dem Pater familias, allen gemeinsam aber war – eine Folge des fast unausgesetzten Verweilens im Freien – die kräftig rote Gesichtsfarbe, wie man solche bei den Seeleuten anzutreffen pflegt, während dagegen die durch die Kleidungsstücke geschützten Körperteile eine wirklich blendende Weiße zeigten. Auch hier wurde uns sofort der Ehrenplatz an der linken Seite des Zeltes eingeräumt; sorgfältig bereitete eine der Frauen einen bequemen Sitz für uns, indem sie prächtige, weiche Bärenfelle über junge Birkenzweige breitete, dann aber, nachdem wir Platz genommen, reichte man uns – dem Gebote lappischer Höflichkeit entsprechend – vor allen Dingen eine Prise Schnupftabak. Im Mittelpunkt des Zeltes brannte ein helles Feuer, dessen Rauch durch die gerade darüber befindliche Öffnung Abzug fand und in zwei mächtigen Kesseln brodelte über demselben das zum Abendmahle bestimmte Fleisch. In einer hölzernen Schüssel wurde es angerichtet und der Vater teilte, der allgemein üblichen Sitte entsprechend, jedem eine Portion zu, bedachte dabei jedoch uns in vorsorglicher Weise mit den fetten Stücken, welche als die besten gelten. Während wir – unsere Finger als Gabeln benutzend – das Mahl verzehrten, wurden mir unzählige Fragen vorgelegt, und als nach Beendigung desselben Männer und Frauen sich dem Genusse ihrer Pfeifen hingaben, mußte ich gar ein vollständiges Religionsbekenntnis ablegen, so daß ich mir vorkam, als ob ich mich in einer Sonntagsschule befände; vornehmlich suchten sie sich Gewißheit darüber zu verschaffen, ob ich an die heilige Dreieinigkeit glaube. Lange saßen wir so in eifrigem Gespräche zusammen, es war schon spät, ehe wir daran dachten, uns zur Ruhe zu begeben, und unter frommen Gesängen machten sie endlich ihre Nachttoilette, d. h. sie zogen über ihre Kleider ein langes, aus Renntierfellen gefertigtes Gewand – eigentlich eine Art Sack –, welches besser denn jede andere Umhüllung Schutz gegen die Kälte gewährt.
Nur in seltenen Fällen legen die Lappen während der Winterszeit ihre Kleider ab, gewöhnlich wechseln sie dieselben nur mit dem Eintritt der wärmeren oder der kälteren Jahreszeit, und auch wenn sie zur Kirche gehen, beschränken sie sich meist darauf, die Festtagskleider über die alten anzuziehen. Daß die Pelzgewänder unter solchen Umständen von Ungeziefer wimmeln, bedarf wohl kaum einer besonderen Erwähnung, aber nur, wenn die Plagegeister in ganz unerträglicher Weise überhand nehmen, fühlt man sich veranlaßt, Maßregeln zu ihrer Vertilgung zu ergreifen, indem man bei einer Kälte von 28° bis 30° unter 0° die gesamte Garderobe im Freien aufhängt, auf welche Weise alles lästige Getier sicherem Verderben geweiht wird. Im Sommer läßt sich dies so überaus wirksame Mittel natürlich nicht in Anwendung bringen, dafür werden dann die wollenen Unterkleider, welche die Reinlicheren unter den Lappländern tragen, etwas häufiger gewaschen; vom Baden kann natürlich im Winter nicht die Rede sein, aber auch im Sommer finden es die Lappen nicht allzu oft nötig, ihren Körper einer gründlichen Reinigung zu unterziehen.
Eine weitere Anzahl von Fellen wurde über den Birkenzweigen ausgebreitet, andere zum Zudecken herbeigebracht, und wir fühlten uns, auf dem weichen Lager ausgestreckt, trotz der Kälte von 32° unter 0°, und obschon das Feuer mittlerweile erloschen war, vollkommen behaglich, denn die Menge der Kasten, Ballen, Felle u. s. w., welche man vorsorglich innen und außen am Rande des Zeltes aufgestapelt hatte, verhinderte das Eindringen der kalten Luft. Durch die Öffnung an der Spitze des Zeltes konnte ich den blauen Himmel und die funkelnden Sterne erblicken, dann und wann tönte es auch wie fernher rollender Donner, es war das Krachen des Eises auf den nahen Flüssen, sonst aber herrschte tiefste Stille, denn kein Lufthauch bewegte die Zweige der Bäume und die Renntiere waren eine ziemliche Strecke entfernt. Einige von der Familie befanden sich mit ihren Hunden bei der Herde, um sie im Notfall gegen ihren grimmigen Feind, den Wolf, beschützen zu können, während die übrigen Hunde das Zelt mit uns teilten und auch bei unseren Decken auf Gütergemeinschaft Anspruch erhoben. Morgens, als ich erwachte, zeigte das Thermometer 30°, bald aber prasselte ein lustiges Feuer und die eine der Mägde war eifrig dabei, Brot ohne Hefe zu bereiten, von welchem ein kleiner, eigens für uns bestimmter Laib auf Steinkohlenfeuer gebacken wurde.
