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Die kürzeste und weiteste Reise

Als ein atmender Heiliger unter den kunstvoll hölzernen und steinernen erscheint Albertus den Mönchen im Kölner Kloster. Wenn er vor der Himmelsmutter mit dem Kinde kniet, so ist das etwas anderes als wenn einer der übrigen das tut. Denn er wird übermorgen, nächsten Monat, die Zeiträume haben keine Bedeutung mehr für ihn, bald neben ihr sitzen und mit ihr sprechen, in einem anderen Reich. Nicht weil er alt ist, wirkt er schon jenseitig, sondern weil er dieses Jenseits sich erobert hat, welthungriger und mühseliger als wohl irgendein anderer der Mitbrüder. Nicht zu beschreiben ist der aus dem verwitterten Antlitz herausstrahlende unenttäuschte Blick der Augen. Wer von den Novizen und Schülern noch Tage des Zweifels an Gott hat, holt sich an diesen Augen Zuversicht. Hier ist wahrhaft Christophorus, der seine riesenhaft angewachsene Last über den Strom gebracht hat und tief atmend ausruht im Grase.

Albert hat viel im Leben getan, aber immer noch zu wenig. Er hat Sehnsucht nach Gott, wie die Wellen des Stromes nach dem Meer, nach Wiedervereinigung, so sehr er sich des Lebens auf der Erde freut. Die Seele des Menschen erlischt nicht mit dem Tod wie eine Lampe in der Nacht, sondern sie behält ihren Schein, nur geht er in die soviel größere Blendung des ewigen Lichtes auf, aus dem sie gekommen. Die Vereinigung mit dem Jenseits kommt nicht mit dem Augenblick des Todes, sie beginnt schon lange vorher. Auch bei Albert hat sie bereits angefangen, seine Seele ist schon schwer und süß davon.

Dennoch ist es ein Kampf mit einem unerbittlicheren Gegner, als selbst Gott in Paris es war: mit dem Tod, der immer Sieger bleibt. Aber Albertus will noch leben.

Viele Stunden am Tag schreibt er, faßt manches zu letzter Klarheit zusammen: Das Unvollkommene – es ist nur der Anfang des Vollkommenen. Gott: das heißt das Wahre, Gute, Schöne, es ist in jedem Menschen in einem unablässigen Kampf mit dem Bösen, Unwahren, Häßlichen – nur so kann er sich vervollkommnen. Immer ruft das Gute Liebe hervor, die Liebe endlich zieht den Menschen zu Gott hinauf. Um dieser Liebe willen ist Sein besser als Nichtsein.

Zugleich, Widerspruch und Einheit des Lebens, fühlt er sich mit dem Blutstrom des Urchristentums tiefer als je verschmolzen. Auch der Staat ist gegründet auf Liebe, Krieg darf nur geführt werden, damit Liebe ihr Recht behält.

Alle Wissenschaft leitet zu Gott hin, aber es gibt auch eine Erkenntnis Gottes fern von ihr: Will man fragen nach den Geheimnissen Gottes, so frage man nach dem ärmsten Menschen, der auf Erden weilt und mit Freuden arm ist aus Liebe zu Gott, der weiß von Gottes Geheimnissen mehr denn der weiseste Gelehrte auf Erden.

Täglich geht Albertus in seinen alten geliebten Schuhen, die er nicht mehr durch neue ersetzt, wie auf eine weite Reise zu dem Bau des gotischen Chors, den er seinem Kloster gestiftet hat. Hier klingen die Hämmer und Meißel und die Rufe der Werkleute mit denen vom nahen Dombau her zusammen. Dieser Chor ist das Letzte und Köstlichste, was Albertus von dieser Erde in seine Augen aufnehmen will. Alles was ihm an Geschenken für seine Reisen als Schiedsrichter zuteil geworden, Edelsteine, Silber- und Goldgefäße, hat er für diesen Bau hingegeben. Seine irdische Mühsal hat sich in Stein verwandelt – aber welch lebendiges Gestein! Oft sagt er scherzend zu den Werkleuten: Eilt nicht! Das Wichtigste bleibt, daß ihr alles sorgsam ausführt und eure Seele mit hineinmeißelt. Gern will ich hundert Jahre werden, um die Vollendung mit euch zu feiern! Seine Lust zu leben ist wirklich unerschöpflich, trotz seiner Sehnsucht nach oben.

