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Albert wollte auch endlich das Meer sehen, aus der Größe der Schöpfung Kraft zu holen.
Vorher kommt er durch das Wesergebirge, wo seine Freundin Almudis in ihrem Kloster auf ihn wartet. In ihrem Briefwechsel haben sie einander ihre Umwelt und Inwelt geschildert mit allen Erscheinungen, Vorkommnissen, Gestalten, Sorgen, Wünschen. Jedes kennt des andern Kummer, als sei es der seine, jedes stellt sich Gesicht und Stimme des andern vor. Welche fast überirdische Zartheit spricht, wie aus den Gedichten, aus jedem ihrer Briefe!
Wie wunderbar, hier in der Einsamkeit der waldigen Berge eine so innige Seele zu wissen, die täglich und jetzt, da die Ankunft so nah ist, wohl stündlich seiner gedenkt wie er ihrer. Es ist zwischen ihnen ein hauchzartes, mit Worten nicht zu nennendes Zusammenschwingen einander ergänzender Naturen, Freund und Freundin, entstanden. Albert ist stolz, nicht nur eine solche Fernfreundin gefunden zu haben, wie einst sein Lehrer Jordan, sondern dazu eine Dichterin von Gnaden. Er ist eifersüchtig in dieser Brieffreundschaft, es kränkt, ja es verwundet ihn zu hören, daß dann und wann auch ein anderer Briefe von Almudis erhält. Sie freut sich in ihrer Einsamkeit dieser Eifersucht und ruft sie manchmal mit weiblicher List bei ihm wach. Und er ist, wenn auch geschmerzt, zugleich beglückt dadurch, denn nun fühlt er ihre Freundschaft.
Almudis fragt jeden, der sie besucht, nach ihrem Freund aus, läßt sich erzählen, wie er aussieht, sich bewegt, spricht. Sie sorgt sich, wie er die anstrengende Wanderung besteht, und zittert vor den Gefahren, die ihn in dieser unruhigen Zeit bedrohen. Jedes hat dem andern ein Bild von sich geschickt, von einem Mönch bunt gemalt, und ein jedes liebt des andern Gesicht, holt das Bild oft hervor und betrachtet es lange, gleichviel ob es ähnlich sein mag. Sie soll anmutig sein, gestand Albert einmal seinem Gefährten, das hat auch bei einer Fernfreundschaft Bedeutung, denn unsere Seele sieht gern Schönes und sehnt sich darnach. Diese Sehnsucht nach Schönheit – ist sie nicht Bestätigung, daß ein Gott und ein Jenseits ist?
In wenigen Tagen wird nun alles Erträumte Wirklichkeit, sie können sich endlich in die Augen schauen, bei den Händen fassen, ihre Stimme hören und sich mit Namen nennen.
Je näher die beiden Mönche an das zwischen Waldbergen verborgene Kloster herankamen, je mehr schien die Luft erfüllt von dem schmalen Gesicht der Schwester mit den glänzend erhobenen Augen. Und ebenso mochte Almudis das Gesicht Alberts, seine Gestalt, seinen Schritt, seine Geberden, während er sich täglich ihr näherte, deutlicher in die Luft hinein denken.
Albert sprach mit bewegter Stimme seinem Gefährten Gedichte der Freundin aus dem Gedächtnis vor und beglückte sich dabei selbst am Klang der Worte, an der Reinheit der Gedanken, an [der] Kraft der Bilder, Almudis mochte wohl zur selben Stunde ebenso sich und einigen Mitschwestern aus des Albertus Schriften leise und entrückt vorlesen.
Er trug ihren letzten Brief wohl verwahrt bei sich. Wie ihm einst in Bologna Hochmeister Jordan aus den Briefen seiner geistlichen Freundin vorlas, so teilte er jetzt seinem Gefährten Sätze aus diesem Schreiben mit, besorgt, nicht zu viel von seinem Seelengut preiszugeben und doch voll Verlangen, so schwärmerische Zustimmung zu hören, wie sie ihm selbst natürlich geworden war. Er vergaß dabei, daß hier Ägid an seiner Seite ging mit treuem Willen, aber ohne Flugkraft in solche Höhe hinauf.
