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Auf der neuen Wanderung grüßte Albert die Landschaft in umgekehrter Folge wieder, die er auf dem Hinweg nach Regensburg, seines Schicksals noch unkundig, mit jedem Baum und Stein in seinen Blick aufgenommen. Neben ihm ging Bruder Gottfried, nicht in dem blonden Goldhaar Ägids, sondern den runden Pilgerhut tief bis auf die schwarzen Augenbrauen gerückt, Kutte und Mantel fest geschlossen, noch nicht wetterhart geworden, mit noch zu leichtem Schritt, aber seine großen dunklen Augen brannten in der Beglückung, daß er, Gottfried von Duisburg, neben dem Bischof Albertus hergehen durfte. Hinter den beiden Mönchen im abgewetzten Lederkoller schritt derselbe Knecht, trottete dasselbe Pferd, mit denselben Büchern beladen, wieder machte es Albert Freude, das Tier an den Rastplätzen selber zu füttern und zu tränken.
Das Gespräch zwischen dem alten Meister und dem jungen Bruder hatte in den ersten Tagen einen schwereren Gang als die Füße, Albert suchte mehr nach Pflanzen zu beiden Seiten des Weges, die es für sein Herbarium mitzunehmen lohnte. Gottfrieds Gedanken hingegen waren mit dem Streitfall beschäftigt, der seines Meisters wartete.
Werden wir auch in die Stadt hineingelassen, sie ist doch im Bann? fragte er.
Wir gehen in unser Kloster, die Klöster sind vom Bann frei.
Gab es nicht schon einmal Krieg zwischen der Stadt und ihrem Erzbischof?
Albert spürte, daß der junge Bruder, der nicht sein Schüler war, durch diese Fragen auch die Stummheit zwischen ihnen zu brechen suchte und kam ihm entgegen: Ja, sogar zweimal, damals mit Konrad von Hochstaden.
Und warum ging es?
Um dasselbe wie heute: um Münz- und Zollrecht, beides gehörte nach altem Herkommen der Stadt, sie hatte nicht nur Einkünfte davon, sondern kam dadurch auch einer freien Reichsstadt gleich und war darum besonders stolz darauf. Der Hochstaden war ein Mann von heißem Blut, er fühlte sich mehr als weltlichen denn als geistlichen Fürsten. Eines Tages schlug er selber Münzen mit seinem Bild, stellte Zollschranken weit vor den Stadtgrenzen auf, wo der Zoll für ihn selber erhoben wurde. Das war für die Stadt ein schwerer Schaden, sie wehrte sich mit Prozessen und endlich mit Waffengewalt dagegen. Der Hochstaden antwortete auch mit Waffen, vor und hinter den Mauern lagen Tote und Verwundete in ihrem Blut. Da mußte ich in meiner Zelle es sein, den sie beide als Schiedsrichter anriefen. Ich fürchtete mich nicht vor dem jähzornigen Mann, der zudem nicht ohne jeden Rechtsgrund war und gab den Kölnern, wie es ihnen zukam, das höhere Recht.
Nur ein paar Jahre blieb Ruhe, dann fing der blutige Waffenlärm wieder an. Wieder wurde ich aus dem Frieden der Seele in das Geschrei des Tages geholt. Und wieder schrak ich nicht zurück, konnte aber diesmal weder dem Hochstaden noch den Kölnern Recht geben, beide waren im Unrecht. So brachte ich zu meinem Schmerz keine Einigung zustande. Jeder Handel auf den Landstraßen und zu Schiff hörte auf, wovon sollte die Stadt leben? Die Not wurde groß, aller Reichtum brach zusammen, die Armen hungerten. Der Hochstaden starb darüber, aber es kam wahrhaftig kein sanfterer Mann an seine Stelle, sondern einer, der noch hitziger war: Engelbert.
Wie es heute steht, das weißt du. Wieder geht es um Zoll und Münze, Engelbert sitzt gefangen auf Burg Nideggen, will nicht Frieden machen, ehe er frei ist. Die Kölner wiederum geben ihn nicht frei, ehe er Frieden macht. So geht Jahr um Jahr hin, die Stadt ist in Bann und Verdikt getan und kann nicht mehr atmen, keiner gibt nach.
Und sieh, so bin ich alter Mann, der für sich und die Menschen nur den Weg zu Gott sucht, wieder auf dem Weg in den Streit der Welt. Aber eben, weil sie im Streit ist, muß ich hin. So alt ich bin, ist die Leidenschaft zum Recht doch noch in mir. Der Weg zur Welt und der Weg zu Gott müssen eins werden, darauf läuft alles Irdische hinaus, darum wandere ich mit dir hier am Ufer rheinab.
Plage und Qual warten auf mich, denn die Suche nach dem Recht ist schwer und schwer ist es, den, der Unrecht hat, mit Worten zu bändigen. Wie anfangen, wo den ersten Schritt hinsetzen an senkrechter Felswand, dicht über dem Abgrund? Ich einzelner soll sehen, was viele Tausende nicht sehen.
Gib du mir keinen Rat, wie Ägid einst manchmal vermochte, wenn es sich um weniger bedeutende Dinge handelte.
Wahrscheinlich werde ich wie immer das Unerwartete und zugleich Einfachste tun. Doch ist gerade das Einfachste das Schwerste.
Knüpf mir hier am Schuh den Riemen fester, Dank! Fühl einmal, wie mein Herz klopft, gejagt und gehetzt, nicht von der Anstrengung des Weges, sondern der Seele, schon im voraus.
Sie schritten auf dem Leinpfad dicht neben dem Strom, zwischen peitschenschlagenden Treibern und schiffziehenden Rossen, an Städten, Kirchen, Burgen vorüber, unter wechselnden Wolken, die die Felsufer jetzt beschatteten, jetzt der Sonne freigaben, endlich am Ende des Tals gipfelten die Ufer noch einmal in einem Traumlicht. Es war kaum vorstellbar, daß diese sieben Berge auch ihren Nebel, Regen, Schnee wie alles andere Land in der Welt hatten.
Die beiden Wanderer, die Augen gefüllt von dem Abschiedsblick, schritten rüstig in die Ebene hinein. Hier war das Ufer vorerst noch unberührt vom Kriegslärm, gewölbte Schiffe mit farbigen Wimpeln luden am Ufer der Stadt Bonn ihre Waren aus, die nur auf heimlichen Wegen in das abgesperrte Köln gebracht werden konnten.
