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Im Sommer begehrte Albert fort von der Wehmut der Erinnerung: Gebt mir eine neue Aufgabe, ich bin sechzig, immer noch jung genug!
Geheimnisvoll, wie immer Rätsel um ihn war, wurde sein Ruf, den nur sein Herz aussprach, gehört.
Die Zeit war schlimm geworden, der zweite Kaiser Friedrich war gestorben, das Traumgeschlecht der Hohenstaufen wie in einem Sonnenuntergang verglüht. Es gab keinen Herrn mehr in Deutschland, nur das Faustrecht galt: unter Fürsten, Rittern, Städten, Bürgern, Bauern. Alle bösen Triebe sprangen wie bisher verkrochene Raubtiere aus den Seelen der Menschen hervor.
Auch die Zucht der demütigen Predigerorden drohte sich zu lösen, besonders in den entlegenen Klöstern. Hier konnte nur einer helfen, der Unerbittlichste gegen sich selbst: Bruder Albert wurde zum Ordensmeister ernannt über alle siebzig deutschen Klöster.
Erschreckt empfing er das Amt, um das ihn unter der Drohung der Zeit niemand beneidete. Er dachte an die Legende des Christophorus, der auf seinem Rücken die Menschen über einen Fluß trägt. Einmal muß er das Jesuskind an das andere Ufer bringen: leichte Last, er setzt es sich auf die Schulter und spürt es kaum, er schreitet ins Wasser. Aber was ist das? Drückender und drückender wird die Last, ist Christophorus plötzlich alt geworden? Er keucht, er tastet mit dem Stab vorsichtig die Steine am Grund ab. Aber sein Rücken krümmt sich mehr und mehr, nur mit letzter Kraft erreicht er das jenseitige Ufer: Kind, was ist das? Du hast mich in große Gefahr gebracht, du bist so schwer geworden, als trüge ich die ganze Welt auf mir!
Das Kind sagte: Du hast nicht nur die Welt getragen, sondern auch den dazu, der sie geschaffen.
Christophorus hat die Welt auf seiner Schulter getragen, so wird auch meine Last immer härter, dachte Albert. Aber nach einer Nacht der inneren Selbstprüfung, zwischen den vier engen Zellenwänden, kam er zu dem Entschluß, der seiner Natur entsprach: er wird nicht Briefe schreiben, Boten senden, aus der Ferne sorgen, sondern sich auf den Weg machen, selber nachsehen, rheinaufwärts wandern, dann wieder zum Norden bis ans Meer und endlich wieder südwärts, dann zurück an den Rhein. Seine Reise wird drei Jahre dauern, nicht Alter, Wetter, Jahreszeit, Klima, Entbehrung, Gefahr, nicht die Besorgnis seiner Mitbrüder, nicht die Bedenken des Hochmeisters werden ihn abhalten. Überall wird er prüfen, ordnen, aufrichten, nicht nur die Brüder und Schwestern, sondern mit ihrer neu erstarkten Hilfe alle, die er ratlos, krank, verzweifelt findet. Auf dieser abenteuerlich aussehenden Reise wird ihn das Wort von der nüchternen Besessenheit leiten, das ihn der weise Aristoteles lehrte. Kein vulkanisches Feuer brennt in ihm wie in dem Südländer Thomas, sein Feuer strahlt gebändigt und wohltätig von geheimnisvollem Herde nach allen Seiten aus. In jeder Mühe, in jeder Drohung wird er seinen Plan durchführen, weithin wird er Frucht tragen.
Nur ein Zugeständnis rangen die Mitbrüder ihm ab: daß er einen Novizen als Begleiter mit auf den Weg nahm, er selbst war ja nun doch über die Jahre der höchsten Körperkraft hinaus und sein Haar hier und da ergraut. Dieser Begleiter konnte auch einiges Notwendige für den Meister in seinem Reisesack mittragen, listig verbargen sie einige Bände des Aristoteles in der griechischen Ursprache darin, sicher, daß bei langem Regen- oder Schneewetter den Meister doch früher oder später die Lust ankommen werde, die Füße auszuruhen: dann wird er sich klagend den Aristoteles herbeiwünschen, um an seiner Übersetzung weiter zu arbeiten.
Die ganze Schar der Patres, Novizen, Schüler, Laienbrüder stand an einem Junimorgen des Jahres 1254 im Klosterhof versammelt, um dem scheidenden Meister gute Reise zu wünschen, einige Novizen wären gern an des Begleiters Stelle mit hinausgewandert. Andere empfanden Ernst und Wehmut: wird der alte Mann, der unbekannten Fernen und Gefahren zustrebt, einst durch diese schmale Mauertür wieder zurückkehren? Dann werden die meisten von denen, die ihn jetzt scheiden sehen, nicht mehr hier sein, ihn zu empfangen. Vor diesen Nachdenklichen wurde in dieser Stunde die Verworrenheit der Zeit zur Zerrissenheit, der einzige Halt für alle war ja dieser eine Mann, der ohne Furcht davonschritt.
Regentropfen fielen; jetzt Meister Albert, flüchten wir ins Haus, unter Dach, du knüpfst dir nur den Mantel etwas fester zu.
Es wollte der Zufall, daß die Glocken des Klosters dem Scheidenden noch eine Weile heimatlich nachläuteten. Er wird diesen Klang in seinem Ohr behalten, nie werden fremde Glocken ihn übertönen.
