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Die Begegnung

Meister und Schüler wanderten wieder dem Waldgebirge zu. Der Schnee wurde mit der Annäherung an die Berge tiefer, die Wege schwieriger. Trotzdem gingen die beiden an dem breiten Tal, in dem das Kloster der Äbtissin Almudis lag, vorüber, um den Durchgang in einem engeren Tal zu versuchen. Wie Schneemänner sahen sie aus, überschüttet von dem aus allen Bäumen herunter stäubenden Weiß. Bald tappten sie umher, ohne die Fortsetzung des Weges zu finden.

Albertus, viele Stunden in Gedanken stumm, blieb stehen: Wir wollen zurück in das große Tal, dieser Weg hier nimmt uns zu viel Zeit.

Auf glatt gefahrener Straße drangen sie nun in das Bergland ein, über allem hart gefrorenen Schnee ließ die Luft sich ihre Frühlingssonne nicht nehmen.

Oft stand Albert und füllte die Brust mit seligem Atem. Endlich sagte er: Ägid, ich bin andern Gefühls geworden, wir wollen auch diesmal ohne Furcht an das Kloster der Schwester Almudis herangehen, aber nun nicht wieder vorbei, sondern Halt machen und an die Tür klopfen. Ich will nicht länger dem Natürlichen ausweichen, natürlich aber ist es, daß Freunde, die in langen Jahren durch Briefe vertraut geworden sind und die der Weg des Lebens endlich einander nahe bringt, sich sehen und begrüßen. Es ist Schicksalshand, die uns führt, wie könnten wir ihr entgehen, selbst wenn wir wollten?

So oder so Meister, sagte Ägid. Ihr werdet mich nie unwillig finden bei solchen Änderungen. Was Ihr tut, es kann nie anders als zu unser aller Besten sein.

Vielleicht sind Dinge, die sie nicht schreibt. Vielleicht braucht sie Zuspruch, Hilfe.

Nach langer Wanderung standen sie wieder vor dem Klosterbau, diesmal vor seiner Nordseite, die nun im Schnee eher dunkel als hell erschien, obwohl von der Nachmittagssonne getroffen.

Als sie zum Haus hinaufsahen, wurde im ersten Stockwerk ein Fenster geöffnet, eine Frau mit schmalen Schultern und weißer Kopfhaube stand und lockte mit nachgeahmtem Ruf die Tauben, Sperlinge, Amseln, die offenbar in den nächsten Bäumen auf diesen Anruf als auf eine tägliche Gewohnheit gewartet hatten. Mit brausendem Schwirren flogen sie das Fenster in dichten Scharen an, besetzten die Fensterbank, soweit Platz war, einige ließen sich auf Arm, Hand, Schultern der Frau nieder, die anderen flatterten vor dem Fenster hin und her, ergriffen die geworfenen Körner in der Luft oder hoben sie von der Erde auf. Eine der Tauben pflückte sich ihre Körner von den Lippen der Frau.

Albertus war von einem Glücksschreck gelähmt: dieses Gesicht oben unter der steifen weißen Haube, kühn, edel, bleich – Almudis! Wie gut hat das Geschick es eingerichtet, daß es der Wucht der ersten Begegnis dieses Bild der Anmut voraus sandte! Dieser Anblick riß ihn näher zu Almudis hin als alle Briefe über die tiefsten Fragen des Gemütes es vermocht hatten. Schnell ergriff er die Hand des Geschicks und leitete die Begegnung durch Übermut und Scherz weiter, um die Erschütterung der Seele zu verbergen. Dabei hatte er es leichter, die Freundin zu erkennen, da er sie in diesem Hause wußte, während ihr kein Gedanke an ihn kommen konnte, der ja jedes Zusammentreffen für immer abgesagt hatte.

Er grüßte in Verstellung wie irgend ein Fremder, fragte ehrerbietig nach Weg und Entfernung zum nächsten Kloster, während sein Herz zitterte.

Gewiß mußte Almudis angesichts des Mönchshabits daran denken, daß da ein Bruder aus dem Orden ihres Freundes stand, aber oft wanderten Brüder dieses Ordens durch das Tal. Doch da es Almudis war, die ahnungsmächtige, erkannte sie beim ersten Wort, wer unten stand. So übermächtig ergriff die Gewißheit sie, daß sie eine Hand zum Herzen hob und kaum Kraft zu den Worten hatte: Warum willst du denn weitergehen, Albertus?

