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Als Albert ins Haus zurückkehrte, hielt der Ohm ihn auf der Treppe an, zog ihn ins Zimmer und gab sich erbitterte Mühe, ihm den Umgang mit den Bettelmönchen auszureden.
Es ist möglich, daß ich dort eintrete, sagte Albert.
Wie? Du, ein Edler von Bollstädt, Sohn eines hohen staufischen Lehnsherrn? Willst du wirklich deinem Vater noch im Grabe Leid antun?
Der Ohm stampfte ingrimmig durch die Zimmer, warf die Türen hinter sich zu, kam wieder, zu neuen heftigen Ausrufen: Bist du darum nach Padua gekommen? Du machst das Sprichwort mehr als wahr, du bist ein Schwabe, der auch mit vierzig noch nicht klug geworden ist. Aber ich als deines Vaters Bruder und Ältester unseres Geschlechts verbiete dir, an den Eintritt in den Orden auch nur zu denken.
Er holte Gabriela und ließ ihre schmerzbewegte Stimme mit bitten, schickte sie im Zorn wieder fort, sprach von neuem auf Albert ein, ruhiger, er zählte ihm den Reichtum seines Hauses mitsamt dem Landgut auf, den er einmal erben könne, wenn er und Gabriela, die nun doch herangewachsen sei, ein Paar würden: Wäre denn das nicht vernünftiger? Ist denn das nicht der nächste Sinn der Schöpfung, von dem du so oft sprichst?
Albert ging ohne Antwort auf sein Zimmer, ohne Abendbrot, legte sich zu Bett, sagte sich in endloser Wiederholung: Jordans Lehre – wie völlig stimmt sie überein mit meiner eigenen Erkenntnis, beweist das nicht ihre Gültigkeit? Diese Lehre muß in unzähligen Menschen aller Völker gleichzeitig aufgestanden sein, sie ist von Gott selbst über die Erde ausgesät, die Luft ist erfüllt von ihr. Wie packt mich der Gedanke umso mächtiger, da ich ihn mit vielen teile, und wie wunderbar ist er über mich hinaus gedacht. Das Gelübde der Besitzlosigkeit ist hart, aber da so viele es auf sich nehmen, warum nicht auch ich? Damit ja erst wird der Ernst meiner Überzeugung sichtbar. Jordan und der Orden, das ist das, was mich ahnungsvoll nach Padua getrieben hat. Wie erfüllt es mich mit Größe, für das was ich glaube einzustehen, ohne Rückhalt, mit meinem ganzen Sein!
Aber ich bin nicht zwanzig, sondern vierzig Jahre alt, ich muß sorgfältiger jeden Schritt bedenken als die jüngeren. Ach, es ist wohl zu spät für mich, ein so ganz und gar neues Leben anzufangen. Besäße ich einmal dieses Haus und das Landgut – dann die Geheimnisse der Natur ergründen und niederschreiben: wäre das nicht auch neues Leben genug?
In der Nacht hatte er einen Traum. Er sah sich in den Orden eingetreten und ihn nach kurzer Zeit wie ein Gefängnis wieder verlassen und zur Schar seiner Freunde zurückkehren, die in diesem Traum noch die verwegenen Gefährten seiner Jugend waren. Erwacht fühlte er sich leicht und voller Freude, daß er die Freiheit zurückgewonnen hatte. An dieser Freude erkannte er, wie berechtigt seine Befürchtung war, daß er im Orden nicht aushalten werde. Denn im Traum zeigt sich das wahre Gefühl eines Menschen, das ihm selbst oft unbekannt ist. Er, Altert, wird am besten gar nicht mehr zu Jordan hingehen.
Dennoch trieb es ihn am Morgen hin zu ihm. Er fand den Meister mitten in seiner Unterweisung. Es gibt Jünglinge, sagte er gerade, die sich vornehmen, die Welt der Verwandten und Freunde zu verlassen und in den Orden einzutreten. Aber da stellt sich in der Nacht das Böse als Versucher ein und führt ihnen einen Traum vor. Sie sehen sich eintreten und bald darauf vom Orden wieder trennen, sie springen zu Pferd, in schönem Gewand, einen Falken auf der Hand. Mit den Freunden reiten sie durch ein sonniges Tal, sie lachen und singen. Dieser Traum soll ihnen Furcht machen vor dem Eintritt, manche lassen sich auch wirklich abschrecken und der Versucher hat seine Absicht erreicht.
Nach der Unterweisung ging Albert hin und sagte erschüttert: Meister, wer hat dir meinen eigenen Traum offenbart? Nun gerade will ich nicht länger zögern, hier bin ich, ich ziehe mir gleich das Ordenskleid an, damit ich so zu meinem Oheim hinkomme.
