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Fahrt nach Paris

Am Morgen stand Albert vor dem Reisewagen frierend und schwach von der schlaflosen Nacht neben Gottfried. Trauer und Verzagtheit erfaßte alle, die den zur Abreise Bereiten sahen – er war doch zu alt, um in diesen Kampf zu gehen, er las die Sorge aller auf den Gesichtern.

Ein flüchtiger Gedanke kam ihm: Ginge doch das Tor auf, träte doch Almudis herein, könnte er sie in seinen Reisewagen bitten, daß sie ihn auf der schweren Fahrt begleite! Welch helle Kraft strömte ihm aus ihrer Zuversicht zu, wie würde ihr Gebet mit dem seinen vereint eher zu Gott dringen!

Ein Schauer durchzog ihn. Prior Serenus spürte es, trat zu ihm und flüsterte heiß wie ein Versucher: Bruder Albertus, möchtest du nicht doch lieber in der Erinnerung der Nachwelt als der große Prediger fortleben, der du warst, statt dich durch eine Niederlage um den Ruhm deines Lebens zu bringen? Einer der vollkräftigen Brüder, der die Anrede seines Priors erahnen mochte, kam: Denk nicht an dich, denk an den Orden, Bruder Albertus, laß mich an deiner Stelle oder wenigstens mit dir fahren, um bereit zu sein!

Weil ich an den Orden denke, fahre ich selbst und ohne dich, sagte Albert. Gerade durch die Furcht und Sorge der andern blühte der alte wunderliche wunderbare Trotz in dem Greis auf: Dennoch! Christophorus!

Im selben Augenblick öffnete sich das Tor, ein Reisewagen fuhr vor, eine Frau entstieg ihm mit flinkem Schritt: Almudis!

Eilig trat sie heran: Nehmt in meinem Wagen Platz, Albertus und Bruder Gottfried, ich möchte euch ein Stück Wegs begleiten bis zum nahen Kloster meines Ordens, dort erwarte ich euch bei eurer Rückkehr, laßt euren schweren Wagen hier! Sie gab dem Prior und den ihr bekannten Patres die Hand, Helligkeit und Zuversicht strahlten von ihrem Gesicht aus in wunderbarer Weise.

Sie stiegen ein, Albert rief den Lenkern vor ihm auf dem Wagen ein Voran! zu, mit befreiter Stimme, die allen galt, die in dichten Scharen umher standen und wirklich Mut davon empfingen. Selbst die Pferde griffen zu einem fröhlichen Trab aus.

Albertus hätte das Wort Zagnis nicht mehr in sich gefunden, wenn er darnach gesucht hätte. Als Botin von Maria saß Almudis neben ihm, es war nicht viel zu sprechen, daß sie bei einander saßen, war genug.

Ja, wie ein vornehmer Herr, dachte er, fahre ich diesmal durchs Land. Durch das offene Halbrund der über den Wagen gespannten Plane sah er vorn zwischen den Köpfen und Schultern der beiden Lenker einen Ausschnitt der Welt, in dem Bäume, Äcker, Häuser, Kapellen wie in einem sich selber weitenden Fächer zu sehen blieben, während der Betrachter gemächlich mit angelehntem Rücken saß. Auch Gottfried genoß das Behagen dieses bequemen Wagens, das ihm wohl nur dieses eine Mal im Leben blühen wird.

Noch vor Mittag, als die Freundin ausgestiegen war, ließ Albert die Plane ganz fortziehen, nun spürte er den Frühlingswind an Stirn und Wangen, wieder eins mit dem Wetter. Er sah nun auch die Burgen auf den Felsen und sogar die hohen Wolken darüber. Auch konnte er nun, so scherzte er mit sich selbst, von den Leuten an den Straßenseiten gesehen werden, wie es einem vornehmen Reisenden zukommt. Er wartete unwillkürlich auf einen Gruß, damit er zurückgrüßen konnte. Aber o weh, die Zeit hat sich geändert, nach einem alten Mönch sieht niemand länger als einen Augenblick.

Ja, wie ein vornehmer Reisender säße Albert da, wenn er der Graf von Bollstädt geblieben wäre! Dann hätte er Frau, Kinder, Enkel, Urenkel in allen Altersjahren daheim und auf Burgen rings im Land, sein Gewand wäre aus Seide, an der Deichsel liefen schlanke Pferde stolz aufgeschirrt, aufgeputzte Reitknechte tummelten sich vor und hinter dem Wagen, die Leute an der Straße hätten wirklich was zu sehen.

Und Albert selbst, dachte er seinem eigenen Leben nach: ein Fächer anderer Art entfaltete sich vor seinem inneren Blick – höfische Feste, klirrende Schlachten, lärmende Jagden, Gelage bei Wein und Gesängen. Und die schön zu sehenden, sicher nicht trauerlosen, aber doch lebensstarken Familien der Nachkommen alle aus seinem Blut!

Jetzt fuhr hier nur ein weißhaariger Mönch, der den Kopf nach den Wolken vorbeugte. Aber wie? Wohin fuhr dieser Mönch und zu welchem Tun? Bis an die Grenzen des Abendlandes war er geschritten, in die größte Stadt der Welt fuhr er, vor Tausenden ausgewählter Gelehrten wird er stehen und sprechen, den großen Wagen der Welt wird er mitlenken. Und mit wem wird er kämpfen? Mit einer Rotte, mit einem Heer von Widersachern aller Art? Nein, mit keinem geringeren als Gott selber. Lange werden die Menschen reden von diesem Tag, bringe er nun Heil oder Unheil, Sieg oder Niederlage. Die Ungewißheit, das Wagnis – das allein ist Leben, nie hat Albert das so gefühlt wie auf diesem lärmenden Karren, mit vierundachtzig Jahren. Führe er dennoch, genau bedacht lieber als Graf von Bollstädt durchs Land? Darüber braucht er nicht lange zu sinnen – nein! Freudig, um nicht zu sagen, glückselig ist der Gedanke an das Leben, das hinter ihm liegt wie ein Stück Erde, mit Sonne, Schatten, Nacht, Sternen, Strömen, Bergen, Meer und Fruchtland dazwischen, Korn, Obst, Wein, armen und froh gemachten Menschen. Zeit der Himmelsfreude hat er Unzähligen gebracht. Gut gelebt ist sein Leben, reich in Armut, froh in Mühe, voller Freude waren seine Tage, das Seligste aber war das, was nicht zu sehen, nur zu ahnen war: der junge starke Gott, Maria mit dem Kind, Jesus, mild bis in den Tod.

Horch, was ist das für ein Vogel, der über den Wagen hinschwingt mit einem deutlichen Zuruf? Glückzeichen? Der Wagen fährt ja zu einem bitteren Kampf, daran will Albert jetzt nicht denken. Ach, führe der Wagen immer weiter bis ans Meer! Ob Albert das Meer noch einmal sieht?

Was aber ist ihm das irdisch Wohligste im Herzen? Was wird er als liebstes Gepäck der Seele mitnehmen in jene obere Welt, um es auch da bei sich zu behalten? Die Erinnerung an jene Menschen, denen er Gutes tun konnte, mochten sie es ihm danken oder nicht, mochten sie darum wissen oder nicht. Das sind seine wahren Werke, der einfachste Mensch kann es ihm darin gleich, ja zuvor tun. Und das haben sicher viele getan.

Und, o Almudis, Botin der Gottesmutter, daß du neben mir saßest einige kurze Stunden, auf dieser schwersten Fahrt meines Lebens! Wie sollte ich denn klagen, wie sollte ich nicht jubeln, des Erfolges gewiß!


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