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Die Problematik des Erfindens – Die Textilkunst als Erfindungsgebiet – Richard Arkwright und die Watermaschine – Vom Barbier zum Erfinder und Multimillionär – Crompton und die Mule-Maschine – Napoleon und die Flachsspinnmaschine – Philippe de Girard – Die Erfindung der Wollspinnmaschine – Josua Heilmann – Ernst Geßner
In der Geschichte der menschlichen Geistes- und Kulturentwicklung, die gleichbedeutend ist mit der Geschichte der Probleme des Menschengeistes, sind die Erfindungen Marksteine von besonderer Bedeutung. Jede Erfindung bedeutet die Lösung eines Problems in jenem Geistesgebiete, das wir als Technik bezeichnen. Verstehen wir unter »Technik« die Beherrschung von Kraft und Stoff durch Schaffung und Anwendung künstlicher Vorrichtungen, durch welche die Kräfte und Stoffe der Umwelt der menschlichen Werktätigkeit und Daseinsweise untertan und nutzbar gemacht werden, so bedeutet jede Erfindung die Lösung eines Problems, das darin bestand, bestimmte Formen zu finden, um bestimmte Kräfte und Stoffe einem bestimmten technischen Zweck in dem dargelegten Sinne dienstbar zu machen. Das Suchen solcher Formen ist die schöpferische Geistestat des Erfinders, das Finden derselben die Lösung des Problems.
Das Problematische der Erfindungstätigkeit tritt uns in der Geschichte und dem Werdegange jeder Erfindung und ebenso in dem Lebensschicksal nahezu jedes Erfinders deutlich entgegen. Einerseits in den oftmals verschlungenen und verwirrten Wegen und Umwegen, die verfolgt wurden, ehe es gelang, das gesteckte Ziel zu erreichen und das vorschwebende Problem zur befriedigenden Lösung zu bringen, Wegen und Umwegen, die den Werdegang so mancher Erfindung als echten, rechten Wettlauf mit der Schildkröte kennzeichnen; andererseits in der Tätigkeit des einzelnen Erfinders selbst, die immer ein Versenken in ein Problem und ein Ringen mit diesem um seine Lösung ist ganz von der Art, wie wir es aus der Geschichte der eigentlichen Geistesprobleme kennen. Das Problematische des Erfindens zeigt sich aber auch in der eigentümlichen Wertung, die Erfindungen und Erfinder so oft erfahren haben. Nicht immer haben die Erfinder den Dank für ihre Schöpfungen und Leistungen schon zu Lebzeiten erhalten. Im Gegenteil, in der Mehrzahl der Fälle wurde ihnen dieser Dank erst nach ihrem Tode durch die Anerkennung der Nachwelt gezollt, und auch hierin begegnen sie sich mit den Männern der geistigen Problematik.
An einer Reihe von Erfindungen wollen wir das Problematische des Erfindens näher darzustellen suchen, und aus der unübersehbaren Fülle der Erfindungen wählen wir zu diesem Zwecke die Geschichte der Erfindung der Textilmaschinen. Einerseits knüpft sich gerade an diese Erfindungen die Entwicklung eines der wichtigsten und größten Zweige der technisch-industriellen Werktätigkeit, andererseits zeigen die Lebensschicksale der Erfinder dieses Gebietes und die Art, wie sie zu ihren Erfindungen kamen, die Problematik des Erfindens wie auch die Eigenart und Tragik des Erfinderloses in besonders deutlicher und ergreifender Weise.
Die heutige Textilindustrie ist ihrer Technik nach im wesentlichen aus den Erfindungen der verschiedenartigen Spinn- und Webmaschinen hervorgegangen, die im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts gemacht wurden und dazu bestimmt waren, die früheren einfachen und wenig leistungsfähigen technischen Hilfsmittel der Textilkunst zu ersetzen. In erster Linie gilt das für die Erfindung der Spinnmaschine. Die Erfindung einer solchen Maschine, durch welche das mühevolle, langsame und wenig leistungsfähige Spinnen mit der Hand und ebenso das alte Spinnrad durch eine zweckmäßigere, schneller arbeitende und leistungsfähigere maschinelle Vorrichtung ersetzt werden sollte, war ein Problem, an dessen Lösung sich schon seit dem 16. Jahrhundert einzelne Erfinder versucht hatten. Schon der hochberühmte Leonardo da Vinci, Ingenieur, Architekt, Bildhauer und zugleich einer der genialsten und vielseitigsten Menschen aller Zeiten, hatte den Entwurf für eine solche Maschine hergestellt, der jedoch nicht zur Ausführung gelangte. In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich dann der Engländer John Wyatt mit der Erfindung einer solchen Maschine, die zum Spinnen von Baumwolle dienen sollte. Der wichtigste Teil seiner Maschine waren mehrere neben- und übereinanderliegende und mit gleicher Geschwindigkeit umlaufende geriefte Walzen, sog. Streckwalzen, durch welche die Baumwolle hindurchgeführt, dadurch gezogen und gestreckt und so zum mechanischen Verspinnen auf einer Spindel reif gemacht wurde. Als Spinnapparat dienten hierbei die sog. Flügelspindeln, die schon seit langem bekannt und in Anwendung waren. Diese Maschine, die im Jahre 1741 zum ersten Mal in Betrieb genommen wurde, darf als die erste Spinnmaschine überhaupt bezeichnet werden. Solche Flügelspinnmaschinen waren für 250 Spindeln eingerichtet, zwei Esel waren zum Antrieb der Maschine nötig und zehn Mädchen zur Bedienung derselben. In den Spinnereien von Birmingham wurden einige solcher Maschinen versuchsweise in Betrieb genommen, doch konnten diese befriedigende Erfolge nicht erzielen, und der Betrieb dieser Maschinen wurde daher schon sehr bald wieder eingestellt, womit das Schicksal dieser ersten Spinnmaschine besiegelt war.
Abb. 75
Hargreaves Spinnmaschine
Eine wesentlich geeignetere und brauchbarere Vorrichtung für den erstrebten Zweck war dagegen die von James Hargreave erfundene Spinnmaschine. Hargreave, geboren in Standhill bei Blackburn und Weber von Beruf, beschäftigte sich ungefähr um dieselbe Zeit wie Wyatt mit der Erfindung einer Spinnmaschine. Seiner Maschine lag ein wesentlich anderer Erfindungsgedanke als der von Wyatt zugrunde. Statt der Streckwalzen waren bei ihr zwei horizontale zusammengepreßte Latten, die Presse, angebracht. Von dieser wurde der zu verspinnende Baumwollenbüschel, das Band, festgehalten. Die Spindeln, die ähnlich denen beim Spinnrad eingerichtet waren, standen vertikal auf einem beweglichen Wagen und bewirkten das Ausziehen und Drehen der Fasern und beim Rückwärtsfahren auch das Aufwickeln des gesponnenen Fadens. Nach seiner Tochter Jenny, die dem Erfinder bei seiner Tätigkeit fleißig half, nannte Hargreave diese Maschine Jenny-Maschine, welchen Namen diese Art der Spinnmaschine bekanntlich noch heute führt. Abbildung 75 stellt Hargreaves erste Spinnmaschine dar, die im Jahre 1767 fertiggestellt und mit acht Spindeln betrieben wurde. Bei einer weiteren und bereits verbesserten Maschine dieser Art konnten schon 100 Spindeln eingestellt werden, zu deren Bedienung nur ein Mädchen benötigt wurde.
Diese Maschine, deren Konstruktions- und Arbeitsweise bis auf den heutigen Tag in den Spinnmaschinen dieser Art erhalten ist, erwies sich als durchaus verwendbar und stellte gegen alle früheren Versuche und Konstruktionen einen sehr bedeutsamen Fortschritt dar. Aber ihr Erfinder hatte kein Glück mit ihr. Er stieß auf vollkommene Verständnislosigkeit der Fachkreise, und statt bei diesen Begeisterung für seine Erfindung zu wecken, wie er gehofft hatte, erweckte er nur die Befürchtung, daß die neue Maschine eine lebensgefährliche Konkurrenz für die Spinnereien werden müßte. Die zünftigen reichen Spinnereibesitzer blickten scheel auf den armen Weber, der mit seiner Erfindung ein reicher Mann werden wollte. Ihre Befürchtungen vor der Konkurrenz der Spinnmaschine übertrugen sie auch auf die Arbeiter in den Spinnereien. Diese wurden dadurch zu schroffer Feindseligkeit gegen den Erfinder veranlaßt, drangen in sein Haus ein und zerstörten seine Maschinen und Werkzeuge nahezu vollständig, ja drohten, ihn totzuschlagen, wenn er nochmals eine solche Maschine bauen würde. Diese Drohungen nötigten Hargreave, nach Nottingham zu flüchten.
In Nottingham setzte Hargreave seine Erfindungstätigkeit fort und stellte dort eine neue Maschine von abermals verbesserter Konstruktion her. Aber auch hier ereilte ihn die Mißgunst der zünftigen Spinner und der Unverstand der durch jene aufgehetzten Arbeiter. Auch diese Maschine wurde von einem eingedrungenen Haufen zerstört, wobei Hargreave selbst verwundet wurde. Damit war seine Kraft erschöpft. Aller Mittel entblößt, gebrochen an Geist und Körper, fand er eine letzte Zufluchtsstätte im Arbeitshause zu Nottingham, wo er auch gestorben ist, zu derselben Zeit, als schon Tausende von Spinnmaschinen seiner Erfindung in England, Frankreich und Deutschland arbeiteten. Selten ist einem hervorragenden Erfinder mit größerem Undanke von seinem Vaterlande gelohnt worden als Hargreave. Hat man ihm doch sogar die Anerkennung, daß er der Erfinder jener Maschine sei, bestritten, und nur ein bescheidener Dank ist ihm geworden, nämlich derjenige, daß, wie bereits gesagt, noch heute die Art von Spinnmaschinen, die nach dem von ihm herrührenden Prinzip gebaut werden, nach seiner Tochter als Jenny-Maschinen bezeichnet werden. Bemerkt sei noch, daß die Jenny-Maschine im Jahre 1772 durch den Engländer Wood eine Änderung in der Weise erfuhr, daß die Spindeln in den fahrbaren Wagen verlegt, die Presse aber festgelegt wurde, eine Konstruktion, die als »Billy-Maschine« bekannt geworden ist und bis gegen das Jahr 1830 in der Streichgarnspinnerei Anwendung gefunden hat.