Albert hatte seinen Begleiter nicht selbst ausgewählt, aber es war offensichtlich in dem Novizen Ägid eine gute Wahl getroffen worden: ein gelblockiger, bescheidener, williger und kräftiger Jüngling aus Bauernstand, dem die Wanderlust aus den Augen glänzte. Er wird im Studium zeitlich etwas zurückbleiben, aber dafür den Unterricht seines Meisters als einziger empfangen.
An dem Märchenbild der sieben Berge vorbei, die Albert mit dem Freund Thomas so oft von fern begrüßt hat, in ihrem immerwährenden Wechsel von Licht und Farben, durch das Felstal des Rheins mit immer neuem Blick nach jeder Strombiegung, kamen die Wanderer zu dem ersten Kloster ihres Ordens in Worms. Manche Burg auf steiler Höhe war Ruine geworden, manches Dorf lag in Trümmern, die bisweilen noch rauchten. Leichname Erschlagener und Beraubter waren von den Fuhrleuten an die Straßenseiten geschleppt worden.
Der grauhaarige Mönch, der an die Klosterpforte in Worms klopfte wie irgendein wandernder Barfüßer sonst, und doch der Meister über alle Klöster in deutschen Landen, wirkte schon bildlich als das gute Gewissen des Ordens, vor dem alle verängsteten Gewissen sich in den Hintergrund bargen. Aber sie wurden an den hellen Tag herangezogen, nicht eines entkam, diese gütigen und durchdringenden Augen hatten einen Blick, dem niemand widerstand.
Albert sprach zuerst mit dem Prior, nicht um ein Urteil über die Schar der Patres und Novizen zu hören, wie der Prior redelustig annahm, sondern er, der Prior selber, wurde geprüft, in einem freundschaftlichen Gespräch, das sich unversehens in ein ernstes verwandelte.
Albert ging von Zelle zu Zelle, überall wartete ein jüngerer oder älterer Schüler mit Herzklopfen, nachdem des Meisters Stimme schon manches Mal laut genug erschallt war. Es nützte nichts, etwas verschweigen zu wollen mit dem Gedanken, in ein paar Tagen sei dieser Alte doch hinter den Bergen verschwunden. Sondern die Kraft der Augen war auch in der Stimme: die schlechten Gewissen waren gezwungen, sich selbst zu enthüllen und anzuklagen.
Dann stand Albert vor einer Versammlung aller. Er nannte keine Namen, rief keine Zeugen auf, jeder einzelne aber fühlte es wie einen leiblichen Schmerz, wenn ein Vorwurf ihm galt. Der Meister wandte sich an die eigene Einsicht aller, er machte seinen Grundsatz klar: auch in den geringsten Dingen hart bleiben, dann wird es leichter, den großen Versuchungen zu widerstehen, ja diese großen Versuchungen kommen an einen so Gefeiten gar nicht heran, sie wissen um die Nutzlosigkeit.
Aber es handelt sich wie in allem Irdischen um den Sinn, der hinter den Geboten steht. Euch Älteren und Jüngeren ist ein vorbildliches Leben auferlegt, die Selbstlosigkeit muß immer wieder geübt werden, weil sie nicht als Naturtrieb im Menschen eingesenkt ist, aber sie vermag die Seele frei zu machen für die tätige Liebe. Und dieser Liebe habt ihr als Auserwählte, als Gottes Werkgesellen, euer Leben geweiht. Ein jedes eurer Leben wird andere mit sich hochziehen. Ihr Liebenden, wie werdet ihr zum Dank wieder geliebt werden! Und wenn ihr nicht wieder geliebt würdet, wie es manchmal in der menschlichen Natur liegt, wie stolz könnt ihr in argen Tagen dennoch auf euch selbst sein!
Niemand ist so schwach, daß er durch Standhaftigkeit nicht Kraft gewinnt, gerade im Meer einer so aufgewühlten Zeit. Das wißt ihr alle selbst, ich sage es nur, damit ihr seht: auch wir, fern von eurem Kloster, denken so und sind so gewillt, heute wie am Gründungstag des Ordens. Es kommt nicht darauf an, Versäumnisse und Nachlässigkeiten, die geschehen sind, zu strafen, doch haben einige von euch, über das menschlich Natürliche und Begreifliche hinaus, es allzu leicht genommen mit Verfehlungen und allzu lange sich in Bequemlichkeiten hineingewöhnt, als daß sie nicht selber reuig nach Umkehr begehrten. Bruder Prior, laß nach meinem Weggang solche von selber vortreten, stärke sie, und hilf ihnen in Zukunft. Du selbst hast auch gefehlt, durch Mangel an rechtzeitigem Zuspruch, du bist gestraft dadurch, daß du einige deiner Mitbrüder, die ein rechtzeitiges Wort behütet hätte, um deine Schuld hart angehen mußt.
Am Sonntag werde ich die Predigt übernehmen, macht das in der Stadt bekannt, daß alle, die Zuspruch brauchen, kommen. Möchtet auch ihr dann durch die Worte eines so viel älteren, der auch gefehlt hat in seinem Leben, in der Freude Gottes vereinigt werden. Wer bis dahin mit mir allein zu sprechen wünscht, der möge zu jeder Stunde an meine Tür klopfen, aber er möge nicht von andern, sondern nur von sich selbst sprechen. Vertraue mir ein jeder, wie ich euch vertraue, ich helfe euch, wie ihr mir helft, wir wollen uns alle einer am andern aufrichten. Dann kann uns die Not der Zeit nichts anhaben, im Gegenteil, gerade sie gibt uns Zuversicht wunderbar zurück.