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Nach drei Jahren der Wanderung kamen Albertus und Ägid, den jesusbärtigen Sider gleichsam als Kriegsgefangenen neben sich, nach Köln zurück. Von der auf ihrem Hügel lang hingestreckten Basilika des Petersdomes mit den vielen Türmen standen nach einem Brand nur noch geschwärzte Ruinen.
Durch die schmale Mauertür, durch die Meister und Jünger einst hinausgegangen, betraten sie den Hof ihres Klosters wieder. Ein Ruf flog durch alle Räume, von drei Seiten liefen die Brüder mit schallenden Holzsohlen herbei, ihren Herrn zu empfangen, vertraute und fremde Gesichter zeigten sich.
Meister Albert hatte so viele fremde gesehen auf der langen Reise, nun suchte er erst einmal die vertrauten heraus, um zu kosten, was es heißt: zu Haus!
Es hatte kein Wetter gegeben, unter dem er mit seinem Gefährten nicht unverzagt hingeschritten wäre, Regen, Schnee, Nebel, Sturm, Sonnenglut, Blitz. Kein Tier war, das er nicht vorsichtig angegangen wäre, um seine Lebensweise zu erkunden, vom Luchs bis zur Feldmaus, vom Adler bis zur Biene, keine bürgerliche und bäuerliche Verrichtung, die er sich nicht erklären ließ, keine Landschaft, Ebene, Tal, Gebirge, Fluß, Strom, die er sich nicht angesehen hätte auf ihre natürliche Entstehung, Entwicklung, Zukunft hin wie auf ihre Eignung für menschliche Besiedlung und Nutzung, kein Sternbild, an das er nicht seine Gedanken über Ordnung und Bewegung des Himmels gehängt hätte. Dazu kam die Arbeit an seiner Übersetzung des Aristoteles, an seiner Naturgeschichte, an seinem Tierbuch, die Predigten, vielgestaltige Seelsorge, Prüfung und Ermutigung einiger tausend Mönche, bei alle dem: sein Herz, das so oft bersten wollte, nicht vor Überfülle der Arbeit, sondern von immer neuem Staunen über die Größe der Schöpfung. Einzige Rettung vor der Bedrängnis durch Lebensgier war die tägliche Bestätigung vom Sinn dieser Schöpfung: läuterndes Hinaufziehen der Menschen zu dem freudig schaffenden Gott.
Mehrere weiße Habite und schwarze Kaseln, sommerleicht oder winterschwer, waren unterwegs von den beiden Wanderern aufgetragen worden, die Schuhe mehrmals erneut. Ihre beiden Gesichter zeigten eine Haut rosig-braun und gesund von Luft und Sonne, Ägids Gesicht hatte dazu den Ausdruck der Festigkeit erhalten, des Meisters Haar die Fülle wie seine Augen die eindringliche Bläue bewahrt, er kam aus dem Mühsal der Jahre verjüngt zurück, breiter und voller.
Aber ehe noch Herz und Füße sich ausgeruht hatten, mußte er wieder Ort und Tätigkeit wechseln: Das Leben hatte den erkannt, der nach ihm suchte: es liebte ihn wieder und bot ihm die Stufen, seine Höhe zu ersteigen, von selber an, zugleich damit das Wagnis und die Schwere: Der Papst selbst schrieb ihm aus Rom einen Brief. Albert nahm das versiegelte Schreiben im Hof aus der Hand des Boten zu Pferde und ging in seine Zelle damit. Er setzte sich, öffnete den Brief ohne Eile und bereitete sich vor, eine bedeutende Neuigkeit zu erfahren. Aber auf eine Bedeutung so hoch, wie er sie dann im Schreiben fand, war er doch nicht gefaßt.
*
Dem Bruder Albert in Köln!
Unser Amt nötigt uns, neben den vielen anderen Sorgen vor allem den Bischofssitzen unsere Liebe zu widmen. Da nun das Bistum in Regensburg seines ehrwürdigen Hirten beraubt ist, haben wir beschlossen, Dich zum Hirten dort zu machen. Denn Du bist uns durch Deine Verdienste und Fähigkeiten seit langem bekannt. So setzen wir die feste Hoffnung in Dich, daß das Bistum Regensburg, in geistlicher und weltlicher Hinsicht arg zerrüttet, durch Dich geheilt und alle seine Schäden durch Deine Bemühungen behoben werden.