Ein günstigeres Schicksal und ein großer Erfolg dagegen war dem Nachfolger Hargreaves in der Erfindungsgeschichte der Spinnmaschine Richard Arkwright beschieden, der den glänzendsten Namen als Erfinder in der Geschichte dieser Maschine aufweist und sich durch seine Leistungen für immer den Dank der Menschheit verdient hat. Sein Lebensgang und seine Laufbahn als Erfinder sind in mehrfacher Hinsicht interessant. Arkwright, geboren am 23. Dezember 1732 zu Preston in Lancashire, war ursprünglich Barbier und hat dieses Gewerbe auch Jahre hindurch ausgeübt, bevor er, einer angeborenen Neigung folgend, umsattelte und sich mit dem Uhrmacher Kay in Warrington zur Begründung einer mechanischen Werkstatt vereinigte. Seine erste Idee war freilich noch nicht diejenige der Spinnmaschine, sondern die Erfindung des – Perpetuum mobile. Glücklicherweise blieb er vor dem Schicksal so vieler anderer, die über der Lösung dieses Problems ihre Zeit, ihr Geld und schließlich auch ihren Verstand verloren, verschont, indem er schon bald das Verfehlte dieses Bemühens einsah und sich anderen Aufgaben zuwandte, wo ihm mehr Erfolg beschieden war. Er wandte sich der Erfindung der Spinnmaschine zu, die damals ein vielerörtertes Problem in England war. So wenig Erfolg bis dahin auch die Erfinder solcher Maschinen zu verzeichnen gehabt hatten, so arbeiteten damals doch zahlreiche mehr oder weniger genial veranlagte Köpfe an der Lösung dieses Problems. Arkwright soll durch das Bekanntwerden der Maschine von Hargreave angeregt worden sein, ebenfalls eine solche Maschine zu bauen. Mit finanzieller Unterstützung eines Freundes und unter dem Beistand seines Sozius Kay stellte er im Jahre 1768 seine erste Spinnmaschine fertig, auf die er im folgenden Jahre ein Patent nahm. Seine Maschine stellte eine Verbindung der Wyattschen Streckwalzen zum Strecken der Krempelbänder mit der Flügelspindel des altbekannten Spinnrades dar. Arkwrights Maschine war jedoch technisch bereits viel vollkommener und exakter ausgeführt und auch mit einer Reihe neuartiger Einrichtungen versehen; das Strecken wurde durch drei Paar Walzen bewirkt, das Aufwinden des Fadens durch Heben und Senken einer Spulenbank. Ausziehen, Drehen und Aufwickeln erfolgten, wie beim Spinnrade, gleichzeitig.
Diese erste Spinnmaschine Arkwrights wurde im Jahre 1768 fertiggestellt, aus welchem Jahre auch das Patent stammt. Zum Zweck der praktischen Verwertung der Maschine setzte sich Arkwright mit der berühmten Spinnerei von Strutt & Need in Nottingham in Verbindung. Die Besitzer der Firma, die den Wert der neuen Maschine sehr wohl zu würdigen wußten, schossen ihm die Mittel vor, um eine Spinnerei zu begründen, in der er seine Maschine zur praktischen Anwendung brachte. Von Anfang an hatte Arkwright die Maschine zum Betrieb mit Wasserkraft eingerichtet, und dieser Eigenschaften wegen wurden die nach seinen Konstruktionsprinzipien gebauten Maschinen Water-Maschinen, das von ihnen erzeugte Garn Watergarn oder Watertwist genannt, und diese Bezeichnungen sind bis heute beibehalten worden. Selbst als dann späterhin die Dampfmaschine zum Antrieb solcher Maschinen benutzt wurde, geschah das ursprünglich nur in der Weise, daß die Dampfmaschine vermittels einer Pumpe Wasser hob, welches dann auf das Wasserrad der Spinnmaschine geleitet wurde und diese in Bewegung setzte.
Abb. 76
Arkwrights Spinnmaschine
Die Arkwrightsche Maschine, die unsere Abbildung 76 wiedergibt, erwies sich von Anfang an als ein sehr geeignetes maschinelles Hilfsmittel für die Spinnerei und hatte bald bedeutende Erfolge zu verzeichnen. Damit beschwor aber Arkwright, in ganz ähnlicher Weise, wie es bei Hargreave der Fall gewesen war, die Mißgunst und den Unverstand der Kreise der berufsmäßigen Spinner, die sich durch seine Maschine bedroht glaubten, gegen sich. Auch er hatte Verfolgungen und Anfeindungen zu erleiden, auch seiner Maschine drohte mehr als einmal das Schicksal der Vernichtung. Doch hatte sich die neue Maschine verhältnismäßig bald und schnell auch in anderen Spinnereien eingeführt, so daß diese Vernichtungspläne nicht zu Ende geführt werden konnten. Späterhin aber wurde ihm von den Gebrauchern seiner Maschine das Erfindungsrecht bestritten und die Gültigkeit seines Patents angegriffen. Diese Angriffe stützten sich auf die Ähnlichkeit der Water-Maschine mit der Wyattschen Maschine sowie auf die Tätigkeit des früheren Mitarbeiters Arkwrights, Kays, der inzwischen verstorben war. Es wurde auch ein Modell Kays aus dem Jahre 1768 beigebracht, um an diesem die Ungültigkeit des Patents von Arkwright zu erweisen. Möglich, ja wahrscheinlich sogar, daß Arkwright von diesem Modell ausgegangen ist; dennoch vermochte er den Nachweis zu führen, daß seine Maschine so viel Neues aus seiner eigenen Erfindungstätigkeit enthielt, daß er seine Rechtsansprüche gegen seine Gegner in vollem Umfange durchzusetzen vermochte. Auch waren ja die Angriffe seiner Gegner viel weniger von dem Bestreben eingegeben, den früheren Erfindern zu ihrem Recht zu verhelfen, als vielmehr sich selbst ihrer Abgabepflicht an Arkwright zu entledigen, ein aus Krämergeist und Gewinnsucht in gleicher Weise gemischtes Verhalten, das gerade die englischen Industriellen hervorragenden Erfindern gegenüber in zahllosen Fällen an den Tag gelegt haben und das besonders auch die Erfinder auf dem Gebiete der Spinnerei- und Webereitechnik erfahren haben. Arkwright gewann seine Prozesse gegen die Besitzer seiner Patente, und aus den Gebühren, zu deren Zahlung jene verurteilt wurden, flossen ihm im Laufe der Jahre sehr bedeutende Mittel zu, ebenso wie sich auch seine eigene Spinnerei überaus günstig entwickelte. Diese Umstände machten ihn im Laufe der Jahre zu einem der reichsten Leute Englands. Auch an öffentlicher Anerkennung fehlte es ihm nicht; im Jahre 1786 wurde er zum Obersheriff von Derbyshire ernannt und bald darauf in den Adelstand erhoben. Als er am 3. August 1792 starb, hinterließ der ehemalige Barbier ein Vermögen von über 10 Millionen Mark.
Noch ein dritter Erfinder auf dem Gebiete der Spinnereimaschine sei hier erwähnt, Samuel Crompton (geb. 1753 zu Firwood in Lancashire, gest. 1827 ebendort), ein Mechaniker von Beruf. Dessen Maschine ging aus der Verbindung wesentlicher Bauelemente der Maschinen von Hargreave und Arkwright hervor. Crompton entlehnte aus der Jenny-Maschine den fahrbaren Wagen, aus der Water-Maschine hingegen das Walzenstreckwerk und schuf damit (während der Jahre 1774 bis 1779) einen neuartigen Typus der Spinnmaschine, der die Vorteile jener beiden Maschinen in sich vereinigte, ohne ihre Mängel zu haben, und damit berufen war, das bis auf den heutigen Tag vollkommenste System der Spinnmaschine zu werden. Da diese Maschine ihrer Bauart und Arbeitsweise nach gleichsam ein Bastard zwischen der Jenny-Maschine und der Water-Maschine war, nannte Crompton sie mit derbem englischen Humor Mule-Maschine (nach mule, Maultier, dem Bastard zwischen Stute und Eselhengst). Die Überlegenheit der Mule-Maschine bekundete sich von Anfang an darin, daß sie viel feineres Garn als die Jenny-Maschine und ebenso auch als die Water-Maschine erzeugte und das Spinnen auch des feinsten Garnes möglich machte, womit sie als die wichtigste Erfindung auf dem Gebiete der Spinnerei zu gelten hat.
