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Gottfried hatte unlieb die Verabschiedung der Ritter mit angesehen, denn das offene Land war, nach allem Hörensagen gerade da, wohin sie wollten, besonders unsicher geworden, überall sammelten sich größere Scharen von Reisenden, um gemeinsam nach Lyon zu ziehen. Alberts Gottvertrauen schien ihm doch zu unbedacht, Gott konnte sich in dieser Raubzeit nicht um jeden einzelnen kümmern. Immerhin war es doch mit den beiden wildbärtigen Kriegsknechten wohlig genug, am heißen Mittag durch einen kühlen Wald zu reiten, Eichkätzchen und Vögel im Astwerk über sich, manches große Wild auf scheuer Flucht. Auch wurde es erkennbar, daß die vom Erzbischof entsandten Ritter nie sehr entfernt waren, sie unterhielten stets eine geheime Verbindung mit den beiden Knechten.
Und die ungewohnten Umgebungen sehen, unbekannte Dörfer, namenlose Flüsse, die Leute, die ihnen begegneten, bereits in fremder Tracht und ihr Gruß in unverständlicher Sprache, abends dann das Zeltaufschlagen, bei flammendem Feuer sitzen, kochen, braten und dem lustigen Sang und Lautenschlag der beiden Knechte zuhören: das war ein Leben, selbst für einen Stubengelehrten wie Gottfried eine Weile vorzuziehen dem täglichen Reinigen der Zelle, den ewig gleichen Gesichtern der Mitbrüder im Konvent, den langen Fluren, den zahllosen Türen, dem vielen Sitzen und Schreiben.
Nur die kleinen Zwistigkeit mit Ägid störten ihn. Ja, gewiß, Ägid war einmal vor vielen Jahren des Meisters Wandergefährte gewesen, heute aber nahm Gottfried diese Stelle ein und hatte für den manchmal kränklichen alten Meister ungleich mehr zu sorgen als einst jener Ägid, da das Wandern noch eitel Lust war. Gottfried liebte es, den Meister abends, ehe er, Ägid und die beiden Reitknechte sich draußen um das Feuer zum Schlaf ausstreckten, im engen Zelt das Bett zu richten, ihm beim Auskleiden behilflich zu sein, seine Füße vom Staub abzuwaschen, denn das bedeutete immer zugleich eine Feierstunde, in der der Meister sein Herz dem heitern Gespräch öffnete, sich erzählen ließ und selbst erzählte.
Nun verstand es Ägid mit Bauernschläue, immer zuletzt um den Meister zu sein, alle diese Verrichtungen vorzunehmen und dafür den Lohn zutraulicher Unterhaltung einzuheimsen. Umso leichter geriet es ihm, da Albert glücklich war, sich in der Erinnerung an die gemeinsame Wanderung zu verlieren.
Zank zwischen den beiden Jüngern vor den Ohren des Meisters durfte nicht sein, bei einer Aussprache unterwegs, wenn der Meister im leisen Gespräch mit Gott zurückblieb, zeigte sich Ägid völlig taub und war am Abend doch wieder der erste im Zelt, in bitterer Kränkung mußte Gottfried draußen das heitere und manchmal innige Gespräch der beiden mit anhören, ob er dem Meister die kurze Wohltat wiederum auch zu gönnen bereit war. Albert merkte von seiner ungerechten Begünstigung gar nichts, ja, wenn es Gottfried einmal gelungen war, seinen Gefährten zu überlisten und selber den Meister zu betten, rief dieser erstaunt: Wo bleibt denn Ägid?
In aller Frühe saß Albert mit den Seinen täglich zu Pferd. Im Sang der Vögel wurde sein eigenes stummes, täglich erneutes Loblied auf die Schöpfung laut, das unter der aufgehenden Sonne sich aus dem Herzen rang. Er klopfte seinem Pferd auf den Hals und sprach mit ihm. Von Zeit zu Zeit ermahnte ihn das Tier durch eine Kopfbewegung daran, die Liebkosung zu wiederholen.
Tiefer als sonst nahm er Flur und Wälder in seine Augen auf, denn es wird doch wohl die letzte Reise auf dieser Erde sein. Er war bei diesem Gedanken gar nicht traurig, seine heitere Laune war durch nichts zu mindern, auch durch kleine Mißgeschicke unterwegs nicht, durch Schmerz in Rücken und Beinen nicht, den ihm der Sitz im Sattel bereitete, sie steigerte sich, wenn er in allmählicher Erkenntnis dem Spiel der Eifersucht zwischen seinen beiden Jüngern zusah. Er stand, wie ohne sein Wissen die Knechte mit den dann und wann angetroffenen Rittern durch heimliche Augenzeichen, ebenso mit den beiden Wildbärten in Verbindung und sie benützten gemeinsam manche Gelegenheit zu launiger Unterhaltung, kleine Auftritte dieses unschuldigen Lasters herbeizuführen, das ja aus der gemeinsamen Wurzel der Liebe zu Albert aufwuchs.