Wir befehlen Dir also, daß Du unserm oder vielmehr Gottes Wunsch folgst, die Wahl annimmst und Dich in jene Stadt begibst, um das hohe Amt mit Deiner Klugheit, wie Gott sie Dir gab, zu leiten. Wir haben den Wunsch, daß Dir die Wiederherstellung dort mit Gottes Beistand gelingen möge.
Alberts innere Festigkeit war durch viele Übung stark genug, um dem unerwarteten Gewicht dieses Briefes ohne einen erschreckten oder beglückten Ausruf zu begegnen.
Er blieb erst einmal auf seinem Schemel sitzen, ließ ein heftiges Klopfen des Herzens leiser werden, befühlte das kostbare Papier des Briefes, betrachtete lange die kunstvolle Setzung der Schrift, berührte den von der eigenen Hand des Papstes darunter geschriebenen Namen ehrfürchtig mit den Lippen, las den Brief ein zweites Mal, halblaut ohne Hast, Wort um Wort, um sich seiner Wahrheit zu versichern.
Dann aber stürmte die Kraft des Lebens, die aus diesen Worten brauste, nicht nur mit dem Atem der Gegenwart, sondern auch der Zukunft gefüllt, so mächtig über ihn her, daß er beide Hände an die Schläfen hob, um den Druck des erregten Blutes zu hemmen.
Was war das? Er war auserlesen zu einem so hohen Amt, das ja zugleich die Stellung eines weltlichen Reichsfürsten in sich schloß? Er, Albert, Bettelmönch im Staub der Straßen? Bis in das vierzigste Jahr ein Träumer und Säumer, dem wirklichen Leben halb verloren? Und jetzt im Alter nicht nur auserlesen, sondern schon bestimmt, ja befohlen zu so Hohem?
Aber gerade die Form des Befehls bewies, wie man in Rom mit der Schwierigkeit rechnete, ihn in dieses Amt zu bringen. Man wollte ihn aller Bedenken entheben.
Ihr Männer in Rom, das Verbot weltliche Ämter außerhalb des Ordens zu übernehmen, wurde ja noch vor kurzem von uns feierlich erneut, dabei war an ein so hohes Amt nicht einmal gedacht! Mehrere unserer Patres haben danach weit geringere weltliche Ämter abgelehnt, weil die nötige äußere Würde solcher Stellungen sich mit dem Gelübde freiwilliger Armut nicht verträgt.
Ihr Männer in Rom, du heiliger Vater, ihr wißt das alles so gut wie ich, also muß es wirklich übel stehen in Regensburg, der letzte Herr dort hat durch Schwäche die böse Zeit zu tief eindringen lassen, nun sucht man einen um so tüchtigeren Nachfolger. Aber ich kann es doch nicht sein, ich habe ein Gelübde getan und bleibe ihm treu, wie könnt ihr in Rom etwas anderes von mir erwarten, ihr habt mich der Überlegung wahrlich keineswegs enthoben.
Albert legte den Brief fort, er mochte über Nacht da liegen, nur die Form der Ablehnung mußte noch bedacht werden.
Er ging in den Garten, gespannte Blicke empfingen ihn von überall her. Der Bote hatte nicht versäumt die Herkunft des Briefes herumzuflüstern, ohne daß er vom Inhalt mehr andeuten konnte als ein unbestimmtes Gerücht.
Albert nahm den Spaten in die Hand, die Erde rund um einige Obstbäume, die er selbst gepflanzt, zu lockern. Er wollte den Brief vergessen und zeigte einigen jüngeren Mönchen, wie man die Lockerung der Erde am besten machte.
Doch von dem Brief auf dem Tisch in der Zelle ging eine rätselhafte unablässige Wirkung aus, Albert spürte es am Klopfen seines Herzens.