An warmen Tagen steigt er, von Gottfried gestützt, auf das Dach eines Klosterhauses, da sieht er die Segel der Schiffe, auch einen Wiesenstreif des anderen Ufers und denkt an jene lang vergangenen Wege stromentlang mit den Schülern und dem Freund Thomas von Aquin.

Vor einiger Zeit schrieb er noch der Schwester Almudis in ihr Waldgebirge und erhielt keine Antwort. Lebt sie noch? Leben und Tod – es ist für ihn das gleiche geworden, sie werden sich drüben sehen, wo die Wiederbegegnung so zart sein wird, wie er es sich wünscht.

Auch an Ägid denkt er bisweilen, er kann keinen vergessen, der ihm nah gewesen. Gelb wie Korn wehte sein Haar im Wind und er sang mit den Lerchen über die Felder.

Ebenso kommt ihm Schwester Aleit nie aus dem Sinn, sie war so jung damals, daß sie ihm ein Kind schien, und doch voll tiefem Ernst. Er fühlte gern nach dem goldenen Kettchen, das sie ihm damals umgehängt. Er hat es, eingedenk der sinnbildlichen Kraft dieses Geschenks, treu an seinem Platz bewahrt, nicht einmal im Bad zieht er es ab, das einzige, was er an irdischem Gut für sich selbst behalten hat. Er wird auch damit vor Gott treten, Gott wird ihn verstehen.

An Sommerabenden behagt es ihm im Garten zu sitzen unter den Bäumen, die er selbst gepflanzt hat, sie sind ihm Freunde. Sie sehen mit zerschrundeter Rinde schon alt aus, aber Albertus ist ja noch älter. Wenn er es sonst nicht glauben möchte, an der Rinde dieser Bäume kann er sein eigenes Alter abzählen. Hier ist er wieder wie ein Träumer wie in Jugendjahren und immer noch träumt er nicht von sich, sondern davon, wie die Erde in Urzeit gewesen und in Zukunft werden wird. Einst war alles Meer und einmal wird wieder alles Meer sein. Und die Sterne über uns, jeder auch eine Welt? Wie wunderbar, Gott, sind deine Geheimnisse und wie arm wäre unser Leben, wüßten wir darum.

Doch füllten auch Schreiben und Träumen Alberts Seele nicht mehr aus. Wenige Wochen immer ertrug er solchen Feierabend, dann ergriff ihn der Drang mehr zu tun. Manchmal in all den Jahrzehnten hatte Albertus doch geirrt, aber so gründlich noch nie wie darin, daß er dachte, sein äußeres Leben sei nach dieser großen Reise abgeschlossen. Die Kirche, ja, der heilige Vater in Rom selbst, wollten an ihm gut machen, was beinahe versäumt worden wäre. Zu vielen Fahrten mußte er mit Gottfried noch den zweirossigen Wagen besteigen, nicht zu weiten Wegen, dafür aber mit erwählten Aufgaben. So legte er in Wimpfen am Berg im Frankenland den Grundstein zu einer neuen Kirche, in Xanten weihte er eine Kapelle des Viktordoms. Zu Schiedsurteilen aber riefen ihn die Uneinigen von allen Seiten.

Gibt es denn keinen andern als mich für diesen Dienst? rief er. Wenn ich nicht mehr bin, müßt ihr doch auch nach einem andern schicken!

Nein, Feierabend konnte er sein letztes Alter nicht nennen. Oft seufzte er – und war doch voller Freude, der Lobgesang in ihm hörte nicht auf, ihn mit innerlicher Musik zu erfüllen. Was für einen andern Lebensabend hätte er sich auch denken können? Gott legt jedem die rechte Last auf. Leben heißt Lieben.