Fast ein Schmerz lag in dieser Frage: Die Erinnerung, daß dieser Freund schon einmal an ihr vorübergegangen war.

Nun vermochte Albert das Spiel nicht mehr fortzuführen. Er eilte um die einschließende Mauer herum nach der Vorderseite des Gebäudes, schlug ohne Zögern den Klöppel gegen das Türeisen, die Pförtnerin öffnete, fast hätte der Meister beim schnellen Eintritt seines Schülers vergessen, wenn nicht Ägid ebenso geschwind ihm zur Seite geblieben wäre.

Die beiden Wanderer wurden in das Wartezimmer geführt als Unbekannte. Äbtissin Almudis brauchte lange, ehe sie sich zeigte. Trieb sie nun Alberts Spiel weiter, ihm zur Strafe? Oder war weibliche Eitelkeit der Grund, deren auch eine Äbtissin sich nicht immer wehren kann? Sie zog mit einem Zittern in allen Gliedern ihr Sonntagsgewand an, legte eine neu gestärkte Haube um das braune, erst von einigen weißen Fäden durchzogene Haar, hing das goldene Kreuz um, das ihr von ihrem Erzbischof gegeben war. Aber sie hatte auch nötig, den Überraschungen dieser Freundschaft Ruhe entgegenzusetzen, ihr Herz wurde zu sehr mitgenommen davon.

Endlich kam eine Schwester und holte Albertus zur Äbtissin hinauf. Ägid blieb allein im Zimmer zurück, seine Bescheidenheit, das erste Beisammensein des Freundespaares nicht zu stören, wurde als selbstverständlich angenommen. Er sah durch das Fenster auf die Wirtschaftsgebäude des Klosters, Kinder spielten davor, Hunde bellten, Geflügel flatterte, Pferde wurden abgeschirrt. So erfüllt von einer schwebenden Anmut jedes Gesicht, jedes Wort, jeder Schritt, jede Gebärde auch der einfachsten Schwester in diesem Kloster war, so nahm sich Ägid doch vor, die meiste Zeit in diesen Häusern der Laienbrüder und ihrer Familien zu verbringen, dort konnte er mit Leuten sprechen, die denen glichen, die er in seiner Jugend vor sich hatte. Er drängte ihn aber auch, sich um Kranke oder Verzagte zu kümmern und so einmal zu zeigen, was er als Seelsorger unterwegs von seinem Meister gelernt hatte.

Inzwischen malte er sich aus, wie es Albert oben ergehen mochte. Er sah es vor sich: nach der langen und dadurch zu hoch gespannten Erwartung rettet sich die erste Begegnung in ein heilsames Maß. Sie sahen sich beide ins Gesicht mit dem Ausdruck einfacher Freude.

Es geschah, wie Ägid sich ausmalte. Aber darüber hinaus: Wie jung sieht er aus, trotz seines Alters, dachte Almudis und Albert: Ihr Gesicht ist wahrlich schön, voll Kraft! Sie begannen kein gelehrtes, kein dichterisches, kein frommes Gespräch. Die Äbtissin rief nach einigen ihrer Schwestern und während Albert das Empfangszimmer mit seinen auserwählten Möbeln und Bildern betrachtete, eilten die Gerufenen herbei, Almudis ging voran, ihren Freund in sein Gastzimmer zu führen, die Schwestern folgten. Es war schon Wasser zurecht gestellt, Salben, Tücher, Albert mußte sich setzen und die Freundin, von den Frauen unterstützt, wusch ihm sorgsam die Füße.

Wie hätte ich mir unsere Begegnung so vorstellen können? dachte Albert, und wie hätte sie schöner sein können, von solcher Einfachheit und dadurch von solcher Bedeutungskraft, nie werde ich diese Stunde vergessen.