Ist er wirklich so nötig in Regensburg? Aber das Gelübde geht vor, es ist zuerst getan, außerdem stimmt er seinem Sinn zu, heute wie am ersten Tag. Leicht ist es befehlen, leicht ist es gehorchen, schwer ist es entscheiden. Wenn nur der Ruf nach Hilfe nicht wäre! Wenn Alberts Hilfe gefordert wird, erwachen seine eigentlichsten Kräfte und verlangen nach Leben.
Sieh, er, der sonst immer um Rat angegangen wird, jetzt blickt er selbst unwillkürlich nach Rat um.
Grabe, Spaten, grabe! Einige Amseln, schwarz mit gelben Schnäbeln, standen so dicht beim Spaten, daß Albert darauf achten mußte, sie nicht zu verletzen. Sie pickten die aus der umgegrabenen Erde heraufgeholten Regenwürmer mit dem Schnabel auf und flogen mit der Beute davon, um sie abseits ungestört zu verzehren. Ein oft gesehenes Schauspiel, aber heute gab es ein besonderes Ereignis in dieser Kleinwelt.
Ägid brachte eine aus dem Nest gestürzte, eben flügge gewordene Amsel, die Albert im Hause großgezogen, zum erstenmal ins Freie. Der Vogel hatte noch keine Wiese, keinen Baum, keinen Spaten, keine andere Amsel gesehen. Und doch tat er genau wie seine Artgenossen, wartete dicht am Spaten eifrig auf den ersten Wurm, der sich zeigen würde, pickte ihn behende auf, als er erschien, und machte sich abseits mit ihm.
Woher kam ihm dieses Wissen? Diese Fertigkeit? Beides mußte als Erbe in seinem winzigen Hirn leben, aber wo im Hirn steckte dieses Erbe, wie machte das Hirn es möglich, diese Erinnerung an tausende Vogelgeschlechter aufzunehmen, zu bewahren, herzugeben? Kein Zerschneiden des Hirns brachte Erkenntnis, die kleinen Rätsel der Schöpfung sind ebenso gewaltig wie die großen.
Und das menschliche Gedächtnis, wie ist es damit? Wo im Hirn und wie werden die Erinnerungen an die fernste Jugend aufbewahrt, um nach vielen Jahrzehnten in irgend einem Augenblick gewollt oder ungewollt wieder aufzutauchen? Also bleiben doch alle Erlebnisse eines jeden Tages, jeder Stunde im Hirn als etwas Körperliches aufbewahrt – aber wie? Wo ist der Raum, den sie doch einnehmen müssen?
Ist das kein Wunder, so groß wie das des Sternhimmels? Was, Bruder Albert, wäre alles zu grübeln, wenn der Brief nicht wäre, von dem du die Gedanken durch dieses Grübeln nur ablenken möchtest!
Albert, um Ruhe zu finden, ging ins Haus, und suchte den inzwischen Prior gewordenen Bruder Sintram in seinem Amtszimmer auf. Beide kamen zu dem Beschluß: Albert, ehe er seine Absage nach Rom sendet, macht dem Hochmeister in Paris Mitteilung, denn er darf in einer so bedeutungsvollen Sache nicht hinter dem Rücken der Ordensleitung handeln. Möglich ist es sogar, daß in diesem einen Falle die Leitung eine so hohe Ernennung in dieser Zeit als eine besondere Ehrung und dadurch Festigung des Ordens erfreut begrüßt.
Ehe Albert, der nicht eilen wollte, einige Tage später zu seinem Schreiben kam, traf ein Brief des Ordensmeisters aus Paris ein. Die Spannung im Kloster knisterte wie ein heimliches Feuer, die Mönche wußten bereits alle von dem, was vorging, es waren inzwischen Freundschaftsbriefe aus Rom angekommen für unbeteiligte Mitbrüder, die Boten gaben, wenn ihnen ein Glas Wein vorgesetzt wurde, zum Dank neue Gerüchte aus.