Der Glanz der Ebene blendete unerwartet noch mehr als der Glanz der Berge. Die Türme Kölns stachen fern in die lodernde Sonnenscheibe, Himmel und Erde waren ein einziger flammender Abendschein.
Eine Kapellenglocke am jenseitigen Ufer läutete in diese Glorie gewaltig, als sollte hier die Welt umgeschaffen werden, winzig herein – Trällerlied eines kindlichen Engels, der im Spiel die Heimkehr in den Himmel vergessen hatte.
Was war das Einfachste?
Zwei durchwachte Nächte in seiner altvertrauten Zelle gaben Albert den rettenden Gedanken noch nicht ein. Auch die Gänge durch die Stadt tagsüber brachten ihm wohl Entsetzen und namenlose Trauer, aber keine Antwort auf diese Frage.
Zu einer Stunde, in der niemand sich dort befand, ging er in den Klostergarten, um nach den Bäumen zu sehen, die er vor Jahren selbst in die Erde eingepflanzt hatte und die ihm gleichsam als sein einziges Eigentum auf dieser Welt galten.
Als er die Gartentür öffnete, war im selben Augenblick, in der er die Klinke niederdrückte, der Gedanke da – er hatte zugleich eine Tür in seinem Innern aufgetan und das Licht strömte wie eine Flut herein, weckte auf, was da wartend schlummerte.
Nicht erst lange Briefe schreiben, hierhin und dorthin, nicht erst lange reden mit dem und jenem, mit Ausschüssen und Kommissionen, er hatte die dicken Aktenbündel genügend studiert – hin zur Burg Nideggen! Den Gefangenen selber sehen, vor ihm stehen, sein Gesicht dicht vor den Augen, ihn mit dem gesprochenen Wort ins Herz, vielleicht auch mit den Fäusten ans Gewand packen!
Er, der gefangen sitzt, seit vier Jahren, einsam, maßlos, stolz, furchtbar erbittert, unendlich hartnäckig und völlig menschenfremd geworden – ist er nicht, muß er nicht sein unterhöhlt im Grundreich der Seele, so daß er dem rechten Wort nicht lange mehr standhalten kann?
Nun er den Gedanken hatte, ließ Albert noch einen Tag hingehen, um diesen Gedanken zu prüfen. Er ging noch einmal durch die Straßen der Stadt, so viel mühsamer als über die freien Landstraßen, das Herz, das in einem Schneesturm nicht versagte, entsetzt und traurig bis zur Verzweiflung. Aber sein Gedanke: Hin nach Nideggen! zehrte doppelte Kraft aus dem Elend.
Am frühen Morgen machte er sich mit Gottfried auf, niemand im Kloster wußte wohin, auch Gottfried nicht.
Es tat schon überaus wohl durch die fruchtbaren Felder zu gehen, trotz der vielen Kriegszelte, die in dem allmählich ansteigenden Flachland zwischen Stadt und Eifelgebirge in Gruppen verstreut aufgestellt waren und aus denen den zwei Wandermönchen manches Spottwort nachgerufen wurde, oft aber auch rauher Gesang und helles Frauenlachen erklang.
Manch bärtiger Krieger saß vor seinem Zelt und strickte Strümpfe, mancher bot ihnen ein Stück Brot an, sie nahmen es dankend. Die Spender ahnten nicht, daß sie einen Bischof speisten, wenn ihnen auch die verehrende Haltung des jungen Mönches auffiel. Um Mittag wurden sie vor einem Zelt eingeladen mitzuessen. Gottfried saß im Gras, Albert auf einer hohen Feldtrommel, sie ließen sich das derbe Mahl schmecken, nur daß sie zum Staunen der Kriegsknechte das Fleisch abwiesen. Nach dem Mahl nahm Albert einigen der Männer auf ihre Bitte die Beichte ab, sie fiel bei keinem allzu lange aus, denn diese starken Burschen, jung und alt, nahmen nicht viel von dem, was sie taten, als Sünde.
Die Mönche verbrachten die Nacht, mit Soldatenmänteln zugedeckt, vor einem Zelt unter dem Sternhimmel. Wildes Geschnarche übertönte ihr stummes Gebet.
Am folgenden Mittag sahen sie auf einer hohen Stufe des Felsgebirges die Burg, wahrlich ein Sitz für einen Fürsten, der über sein Land hinschauen wollte.
Statt dessen saß da oben der mächtigste Mann der Zeit gefangen wie ein Straßenräuber, in engen Wänden, vielleicht halb dunkel hinter einem Fenstergitter, allein mit seinem Ingrimm.
Der Aufstieg war steil, doch klomm Albert nicht schwer, nicht nur die Luft wurde mit der Höhe leichter, auch seine Seele. Bald wird der Kampf mit dem zornigen Mann oben beginnen! Hat Albert von Plage und Qual gesprochen? Ist nicht vielmehr Freude in ihm, daß er singen möchte mit seinen 78 Jahren? So sehr liebt er den Kampf um des Guten willen. Doch stützt Gottfried ihn dann und wann und Albert läßt es sich gefallen, weil er mit unerschöpfter Kraft oben ankommen muß. Freude? Sanfte Freude? Er hat einen brennenden Dämon in sich, der ihn in die Schlacht treibt.
Häufige Wachtposten säumen den steilen Weg, von allen werden die beiden Mönche angehalten und nach dem Woher und Wohin gefragt. Endlich müssen sie Halt machen, sie dürfen nicht weiter, da die allgemeine Auskunft, die stets der alte Mönch gibt, nicht ausreicht.
Albert bittet, daß er einem Offizier genauere Auskunft geben dürfe. Gottfried, der nicht einmal weiß, daß dies Burg Nideggen ist, ahnt nichts vom Anlaß der Wanderung, er hat sich, da der Meister stumm blieb, auch keine Gedanken darüber gemacht.
Der Offizier, der kommt, hört den Namen und Titel Bischof Albertus, von dem er wie jedermann oft genug gehört hat und nimmt Grußstellung wie vor einem hohen Vorgesetzten an, nicht ohne einen Blick auf die nackten Füße. Aber zu Erzbischof Engelbert? Das geht nicht, der ist Gefangener, Besuche sind ihm verboten, es müßte denn eine Bescheinigung vom Grafen Jülich selbst vorliegen oder wenigstens von berufener Stelle in Köln, dann wäre allenfalls ein Versuch beim Kommandanten zu wagen. Aber ohne ein Papier – unmöglich.
Bruder Gottfried gerät in höchste Verwunderung, als er hört, wen sein Meister hier besuchen will. Er denkt an das kürzliche Gespräch während der Wanderung rheinentlang. Er bewundert des Meisters Mut um so mehr, als sich jetzt Schwierigkeiten in den Weg stellen.