Nachdem das Frühstück eingenommen worden, begaben sich sämtliche Mitglieder des Haushaltes, unser Wirt und seine Gattin ausgenommen, auf Schneeschuhen in den Wald, um diejenigen abzulösen, welche diesmal die Nachtwache bei den Renntieren gehabt, denn die Herden dürfen der in manchen Jahren besonders zahlreichen Raubtiere wegen, weder bei Tag noch bei Nacht, sich selbst überlassen bleiben. Der Wolf und der Järf (Vielfraß) sind ihre schlimmsten Feinde, greifen jedoch nur dann an, wenn der Hunger sie dazu treibt; häufig wittern die mit einem sehr scharfen Geruchssinn ausgestatteten Renntiere die Nähe ihrer Würger, in welchem Falle die ganze Herde dann von selbst den Rückzug antritt, sehr oft kommt es indes auch vor, daß ein Rudel Wölfe unerwartet über die armen Opfer herfällt, und wenn dann die Böcke ihren Drängern auch nachdrücklichsten und nicht selten erfolgreichen Widerstand leisten, so wird durch einen solchen Überfall doch jedesmal die ganze übrige Herde in die Flucht getrieben und die Eigentümer müssen ihre Tiere oftmals aus weiten Entfernungen wieder zusammenholen, büßen dabei auch meist eine bedeutende Anzahl derselben ein. Natürlich gilt es, beständig auf die Vertilgung dieser Feinde bedacht zu sein; in der Handhabung von Feuerwaffen entwickelt der Lappe von frühester Jugend an eine bedeutende Geschicklichkeit, wie er denn überhaupt als ein geborener Jäger bezeichnet werden muß. Bei der Wolfsjagd, welche besonders nach heftigem Schneefall mit großem Eifer gepflegt wird, kommen außer Schießgewehren auch häufig Speere und Schleuder zur Verwendung, denn mit Hilfe ihrer Schneeschuhe gelingt es den gewandten Söhnen des Nordens fast immer, den bösen Gegner zu überholen. Auch Füchse giebt es in beträchtlichen Mengen und von verschiedenen Arten; als da sind: rote, weiße, blaue und schwarze; der letztere, dessen Haare im Winter an den Spitzen einen weißlichen Schimmer zeigen, ist bekannt unter dem Namen Silberfuchs, neben ihm liefert noch der Blaufuchs, dessen Fell im Winter eine ganz weiße Farbe annimmt, ein geschätztes Pelzwerk. Ebenso ist die Familie der Bären in mehrerlei Arten und sehr stattlichen Exemplaren vertreten, am prächtigsten sind die ganz schwarzen, doch trifft man diese seltener als die in zahlreiche Schattierungen von braun gekleideten Träger des Namens Petz. Wie groß die Zahl dieser Raubtiere übrigens im hohen Norden ist, läßt sich am besten wohl daraus erkennen, daß den statistischen Aufstellungen zufolge im Laufe von zehn Jahren, allein in der Provinz Norbotten, Prämien für die Erlegung von 257 Bären, 437 Wölfen und 787 Vielfraßen von der Regierung gezahlt worden sind. Nicht weniger denn 5000 Renntiere, sowie eine große Menge von Kühen und Schafen, waren diesen blutdürstigen Raubgesellen zum Opfer gefallen.
Überaus treue Bundesgenossen haben die Lappen dabei an ihren Hunden, die furchtlos die Raubtiere angreifen, sich zugleich aber mit großem Geschick vor den scharfen Zähnen derselben zu schützen wissen. Nicht sehr groß und mit langen zottigen Haaren bedeckt, besitzen sie einige Ähnlichkeit mit Spitzhunden, einige gleichen auch jungen Bären, haben ganz die gleiche dunkelbraune Farbe und keinen Schwanz und sollen diese einer besonderen Spielart angehören und von solchen Hunden abstammen, denen man die Schwänze abgeschnitten hatte. Um ihre Kraft und Ausdauer ungeschwächt zu erhalten, läßt man den Tieren eine sehr rauhe Behandlung angedeihen, sie dürfen nur dann schlafen, wenn auch ihr Herr der Ruhe pflegt, und erhalten nur wenig Nahrung, ja oftmals scheint man sie überhaupt nicht zu füttern, sondern lediglich auf das Stehlen anzuweisen. Ebenso werden sie daran gewöhnt, nur der Stimme ihres Herrn oder ihrer Herrin zu gehorchen, denn ob Mann oder Frau oder Kind, so nennt eben jede einzelne Person einen Hund ihr eigen, sogar jeder Knecht und jede Magd besitzen einen solchen. Die Familie, bei welcher wir uns befanden, hatte zwei Mägde, welche jedoch ihren Lohn nicht etwa in barem Gelde, sondern in – Renntieren erhielten, und zwar bekommt in dieser Gegend eine Magd durchschnittlich drei Renntiere, ein Knecht jedoch deren fünf bis sechs als Jahreslohn.