Cromptons Maschine führte sich in den großen englischen Fabriken rasch ein, und um das Jahr 1800 wurden bereits in 300 Fabriken nahezu fünf Millionen Spindeln an Mule-Maschinen in Tätigkeit gesetzt, welche 70 000 Spinnern und 150 000 Webern Arbeit gaben. Crompton selbst hat freilich die Früchte seiner Erfindung nur in sehr bescheidenem Maße genossen. Zwar ist es ihm nicht so schlimm ergangen wie Hargreave, andererseits gestaltete sich sein Erfinderschicksal auch nicht im entferntesten so günstig wie das von Arkwright, obwohl seine Maschine einen wesentlich höheren und wertvolleren Typus der Spinnmaschine als die Arkwrights darstellte. Um sich nicht den Verfolgungen und Anfeindungen seitens der Manufakturisten und Arbeiter auszusetzen, hatte er von vornherein auf die Patentierung seiner Maschine verzichtet, in der Hoffnung, daß ihn die englische Regierung für seine Erfindertätigkeit, die, wie schon sehr bald ersichtlich wurde, von weittragendster Bedeutung für das gesamte industrielle und kommerzielle Leben des Landes werden mußte, in angemessener Weise entschädigen würde. Diese Hoffnung ist nur in sehr bedingter Weise in Erfüllung gegangen. Es wurde ihm auf sein Gesuch nur die Summe von ganzen 100 Pfund (= 2000 Mark) zuerkannt, im Jahre 1800 dann allerdings nochmals 500 Pfund und zehn Jahre später nochmals eine Belohnung von 5000 Pfund, gewiß ein bescheidenes Entgelt für eine Erfindung, die den Reichtum des Landes um Hunderte von Millionen Mark gemehrt hat. Diese Entschädigung von Staats wegen hat es denn auch nicht verhindern können, daß der Erfinder, der das Mehrfache jener Beträge auf seine Erfindung verwandt und dieser sein ganzes Vermögen geopfert hatte, in den dürftigsten Verhältnissen starb. Erst nach seinem Tode hat ihm sein Vaterland durch Aufstellung eines Kolossaldenkmals in Preston den Zoll der Dankbarkeit gewidmet.
Die bis zu dieser Stufe der technischen Entwicklung gelangten Spinnmaschinen dienten zunächst lediglich für das Verspinnen der Baumwolle, und Jahrzehnte hindurch blieb die Baumwollspinnerei die einzige Anwendungsweise jener Maschinen. In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts machte sich dann auch das Bedürfnis nach einer geeigneten Maschine für das Verspinnen anderer Stoffe, vor allem des Flachses und der Wolle, geltend. Das erforderte jedoch eine Abänderung der Spinnmaschine für diese besonderen Zwecke, ja sogar eine konstruktive Neuerfindung in wesentlichen Teilen, die ein weiteres Kapitel in der Geschichte und Entwicklung der Spinnmaschine ist. Während die Baumwollspinnmaschinen von englischen Erfindern ausgebildet wurden, geschah die Erfindung der Flachsspinnmaschine durch einen Franzosen. Die Geschichte dieser Erfindung ist ein überaus interessantes Kapitel.
Dem Kaiser Napoleon gebührt das Verdienst, den Anstoß zur Erfindung der Flachsspinnmaschine gegeben und das erfinderische Genie, dem die Lösung dieses Problems gelingen sollte, ans Licht gezogen zu haben. Veranlaßt wurde das durch seinen Wirtschaftskampf gegen die englische Industrie, der seinen Höhepunkt in der Kontinentalsperre, der Abschließung des kontinentalen europäischen Handelsmarktes gegen die Einfuhr englischer Waren, erreichte. Aus diesen Bestrebungen des zielbewußten Korsen erwuchs auch der Plan, der infolge der Spinnmaschinen gewaltig aufgeblühten englischen Baumwollspinnerei, die ganz Europa mit ihren Erzeugnissen versorgte, einen Wettbewerb auf dem Kontinent zu schaffen. Da die Seemacht der Engländer ihn an der Einfuhr der Baumwolle nach dem Kontinent hinderte, kamen nur die heimischen Textilstoffe in Betracht, vor allem der Flachs. Eine aufblühende kontinentale Flachsspinnerei zu schaffen, durch welche der Kontinent von der englischen Baumwollindustrie unabhängig gemacht und so dem verhaßten England ein schwerer wirtschaftlicher Schlag beigebracht werden sollte, war der Plan, zu dem Napoleons weitblickende Politik führte. Die Ausführung dieses Planes aber setzte voraus, die Flachsspinnerei in ebenso großzügiger und rationeller Weise mit Maschinen zu betreiben, wie es die Engländer mit dem Verspinnen der Baumwolle tun konnten. Aus diesen Erwägungen heraus erließ Napoleon ein Dekret, datiert vom 12. Mai 1810, in welchem er einen Preis von einer Million Franken für den Erfinder einer Flachsspinnmaschine, gleichviel welcher Nation dieser angehören würde, aussetzte.
Ein französischer Erfinder, Philippe de Girard, war es, der die von dem französischen Kaiser gestellte Aufgabe in vollkommener Weise löste und sich dadurch für immer einen hervorragenden Platz in der Geschichte der Textiltechnik sicherte. Das Leben Girards war ein überaus eigenartiges Erfinderschicksal. Geboren 1755 zu Loumarin als Sohn eines begüterten Vaters, hatte er sich schon zeitig der Lösung wissenschaftlicher und technischer Probleme zugewandt. Die Erfindung eines achromatischen Fernrohrs und die einer hydrostatischen Lampe gelangen ihm schon in jungen Jahren. Das Dekret Napoleons regte den damals 35jährigen Girard mächtig an. Mit Feuereifer machte er sich an die Lösung der gestellten Aufgabe mit dem Erfolg, daß er bereits zwei Monate nach dem Erlaß jenes Dekrets ein Patent auf eine neue Flachsspinnmaschine anmelden konnte, das die Lösung des gestellten Problems enthielt.
Girard hatte die Aufgabe an der richtigen Seite angepackt. Er hatte die Flachsfaser eingehend untersucht und gefunden, daß deren ursprüngliche Länge und Härte dem Verspinnen auf der üblichen Baumwollspinnmaschine unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzten, daß also eine Umwandlung im organischen Gefüge der Flachsfaser stattfinden müsse, um sie zum Verspinnen geeignet zu machen. Er fand, daß durch die Einwirkung von Wasser die ursprüngliche Flachsfaser in einzelne feine Fäserchen getrennt werden kann, die sich leicht und mühelos verspinnen lassen. Demgemäß baute er eine Maschine, bei der die Flachsfasern, bevor sie zur eigentlichen Verarbeitung gelangten, einen Trog mit heißem Wasser zu passieren haben, worauf durch Hechelkämme das Trennen der ursprünglichen Fasern in einzelne kleine Fäserchen und durch geeignete mechanische Vorrichtungen das Ausrichten der Faserbündel bewirkt wird. Das Verspinnen des so gewonnenen Materials feiner und geschmeidiger Fasern erfolgt dann ganz ähnlich wie bei der Baumwollspinnmaschine. »Die Million ist mein!«, rief der Erfinder beglückt aus, als er sein Patent angemeldet hatte. Darin aber sollte er sich sehr geirrt haben. Die von ihm erfundene Maschine wurde zwar von der französischen Regierung als vollkommene Lösung des Problems anerkannt, den ausgesetzten Preis hat der Erfinder jedoch nicht erhalten. Denn die Wirren der nächsten Jahre in Frankreich, der unglückliche Ausgang des Feldzuges Napoleons gegen Rußland und die weiter folgenden kriegerischen und politischen Ereignisse, die schließlich zum Sturz Napoleons und des Kaiserreiches führten, brachten die von Napoleon eingegangene Verpflichtung in Vergessenheit. Girard, der in der Hoffnung auf die Auszahlung des Preises bereits eine große Fabrik zum Bau von Flachsspinnmaschinen begründet hatte, geriet dadurch in schwere Bedrängnis. Da ihn die Gläubiger bedrängten, folgte er im Jahre 1815 einem Ruf nach Österreich, wo er in dem Orte Hirtenberg bei Wien eine Maschinenbauanstalt für Flachsspinnmaschinen und gleichzeitig eine Flachsspinnerei einrichtete, die er bis 1825 leitete.
Seine Erfindung hat dann sehr eigenartige Schicksale erfahren. Zwei Werkmeister der von ihm begründeten, dann aber wieder eingegangenen Fabrik gingen nach England und verkauften dort betrügerischerweise die Erfindung Girards als ihre eigene für 25 000 Pfund Sterling an englische Spinnereien, darunter auch an den Spinnereibesitzer Horace Fall, der, ebenso unehrlich wie jene, die Erfindung für England dann nochmals auf seinen Namen patentieren ließ. Damit war der Grund gelegt zu der englischen Flachsspinnerei, die in der Folge rasch und schnell emporblühte. So kam es, daß die Erfindung der Flachsspinnmaschine, die angeregt und gemacht worden war, um der englischen Textilindustrie einen vernichtenden Schlag zuzufügen, in der Folge englisches Besitztum und die Grundlage einer neuen Industrie Englands wurde. Von England kam die Flachsspinnmaschine dann wieder nach Frankreich zurück und galt dort zunächst für eine englische Erfindung, bis es Girard gelang, durch Veröffentlichung in französischen Zeitungen den Nachweis seiner Vaterschaft zu führen. Er hatte dabei mit dem heftigsten Widerstand der Regierung seines eigenen Vaterlandes zu kämpfen. Denn auf Veranlassung des französischen Handelsministeriums war die in England so erfolgreich eingeführte Flachsspinnmaschine auch nach Frankreich gebracht worden; das Ministerium fürchtete durch Anerkennung der Erfinderrechte Girards die Beziehungen zu England zu schädigen und stand daher den Ansprüchen und Veröffentlichungen Girards entschieden ablehnend gegenüber. Es bedurfte erst eines energischen Protestes seitens der französischen Gelehrten und Ingenieure, die aus nationalen Gründen die Sache Girards zu der ihrigen gemacht hatten, ehe das Ministerium seinen Widerstand aufgab. Auch sonst hat Girard keinen Dank von seinem Vaterlande geerntet. Durch die Unerbittlichkeit seiner Gläubiger blieb er verbannt, da damals in Frankreich noch die Institution der Schuldhaft bestand, und erst nach seinem siebzigsten Lebensjahre durfte er zurückkehren, ohne befürchten zu müssen, in den Schuldturm geworfen zu werden. Eine bescheidene Pension wurde dem Greis, der durch seine Erfindung der Welt eine neue und mächtige Industrie erschaffen hatte, verweigert, und die Mißgunst des Handelsministeriums ging so weit, dem Erfinder auch die für ihn vorgeschlagene öffentliche Ehrung durch den Orden der Ehrenlegion zu verwehren. So starb Girard in kümmerlichen Verhältnissen. Seine Erfindung aber trat von England aus einen Siegeszug um die ganze Welt an. Im Jahre 1830 wurde in Leeds in England bereits eine Flachsspinnerei von 20 000 Spindeln betrieben.