Albert nahm den Brief aus Paris und ging mit ihm zu Sintram. Um diese Angelegenheit als über seine Person hinausgehend darzustellen, ließ er den Prior den Brief öffnen und lesen:
*
»Dem geliebten Bruder Albert in Köln
wünscht Bruder Humbert, Hochmeister in Paris, Heil im Himmel und Ruhm auf Erden durch Beispiel und Verdienst!
Durch ein Schreiben aus Rom erfahren wir von einem Gerücht, das uns tief ins Herz getroffen hat und in unsägliche Bestürzung versetzen würde, wenn uns nicht das Vertrauen, das wir zu Euch haben, aufrecht hielte. Man sagt uns, Eure Ernennung zum Bischof in Regensburg durch die Kurie sei erfolgt. Was den päpstlichen Hof anlangt, so mag das Gerücht sehr leicht wahr sein. Wer aber könnte glauben, daß Ihr selbst die Ernennung angenommen hättet? Wer vermöchte auch nur zu denken, daß Ihr Eurem Ruhm und Eurem Orden, für dessen Ansehen Ihr Euch immer so rastlos eingesetzt habt, nun an Eurem Lebensabend eine solche Unehre antut? Ich flehe Euch an, geliebter Bruder, wer von uns und allen Brüdern unseres Ordens wird in Zukunft noch der Lockung durch geistliche Ehrungen widerstehen, wenn gerade Ihr, der Strengste von allen, mit Schwachheit den Anfang macht? Jeder wird von nun an Euer Beispiel als Entschuldigung anführen und im Volk wird man allgemein sagen: da sieht man es, diese Mönche führen den Stolz auf ihre Armut nur im Munde, solange bis sie sie abwerfen können.
Ich bitte Euch von ganzem Herzen, laßt Euch nicht verleiten durch die Bitten und Darlegungen unserer Herren in Rom. Ihr würdet erfahren, daß man dort nach Erfüllung der Bitte sehr bald nur noch Spott und Hohn für Euch hat. Laßt Euch nicht zur Zustimmung bewegen durch etwaige Beschwerlichkeiten, die die Angehörigkeit zum Orden für Euer Alter haben könnte. Der Orden liebt und ehrt alle seine Söhne, Euch aber liebt er und rühmt sich Eurer besonders.
Mag auch die Last des Ordens in diesen schlimmen Zeitläufen selbst für junge Leute drückender sein als jemals sonst, mögen einige andere dadurch dem Orden untreu geworden sein und ihn verlassen haben – Ihr in Eurem Lebensgeschick und mit Euren Riesenschultern werdet die Last freudig zu tragen wissen.
Laßt Euch endlich auch durch einen schroffen päpstlichen Befehl nicht einschüchtern. Das ist in solchen Dingen nur Formsache und nicht ernst gemeint, ein solcher Befehl wird, wenn er auf Widerstand stößt, nach häufiger Erfahrung nicht aufrecht erhalten. Ein heiliger Ungehorsam zur rechten Zeit schädigt in solchen Fällen durchaus nicht den Ruf eines Mannes, sondern erhöht ihn.
Überlegt ernstlich in Eurem Herzen, wieviel Mühe, Unlust, Schwierigkeiten ein so hohes geistliches Amt zumal in diesen Zeiten mit sich bringt. Wie schwer ist es, unter den verwirrten Verhältnissen, als Kirchenfürst zugleich Gott und den Menschen es recht zu machen. Wie wird es Eurer so tiefen und zarten Seele unerträglich sein, in weltliche Geschäfte verwickelt zu werden, so daß bald für höhere Dinge kein Raum mehr sein wird. Wo wird Eure Seele bleiben, die so ganz dem hohen Glauben und der heiligen Wissenschaft gehört!
Ihr habt es bis jetzt geliebt, nur um das Heil der Seelen zu ringen, Euer mit solcher Herzenskraft und Geistesbildung geführter Kampf hat Euch durch Schrift und Beispiel so große Wirkung und Ruhm in der ganzen Welt eingetragen – wie bald werdet Ihr beides zerstört haben, wenn Ihr nun ein so schlechtes Beispiel abgebt! Welchen Erfolg Ihr aber als Bischof habt, das ist ganz ungewiß.