Sehr verschieden von denjenigen der Finnländer sind die Schneeschuhe der Lappen, welche in dieser Gegend eine Länge von ungefähr 2 m bei einer Breite von etwa 10–12 cm und einer Stärke von 1 cm zeigen. Auf ihnen können diese Bewohner des rauhen Nordens im Zeitraum von 18 Stunden eine Strecke von 240 km zurücklegen, während sie auf nur leicht wellenförmigem Terrain gar mit einer Schnelligkeit von 20 km und mehr per Stunde vorwärts zu eilen vermögen.
Während unseres Aufenthaltes wurde das Schlachten eines Renntieres vorgenommen; morgens in der Frühe begab sich ein Mann nach dem Walde, der Lasso, dessen man sich hier ausnahmslos zum Einfangen der Renntiere bedient und der häufig auf eine Entfernung von 10–12 m geworfen wird, that seine Schuldigkeit und bald kehrte der Knecht mit seinem Opfer zurück. Ein heftiger Ruck an dem Geweih warf das Tier auf den Rücken, in welcher Lage es ruhig verblieb, bis ihm ein scharfes, langes, einem Dolche ähnliches Messer zwischen den Vorderbeinen so tief eingestoßen wurde, daß es das Herz durchbohrte. Mit dem tödlichen Stahl in der Brust sprang das arme Geschöpf empor, drehte sich ein- oder zweimal im Kreise und stürzte tot zusammen. Das in der Brusthöhle angesammelte Blut ward in eine Blase gefüllt, denn dies getrocknete und gepulverte Blut bildet, mit Mehl zu einer Art Brei gekocht oder mit warmem Wasser aufgelöst und als Pfannkuchen gebacken, ein Lieblingsgericht der Lappen. Auch die sorgfältig gereinigten Gedärme geben eine beliebte Speise und das Fleisch wurde, in große Stücke geschnitten, auf einem hölzernen Gestell zum Frieren aufgehängt; die Haut aber auf einem Rahmen zum Trocknen ausgespannt. Die Haut zwischen den Augen, das Kopfteil, sowie die Stücke über den Hufen, welche für Schuhe und Handschuhe als die am besten geeigneten gelten, wird stets besonders ausgeschnitten; auch die Därme werden aufbewahrt, die Sehnen finden beim Nähen Verwendung, das Geweih sowie die Hufe aber pflegt man zur Leimbereitung zu verkaufen.
Die jungen Renntiere müssen in ihrer frühesten Jugend entweder getragen oder in einem Schlitten gefahren werden, denn ihr, nach der 33 Wochen dauernden Trächtigkeit des Weibchens, zu Ende April oder Anfang Mai erfolgender Eintritt in die Welt fällt gerade mit der Wanderzeit der Lappen zusammen. Die Muttertiere locken ihre Jungen mit einem eigentümlich grunzenden Tone, auf welchen diese Antwort geben. Zur Zeit meiner Anwesenheit in Kautokeino hatten viele der Tiere bereits das Geweih abgeworfen, welches bei den Männchen im Alter von 5–6 Jahren, bei den Weibchen dagegen mit 4 Jahren seine bedeutendste Größe erlangt und bei ersteren oftmals ein Gewicht von 20 kg erreicht, nach dem achten Lebensjahr indes an Schönheit verliert, indem dann einzelne Zacken abfallen. Die Zeit des Abwerfens wechselt zwischen den Monaten März, April, Mai, und erst im Laufe des September oder zu Anfang Oktober steht bei den ausgewachsenen Tieren der Schmuck ihres Hauptes wieder in voller Pracht. Von Gestalt ist das Renntier kleiner und plumper denn der Hirsch, die Beine zeigen eine mehr gedrungene Form, der Kopf ist kürzer und das Maul breiter und größer, mehr dem einer Kuh ähnlich, auch die Hufe sind breiter und viel größer, während die Schulterblätter etwas vorstehend erscheinen und eine leichte Erhöhung bilden. Die Behaarung der Tiere ist namentlich im Winter sehr dicht und die einzelnen Haare, welche eine graue Farbe zeigen, sind sehr grob, dabei manchmal bis zu 5 cm lang; auf dem Rücken ist die Farbe viel dunkler, am Bauch dagegen fast ganz weiß, die jungen Tiere sind heller als die ausgewachsenen, wie denn überhaupt bei den verschiedenen Herden sich sehr mannigfache Schattierungen finden, so daß häufig diese allein schon zur Unterscheidung derselben genügen.
Eine Renntierherde.
