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Im Lande der Mitternachts-Sonne

von Paul B. Du Chaillu

Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms

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Kapitel 43

Neununddreißigstes Kapitel. Walpurgisnacht auf Öland.

Die Insel Öland. – Altertümer. – Borgholm. – Frühlingsfeier.

In geringer Entfernung von der schwedischen Küste, dicht bei der Provinz Småland, liegt die 130 km lange und 10–15 km breite Insel Öland. An ihrem westlichen Ufer zieht sich ein bewaldeter Hügelrücken entlang, auf dessen Kamm zahlreiche Windmühlen ihre Arme emporstrecken, eine Staffage, die den malerischen Charakter der Landschaft noch erhöht. Der Höhenzug, wie die ganze Insel selbst, besteht aus Kalkstein, der an dem Südende der Insel auf einer Schicht silurischen Alaunschiefers ruht; an zahlreichen Stellen tritt der Kalkstein – der einen bedeutenden Ausfuhrartikel bildet – an die Oberfläche und sind diese Strecken nackt und kahl. Im übrigen ist die Insel sehr fruchtbar, denn außer dem Bedarf für eine Bevölkerung von 40 000 Köpfen bringt sie so viel Getreide hervor, daß alljährlich noch 100 000–120 000 Hektoliter, vornehmlich Weizen, ausgeführt werden können; außerordentlich reichen Ertrag liefert auch die Obsternte und ebenso besitzt die Insel treffliche Jagden. Die herrlichen Eichenwälder, ehemals ein so prächtiger Schmuck der Insel, sind jetzt zum größten Teile verschwunden und auch die Ponies, welche, kleiner denn die Shetlandsponies, sonst hier gezüchtet wurden und großer Berühmtheit genossen, sind nunmehr ausgestorben.

Einige der Kirchen, welche wie diejenige von Alböke die Klöfsadelsform (Sattelform) zeigen, sind sehr alt; ein Gang verbindet die beiden Türme, in deren einem sich Stuben mit der alten offenen Feuerstelle ohne Rauchfang befinden. In jenen Zeiten, da der Krummstab auch hier die Herrschaft führte und die Kirche weite Landstriche ihr eigen nannte, bildete Öland ein Besitztum der Klöster Badstena und Alvastra.

Überaus reich ist die Insel an Altertümern; Gräber, sowie sonstige Funde hat man in Menge hier entdeckt; besonders zahlreich sind auch die der römischen Periode entstammenden Schmucksachen aus Bronze und Gold. Von den alten aufgefundenen Befestigungswerken ist das schon früher erwähnte Ismanstorp am bedeutendsten und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Vikinger einstmals hier ihren Sitz gehabt.

Der Hafenort Borgholm, mit einer Bevölkerung von 800 Seelen, ist der bedeutendste Ort der Insel und ganz in der Nähe desselben, auf einer nach der See hin ziemlich steil abfallenden Anhöhe, erheben sich die Ruinen der alten Feste Borgholm. Von dem älteren Teile des Baues, welcher bereits im Jahre 1280 Erwähnung findet und ums Jahr 1312 von dem Herzog Waldemar von Schweden und seiner Gemahlin Ingeborg von Norwegen (einer Tochter König Eriks aus seiner Ehe mit Isabel, der Schwester des schottischen Helden Robert Bruce) bewohnt ward, sind nur noch die Grundmauern vorhanden. Von dem neueren, durch König Johann (1568–1592) erbauten, von Dänen und Schweden abwechselnd belagerten Teil stehen zwar noch die drei Stockwerke hohen Mauern mit den zahlreichen Fensteröffnungen, die Decken der ehemals so prächtigen Gemächer aber sind eingestürzt und zwischen den zerbröckelnden Steinen wuchert üppiges Grün.