Wenn er hinter den wuchtigen Rücken der beiden Lenker und den trabenden Hufen der Rosse durchs Land rattert und Gottfried spürt, daß sein Meister es müde geworden ist, ihm in die Feder zu sprechen, müd auch vom Träumen in die Wolken, dann erzählt er ihm von den Legenden, die das Volk anfängt um Alberts Gestalt zu weben. Machen ihn solche Legenden zum bloßen Zauberer, gar zum Alchimisten, der nach Gold oder nach dem Stein der Weisen sucht, dann gerät der Meister in kurzen Zorn. Lassen sie ihn aber die Sprengkraft des Pulvers entdecken und dann den Zettel mit den Berechnungen vernichten, damit er dem Krieg keine Waffe liefert, so freut er sich umsomehr, weil er in dieser Freundschaft zum Frieden sein Wesen ausgesprochen findet.

Sie erzählen auch, sagt Gottfried, daß einmal heimlich Thomas von Aquino in deine Zelle gegangen sei, um zu sehen, was eigentlich Eure Apparate alle bedeuteten. Hier und da drehte oder bewegte er einen Hebel, dann beginnt es zu klappern, zu schwirren, zu glühen, zu dampfen. Thomas erschrak, dennoch trieb es ihn einen Vorhang aufzuheben, da mußte etwas Besonderes verborgen sein. Er sah eine menschliche Gestalt aus Ton, aber ganz natürlich bemalt und mit Kleidern angetan, nur starren Blicks. Er hob eine Kurbel an, die an einer Seite angebracht war: da bewegten sich die Augen, es schoß Feuer aus ihnen und aus dem Mund kam ein dreimaliges lautes Salve! Thomas im Glauben, einen Teufelsspuk vor sich zu haben, völlig zweifelnd an Euch und in äußerster Furcht nahm einen Hammer und zerschlug die Figur, sie zersprang in klirrende Scherben. Da wäret Ihr gekommen und hättet laut geklagt: O Thomas, was hast du getan? Zwei Jahrzehnte habe ich an diesem Werk gearbeitet, noch einmal gelingt es mir nicht!

Auch sollt Ihr mit Alexander dem Großen die Welt bis an ihr Ende durchzogen haben. Und wiederum sollt Ihr einmal Eure besondere Beschützerin, die Gottesmutter, angefleht haben, daß Ihr für zehn Tage ins Fegefeuer könntet gehen, um auch diesen Ort zu erforschen, da Euch auf der Erde nichts mehr zu erforschen geblieben sei.

Einmal hattet Ihr Gäste, mitten im Winter. Sie froren in unserm Kloster sehr. Da lächeltet Ihr und sagtet: Kommt mit in den Garten! Niemand dachte an Ernst, denn draußen mußte es ja noch viel kälter sein. Aber Ihr ginget voran und sie folgten. Siehe, der Garten stand in sommerlichem Grün, die Vögel sangen und man konnte das schönste Obst von den Zweigen pflücken. Am nächsten Tag war zwar der Garten wieder kahl, aber überall lag noch das abgefallene Laub, zum Zeichen, daß es kein Traum gewesen.

Wißt Ihr aber auch, Meister, daß sie Euch den Plan zum Dom zuschreiben?

Albertus mußte so herzlich lachen, daß er sich beiderseits mit den Händen am Sitz der Bank festhielt, dann erschrak er fast vor sich selber.

Ja, sie sagen, Ihr saßet nachts in eurer Zelle mit Maßstab und Zirkel und waret dabei, verzweifelt das ganze Werk aufzugeben. Da kam mit einem Überschein Eure Freundin, die Gottesmutter, sie trug einen Lilienstengel in der Hand, gab Euch den, sagte: Damit zeichne! und verschwand. Jetzt gelang Euch der Entwurf ohne Mühe.

Albert saß da mit hellem Gesicht, stumm, voll Glück, vergaß die Welt, als wäre das wirklich so geschehen.