Außerordentlich viel Mühe und Geduld erfordert das Abrichten der Renntiere und selbst nachdem man die Aufgabe vollständig gelöst zu haben meint, kommt doch die Unbändigkeit des so scheuen, unruhigen Tieres noch häufig genug zum Durchbruch. Gewöhnlich nimmt das Abrichten im dritten Jahre seinen Anfang und dauert bis zum fünften und sind die Tiere dann bis zum fünfzehnten oder sechzehnten Jahre arbeitsfähig. Während der ganzen Lehrzeit werden sie täglich für die Dauer einer Stunde geübt, damit sie vor allen Dingen ihren Herrn kennen lernen und sich an den Lasso gewöhnen, vor welchem sie anfangs große Scheu empfinden; während dieser ganzen Zeit hütet man sich auch wohl, sie durch schlechte Behandlung einzuschüchtern, im Gegenteil sucht man sie auf jede nur mögliche Weise zutraulich zu machen und füttert sie häufig mit Salz und Angelica (Engelwurz), welche Leckerei sie sehr lieben. Um mir einen Begriff davon zu geben, in welcher Weise das Abrichten vorgenommen wird, ließ man ein ganz junges Renntier aus dem Walde holen, um dasselbe vor einen Schlitten zu spannen. Zuerst befestigte man einen langen, sehr starken ledernen Zügel um den Ansatz des Geweihes, legte hierauf das übrige Zaumzeug an und spannte das Tier mit Hilfe eines sehr langen Lederriemens vor den Schlitten. Sobald es nun angetrieben wurde, rannte es nicht nur wild hin und her, sondern stieß auch nach allen Seiten hin, und nur mit Aufbietung aller Kräfte vermochte der Mann es im Zaume zu halten. Von Zeit zu Zeit mußte man dem armen Geschöpf Rast gönnen, dann aber wurde der Unterricht wieder aufgenommen und so lange fortgesetzt, bis Mann wie Tier vollständig erschöpft waren.
Die abgerichteten Renntiere bieten ein ganz eigentümliches Gemisch von Wildheit und Zahmheit und sind in mancher Beziehung gewöhnlichem Rindvieh weit überlegen. Eine Herde Renntiere läßt sich sehr leicht leiten, gewöhnlich halten sich die Tiere dicht beisammen und im Winter fällt es ihnen nicht ein, den ihnen angewiesenen Weideplatz zu verlassen; ebenso lassen sie sich durch die Annäherung von Menschen durchaus nicht stören, sie heben nicht einmal den Kopf, und selbst wenn die Lappen ihre Zelte in allernächster Nähe aufschlagen, verhalten sie sich vollkommen ruhig. Auf dem Marsche entfernen sich nur ausnahmsweise einzelne Tiere von den Genossen und genügen die begleitenden Hunde zur Herstellung der Ordnung; im Sommer dagegen, zu welcher Zeit man sie häufig auf ihren Weidegründen sich selbst überläßt, wandern sie oftmals bedeutende Strecken in einer oder der anderen Richtung weiter; aus einander gesprengt wird eine Herde indes auch dann nur im Falle des Erscheinens von Wölfen. So zahm und folgsam die Tiere nun aber auch sein mögen, so geht doch eine gänzliche Umwandlung mit ihnen vor, sobald man den Versuch macht, sie anzuschirren: sie werden unruhig und mißtrauisch und oftmals werden sie sogar halsstarrig und bösartig und sind dann so schwer zu behandeln, daß es der ganzen Geschicklichkeit des Lappen bedarf, um ihren Widerstand zu brechen.
In Ställen werden die Renntiere niemals untergebracht, sie halten sich vielmehr beständig im Freien auf; denn besonders für Kälte und Schnee zeigen sie große Vorliebe. Ihr Futter suchen sie sich selbst und nur wenn sie eigens so gewöhnt sind, verstehen sie sich dazu das für sie gesammelte Moos zu berühren. In Jahren mit starkem Schneefall leiden deshalb auch die Herden große Not; die Tiere können nur mit vieler Mühe zu ihrer Nahrung gelangen und eine beträchtliche Zahl stirbt an Mangel und Entkräftung. Auch der Frühling bringt den armen Rennern des Nordens viel Ungemach: der tagsüber schmelzende Schnee überzieht sich zur Nachtzeit mit einer Eiskruste, durch welche die Tiere leicht hindurchbrechen, sich Verletzungen an den Füßen zuziehen und lahm werden; nutzlos für ihren Herrn sind sie freilich selbst dann noch nicht, denn lassen sie sich auch nicht länger zum Ziehen und Lasttragen verwenden, so liefert ihr Fleisch doch noch immer kräftige Nahrung, ihre Haut aber Material zur Herstellung von Handschuhen und Schuhen, in der That, ohne diese brauchbaren Geschöpfe vermöchten die Lappen in jenen nordischen Regionen ihr Dasein überhaupt nicht zu fristen.
Die Schnelligkeit der Tiere hängt völlig von der Jahreszeit, wie auch von der Beschaffenheit des Terrains ab, doch sind Oktober, November und Dezember diejenigen Monate, in welchen sie am meisten Ausdauer und Feuer entfalten, denn sie haben alsdann auf ihrer Sommerweide frische Kräfte gesammelt, auch können sie, weil zu jener Zeit der Schnee noch nicht allzu hoch liegt, ihre Nahrung leicht herausgraben und außerdem regt die Kälte ihre Lebensgeister an. Ist obendrein der Schnee fest und sind gar schon Schlittenspuren vorhanden, so geht die Fahrt überaus rasch von statten; auf einer solchen Strecke, vornehmlich auch auf der Eisdecke eines Flusses, vermag ein Tier in der ersten Stunde dann sehr wohl 18–25 km zurückzulegen; während auf einem langgestreckten, mäßig steil abfallenden Hügelrücken die Schnelligkeit sich vollends bis zu 30 km und mehr per Stunde steigert. Fünf bis sechs Stunden können die Tiere rennen, ohne nur einmal dabei anzuhalten, in der ersten Stunde gehen sie sehr schnell, langsamer in der zweiten und ganz gemächlich in der fünften und sechsten Stunde, nach dieser Zeit jedoch bedürfen sie der Rast, wie auch der Nahrung. Zu Anfang des Winters, wenn sich die Tiere in kräftigem Zustande befinden, kann man mit einem flinken Renntiere sehr wohl eine Strecke von 160 km in einem Tage bewältigen, und ist das Terrain nicht allzu hügelig und die Bahn gut, sogar 240 km; im allgemeinen aber gelten 110–130 km als gutes Durchschnittsmaß.
