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Erst auf dem einsamen Heimweg durch die ländlichen Fluren wachte er aus dem dumpfen Taumel der Stirn auf.
Es tat ihm wohl, daß hier draußen niemand wußte von den Tagen in Paris und seiner Niederlage, er durfte sich vor diesem schneidenden Wort nicht scheuen, wenn auch der Grund außer ihm lag. Er hatte nun Gott kennengelernt und seine Art, Menschen zu prüfen, die er zu Besonderem auserwählt hatte.
Hier draußen, im offenen Land, trieb das Leben seinen regelmäßigen Gang, wie wohl tat es, in diese Geschäftigkeit der Natur wie in ein erquickendes Bad einzutauchen.
In Straßburg wird er vor seinen Studenten beschämt stehen. Sie haben, das ist gewiß, inzwischen Nachricht aus Paris erhalten, die ihm vorausgeeilt ist. Er spürt bei dieser Vorstellung doch nach all der Hoffnung und Gewißheit die Enttäuschung als einen Schmerz in den Eingeweiden, in den Schläfen sticht und klopft das Blut.
Er malt sich die Bewunderung aus, davon seine Schüler erfüllt gewesen wären, käme er als Gewählter. Wie viele Briefe hätte er empfangen, wie viele seiner Schüler wären mit ihm nach Paris zurückgegangen, um ihm dort nahe zu bleiben. Das ganze Leben hätten sie, mehr noch als seine Schüler in Köln, Hildesheim, Freiburg und Regensburg, den stolzen Schein auf dem Gesicht bewahrt, daß der Hochmeister Albertus ihr Lehrer gewesen, daß sie lernend und singend mit ihm tägliche Wege über Land gemacht, sie würden wie Auserwählte unter ihren Brüdern gewesen sein bis in ihr Alter.
Er war vor sich selbst beschämt, er sah Baum und Bach aus nicht so freien Augen an wie sonst, als wenn selbst sie um das wüßten, was geschehen sei. Die Nächte schlief er fest, dafür sorgten die müden Füße; aber am Morgen fingen die nagenden Gefühle wieder an. Er empfand Mißtrauen gegen den Orden – war alles ein vorbedachtes Spiel? hatte man ihn aus unbekanntem Grunde nur als Platzhalter ausersehen, von vornherein zum Fall bestimmt, Figur eines politischen Spiels in dieser großen Stadt?
Schon erhob sich der standhafte Teil seiner Seele und wehrte sich gegen die Empfindungen, die kein Ordensgesetz verbot, aber nur in der Annahme, daß jeder einzelne in seinem Gewissen solchen Kampf erledige und nicht nachträglich noch eine viel empfindlichere Niederlage erlitt, die die äußere erst voll machte.
Maria, hold im Traum, mit liebreicher Stimme, hatte sie nicht doch Wort gehalten? War er nicht doch im Grunde der eigentliche Hochmeister geworden?
Es gab nun einen Albert, der noch litt und bittere Schmach fühlte, und einen zweiten, der dem ersten mit wuchtigen Schlägen gegenübertrat. Was liegt an äußerer Ehre? Sie hat ihren Wert. Aber an innerer? Alles! Arbeite in deiner Stille. Ist Gott bei dir, so wird dein Werk dich zum Hochmeister in einem viel tieferen Sinne machen. So hat er es gemeint.
Alberts Seele wurde wieder licht und voll Ruhe. Endlich sang er, wie er sonst mit seinen Schülern tat und auf dem Hinwege allein getan, befreit wieder zum Himmel hinauf, voll Vertrauens.
Er wird sich jetzt um so tiefer in seine wissenschaftliche Arbeit versenken, der ganzen Menschheit zunutz. Das ist sein Acker, da ist er Herr und tut, was kein anderer tun kann.
Ja, die Straßburger Patres und Schüler waren über die Pariser Vorgänge unterrichtet, sie kannten die Wahrheit, sie hätten auf ihren Lehrer nicht stolzer sein können, als wenn er wirklich die Amtsbezeichnung Hochmeister mitgebracht hätte. Für sie war er der heimlich wirkliche Hochmeister umsomehr, als sie sein Gesicht nach der großen Prüfung klarer und ruhiger als vorher sahen. Die inneren Kämpfe auf dem Rückwege ahnte nur Bruder Ulrich, gerade darum jetzt mehr untrennbarer Freund als je: Du hast an äußerer Macht nichts verloren, Bruder Albert, sagte er einmal, aber an innerer gewonnen.
Bald zeigte sich die Wahrheit dieses Wortes.
Bisher predigte und lehrte kein Bruder des Ordens an der Pariser Hochschule. Nach der Wirkung der Predigt Alberts ersuchte der Orden um einen Lehrstuhl für sich und bestimmte Albert als ersten Inhaber. Nach langen Erwägungen stimmte die Hochschule endlich zu, nur weil es Albert war.
In ihm glomm anfangs wieder der Funke des Trotzes, des Mißtrauens, der gekränkten Ehre auf. Wie? Dort, wo er hätte Hochmeister sein sollen, soll er nur ein Prediger oder Lehrer unter vielen sein?
Einen halben Tag ging er in seiner Zelle auf und ab. Wie? rief dann die Stimme in ihm, du hast doch nun Demut ein für alle Mal gelernt und darfst dennoch stolz sein: es wird nur einen Albert in Paris geben. Du bekommst das Amt, das du von je wolltest: Seelen erobern, und bist frei von jeder Geschäftslast. Gott hat dich geprüft, du hast bestanden, erkenne es. Nun erfüllt er das Wort Jordans und die liebliche Weissagung Marias in einem innerlichen, ja höheren Sinne.
Sechs Jahre lang übte Bruder Albertus sein Lehramt in Paris aus. Während er in seiner Zelle über der Arbeit saß, warteten glaubensfreudige Menschen vieler Länder ungeduldig auf seine nächste Lehrstunde. Sein Hörsaal faßte die Zahl der Lernenden nicht, alte und junge, man mußte ihm mehrmals größere Räume anweisen. Die Wege ins Freie waren zu weit, er nahm seine Schüler mit in den Garten der Hochschule. Oft nahmen Lehrer anderer Orden an den Kampfgesprächen teil, die er auch hier einführte und die auch hier die verborgenen Seelenkräfte aus Schülern und Lehrern zugleich hervorholten. Diese Kämpfe, die sich immer in leidenschaftlichen Ernst hineinsteigerten, wirkten mit am geistigen Gesicht der Stadt, ihr Ruf und ihr Inhalt strömte in die ganze Christenheit über, Albert war in Wahrheit der eigentliche Hochmeister seines Ordens geworden. Das tatbereite Ja zu dieser Erde im Gedenken an Jesus erfüllte durch ihn die Herzen der Jungen und Junggebliebenen.
Aber mitten in dieser Tätigkeit befiel ihn das Heimweh, er hatte solche Tage der Traurigkeit, daß für seine Gesundheit zu fürchten war. Es verlangte ihn an den Rhein zurück, er begehrte die Stadt, in der er geweiht worden war, zu einer Stätte des Hochstudiums zu machen, die wie Paris alle Wissenschaften umfaßte. Der Orden ernannte ihn zum Rektor dieser erweiterten Hochschule, durch die Köln bald zum geistigen Mittelpunkt Deutschlands wurde.