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Nach einer einsamen Tageswanderung sahen Albert und sein Gefährte in der Ferne ein vorerst unerklärliches Etwas: ein kahles Hochgebirge, an manchen Stellen sonnenblendend wie mit Schnee bedeckt, unvermittelt stieg es aus dem grünen Flachland auf. Erst ein Holzkreuz auf einem der Gipfel gab einen Maßstab, die Berge erwiesen sich nicht einmal kirchturmhoch.
Dünen! rief Albert. Vom Wind aus Sand aufgeweht, wer soll da nicht an Zweckgebundenheit glauben? Sie schützen das ebene Land vorm Meer so gut wie Deiche, die von Menschen erbaut sind.
Noch weit entfernt hörten die Wanderer das Meer, damals noch nicht durch Inseln vom festen Land getrennt, bereits anschlagen und rauschen, ein unablässiger Donner, es mußte ein Sturm dort draußen sein, obgleich sich hier zu ihren Füßen kein Grashalm bewegte.
Als sie den ersten Sandgipfel schnell, aber schweren Schritts erstiegen hatten, erschraken sie: sie waren auf eine gewaltige Erscheinung gefaßt, aber nicht auf eine seltsame – das grenzenlose Meer fiel nicht ab nach dem Horizont, sondern stieg scheinbar in mächtiger Wölbung auf bis in jene Ferne, wo eine dunkelgrüne Linie glasklar vor dem hell bewölkten Himmel es abschnitt. Diese Wassermasse war nur am Strand bewegt, offenbar war Flutzeit.
Die Wellen kamen lang und grün heran, aus der ruhigen Fläche aufgehoben, sie wuchsen hoch, zwei, drei Reihen hintereinander, zu halber Menschenhöhe, brachen um und lösten sich in weißem Schaum auf, wie siedend verlief der Schaum über den Strand. Kaum war die vorderste Welle verrauscht, wuchs die nächste herauf, in immer gleichem Spiel, nur manchmal entstand ohne erkennbaren Anlaß eine kurze Pause.
Das Getöse war groß, oft schlug ein scharfer Peitschenknall dazwischen, dann, wenn eine Welle in zu geschwindem Abstand hinter der vorderen abrollte und darum zu früh umstürzte, ohne Ablauf zu haben. Die beiden Zuschauer dachten die Peitsche eines unsichtbaren geisterhaften Hirten zu hören, der diese endlose Herde von weißflockigen Tieren vor sich hertrieb, um das Land zu erobern.
Die Erregung des Elements ohne Wind, durch eine geheimnisvolle Kraft aus sich selbst heraus, die ruhevoll ansteigende Weite dahinter: das war mehr als Größe, das war gar nicht mehr Welt, das war die Ewigkeit selbst, ihr atmendes Herz, ihr Pulsschlag.
Die zwei Mönche standen schweigsam, wohl eine Stunde, noch nie war Albert von einer Erscheinung der Natur so erschüttert worden, dabei beobachtete er dennoch alles, was ihn staunen machte, mit immer wandernden Augen. Daß Flutzeit war, ließ sich bald daraus erkennen, wie mit jeder Welle das Wasser näher den Strand heran kam und endlich den Fuß der Düne erreichte. Das bedeutete zugleich den Höhepunkt der Flut. Hier hielt sie sich, bis die Ebbe einsetzte und das Meer wie müde sich zurückzog.
Vorerst aber geschah das Schlagen und Brechen der Wellen wie aus einer tollen Daseinsfreude des Meeres, eines lebenden Wesens, eines großen Tieres. Fast, dachte Albert, haben die Griechen dieses Element verkleinert, als sie in Meer und Wellen seine Ausgeburten, Götter und Göttinnen, Tritonen und Nereiden, spielend und jagend hineinsahen.
Unter dem veränderten Sonnenstande waren jetzt weithin auf der Wasserfläche grüne und braune, inselhafte Färbungen zu sehen, hart grenzten sie aneinander. Albert erkannte nach einiger Überlegung, daß dies eine Abspiegelung des verborgenen Meeresgrundes war, der in seiner Tiefe Hügel und Täler wie die oberirdische Welt hatte: da wo der Sand sich hob, schimmerte er gelblich durch und da, wo er sich senkte, behielt das Meer sein Grün.