Endlich hörten sie fernab eine ferne Glocke, der Wind zerpflückte das Geläut.
Dann traten sie in ein Wiesental ein, rote, blaue, gelbe Blumen standen im Gras, Albert setzte die Schuhe leise auf den Pfad, endlich zeigte sich mit hellen Fensterscheiben neben altem Kirchturm das Kloster, in dem Almudis Heimat auf dieser Erde gefunden und das sie nur selten und nur für wenige Stunden verließ. Ihre Welt war dieses eine Haus und der Himmel über dem Tal, von vielgestaltigen Bergen umgrenzt.
Alberts Augen hingen sich an das Gebäude, sein Schritt wurde langsamer, er blieb stehen mit halb abgewandter Schulter, und erzählte dem Gefährten von den seltsamen Gewohnheiten verschiedener Tiere, als müsse er vor allem erst dieses Gespräch zu Ende führen.
Ägid dachte: wo werde ich bleiben, solange Meister Albert bei seiner Freundin sitzt? Sie wollen doch ihr ernstes Gespräch unter sich allein halten? Und wohl alle folgenden auch? Wie lange wird unser Aufenthalt hier dauern? Was beginne ich dann allein in Gesellschaft so vieler Frauen? Vielleicht tagelang? Schüchternheit überkam ihn.
Da wandte sich der Meister mit jäher Bewegung von dem Hause ab. Mein Bruder, ich will noch ein wenig warten, sagte er leise, als könne er vom Hause aus belauscht werden. Laß uns erst einen nahen Platz unter Bäumen suchen und dort sitzen, wir sind zu schnell gegangen und haben uns zu lange mit unnötigen Gesprächen aufgehalten. Nun sind wir am Haus, nun möchte ich mich erst etwas sammeln, es ergreift mich doch sehr, diese erste Zusammenkunft, verstehst du das?
Es geht oft so, sagte Ägid. Wenn man sich lange auf etwas vorfreut, dann versagt das Herz, wenn die Freude da ist.
Ja, wahrhaftig, so geht es mir, sagte Albert überrascht, daß er so gut verstanden war. Komm, steh nicht so lange hier, vielleicht sieht man uns vom Hause aus.
Sie fanden einen Platz am Waldrand, unter herabhängenden Zweigen, die einen Durchblick zum Kloster ließen, und setzten sich auf eine altersbemooste Steinbank.
Hier also ist es, sagte Albert, von nun an trage ich das Bild ihrer Welt doch nicht mehr nur als Traum in mir! Wie hängte er den Blick an jeden Baum, jeden Busch, gleichsam der Freundin Blick empfing er von ihnen! Er sah zu den Wolken auf: sie kommen vom nordwestlichen Meer.
Was ist das für ein merkwürdiger Kampf in ihm? Da kämpfen Kräfte miteinander, die er nicht kennt, Wünsche und Widerstände, von denen er nur die ersten mit Namen kennen könnte: den Dank an die Fügung, daß er nun wirklich in diesem Tal ist, dieses blanke Gebäude sieht, das Hinverlangen zu einem Menschen, der ihm soviel verwandtes Verständnis, Feinheit des Wortes, Vertraulichkeit, Klage und Lust, fraulichen Rat in manchem Ringen gegeben hat. Aber warum harrt er denn noch hier? Warum geht er nicht an die Klosterpforte und klopft? Tut er doch sonst immer das Einfachste, Natürlichste?
Vielleicht öffnet sich auch unversehens die Tür und Almudis tritt heraus, von Ahnung getroffen? Doch darauf, wartete er umsonst.