Doch von Albert geht etwas aus, das den Offizier nach kurzer Überlegung dennoch ins Burgtor zurückgehen läßt, um beim Kommandanten anzufragen.
Auf der abgelegenen Burg geschieht wenig, jede Abwechslung ist erwünscht – wie viel mehr ein so unvermuteter Besuch von vielleicht großer Bedeutung. Nach einiger Zeit kam der Kommandant der Burg selbst raschen Schritts. Auch er, während er sich näherte, sah flüchtig auf die offenen Sandalen hin, die wenig zu einem solchen Gast paßten, grüßte aber dann voll Ehrfurcht und führte Bischof Albertus samt seinem Begleiter in den Burghof.
Hier mußte Gottfried warten, er konnte sich auf einem Bänkchen neben die Tür zur Wachtstube setzen. Die Soldaten scherzten gutmütig über sein Gewand, die derben Sandalen und staubigen Nacktfüße. Sie setzten sich selbst den runden Pilgerhut und Gottfried einen Eisenhelm auf, fragten ihn spottend nach seinen Gelübden, schenkten ihm einen Becher Wein ein – wenn er darnach griff, zogen sie ihn geschwind zurück.
Einige schalten ihre Kameraden, daß sie so taten, reichten selbst dem Mönch ihre bis an den Rand gefüllten Becher, zogen sie dann unter Gelächter ebenso zurück. Das Mönchlein, das nach ernster Stille verlangte, um das Schicksalsgeschehen oben in der Burg, fast weltbedeutend, wenigstens in Gedanken mit zu erleben, wußte sich nicht anders zu helfen und hätte keinen besseren Gedanken haben können, als daß er schnell nach dem großen Steinkrug griff, ihn mit beiden Händen an den Mund hob und einen tiefen Schluck tat. Die überraschten Kriegsknechte spendeten ihm Beifall, gaben ihm Brot und Speck und einen eigenen vollen Becher, was alles sie auf seinen Schoß stellten, der von der weißen Kutte eng von Knie zu Knie umspannt war. Nun hatte er Ruhe und vergaß über dem Gedanken an das Geschehen oben, das Verbot Fleisch zu essen.
Der Kommandant schritt unterdessen mit Albert durch mehrere Gänge eine Treppe hinauf, wieder Gänge, noch eine Treppe – an einer Tür endlich machte er Halt und sagte: Bischof Albertus, Ihr seid beglaubigt durch Euch selbst, Ihr wart schon einmal Schiedsrichter, gebe Gott, daß Ihr es wieder werdet. Ich habe viele Gefangene, doch diesen einen hätte ich lieber nicht. Ich lasse Euch ein, Ihr seid gemeldet, der Erzbischof erwartet Euch. Ein Wachsoldat öffnete mit einem schweren Schlüssel die Tür, Albert trat ein, hinter ihm wurde die Tür wieder geschlossen.
Das Gemach war groß, nicht dunkel, kein Gitter vor dem Fenster, das Fenster offen und mit Aussicht ins Land, flach und weit wie einst in Friesland das Meer, mit denselben grünen und braunen Inselflecken. Doch war diese Aussicht wohl eher als Strafe gedacht, denn ein so weites Land, sein eigenes Land, ständig vor sich sehen, unter Sonne, Wolken, Sternen und nicht hinein dürfen anders als mit den Augen, Jahre hindurch: das mußte schwerer zu tragen sein als ein enger Blick auf Mauern und das Herz endlich aufreißen, daß es geneigter war, Frieden zu machen.
Engelbert erhielt offenbar reichlich zu essen, das war an seinem bleichen dicken Gesicht zu sehen, aber tiefe Furchen auf der Stirn, die bitter nach unten gezogenen Mundwinkel – das ließ seinen gramvollen Seelenzustand dennoch erkennen.
Nach der langen Schweigsamkeit in seinem Gefängnis stürzte er sich wie ein Halbirrer über den Besucher. Ohne Gruß, als hätte er die Umgangsformen unter Menschen vergessen, brach er sofort in einen Sturm von Worten aus:
Sieh, endlich kommt einer und gut, daß du es bist, denn du hast das letzte Mal bei den Feinden gestanden und Hochstaden das Recht aberkannt. Du hast am meisten gut zu machen, denn du warst der, dem wir am meisten vertrauten. Was hast du nun vor? Willst du vermitteln und bist gegen mich? Sag erst, für wen du bist, eher sollst du mir nicht sprechen. Wie sagtest du doch damals? Unsere Rechte wären nicht begründet, weil ihnen ältere Rechte der Stadt Köln gegenüberständen? Diese Rechte, nicht geschrieben, nicht besiegelt, nicht beschworen, gälten aus Brauch und Herkommen so gut, als wären sie all das? Wer beweist das? Wie lange braucht so ein Herkommen, um Gesetz zu werden? 30 Jahre, 50 Jahre, 100 Jahre? Wer bestimmt das? Die Kölner allein? Nein, sie sind nicht allein, du bist bei ihnen, Albertus, der bewährte Friedensstifter! Damals hast du keinen Frieden gebracht und wer weiß, ob du es gewollt hast? Ob du es jetzt willst? Wer schickt dich? Warum schicken sie gerade dich?
Niemand in Köln weiß, daß ich hier bin, rief Albertus dazwischen.
Engelbert, als habe er nichts gehört, sprach lauter:
Warum hat man gerade diesen Brauch und dieses Herkommen nicht aufgeschrieben und sie eben durch diese Unterlassung zum Gesetz gemacht? War die Sache nicht wichtig genug? Was gab es denn Wichtigeres? Einkünfte, von denen Stadt und Bistum leben! Wie viele solcher Bräuche und Herkommen gibt es noch? Ihr könnt jeden Tag neue erfinden. In jeder Straße, in jedem Haus ist irgend ein Herkommen zu entdecken, man ruft nur den mutigen, unbestechlichen Bruder Albertus, jetzt Bischof sogar, und der Brauch wird Recht. Wenn ihr heute neue Abkommen trefft, schreibt nur nichts auf, damit in hundert Jahren ein neuer Bruder Albertus kommen und nach seiner Willkür ein Gesetz daraus machen kann. Unbestechlich? Ja, ich glaube gern, daß du nicht bestechlich bist durch Geld und Gut, aber gegen Gefühle: Ehrgeiz, Ruhmsucht, vielleicht auch Eifersucht bist du so wenig gefeit wie irgend ein anderer Mensch. Ich sage –
Um dem unbeirrbar festen Blick aus Alberts Augen zu entgehen, rannte er zu seinen Worten durchs Zimmer, einmal von Wand zu Wand, dann um den Besucher im Kreise herum, mit einem raschen Blick jedesmal ihm ins Gesicht, wenn er ihn unmittelbar anredete. Bei den letzten Worten ergriff er heftig Alberts Arm.