Noch länger dauerte es, bis auch die Wollspinnerei für die Anwendung der Spinnmaschine reif wurde. Wie für die Baumwollspinnerei, so war auch für die Wollspinnerei unbedingte Voraussetzung das Vorhandensein bzw. die Erfindung einer geeigneten Kämmaschine, durch welche aus dem Gemisch der sehr verschieden langen Wollfasern die kurzen Fasern ausgeschieden und so das Rohmaterial bis zu dem notwendigen Grade von Feinheit fertiggemacht werden konnte. So eifrig dieses Problem, von dessen Lösung die Möglichkeit der Wollspinnerei abhing, von den verschiedensten Seiten aus auch bearbeitet wurde, so dauerte es doch Jahrzehnte, ehe wirklich brauchbare Maschinen dieser Art erfunden wurden. Zwar hatte schon im Jahre 1790 Edmund Cartwright, der damals bereits als Erfinder des mechanischen Webstuhls berühmt geworden war, auch eine Maschine zum Wollkämmen gebaut, die sich jedoch darauf beschränkte, den Vorgang des Kämmens mit der Hand mechanisch nachzuahmen, also keinen neuartigen Erfindungsgedanken aufwies und auch keinen nennenswerten Erfolg zu verzeichnen hatte. Dennoch aber machten die gewerblichen Handkämmer gegen diese Maschine energisch Front, und sie setzten es durch, daß die von Cartwright im Jahre 1794 bei Ramsbottom bei Bradford errichtete und durch ein Göpelwerk betriebene Kämmaschine wieder stillgelegt wurde. Wieder einmal trugen Beschränkheit, Angst vor dem Neuen und handgreifliche Gewalt den Sieg über den Fortschritt der Technik davon. In den nächsten Jahrzehnten finden wir dann eine ganze Reihe von Erfindern, sowohl englischer wie auch französischer und deutscher Abstammung, an der Arbeit, eine brauchbare Kämmaschine zu bauen und dadurch auch die Wolle der mechanischen Verspinnung zugänglich zu machen. Angesichts der großen Bedeutung einer solchen Erfindung setzte die französische »Gesellschaft zur Aufmunterung der Nationalindustrie« in Paris, die eigens zu dem Zweck ins Leben gerufen war, den Erfindungsgeist des Landes durch Unterstützung und Belohnungen anzuregen, einen bedeutenden Preis auf die Lösung des Problems aus, der auch dem Erbauer einer solchen Maschine, Demaury mit Namen, im Jahre 1810 erteilt wurde. Doch konnte auch diese Maschine noch keinen dauernden Erfolg erzielen, ebenso wie eine vier Jahre später prämiierte andere Kämmaschine eines französischen Erfinders. Nach zahlreichen anderen Versuchen wurde dann in den dreißiger Jahren das erste brauchbare System einer Wollkämmaschine von dem Deutschen Heinrich Wieck aus Chemnitz erfunden, das dann in England weitere Verbesserung erfuhr und hier die Grundlage zum Bau solcher Maschinen wurde. Eine andere Wollkämmaschine stammte von Samuel Lister und dessen Landsmann Donnisthorpe her, die bereits seit 1835 getrennt an der Konstruktion von Kämmaschinen gearbeitet hatten, ohne Erfolg zu erzielen. Ein solcher wurde ihnen erst beschieden, als sie die Konstruktionsprinzipien ihrer beiden Maschinen zugleich mit Konstruktionselementen der Maschine von Wieck zu einem neuen System vereinigten, das seitdem unter dem Doppelnamen der beiden Genannten sich dauernd behauptet hat.
Die vollkommene Lösung erfuhr das Problem der Wollkämmaschine jedoch erst durch den Elsässer Josua Heilmann, einen genialen Kopf, dem die Textilindustrie noch zahlreiche andere und überaus wertvolle Neuerungen und Erfindungen verdankt und der in der Erfindungsgeschichte dieser Industrie für immer einen hervorragenden Platz einnimmt. Heilmann (geboren 1796 in Mülhausen) war ursprünglich für den Kaufmannsberuf bestimmt worden, dann jedoch durch den Plan seiner Verwandten, eine Baumwollspinnerei zu errichten, auf den Weg geleitet worden, der für sein ganzes Leben entscheidend werden sollte. Obwohl erst 22 Jahre alt, entwarf er alle Pläne für die neu zu errichtende Spinnerei, die er dann Jahre hindurch mit gutem Erfolge leitete. Eine Anzahl kleinerer Erfindungen zur Verbesserung der damals üblichen Spinn-, Webe- und Appreturmaschinen, die er als technischer Leiter jener Fabrik machte, stammt aus jener Zeit. Einige Jahre darauf machte er die hochbedeutende Erfindung der Stickmaschine, die seitdem grundlegend für den Bau solcher Maschinen geworden ist. In den dreißiger Jahren wandte er sich dann der Erfindung einer geeigneten Wollkämmaschine zu. Dieses Problem bereitete auch seinem erfinderischen Geist ungeahnte Schwierigkeiten. Sieben Jahre hindurch arbeitete er mit Mißerfolg an der Lösung der Aufgabe, der er sein ganzes Vermögen opferte. Auf die richtige Spur soll er dadurch geleitet sein, daß er zufällig beobachtete, wie sich seine Tochter, vor dem Spiegel stehend, das Haar kämmte, wodurch er die Idee der mechanischen Verrichtung des Wollkämmens faßte. Nach der ihm hierbei gekommenen neuen Idee baute er eine Wollkämmaschine, welche die vollständige Lösung des Problems bedeutete.
Abb. 77
Heilmanns Kämmaschine
Die Heilmannsche Methode beruht auf der Verwendung einer mit Zähnen besetzten Walze, der Kämmwalze, in Verbindung mit einem sich periodisch öffnenden und schließenden Apparat, dem Speiser, durch den das Garn der Walze in den notwendigen Abständen zugeführt wird. Unsere Abbildung 77 gibt eine Darstellung dieser beiden wichtigsten Teile der Heilmannschen Kämmaschine, die sich in der Folgezeit allen anderen Systemen solcher Maschinen als ganz bedeutend überlegen erwies und im wesentlichen die Grundlage für die dann erfolgte rasche Entwicklung der Wollkämmerei und Wollspinnerei geworden ist. Heilmann überlebte den Triumph seiner Erfindung nicht lange; die schweren geistigen und körperlichen Anstrengungen und die vielfachen Kämpfe, Leiden und Enttäuschungen seiner Erfinderlaufbahn hatten seine Gesundheit untergraben. Im Jahre 1848 starb der hochverdiente Mann, erst 52 Jahre alt. Die Nachwelt freilich zollte der Erfindung Heilmanns volle Anerkennung. Zwar erfuhr auch diese Erfindung das Schicksal so mancher andern, nämlich betrügerischerweise benutzt zu werden. Ein Engländer, der die Heilmannsche Kämmaschine auf der Ausstellung in Frankfurt a. M. gesehen hatte, baute die Maschine nach und ließ sie sich für England als eigene Erfindung patentieren. Als er jedoch sogar den Mut hatte, die Maschine auf einer Ausstellung in London im Jahre 1851 öffentlich zur Schau zu stellen, wurde der Betrug entdeckt und der Betrüger zur Rechenschaft gezogen. Die Leitung der Ausstellung stellte selbst die Priorität Heilmanns fest und ließ die Maschine des Betrügers bedecken. Von den Erben Heilmanns wurde dann das Patent der Maschine von einem englischen Konsortium für den Preis von zwei Millionen Mark angekauft, eine für die damalige Zeit ganz ungeheure Summe, die freilich dem Erfinder selbst nicht zugute kam.
Deutschen Ursprungs ist dann noch die Erfindung des Florteilers, einer Maschine, welche die Grundlage der Streichgarnspinnerei geworden ist. Der Erfinder war der sächsische Tuchmacher Ernst Geßner aus Lößnitz im Erzgebirge, der im Jahre 1861 seine Maschine an die Öffentlichkeit brachte. Diese Maschine machte es möglich, den vorgearbeiteten Faserstoff, der in Form eines breiten Florstreifens von der Abnahmewalze kommt und der Spinnmaschine zugeführt wird, in etwa 100 einzelne Fäden zu teilen, die sofort der Spinnmaschine zur weiteren Verarbeitung zugeführt werden können. Geßners Erfindung wurde einige Jahre später von dem Franzosen Cölestin Martin in Verviers nachgeahmt, und Martin ließ sich sogar ein eigenes Patent auf die Maschine geben, die er dann an französische und englische Fabrikanten verkaufte. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß Geßner der alleinige Erfinder dieser wichtigen und interessanten Maschine ist, welche die allergrößte Bedeutung für die Streichgarnspinnerei gewonnen hat. Geßner hat noch verschiedene andere wertvolle Erfindungen für die Textiltechnik gemacht, unter denen vor allem seine Universal-Rauhmaschine zu nennen ist, ohne jedoch große Reichtümer zu erwerben, während sein Nachahmer Martin mit der Verwertung der Geßnerschen Erfindung ein Vermögen erwarb.
