Im Lande der Mitternachts-Sonne
Verlag: Ferdinand Hirt & Sohn | Jahr: 1885 | Übersetzer: A. Helms
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Vierundzwanzigstes Kapitel. Kreuz- und Querwanderungen.
Molde. – Drontheim. – Röros. – Das Oesterdal. – Der Mjösen-See. – Lillehammer. – Die Hövring-Saeter.
Keine andere Stadt Norwegens bietet ein so ausgedehntes köstliches Panorama von Fjord- und Berglandschaft, wie das malerisch an den Seerand, zu Füßen schöner Hügel sich schmiegende Molde. Die Umgebung ist nach allen Richtungen hin von so wunderbarer Großartigkeit, daß man kaum weiß, wohin man den Blick zuerst wenden soll, die nach Süden sich erstreckenden Fjorde sind voll unvergleichlichen Reizes, die Fahrt zwischen dem Gewirr von Inseln und Inselchen bietet ein beständig wechselndes Bild, während nach Norden hin die wilde zerklüftete Küste mit den prachtvoll ansteigenden Bergen einen entzückenden Anblick gewährt. –
An zahlreichen Inselgruppen vorüber führt der Weg nach dem Fjord von Drontheim, vor dessen Ausgang Hiteren liegt, die größte norwegische Insel südlich vom Polarkreis. Hier nimmt der eigentliche Fjord seinen Anfang, denn während der Skjören-Fjord sich nach Nordosten dehnt, wendet sich der Drontheim-Fjord nach Südosten, zweigt einen Arm nach Süden ab, um dann bis zur Stadt Drontheim eine östliche Richtung beizubehalten. Nach Nordosten sich weiter erstreckend reicht er bis Stördalshalsen, Levanger und Värdalsören hin und setzt sich weiter fort bis Stenkjaer, wo der innere, durch einen schmalen Wasserarm mit dem äußeren verbundene Fjord, der Beitstad-Fjord, beginnt; die Länge des Fjordes, einschließlich des Beitstad-Fjordes, beträgt etwas über 115 km. Dicht vor Drontheim liegt in dem Fjord die Insel Munkholm, auf welcher die Befestigungswerke zum Schutze der Stadt in stetem Fortschreiten begriffen sind. Auf dieser Insel hatten die Benediktiner 1028 ein Kloster errichtet, einige Ruinen innerhalb der Festungsmauern aber sind alles, was von dem Bau bis jetzt übrig geblieben. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts an diente Munkholm häufig als
Staatsgefängnis, in welchem u. a. der große dänische Staatsmann, der Kanzler Griffenfeld 18 Jahre hindurch (1680–1698) schmachten mußte.
Der Romsdals-Fjord, unweit Molde.
Drontheim, unter 63° 26', die frühere Hauptstadt, nun, der Bevölkerung nach, die drittgrößte Stadt Norwegens, zählt 21 000 Einwohner und steht durch eine Eisenbahn in direkter Verbindung mit Christiania. Es liegt an den Ufern einer Bucht und der Mündung des Flusses Nid und soll von Olaf Tryggvason im Jahre 997 gegründet worden sein; hier findet die Krönung der Könige von Schweden zu Königen von Norwegen auch jetzt noch statt. Die über dem ganzen Ort lagernde Stille, die Einsamkeit der Straßen verleihen ihm indes das Ansehen einer gefallenen Größe, und es ist nur zu hoffen, daß durch Eröffnung der neuen Eisenbahnverbindung dem Platze einiges von seiner früheren Bedeutung und Wohlhabenheit zurückgegeben werde. Die Schulen sind zahlreich, auch befindet sich hier der Sitz des Stiftamtmand, eines Bischofs und eines höheren Gerichtshofes; mehrere Zeitungen erscheinen täglich in der Frühe und am Abend.
Etwa 80 km weiter nördlich als Drontheim liegt Levanger; die wundervolle Landstraße zieht sich an prächtigen Gehöften, hübschen Dörfern, an bewaldeten Hügeln und streckenweise auch dicht am Fjord entlang. Dieser Teil des Trondhjem-Stiftes ist eines der fruchtbarsten Gebiete Norwegens, am 9. September, da ich Levanger verließ, war die Heuernte glücklich eingebracht und der Stand der Kornfelder hielt mit demjenigen Schwedens gleichen Schritt, Erdbeeren und Johannisbeeren waren jedoch nicht mehr vorhanden, denn wir befanden uns zwischen 63° und 64° nördl. Br.