Albert entzog sich ihm behutsam und fest, sagte laut und hell wie ein Junger: Erzbischof Engelbert, ich stehe dir nicht nur als Bettelmönch gegenüber, sondern auch als Bischof und Reichsfürst, der ich war so gut wie du. Aber wie du sprichst, dürftest du mit dem geringsten aller Menschen nicht sprechen. Es entschuldigt dich nur, daß nach wenigen Worten zu hören ist: Du bist seelenkrank. Aber ich bin gewohnt mit Seelenkranken umzugehen, ja, das ist mein eigentliches Amt, ich hoffe, wir kommen gut mit einander aus!
Engelbert stand zurückgeschreckt, er starrte Albert wie einer Erscheinung ins Gesicht. Es war zu merken, wie schwer es ihm fiel, die Worte eines anderen aufzunehmen, so sehr war er des Umgangs mit Menschen entwöhnt; nur mit seinen eigenen, immer gleichen Gedanken beschäftigt, die, da er nie gezwungen war, sie für andere zu ordnen, ungeregelt durcheinander wucherten.
Er ging zu Albert hin, umarmte ihn mit kaltem flüchtigen Bruderkuß auf beide Wangen. Setz dich, Bruder Albertus! Er leitete seinen Gast zu einem Stuhl in der tiefen Fensternische, setzte sich ihm gegenüber, sprang aber bald wieder auf.
Während Albert einen Blick ins Land hinaustat und dachte, das öfter zu tun, um jedesmal neue Kraft zu finden, schleuderte Engelbert ungehemmter als vorher seinen Zorn aus: Die Kölner beklagen sich, daß ihnen in weltlicher Angelegenheit kirchliche Strafen auferlegt werden – das sei ein unerhörter Mißbrauch. Vereinige ich nicht zwei Ämter in mir? Habe ich das so eingerichtet, oder habe ich das so übernommen? Ist da nicht auch alter Brauch Recht geworden? Herr Bischof Albertus, das sage mir!
Albertus sah ihn ruhig an: Mein Amt in Regensburg war auch wie deins geistlich und weltlich zugleich, aber ich habe diese beiden Kräfte so angewendet, daß aus einem verdorrten Bistum in zwei Jahren ein blühendes wurde. Du aber läßt bis zu diesem Augenblick ein blühendes verdorren.
Engelbert machte mit einem Ruck Halt in seinem Lauf durchs Zimmer: Die Grausamkeit, ja Unmenschlichkeit, mit der sie mich hier gefangen halten seit vier Jahren – allerdings, das ist keine geistliche, sondern eine weltliche Strafe. Und ist sie nicht dennoch eine unendlich härtere als die von mir ausgesprochene? Denke doch: mich gefangen halten vier Jahre!
Er nahm im Übermaß des Schmerzes einen Stuhl und hob ihn auf, um Albert niederzuschlagen, als einen Menschen, der nicht verstehen, wollte, was das hieß. Vor Alberts ruhigem Blick stellte er den Stuhl wieder hin und schrie lauter: Vier Jahre und wie lange noch, weil sie glauben, mit mir nicht in Freiheit verhandeln zu können? Wer ist starrköpfiger, sie oder ich? Wer legt dem Gegner einen schärferen Druck auf, um ihn willfährig zu machen, sie oder ich? Mögen sie und ich gleich starrköpfig sein, sie haben es jedenfalls leichter auszuhalten, denn sie sind frei, ich gefangen. Ihr eigener Bischof! Gefangengehalten von seinen eigenen Untertanen! Wer denkt das aus? Wo und wann hat es das gegeben, seit die Erde besteht? An meinem Widerstand und wenn sie es Hartnäckigkeit nennen, mögen sie ermessen, wie sehr ich an mein Recht und an meinen Sieg glaube!
Er begann wieder seinen Lauf durchs Zimmer, seine Füße waren schwer, sie schleiften bald über den Boden.
Albert saß ruhig und sprach halblaut: Du bist einer, sie sind 40 000, eine ganze Stadt, die größte in Deutschland, geht zu Grunde durch dich – ist denn das leichter auszudenken? Furchtbar ist die Not dieser Menschen, die du deine Untertanen nennst, die dir aber von Gott anvertraut sind, daß du sie hütest als deine Kinder.
Nicht so furchtbar, sonst ließen sie mich frei.
Erst jetzt, Engelbert, erkenne ich den Grund, warum du nicht mir gegenüber hier am Fenster sitzen willst: da sind ja, sieht man genau zu, zertrümmerte Dörfer, hinten steigt Rauch auf, nicht friedlicher Abendrauch, wie ich es erst dachte, sondern ein Dorf brennt. Engelbert, du verarmst doch selber mit – kommst du hier heraus, hast du ein zerbrochenes Land. Oder bleibst du darum lieber hier gefangen? Scheust du den Anblick, dein Werk? Oder willst du das Unglück deines Landes und gehst du selber mit zugrunde?
Wie das letzte Mal, so gibst du auch jetzt wieder der Stadt Recht.
Das ist nicht so! Ich gab damals euch beiden Unrecht, dir und der Stadt. Aber diesmal allerdings, das sage ich offen, hast du allein die Schuld, du hast einen geschlossenen Frieden mutwillig gebrochen. Und da ich von den Kölnern nichts zu fürchten brauche, die keine Macht über mich haben wie du sie hast und da ich gegen dich allein spreche, daraus magst du die Gewißheit deines Unrechts erkennen.
Komm in einem Jahr wieder, Bruder Albertus, in zweien oder zehn, ich werde dir immer das gleiche sagen: Erst frei, dann verhandeln!
Ich werde in zehn Jahren, erlebe ich es, auch nicht anders sprechen als heute, aber der Kölner Bürger werden dann nicht mehr, sondern weniger sein, nach allen Richtungen ausgewandert oder an Hunger und Leid dahingestorben. Kannst du denn wirklich kalten Blutes Schuld tragen an so ungezähltem Elend?