Du weißt, Bruder Albert, sagte Jordan und umarmte ihn, daß wir unsere Söhne nicht einschließen, sondern im Gegenteil vertrauend zu den Menschen hinausschicken. Auch bestimmt nicht ein Abt für dein ganzes Leben über dich, du bist nicht immer am selben Ort, sondern ich allein, wo und wie fern ich auch immer bin, entscheide über dich. Morgen mache dich auf den Weg nach der Stadt Köln, zum Prior Leo, dahin will ich dich senden, es ist die größte Stadt in Deutschland und ich habe gerade da Wichtiges mit dir vor. Denk immer an das Wort, das ich dir sagte: Gerade du!
Am Abend, als er zu seinem Zimmer hinaufging, fühlte Albert sich auf der dunklen Treppe von zwei Armen umfaßt: Gabriela. Er machte sich nicht frei, noch hat er das Gelübde nicht gesprochen, noch einmal kann er dieses Leben hier wählen: Haus, Frau, Kinder, adelige Tätigkeit und Ansehen, Süße des Daseins mehr als er verdient hat. Noch eine Sekunde ist Zeit, der Gewalt Jordans durch eine rasche Tat zu widerstreben.
Albert, Albert! rief Gabriela. Aber das war ja ein Klageruf, Tränen überströmten ihr Gesicht und das seine mit. Sie entrang sich seinen Armen, er hörte nur noch das entfernte Wehen ihres Kleides aus dem Dunkel.
Auf seinem Zimmer fand er einen Brief:
Lieber, wie lange wartete ich auf dich. Es wäre vergebens, jetzt durch Eile ein Glück zu suchen, das dir bald zu gering sein würde, wäre es uns bestimmt gewesen, wäre es früher gekommen. Ich wollte nur Abschied nehmen, mein Gebet begleitet dich.
Das Schicksal, hat es entschieden? Albert stand lange am Tisch, hat sie recht? Soll mein Leben größer sein? Und härter?
Verquält, zu nochmaligem inneren Kampf warf er sich aufs Bett.
Am morgen hatte er den Entschluß gefunden, errungen. In weißer Kutte und schwarzem Überwurf stand er vor Jordan, um Abschied zu nehmen, in der Hand einen schulterhohen Stab mit Kugelknauf, auf dem Kopf wie alle Mönche auf der Wanderung statt der schwarzen Spitzmütze einen runden breiten Hut, der in gleicher Weise vor Sonne und Regen schützte.
Hast du auch die rechten Schuhe, um über die Alpen zu kommen? Da oben ist es rauh, sagte der Hochmeister.
Albert hatte soeben breite Schuhe gekauft, bloße Sohlen ohne Absatz, mit Riemen befestigt, seine Füße steckten nackt darin. Er hob die Kutte und zeigte den Kauf.
Gut. Und nun, von dieser Stunde an gelten die drei Gelübde Armut, Keuschheit, Gehorsam für dich, gelobe mir in die Hand, sie mit aller Strenge zu halten.
Albert gab die Hand, Jordan hielt sie wieder lange in der seinen fest.
Zwei Gefährten, die für Worms und Mainz bestimmt waren, nahmen mit ihm Abschied, andere Gruppen waren schon Tage vorher nach allen Richtungen davongegangen.
Albert war mit einer hellen Ledertasche ausgerüstet, die an einem Riemen von der Schulter zur gegenseitigen Hüfte hing, während die Gefährten rauhfellige Ledersäcke auf dem Rücken trugen mit den einzigen Habseligkeiten, die sie noch auf der Welt besaßen: Blechteller, Löffel, Nadel, Garn, Seife, Salbe für wunde Füße, einige Bücher.
War das nicht immerhin noch viel? Jedes einzelne Stück wurde ihnen bald wertvoll und lieb, sie hätten jedes streicheln können. Nur einen Becher trugen sie nicht, das Wasser aus den Quellen muß die Hand schöpfen. Um das nächste Brot aber mußten sie schon an einer Tür Bitte tun.
Meister Jordan sah dem kleinen Trupp nach, wandte sich dann zu seinem eigenen Weg ab, auch er mit Wanderstab, offenen Sandalen, rundem Hut. Ein Maultier, von einem Bruder geführt, trug Bücher, Klosterlisten, Schreibzeug, auch für Briefe an die Seelenfreundin in Bologna.
Weit wird sein Weg sein: durch Frankreich nordwärts nach England, zu Schiff nach Spanien, zu Fuß an den Pyrenäen entlang nach Italien, meerentlang bis zur äußersten Südspitze, endlich zu Schiff nach Syrien und Afrika.
Welch ein Hochgefühl in der Brust des Meisters; überallhin das Licht einer gesteigerten Erkenntnis Gottes durch Erlebnis tragen, überall das begeisterte Wort laut werden lassen, die Menschen zu einem freudigen Gott führen, in eine Zeit beginnender Zwietracht unbeirrt das Wort Liebe hineinrufen.