Was alles aber war Gottfried außerstande zu erzählen! Daß einst das weite Abendland dem Meister, der doch kein Kaiser, kein König, kein Feldherr gewesen, sondern nur ein Bettelmönch, über die Jahrhunderte hin den Beinamen »der Große« gibt, daß die Kirche ihn heilig spricht. Der Seefahrer Kolumbus tritt, dreihundert Jahre später, seine erste Entdeckungsreise an auf Grund des Nachweises, den Albertus von der Kugelgestalt der Erde in einem Buch geführt, das auf der Bibliothek in Sevilla mit den Eintragungen des Kolumbus aufbewahrt bleibt. In 50 Foliobänden ist das Werk seines Lebens gesammelt: Aufbau der christlichen Lehre, Naturkunde von den Steinen bis zu den Sternen. Tierlehre von den Ameisen bis zu den Walfischen, Wetterkunde, Lehre von den Heilkräften der Pflanzen, Exegesen der Bibel, Deutungen der griechischen Weltweisen, Predigten, Gedichte auf die Gottesmutter, Lehre vom Staate, Untersuchungen über Träume und Visionen.

Auf einer Fahrt, der Wagen war vom Sang der Lerchen, vom Gesumm der Bienen, vom Hufschall der Pferde, vom Lärm der Räder auf steiniger Straße, von den leisen Liedern der Lenker wie von einem tönenden Mantel umhüllt, sagte Albert: Ich will auch dir, Gottfried, etwas erzählen, keine Legende, aber ein Traum oder Gesicht, ich weiß es selbst nicht zu nennen, doch wenn auch nur Traum oder Gesicht, so ist es dennoch in mir geschehen und darum erlebt, also wahr.

Kaum ins Kloster eingetreten, hatte ich qualvolle Tage und zumal Nächte. Ich kam nicht recht mit in den Unterweisungen, vielleicht war mein Verstand mit vierzig Jahren doch zu ungelenk den so viel jüngeren Mitschülern gegenüber. Ich zweifelte, ob ich je weiterkäme in der Gotteswissenschaft, endlich entschloß ich mich, diese Lebensweise zu verlassen, ehe ich geweiht worden. Ich lehnte eine Leiter an die Gartenmauer und wollte für immer dem Kloster entfliehen – so wie einst ein Novize im weingesegneten Konvent zu Freiburg, Beat mit Namen. Er kehrte zurück, ich kam nicht einmal zur Flucht.

Denn als ich auf der Mauer stand und oben nach der besten Stelle suchte, mich auf der Außenseite hinabzulassen, sah ich im Sternschein vier glanzvoll gekleidete Frauen da stehen.

Was willst du auf der Mauer? Wohin begehrst du? Warum unternimmst du diese offenbare Flucht? So fragten sie, wie schwingendes Metall klangen die Stimmen.

Ich sagte ihnen offen mein Leid und meine Absicht.

Sieh hinter uns die Himmelsmutter, sagte eine der Frauen, wende dich an sie, bitte sie um Hilfe.

Ich, voll süßen Schrecks, konnte kaum die Sprache finden, doch sagte ich: Selige Mutter der Mütter, ich bin ein Novize, aber schon vierzig Jahre alt, mir fällt es so schwer in der Gelehrsamkeit den andern Novizen beizubleiben. Gib mir zum Glauben diese Kraft hinzu, dann will ich gern im Kloster ausharren.

Du hast dich an mich gewendet, sagte die Gottesmutter, sei getrost, ich werde immer bei dir sein.

Sie war immer bei mir, das ganze Leben gab sie mir diese Kraft, daß ich andern Menschen davon mitgeben konnte. Nun weißt du als einziger mein Geheimnis!

Zu welcher wirklichen Legende voll Anmut und Tiefsinn aber das Volk diese Erzählung umschuf, das konnte weder Gottfried, der das ihm Anvertraute dennoch voll Stolz seinen Mitbrüdern weiterberichtete, noch Albertus selber ahnen.