Ich Schuld? Die Kölner kennen genau das Mittel, das ihnen hilft: sie brauchen mich nur frei zu lassen, die Schande und den Spott von mir zu nehmen. Ruhigen Blutes? Werde ich nicht von Tag zu Tag kränker und schwächer in dieser Untätigkeit? Verarme ich nicht mit, wie du selber sagst? Mitleid? Haben sie Mitleid mit mir? Wie in einem Tierkäfig halten sie mich eingesperrt, um mich gefügig zu machen. Wenn du ihnen recht gibst, machst du dich mitschuldig daran!
Engelbert, sie haben wenig gute Erfahrungen mit dir gemachte, sie fürchten nicht ohne Grund, daß, wenn sie dich freilassen, du deiner gewalttätigen Natur nachgibst und sogleich, ohne an Verhandlungen zu denken, wieder zum Schwert greifst. Da du so sehr von deinem Recht überzeugt bist, ist ein solcher Ausbruch deiner Leidenschaft sehr wohl denkbar. Man weiß sogar, daß du in dieser Hinsicht schon Vorbereitungen getroffen hast!
Engelbert lachte grimmig und geschmeichelt: Habe ich? Man muß in schwieriger Lage an alles denken und ich habe ja Zeit zu denken. Aber es handelt sich hier nur um selbstverständliche Maßnahmen für einen Notfall, die Kölner machen es nicht anders, dessen kannst du sicher sein.
Engelbert, du und ich, wir sind jeder von Gott in ein Amt gesetzt, das ihm am Herzen liegt. Hat Gott an dir einen treuen Diener? Hast du ihm Nutzen gebracht in diesen vier Jahren? Ich will dir etwas sagen, woran du trotz all der Zeit, die man dir läßt, noch gar nicht gedacht hast: es geht nicht nur um leibliche Not, sondern ebenso, ja noch mehr um seelische. Die Einwohner von Köln, die Gott dir anvertraut hat, sind durch den Bann von Gott und Himmel getrennt. Wie können sie Glauben behalten an beides, wenn ihr Herr, ihr Vorbild, von Gott eingesetzt, so handelt? Wie werden sie jemals wieder glauben können? Wie ihre Kinder und Enkel? Der Priester, der Mönch, der einfache Bürger – sie alle erleiden solchen Schaden an ihrem Glauben, daß bald daran nichts mehr gut zu machen sein wird, sie verzweifeln für immer an ihrem Gott.
Und wie wirkt das Bild deiner verlassenen Stadt auf andere Städte, auf das ganze Land, auf die ganze Christenheit? Du hast doch immer weiten Blick gehabt, siehst du die Wunde nicht, die du uns allen zufügst? Du wirst hier in deinem Gefängnis so aufgefressen von Bitterkeit, daß du vielleicht nicht mehr lange lebst. Wie willst du dich dann vor Gott rechtfertigen? Denn nicht die Kölner sind dir, sondern du bist Gott Rechenschaft schuldig. Du kannst dich nicht einmal vor mir rechtfertigen, darum schweigst du. Glaubst du vielleicht, daß Gott dich loben wird deines Trotzes wegen? Ach, ihm wird jeder einzelne Mensch deiner Stadt, auch der geringste, näher und lieber sein. Hältst du deinen Trotz gar für Heldentum? Ach, Engelbert, sicher gehört zum Helden Standhaftigkeit, wenn er andern und sich selbst Treue beweisen muß. Aber dein Trotz, auf Unrecht gestützt, und von so viel Leid gefolgt, ist Schwäche, Schwäche – und du weißt es. Darum rennst du zwar noch wie ein ungezähmtes Tier hin und her in deinem Käfig, aber horch einmal: du trittst ja schon leiser auf, damit Gott dich nicht hört. Und damit du selbst dich nicht hörst, der Schall deiner Schritte tut dir zum erstenmal weh im Ohr, er freut dich nicht mehr. Warum? Weil diese Schritte dich zum Tod führen, aber nicht zum Leben, wie du willst. Engelbert, du bist viele Schritte gegangen in diesen vier Jahren, in diesem Zimmer, aber du hast vieles, was hätte blühen können, darunter zertreten. Ich selbst bin drei Jahre gewandert durch ganz Deutschland und wie viele Wege noch, immer in harten Schuhen wie diese hier, fröhlich war der Klang meiner Schritte in aller Mühe, nie habe ich mich gefürchtet meine Schritte zu hören, unzählige Menschen haben sich gefreut, wenn ihr Klang sich näherte, und waren traurig, wenn er sich entfernte – aber wo er schallte, war aus Erstarrung Blühen gemacht. Ich sage das nicht, um mich zu rühmen, ich sage es, um dir auch einmal sanft gewalttätig an dein Herz zu rühren und auch dein steinern Herz blühen zu machen, dir selbst zur Verwunderung und zur Freude, denn du tust mir leid. Engelbert, nicht weil ich den Rang eines Bischofs habe, hättest du mir den Bruderkuß geben müssen, sondern weil ich der Bruder Albert bin, der Bettelmönch, der, und dessen will ich mich doch leise rühmen, nicht wie du einst sich fürchten muß, vor Gottes Angesicht zu treten. Sorge auch du, daß Gott sich einst freut, dich zu grüßen. Noch ist es Zeit, Engelbert! Eile dich aber, daß die Menschen von Köln dich vor Gott nicht anklagen, mach, daß sie dich lieben, heut noch ist Zeit, vielleicht morgen noch, übermorgen nicht mehr.
Der Erzbischof unterbrach jäh seinen Lauf durchs Zimmer und warf sich in einen Stuhl, blieb sitzen, wie er hineingefallen war.
Ja, sagte Albert, das Gesicht zu ihm gewendet, sitze, ruh die Füße, ewiger Wanderer wie ich. Inzwischen will ich dir die Menschen vorführen, die du in solche Not der Seele gebracht hast, du weißt um sie wenig. Groß ist ihre Gewissensqual, sie sollen ungeheure Sünder sein und sind sich keines anderen Unrechts bewußt, als daß sie ihr jahrhundert altes Recht wahren gegen den, der ihnen ein guter Vater sein müßte, der sie aber durch den Bann so bitter gezüchtigt. Keine Glocke läutet seit Jahren in der Stadt, das ist ein großes Grab. Immer war ich daran, die Glocken anzurufen, daß sie von selber läuteten. Alle Heilmittel der Kirche, die Aufrichtung der Leidenden, vom Unglück Betroffenen, Kranken, Sterbenden, Witwen, Verwaisten bringen sollen, sind in der Stadt untersagt, selbst die hohen Einrichtungen der Kirche, von denen Erhebung der Seele für alle kommt, Predigt, Messe, sind verboten. Bald wird Köln durch deine Bemühungen geächtet und ausgestoßen sein von der übrigen Christenheit – aber du, Engelbert, wirst mit geächtet und ausgestoßen sein, du mit, du vor allem!