Das Problem des Webstuhls – Der Bandwebstuhl und sein Erfinder – Liebe und Strickstrumpf – Die Erfindung der Strickmaschine – John Kay und seine Erfindungen – Der Kraftwebstuhl – Vorgänger – Edmund Cartwright, seine Erfindungen und sein Schicksal – Der Welt Lohn – James Jeffray
Die Spinnmaschine, wie sie in ihren verschiedenen Arten aus der Tätigkeit der bisher genannten Erfinder hervorgegangen ist, stellt nur die eine Seite der Textiltechnik dar; sie erzeugt aus dem Faserstoff das Garn. Die andere Seite der Textiltechnik und gleichsam die Ergänzung jener ist die Webemaschine, vermittels deren das Garn zum Tuch verarbeitet wird. Mit dem Erfindungsgange dieser Maschinen wollen wir uns nunmehr auch noch befassen. Auch hier tritt uns die Problematik des Erfindens in ihrer ganzen Eigenart entgegen, tritt uns eine Anzahl seltsamer Erfinderschicksale entgegen.
Die technische Entwicklung der Weberei war jahrhundertelang in nahezu unveränderter Form stehengeblieben, so wie sie von den Völkern des Altertums auf die des Mittelalters überkommen war. Die Weberei war ein Handwerk, dessen Zunftverfassung seiner technischen Entwicklung, der Erfindung und Anwendung neuer und vervollkommneter Hilfsmittel, vielfach hinderlich im Wege stand. Die zünftigen Weber des Mittelalters waren, wie die anderen Zünfte allerdings auch, recht futterneidische Gesellen, die ängstlich darüber wachten, daß der einzelne unter ihnen nicht mehr schaffen und verdienen konnte als ein anderer, und dementsprechend waren die Zunftgesetze fast überall abgefaßt. Aus diesen Gründen stand man auch allen Verbesserungen der Webereigeräte ziemlich ablehnend gegenüber, und wo solche dennoch gemacht wurden, konnten und durften sie nur zu Anwendung kommen, wenn der Erfinder seine Neuerung allen Berufsgenossen seines Ortes zugänglich machte, wobei er selbst besondere Vorteile oder Vorrechte aus seiner Erfindung nicht beanspruchen durfte. Damit war natürlich dem Erfindungsgeist von vornherein der stärkste Ansporn benommen. Gerade in den Webergilden war dieser beschränkte und futterneidische Geist heimisch, was zum großen Teil die Ursache gewesen sein mag, daß die technische Entwicklung dieses Gewerbes Jahrhunderte hindurch nahezu auf derselben Stelle blieb.
Die ersten Anfänge zur Vervollkommnung der Webereitechnik und der Verbesserung der für diese notwendigen Hilfsmittel gingen von der Seidenweberei aus. Als einer der ersten Erfinder auf diesem Gebiete tritt uns der Seidenbandweber Anton Moller aus Danzig, der Erfinder des verbesserten Seidenbandwebstuhles, auch Seidenmühle oder Bandmühle genannt, entgegen. Im Jahre 1586 (nach anderen 1600) stellte Moller einen solchen Apparat fertig, auf dem ein Arbeiter gleichzeitig 16 bis 20 Bänder auf einmal herstellen konnte, während auf dem alten Bandstuhl immer nur ein einziges Band gewebt werden konnte. Diese wichtige Erfindung sollte ihrem Urheber jedoch sehr verhängnisvoll werden. Die Danziger Bandweber sahen in der Neuerung eine schwere Bedrohung ihres Gewerbes, die nach ihrer Meinung zur Folge haben mußte, sie zum größten Teil arbeits- und brotlos zu machen. Sie rotteten sich zusammen, drangen in Mollers Haus ein und zerstörten seine Maschine vollkommen. Der Erfinder selbst wurde von der wütenden Menge gepackt und in die Weichsel geworfen, wo er seinen Tod fand. In verbesserter Form tauchte die Erfindung dann im Jahre 1623 in der Schweiz wieder auf, in Leiden dagegen im Jahre 1629, und im Lauf der folgenden Zeiten gewann der Bandwebstuhl langsam an Verbreitung, freilich immer nur unter heftigstem Widerstand der Bandweberzünfte, die sogar mehrfach behördliche Verbote der Benutzung der neuen Maschinen erwirkten. Ein solches Verbot wurde im Jahre 1685 in Deutschland erlassen, und Kaiser Karl VI. erneuerte noch im Jahre 1719 auf Drängen der Posamentierer und Bortenweber dieses Verbot für ganz Deutschland. In Hamburg soll sogar ein Bandwebstuhl auf Befehl des Magistrats öffentlich verbrannt worden sein.
Aus ungefähr derselben Zeit wie die Erfindung des Bandwebstuhles stammt übrigens auch die Erfindung einer anderen textiltechnischen Maschine, nämlich der Strickmaschine, durch den Engländer Lee. Es wird berichtet, daß Lee diese Maschine erfunden haben soll, um seiner Braut, die bei seinen Besuchen stets und ständig mit dem Strickstrumpf beschäftigt war und ihrem Verlobten infolgedessen nicht die Aufmerksamkeit zuwenden konnte, welche dieser wünschte, jene Arbeit zu erleichtern und ihr so mehr Muße zu schaffen, sich mit ihm zu beschäftigen. Demnach wäre also die Eifersucht auf den Strickstrumpf der Anlaß zu der Erfindung der Strickmaschine gewesen. Nach einer anderen Mitteilung dagegen soll Lee erst, als er bereits verheiratet und Prediger zu Calverton war, diese Erfindung gemacht haben, weil seine Frau durch Strümpfestricken einiges zum Unterhalt der Familie hinzuzuverdienen suchte. Wie dem auch sei, jedenfalls war es Lee, der den ersten Stuhl für die Strumpfstrickerei herstellte, und zwar gleich in solcher Vollkommenheit, daß noch die heutigen Maschinen dieser Art vollständig auf jener ersten Erfindungskonstruktion beruhen. Lees Maschine bestand aus 2000 Teilen und wurde zum ersten Male im Jahre 1589 von ihm zur Anwendung gebracht. Er suchte nunmehr die zünftigen Strumpfwirker für seine Maschine zu gewinnen, erfuhr jedoch dasselbe Schicksal wie die meisten Erfinder auf dem Gebiete der Textiltechnik. Die Maschine erweckte Argwohn und Befürchtungen bei den Zünftigen, und Lee wurde von diesen auf das heftigste angefeindet als Verderber der Zunft. Da sich auch die Regierung, an die er sich zwecks Verwertung seiner Erfindung gewandt hatte, seiner nicht annahm und ihm auch jede Unterstützung gegen die Anfeindungen der Zünfte versagte, wandte er sich nach Frankreich. Hier fand er mehr Verständnis für seine Erfindung als im eigenen Vaterlande, und die französische Regierung setzte ihm die Mittel zur Begründung einer mechanischen Strumpfwirkerei aus. In dieser stellte Lee auch die ersten auf einer Maschine gestrickten seidenen Strümpfe her, die Maria von Medici trug. Die politischen Ereignisse in Frankreich lenkten jedoch die Aufmerksamkeit von seiner Erfindung wieder ab, so daß letzten Endes auch dieser Erfinder um den Lohn seiner Arbeit kam. Nach seinem Tode wurde die Strickmaschine von einem Bruder Lees wieder nach England zurückgebracht. Diesmal fand sie hier mehr Verständnis. Eine Reihe von Fabrikanten sicherte sich die Benutzung und legte damit den Grund zu der alsbald kräftig emporblühenden mechanischen Strumpfwirkerei in England. Von dort aus gelangte die Maschine dann mit gleichem Erfolg auch nach den anderen europäischen Ländern. Ursprünglich nur für die Seidenstrickerei verwandt, wurde die Maschine in der Folgezeit auch zur Verarbeitung aller anderen Textilstoffe zur Anwendung gebracht.
Ein hervorragender Erfinder auf dem Gebiete der Webetechnik war dann der Engländer John Kay, durch dessen Tätigkeit die Verbesserung des alten Webstuhles zu einem vervollkommneteren und leistungsfähigeren Apparat überhaupt erst in die Wege geleitet wurde. Zwei Erfindungen Kays waren hierfür maßgebend. Die erste war die Verbesserung des Rietblattes, die von ihm im Jahre 1730 gemacht wurde. Bis dahin bestand das Rietblatt, auch Kamm genannt, also jenes Organ des Webstuhles, mit dem der Einschlag festgeschlagen wird, im wesentlichen aus einem Rahmen, der mit einer Reihe von Rohrstäben besetzt war. Diese Rohrstäbchen hatten den Nachteil, sich schnell abzunutzen und dadurch das Gewebe zu beschädigen, außerdem konnten nur grobe Gewebe mit ihnen gewebt werden. Um allen diesen Nachteilen zu begegnen, ersetzte Kay die Rohrstäbe durch Stäbe aus poliertem Metall, die sich als ungleich dauerhafter erwiesen, keinerlei schädigende oder reibende Wirkung auf das Garn ausübten und überdies viel dünner gehalten waren als die alten Rohrstäbe, so daß auch viel feinere Gewebe mit ihnen gewebt werden konnten. Diese Verbesserung gelangte bald und allgemein zur Anwendung.