Für heute wollten die Mönche scheiden. Da blieb Albert noch einmal stehen und sagte: Die Leute, die unsere Erde eine Kugel nennen, wie recht haben sie! Ich sehe es ja vor mir, aber wahrlich, um es zu glauben, muß man es erst erleben.
In diesem Augenblick zeichnete sich am Horizont über der grünen Linie etwas Ungewisses ab. Die Spitze eines Mastes, hinter der Erdwölbung! rief Albert begeistert und packte den Gefährten an der Schulter. Jetzt der Rand des Segels!
Das Segel wuchs, merkwürdig zu sehen, von oben nach unten, jetzt stieg auch der Bug eines Schiffes auf, hob sich, bis das Schiff frei auf dem Wasser schwamm, einem Schwane gleich, der die Brust zeigt und die Flügel entfaltet hat.
Nun kommt das Schiff in unbegreiflicher Geschwindigkeit heran, gerade auf die beiden Mönche zu. Es ist nur ein Fischerboot, aber breit und kühn zum Kampf mit dem Sturm gebaut, hohen Bugs, bald wird es am Strand anlaufen, vielleicht dort, wo hinter der Düne Rauch aufsteigt – ja, dort duckt sich eine Fischerhütte dicht hinter die Düne, in ihren Schutz.
Die Erde eine Kugel, ich habe den Beweis erlebt! sagte Albert, mit bebenden Lippen, und du Bruder Ägid mit mir.
Ägid dachte, sein Meister scherze und lachte beifällig – wie denn damals die Menschen über jene Meinung spotteten, wie sie heute spotten über die Meinung, daß auch auf anderen Sternen beseelte Wesen leben, von Gott erschaffen. Du lachst, hast du denn nicht die Augen offen gehabt? Ägid dachte, weiter auf den Scherz eingehen zu müssen, und rief in gut gelauntem Hohn: Ja, und die Menschen auf der anderen Seite der Kugel gehen mit dem Kopf nach unten!
Albert wurde ernst, diese Frage verstand auch er noch nicht zu lösen. Sieh, Bruder, meine Faust, nimm sie als Kugel. Hier, über der Krümmung, kam das Segel herauf, das Boot hing wie über einem Abgrund, die beiden Fischer standen für uns schräg, wir für sie aber ebenso und doch fühlten sie sich gerade stehen, wie auch wir uns gerade fühlten. Für ein Boot, von dem ersten ebenso entfernt, gilt das gleiche, die Menschen im ersten und zweiten scheinen für einander schräg zu stehen und doch stehen alle für das eigene Empfinden gerade. Denk dir nur, eine Kette solcher Boote rund um die Kugel und es wird für alle das gleiche gelten: für uns, die ganz Entgegengesetzten, stehen die Menschen auf der Unterseite tatsächlich auf dem Kopf, wir für sie aber auch und doch stehen wir aufrecht und jene ebenfalls. Es macht die Größe der Kugel und unsere eigene Kleinheit, daß jeder Teil unter unseren Füßen zur Fläche wird. Doch muß eine Haltekraft da sein, die uns, als hätten wir alle Krallen an den Füßen, an die Kugel bindet.
Sie kletterten meerwärts die Düne hinab und standen unten dicht vor der brandenden Welle. Sie steckten einen Finger in das anlaufende Wasser und versuchten den Salzgeschmack.
Es ist kein Ende mit den Geheimnissen der Schöpfung, sagte Albert, wäre das Meer nicht salzig, würde es faulen, Fische könnten darin nicht leben, alles Meer würde ein dicker Sumpf, es könnte seinen Dunst nicht zum Himmel senden, nicht Wolke werden, nicht mit dem Wind zu den hohen Bergen treiben, nicht in Regen sich lösen, nicht wiedergeboren werden als Quelle und nicht den Kreis als Bach, Fluß, Strom von neuem wandern, damit die Welt besteht und Frucht trägt! Diesmal stimmte ihm Ägid zu und staunte mit über die Natur und über seinen Meister.
Auf seine lange Strecke hin fanden sie den Strand von unzähligen Vögeln bedeckt, die unter mißtönendem Gekreisch in die Brandung hineinstießen, um beim Abfluß des Wassers kleine Krebse, Seesterne und anderes Zeug, von dem man nicht wußte, waren es Tiere oder Pflanzen, mit dem Schnabel herauszustechen.