Ägid im Wartezimmer, der sich dieses Geschehen nicht ausdenken konnte, mußte dasselbe über sich ergehen lassen. Ein Schwarm von vier, fünf Schwestern, schwatzend, lachend, nahm ihn in ihre Mitte und führten ihn in einen Raum, wo auch er still sitzen mußte, damit sie ihm die Füße badeten. Alle zugleich wollten tätig sein, das ergab viel Gelegenheit zu Scherzen und Gelächter. Wohl dreimal wurden auf diese Weise seine Füße überschüttet und getrocknet. Dabei aber blieb Zeit genug, mit zirpenden Worten das goldene Haar Ägids zu bewundern, eine Schwester glitt einmal schnell mit der Hand darüber, es war, als hätten diese großen Kinder eine Puppe zum Spiel erhalten, eine Puppe, die weder hören noch sprechen konnte, denn sie richteten keine Frage an Ägid, erzählten ihm nichts, sie unterhielten sich nur gurrend, summend, tönend von Dingen ihrer Welt, die nur sie allein verstehen konnten.

Ägid wurde von der Äbtissin heraufgebeten, alle Schwestern, die bei ihm waren, gingen mit. Sie zeigten ihm zuerst das Zimmer, in dem er mit seinem Meister wohnen und schlafen sollte, er war außer sich vor Staunen, es war ein Zimmer wie in einem Palast, Herzöge und Fürsten waren darin zu Gast gewesen. Dann nach Ablage seines verwitterten Rucksackes, auch des Meisters gelbe Ledertasche lag schon da, führten ihn die Schwestern in dem anmutig geschwinden Schrittmaß, das aller Bewegung in diesem Haus etwas Unwirkliches gab, in das Wohngemach der Äbtissin.

Hier saßen Almudis und Albertus schon am gedeckten Vespertisch. Der Meister, wie hätte es anders sein können, erzählte vom Meer, Almudis hieß Ägid ihnen beiden gegenüber Platz nehmen und bat die Schwestern, sich des gewiß Hungrigen anzunehmen. Sie ließen sich das nicht zweimal sagen, wie von Zauberhänden füllte sich Ägids Teller, während immer gleicher, jetzt nur gedämpfter Unterhaltung und Gelächters.

Wie freue ich mich, sagte Almudis, auch dich einmal zu sehen, Ägid! Viel hat mir dein Meister in seinen Briefen von dir erzählt. Nun kann ich dir einmal danken für deine Treue.

Ägid wurde über dieses Lob verwirrt, er vermochte nicht lange in dieses schöne, kühne, strenge und doch zugleich freudige, fast verwegene Antlitz zu sehen.

Der Meister erzählte weiter vom Meer, doch merkte Ägid deutlich, daß Almudis nur erst einmal beglückt auf den Klang der Worte hörte. Als sie auf die Schilderungen achtete, wurde sie eher traurig: was alles war ihr als Frau versagt zu sehen, könnte ich doch mit wandern! Das sprach aus ihren Augen.

Aber sie blieb stumm und Albertus mußte sprechen. Von wem sollte er nun erzählen, wenn nicht von dem Freund Thomas von Aquin?

Die dienenden Schwestern wurden schweigsam, selbst Ägid mochte kaum die Gabel zum Mund führen, um nicht die Rede zu stören. Indem Albert von Thomas erzählte, öffnete er, ohne es zu wollen, die eigene Brust, und Almudis, von Thomas hörend, erkannte ebenso und noch mehr den Freund selbst, der neben ihr saß, unablässig hielt sie ihm das Gesicht zugewandt.

Als Albert und Ägid am Abend in den Betten lagen, durch die Weite des Zimmers getrennt, sagte der Meister: Die Schwestern hier haben vom Schrecken der Zeit nichts verspürt, hierher hätten wir nicht zu kommen brauchen, um zu mahnen und aufzurichten.

Ich muß Euch widersprechen, sagte Ägid, habt Ihr mir doch oft aus den Briefen Eurer Freundin das Gegenteil vorgelesen.

Du hast Recht, du beschämst mich, ich habe mich durch den äußeren Anschein zu einem oberflächlichen Urteil verleiten lassen. Wir sind an solchen Glanz und solche Bequemlichkeit nicht gewöhnt, das Ungewohnte wirkte zu stark auf mich.

