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Auf dem Weg über die Alpen, auch wenn die Gipfel von Nebel umhängt waren; immer stand vor Albert die ferne Stadt, die ihm bestimmt war, als strahlende Gottesstadt.
Wie leicht wanderte es sich, wenn alle irdischen Sorgen mit dem Besitz abgetan waren, es gab nichts mehr, das vor Diebstahl zu hüten war, nichts mehr zu sorgen für die Zukunft, für das Alter: die Bettelmönche lebten wahrhaft wie die Vögel, überall war ihnen der Tisch gedeckt und wenn nur die Knie ihr Tisch waren. Die Erwartung war nur noch auf innere Dinge gestellt, die auch Abenteuer genug bringen würden. Der Orden war ein großer Vater mit tausenden Söhnen und Töchtern, der kein Kind aus den Augen ließ und der ihnen nie fortsterben und sie verwaist zurücklassen konnte.
So gering die drei Wanderer sich anfangs selber dünkten, Bettler, so merkten sie doch bald, daß die Menschen ihnen sogar besondere Achtung erwiesen, sie waren ihnen himmlische Bettler, die dem Hause, an dessen Tür man ihnen gab, Segen brachten.
Das verlieh ihnen Kraft. Sie setzten die Schuhe im Schreiten fest auf, um die Erde zu spüren, die ihnen vom Herrn des Himmels anvertraut war. Manchmal schwangen sie den Stab in die blaue Luft, wie um die Schwungkraft der Arme gleich der von Flügeln zu versuchen. Sie sangen nicht lärmend, sondern mühten sich, die Größe der Welt mit Schönheit zu füllen, sie sangen aber ohne Scheu auch Vagantenlieder, wie wandernde Scholaren sie gereimt hatten. Albert wurde mit den Gefährten wieder jung. Sie sangen, wenn es gegen Abend ging, zum Himmel hinauf, voll Lust und Dank, daß die Welt so schön war.
Selten klopften sie an eine Tür vergebens, meist gab man ihnen mehr als ein Stück Brot, oft wurden sie in die Stube gebeten, an den Tisch, sie zogen Blechteller, Löffel, Gabel, Messer hervor, die sie nach der Mahlzeit am Brunnentrog spülten. War der Abend warm, schliefen sie draußen unter den Sternen, den Kopf auf die Arme gebettet. Suchten sie bei Wind oder Regen ein Dach, so lud man sie für die Nacht ins Haus, wo sie sich im Heu der Scheune oder nebeneinander auf den Zimmerboden niederlegten.
In Alberts Gesicht schauten die Leute mit einem besonderen Ausdruck, es war vom Erlebnis gezeichnet und klar sah man durch seine Augen in ein inneres Feuer. Wie die Schöpfung einen Sinn haben muß, so ein jedes Menschenleben; in Mönchsgestalt, über den Alltag hinausgehoben, schien dieser Sinn leichter erkennbar. Zur Suche nach Seelen, sobald die eigene Seele bereitet sein wird, wanderte Albert dem Norden entgegen und war unendlich froher in sich als einst, wenn er zu Pferde mit Freunden und Knechten zur Jagd in den Wald ritt. Vorläufig, trotz der schweren Schuhe, ging er noch schwebend, die innere Erhebung wollte ihn oft von der Erde tragen.
Immer ansteigend, traten die drei in eine Wolke ein, die von der Höhe in das Tal sank. Die Berge verschwanden, die Natur blieb im Nebel nur durch das Ohr vernehmbar: Rauschen der Quellen, Aufprall der Wasserfälle, Gepolter abfallender Steine, verlorenes Schellengeläut einer unsichtbaren Kuhherde.
Ein Wind tat sich auf. Sie sahen zu, wie er die Wolken in Fetzen teilte und wie diese weißen Fetzen um die Berggipfel dreist und anmutig hinspielten, bald aufdeckend, bald verhüllend.
Wie diese nackten Berge einst entstanden sein möchten, fragten seine Gefährten, die mit der Annäherung an den Norden ernster wurden. Albert sann nach: Eine Naturkatastrophe hat wohl einst den Leib der Erde aufgerissen und die Stücke übereinander getürmt, die abfallenden Wasser haben dann in langer Arbeit die Täler eingeschnitten.
Er mußte zugleich in die Zukunft sehen: Einmal werden Regen und schmelzender Schnee die Berge ganz abgetragen haben, seht doch, wie vor allen Schluchten die Felsblöcke liegen, die mit den Wassern herabgerollt sind, hört doch, irgendwo in der Ferne rollen Blöcke, die in Bewegung sind. Sie werden auf ihrem weiteren Weg, so hart man sie glaubt, doch zu Kieseln zerrieben, auch die werden auf dem Grund der Flüsse mitgerollt und immer mehr zermahlen, bis sie zu Sand werden, der den Meeresboden bedeckt und endlich einmal alle Meere ausfüllt. Dann wird die Erde überall flach sein wie vorher das Meer. Es gibt keinen Regen mehr, keine Flüsse, kein Wachstum. Auch die Erde, ein großes atmendes Wesen, stirbt.