Von wesentlich größerer Bedeutung jedoch war die andere Erfindung Kays, nämlich die des Schnellschützen, die aus dem Jahre 1736 stammt. Bei ausnahmslos allen Webstühlen war bis dahin das uralte Webschiffchen zur Einführung der Einschußfäden in die Kette in Gebrauch gewesen. Der Weber warf hierbei das Schiffchen mit der einen Hand durch die geöffnete Kette und fing es an der anderen Seite mit der anderen Hand wieder auf. So einfach, ja fast primitiv, diese Vorrichtung war, hatte sie sich doch die Jahrhunderte hindurch unverändert erhalten. Schmale oder mittelbreite Gewebe konnten hierbei von einem Arbeiter hergestellt werden, bei breiten Geweben jedoch, über die der Arm des Webers nicht hinwegreichte, war noch ein zweiter Arbeiter nötig, der das Schiffchen auf der anderen Seite auffing und wieder zurückwarf. John Kay war der erste, der eine bedeutsame Verbesserung anbrachte, indem er das Schiffchen mit Rollen versah und des weiteren die sogenannte Peitsche zur Anwendung brachte, einen Lederriemen, vermittels dessen das Schiffchen durch die Kette getrieben wurde. Durch diese Verbesserung wurde die Leistungsfähigkeit des Arbeiters reichlich verdoppelt, auch konnte er jetzt sehr breite Gewebe herstellen, ohne eines Hilfsarbeiters zu bedürfen. Damit begann die technische Entwicklung des Webstuhles, die dann von anderen fortgesetzt wurde. Von Kay stammt noch eine Anzahl weiterer Verbesserungen am Webegerät. Auch dieser Erfinder hat keinen Dank geerntet. Die Weber in Bury, dem Wohnort Kays, stürmten nach alter Tradition das Haus des Erfinders und zerstörten seine Maschinen, und als späterhin seine Verbesserungen dennoch zur Anwendung kamen, wurde ihm seitens der Benutzer seiner Patente jede Entschädigung verweigert. Wie Lee, so trieb auch ihn der Undank seiner Landsleute nach Frankreich, und als er sich von dort aus an das englische Parlament wandte und von Staats wegen um eine Entschädigung für seine Erfindung bat, welche zu dem großen Aufschwung der englischen Textilindustrie sehr bedeutend beigetragen hatte, erhielt er nicht einmal eine Antwort. Er starb im Elend, und heute weiß man nicht einmal, wo dieser geniale Erfinder begraben liegt, dem heute ungezählte Millionen seines Vaterlandes ihren Wohlstand verdanken. Sein Sohn Robert Kay betätigte sich ebenfalls als Erfinder auf dem Gebiete der Textiltechnik. Von ihm rührt die Wechsellade, auch Doppellade genannt, her, die das Einschießen verschiedenartiger Fäden möglich macht, indem der Weber abwechselnd mehrere Schützen mit verschiedenen Farben nach Belieben bewegt. Diese Vorrichtung wurde allerdings erst später so weit vervollkommnet, um ein wertvoller Bestandteil des Webstuhles zu werden.
Die stärkste und weitgehendste Umwälzung auf dem Gebiete der Webereitechnik erfolgte jedoch erst durch die Erfindung und Einführung des mechanischen Antriebs der Webstühle, also durch den Kraftwebstuhl, durch den die gesamte Webereiindustrie in der Folgezeit erst den Aufschwung nehmen konnte, der sie bis zu ihrer heutigen Höhe und Bedeutung führte.
Schon Leonardo da Vinci, dessen Entwurf einer Spinnmaschine wir bereits erwähnten, beschäftigte sich auch mit der Erfindung eines mechanischen Webstuhles, der jedoch ebenfalls wie jene im Entwurf steckengeblieben ist. Dann finden wir aus dem Jahre 1678 Mitteilungen über die Erfindung eines mechanischen Webstuhles vor, als deren Urheber der französische Seeoffizier de Game genannt wird. Doch ist auch dessen Idee nicht zur praktischen Anwendung gekommen, da er bei den Webern keinen Anklang für diese fand. Dann finden wir den berühmten französischen Erfinder Vaucanson, der in der Geschichte der Textiltechnik eine sehr bedeutsame Rolle spielt, auch mit der Konstruktion eines mechanischen Webstuhles beschäftigt, der mit Kurbelantrieb versehen war und mit Wasserkraft betrieben werden sollte. Ein Fabrikant in Manchester stellte auch einige solcher Stühle versuchsweise auf, konnte jedoch keinen dauernden Erfolg damit erzielen, so daß diese Erfindung Vaucansons wieder in Vergessenheit geriet. Als dann die Spinnmaschinen erfunden worden waren, durch welche die Garnproduktion gewaltig zunahm, war auch in verstärktem Maße der Antrieb zur Erfindung und Anwendung von Webmaschinen gegeben. Denn die neuen Spinnmaschinen erzeugten viel mehr Garn, als die alten Handwebstühle zu verarbeiten mochten, und die Erfindungen Hargreaves, Arkwrights, Cromptons usw. hätten ihren Zweck verfehlt, wenn es nicht gelang, auch Webemaschinen zu erfinden, vermittels deren die vermehrte Garnproduktion in entsprechendem Maße verarbeitet werden konnte. Das konnte nur durch einen Webstuhl mit mechanischem Antrieb erreicht werden, und damit war ein Problem von größter industrieller und technischer Wichtigkeit gegeben, an dessen Lösung sich viele erfinderische Köpfe versuchten.
Der Erfinder, dem es gelang, dieses Problem zu lösen, war Edmund Cartwright, geboren 1743 zu Marsham in Nottinghamshire und im Jahre 1786 Prediger in Doncaster, wo er seine Erfindertätigkeit begann, ein Mann von großem mechanischen und erfinderischen Talent. Durch eine Unterredung in einer Gesellschaft, in der die Arkwrightsche Spinnmaschine erörtert und darauf hingewiesen wurde, welche gewaltige industrielle Bedeutung es für das ganze Land haben müßte, wenn es gelänge, auch das Gegenstück zu dieser Maschine, nämlich die mechanisch betriebene Webemaschine, zu erfinden, wurde er zum Bau einer solchen Maschine angeregt. Ohne die Konstruktion des Webstuhles näher zu kennen oder einen solchen je arbeiten gesehen zu haben, machte er sich doch wagemutig an die Lösung jenes Problems nach einer ihm vorschwebenden Idee. Der Versuch fiel dementsprechend aus. Zwar ließ der auf solche Weise entstandene Webstuhl im Prinzip die Möglichkeit des mechanischen Antriebs erkennen, die Arbeitsweise war jedoch so unbeholfen und schwerfällig, daß an eine praktische Verwertung der Maschine nicht gedacht werden konnte. Bei dieser ersten Maschine Cartwrights war die Kette vertikal gerichtet, die Lade mit dem Rietblatt hatte ein Gewicht von über einem halben Zentner, und die Federn, mit denen das Schiffchen bewegt wurde, waren nach Cartwrights eigener humorvoller Schilderung so stark, daß sie ausgereicht hätten, eine Kanonenkugel fortzuschleudern. Zwei kräftige Männer waren nötig, um die Maschine in langsame Bewegung zu setzen, und konnten die schwere Arbeit dennoch nur kurze Zeit aushalten. Immerhin aber webte Cartwright auf diesem Ungetüm von Maschine ein Stück Tuch, was ihn so weit ermutigte, daß er sich ein Patent geben ließ. Als er dann jedoch die Weber bei der Arbeit kennengelernt hatte und fand, daß diese mit ihrem alten Webstuhl viel schneller und leichter zu weben vermochten, als es jemals mit seiner Maschine der Fall hätte sein können, baute er diese belehrt um und kam zu einer neuen und verbesserten Konstruktion, die sich als ein wirklich brauchbarer mechanischer Webstuhl erwies, und die er sich im Jahre 1789 patentieren ließ. Diese Maschine ließ Cartwright ursprünglich durch einen Ochsen treiben, späterhin richtete er sie für den Antrieb mit Wasserkraft ein und schließlich auch für den Dampfbetrieb.
Die Erfindung erregte in England das allergrößte Aufsehen. War doch eine seit Jahrtausenden lediglich durch Menschenkraft betriebene Maschine zum erstenmal mit mechanischem Antrieb versehen worden, ein Problem, das bis dahin von den meisten für unlösbar gehalten worden war, und dessen Lösung ganz unabsehbare Aussichten erschloß. Cartwright selbst gründete in Doncaster eine Weberei, in der er zwanzig mechanische Webstühle aufstellte. Mangels genügender geschäftlicher Gewandtheit rentierte sich die Fabrik jedoch nicht, so daß er sie nach wenigen Jahren wieder aufgeben mußte. Andere Fabrikanten brachten seine Erfindung mit besserem Erfolg als er selbst zur Anwendung. Da der in der Geschichte der Erfindungen, besonders der auf textiltechnischem Gebiet, so oft bekundete Krämergeist und Eigennutz der englischen Industriellen auch diesem Erfinder gegenüber in Erscheinung trat und die Benutzer seiner Patente ihm jegliche Entschädigung ablehnten, obwohl Cartwright sein gesamtes und viel fremdes Vermögen für seine Erfindung geopfert hatte, wurde er in eine Reihe schwieriger Prozesse verwickelt, die ihm sein letztes Geld kosteten und ihm das Leben verbitterten. Erst später gewährte ihm das englische Parlament aus Staatsmitteln eine Entschädigung von 10 000 Pfund Sterling. Cartwright, der das Dreifache dieser Summe auf seine Erfindung verwandt hatte, pflegte mit Galgenhumor zu sagen, das Parlament habe ein Drittel der Schuld Englands an ihn abgezahlt.