Das Volk dichtete: Ich werde, so sagte die Himmelsmutter zu Albertus, der auf der Mauer stand, die Leiter unter sich, dich in Schutz nehmen für dein ganzes Leben. Selbst den Tod werde ich dir leicht machen und dir beizeiten ein Zeichen senden, daß du um deine letzte Stunde weißt und dich ohne Furcht darauf bereiten kannst. Wenn du einmal im Alter mitten in einem gelehrten Vortrag stecken bleibst und nicht weiterfindest, dann ist diese Stunde nahe.

Es geschah wirklich so. Damit war für immer alle Philosophie von ihm abgefallen. Er wurde wie ein Kind, das im Schutze Marias hinlebte, nichts Äußeres berührte ihn mehr. Alle Mitbrüder im Kloster, alle Novizen und Schüler nahmen ein Stück von seiner Heiligkeit an. Sein Wort war wahr geworden, und so wollte ihn das Volk sehen, nicht aber als Gelehrten.

Alberts Seele ist stark, aber der Leib versagt.

In einer Nacht, es ist die zum 15. November 1280, hebt er sich auf im Bett, um im schwachen Licht, das vor einer Holzfigur der Gottesmutter immerwährend brennt, einen Gedanken in sein Merkbuch aufzuschreiben. Er fühlt, daß sein Herz stockt. Er weckt mit leisem Ruf Gottfried, der seit einiger Zeit mit ihm in der Zelle schläft.

Gottfried wirft sich die Kutte über, eilt hinzu.

Albertus liegt mit seltsamem Fernblick da, er faßt Gottfried beim Gewand, wie um seiner Gegenwart sicher zu sein, und haucht: Leb wohl, ich gehe.

Gottfried muß sein Ohr tief hinunter neigen.

Albertus flüstert: Wer ruft mich? Hörst du? Siehst du das Licht? Was für ein Braus! Der Atem, der Gott vorausweht? Nun werde ich ihm begegnen.

In einer jähen Sorge faßt er des Jüngeren Gewand fester: Habe ich genug getan? Ich habe die Demut vergessen. Ich war bei den Großen, ich hätte bei den Ärmsten bleiben müssen wie Franz von Assisi.

Kann einer demütiger sein als du in diesem Augenblick? Gott wollte Franziskus so und dich so.

Albertus schließt die Augen, Gottfried läuft vor die Tür, ruft in die Nachbarzellen, eilt zurück.

Bald, es dämmert noch nicht, beginnen zum Erstaunen der aufwachenden Mönche, die Klosterglocken zu läuten, zu früh und in ungewöhnlicher Vollzahl. Dann jagt es mit trappelnden Schuhen durch die Flure, Stimmen rufen.

Albertus, der Siebenundachtzigjährige, im Arm Gottfrieds, der ihm den Rücken aus den Kissen hebt, ist am Ende seines Erdenweges angelangt, sichtbar geht die Kraft des Leibes von ihm, das Haar ist naß von Schweiß, der Kopf, den Tod vorbildend, ist zur Seite geneigt, die Augen sind geschlossen.

Patres und Novizen eilen aus allen Gebäuden herbei.

Die Höchsten des Ordens, der Kirche, der Stadt stehen an seinem Bett, die Mönche füllen den Flur bis zur Tür aus. Das Gebet der vielen Männerstimmen mag schon wie erster Gruß des Jenseits zu ihm dringen.

Der treue Gottfried hat es schwer, im Andrang der Liebenden seinen Platz am Kopfende des Bettes zu bewahren, aber er muß dem Sterbenden die Lippen netzen und den Schweiß von der Stirn trocknen.

Während die andern laut beten, denkt er: Ja, wahrhaftig, wäre ein Hinsinken in den Staub der Straße, dicht vor der Tür einer mit Mühe noch erreichten Kapelle, rosafarben oder hellblau, wie er sie so liebte, für diesen Mann nicht natürlicher gewesen? Er, Bruder Gottfried, wenn auch mit geringen Leibeskräften, hätte den Sterbenden geschwind zur Tür hineingezogen, das Glöckchen geschwungen, das sicher nicht traurig, sondern eher fröhlich erklungen wäre, wie diese kleinen Glocken alle, ein paar Kinder, die unterwegs waren, hätten zur Tür hereingeschaut. Und sicher hätten sich hinter dem Altar auch ein paar Kerzen gefunden und Gottfried, längst zum Priester geweiht, hätte sie mit zitternden Fingern, das Herz verkrampft von Weh, angezündet.