In Norwegen beginnt, längs der Küste und an den Fjorden, der Frühling zeitiger denn in Schweden, die Vegetation aber ist, infolge des geringeren Sonnenscheins, weiter zurück, dafür treten hier selten Fröste schon im August ein, in diesem Jahre war z. B. selbst bis zum Tage meiner Abreise solcher noch nicht vorgekommen.
Nicht weit von Levanger entfernt traf ich auf einen großen »Herregaard« (Herrnhof), wie man sie in norwegisch Nordland da und dort findet, und die sich durch ihr stattliches Aussehen, den Blumen- und Gemüsegarten, sowie die Baumpflanzung sofort von dem Gaard des Bonde unterscheiden. Dies Gehöfte erschien besonders auffallend durch den Umfang seiner Gebäude, das zweistöckige Wohnhaus hatte eine Länge von über 40 m bei entsprechender Breite, vor demselben zog sich ein Garten hin, und der an die Rückseite des Hauses stoßende, an den drei anderen Seiten von Ökonomiegebäuden umschlossene Hof maß 60 m in der Breite, bei 75 m in der Länge. Das Wasser des in der Mitte befindlichen Brunnens war vermittelst Röhren aus den Bergen hierher geleitet, ein Stall bot Raum für mehr als fünfzig Kühe, im Pferdestall standen neun Pferde, und über dem Kuhstall erhob sich ein Speicher, in welchem mindestens 400 kg Heu untergebracht werden konnten.
Nicht weit von Levanger liegt das Gehöft Stiklestad, denkwürdig als die Stätte, an welcher der heilige Olaf in blutigem Kampf 1030 erschlagen wurde, die Stelle, an welcher er fiel, ist der Altarplatz der nahen Kirche, indes bezeichnet man fälschlicherweise noch eine zweite Stelle als Stätte seines Todes, daselbst erhebt sich eine steinerne Säule mit einem eisernen Kreuze darauf, beide haben unter dem Zahn der Zeit gelitten, weshalb ein neues Kreuz neben dem alten Denkzeichen errichtet wurde. Levanger selbst brannte vor einigen Jahren fast vollständig nieder und mußte zum größten Teil neu aufgebaut werden, die Straßen waren zur Zeit meines Besuches zwar nicht gepflastert, aber trotzdem sehr sauber, und auch die roten Ziegeldächer machten einen freundlichen Eindruck.
Von Stenkjaer aus gelangt man über Namsos nach dem Namdal; hier liegt der Lier-Foß, ein Punkt von hervorragender Schönheit. Uber eine vollkommen senkrechte, 30 m hohe Felswand stürzt der Strom herab, und nur eine kleine Strecke weiter bildet er abermals einen zweiten Fall von 25 m Höhe, die Wassermasse ist klar wie Krystall, der obere Fall aber ist malerischer denn der untere und es ist nur schade, daß Sägemühlen und Kupferschmelzen die Lieblichkeit der Landschaft stark beeinträchtigen.
Südlicher als das Namdal, westwärts von Levanger, öffnen sich die Thäler Verdal und Suuldal. Mehrere Kilometer weit dehnen sie, von einem Flusse durchströmt, sich aus, im Hintergrund steigt eine Terrasse über der anderen empor, hier und da ziehen niedere Hügel sich hin, malerische Schluchten strecken sich dazwischen, – goldig wogte das Meer der Halme, üppige Wiesen, grüne Triften, liebliche Gehölze – alles vereint sich zu einem Gemälde voll entzückender Schönheit, das die dunkelen Wälder rings mit köstlichem Rahmen umgeben; wie ein zur Wirklichkeit gewordenes Feenmärchen, wie ein lachendes Paradies lag das wunderbare Fleckchen Erde vor mir.