Sie ließen es sich beide wohl sein in diesem unbekannten Behagen, es wird ja nicht lange dauern und der Vater im Himmel selbst wird gönnend auf sie hinuntersehen.

In aller Frühe erwachten sie von schwingendem Frauengesang. Nach der Messe sagte Albert: Wie schade, Schwester Almudis, daß wir uns nicht unter freiem Himmel unterhalten können, auf einem kurzen Spaziergang. Mir kommt im Zimmer nur schwer die Sprache an solch sonnigem Tag. Aber ihr Frauen seid Eurer Natur nach mehr fürs Haus.

Ja, wir haben unsere Arbeit im Haus. Ich werde dir nachher meine Frauen zeigen über ihren Strick- und Nadelarbeiten, über ihren Webereien, über ihren Seidenfärbungen. Ihre Arbeiten werden an die Höfe, Klöster, Burgen, Städte des ganzen Abendlandes versandt, Karren und Schlitten fahren uns täglich unsern Fleiß davon. Dabei sind unsere Häuser für Kranke und Alte nicht kleiner als bei städtischen Klöstern. Doch da du erst unter den freien Himmel willst, so komm mit mir ein Stück die Straße hinab, da will ich dir das nächste Kloster zeigen, nach dem du gestern bei deiner Einkunft fragtest.

Ägid bat bescheiden, zu den Laienbrüdern in die Wirtschaftsgebäude gehen zu dürfen, er wolle nachschauen, ob er irgendwo nützlich sein könne.

Er ging nach erhaltener Erlaubnis. Wäre das Freundespaar nicht so im Gespräch vertieft gewesen, hätte es ihn nach kurzer Zeit an der Spitze eines Trupps von kräftigen Männern, die Schaufeln trugen, in den Wald verschwinden sehen, wo er für Meister und Äbtissin einen Weg unter den beschneiten Bäumen frei schaufeln ließ.

Almudis führte Albert nicht weit: vor die schwarz verbrannten Ruinen des Nachbarklosters, als ob sie seine Worte an Ägid gehört habe und ihn beschämen wolle. Du kannst nicht anders, mein Bruder, als uns in einer Zeit allgemeiner Not hier in beglückter Ruhe glauben. Die Mönche hier, die getötet oder geflüchtet sind, waren unsere einzigen Beschützer. Die Abgelegenheit im Walde scheint nur ein Schutz, sie ist aber viel eher eine Lockung. Wir überlegen Tag und Nacht, ob wir nicht fort von hier und näher zu den Menschen sollen. Doch haben wir uns in die Hand Gottes gegeben, und so harren wir aus.

Von diesen Sorgen hast du mir nicht mit dem gehörigen Gewicht geschrieben.

Ich wollte dich nicht damit beladen, du hast Sorgen genug.

Nach der Rückkehr führte sie den Freund in die Säle der künstlerischen Arbeit. Hier saßen die Schwestern über halbfertigen Altardecken, Stolen, Wandteppichen, Gewändern, unter Fleiß, Scherz, Gesang. Hier, wo das Kloster am irdischsten war, schien es Albert am meisten erdentrückt, zumal er nun wußte, welcher Ernst und welche Furcht sich unter dieser Heiterkeit verbargen. Diese geduldig emsigen Schwestern, mit den Krankenpflegerinnen wechselnd, waren Heldinnen, hier konnte er, ohne daß Worte nötig waren, eher Aufrichtung empfangen anstatt geben.

Beim Mittagbrot saßen Albertus und Ägid im Refektorium unter allen Schwestern rechts und links von Almudis. Diese sprach nicht, ließ es aber zu, daß ihre Mitleiterin von ihr erzählte, von ihr, die nicht wirkliche Leiterin war, sondern allein Dichterin, in der Zahl der Schwestern eine begnadete Schwester für sich, die nur sich selbst lebte, ihren Gedanken, ihrer Entrückung, abseits von allem, doch alle liebend, und die Sorge aller war, sie nur nicht aus ihrer frommen Traumwelt zu wecken, in der sie saß, fast stumm, doch mit feinfühligen Fingern ließ sie dabei die wundervollsten Stickereien entstehen.