Gleichzeitig mit Cartwright hatte übrigens auch der schottische Arzt Dr. James Jeffray einen mechanischen Webstuhl gebaut, ohne von der Erfindung Cartwrights zu wissen. Er hatte in seiner Praxis die Tätigkeit der Kunstweber kennengelernt und war dadurch angeregt worden, eine Vorrichtung zur mechanischen Ausführung dieser Arbeit zu erfinden, was ihm auch durchaus gelang. Er erhielt auf den von ihm gebauten mechanischen Webstuhl ebenfalls ein Patent, mußte jedoch die Nutzbarmachung seiner Erfindung anderen überlassen. Noch ein anderer Schotte, der Instrumentenmacher Kinloch, wurde der Erfinder eines mechanischen Webstuhles, der im Jahre 1793 patentiert wurde. Die Tätigkeit dieser Erfinder bewirkte es, daß die Einführung des mechanischen Webstuhles in Schottland unabhängig von der in England selbst und früher als hier erfolgte.
Die Erfindung des Musterwebstuhls – Vorgänger: Falcon, Vaucanson – Charles-Marie Jacquard – Aus des Erfinders Jugendzeit – Napoleon und der Erfinder – Die große Tat – Kampf und Sieg – Einst und jetzt
Endlich sei auch noch der Erfindung des Musterwebstuhls gedacht, eines der wichtigsten und scharfsinnigsten technischen Hilfsmittel der modernen Textilkunst. Der Werdegang dieser genialen Erfindung ist eines der eigenartigsten und reizvollsten Kapitel nicht nur in der Geschichte der Textilkunst, sondern im großen Buche der Geschichte der Erfindungen überhaupt, und daher auch für unsere Betrachtung der Problematik des Erfindens von besonderer Bedeutung. Gerade diese Erfindung läßt das Problematische des Erfindens und des Erfinderschicksales mit besonderer Deutlichkeit hervortreten.
Während die Erfindung der anderen wichtigen Textilmaschinen, vor allem der Spinn- und Webmaschinen, fast vollständig auf englischem Boden erfolgte, ist die Schöpfung des Musterwebstuhls nahezu gänzlich den Köpfen französischer Erfinder entsprungen. Die Anregung für die Entstehung des Musterwebstuhls gab ein Spezialgebiet der Textilindustrie, nämlich die Seidenindustrie, die damals in Frankreich in höchster Blüte stand. Auf diesem Gebiete machte sich zuerst und mehr als in anderen Zweigen der Textilindustrie das Bedürfnis nach einer mechanischen Vorrichtung zur Ausführung der Gewebemuster geltend. Der Seidenwebstuhl war bis in das 18. Jahrhundert hinein von nahezu derselben einfachen Form wie die anderen Webstühle, die der Erzeugung von Woll-, Baumwoll- und Leinenstoffen dienten, und selbst die berühmtesten Seidenwebereien jener Zeit arbeiteten zur Herstellung der Muster in ihren Geweben mit dem sogenannten »Zug«, einer sehr einfachen Vorrichtung, bei der, um das Muster zu erzeugen, die Fäden der aufgespannten Kette von dem Weber einzeln in die Hand genommen werden mußten. Nach mancherlei anderen Versuchen wurde zuerst im Jahre 1728 von dem Franzosen Falcon eine sehr bedeutungsvolle Neuerung an diesem alten Webstuhl erfunden, die in der Anwendung von Zylindern und Karten bestand. Die Karten waren nach Maßgabe des herzustellenden Musters mit Löchern versehen. Indem die Kettenfäden automatisch durch diese Löcher geleitet wurden, fügten sie sich zu dem Webemuster zusammen. Damit war der erste Schritt zur mechanischen Ausführung der Gewebemuster getan, und die erste Form eines Musterwebstuhls geschaffen. Allerdings war diese Konstruktion noch sehr mangelhaft; die Zylinder mußten mit der Hand in Bewegung gesetzt werden, die Bewegungen waren auch noch sehr ungleichmäßig, und die Wirkung der Musterkarten erstreckte sich nur über einen kleinen Raum, so daß mit dieser Vorrichtung auch nur Muster kleinen Umfanges gewebt werden konnten. Größere Muster mußten nach wie vor mit dem Zuge gearbeitet werden. Infolge dieser Mängel konnte die neue Vorrichtung, wenn sie auch viel Aufmerksamkeit erweckte, doch keinen dauernden praktischen Erfolg erzielen und verschwand in der Folgezeit wieder vom Schauplatz.
Der größte Wert in der Erfindertätigkeit Falcons bestand darin, daß durch ihn ein anderer Erfinder, Jacques de Vaucanson, angeregt wurde, auf dem beschrittenen Wege weiterzuarbeiten und das Problem des mechanischen Webstuhls um ein bedeutendes Stück seiner Lösung näher zu bringen. Vaucanson war durch den Bau von Automaten eine Berühmtheit geworden; so konstruierte er einen durch ein Uhrwerk betriebenen Flötenspieler, einen Pfeifer und eine Ente, ferner auch einen durch Kurbelantrieb von dem Lenker in Bewegung gesetzten Wagen, den er dem König Ludwig XV. vorführte, und der als ein Vorläufer unserer selbstfahrenden Wagen zu gelten hat. Auch auf textiltechnischem Gebiet war er als erfolgreicher Erfinder tätig. Von ihm stammt eine Verbesserung zum Moirieren (Wässern) der Stoffe, ein Verfahren, bei dem der gummierte Stoff zwischen heißen Walzen in der Weise gepreßt wurde, daß ein wellenartiges Muster entstand. Auch eine sehr bedeutende Vervollkommnung des Seidenhaspels rührt von ihm her. Er versah diese Vorrichtung mit neuen Teilen und Bewegungen und erhöhte dadurch sowohl die Leistungen wie die Ausführung der Arbeit mit dem Apparat, der von erheblichem Einfluß für die französische Seidenindustrie wurde. Ein neuer Apparat für die Seidenappretur und eine Maschine zum Glätten von Brokatgeweben sind weitere Erzeugnisse seiner erfinderischen Tätigkeit, die ebenfalls von dauerndem Wert wurden.
Sein größtes Interesse wandte Vaucanson jedoch dem Musterwebstuhl zu. Er verbesserte Falcons Erfindung, indem er an einem für diesen Zweck besonders gebauten Webstuhl jeden Faden durch ein besonderes Loch führte und auch den Führungslöchern eine bessere Ausführung gab. Doch obwohl er sehr viel Zeit und Arbeit auf diese Maschine verwandte, hatte er damit viel weniger Erfolg als mit seinen anderen Erfindungen. Die Maschine verursachte viel Reibung und verlangte einen großen Kraftaufwand, und trotzdem arbeitete sie nur sehr langsam. Daher konnte auch Vaucansons Webstuhl, wenn er auch eine erhebliche Förderung des Problems bedeutete, noch keinen Erfolg erzielen. Vaucansons Webstuhl wurde späterhin im Konservatorium der Künste aufgestellt, wo er nach Jahrzehnten einem anderen Erfinder die Anregung zu einer vollkommeneren Ausführung und damit zur schließlichen Lösung geben sollte. Vaucanson selbst wurde in Anerkennung seiner vielfachen Verdienste um die Förderung der französischen Seidenindustrie zum Inspekteur der Seidenmanufaktur und später sogar zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt. Sein Musterwebstuhl ist jedoch, gleich dem von Falcon, eine interessante Etappe in der Erfindungsgeschichte dieser Maschine geblieben; die französischen Seidenindustriellen konnten von Vaucansons Webstuhl noch keinen Gebrauch machen. Derjenige, dem es gelang, das von Falcon begonnene, von Vaucanson geförderte Problem des mechanischen Webstuhls zur vollständigen Lösung zu bringen und der durch diese Tat einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erfinder in der Geschichte der Textiltechnik wurde, war Charles-Marie Jacquard. Die überragende Bedeutung dieses Mannes und seines Werkes rechtfertigen ein näheres Eingehen auf beide.
