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In Basel sahen sie zum ersten Mal den Strom, von nun an kam mehr Ruhe in Albert. Sie saßen einen halben Tag am Ufer und sahen auf das breite, noch schnell hinreißende Wasser. Ob sich ein Boot findet, das sie rheinab mitnimmt? Eben zog eines das Segel hoch, der jüngste Gefährte lief hin, den Schiffsmann zu fragen und winkte günstigen Bescheid. Albert hob die Füße zum Lauf, doch kam den Gefährten die Erinnerung an die Ordensregel, die ihnen mitgegeben war und die es verbot, auf Wanderung irgend ein Beförderungsmittel außer in Not zu gebrauchen. Der Orden vertraute ihnen, sie blieben gehorsam und winkten den jüngsten, der schon ins Boot geklettert war, zurück.
In Worms und Mainz trennten sich die Gefährten. In Speyer, Worms und Mainz staunte Albert die Dome an, die wie ernste Denkmale für Jesus aufwuchteten. Bei Bingen trat er nun allein erwartungsvoll in das Felstal des Rheins ein. Das war eine Wiederholung der Schluchten in den Alpen, nur im breiteren. Der Strom hatte sich einst in zähem Kampf in den Schiefer eingesägt, noch immer schäumte er, nur waren hier die Bergwände statt mit Tannen mit Wein und hellen Wäldern von Nußbäumen, Edelkastanien und Buchen bewachsen.
Die Lese war schon hier und da im Beginn, die Gassen der kleinen Städte von starkem Ruch der Keltern durchzogen, in manchem Obdach erhielt Albert schon einen Krug mit erfrischendem Most vorgesetzt. Die Bewohner, seit einem Jahrtausend Winzer, waren redefroh, ihr Gespräch wich nicht ab von dem, was sie erfüllte: vom Stand der Reben und den Aussichten auf einen guten Wein in diesem Herbst. An den noch milden Abenden saß Albert mit seinen Gastgebern vor dem Hause, trank, lobte, hörte den Gesprächen mit zu und wurde mit heiter. Ein wie anderer Mensch war er nun unter Menschen, nicht ein besserer, aber einer, der wußte, daß auf jeden dieser fröhlich Redenden doch auch Gottes Prüfungen hinabstürzen würden, Leid und Trauer, kaum zu tragen, vielleicht schon über Nacht – aber dann war er da, Albert, und seine tausenden Brüder, um die Heilung, den Trost zu geben: seid standhaft im Bewußtsein, daß der Weg eurer Seele sich dennoch und gerade jetzt zu Gott hebt.
Tagsüber wanderte er dicht am Wasser entlang, hielt den Kopf den Schiffen zu, die aufwärts von Pferden gezogen wurden, von zweien, vieren, sechsen, oder hinab mit aufgespannten Segeln wie große Schwäne vorüberschwammen. Auf einigen sang man, von anderen rief man ihm grüßend zu, Lebensfreude wie nie zuvor erfaßte den Wanderer, die Augen nahmen den Glanz des mit jeder Strombiegung wechselnden Ausblicks kaum mehr auf, die Städte mit Kirchen, Kapellen, Mauern, Schieferdächern glichen einander wie anmutige Schwestern, von denen jede die schönste schien. Kühn war das Bild der Burgen auf steilem Fels, wo Wald an seiner Straße bis ins Tal reichte, wühlte Albert sich in seinen Schatten – nicht die Füße, aber die Augen wollten ruhen.
Am Ende der mehrere Tage langen Schlucht erhob sich die innigste Landschaft, die er je gesehen, die deutscheste zugleich: sieben Berge gipfelten sich, neben und hintereinander, im Weiterschreiten immer verändert, am Ufer entlang, senkrechter Fels und liebliche Waldrücken, davor zwei Inseln im Strom, wahrhaft ein Anblick wie im Traum, es war schwer, sich davon zu trennen.