Sie betrachteten von nun an aufmerksamer Wasser, Quellen, Rinnsale, Bäche. Wie das Element hinabdrängt, sagte Albert, hinab zum Tal, zur Ebene, zum Meer, mit Lärm und weißem Schaum, mit einer wahren Sehnsucht, ja Leidenschaft, durch keine Macht aufzuhalten – so werden auch wir drei Mönche zum Ziel streben, wenn wir erst einmal die Paßhöhe hinter uns haben. Wie die Bäche von allen Zeiten zu einander rennen, sich finden, gesammelt voran brausen, bis sie im Talgrund zu einem reißenden Fluß werden, den man, wie wir gesehen haben, ohne Brücke nicht mehr überschreiten kann: ist nicht Gott auch in diesem Drang?
Die Wasser entlaufen hinter uns, aber die Blumen bleiben der Höhe treu, sie haben einen anderen Auftrag als das Wasser. Ist nicht jede der Bewunderung wert, nicht nur weil sie so unsagbar einsam wachsen, sondern auch, weil der Sturm so stark hier oben ist? Der Schnee begräbt dreiviertel des Jahres Gras und Hütten, dabei leuchten in der reinen Luft ihre Farben stärker als die ihrer Schwestern in der Tiefe. Gleichen diese Blumen nicht wiederum auch uns Bettelmönchen, ohne Sanftheit des Lebens und doch voll Freude zu blühen? Wohl sind sie ausgerüstet, ihre rauhe Höhe zu ertragen, mit kurzen Stielen und dicken Blättern, in einem milderen Hauch vermöchten sie gar nicht zu atmen.
Jetzt rannte, einem Wasserfall ähnlich, eine Herde von Ziegen aus einer Schlucht heraus, erst eng beisammen gedrängt, dann über die Wiese sich ausdehnend, mit hellerem Geläut, hinter ihnen ein Knabe mit knallenden Peitschenschlägen und jauchzenden Rufen. Wie froh ihres Lebens in der Höhe waren Mensch, Tier, Blume, ja, so schien es, Wolke!
Eine Strecke lief ein Hund mit den Wanderern, stolz brachte er Steine, die ihm geworfen wurden, wieder herbei. Sein Wesen stellte ihn zwischen die flüchtigen Wasser und die erdverwurzelten Blumen – er hätte mit den Menschen fort können und einen Augenblick stand er auch und zögerte, aber dann kehrte er zu seinem abseits der Straße gelegenen ärmlichen Hause zurück, treu auch ohne Gelübde.
Alle paar Stunden stand eine winzige Kapelle, rosa oder hellblau. Wie lange war es denn her, daß die Menschen in diesen Bergen Christen geworden? Man sagte, die Alten unter ihnen seien im Herzen noch Heiden, oft genug waren auch die Reste römischer Meilen- oder Grabsteine am Wege zu sehen. Die Novizen traten in jede der Kapellen ein und beugten die Stirn vor dem Altar, aber zugleich vor der Größe dieser Natur, die dem Himmel und der Unschuld näher war als die Ebene unten.
Auf der Paßhöhe saßen sie lang auf einem Stein, von Norden blies der Wind sie scharf an, aber er kühlte die vom Sonnenbrand erhitzten Gesichter und gab Mut. Nicht nach Süden sahen sie zum Abschied zurück, nur voraus in den Norden, grüßend und jetzt, wo die Wasser neben ihnen auch nach Norden rannten, voll Ungeduld nach dort hin, wo ihre Arbeit wartete.
Albert, ehe er den Schritt zum Abstieg ansetzte, noch im Paßwind stehend, hörte die Worte Jordans in sich: Gerade du, mit dir habe ich wichtiges vor. Er will sich nicht über die Brüder überheben, Demut gehört zu den ersten der neuen Pflichten, aber die Worte sind gesprochen und enthalten auch eine Forderung nach besonderem Eifer. Die Welt erneuern helfen, den freudigen Gott auch im geringsten Menschen lebendig machen: zu diesem Werk schreitet er nun von den Bergen hinab.
Er liebte diesen Gott, der kühn den Bau der Welt erdacht hatte, der ihr den Tod nicht ersparte und nicht Leid aller Art vorher: nichts beweist so sicher, daß ein höheres Leben auf die Menschen wartet, wenn sie einmal diese Erde überwunden haben.
Einige Stunden, nachdem sie sich jenseits des Passes mit Wassern und Straße zu Tal gesenkt hatten, stellte sich Regen und ungewohnte Kälte ein, Albert, zur Verwunderung seiner Gefährten, war dankbar, die Plötzlichkeit des Wetterwechsels im Hochgebirge einmal zu erleben. Gegen Abend ging der Regen in Schnee über, die Mönche froren, ihre Kleidung war zu leicht, noch zeigte sich kein Obdach, nicht einmal ein fernes Licht.
Das war die erste Prüfung, die sie zu bestehen hatten, alle wurden schweigsam.
Des Nachts auf dem Heulager einer Scheune, klagte der jüngste: Das hatte ich nicht bedacht, daß mit dem Norden das Wetter immer rauher wird.
Es macht nicht der Norden, sondern die Höhe, mit der Tiefe wird es wieder wärmer, sagte Albert, während ihm selbst vor Frost die Zähne aufeinander schlugen.
Wirklich, am Morgen nach kurzem Weg löste sich der Schnee wieder in Regen auf. Sie sangen trotz ihrer durchnäßten Kleidung, der Orden wird tapfere Brüder an ihnen haben. Als nach mehreren Tagen das Gebirge hinter ihnen lag und sich das weite Land der Rebenhügel vor ihnen öffnete, drängte Albert zu größerer Eile. Die Gefährten kamen langsam nach, er wartete immer auf einer Brücke, von deren Mitte er in das rinnende Wasser blickte, das zum Rhein drängte wie er selbst.