Geliebter Bruder, unser Orden ist durch manche Trübsal gegangen und immer wieder hat er sich erhoben. Was aber wird, wenn gerade Ihr in schwerer Zeit ihn durch Euren Fortgang in noch größere Trauer bringt? Lieber sähe ich meinen geliebten Sohn auf der Totenbahre als auf dem Bischofstuhl und nicht sollen unsere Brüder aus dem Leben scheiden in Trauer, weil sie nun nicht mehr an Standhaftigkeit zu glauben vermögen.
Ich knie vor Euch, treuer Bruder Albert, und flehe Euch bei der Jungfrau und ihrem Sohne an: geht nicht aus dem Stande der edlen Demut. Sagt ab und habt doppelten Ruhm und doppelte Ehre dafür. Schreibt uns bald, damit wir und alle unsere Brüder von der Furcht um Euch befreit werden.«
Sintram, weißbärtig, aber mit kahlem Kopf, die Hände zitternd, kniete nach den letzten Worten hin, erschüttert durch die flehenden Vorhaltungen des Briefes, sah nach oben und betete: Dank, Gott, daß du mich die Worte dieses Briefes kennen lernen ließest. Ich selbst begreife erst jetzt die Furcht, von der die Leiter unseres Ordens erfüllt sind. Ich selbst war durch die Gegenwart und das Vertrauen unseres Bruders Albert ja vor Verzagtheit geschützt, ich sah ihn ja in seiner Festigkeit. Dank Dir, Gott, daß die Trauer unserer Brüder oben ohne jeden Grund ist. Unser Orden wird durch die Kraft dieses einen Mannes hier heil aus der Versuchung herausgehen, ja, stärker sein als vorher. Das wolltest du, Gott!
Er stand auf, ging zu Albert, umarmte ihn, gab ihm den Brief zurück.
Albert stand mit einem ungewohnten Gesichtsausdruck da, die Lippen hart zusammengeschlossen, den Kopf trotzig emporgereckt.
Welche Freude, deinen Trotz zu sehen, sagte Sintram zärtlich, er selbst hatte ja diesen Schüler einst herangebildet.
Um Alberts Lippen aber hob sich ein flüchtiges Lächeln, er senkte den Kopf und sagte verträumt, er sah wohl den fernen Ordensmeister und die sorgenvollen Männer in Paris vor sich: Laß mich, Bruder Prior, in meiner Zelle die Antwort auf beide Briefe überdenken, sie braucht nicht lang zu sein.
Am nächsten Tag saß Albert vor seinem Tisch, gar kein Trotz war mehr in seinem Gesicht, nur das geringe Lächeln war wieder da und blieb, während er schrieb. Ohne Eile, ohne Aufenthalt, nur zuweilen mit einem schweifenden Blick in jene Ferne, wo er die besorgten Brüder vor sich sah, schrieb er seine Antwort.
Sie war in kurzer Zeit beendet, ebenso schnell war er mit der Antwort an den Papst fertig. Er gab beide Briefe dem herbeigerufenen Prior und bat: Lies bitte laut, vielleicht läßt sich noch das eine oder andre besser sagen.
Sintram las, doch vermochte er vor innerer Erregung nicht allzu laut zu sprechen:
*
»Mein heiliger Vater!
Ich erhielt Deinen Brief, in dem Du mich aufforderst, das in Unordnung geratene Bistum Regensburg wieder in Stand zu setzen und als Bischof dorthin zu gehen. Da Du so gut wie ich weißt, daß es uns Predigerbrüdern nach den Vorschriften unseres Ordens verboten ist, ein Amt außerhalb unserer Gemeinschaft zu übernehmen, so mußt Du besondere Gründe haben, dennoch mich zu diesem Amt zu berufen. Diese Gründe können einerseits die äußerste Notlage in jenem Bistum, andererseits Dein offenbar wohlüberlegtes Vertrauen in meine Fähigkeit sein.