Renntiere beim Graben.
Einen großartigen Anblick gewährt auch das Zusammentreffen zweier Herden zur Brunstzeit, indem dann nicht selten die Böcke der verschiedenen Scharen voll Ungestüm zum Angriff gegen einander vorgehen.
So angenehm der Aufenthalt in Muoniovaara auch war, so mußte endlich doch geschieden werden.
Die Fahrt auf dem Muonio bot kein besonderes Interesse. In der Nähe von Kälkesuaanto traf ich eine ungeheuere – mehr denn 3000 Stück zählende – Renntierherde; ringsum, an allen Seiten regte es sich unter dem dunkeln Nadelholz; wohin das Auge blickte, traf es auf Renntiere und zwar befanden sich unter ihnen wahre Prachtexemplare mit weit ausgebreiteten Geweihen. Eifrig waren alle dabei, Höhlen in den hier etwa 1½ m tiefen Schnee zu scharren, um zu dem saftigen Moose zu gelangen, welches sie so sehr lieben; zuerst mit dem einen Vorderfuß, dann mit dem andern gruben sie in die weichen Massen, immer tiefer und weiter schaufelten sie die Höhle aus, bis endlich der ganze Körper fast vollständig in ihr verschwand. Allem Anscheine nach waren die Tiere sehr hungrig, vielleicht war ihr früherer Weideplatz nicht günstig für sie gewesen, denn wenn der Schnee höher als 1½ m liegt, ist es für die armen Geschöpfe sehr schwer, sich bis zu der ersehnten Moosdecke hindurch zu arbeiten.
Weiterhin waren die Renntiere verschwunden, dafür bemerkte ich, daß unter dem Schnee sich etwas rege, und entdeckte zu meiner Verwunderung, daß die Tiere mit dem ganzen Körper in den Höhlen steckten, nur Schwänze sonder Zahl ragten – ein wirklich merkwürdiger Anblick – aus der weißen Schneedecke hervor und bewegten sich rastlos auf und nieder.
Von hier aus überschritt ich den Palojoki, welchen ich bereits im Sommer befahren hatte, und an mehreren Gehöften vorüber ging es nach Kuttainen. Nach Norden hin dehnte sich eine Kette bläulich schimmernder Hügel, der Kirchturm von Karesuando, der nördlichste Schwedens, kam hier in Sicht, und eine kleine Weile später tauchten auch die Häuser des Ortes selbst empor.
Karesuando liegt 350 km von Haparanda entfernt, unter 68° 30' am Ufer des Muonio und 325 m über dem Meeresspiegel, 100 m tiefer als das etwas weiter nördlich gelegene Enontekis. Diese beiden Dörfer sind die kältesten Punkte, an welchen bis jetzt meteorologische Beobachtungen angestellt worden sind; die Durchschnittstemperatur beträgt in Enontekis etwa 2° bis 3° und in Karesuando etwa 4° unter 0°, manchmal aber fällt das Thermometer gar bis auf 32° oder 34° unter 0°.
Gerste gelangt hier nur ausnahmsweise zur Reife, weshalb die Bauern dieselbe auch nur selten anpflanzen, und Kartoffeln wachsen so schnell, daß die Knollen meist sehr klein bleiben, das Kraut sich dagegen übermäßig entwickelt. Auch die Heuernte fällt meist sehr kärglich aus, da aber trotzdem jeder Bauer so viel Vieh hält, als er nur irgendwie kann – zu den 7 oder 8 zerstreut liegenden Gehöften, aus welchen der Ort besteht, gehören etwa 60 Milchkühe, 6 Pferde, Schafe genug, um die ganze Ansiedlung mit der nötigen Wolle zu versorgen, und ungefähr 240 Renntiere – so muß das Rindvieh sich meist mit einer sehr eigentümlichen Fütterung begnügen. Da man das bessere Heu für die Pferde zurückbehält, so bleibt für das Rindvieh nur das grobe Sumpfgras, welches aber so hart ist, daß man es, um es überhaupt genießbar zu machen, vorher in kochendem Wasser zum Weichwerden bringen muß. Ebenso findet das Renntiermoos in ausgedehntem Maße Verwendung, aber es muß gleichfalls vorher gekocht werden und wird meistenteils mit Gras untermischt und – mit einem Zusatz von Pferde- oder Schafmist verfüttert. So sonderbar diese Ernährungsweise übrigens auch sein mag, so scheint sie doch den Tieren ganz gut zu bekommen, ihr Aussehen wenigstens war besser als dasjenige vieler ihrer Kameraden in weiter südlich gelegenen Bezirken.