Borgholm war der Lieblingsaufenthalt Karl Gustavs, des ältesten Sohnes von Johann Kasimir, Herzog von Pfalz-Zweibrücken, und Katharina, der Tochter Karls IX. Seine Kousine Christina, die einzige Tochter Gustav Adolfs, war ihm zur Gemahlin bestimmt, und als diese späterhin jeden Gedanken an eine Vermählung aufgab, wählte sie ihn zu ihrem Nachfolger. Vor seiner Thronbesteigung lebte er fast anhaltend in dem Schlosse, um in den damals so ausgedehnten Eichenwäldern, welche von Wild wimmelten, voll Eifer dem Vergnügen der Jagd obzuliegen; so groß war seine Vorliebe für Öland, daß er, um das Eiland besonders zu ehren, bei seiner Krönung Öländer Bier kredenzen ließ.

Halbwegs zwischen dem Schloß und dem Dorf liegt das Gehöfte der Königin, eine phantastische Schöpfung, halb Garten, halb Park; die Wege werden von hohen, geschorenen Hecken – grünen Mauern vergleichbar – umschlossen und in diesen nisten Vögel in ungeheuren Mengen. Obschon unter 56° 52' nördl. Br. gelegen, waren besonders Nachtigallen sehr zahlreich und erfüllten die Luft mit ihren süßen Melodien.

Wie in vielen anderen Gegenden Schwedens wird auch auf Öland der Frühlingsanfang in feierlicher Weise begangen. Früher wurde in der Walpurgisnacht Gottesdienst abgehalten, diesen Brauch hat man aufgegeben, wohl aber werden die altgewohnten Freudenfeuer nach wie vor angezündet. Vor Einbruch der Dunkelheit sind die Burschen auf dem Gipfel des zunächst gelegenen Hügels schon eifrig mit dem Anhäufen des notwendigen Brennstoffes beschäftigt; jedes Dorf hat sein eigenes Feuer, und oft kann man von einer Höhe aus deren 30–40 auf einmal erblicken, dabei herrscht ein wahrer Wetteifer, wessen Flamme am hellsten brennt. Die alten Leute bleiben an diesem Abend meist zu Hause und beobachten von hier aus die Zahl der Feuer, ob sie ungerade oder gerade und ob die Funken nordwärts fliegen oder nach Süden – ist es eine ungerade Zahl und weht dabei der Wind aus Norden, so steht, dem allgemeinen Glauben zufolge, ein kalter Frühling in Aussicht, kommt der Wind von Süden her, so wird das Wetter warm. Die gesamte Jugend ist mittlerweile um das Feuer versammelt, und sobald die Flammen recht hell lodern, bilden Burschen und Mädchen einen Kreis, oder, wenn die Menschenmenge sehr zahlreich ist, zwei oder drei Ringe um das Feuer, und die Släng-Polka, ein sehr hübscher, anmutiger Tanz, welcher jedoch in den einzelnen Provinzen verschieden getanzt wird, nimmt ihren Anfang; fröhlicher Gesang erschallt dazwischen.

Diese Feier ist ein Überrest heidnischen Brauches; die alten Skandinavier pflegten an diesem Tage auf den Stendösar oder Cromlechs Kinder zu opfern und bis zum Sonnenaufgang rings um die Opferstätte Tänze aufzuführen.

Noch ein anderer Brauch wird im Süden Schwedens beobachtet, obwohl nicht mehr in demselben Maße wie früher. Die Burschen ziehen bei einbrechender Dämmerung von Gehöfte zu Gehöfte, um das Mailied zu singen, und stecken, falls man ihnen eine gute Aufnahme angedeihen läßt – d. h. eine tüchtige Beisteuer an Eiern oder dergl. in die mitgebrachten Körbe legt – frische Birkenzweige über die Thüre. Die Eier finden an Pfingsten Verwendung zur Herstellung von Pfannkuchen, welche in den Pausen zwischen Tanz und Spiel in schier unglaublichen Mengen vertilgt werden.

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