Er merkte nicht, daß neben ihm Ägid eingeschlummert war, und sagte: Es ist schade, daß wir im Reiseplan nicht daran gedacht haben, zuerst an das Meer zu gehen. Dann hätte ich Almudis vom Meer erzählen können, von allem andern haben wir ja schon in den Briefen gesprochen.
Er legte seinen Stab über die Knie und sah zu den Ameisen hinunter, die vor der Bank auf einem Grasweg hin und her eilten: Sie schrieb mir einmal, daß sie meine Sehnsucht nach dem Meer teile und nichts schmerze sie so sehr, als daß sie, nur eine Frau, die nicht wandern könne wie ich, wohl für immer von diesem Anblick ausgeschlossen sei. Was wäre natürlicher gewesen, als daß ich zuerst dorthin gegangen wäre, um wenigstens mit Worten eines, der unmittelbar daherkommt und den Salzwind noch in den Falten der Kutte hat, das Erlebnis mit ihr zu teilen? Er versperrte mit seinem Stabe den Ameisen den Weg und beobachtete, wie schnell sie das Hindernis zu überwinden wußten. Er hörte nicht einmal, wie heftig Ägid im Schlaf den Atem von sich blies. Wäre es nicht gut, daß wir zuerst ans Meer gehen und auf dem Rückweg hierher kommen? Albert flüsterte seine Frage nur, so erschreckt war er selber von ihr. Er sah nach seinem Gefährten hin, von dem keine Antwort kam. Auf! rief er und riß den Schläfer am Arm hoch, wir gehen zuerst ans Meer!
Ägid stand ohne zu begreifen.
Albert sagte und vergaß, daß der andere ja von seiner Überlegung nichts vernommen hatte: Es ist kein großer Umweg, auch tut es gut, die vorgesehene Reihenfolge der Klöster einmal zu unterbrechen und nach dem Gefühl umzuordnen. Vorwärts, mein Bruder! Er schritt vom Kloster fort, Ägid kam zögernd nach, er wartete unwillkürlich auf eine vielleicht ebenso überraschende Rückkehr zum ersten Plan.
Aber Albert führte ihn schnellen Schrittes zum Wiesental hinaus, unter den Randbäumen des Waldes gut verborgen, nach Nordwesten zu, den Wolken entgegen, die vom Meer kamen.
Die Änderung des Weges ist wohlgetan, sagte er nach einiger Zeit, der weiße Rauch aus dem Schornstein des Klosters war noch fern über den grünen Wipfeln zu sehen, Albertus verlangsamte den Schritt.
Nach einer Stunde Schweigen sagte er: Es ist ja nur ein kurzer Aufschub, wenige Wochen, was will das nach so vielen Wartejahren sagen? Wieder eine Stunde später nahm er den Hut ab und ließ sich wie Ägid den Wind durchs Haar wehen, seltsam flatterte das graue Haar neben dem blonden.
Einmal blieb er stehen, im Nachdenken: Wird sich Almudis allzusehr um mich sorgen? Wird es sie sehr schmerzen, daß ich vorüberging? fragte er und sah dem Gefährten, der mit ihm stehen blieb, kindlich ins Gesicht.
Ägid schwieg, Albert nahm das als Bestätigung und seufzte auf. Sie gingen weiter, leise wie im Selbstgespräch sagte der Meister: Ich glaube, darum kehrte ich nicht ins Kloster ein, weil ich Furcht vor der Freude hatte, ich vertrage nicht zu viel davon.
Vor dem Dorf, wo sie für die Nacht blieben, sagte er wehmütig: Ich werde Almudis eine Nachricht senden.
In der Stube des Hauses, in dem sie Quartier nahmen, setzte er sich sogleich an den Tisch, um zu schreiben, von Kindern umstanden, eins saß ihm auf dem Knie. Er wandte den Kopf zu Ägid hin, der auf dem Fenstertritt saß und schon Brot in seine Suppe brockte: Ich werde diesen Ort nicht nennen, so bleibt Almudis in einer süßen Ungewißheit, sagte Albertus mit einem Lächeln, das ihn selber trösten sollte.