Åsele-Lappin.
Åsele-Lappin.
In ganz Schwedisch- und Norwegisch-Lappland finden sich zahlreiche Gotteshäuser zerstreut, zu welchen die Lappen Sonntags auf Schneeschuhen und in Schlitten von nah und fern herbeiströmen, denn wenn auch die Entfernungen oftmals so groß sind, daß sie schon tags zuvor aufbrechen müssen, so unterziehen sich die frommen Seelen doch lieber willig allen Beschwerden, als daß sie auf die Teilnahme am Gottesdienst verzichten. Bei den Kirchen, von welchen in Schweden Vittangi, Jukkasjärvi und Karesuando die nördlichst gelegenen sind, befindet sich stets ein Dorf, in dessen Schule die Lappenkinder in die Geheimnisse des Abc eingeweiht werden und auf dessen Friedhof die rastlos Wandernden endlich zur letzten Ruhe gebettet werden.
Zur Zeit meines Aufenthaltes in Karesuando befand sich dort gerade eine ziemliche Anzahl junger Mädchen und Knaben, welche ihre Vorbereitung zu der an Påsk (Ostern) stattfindenden Konfirmation durchmachten, auch die Zahl der hier die Schule besuchenden Kinder war sehr groß und ließ ich natürlich die Gelegenheit nicht unbenutzt, dem Unterrichte beizuwohnen. In dem nahe der Kirche gelegenen Gehöfte, in welchem eine Stube als Schulraum diente, fand ich nicht weniger denn 70 Knaben und Mädchen versammelt, sie saßen alle rings auf der Erde, während der Schullehrer seinen Platz an einem in der Mitte der Stube stehenden kleinen Tische hatte. Eins nach dem andern wurden die Kinder aufgerufen; durch zahlreiche Fragen suchte sich der Lehrer über den Umfang ihrer Religionskenntnisse zu vergewissern, und aufmerksam lauschten die Männer und Frauen, welche sich gleichfalls in großer Anzahl in der Schulstube eingefunden hatten; und wenn auch die Kinder, infolge der Anwesenheit so vieler Personen, einigermaßen befangen zu sein schienen, so fielen die Antworten doch im ganzen befriedigend aus. Mir gab der einfache Vorgang viel zu denken: vor meinem inneren Auge zogen andere Länder vorüber, welche sich aller Segnungen eines fruchtbaren Bodens und eines günstigen Klimas erfreuen, Länder, die sich großen Reichtums und unerschöpflicher Hilfsquellen rühmen können und unter deren, in zahllosen prächtigen Städten und blühenden Dörfern lebenden Bevölkerung es dennoch Millionen giebt, welche ihr ganzes Leben hindurch des Lesens unkundig bleiben; immer wieder kehrten meine Gedanken zu diesen zurück und ich konnte nicht umhin, Vergleiche zu ziehen zwischen ihnen und den armen, wandernden Lappen, die trotz ihres unstäten Lebens sich doch ausnahmslos Fertigkeit im Lesen aneignen und von denen gar viele auch imstande sind, die Feder zu führen. Die meisten Dörfer sind zu schwach bevölkert, als daß die Erbauung eines eigenen Schulhauses nötig erschiene, aber von Ort zu Ort wandernd, schlägt der Schulmeister bald hier, bald dort in einem Gehöfte sein Quartier auf und aus der ganzen Umgegend strömt die lernbegierige Jugend ihm zu. In der That, die unermüdliche Ausdauer, mit welcher man in Schweden wie in Norwegen darauf hinarbeitet, die Leuchte des Wissens bis in die entferntesten und ödesten Gegenden des Landes dringen zu lassen, ist unzweifelhaft der allerhöchsten Anerkennung wert.
Påsk (Ostern), welches hier als eines der höchsten kirchlichen Feste begangen wird und diesmal auf den 9. April fiel, ist derjenige Tag, an welchem die Lappen unter keinen Umständen den Genuß des Abendmahls versäumen, denn kurze Zeit darauf treten sie ihre Wanderung nach den unwirtlichen Bergregionen an und während der nun folgenden Sommermonate sind sie häufig zu weit von allen menschlichen Wohnstätten entfernt, um ihren kirchlichen Pflichten mit irgend welcher Regelmäßigkeit Genüge leisten zu können. Je seltener indes diese religiösen Zusammenkünfte stattfinden, um so begieriger benutzt man dieselben auch zur Ordnung weltlicher Angelegenheiten und so sind sie besonders dem Zustandekommen von Verlobungen sehr günstig. Ein Mädchen gilt mit 16 Jahren als heiratsfähig, doch werden Ehen häufig im voraus von den Eltern verabredet, obgleich natürlich auch Verlöbnisse vorkommen, denen die Zustimmung der Eltern überhaupt fehlt. Gewöhnlich findet zur Feier einer Verlobung eine Schmauserei statt, bei welcher Gelegenheit die Braut einen Ring, oftmals auch einen silbernen Löffel, als Geschenk erhält, außerdem muß der Bräutigam auch den Eltern seiner Zukünftigen einen Kaufpreis in Gestalt einer bestimmten Anzahl von Renntieren erlegen und die Schwiegereltern in spe scheuen sich, wie man mir auf das bestimmteste versicherte, keineswegs, ihre Meinung offen auszusprechen, wenn ihnen derselbe dem Werte der Braut nicht angemessen erscheint. Unerläßlich ist bei der Hochzeitsfeier eine Schmauserei, welche sich gemeiniglich auf mehrere Tage erstreckt und bei welcher man dem Genuß von Speise und Trank in der üblichen unmäßigen Weise zu fröhnen pflegt. Sobald ein Kind geboren worden, erhält es ein Renntier, auch der Pate beschenkt den Täufling meistenteils mit einem solchen und bleibt die gesamte Nachkommenschaft dieser Tiere das Eigentum des Kindes, welches bei einer Teilung des Besitzes nicht in Anrechnung gebracht werden darf; dem allgemeinen Brauche entsprechend beschenkt die Familie auch diejenige Person, welche den ersten Zahn bei dem Säuglinge entdeckt, mit einem Renntiere.