Almudis, errötend über dieses Lob, pries dafür mit leiser Stimme ihre Mitleiterin, die treue, redliche, verständige und unablässig bemühte eigentliche Vorsteherin dieser Anstalt von mehr als hundert Insassinnen, die nicht nur fromm waren, nicht nur künstlerische Arbeiterinnen, sondern auch Mitglieder eines Verbandes landwirtschaftlicher Zusammenarbeit, eines Staates im Kleinen, alle gleichberechtigt, wie in der Zeit der Urchristen.

Von der Dichterin Almudis, das allerdings merkte Albertus erstaunt, wurde in diesem Kloster wenig gesprochen. Das schien ihm unnatürlich, hier war Bescheidenheit Vernachlässigung, hier mußte Albertus wohl eingreifen.

Während des Essens las sonst eine Nonne aus den heiligen Schriften vor. Heute, nach dem Bericht der Mitleiterin, wurde zu Ehren Alberts aus seinem Marienlob gelesen, wozu Gabeln und Messer eine liebliche Musik machten. Eine der Frauen hatte auch einige Teile des Buches in Melodie gebracht und sang, während sie sich selbst auf der Laute begleitete, ihre Eingebungen vor.

Nach dem Essen geleitete Ägid stolz das Freundespaar auf den inzwischen ausgeschaufelten Waldweg. Nun konnten die beiden sich in der winterlichen Natur ergehen, während ihr Blut im Reden langsam erglühte. Es war merkwürdig, sie sprachen nicht von den eigenen Werken, auch nicht gütig von denen des anderen, wie sie es in ihrem Briefwechsel taten, sondern von dem, was ferne Gottesmänner, Gelehrte, Dichter niedergeschrieben hatten. Sie suchten aufgewühlt den Wert einer jeden Schöpfung festzustellen, dahinter öffnete sich unermeßlich gebärend der Schoß der Zeit.

Abends saß Ägid allein unter einer Anzahl Schwestern und las ihnen aus den Beobachtungen vor, die der Meister auf der langen Wanderung an Tieren und Pflanzen machte und ihm in die Feder sprach. Albertus und Almudis aber saßen im lichterhellen Zimmer der Äbtissin, und während einige Schwestern in einer Ecke leise musizierten, versuchte das Freundespaar in behutsamem Gespräch eines in die Seele des anderen vorzutasten. Sie sprachen, als ob es sich garnicht um sie handele, von dem, was das Besondere dieser Zusammenkunft war, offen und ohne an sich zu denken: ob es besser sei, eine Fernfreundschaft von Irdischem unberührt wie etwas Himmlisches zu bewahren oder im Gegenteil gerade durch Erdennähe zu erproben. Sie einten sich dahin, daß Fern- und Nahfreundschaft etwas sehr Verschiedenes ist, daß Hinüberführung der einen in die andere immer ein Wagnis bleibt, das leicht Enttäuschung bringen kann. Denn der Mensch, den sich jeder der Briefschreiber hinter dem Netz der Buchstaben erdacht hat, ist bei der ersten Begegnung gar nicht da, fraglich, ob er allmählich in Erscheinung tritt, ob er mit dem, der da sitzt und spricht statt schreibt, zu einer neuen Einheit zusammenwächst, ob der Neue sich rückhaltlos an die Stelle des Früheren setzt, ihn ein für allemal verdrängt und erst recht geliebt wird. Eins aber scheint Regel, daß der Mensch sich ungewollt im Brief anders gibt als im gesprochenen Wort. Alles Zufällige, Alltägliche fehlt im Brief, nur die hohen Gedanken leben, nur der Wunsch, Freude zu bereiten, Gutes zu tun. Im Gespräch dagegen offenbaren sich unversehens die Schlacken, die jede Geburt eines Gedankens an sich trägt wie die Geburt eines Kindes. Nebensächliches macht sich breit, Unbedachtes drängt sich vor, endlich mag ein lebendigerer Mensch sich zeigen als in den Briefen, aber der Empfänger der Briefe hat nun einmal ein anderes Bild lieb gewonnen. Und dieses Bild muß im Grunde das wahre sein.

