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Der Fährmann

Der Orden kannte keine Ruhe für seine Söhne, denn er war jung, und Albert, obschon in mittleren Jahren, war der, der am wenigsten Ruhe wollte, seine Sinne zitterten vor [Begier] nach Erlebnis der Welt. Es schien gut, seine Kraft, männlich und frisch zugleich, auch entfernten oder abgelegenen Klöstern angedeihen zu lassen, in die sich leicht Lässigkeit und Entfremdung einschlich. Er erhielt den Auftrag, zunächst in das neu gegründete Kloster Hildesheim zu gehen.

Damit war die Richtung seines Weges gegeben.

Es gab keine Überlegung, nur Gehorsam. Wie wohltätig war das, der Gehorsam erschwerte nicht, sondern erleichterte das äußere Leben. Leb wohl, meine Zelle, ihr vielen Stunden froher Andacht, in nicht zu langer Zeit komme ich zurück.

Die lederne Schultertasche war gepackt, Albert wandte sich in der Tür noch einmal um und nahm mit diesem Blick Abschied von den leeren Wänden, dem schmalen Lager, dem kleinen Fenster. Obgleich alle Zellen sich gleich waren, mußte man ihm versprechen, daß er bei seiner Rückkehr diese eine wieder erhalte.

Der Fährmann, der ihn über den Rhein brachte, sah lange sein Gesicht an und sagte laut, obwohl das Boot mit Menschen gefüllt war: Du bist es, Mönch. Ich habe dich neulich predigen hören, du nanntest dich einen Fährmann, der Seelen an ein anderes Ufer bringt. Ja, gut, aber deine Fahrgäste kommen nicht mehr zurück an das erste Ufer, wenn ich dich recht verstanden habe. Du brauchst auch nicht vom frühen Morgen bis zum späten Abend ein volles Boot über ein breites reißendes Wasser zu schaffen mit deinen eigenen Fäusten. Sonst wüßtest du, was es heißt, Fährmann sein, von Hochwasser und Eisgang garnicht zu reden. Auch gehst du zu Fuß, was das gerade Gegenteil von meiner Tätigkeit ist. Du meinst es gut, aber laß mich einen Fährmann bleiben und bleibe du ein Mönch.

Alle im Boot lachten.

Albert, längst gewohnt, mit Leuten des Volkes zu sprechen, sagte: Wenn du versuchen willst, wer das schwerste Amt von uns beiden hat, so predige nächsten Sonntag an meiner Stelle. Ich glaube, du wirst nicht weniger schwitzen als an deinen Rudern. Ich selber habe einmal viel Schweiß verloren, als ich in einer Predigt stecken blieb.

Die Fahrgäste im Boot lachten wieder, von der Wechselrede unerwartet unterhalten.

Der Fährmann, schon in der Nähe des Landes, rief: Stecken blieb? Wenn du stecken bleibst, so ist das ein Schaden für dich, deinen Zuhörern aber macht es gar nichts, höchstens Vergnügen. Wenn aber ich jetzt hier in der Strömung auflaufe, dann möchte ich den Schrecken auf euren Gesichtern sehen, auch auf deinem.

In deiner letzten Stunde, sagte Albert leiser, wirst auch du einen Fährmann meiner Art brauchen, Ruder nützen dir da gar nichts mehr.

Der Fährmann schwieg, alle im Boot wurden still. Er trieb mit kurzen Ruderschlägen das Boot an Land und nahm von jedem den Fährpfennig. Aber bei dem Mönch sagte er und neigte den Kopf: Von dir nehme ich nichts, du hast für deine Predigt auch nichts genommen.

Das Korn auf den Feldern stand noch nieder, die Sonne war noch nicht heiß; voll Freude wanderte Albert dahin. Am folgenden Tage hatte er schon nicht mehr das Gefühl, einem Auftrag zu gehorchen, sondern war wie von seiner eigenen Unruhe zu neuem Erlebnis getrieben. Für manche Stunde verfiel er auch wieder in sein früheres Träumen, wachte auf und wußte erst nicht wo er war, warum er hier ging und wohin er wollte.