Nun wurden die Berge niedriger und verschäumten wie Erdwellen in die Ebene hinein, die jetzt im Glorienschein des Abends unermeßlich wie eine Vorahnung des Meeres sich hinbreitete. Frei im Tal stand noch ein einzelner Fels, Sinnbild der Zuversicht, er trug den Namen Godesberg, Gottesberg. Auf ihm war eine Burg im Bau, sie wird einmal das schwellende Gartenland ringsum in Drohung und Gefahr schützen.
Das letzte Obst des Jahres wurde eingebracht, Leitern lehnten an den Bäumen, aus den Wipfeln klangen heitere Rufe, Frauen trugen bunt gefüllte Körbe auf den Köpfen zu den Karren, manches Obst, das davon rollte, blieb unbeachtet liegen. Albert brauchte sich nicht zu bücken, die Frauen, indem sie fromm das Haupt neigten, boten ihm zugleich in einer anmutigen Vereinigung der Gebärden Äpfel, Birnen, Pflaumen aus ihren Körben an, so daß er nur hineinzugreifen brauchte.
Nun hat er ein Gastgeschenk, das er den Brüdern in Köln in seiner Tasche mitbringt. Aber was ist das für ein Land des fröhlichen Segens, hier muß es leicht sein, den freudigen Gott zu predigen. Gott selber ist ihm längst zuvorgekommen. Der strenge Norden? Das Land um Padua, aus dem er kam, war ernster. Alberts Herz tat sich weit auf.
Bald darnach kam er zu der Stadt Bonn, das Vorgebirge an beiden Ufern weitete sich um die Stadt zu einem Mantel aus Waldgrün und blauseidenem Duft, ein Bild mehr himmlisch als irdisch: so schwang es in der Musik der Sphären mit.
Zu der Stadt hin zog sich der Rhein in einem großen Bogen, wie um seinen Abschied von den Bergen zu verlängern. In einiger Ferne standen sie, schienen unmittelbar aus dem breit anströmenden Wasser aufzusteigen, jeder sich zu recken, um dem Strom so lang als möglich nachzusehen. Albert konnte sich nicht genug tun an Vergleichen, so lebensvoll war ihm die Landschaft: hier hatte Gott in besonders weltfroher Stunde Berge, Ufer, Inseln verteilt, hier weilte er selbst wohl oft eine Stunde, auszuruhen, sich seines Werks zu freuen.
Albert konnte von diesem Naturbild noch nicht scheiden, er nahm Quartier in einem Haus am Ufer, um Abend und Sonnenaufgang mit den Bergen und Wellen gemeinsam zu erleben.
Im frühen Morgenwind, kaum daß die Sonne aufgekommen war, wanderte er weiter und ging in die Stadt hinein, schon damals der zeitweilige Sommersitz des Kölner Kurfürsten. Die zahlreichen Klöster, die weiß ummauert jedes für sich im Obst- und Rebenland lagen, das bewegte Leben der Geistlichen und Ritter in den Straßen, die herbstflammenden Gärten gaben der Stadt ein eher frühlingshaftes Aussehen, eine Prozession mit köstlichen Gewändern, Fahnen, singenden Knaben umblühte selbst das ernste Münster mit Lebensheiterkeit.
Obwohl seine Füße wund waren, vermied Albert die abkürzende Landstraße und folgte dem Leinpfad stromentlang, der für die schiffeziehenden Rosse bestimmt war. Wie liebte Albert diesen Weg, der von der Natur als heiterer Gespiele dem Wasser beigegeben schien und selbst Natur geworden war, Tag und Nacht vom Lied der Wellen umsungen, die Spuren überstandener Hochwasser an sich.
Es war Nachmittag, als er die Stadt Köln vor sich hatte. Ein Treidler, der mit abgeschirrten Rossen hinter ihm herkam, nannte ihm einige der vielen Türme: Sankt Aposteln, Andreas, Gereon, Groß Martin, auf niederm Hügel langgestreckt der Dom von Sankt Peter. Wie Burgen Gottes standen diese Kathedralen hinter der gewaltigen Stadtmauer.