Ein Keuchen kam von dem Erzbischof: Sie sollen meinem Wort glauben und mich freilassen!
Komm nicht immer mit demselben Einwand, ich habe dir das Nötige darauf gesagt. Denk weiter, denk an deine eigene Lage hier auf Erden, sie hat sich sehr verschlimmert, du weißt es doch: Zünfte und Adel in der Stadt sind nicht mehr untereinander zerfallen, was allein dir Macht gab – sie haben sich geeint gegen dich!
Von dem Eckstuhl kam ein grelles Auflachen: Geeint? Ja, durch den Bann!
Dieses Lachen sagt mehr als du sagen willst. So lacht nur ein Mensch, der durch die lange Haft die wirkliche Welt nicht mehr sieht. Hätte ich die Macht dazu, ich ließe dich durch die Straßen führen, in die Häuser hinein. Ich sage dir, Engelbert: ich selber bin durch die Stadt gegangen, mehrere Tage hindurch, obwohl noch müd von langer Wanderung, ich achtete meiner schmerzenden Füße nicht und ging vom Morgen bis zur Nacht. Die Klagen und Bitten der Verzweifelten um meinen Trost haben mich erschüttert wie bisher nichts in meinem Leben. Ich sah Begräbnisse stumm, als würden Pestleichen verscharrt. Die ungetauften Kinder – die Eltern glauben, daß sie mit Unheil gezeichnet sind für ihr ganzes Leben, die bösen Geister würden über sie Macht bekommen für immer. Ein Sterbender konnte die Erlösung nicht finden, er schrie in seiner Furcht, daß die Nachbarn zusammenliefen – ich, Engelbert, wagte es, zu ihm zu gehen und ihm den Trost der Zuversicht zu geben – ich bekenne mich schuldig, den Bann gebrochen zu haben. Sollte ich länger leben als du und du in deiner armen Stunde, die auch für dich einmal kommt, nicht sterben können wie dieser Mann – so komme ich und tröste auch dich, wenn ein Mensch die Kraft dazu hat bei deiner großen Schuld.
Hältst du die Stirn gesenkt, Engelbert? Bist du bereit, einmal nachzudenken über etwas anderes als über deinen Grimm? Dann erkenne das nicht durch die Not des Leibes allein, nicht allein durch die Zerstörung des Verkehrs, des Handels, jedes Gewerbes, nein, mehr noch durch die Not der Seelen versündigst du dich an dem, den du vertrittst – an Gott. Du selbst bist der größte Sünder in dieser Stadt, du zeigst, daß du kein geistlicher Fürst mehr sein willst, sondern nur noch ein weltlicher, aber kein milder, gütiger, sondern ein grausamer, ohne Liebe, ohne Erbarmen, ja ohne jedes Gefühl. Dein Herz ist wohl tot, ich spreche wohl mit einem längst Gestorbenen. Dann ist es bereits zu spät, dann kann selbst Gott dir nicht mehr vergeben.
Der Erzbischof hob heftig den Kopf.
Wie Engelbert, du bist nicht tot? Du reckst immer noch die Stirn im Trotz? Glaubst wirklich ein Held zu sein, auf den die Welt schaut? Ich sage dir: du sprichst und handelst wie ein ganz Irrer. Und du fühlst es auch und weißt es. Wie? Du hebst die Stirn gegen mich und möchtest wie ein Stier mich stoßen? Willst am Ende dieses Krieges, als wäre nichts gewesen, wieder Erzbischof und Kurfürst sein, der mächtigste Mann im Reich? Du irrst, nicht möglich! Das Volk nicht, die adeligen Geschlechter nicht, deine eigenen Geistlichen nicht können je an dich mehr glauben – wenn du nicht endlich dein Unrecht einsiehst.
Oder Engelbert, hör: wäre doch noch Zeit? Komme ich gerade in der letzten noch möglichen Stunde? Ach, dann wollte ich mir das Wunder zutrauen, dich noch zu retten. Du weißt, daß ich nicht zu bestechen bin: nicht durch Furcht, nicht durch Eitelkeit, nicht durch Ehrgeiz und was immer, am wenigsten durch Besitz. Du weißt, Gott hat mir gegeben, Recht und Unrecht unerbittlich zu sehen und mit Namen zu nennen. Gib nach, bekenne dein Unrecht, das du getan hast und tust und ferner tun willst, ja noch bis ins Ungeheuerliche zu steigern vorhast.
Anfangs magst du dir wohl noch gefallen haben, jetzt, Engelbert, gefällst du keinem Menschen auf der Welt mehr und dir selbst nicht. Ja, du zürnst dir, du hassest dich, du kannst in keinen Spiegel mehr sehen, ohne vor dir selbst zu erschrecken. Ich will dir das Bild eines andern, größeren als du bist vorhalten, das bitterste und süßeste Bild, das unser Glaube hat: Jesus. Fast denke ich, du glaubst nicht an Gott, da du so gegen ihn handelst. Aber so glaube doch an Jesus, oder glaubst du auch an ihn nicht mehr, weil dir auch von ihm keine Hilfe kommt? Scheint dir das Wunder, daß er auf unserer Erde gewandelt ist, Mensch und Gottessohn zugleich, so unbegreiflich wie mir als zornige Äußerung von dir berichtet ist? Engelbert, jeder Mensch, der etwas Besonderes tut, fühlt er sich nicht von Gott dazu gesandt? Wie hätte dieser Eine, an dessen Dagewesenheit du doch nicht zweifeln kannst, anders empfinden sollen? Wir alle nennen uns Kinder Gottes und sagen Vater zu ihm. Wie hätte dieser Eine, der verkündet war als König und um seinen Kreuzestod wußte, nicht in besonderem Maße sich Gott verwandt fühlen sollen, als ein Teil von ihm, als seinen eingeborenen Sohn? Und wie könnte seine Empfindung ihn getäuscht haben? Mehr als sein Tod gilt noch das Wort Liebe, das er in die Welt rief, und das heute noch schallt wie eine ungeheure Glocke. Vergleiche dein Bild mit seinem Bild, Engelbert!
Engelberts Kopf senkte sich tief, der Nacken hatte keine Kraft mehr, ihn zu halten, es war gut, daß der Tag gegen Abend ging und die Ecke, in der er saß, in Dämmerung geriet.