Lappenmädchen und Lappenknaben aus Sorselle.
Unter den jungen Mädchen, welche ich während meiner zahlreichen Reisen in Lappland gesehen, durften sich viele eines frischen, ansprechenden Äußeren rühmen, häufig aber machte ich auch die Bemerkung, daß sie, ungeachtet der guten Gesundheit, deren sie sich erfreuen, älter aussehen, als sie wirklich sind. Mädchen von 14 und 15 Jahren konnte man recht wohl für 18- oder 20jährig halten, und läßt sich diese so frühzeitige Entwicklung wohl auf Rechnung ihres arbeitsvollen, unstäten Wanderlebens sowie des fast ununterbrochenen Aufenthaltes in der freien Luft setzen. Mit den zunehmenden Jahren werden sie sehr häßlich und die alten Weiber mit ihren lose über die Schultern herabhängenden, ungekämmten Haaren und den ungewaschenen Gesichtern gehören unbedingt zu den abstoßendsten Exemplaren des menschlichen Geschlechtes. In dem Aussehen von Knaben und Mädchen ist nur ein geringer Unterschied und oftmals vermochte ich, wenn ich bloß das Gesicht sah, nicht zu unterscheiden, ob ich ein Mädchen oder einen Knaben vor mir habe.
Lappenwiege.
Großes Vergnügen machte es mir stets, die kleinen Lappenkinder in ihrer Kätkem oder Komse (Wiege) zu sehen, welche etwa 1 m lang und 35–45 cm breit, ganz aus einem Stück Holz gefertigt ist und an einem Riemen hängend, von der Mutter über der Schulter getragen wird. Bis sie es lernen, sich selbständig weiter zu bewegen, bleiben die Kleinen in dem Behälter eingepackt und überstehen in demselben, bei strenger Kälte noch durch eine übergelegte Felldecke besonders verwahrt, oftmals die heftigsten Winterstürme.
Bei der Wartung der Säuglinge wird in der Regel die größte Reinlichkeit beobachtet, wie man auch die kleinen Geschöpfe, um sie vor Ungeziefer zu bewahren, während der Sommerzeit jeden Tag sorgfältig in einer mit warmem Wasser gefüllten länglichen Wanne zu baden pflegt, welcher Prozeß jedoch, ganz wie bei uns, nur selten den Beifall des betreffenden kleinen Weltbürgers findet. Die Wiege selbst wird mit weichen, gut getrockneten Flechten ausgefüllt, ein Stück Baumwollenzeug darüber gebreitet, das Kindchen vollständig nackt darauf gelegt und in das Tuch eingeschlagen, worauf noch ein Stück groben Vadmals sowie ein kleines Schaffell dazukommt und dann das Ganze vermittelst lederner Riemen und der zu beiden Seiten angebrachten Einschnitte gut zusammengeschnürt wird.
Allen Lappen gemeinsam ist die gedrungene, breite Gesichtsform, die Backenknochen sind vorstehend, das Kinn ist kurz und die zwischen den Augen meistenteils sehr flache Nase spitz und aufgestülpt, wie die Abbildung erkennen läßt. Die Augen der wenigsten unter ihnen zeigten eine wirklich blaue Farbe, auch dunkle Augen sah ich nur selten, dagegen meist solche von hellgrüner oder grauer Farbe; die Lippen sind meistenteils sehr dünn und die Haut erscheint, unter dem Einfluß der rauhen Luft, stark gerötet, ist aber an den durch die Kleidung geschützten Teilen sehr weiß und die Haarfarbe weist alle Schattierungen auf, vom hellsten Blond bis zum tiefen Schwarz, indes kommt ein dunkles Rotbraun weitaus am häufigsten vor.
Was die Größe anbetrifft, so beziehen sich die nachstehenden Zahlen auf die unter den Karesuando-Lappen angestellten Messungen, während die früher gemachten Angaben sich auf die Durchschnittsgröße der Lappen im allgemeinen beziehen.
Jockmock-Lappe. (24 Jahre alt.)