Die Mönche eilten den Strand entlang bis dahin, wo das Boot landen mußte, sie sahen eifrig zu, wie es Anker warf. Wäre ich nicht Mönch, möchte ich Fischer sein an dieser Küste, sagte nicht Albert, sondern Ägid, beglückt, da er nun menschliche Tätigkeit sah, die einsame Natur erschien ihm doch zu leer.
Das Segel wurde eingezogen, die beiden rundbärtigen Fischer an Bord sahen verdutzt zu den zwei Mönchen hin, die ihnen gespenstisch hier am Strand vorkommen mochten. Sie hatten guten Fang gehabt, antworteten sie auf eine Frage, erleichtert, menschliche Stimmen in ihrer Sprache zu hören. Als die Ebbe den Strand erbreitert hatte, sprangen sie ins seichte Wasser, das ihnen zwar immer noch bis zu den Hüften reichte, aber so hoch waren auch ihre Stiefel, sie brachten ihre Beute ans Land.
Die Mönche baten um Herberge für die Nacht. So eng die Hütte jenseits der Düne war, sie fanden doch in dem einen gemeinsamen Raum zwischen Fischer, Gehilfen, Frau und Kindern Platz für eine Liegestatt am Boden.
Während der Fischmahlzeit beantworteten die beiden Männer Alberts viele Fragen nach ihrem Gewerbe, nach der besten Zeit zu fangen, nach dem Namen der Fische, nach Stürmen, besonders aber nach den Gezeiten und Springfluten bei Vollmond, die, so sagten die Fischer, bisweilen die Dünen bis zum Scheitel erkletterten, sodaß der Wind Fetzen von Schaum über das Dach trug, oft gab es bange Nächte.
Albert eiferte die Wortkargen zum Reden an, indem er dann und wann treu einen zum andern in Widerspruch brachte, es war, als ob er Funken aus Feuersteinen schlagen müßte. Doch ihnen war der Zusammenhang von Flut und Ebbe mit dem Mond kein Wunder, sondern etwas, was sie von kindauf täglich erlebten und worüber sie so wenig nachdachten wie darüber, daß Regen naß war. Ebenso natürlich war ihnen die Pünktlichkeit von An- und Ablauf des Wassers, sie vermochten für längere Fahrten die Flutstunden auf Wochen hinaus an den Fingern zu berechnen.
Aber für Albertus war diese Gewöhnung an Unbegreifliches so wunderbar wie ein Wunder des Meeres selbst. Schon in aller Frühe des nächsten Tages war er am Strand, Ägid schlief noch.
Das Meer war heute fern, der breite Strand besät mit den merkwürdigsten Dingen: pechschwarze Baumstümpfe vorzeitlicher Wälder, Skelette verwester Tiere, dick fleischige Seesterne, Krebse, die ins Trockene geraten an versteckten Stellen auf das Vordringen der Flut warteten, so erfahren wie die Menschen, märchenschöne, weiß, hellblau, rosa gefärbte scheibenartige Quallen, in denen man die inneren Organe durchschimmern sah.
Ägid kam und faßte gleich eine an, von Albert listig ungewarnt, dem dasselbe geschehen war, was nun seinem Schüler geschah: die Finger brannten ihm wie von Brennesseln, schnell warf er das Schleimgeschöpf fort, so fing sein Staunen gleich am Morgen an.
Das ist ihre Abwehr, auch in ihrer Welt gibt es Feinde und Kampf, rief Albert lachend.
Jetzt tauchte nahe vor ihnen aus dem Wasser ein Kopf auf, menschenähnlich mit borstigen Brauen und Schnurrbart, vor allem mit äußerst klugen Augen.
Ein Seehund, flüsterte Albert und hielt den Atem an. Das Tier schien über die zwei Menschen noch mehr verwundert, tauchte unter und auf, indem es in der Richtung mitschwamm, in der sie den Strand entlang gingen, suchte auftauchend sogleich mit den Augen nach ihnen, betrachtete sie mit unverkennbarer Neugier.