Am letzten Reisetag sah der Trupp nach allen Seiten bis in die Ferne den Staub aufwirbeln unter den Hufen unzähliger Pferde und Wagen, die aus allen Richtungen des Abendlandes Menschen zum Konzil des Jahres 1274 herbeitrugen. Da lag die Stadt Lyon, die Sonne ging eben unter, die Mauern und Türme standen als Schatten vor dem goldenen Gewölk, wie einst beim ersten Blick die Türme von Köln.
Es wurde Nacht, ehe Albert versuchen konnte, mit seiner Schar in die Stadt einzureiten. Sie mußten schließlich vor dem Tor bleiben, so groß war der Zudrang. Am Morgen erwies sich die Stadt so überfüllt, daß in den Straßen kaum ein Durchkommen war. Das Obdach im eigenen Kloster erschien Albert zu unruhvoll, er mußte seine Kraft aufsparen. Er und sein Trupp ritten zurück, dem anflutenden Gedräng entgegen und wieder hinaus vors Tor, um gleich vielen Tausenden die Woche des Konzils lieber im Freien zu verbringen.
Es waren Söhne vieler Nationen in Lyon zusammengeströmt, der Anblick der vielen Trachten war überaus bunt, selbst die dunklere Kleidung der Geistlichen trug dennoch farbige Zeichen genug, zwischen ihnen wühlten sich Ritter, Reitknechte, Kaufleute, ausrufende Hausierer, fahrendes Volk aller Art durch die Gassen. Feierliche Aufzüge der Fürsten, Bischöfe, Äbte brachen durch das Gewirr.
Von den Begleitern wünschte Albert immer nur einen um sich zu halten, den drei anderen war erlaubt, in die Stadt zu gehen. Meist kamen sie zu spät zurück, das Gedränge hatte ihnen vorher kein Durchkommen gelassen, wenigstens sagten sie so. Gottfried war der Benachteiligte, er war es, der ständig beim Meister bleiben mußte, so hatte er doch den Triumph zu zeigen, wer der Treuere war, während Ägid, der wahrlich genug auf seinen weiten früheren Reisen gesehen, in seiner Weltneugier sich eher angefacht als befriedigt fühlte und seinen Meister ohne Gewissensvorwurf dem Gefährten Überließ, gewiß, daß er gut behütet war.
Gottfried wartete heimlich auf ein gleichsam beschämtes Lob des Meisters und wenn es nur ein gelegentliches Wort wäre, aber vergebens – im Gegenteil, der Meister beneidete Ägid um seine Rüstigkeit, solchem Zusammenlauf der Menschen noch standzuhalten, und lobte ihn darum.
Früher, sagte Albert, vor dem Zelt sitzend, sahen Ägid und ich alles zusammen an, nun kann ich von meinem Sessel ihm nur nachsehen, wenn er immer noch flink über die Wiesen der großen Welt zustrebt! Freilich sah Albert auch, daß Gottfried dem bunten Treiben ganz und gar abgeneigt war und sein Verbleib beim Zelt ihm willkommener, als er selber wußte – so war er keineswegs zu bedauern.
Aber auch zwischen den Zelten war ein unablässiges Kommen und Gehen, überall stellten sich Besucher ein, wandernde Händler riefen auch hier ihre Waren aus, eine Vielzahl von Sprachen war neben dem Latein der Geistlichen zu hören. Wer über die Welt staunen wollte, hatte auch hier vor der Stadt genug zu tun und sicher schmerzte ihm abends der Kopf vom vielen Sehen.
Albert saß unermüdlich vor seinem Zelt, in seiner Kleidung als Barfüßer viel beachtet, aber niemand ahnte, daß er da einen Bischof vor sich hatte.