Sieh doch, Engelbert, nun senkst du ja die Stirn wieder, tiefer als vorher, so ist es recht – du tust es nicht vor mir, sondern vor Gott. Weit sitzt du ja von mir, damit ich dein Gesicht nicht so deutlich erkennen kann und damit du das Land vor dem Fenster nicht zu sehen brauchst. Möchtest du nicht wieder einmal hinaussehen über die herrliche farbige Flur? Pfingsten ist nah, wie erquickend wäre es, welche Ruhe käme in deine Brust, könntest du heute abend schon den Blick voll Liebe statt voll Zorn hinaussenden und den Dank dieses Landes mit vielen Glocken zu dir herauf rufen hören!
Wie Engelbert? Nicht Münzen schlagen, nicht Zölle erheben, um immer mehr Pracht, ein Fürst von dieser Welt, um dich zu haben – Glück und Lob der Menschen in deinem Land da unten, wäre das nicht dein passendstes Gewand? Wie? Warum willst du Mächtiger auf andere warten, die dir die Freiheit zurückgeben? Kannst du dich nicht selber frei machen? Heute noch? In dieser Stunde? Jetzt sogleich durch ein einziges Wort der Bereitwilligkeit?
Sieh, jetzt sinkt dir auch der Rücken ein auf deinem Stuhl – recht so. Das macht der alte Engelbert in dir, er lebt und zittert, er geht nicht gern aus dir heraus und muß doch. Jetzt läuft der Zorn, der Haß, die Gier, die Rache, alles Böse, alle Niedertracht von deiner Seele ab. Darum senkst du den Kopf so tief, um das Rauschen zu hören, mit dem sie verrinnen, jetzt hörst du ein neues Wehen, Erkenntnis, Reue, guter Wille, Demut, wahre Kraft und wahrer Stolz ziehen in dich ein, jetzt hebst du die Stirn, jetzt siehst du mich an – das ist ja ein anderer Engelbert, ein neuer Engelbert, jetzt steht er auf, jetzt kommt er auf mich zu, das ist ja ein ganz anderer Schritt als bisher, der Schritt eines Freien! Erzbischof Engelbert hat sich selbst frei gemacht, Land vor dem Fenster hör es, er will, daß zu Pfingsten die Freudenglocken läuten, jetzt gibt er mir die Hand, sprich die drei Worte, Engelbert: Ich bin bereit! Nein, sage mir sie leise in mein Ohr, nein, du bist doch ein neuer Engelbert, der seinen Hochmut von sich geworfen hat, der sich nicht länger schämt, Unrecht einzugestehen, der stolz ist, daß er seinen Irrtum erkannt hat, laut ruft er es ins Land hinaus, das nun neu wird wie er selbst: Hör Land, bis zum fernsten Dorf hin!
Albert war, während er dies sprach, von seinem Sitz aufgestanden, Engelbert, eine Röte auf dem vorher so blassen Gesicht, die Brust in erregtem Auf und Nieder, ging genau wie Albert ihm einsprach, hoch aufgereckt und mit schnellen Schritten ans Fenster und rief, nein, er sagte leise, weil die erregte Brust nicht mehr Atem hergab, und nur die Augen sahen über das Land: Ich bin bereit.
Er wankte, Albert stützte ihn rasch. Dann umarmte er ihn und gab ihm den Bruderkuß auf beide Wangen, Kuß des Lebens.
Und nun war Engelbert, der neue Engelbert, voll Ruhe, beherrscht, seine drei Worte waren, wie Albert wohl erkannte, im selben Maße aus dem abwägenden Verstand wie aus dem erwachten Herzen gekommen, einem Herzen, das seit Jünglingsjahren geschlafen hatte, es brauchte zum vollen Erwachen noch etwas Zeit. Der Erzbischof trat vom Fenster zurück und sagte mit abgewandtem Gesicht, aber zu sich selbst: Bruder Albertus, ich will noch mehr tun, als du verlangt hast, du siehst, daß ich auch ohne dein Geheiß zu einem Entschluß fähig bin! Er verzog den Mund zu einem knabenhaft guten Lächeln und setzte sich an den Tisch in der Mitte des Zimmers. Sage mir kein Wort, Albertus, ich werde etwas ganz aus eigenem Willen niederschreiben, was du nach Köln mitnehmen kannst.
Wie froh bin ich, dich so sprechen zu hören!
Engelbert schrieb einen Brief, das Schreibgerät hatte lange darauf gewartet, die Feder war hart geworden, auch die Finger starr, die Buchstaben gerieten ungefüge. Albert ließ während der Niederschrift seine Augen auf dem gewandelten Gesicht ruhen und gab so doch etwas von seiner Wärme, seinem Blut in die Worte des Briefes hinein. Engelbert übergab ihm die Schrift, Albert las laut und in wachsender Bewegung:
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»Wir, Engelbert, durch Gottes Gnade der Kölner Kirchen Erzbischof, des heiligen Reiches Erzkanzler, verkünden allen, die diesen Brief lesen oder hören, daß wir uns mit den geliebten Kindern, unsern Bürgern von Köln, vollkommen ausgesöhnt haben. Wir sagen uns los von allen Ungerechtigkeiten und Feindseligkeiten gegen die Stadt und verzichten auf jeden Schadenersatz und Durchfechtung der Streitigkeiten, die bisher zwischen uns und den Bürgern der Stadt zu herrschen schienen.
Alle neu auftretenden Schwierigkeiten sind einem Schiedsgericht unter dem Vorsitz des Bruders Albertus zu unterbreiten und Erzbischof und Stadt werden sich dem Spruch bedingungslos fügen.«
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Tief atmend trat Engelbert in einem seltsamen Zwang mit dem Brief ans Fenster und sprach mit klarer Stimme den ersten Satz in das Land hinaus.
Jetzt sagte Albert, und seine Hände, die den kostbaren Brief zurücknahmen, zitterten: Wenn du es wünschest, werde ich mich mit meinem Gefährten sogleich selber aufmachen und die Nacht hindurch wandern. Aber damit du eher deine Freiheit erhältst, schiene es mir geratener, daß ein Reiter, der zudem unterwegs das Pferd wechseln kann, ihn nach Köln bringt.
Ja, Albertus, es soll ein Reiter den Brief nach Köln bringen, du siehst, wie ich auch die selbstverständlichsten Dinge eurer Welt vergessen habe.
Engelbert klopfte dem Türwächter: Ich bitte den Kommandanten um einen reitenden Boten, der diesen Brief nach Köln bringt, sagte er zu dem Eintretenden. Wollt Ihr, Bischof Albertus, mit mir zu Abend essen?