Deine Berufung ehrt mich und meinen Orden, daran ist kein Zweifel, auch weißt Du wohl, daß jeder Ruf um Hilfe mich so tief trifft, daß es mich geradezu krank macht, einem solchen nicht zu folgen, ich sehe ja Hilfe in Not als meine Lebensaufgabe an. Trotzalledem würde ich das Gesetz meines Ordens, gehorsam zu sein, niemals verletzen, nicht einmal der Umstand, daß Du in Kenntnis meines Wesens Deinen Ruf in die Form eines Befehles kleidest, würde mich diesem zuerst ausgesprochenen Gelöbnis untreu machen, eher würde ich Dir, Heiliger Vater, ungehorsam werden, verzeihe mir dieses Wort.
Ich habe nun die Möglichkeit überlegt, die Pflicht des Gehorsams sowohl gegen meinen Orden wie gegen Dich zu vereinen. Das ginge nur auf die Weise, daß ich Bruder meines Ordens bleibe wie bisher, mit allen Gelübden, und zugleich dennoch das hohe Amt eines Bischofs versehe. Das will sagen, daß ich erstens nicht für immer dieses Amt übernehmen könnte, sondern nur für so lange, als es notwendig ist, alles Verwirrte dort in Ordnung zu bringen; daß ich zweitens auch als Bischof in meiner Barfüßerkutte umhergehe, von solchen Gelegenheiten abgesehen, wo das Amt ein festliches Ansehen zu Ehren Gottes und der Kirche verlangt, und daß ich drittens, was für Dich ohne Bedeutung ist, Dir aber mitgeteilt sein möge, die Einkünfte aus diesem zugleich weltlichen Amt nicht für mich verwende, dem irdischer Besitz untersagt ist, sondern von vornherein meinem Orden bestimme, zum Erweiterungsbau seiner Kirche hier.
Ich glaube, heiliger Vater, daß Du diese Überlegung, die aus liebendem Herzen kommt, billigen wirst, wie ich die gleiche Billigung auch von meinem Orden erhoffe, dem ich gleichzeitig schreibe. Dann stünde der Erfüllung Deines Wunsches nichts mehr im Wege und ich bin am Tage nach Erhalt der beiden Zustimmungen reisebereit. Ich danke Dir, heiliger Vater, für Dein Vertrauen und freue mich unendlich in der Zuversicht, Deine Erwartung nicht zu enttäuschen, sondern als einen Ruf, der von Gott selbst kommt, zu erfüllen.«
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Der Prior nahm nach einem tiefen zitternden Atemzug den zweiten Brief und las:
*
»Geliebter Hochmeister und Freund Humbert, geliebte Brüder!
Ich erhielt Euren gemeinsamen Brief und danke Euch. Ich hatte den Befehl des Papstes schon vorher erhalten und war, im Einverständnis mit meinem Bruder Prior, entschlossen Nein zu sagen, wenn auch schmerzlichen Herzens, aus keinem anderen Grunde, als um dem Orden den Gehorsam zu bewahren. Nach Eurem Schreiben bin ich auf andere Gedanken gekommen. Vor allem hat es mich gewundert und auch verwundet, daß Ihr eines Mißtrauens gegen mich fähig seid. Was alles bringt Ihr an Ausführungen vor, die doch nur zeigen, wie wenig Ihr mich kennt – nach so vielen Jahren gemeinsamer Arbeit! Ihr hättet wissen müssen, daß ich mir alles das, was Ihr sagt, vor Eurem Briefe schon selbst gesagt habe.
Hätte ich dem Papst ein Ja sagen wollen, so hätte es nur aus dem Grunde geschehen können, um jemand, der mich um Hilfe bittet, diese Hilfe zu gewähren, wie es der Sinn meines Lebens und unseres Ordens ist. Da Ihr, trotz so langer Freundschaft, so wenig von mir wißt und mir so viele äußere und eitle Gründe zuschiebt, aus denen heraus nach Eurer Meinung mein Ja gekommen wäre, so denke ich, daß Ihr die Berater des heiligen Vaters in Rom noch viel weniger kennt als mich und ihnen mit ebensolchem Unrecht unrichtige Gründe zutraut, aus denen heraus sie mir die Bitte ihres Briefes aussprächen. Der Papst hat meine Hilfe nötig, darum und nur darum schreibt er.