Auch der übrige Teil der Landschaft an dem westlichen Abhang des die Grenze zwischen Schweden und Norwegen bildenden Höhenzuges gehört mit zu den schönsten dieser Art in Norwegen, da, wo die Landstraße in einer Höhe von 600 m über dem Meeresspiegel sich hinzieht, zeigen sich Bäume nur spärlich vertreten, dann erscheinen Tannen – hohe kräftige Stämme, die Zweige mit dunkelem Moose behangen, unten tost schäumend der Fluß, mehrere Wasserfälle bildend, immer enger und wilder wird das Thal und kaum scheint noch Raum vorhanden für die Fahrstraße, welche, in den Felsen gehauen, dicht am Wasser entlang bis zu dem Städtchen Röros oder Röraas führt. Dasselbe, ein ruhiges Städtchen mit etwa 1900 Einwohnern, vielen hübschen, sauber angestrichenen Häusern und reinlichen Straßen, erhält besondere Wichtigkeit durch die Kupferbergwerke, welche schon im Jahre 1644 in Betrieb standen und von denen die Storvarts-Schachte in einer Höhe von 860 m liegen. Der Hitterfluß durchströmt die Stadt und werden seine Ufer durch hölzerne Brücken verbunden, deren Bauart – wie die Abbildung erkennen läßt – malerisch und eigentümlich zugleich, in einer nur in Norwegen gebräuchlichen Weise ausgeführt ist.
Röros.
Einige Kilometer weiter gelangt man an das nördliche Ende des seiner eigenartigen Scenerie wegen bemerkenswerten Faemund-Sjö. Dieser prächtige, 45 km lange See, dessen Ausfluß, der Klarelf, sich in den Wenern-See ergießt, liegt 650 m über dem Meeresspiegel, seine sanft geneigten Ufer sind an vielen Stellen mit Fichten und Birken bekleidet, die sich in der durchsichtig klaren, von Fischen wimmelnden Wassermasse spiegeln.
Durch das Oesterdal immer längs des Glommen, Norwegens größtem Strome, dahin, ging es weiter, bis ich das an dem Mjösen-See gelegene Hamar erreichte. Die Stadt hat ein trostloses Ansehen, Gras wächst in den breiten Straßen und rings um die Kirche wuchert Unkraut in üppiger Fülle – das rechte Bild einer gefallenen Größe. Früher von hervorragender Bedeutung, ward der Ort 1567 vollständig von den Schweden zerstört; ganz in der Nähe befinden sich sehr interessante Ruinen, die einzigen Überreste seines stolzen Domes.
Der Mjösen ist Norwegens größter See; 120 m über dem Meeresspiegel gelegen, dehnt er sich in einer Länge von etwa 100 km; seine Breite ist verschieden, übersteigt aber an keiner Stelle mehr denn 15 km; die größte Tiefe des Wassers beträgt 660 m, reicht also weit unter den Meeresspiegel. Zur Zeit des großen Erdbebens in Lissabon im Jahre 1755 stieg das Wasser urplötzlich um 1 m, um gleich darauf auf seinen gewöhnlichen Stand zurückzusinken. Im Frühling erreicht es seine bedeutendste Höhe, fällt indes allmählich 5–6 m. Der Mjösen hat nichts von dem finsteren Charakter, welcher sonst den norwegischen Seen eigen zu sein pflegt, sanft senken sich die Hügel nach dem Wasser zu herab und an ihre Seiten schmiegen sich allenthalben schmucke Gehöfte und wohlbestellte Felder, alte Kirchen und freundliche Dörfer, es ist ein, wenn auch nicht durch eigenartige Schönheit ausgezeichnetes, so doch liebliches Bild, welches durch die Menge der den Wasserspiegel furchenden Personen- und Schleppdampfer noch angenehm belebt wird. Die bedeutendsten Orte an seinen Ufern sind Hamar, Gjövik und Lillehammer.
Die Umgebung des Mjösen, sowie das Oesterdal, gehören mit zu den fruchtbarsten Gebieten in Norwegen. Viele der Leute kann man eigentlich kaum noch als Bauern bezeichnen, sie wohnen in bequemen, mit allen nur möglichen Luxusgegenständen ausgestatteten Häusern und legen ebenso großen Wert auf die Pflege ihrer mit Sommerpavillons versehenen Gärten, wie auf die Unterhaltung und Verschönerung ihrer stattlichen Ökonomiegebäude und die Züchtung und Aufbesserung ihres reichen Viehstandes. Viele unter ihnen beobachten in ihrem häuslichen Leben städtische Gewohnheiten, tragen gestärkte Wäsche und lassen sich eigentlich weit richtiger als Gutsbesitzer bezeichnen, die – Liebhaber schöner Pferde, der Jagd und des Fischfangs – lediglich die Oberaufsicht führen über die auf ihren Besitzungen vorgenommenen Arbeiten.