Ich will es gern, doch esse ich ja nur mein Hafermus und Brot. Mein Gefährte, wenn er uns Gesellschaft leisten darf, wird gern mehr als Mus und Brot von dir annehmen.
Engelbert gab dem Wächter auch diesen weiteren Auftrag und entließ ihn. Der Mann schloß wie sonst hart die Tür hinter sich zu, Engelbert und Albertus sahen sich heiter an, nach dem Willen dieses Mannes blieb der Erzbischof gefangen.
Gleich darauf trat der Kommandant ein: Der Bote sitzt in diesem Augenblick zu Pferd! Darf ich, hohe Herren, das Mahl mit Euch teilen? Er strahlte über das ganze Gesicht vor Freude, einer guten Nachricht im Brief gewiß.
Engelbert gab ihm einladend die Hand: Kommandant, was werdet Ihr anfangen, wenn ich einmal hier fort gehe? Ihr seid mich so gewöhnt, doch müßt Ihr vielleicht bald Euch einen anderen Gefangenen suchen.
Das Zimmer wird nicht lange leer bleiben in diesen schlimmen Zeiten, sagte der Kommandant mit soldatischem Freimut.
Mein Kommandant, sagte Albert, in meiner Jugend lebte ich auch auf einer Burg und weiß von mancher verwegenen Flucht. Ganz dürfen wir unsern gefährlichen Mann hier noch nicht herauslassen. Aber ich selbst will sein Wächter sein, innerhalb der Mauern – wollt Ihr's mit uns wagen? Dann mache ich gleich einen Gang mit ihm über den Hof, damit er des Himmels Wind wieder einmal atmet und die Füße versucht, die er vielleicht bald wieder braucht.
Der Kommandant war nach einem kurzen Zögern einverstanden. Unten im Hof hielten sich Soldaten und Gesinde versteckt hinter angelehnten Türen und Holzpfeilern und sahen den beiden Bischöfen zu, wie sie auf und ab gingen, der weißhaarige Albertus führte den mächtigen Engelbert am Arm, aber eher schien noch Albertus etwas schwankend auf den Füßen, er spürte die lange seelische Anspannung des Gesprächs jetzt erst.
Engelbert wiederum fühlte sich in dem ungewohnten Gewand der Freiheit noch verlegen und stolperte einige Male über seine eigenen Füße. Teilnehmend und seltsam gerührt sah er dem eifrigen Treiben der Sperlinge vor seinen Schuhen zu, die ihn mit freudigem Lärm begrüßten – so wollte es ihm scheinen.
Öfters tat Engelbert etwas, was er noch nie getan hatte, obwohl er es auch von seinem Fenster aus hätte tun können: von Alberts Frohsinn angesteckt, sah er zu Himmel, Wolken und den ersten blassen Sternen auf, nahm die hohe Mütze vom Kopf und ließ den lauen Wind frei von allen Seiten in seinem spärlichen Haar spielen.
Wo sich nur ein Ausblick bot, sah er ins Land und ehe sie wieder zu dem Gefängnis seines Zimmers aufstiegen, gab er Auftrag, allem Volk, das auf der Burg wohnte, Wein zum Abendbrot auszuschenken, soviel sie wollten.
Ich werde Euch die zwei Tage Gesellschaft leisten, bis der Bote zurück ist, Engelbert, sagte Albert, als sie zu vieren ihre Plätze am Tisch einnahmen. Um dem Abendbrot die festliche Stimmung zu wahren, gab er Gottfried Dispens, Fleisch zu essen – er wußte viel, aber nicht, daß sein Jünger heut schon einmal sich selbst Dispens für ein kräftiges Stück Speck erteilt hatte. Während sein Meister mit kleinem Löffel Hafermus aß und Brot dazu brach, versuchte Gottfried tapfer Gabel und Messer am duftenden Braten. In dieser hohen Gesellschaft wagte er kein Wort zu sprechen und ließ lieber Albert über seine Schweigsamkeit scherzen, als ob sie allein von dem Braten herkäme – der junge Mönch wird von diesem geschichtlichen Abend bis in sein spätestes Alter erzählen.
Der Kommandant aber, der vier Jahre so gut wie stumm in diesem Zimmer hatte bleiben müssen, wann immer er es betrat, übersprudelte von Redelust. Jetzt, wo es offenbar mit Engelberts Gefangenschaft zu Ende ging, erzählte er, was es an Heiterem von der Burg und ihren Bewohnern zu erzählen gab. Im Geist sah er sich vom Grafen zu Jülich schon in einen höheren Rang erhoben, auch von Erzbischof Engelbert mit einem Geschenk bedacht und fühlte sich am Ende auch wirklich mitbeteiligt an dem heutigen, gestern noch nicht geträumten Ereignis, obwohl er es immer noch mehr erahnen mußte und trotz aller listigen Überrumpelungsversuche auch kein Wort darüber zu erfahren vermochte.
Es war Albert, der, wie ihm kein Mensch lange fremd blieb, es aussprach: Ihr, Kommandant, habt auch Euren Teil an einem guten Ausgang dieses Tages, denn Ihr habt aus eigenem Entschluß mich in Eure Burg und in dieses Zimmer eingelassen. Das hätte nicht jeder gewagt, es ist auch nicht ohne Gefahr für Euch, aber man sieht an den Narben in Eurem Gesicht, daß Ihr ein tapferer Mann seid und ich werde in Köln gern von Euch erzählen, der Lohn wird nicht ausbleiben.
Euer Lohn, Bruder Albertus, sagte Engelbert nach einer Weile, kann nur der sein! Er stand auf, Albert mit ihm, Engelbert umarmte ihn lange und gab ihm den Bruderkuß, diesmal nicht amtlich, sondern aus dem Herzen heraus als ein Versprechen für das künftige Leben. Dann trat Engelbert ans Fenster und sah lange hinaus in das deutsche grünende Land.
Albert saß so, daß er über Teller und Wein hinweg in die bestirnte Nacht vor dem Fenster sah. Er dachte sich, wie wohl auch der Erzbischof, den Reiter mit dem Brief zwischen den Zelten und Wachtfeuern durchs Land sprengen. Er hörte in der Vorstellung die Halterufe und kurzen Erklärungen des Reiters, denen jedesmal ein Freudenschrei folgte. An ihr rauhes Handwerk gewöhnt, wünschten diese Kriegsknechte doch alle dem trauervollen Bruderkampf hier ein baldiges Ende und sich selbst ein neues Streitfeld in einem fernen, möglichst abenteuerlichen Land.