Am Nachmittag fuhren sie mit den Fischern im Boot hinaus zum Fang. Draußen waren noch andere Boote, auf allen war Tätigkeit. Die Mönche hatten Kleidungsstücke ihrer Hausleute angezogen und halfen mit das Netz hereinholen. Albert untersuchte die mancherlei Arten unter der Beute, er war voll Erwartung, eine in der Wissenschaft noch unbekannte zu finden, Ägid dagegen versuchte sich in der Kunst Steuer und Segel zu handhaben.
Das höchste Erlebnis wurde der Fang eines Wales in der Ferne, dem sie vom Boot aus zuschauen konnten, während das Land verschwunden war und nur noch Wasser um sie her. Erst fiel den meerunkundigen Mönchen weit vom Boot eine sonderbare Unruhe des Wassers auf, Wassersäulen stiegen wie Springbrunnen empor. Das große Fangschiff näherte sich mit vollen Segeln, die Tiere spielten in offenbarem Wohlgefühl mit einander, manchmal hob sich ein Rücken von kaum glaubhafter Länge aus der Flut. Ein Boot stieß vom Schiff ab, in der Spitze stand breitbeinig ein Mann mit bereit gehaltener Lanze, die er, als das Boot mutig an den Wal herangerudert war, abschleuderte. Sie war an einer fast endlosen Leine befestigt, der getroffene Wal raste davon und riß das Boot in weißem Gischt hinter sich her. Männer mit schwertlangen Messern standen bereit, sowie er ermattet, über ihn herzufallen. Die Jagd verlor sich in der Ferne.
Was wird Albert in seinem Tierbuch davon zu erzählen haben!
Hat solch ein Segel aus grobem Stoff nicht Empfindung so fein wie eine Menschenseele? sagte er. Gestern und heute spüren wir nur wenig vom Wind und doch bringt er die Boote tüchtig vorwärts, allerdings unterstützt der kunstvolle Bau der Schiffe die Wirkung.
Jeder Tag am Meer hatte sein eigenes Gesicht, ja jede Stunde brachte Änderung am Himmel und Wasser, Albert spürte schon Flut und Ebbe in seinem Blut mit, die Spannung in seiner Seele wuchs und löste sich mit dem Kommen und Gehen des Wassers.
Traumhaft waren solche Abende, an denen das Meer so blaßblau wie der Himmel war und die Grenze, wo beide sich berührten, im seidenen Duft unkenntlich, so daß Schiffe, die den Horizont entlang fuhren, hoch über dem Wasser in der Luft zu schweben schienen, von ihren geschwellten Segeln emporgehoben.
Nach einiger Überlegung erkannte Albertus: Das Auge macht die im Duft verlorene Wölbung des Wassers nicht mit und sucht darum den Stand der Schiffe niederer, dadurch entsteht diese unirdische Täuschung.
Einmal blieben sie bis tief in der Nacht draußen und betrachteten die Erscheinung eines Meerleuchtens. Von dieser Erscheinung werden sie zu Hause kaum erzählen können, weil sie selber dazu die Worte nicht finden werden und weil man ihren Bericht für verklärende Übertreibung halten wird, wie sie Reisenden eigen ist.
Jede der langen Brandungswellen, jede der geringen Wellen draußen zeigte auf ihrem Kamm einen leuchtenden Streifen, mit dem Niedersturz des Schaumes endete er. Es schien eine brennende Flüssigkeit über das Meer ausgegossen, aber es war ein überaus mildes Licht, zauberisch auf der bewegten Flut schwebend verteilte es sich nach allen Seiten, löschte aus, entzündete sich, jetzt hier, jetzt da, die Mönche hatten nicht Augen genug dem unabhängigen Wechsel in der großen Einheit zu folgen.
Albertus, wie immer nach schweigender Andacht zu Ergründung getrieben, dachte an das Leuchten der Marienkäfer auf dem Lande im Juni, das ebenso rasch erschien und verlöschte, von der gleichen milden Kraft, nur daß es einzelne verstreute Punkte waren, hier auf dem Meere aber leuchtende Bänder. Wie er als Beobachter der Natur oft seiner Zeit voraus dachte, so schien es ihm auch hier möglich, daß winzige Tiere, die auf dem Meerwasser lebten, dieses Licht hervorbrachten. Das Wie – jedes Nachdenken versagte, es gab nur Ahnung.