Das am oberen Ende des Sees von einem hohen Hügel herabschauende Dörfchen Lillehammer besteht nur aus drei Straßen, von welchen die bedeutendste auf einer Brücke über die Mesna führt. Es zählt etwa 1700 Einwohner und dient vermöge seiner Lage am Ausgang des Gudbrandsdal – dessen Fortsetzung der See bildet – und besonders früher, als noch keine Eisenbahn durch das Oesterdal führte, am Anfang der nach Drontheim führenden Landstraße als ein Durchgangspunkt für den Handelsverkehr dieser Gegend. Der Ort besitzt auch ein sehr hübsches Hospital, ein solid gebautes, zweistöckiges Blockhaus mit großen, 5 m hohen Krankenzimmern, deren jedes sechs Betten enthält; zur Zeit meines Besuches befanden sich allerdings nur zwei Patienten in der Anstalt. Das Ganze steht unter der Leitung eines von der Regierung angestellten Arztes. Unbemittelten wird kostenfreie Aufnahme gewährt und dabei herrscht, vornehmlich auch in den Badestuben und in der Küche, eine wirklich musterhafte Ordnung und Reinlichkeit.
Dank den zahlreichen Regengüssen der letzten Wochen wurde mir das seltene Glück zu teil, den Wasserfall von Lillehammer in seiner vollen Pracht bewundern zu können. Aus einer Höhe von über hundert Metern stürzte der Mesnafluß, nachdem er sich an einer Stelle durch einen nur 3 m breiten Kanal hindurch gezwängt, in einer ungeheuren Masse weißen Schaumes zur Tiefe, lustig trieb der Wind mit den Gischtmengen sein Spiel und fegte sie, wie lichte Staubwolken, weit über Bäume und Wiesen dahin.
Obgleich so viel weiter südlich gelegen, ist die Ernte in dieser Gegend doch stets weiter zurück als jenseits des Polarkreises; in der ersten Woche des September sah ich noch viele der Ernte harrende Roggen- und Gerstenfelder, in dem Garten des Doktors hingen sogar noch Kirschen an den Bäumen, Himbeeren und Stachelbeeren waren gerade reif und die Apfelbäume prangten in reichem Früchteschmuck.
Weiter, immer weiter, hieß die Losung, und so ließ ich mich denn nach kurzer Rast wieder auf den durch die Querthäler des Gudbrandsdal führenden Pfaden schütteln.
Die Gehöfte des Gudbrandsdal sind an Größe sehr verschieden; das Wohnhaus, in welches man durch eine mit einem Vordach versehene Pforte gelangt, enthält außer dem Familienzimmer gewöhnlich noch zwei kleinere Räume, ein Logierhaus fehlt fast nirgends. Im allgemeinen sind indes die Leute sehr arm, einige von ihnen besitzen weder Feldgut noch Vieh und müssen von dem leben, was sie im Tagelohn verdienen; trotzdem trifft man hier nirgends verhungerte, elende Gestalten, wie man sie in anderen Ländern sieht, und obgleich grobes Brot, Kartoffeln und saure Milch die gewöhnliche Nahrung – Butter und Fleisch dagegen seltene Genußmittel – bilden, so sind doch fast alle stark gebaut und von kräftiger Gesundheit.
In den engen Thälern fand ich die Ernte weiter vorgeschritten, als in den breiteren; an den meisten Orten war man eifrig mit dem Einbringen der Kartoffeln beschäftigt, dabei wurden sie sofort sorgfältig ausgelesen, die kleineren für das Füttern der Schweine bestimmt, die großen aber erst zum Trocknen ausgebreitet, ehe man sie in dunkelen Kellern zum Wintervorrat unterbrachte. Auf jedem größeren Gehöfte fand eine bedeutende Anzahl von Tagelöhnern Beschäftigung, doch war der Lohn, den sie erhielten, keineswegs ein hoher; viele der Leute zogen es vor, sich den Betrag in Kartoffeln geben zu lassen. Da sie auch außerdem verköstigt werden mußten, so hatte die Hausfrau samt den Mägden natürlich alle Hände voll zu thun; namentlich mußte Brot in ungeheuren Quantitäten gebacken werden, und zwar waren die Laibe von so gewaltigem Umfange, daß einer von ihnen als Ration eines Mannes genügte.