Allmählich kam ihnen unter diesem Gespräch doch der Gedanke an sie selbst. Sie hatten beide Mut genug, dieser Gefahr ins Gesicht zu sehen, ja, sie empfanden mit stockendem Puls: war eine geringe Enttäuschung nicht auch zwischen ihnen beiden da? Müssen sie sich nicht auch durchkämpfen, um sich aufs neue und dann erst wahrhaft zu finden?

Das Gespräch an den nächsten Tagen war dasselbe, sie fühlten sich beide von ihren näher und näher anrückenden Zweifeln so bedrängt, daß sie von gar nichts anderm reden konnten.

Albert dachte heimlich daran fortzugehen, so lang noch Zeit war, das frühere Gefühl zu behalten. Auch Almudis war versucht, einen raschen Abschied zu wünschen, um sich den Albertus der Briefe ganz zu bewahren, ihm ganz bewahrt zu bleiben. Beide aber sagten sich: Nein, wir sind es uns selbst schuldig, diesen Seelenkampf durchzukämpfen, damit am Ende die Wahrheit dasteht. Ägid beobachtete seinen Meister. Der einfache junge Mann empfand so deutlich wie die beiden Empfindsamen, was sich entschied. Er sah seinem Meister in zärtlicher Sorge zu, am Ausdruck seines Gesichtes ließ sich nichts ablesen, aber sein Schritt war beschwingter als sonst, das war ein verheißungsvolles Zeichen, daß er die Bedrohung der Freundschaft niederringen würde.

An einem Tage ließ Almudis sich nicht sehen. Sie ließ auch kein Wort der Erklärung oder nur Entschuldigung übermitteln, es war, als sei sie gar nicht da und nie dagewesen. Niemand sprach von ihr, das Tagewerk des Klosters nahm den gleichen arbeitsamen und fröhlichen Gang wie sonst.

Albert, je weiter der Tag vorschritt, wurde verwundert, ratlos, erwog den Gedanken, sofort, in der gleichen Stunde ohne Abschied abzureisen. Er fühlte sich bei aller Freundschaft, ohne Überlegung, ohne Erkundigung, verletzt. Er teilte seinen Schmerz Ägid mit. Was ist das? Woher diese Unhöflichkeit? Abneigung? Wunsch nach Abschied?

Nach dem Mittagessen kam die Mitleiterin zu ihm. Was ich jetzt sage, Meister Albertus, sage ich nicht im Auftrag, sondern aus mit selbst. Ich würde es lieber in einem Auftrag sagen, aber es liegt kein solcher vor. Ich glaube deine Gedanken zu kennen, darum spreche ich. Sieh, solche Tage wie heute gibt es bei uns oft. Dann ist Almudis wie verschollen im Nichts, es geschieht aus uns, daß wir dann in Mitgefühl selbst ihren Namen nicht nennen, um irgend etwas Geheimnisvolles bei ihr nicht zu stören, das wir spüren, ohne es zu begreifen. Das sind die jenseitigen Tage, an denen Almudis ihre Gesichte hat und sie niederschreibt mit Riesenbuchstaben, die sie selbst nachher schwer entziffert. Diese Tage wählt sie sich nicht selbst, sondern sie kommen ohne Vorankündigung, sie stürzen sich über sie, dann ist sie nicht mehr sie selbst, sie ist eine andere, schließt sich in ihr Zimmer, wo wir sie laut und unverständlich reden hören, sie rückt Stühle mit Gewalt, geht umher mit geschwindem Schritt, oft stöhnt sie. Sie läßt sich von niemand sehen, ißt und trinkt nicht, keiner darf an ihre Tür klopfen. Sie teilt am nächsten Tage keinem, auch mir nicht, das Geschriebene mit. Sieh, Bruder Albert, so mußt du es nehmen: sie ist an solchen Tagen eine Abwesende, Entrückte, Fiebernde. Doch ist sie nicht zu bemitleiden, denn sie ist ja in einer anderen höheren Welt und schöpft Erbauliches für uns alle daraus. Sie weiß an solchen Tagen von uns nichts mehr, sie hat alles Irdische vergessen, selbst dich. Darum verstehe sie und zürne nicht.

In Albert stieg jähe Reue auf, wie hatte er so ohne Verständnis sein können. Er war ein Mensch des Tuns, sie der Schau: das war die Erklärung.

