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Albert in Padua

Vor dem Hause des schwäbischen Grafen, von Bollstädt in Padua sprang ein Reiter vom schweißnassen Pferd und übergab dem heraneilenden Diener den Zügel. Er ging die steinerne Außentreppe hinauf durch die schwere Tür und ließ sich zum Hausherrn führen, ohne seinen Namen zu nennen.

Als er, in mittleren Jahren, mit seinen Gliedern, verstaubt von der Reise und mit wirrem Haar vor dem breiten Mann stand, sagte er zögernd und doch vertraut: Kennst du mich nicht?

Der Hausherr sah ihn schärfer an, dabei ließ ihn die seltsame Eindringlichkeit der blauen Augen seines Besuchers nur schwer los: Du bist Albert, der Sohn meines Bruders in, Lauingen! Er gab ihm die Hand: Wie geht es deinem Vater?

Ich bringe dir Nachricht von ihm.

Du senkst die Augen, steht es nicht gut um ihn?

Es geht ihm gut da, wo er jetzt ist. Ich bringe dir seinen letzten Gruß, Ohm.

Tot? Der Ohm wandte sich ernst und mit erbleichendem Gesicht ab. Dann darf ich nicht willkommen sagen, doch leg deinen Reisesack ab, setz dich.

Sie nahmen beide Platze der Ohm stützte den Arm auf den Schreibtisch, um im Gefühl einer Schwäche einen Halt zu haben. Wie starb er? War er lange krank?

In den letzten Stunden sprach er viel mit dir, er sah sich und dich wieder als Knaben.

Ja, wir waren in unserer Jugend unzertrennlich. Ich bin der ältere, 1165 geboren, an mir wäre zuerst die Reihe gewesen zu sterben. Der Ohm wandte sich auf dem Stuhl dem Schreibtisch zu und hob einige Papiere auf, ohne sie zu lesen.

Albert sah seine Schultern im Schmerz zucken und wartete stumm.

Der Oheim begann das Gespräch wieder: Wohin bist du unterwegs?

Ich bleibe in Padua.

Dann doch willkommen. Was hast du hier vor?

Zu studieren.

Der Ohm sah betroffen nach dem Haar des Neffen, das an den Schläfen schon ein paar graue Fäden hatte: Wie alt bist du?

Bald vierzig.

Einen so alten Studenten hat es an unserer Hochschule noch nicht gegeben. Was wird dein Studium sein?

Die sieben freien Künste.

Die kenne ich so gut wie du: Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, Dialektik, Grammatik, Rhetorik – das treibt hier ja jeder.

Bei mir sollen dazu kommen die griechischen Weltweisen, vor allem aber Naturkunde – die wird ja auf keiner anderen Hochschule gelehrt als hier in Padua.

Was hast du denn bisher zu Hause getan, darf ich das fragen?

Der Neffe sah zu Boden: Nicht viel, nur Bär und Wolf gejagt, den Tisch mit Wild versorgt.

Der Ohm schwieg eine Zeitlang: Dein Vater hat in seinen seltenen Briefen manchmal über dich geklagt.

Ich selbst war auch nicht mit mir zufrieden.

Du hast dich nach dem Besuch der Schulen zu lange mit ausschweifenden Freunden versäumt, bei Wein und Tanz auf den Dörfern.

Das war früher – ja, es war ein heftiges Leben, fast wäre ich darin verkommen. In Alberts Gesicht zuckte und riß es, er hatte offenbar die ersehnte Klarheit noch nicht gefunden.

Ich muß deinem Vater einen Vorwurf machen, er war zu lässig mit dir, so konntest du natürlich nicht sein Nachfolger werden als Lehnsherr in Lauingen.