Oberhalb des in der wilden Rusten-Schlucht gelegenen Laurgaard verließ ich die Landstraße, um mich seitwärts auf einem rauhen Bergpfade den als das größte Saeterdorf Norwegens bekannten Hövring-Saetern zuzuwenden. Nicht weniger denn 35 Saeter befinden sich in dieser Höhe, die meisten waren indes schon von ihren seitherigen Bewohnern verlassen, denn die Jahreszeit war schon ziemlich weit vorgerückt und die fahle Farbe des Grases ließ erkennen, daß der Sommer nun zu Ende sei; bald mußten wohl die Winterstürme über die öde Hochfläche hinfegen. Trotzdem bot auch jetzt noch der Aufenthalt Annehmlichkeiten genug, denn unstreitig sind die Hövring-Saeter die schönstgelegenen in ganz Norwegen; ihre Lage vereinigt Vorzüge in sich, wie man sie sonst nirgends findet, und da sich außerdem der Zugang in vollster Bequemlichkeit bewerkstelligen läßt, so sind sie eigentlich wie geschaffen für einen Luftkurort. Man kann weite Strecken wandern, ohne fürchten zu müssen, daß man in eine sumpfige Stelle gerät, steile Hügel sind gleichfalls nicht vorhanden, die Luft ist von einer entzückenden Reinheit und Frische und wirkt wunderbar belebend, – kurz, ich wüßte keinen Ort, der Kranken und Genesenden mehr Vorteile bietet und deshalb dringender anempfohlen werden könnte als diese Hövring-Saeter. Ebenso dürften auch die Liebhaber weiterer Ausflüge hier ihre Rechnung finden, lassen sich doch von diesem Plateau aus die umliegenden Bergspitzen auf Reitpfaden, mit Hilfe der sehr sicheren Pferde bis zu einer Höhe von 1500 m erklimmen.
Unerwartet sandte uns König Winter seine ersten Boten, der Wind wehte mit entsetzlicher Gewalt und dazwischen überschüttete uns Gott Pluvius mit ungemütlich kalten Schauern; gegen Abend klärte sich der Himmel zwar plötzlich auf, die Kälte aber steigerte sich noch um mehrere Grad, und vor Sonnenuntergang hatten wir den ersten Schneefall. An diesem Tage waren gerade drei Männer aus dem Thal herausgekommen, um die Felder zu pflügen, ihre sämtlichen Geräte führten sie auf zwei Wagen 6et. sich und aus diesen sollten sie dann auch nach gethaner Arbeit die sämtlichen Butter- und Käsevorräte, sowie alle diejenigen Gegenstände, welche man nicht den Winter über in den Saeterhütten lassen wollte, hinunterschaffen.
Morgens stand das Thermometer auf 4° unter 0°, der Himmel war wolkenlos klar und die Luft vollkommen ruhig, an den Dächern der Hütten aber hingen lange Eiszapfen und an den Ufern des Flusses hatte sich eine beinahe 1 cm dicke Eisdecke gebildet. Alles wies darauf hin, daß der völlige Eintritt des Winters nicht mehr lange werde auf sich warten lassen, und da überdies die wenigen noch zurückgebliebenen Saeterbewohner am folgenden Tage abzuziehen gedachten, so nahm ich, wenn auch schweren Herzens, Abschied, um meine Schritte bergabwärts zu lenken.
Ungeheuer war die Menge der Lemminge ( Myodes lemmus), welche ich in den Bergen und auf der Landstraße antraf, viele waren von Pferden zertreten oder von Wagen überfahren worden, und auch ich konnte es nicht vermeiden, beständig auf sie zu treten. Sie besitzen große Ähnlichkeit mit Feldmäusen, der dicke Körper ruht auf kurzen Füßen, sie sind etwa 12–15 cm lang, von rotbrauner Farbe mit schwärzlichen Streifen. Zweimal während meiner Wanderungen in Skandinavien habe ich sie in so unzähligen Mengen wahrgenommen; sie leben in Höhlen und kommen bei diesen periodischen Streifzügen stets von Norden, wie ich sie denn auch noch unter 70° 30' nördl. Br. gefunden habe. Nichts vermag sie auf ihrem Marsche aufzuhalten, weite Landstriche werden vollständig von ihnen überschwemmt, und wo sie hindurchgezogen, lassen sie völlig öde Strecken hinter sich, Gras, Moos, Blätter, ja sogar die Zweige der Zwergbirken und Weiden – alles fällt ihren scharfen Zähnen zum Opfer.