Gegen diese Versunkenheit mußte er ankämpfen. An einem Baum war unter hölzernem Schutzdach ein gerahmtes Marienbild befestigt, mit ungewöhnlich lieblichem Ausdruck. Er grüßte es und sprach: Ich habe mein Gelübde ja auch dir gegeben, Himmelsmutter. Seither bist du mir noch vertrauter als zuvor. Es wäre schwer, sich den Himmel ohne dich zu denken. Jesus wandelte sich in einen Menschen, aber du warst ein Mensch wie wir. Und bist nun doch oben, so werden auch wir oben sein und uns nicht fremd vorkommen. Gott darf man nicht immer stören, sei du mir immer freund, Mutter der Mütter, holdselig, obwohl du die wehesten aller Schmerzen durchleiden mußtest. Sollte ich mir hier eine Hütte bauen und bei dir bleiben? Mein Auftrag lautet anders. Sollte ich dein Bild vom Baum lösen und mit mir nehmen? Das hieße, dich den Wanderern und Landleuten rauben, die dich grüßen wie ich und dein Bild in sich forttragen, wie ich es werde.

Im Weitergehen sprach er immer noch mit der Gottesmutter, wie Verse kamen bald die Worte aus ihm, denn er sprach laut in die Luft, die Worte hingen sich aneinander und wurden zum Gedicht. Er wiederholte sie öfter, prüfte sie, besserte daran und prägte sie sich ins Gedächtnis.

Am Abend, auf dem Lager in einer Scheune, holte er das Gelernte mit einiger Mühe aus sich hervor. Sieh, es freute ihn ebenso wie am Morgen. Dabei sah er trotzdem auch das Land, das er während dieses Redens und Dichtens durchwandert hatte, in allen Farben vor sich.

Am nächsten Morgen, auf dem Weiterweg, holte er sich im Geiste das Marienbild wieder her und sprach mit ihm. Es wurde wieder ein Loblied auf die Mutter, die das Gotteskind geboren, behütet und verloren hatte. Er sah sie in ihrem täglichen Tun vor sich, sah sie selber als Kind, sah sie den Engel der Verkündung anstarren und die Augen schließen vor der Größe seiner Botschaft, malte sich die Geburt aus, erlebte ihre Verwunderung noch einmal durch, als der Knabe in ihrem Schoß lag und die drei Könige mit den märchenhaften Geschenken kamen und knieten – o ihr Mütter alle, ist denn nicht ein jedes Kind ein Gottesgeheimnis und was wird seiner warten an Heil und Unheil? O du Mutter der Mütter! Könige haben an deinem Lager gekniet und wahrlich, kein König der Welt kommt an Stolz einer Mutter gleich.

So brauchte Albert nun nicht mehr einsam unter dem weiten Himmel zu gehen, sich nicht mehr in unnützes Traumzeug zu vergessen. Immer hatte er jemand bei sich, mit dem er sprechen konnte, und dieser Jemand war die höchste denkbare Gestalt. Auch Acker, Lerchengesang, Sonne, Wolken traten in seine Hymnen ein, ohne seine Absicht, sie wollten darin sein. Er war selber erstaunt über sein Tun und beschleunigte beglückt seinen Schritt. Was war das in ihm? Wer sprach da aus ihm, der in ihm wohnte und von dem er bisher nichts gewußt? Wollte er Gott ohne Lohn dienen? Gott vielleicht läßt es zu, aber Maria belohnt statt seiner auf ihre Weise.

In der Ferne über den Ackerbreiten wuchsen endlich die Türme von Hildesheim auf, Dom, Michaelskirche, Godehardskirche, Albert erkannte sie nach einer Miniatur in der Bücherei zu Köln.


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