Er schickte Ägid ins Haus und wandte sich wieder der Andacht zu, ließ nur sie in sich walten, ohne Grübeln des Verstandes, er stand lange auf der Höhe der Düne, das Gesicht zu den Sternen gehoben, und dankte Gott, daß er ihm den Anblick solcher Größe gewährte.
An einem anderen Tag segelten sie bei niederem Wasserstand mit ihren Fischern zu einer Stelle, wo auf dem Meeresgrund Kirchen und Häuser einer versunkenen Stadt zu sehen sein sollten, ja, bei ganz ruhigem Wasser sollte man die Glocken und frommen Gesang hören. Es war schwer zu sagen, ob nach Ankunft des Bootes über dieser Stelle nur die Einbildungskraft die Schatten von Straßen und Häusern zu erkennen glaubte. Ägid war mehr darauf aus, Glocken und Gesang zu erhorchen; er, sonst der Nüchterne, war hier merkwürdig erregt und niemand im Boot durfte sich rühren. Aber es ging ohnehin auch auf die Fischer ein Schauer von der Sage dieses versunkenen Einst aus. Albertus ließ die Augen lieber über die unermeßliche Wasserweite gehen.
Noch wartete er, ehe sie sich auf die Weiterreise machten, auf einen Sturmtag. Doch mußte er sich bescheiden mit starkem Wind, der das Meer zu niederen Wellenbergen aufwühlte und die Fischer zu Haus hielt. Flocken von Schaum wurden als silberne Schleier über die Spitzen dieser Wasserberge gebreitet, die Dünengipfel hatten ein ebensolches, gelb flatterndes Netz von aufgewehtem Sand weit landein über sich, – wo der Sand Hände und Gesicht der Mönche traf, schmerzte er. Wolken von nie gesehener Schwärze trieben schneller als die weißen Wellen dicht über ihnen in der gleichen Richtung hin. Wo im Gewölk sich für kurze Zeit eine Öffnung auftat, gleißte das schäumende Meer wie ein Goldpanzer, in der Nähe beleuchtete die Sonne den Sturz der Wogen so grell, daß alles, was getroffen wurde, zu flüssigem Feuer wurde.
Am letzten Abend, die beiden Gäste hatten nicht zufällig so lange gewartet, sondern auf den Rat der Fischer, hatte der Mond bei klarem Himmel seine volle Rundung erreicht und sie erlebten eine Springflut. Das war geradezu, als ob die in der Reinheit der Luft mit nie gesehener Kraft leuchtende Mondscheibe das Wasser magnetisch zu sich heraufzöge. Das Meer, bei völliger Windstille, von jener übernatürlichen Kraft über sich selbst hinausgehoben, stieg bis zur halben Höhe der Düne, eine Stunde später erreichten einige Wellenspitzen den Kamm, sie gierten wie Mäuler wilder Tiere zu den beiden Mönchen hinauf, aufrecht im unerklärlichen Aufruhr des Elements standen sie oben, stumm, Albertus mit dem Meer und so auch mit dem Schöpfer inniger als je vorher verbunden, bis in die tiefe Nacht vermochte er sich nicht von dem Anblick zu trennen, der ihm, wenn er wieder zu Hause ist, in zwei Jahren, wohl das Unvergeßlichste der Reise geblieben sein wird.
Hinter ihm, im Schutz der Düne, vom langen Sehen ermüdet, doch auch hier noch eher erschreckt vom gespenstischen Bild der Sandberge, die eine Mondlandschaft schienen, hatte Ägid sich hingekauert, die Stirn fast auf die Knie gesenkt, ganz in sich selbst gekrümmt, um es wärmer zu haben, aber auch um sich klein zu machen vor der Furcht der Ewigkeit, die Augen geschlossen, er schlief bald.
Die Nacht ging schon in den Morgen über, der Mond versank, Grauen und Frost kamen vom Meer. Albertus nahm Abschied vom Blick in die Urschöpfung, den er getan. Gottes Atem hat ihm ins Gesicht geweht – wohl weiß Albert nicht mehr von Gott als bisher, aber sein Glaube ist nun unerschütterlich und teilt sich den Menschen mit, darum mußte er hierher. Er weckte Ägid, sie schritten stumm in die Hütte, schon wuchs die Sonne rosenfarbig und golden aus dem Wasser.