Obwohl am nächsten Morgen Almudis ihr Verhalten mit keinem Wort erwähnte, ja wirklich nichts davon zu wissen schien, sagte Albert, während sie nebeneinander auf dem Schneeweg durch den Wald gingen: Schwester Almudis, sag mir etwas von dem, was du gestern geschrieben hast.

Almudis erschrak, als würde etwas Fürchterliches von ihr verlangt.

So erschrak Albertus mit, ohne rechtes Begreifen. Aber er dachte an die Worte der Mitleiterin, daß es bei Almudis zwei Welten gebe, die sie miteinander tauschte, deren Tausch aber außerhalb ihres Willens geschah, sondern von einer unbekannten Macht über sie verhängt wurde, zu Lust und Qual zugleich. Durch seine unvorbereitete Frage hatte er sie an den Grat zwischen den beiden Welten herangerissen, den sie nur im Traumwandel beschreiten durfte.

Er lenkte das Gespräch geschwind von dem neu Geschriebenen auf das, was sie früher geschaffen und ihm übersandt hatte. Es gelang ihm, den Schreck der Freundin und den eigenen zu lösen. Wie auf wahlgebahntem Weg drangen sie nun zum erstenmal mit gesprochenen Worten in das Reich des Geheimnisses ein. Er selber sprach ihr das von ihren Versen vor, was er besonders im Gedächtnis bewahrte. Sie sagte zum Dank mit leiser, kaum betonter Stimme Aussprüche aus seinen Schriften vor sich hin, wie sie es oft tat, wenn sie allein war. So wurden zwei einander leiblich nahe gebracht, die seit Jahren nur als seelische Gestalten in einem luftdünnen Bezirk gleichsam schwebend zu einander hingestrebt hatten. Nun schritten sie auf einem beschneiten Waldweg nebeneinander her, der warme Hauch ihrer Lungen wolkte vor ihren Lippen in der kühlen Luft.

Um Abend sagte Albertus fest: Und doch bitte ich dich, mir, was du gestern niedergeschrieben, vorzulesen. Ich möchte es von deiner Stimme hören, in der ja dieselbe Seele lebt, die die Worte gebildet [hat].

Nie noch las ich jemand vor. Was ich erlebe, in eine andere Welt entrückt, von der ich nicht weiß, wo sie ist und wer mich hinaufruft und wie ich hinaufkomme – es ist Seligkeit und Furcht zugleich, es hat eine solche Gewalt über mich, daß ich es nicht wiederholen kann.

Ich bitte dich dennoch zu lesen, deine Seele darf nichts behalten, an dem ich nicht teil habe.

Während ich schreibe, erlebe ich es ja. Ich kann es nur einmal erleben, wenn ich gerufen werde.

Ich rufe dich.

Dazu hast selbst du nicht die Macht.

Ich rufe dich dennoch, ich will ja nur an deinem Nacherleben teil haben.

Sie senkte den Kopf: Wenn du es willst. Weil du Albertus bist.

Ja, weil ich Albertus bin. Nun gib mir den Beweis unserer Freundschaft.

Almudis ging gehorsam, doch mit wankendem Schritt, und holte eine Unzahl beschriebener Blätter. Sie senkte die Stirn noch tiefer und begann zu lesen, eintönig, ausdrucklos. Albert sah, wie sie litt. Er nahm eine ihrer Hände, jetzt waren Freund und Freundin gemeinsam hinaufgetragen in ein fernes Land, das niemand außer ihnen betreten konnte. Das fremde Licht, die unbekannten Bäume, die gleißende Gestalt eines der Erzengel, dessen Stimme unter der Beschämung der Vorleserin zu ihnen sprach, mild und niederwerfend zugleich: das einte die beiden Freunde in größerer Tiefe des Herzens als bisher, diese Stunde wird glänzen über ihr ganzes zukünftiges Leben.

Doch darf sie sich nicht erneuern, Albertus sieht die Qual der Freundin. Wo war seine Demut? Hatte er zu herrschen gedacht?