Die Tracht der Karesuando-Frauen besteht aus einem weit über die Knie reichenden, losen Gewand aus Renntierfellen, welches von einem oftmals schön mit Silber verzierten Gürtel um die Taille festgehalten wird. Die Beinkleider und Schuhe sind gleichfalls aus Renntierleder gefertigt und als Kopfbedeckung dient eine sonderbar geformte Mütze aus Wollen- oder Seidenstoff. Um den Hals tragen sie gewöhnlich eine Reihe von Glasperlen und an den Fingern sehr eigentümliche, silberne Ringe, als höchste Zierde aber gelten die seidenen Tücher, von welchen sie häufig drei, vier oder noch mehr um den Hals schlingen und die Enden im Nacken herabfallen lassen; je mehr derselben eine solche lappländische Schöne an sich hängt, um so eleganter geschmückt erscheint sie den Augen ihrer Stammesgenossen. Die Kleidung der Männer unterscheidet sich nur wenig von derjenigen der Frauen, nur sind ihre Röcke kürzer und die Mützen viereckig.
Der Bezirk Torneå Lappmark, welcher eine Ausdehnung von etwa 1920 km2 besitzt, zerfällt in zwei Socknar (Pfarreien), und gehört die Kirche von Karesuando zur Pfarrei Enontekis, welche wiederum in 4 Byar (Bezirke oder Dörfer) eingeteilt wird, von welchen Köngämä oder Rorto 59, Lainio-wuoma 65, Romma-wuoma 25 und Suonta-vaara 44 Familien zählen. Zu jedem Dorf gehören bestimmte Weidegründe und liegt die Schlichtung etwaiger Streitigkeiten, wie auch die Handhabung der gesetzlichen Vorschriften, in den Händen des schwedischen Länsman.
Arjeplong-Lappe. (25 Jahre alt.)
Alsbald nach Ostern treten die Lappen ihre Wanderung nach Norwegen an und verfolgen sie dabei zwei verschiedene Routen, von welchen die eine nach dem Kilpisjärvi und dann weiter nach Balsfjord und Tromsö führt, die andere nach Bardo, Ibestad, Målselven, Tranö und Senjen sich wendet. Gegen Mitte September kehren sie von ihren sommerlichen Streifzügen zurück, um im Winter am Torne-See hin nach der Gegend des oberen Muonio zu wandern. Der westlich von Karesuando gelegene Landstrich umfaßt die größte Anzahl von Lappländern – etwa 1100 –, welche nicht weniger denn 80 000 Renntiere ihr eigen nennen; ebenso liegen die Gehöfte von etwa 300 Bauern – meist Finnländern – über dies Gebiet zerstreut.
Jukkasjärvi, die Hauptkirche im nördlichen Schweden, wurde 1603 erbaut und hatte die Pfarrei nach der Volkszählung von 1870 eine Bevölkerung von 626 Lappen, welche sich folgendermaßen verteilten: Kalas 31, Rautas 20, Saari-vuomo 19 und Tallma 28 Familien.
Hier im fernen Norden ist der Winter so recht eigentlich die Reisezeit; Flüsse, Seen und Sümpfe sind dann mit einer festen Eisdecke überzogen und ungehindert kann man im schnellen Renntierschlitten das straßenlose Land durchstreifen, kann nach Osten hin bis zum weißen Meere und zu den Samojeden – ja gar bis nach Sibirien hin vordringen –, nach Westen und Norden über die Berge hin bis nach der norwegischen Küste gelangen. Karesuando läßt sich noch mit Pferden erreichen, weiterhin aber müssen Renntiere Verwendung finden, deren man auf den zahlreichen Poststationen stets frische erhalten kann, und in den von der schwedisch-norwegischen Regierung erbauten Fjeldstuen (Zufluchtshäusern) findet der Reisende Schutz vor der Unbill der Witterung.
Die Entfernung von Karesuando nach dem am Alten-Fjord gelegenen Bosekop beträgt 280 km, von Karesuando nach Skibotten am Lyngen-Fjord 210 km und von Jukkasjärvi nach Skibotten 340 km. Zwischen Torneå Lappmark und der norwegischen Küste besteht ein ziemlich reger Handelsverkehr, bei welchem die Erträgnisse der Milchkammern der Pfarreien Karesuando, Kautokeino, Karasjok und anderer an dem Muonio und dem oberen Torne gelegenen Dörfer eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Meiner Ansicht nach könnten diese so entlegenen nordischen Regionen sehr wohl eine größere Bevölkerung ernähren, der Heuertrag würde ein besserer werden, wenn man sich nur zur Einrichtung der nötigen Bewässerungsanlagen verstehen wollte und ebenso ließe sich die Pferde- und Rindviehzucht auf eine höhere Stufe bringen, um so leichter als dem Rindvieh ja die Fütterung mit Flechten sehr gut zusagt; selbst jetzt nimmt, ungeachtet der ungünstigen Verhältnisse, die Butterproduktion mit jedem Jahre zu.
Meine Ankunft in Karesuando erfolgte gerade zu der Zeit, da man Vorbereitungen zum Besuch des in Skibotten abzuhaltenden Jahrmarktes traf, und bald langten auch die Lappländer an, welche mir als Führer dienen sollten.