Und darum habe ich mir überlegt, ob ich seinen Wunsch mit der Treue gegen meinen Orden nicht vereinen könnte, so daß Euch und dem Papste zugleich Recht und Liebe geschähe. Ich denke mir, daß es wohl möglich wäre, jenes Amt nicht für alle Zukunft zu übernehmen, sondern nur solange, wie ich unbedingt brauche, um in Regensburg Ordnung zu schaffen. Gewiß wird eine solche zeitliche Einschränkung möglich sein.
Sicher würde ich lieber bei meinen Wissenschaften bleiben, zu welcher Arbeit der Orden mir eine so beglückende Muße gewährt. Aber freudig nehme ich dieses Opfer auf mich und ich zweifle nicht daran, daß es mir gelingen wird, die Erwartung des Papstes und der Kurie in mich in nicht zu langer Frist zu rechtfertigen. So würde ich nicht nur dem Papste, sondern auch dem Orden dienen und dann mit frischer Kraft zu meiner wissenschaftlichen Tätigkeit zurückkommen.
Andererseits aber bitte ich den Papst sowie Euch, auch als Bischof im Orden bleiben zu dürfen. Ich werde, wie auf allen meinen Reisen, trotz meiner Jahre zu Fuß und in meiner gewohnten Kutte nach Regensburg gehen. Ich werde dort nicht als weltlicher Fürst leben wie es mir zustände, sondern nach meinem Gelübde immer in meinem Ordensgewand bleiben, einige Festtage abgerechnet, wo es unumgänglich ist, Gott und Kirche auch vor den Augen der Menschen zu ehren.
So wird mir Mühe und Freude eines wichtigen Amtes und dem Orden die Genugtuung, daß einer seiner Söhne zu dieser schwierigen Tätigkeit auserlesen wurde. Ich denke, das ist ein Vorbild, wie es kein besseres für alle Zeiten geben kann. Teilt mir Euer Einverständnis recht bald mit.
Es ist noch zu sagen, daß ich alle Einkünfte aus diesem Amt schon jetzt meinem Orden bestimme nur mit der Einschränkung, daß sie verwendet werden sollen allein für den Bau eines neuen gotischen Chores an unserer Kirche in Köln, der durch das rasche Wachstum unserer Hochschule so nötig geworden ist. Dieser Wunsch soll mir als das einzige Selbstsüchtige erlaubt werden.«
*
Es wird so recht sein, sagte Prior Sintram hochatmend nach langem Zögern. Die Boten ritten mit den Briefen nach Rom und nach Paris.
Sowohl der Papst als der Ordensmeister sandten die Boten noch am Ankunftstag nach Köln zurück, um ihre Zustimmung und ihren freudigen Dank dem Bruder Albertus so schnell als möglich mitzuteilen.
Fröhlich ging Albertus mit den beiden Schreiben zu Sintram, um ihm, der furchtsam auf die Entscheidung wartete, das doppelte glückliche Ereignis zu berichten.
Dennoch, wie noch nie in den Nächten vor einer Entscheidung, lag Albert die ganze Nacht wach. Begab er sich nicht allzu unbedacht in weltliche Händel mit diesem Amt? Wie lockte seine eigene Arbeit! Und wie geborgen und geliebt ist er hier! Doch der Ruf ist ergangen – wenn sonst keinem, so muß er doch sich selbst gehorchen!
Er empfing die Bischofsweihe schon in Köln. In dichter Menge füllte die Bevölkerung die Kirche, Albertus im Ornat zu sehen, aber doch auch voll Trauer und Sorge, daß der Beschützer der Stadt von ihr ging. Tausende begleiteten ihn bis weit vors Tor.
Bald, allein mit seinen Begleitern und angesichts des Rheins, stieg er vom Wagen, entkleidete sich und zog sein gewohntes einfaches Ordensgewand an, nahm, Bruder des Christophorus, den altvertrauten Wanderstab zur Hand, war wieder der Mönch Albertus.