Dennoch: Eine nähere Wärme des Beisammenseins war zwischen ihnen an diesem Abend entstanden, eine geschwisterliche Vertrautheit, wie von frühester Kindheit aus der gleichen Seelenwurzel erwachsen. Sie vermochten nunmehr kaum eine Stunde vom Morgen zum Abend getrennt zu sein, jedes horchte auf den Schritt des andern, sie blühten ja auf, wunderbar, da vor den Fenstern noch der Schnee lag, nicht nur Ägid, auch die Schwestern sahen heimlich nach den Gesichtern der beiden, sie blühten alle mit auf, die verblichenen Wände, die abgetretenen Treppenstufen, alles nahm ein neues Leben an.

Aber das Gespräch zwischen beiden war unter allem Glück ernst. Es soll keine Fernfreundschaft bleiben zwischen ihnen, die seelischen Kräfte in ihnen, die sich gezeigt haben durch die Nähe, dürfen nicht wieder verkümmern, sie müssen zunehmen, sich entfalten.

Aber wie die dauernde Nähe herstellen? Soll Albertus in einem Nachbarkloster seines Ordens sich für immer niederlassen und wenn er eines gründen müßte? Soll Almudis an den Rhein kommen, in Alberts Stadt?

Ja, so wollen wir es machen, Albertus muß an die Menschen herangehen, so ist das Gesetz seines Ordens und sein eigenes, er muß wohnen, wo viele Menschen sind oder wandern zu immer neuen Lernenden, Zagenden. Almudis muß in seine Nähe kommen.

Unversehens wurden beide traurig. Ihre Worte sprachen vom Glück des Zusammenseins, aber in ihnen zitterte schon die Erkenntnis, die sie sich nicht einzugestehen wagten: Almudis hat den Wald nötig, die Bäume sind ihr so heilig wie Menschen, sie muß das Grünen und Welken und Wiedergrünen der Jahreszeiten um sich haben, muß Sonne, Mond und Sterne über denselben Berggipfeln kommen und gehen sehen, sonst sind es nicht die gleichen Himmelszeichen.

Sie machten noch Tag um Tag Pläne, schon zufrieden, daß sie mit dem gleichen Schritt nebeneinander gehen, im gleichen Zimmer sitzen, sich ansehen und hören konnten – eine Weile, es gibt kein dauerndes Nahesein für sie beide.

An einem Morgen stand Albertus mit Ägid reisefertig vor Almudis, um Abschied zu nehmen.

Bleib noch einige Tage, sagte sie erschreckt.

Ich habe noch den Weg eines ganzen Jahres vor mir, sagte er, wir haben Zeit in unseren Briefen weiter Pläne zu machen. Wie schön ist es, sich Pläne auszudenken!

Albertus und Ägid wurden beide von der Mitleiterin mit einem farbig gestickten Bild der Gottesmutter beschenkt, sie werden es unterwegs und zuhaus in ihren Zellen an die Wand heften.

Wer hat nun dem anderen im Erdendasein geholfen? Ich glaube du mir mehr als ich dir, sagte Albertus leise.

Du mir, sagte Almudis noch leiser.

Du mir! sagte Albertus laut.

An den offenen Fenstern, die Luft war frisch vom nachtgefrorenen Schnee, aber die Sonne strahlte schon mit Frühlingskraft, standen Schwestern und sangen den Wandlern nach. An einem Fenster stand Almudis, von Tauben umschwirrt, einige saßen ihr auf den Schultern, eine Hand lag auf dem Herzen.

Schnell schritt Albertus aus, nur Ägid wandte sich noch einmal um.

Die Erde scheint mir verändert, sagte Albertus. Freunde sollen sich nah bleiben. Überlege unterwegs immer mit mir, wie wir es einrichten, Almudis in unsere Nähe zu bekommen, wenigstens öfter und immer für einige Zeit.

Es ist doch nichts einfacher, Meister. Ihr seid, so oft euer beider Herz es verlangt, Gast im Kloster ihres Ordens hier. Ihr habt weniger Zeit, aber dann und wann suchen wir sie in ihrem Bergland auf.

Ja, wie einfach, sagte Albertus und strahlte.

Dabei vergaß er endgültig, den Gesang der Frauen im Ohr, zurückzusehen und noch einmal das Bild von Kloster, Wald, Almudis aufzunehmen, er trug es seliger als die Wirklichkeit in sich, ein erhöhter Mensch.


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