Müde vom Weg und der Last seiner Tasche schritt Albert durch die Stadt auf überfüllter Straße hindurch. Ein anderes Bild des Lebens war hier zu sehen, Gewölbe mit Waren aller Art, Fuhrwerke jeden Aussehens, festliche Aufzüge der Bürger – nirgendwo hätte er den Atem des gewerbtätigen und handeltreibenden Deutschlands deutlicher gespürt als hier.
Endlich klopfte er in der Stolkgasse an das Klostertor und bekam Einlaß. In einem ausgedehnten Viereck standen Kirche und Spital einander gegenüber, die beiden andern Seiten wurden von niedern spitzgiebeligen Häusern eingefaßt, inmitten des Vierecks lag der Hof, in einer hintern Mauer ließ eine offenstehende Pforte in einen Garten sehen.
Hinter den Klostergebäuden standen die Häuser der Ackerwirtschaft, die Brachland in Fruchtland verwandelt hatte, und die Siedlung der Laienbrüder, Handwerker aller Art, Albert hörte erfreut das Hämmern und Sägen: Laute des Lebens.
Auf dem Hof wandelten viele Patres und Novizen, alle sahen ihm entgegen, neugierig, einer rief ihm scherzend zu, seiner überfüllten und weit offenen Tasche wegen. Geschwind schüttelte er, was er trug, wie ein frühzeitiger Sankt Nikolaus auf die Erde hin. Als die Brüder im Wetteifer hinter dem davonrollenden Obst hersprangen, war die Reihe zu scherzen an Albert.
Doch nun wurde er zum Prior geleitet und gab sogleich den Brief des Hochmeisters Jordan ab, unwillkürlich in der Erwartung, dadurch als ein besonderer Gast empfangen zu werden. Ohne erst den Brief zu lesen, begrüßte der Prior den bejahrten Novizen so gütig wie jeden anderen und ließ ihm die Zelle, den Waschraum und den Saal für die gemeinsamen Mahlzeiten zeigen.
Endlich saß Albert in den engen vier Wänden, die nun sein Leben einschließen sollten, auf einem niedern Holzschemel, müde und bereit einzuschlafen. Da fingen ferne Glocken zu läuten an, immer neue folgten, die Glocke des eigenen Klosters stimmte ein, bis alle 54 Kirchen Kölns ihren Schall zum Himmel sandten.
Albert dachte an das Geläut der Herden im Gebirge, das er noch im Ohr hatte und das nun wie eine geringe Vorwegnahme war, Gottes in der Höhe doch auch nicht unwert. Aber was für ein gewaltiger Schall war das hier, die Mächtigkeit der Stadt fand ihren Ausdruck darin. Die Stadt, nun seine Heimat, sprach zu ihm, ja, wie bei den sieben Bergen gestern: wieder rief Gott selbst ihn an, der keinen seiner Söhne vergißt und sei es der geringste, ernst und freudig zugleich. Albert fühlte sich ins Herz gegriffen.
Er faltete die Hände zum Gebet, aber die Hände drängten höher, er mußte sie erst vors Gesicht legen und seine Erschütterung ausweinen. Er empfand jetzt erst, wie weh das Suchen vieler Jahre getan, wie wund seine Seele dabei geworden. Dann wandelten sich seine Tränen in solche des Glücks, daß er sein Ziel gefunden, das Ziel zu seinem Wege, den er nun antreten kann. Diese arme Zelle ist ihm Wiege seines neuen Lebens, wie hat er sie schon in sein Gemüt eingeschlossen! Hier wird er sich nicht absperren vor der Welt und in eigensüchtiges Gebet versenken, sondern von hier wird er ausgehen zu den Menschen, nach dem Gesetz seines Ordens. In tätiger Liebe wird er teilhaben am schaffenden Leben Gottes schon auf dieser Erde, das Höchste, wozu ein Mensch begnadet werden kann.