Das wollte ich auch nicht, ich wollte nicht mein Leben festsitzen da. Ich wollte Ritterdienst nehmen und war zu einem Kreuzzug auf dem Weg nach Sizilien. Ohm, ich muß dir gestehen: da machte ich in Venedig das große Erdbeben mit, es sind ja noch die Trümmer der Städte überall hier zu sehen. Ich verzweifelte damals am Sinn der Welt und, ja, an Gott. Am Leib blieb ich heil, aber ich war in der Seele schmerzlich getroffen und kehrte nach Hause zurück. Ich vermochte auch die Menschen nicht mehr zu verstehen, die bei allem Erdenleid leichtsinnig dahinlebten, vermochte auch nicht mehr die Tiere zu jagen, ich gewann sie lieb, wie auch die Natur, ich lag meist unter freiem Himmel auf dem Rücken und sah den Wolken zu.

Und was willst du mit deinem Studium erreichen?

Ich will zuerst einmal hören, zu welchem Sinn der Welt die alten griechischen Weisen gekommen sind.

Nun, dein Vater hat dir genug hinterlassen, daß du dein halb versäumtes Leben vollends in Müßiggang vertun kannst. Aber befriedigt dich das denn selbst? Hast du denn nicht den Drang, endlich etwas Nützliches in der Welt zu beginnen?

Ohm, du bist unzufrieden mit mir, aber ich kann mit dir leichter sprechen als mit meinem Vater. Hör: ich glaube, das Schicksal hat mich nach Padua gedrängt, vielleicht zu dir. Ich habe ein Gefühl, daß hier in Padua ein Ereignis auf mich wartet und daß sich damit mein ganzes Leben ändert – wie damals in Venedig, nur diesmal auf gute Art. Vielleicht mußte ich darum her. Vielleicht finde ich hier Rettung.

Der Ohm sah es in den Augen des Mannes, der da vor ihm saß, tiefer brennen. Er schüttelte den Gedanken ab, daß man einen so versonnenen, das Leben offenbar zu tief nehmenden, noch immer der Verzweiflung nahen Menschen am besten seines Weges gehen lasse – es handelte sich doch um einen Grafen von Bollstädt, aus seinem Blute, den Sohn seines Bruders. Möchtest du nicht versuchen, auf meinem Landgut tätig zu sein? Es liegt nahe vor der Stadt, auch ich habe durch das Erdbeben großen Schaden daran gehabt, trotzdem habe ich es in drei Jahrzehnten zu einem ansehnlichen Ertrag gebracht. Es sind genug Leute da, aber es wäre für einen tüchtigen Mann immer noch Platz.

Ein tüchtiger Mann auf einem Gut, das werde ich wohl nie werden.

Ich sehe, du schickst dich schwer ins Leben. Aber du bist ein Schwabe, kann sein, bei dir stimmt das Wort, daß die Schwaben erst mit vierzig Jahren sich selbst finden. Wohne in meinem Hause, besuche vorläufig nach deinem Willen die Hochschule. Reite aber öfter mit mir zum Gut hinaus und sieh, wie es dir gefällt. Nach einem halben Jahr werde ich dich wieder fragen, entscheide dich dann.

Albert hob das Gesicht mit der übermäßig breiten Stirn zu dem Ohm auf: Ja, ich danke dir.

Beide standen auf.

Ein junges Mädchen trat auf den Ruf des Ohms ins Zimmer, südlich schwarzes Haar, nördlich blaue Augen.

Meine Tochter Gabriela, stellte der Vater vor, und das ist Albert, der Sohn meines Bruders in Deutschland. Mein Bruder ist gestorben, Albert will in Padua bleiben und studieren. Er wohnt bei uns, laß ihm ein Zimmer richten, er möge sich selbst eins aussuchen.

Gabriela bot dem Vetter die Hand als Zeichen der Teilnahme und Begrüßung zugleich, aber auch mit starker Neugier. Sie gingen zusammen die Treppe hinauf, noch fremd und schweigsam. Doch fühlte Albert, daß ihm in diesem Hause Kraft zuströmte – vom Ohm oder diesem Mädchen.


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