Mehr und mehr Glocken der Stadt, nah und fern, vereinen sich mit dem Schall der Klosterglocken, immer gewaltiger schwillt das Geläut, die Stadt muß sich ja mit dem Schall vom Boden heben. Die Menschen in den Häusern treten vor die Türe, rufen sich die Botschaft zu, viele eilen zu den Kirchen.

Als, nach der Versehung, der Prior sich niederbeugt, um nach dem Atem Bischof Alberts zu horchen, öffnet der Scheidende noch einmal die Augen. Um die Mundwinkel zittert ein seliges Lächeln, das Gesicht verklärt sich, die Augen müssen in etwas unsagbar Schönes sehen.

Der letzte Atemzug ist getan. Unter dem vorgebeugten Arm des Priors drängt Gottfried schnell sich durch und drückt seinem Meister die Augen zu – wem wäre dieser letzte Liebesdienst mehr zugekommen als ihm? Und wer hätte ihn fortweisen mögen?

Die Glocken der Stadt sind vollzählig geworden, das ist nicht mehr Erde, die Lüfte schwingen, der Gesang der Mönche, helle und dunkle Stimmen begleitet die aufsteigende Seele, anschwellend wie im Wetteifer mit Chören, die ihm von oben entgegentönen.

Die Gesichter aller, die das Bett umstehen, sind von der Verklärung Alberts mit ergriffen, am tiefsten Gottfrieds Gesicht. Nun müßte er bescheiden von seinem Platz zurücktreten, denn sein Meister ist fortgegangen. Doch er bewahrt tapfer seinen Platz unter den Hohen seines Ordens, hält die Augen gesenkt auf das Gesicht seines Meisters und während ihm die Tränen über die Wangen hinabrinnen, vereint er seine Stimme hell mit denen vom Flur.

Viele Brüder haben die Tage der Glorie mit Albertus verlebt, aber nur dieser eine die armen Nächte der Verzagtheit und des Ringens.

Alberts Seele schwebt auf. Aber: nach allem Gottverlangen will sie sich nun von den Menschen nicht zu weit entfernen – dafür hat er sie zu lieb gewonnen und die Engel brauchen seine Hilfe nicht.

Doch bleibt ihm keine Zeit darüber nachzudenken. Licht viel unermeßlicher als einst in der Kathedrale zu Paris bricht über ihn herein, wieder tönt sein Name, diesmal ist kein Zweifel, alles um ihn ist Licht und Schall, in einem betörenden Einklang.

Der Überdrang der Sphären – wie soll ihm sein kleines Erdenherz standhalten? Wie soll er erst standhalten, wenn er jetzt vor Gott hintritt? Laß Zeit, Gott, dein Angesicht zu sehen! Oder ist alles ein Traum? War das ganze Leben ein Traum?

Nein, ruft eine ferne Stimme: da wir denken, sind wir.

Da wir lieben, sind wir! ruft Albertus hell und mutig dagegen.

Ein Wind braust heran wie nie auf der Erde, aber er geht nur dem Licht vorher, es steigert sich zu äußerster Macht, Glück namenlos schwellt des Albertus Seele. Mit wunderbarem Wohlklang ruft die Stimme der Himmelskönigin ihm den Willkomm zu.

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Der päpstliche und der hochmeisterliche Brief, als Albertus seinem Orden ungehorsam wurde, sowie das erlösende Friedensbekenntnis des Erzbischofs Engelbert sind dem umfassenden Werk H. Chr. Scheebens »Albertus Magnus« wörtlich entnommen, mit Erlaubnis der Bonner Buchgemeinde. Eine weitere Orientierung gab das Albertusbuch A. Winterwyls im Athenaion-Verlag Potsdam 1936.

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Satz und Druck: Balduin Pick Köln · Verlagsnummer: 632

 


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