Er war froh, daß keiner seiner vielen Freunde, die ihn in der Stadt wohl suchten, ihn hier draußen in seinem einfachen, verwitterten Zelt vermuteten, so hatte er Ruhe bis zu seinem großen Tag, zudem Muße, die Augen schauen zu lassen. Er machte auf seinem Schemel gleichsam eine weite Reise, auf der, wie in Köln die Schiffe, die Angehörigen fremder Völker an ihm vorbeizogen, ohne daß er sich vom Platz zu bewegen brauchte. Welche Tage des Lebens! Nicht nur Menschen, auch viele Pferde und Hunde unbekannter Rassen waren zu sehen und für sein Tierbuch nach Erkundigung anzumerken. Einmal sogar zog eine Karawane vorbei von Elefanten, Kamelen, Straußen, Zebras, Schakalen, Hyänen und, in Gitterkäfigen, Löwen und fremdartigen Tieren, die noch gar keinen abendländischen Namen hatten. Gottfried mußte die halbe Nacht niederschreiben, was sein Meister beobachtet hatte. Die Pferde waren beim Nahen der Raubtiere unruhig geworden, über Jahrtausende hinweg, da ihre Vorfahren mit den Vorfahren dieser Urwaldgeschöpfe in irgend einem Erdteil zusammen gelebt hatten, war der Instinkt der Furcht in ihnen geheimnisvoll bewahrt geblieben. Gottfried mußte hingehen und ihnen Brot aus der flachen Hand zu fressen geben.
Albertus dachte am wenigsten an die Angelegenheit, um die er den langen Weg her unternommen hatte. Je weniger er daran dachte, umsomehr sammelte sich Kraft in ihm an für die baldige Stunde der Berufung. Dann werden Worte aus seinem Munde kommen, über die er selber staunt, so als wären sie inzwischen von einem andern in ihm erdacht.
An einem Abend kam dann doch der erste Gast, der ihn suchte und überaus erfreut war, ihn endlich zu finden: ein ehemaliger Gefährte aus Padua. Er blieb nur kurz, denn er vermochte es nicht zu erwarten, sein Finderglück überall zu verkünden. Nun stellten sich so viele Gelehrte, Priester aller Orden ein, Männer mit durchgebildeten, weltentrückten Gesichtern, daß die Zeltnachbarn, einfache Handelsleute, sich vor Staunen nicht zu lassen wußten, zumal sie die Ehrfurcht bemerkten, mit der alle sich diesem alten Manne näherten.
Es gab an diesem Abend keinen stolzeren Menschen in Lyon als Gottfried. Anscheinend gleichgültig sah er an den Nachbarn vorbei, aber doch so, daß er sich an ihrer Verwunderung zu weiden vermochte. Was, dachte er, würdet ihr erst sagen, wenn jetzt König Rudolf daherkäme und sich auf einen Schemel neben meinen Herrn setzte. Unwillkürlich schaute er manchmal zur Stadt, ob sein Gedanke nicht Wirklichkeit würde. Sein Triumph über Ägid, der erst spät aus der Stadt zurückkam und nun hören mußte, wer alles dagewesen aus deutschen Städten und Klöstern, aus Padua, Bologna, Rom, Neapel, Sizilien, Madrid, Paris, Oxford, Brüssel, Holland, aus den skandinavischen und baltischen Ländern, aus Polen, Rußland, aus den Ländern des Balkans, aus Nordafrika: Männer, die sich bei ihrer Vielzahl damit begnügten, diesen Barfüßer Bruder Albertus, dessen Schriften daheim auf ihren Tischen lagen, wenigstens gesehen und einen Händedruck mit ihm getauscht zu haben.
Am nächsten Morgen ging Albert nicht vors Zelt, ließ auch keinen Besucher herein. Er fühlte, daß heute die entscheidende Stunde kommen würde. Er ließ nur einmal durch den Spalt der Zeltleinwand seinen Blick zu dem Sommerhimmel aufschwingen, kampffreudig, ja herausfordernd. Er wunderte sich über sich selbst und zwang sich zur Demut zurück.
Gottfried packte schon das Bischofskleid aus, Albert sann nach: soll er die golddurchwirkte Mitra und das kostbare Gewand anziehen, um die ihm vom Papst zuerkannte Bischofswürde vor allen Augen zu zeigen, den Papst zu ehren und zugleich seinen Worten Nachdruck zu geben? Aber das Amt in Regensburg hat er zwei Jahre versehen, Barfüßermönch ist er seit vierzig Jahren und wird es bis zu seinem Ende bleiben. Soll er sich seines wahren Kleides schämen? Soll er nicht der Kraft seines Wortes allein vertrauen? Gottfried, zu seiner Betrübnis, mußte das Gewand wieder einpacken.
Wie der Meister sich gewünscht hatte, erst kurz vor der Versammlung wurde er von Geistlichen und Rittern seiner zweiten Heimatstadt Köln abgeholt. Er verließ sein Zelt in neuer weißer Kutte, neuem schwarzen Habit, neuen Sohlenschuhen, alle Besucher gaben ihre Pferde den Knechten und gingen, ihn zu ehren, mit ihm zu Fuß durch den dichten Staub der Straße, ein ungewöhnlicher Zug.