Charles-Marie Jacquard wurde am 7. April 1752 in Lyon geboren, wo sein Vater Werkmeister in einer Seidenweberei war; auch seine Mutter war dort als Mustereinlegerin beschäftigt. Die Seidenindustrie Frankreichs bediente sich damals noch in ausgedehntem Maße der Kinderarbeit. Besonders für das sogenannte Latzenziehen wurden fast nur Kinder verwandt, und diese einförmige und anstrengende Arbeit, die den jugendlichen Arbeitern alle Jugendlust raubte und geradezu zur Verkümmerung ganzer Volksschichten führte, soll es gewesen sein, die dem jungen Jacquard schon als Knaben die Anregung gab, eine Erfindung zu machen, die das Latzenziehen mechanisch ausführte und so die gequälten Kinder von dieser unheilvollen Tätigkeit befreien sollte. Charles' Vater freilich hielt von solchen Ideen nicht viel; hatte er doch im Gegenteil seinen Sohn selbst zum Latzenzieher und Webergesellen bestimmt, und daher hielt er es sogar für überflüssig, dem Knaben Schulunterricht geben zu lassen. Nur hinter dem Rücken seines Vaters konnte Charles lesen und schreiben lernen. Die Abneigung gegen das Gewerbe seines Vaters war durch den Anblick der Kinderarbeit so stark in ihm geworden, daß er, als er alt genug war, um sich für einen Beruf zu entscheiden, lieber zu einem Buchbinder in die Lehre ging, nur um der Arbeit am Webstuhl zu entgehen, und eine Reihe von Jahren in diesem Beruf tätig war. Doch seine Ideen und Pläne zur Verbesserung des Webstuhls waren in ihm geblieben, und als er in seinem zwanzigsten Jahre seinen Vater verlor – seine Mutter war schon zehn Jahre vorher gestorben – und ihm als Erbe ein kleines Haus und ein Webstuhl zufielen, beschloß er, sich nunmehr doch der Weberei zuzuwenden, um seine Lieblingsidee verwirklichen zu können, und richtete sich eine Weberwerkstatt ein. In der Folge gestalteten sich die Verhältnisse für ihn jedoch recht trübe. Er hatte jung geheiratet; sein Schwiegervater galt zwar für reich, weigerte sich jedoch, ihm die versprochene Mitgift zu zahlen. Charles' Liebe zu seiner Gattin tat das zwar keinen Abbruch, wohl aber geriet er in Schulden und in so drückende Verhältnisse, daß er Haus und Webstuhl verkaufen und Arbeit in einem Gipsbruch nehmen mußte, während seine Frau durch Flechten von Strohhüten mitzuverdienen suchte. Dann kam die Französische Revolution, der er sich ebenfalls anschloß. Zusammen mit seinem siebzehnjährigen Sohn kämpfte er wacker in den Reihen seiner Landsleute auf den Schanzen von Lyon. Doch als sein Sohn von einer Kugel tödlich getroffen worden war, kam der hierdurch aufs schwerste erschütterte Vater um seine Entlassung ein, um sich wieder friedlicher Tätigkeit in Lyon zuzuwenden. Die Stadt hatte durch die Kämpfe der Revolution furchtbar gelitten. 40 000 Einwohner waren umgekommen, viele Tausende der besten Arbeiter der ehemals blühenden Lyoner Seidenindustrie waren geflüchtet, zum großen Teil ins Ausland; das industrielle Leben der Stadt war vernichtet. Es bedurfte erst eines besonderen Direktorialbeschlusses, um die geflohenen Arbeiter zur Rückkehr in ihre Vaterstadt zu veranlassen und so die Grundlage zum Wiederaufbau der dortigen Seidenindustrie zu schaffen.
Während dieses wechselvollen Lebens hatte Jacquard seine Idee zum Bau neuerer und zweckmäßigerer Webmaschinen niemals verlassen; im Gegenteil war diese Idee inzwischen in seinem Gehirn vollständig ausgereift, und in seine Vaterstadt zurückgekehrt, suchte er nunmehr zu verwirklichen, was schon seit Jahren vor seiner Seele stand. Es gelang ihm, mehrere Lyoner Seidenfabrikanten für den Plan zu interessieren und von ihnen die nötigen Mittel zum Bau seiner Maschine zu erhalten. Nahezu fünfzigjährig, stellte er im Jahre 1799 seine erste Maschine fertig, eine Latzenzugmaschine, die den Zug selbsttätig bewirkte und keiner Kinderarbeit mehr bedurfte. Die Aufgabe, die seit seinen Kindheitsjahren bis ins hohe Mannesalter ihn bewegt hatte, durch eine geeignete Erfindung die Kinder seiner Vaterstadt von der Fron am Webstuhl zu befreien, war gelöst. War auch diese Maschine noch verhältnismäßig umständlich, so brachte sie dennoch bedeutende Vorteile und gelangte in den Lyoner Seidenwebereien bald allgemein zur Anwendung. Auf der im Jahre 1801 in Paris stattgefundenen Industrieausstellung wurde Jacquard für seine Maschine die Bronzene Medaille zuerkannt, und im darauffolgenden Jahre wurde ihm ein Patent auf zehn Jahre erteilt. Auch räumte ihm die Stadt Lyon im Palast der Schönen Künste ein Arbeitslokal ein, woran nur die Bedingung geknüpft war, daß er junge Weber in der Handhabung der neuen Maschine unterrichtete.
Nach zweijähriger Wirksamkeit in Lyon traten Ereignisse ein, die seinem Leben eine andere Wendung gaben. Zur Aufmunterung des Gewerbefleißes hatte nämlich die Gesellschaft der Künste in Paris ein Preisausschreiben für die Erfindung einer Maschine zur Herstellung von Fangnetzen erlassen. Jacquard beschloß, sich an dem Preisausschreiben zu beteiligen und stellte ein dementsprechendes Modell her, das die gestellte Aufgabe löste. Diese Nachricht gelangte auch zu dem General Napoleon Bonaparte, welcher den Erfinder zu sich nach Paris beschied und ihn mit den Worten anfuhr: »Sie sind also derjenige, der behauptet, machen zu können, was Gott selbst nicht vermag, einen Knoten in eine gespannte Schnur?« Dann aber wünschte er dem Verblüfften Glück zu seiner Erfindung und versicherte ihn seiner Unterstützung für seine weiteren Arbeiten. Jacquard erhielt dann für seine Erfindung den ausgesetzten Preis von 3000 Franken sowie auch die Goldene Medaille. Außerdem aber wurde er im Konservatorium der Künste und Gewerbe angestellt, wo er einen seinen Neigungen und Wünschen äußerst entsprechenden Wirkungskreis und zugleich die Möglichkeit fand, seinen erfinderischen Plänen und Ideen in vollem Umfange nachzugehen. Hier war es auch, wo er den vor einem halben Jahrhundert aufgestellten Musterwebstuhl von Vaucanson vorfand. Die Zeichnung dazu war verlorengegangen, auch fehlten bereits Teile der Maschine, und kein Mensch wußte mehr, wie diese in Gang zu setzen sei. Jacquard untersuchte die Maschine eingehend, und es gelang ihm, sie in Gang zu bringen. Zugleich aber erkannte er auch klar die Mängel der Maschine, die deren praktische Anwendung verhindert hatten, erkannte, welche Änderungen und Verbesserungen nötig waren, um einen Musterwebstuhl zu bauen, der eine bessere und vollkommenere Lösung des Problems darstellen würde, und erhielt so die stärkste Anregung zu seiner späteren bedeutendsten Erfindung.
Einer Berufung der Stadt Lyon Folge leistend, kehrte Jacquard dann in seine Vaterstadt zurück, wo er sein früheres Amt wiederaufnahm. Gleichzeitig widmete er sich nunmehr auch mit größtem Eifer und unermüdlicher Arbeit der Erfindung des Musterwebstuhles, die, seit er die Maschine von Vaucanson kennengelernt hatte, die große Aufgabe seines Lebens geworden war. Die Elemente von Falcon und Vaucanson in geschickter Weise mit seinen eigenen Ideen verknüpfend, neue Teile und Organe erfindend und zu geschickter Anwendung bringend, schuf er so eine neue Maschine von bisher unbekannten Fähigkeiten, den wirklichen Musterwebstuhl, der durch eine selbständige Vorrichtung vermittels Platinen die Herstellung des Musters bewirkt, das über zahlreiche Ketten und Schußfäden gehen und die ganze Breite des Stuhles einnehmen kann. Im Jahre 1805 war die Maschine fertiggestellt. Durch eine Vorführung vor der Lyoner Handelskammer wurde sie den Fabrikanten und Fachkreisen bekanntgemacht.
Über das weitere Schicksal des Erfinders und seiner Maschine entschied dann ein Kaiserliches Dekret vom 27. Oktober 1806, durch das dem Magistrat von Lyon befohlen wurde, Jacquard eine lebenslängliche Rente von 3000 Franken zu zahlen, wofür Jacquard der Stadt alle seine Erfindungen und Maschinen als Eigentum überlassen mußte. Im Jahre 1808 erhielt er für seinen Webstuhl einen Preis von der Gesellschaft zur Aufmunterung des Gewerbefleißes. In einer an diese Preisverteilung anknüpfenden wissenschaftlichen Mitteilung wird der neue Webstuhl folgendermaßen beschrieben:
»Der Mechanismus, welchen Jacquard erfunden hat, ist zusammengesetzt aus Haken (Platinen), an welchen die Karden der Harnischlitzen befestigt sind, welche die Schnürung des Stuhles ausmachen, ebenso wie Vaucanson solche angewandt hat. Diese Litzenträgerhaken werden vermittels eines eisernen Messers (Leiste) in Bewegung gesetzt, welches an einem Gestell befestigt ist, das durch einen eisernen Fußtritt auf und nieder bewegt werden kann. Mehrere Streifen durchbohrter Pappe, nach dem Muster des Streifens zusammengesetzt, sind mit den Enden zu einer Kette verbunden, deren Länge dem auszuführenden Muster entspricht. Diese Karten sind über ein Prisma gegenüber den Nadeln in dem oberen Teil der Maschine aufgelegt. Ist die Maschine in Ruhe, so sind alle Litzenhaken geradestehend und ruhen dann auf dem Messer, welches sie zusammen oder einzeln aufhebt. Jedesmal, wenn der Arbeiter seinen Schemel niedertritt, setzt er die Karten in Bewegung, welche, da sie an einigen Stellen durchlöchert und an anderen voll sind, die Haken, welche die Litzen tragen, zurückstoßen oder an ihrem Platz lassen. So werden die Fäden der Kette, welche mit denjenigen Haken in Verbindung stehen, die nicht aus dem Bereiche des Messers zurückgedrängt worden sind, für den Durchgang des Schützen erhoben. Die große Zahl von Karten, welche man nacheinander auflegen, die Leichtigkeit, mit welcher man sie im Laufe der Arbeit wechseln kann, bieten ein leichtes und sicheres Mittel für so ausgedehnte Muster, als man es ohne Hilfe des Latzenziehers wünscht. Durch dieses Mittel kann jeder Arbeiter von gewöhnlicher Fähigkeit mit Leichtigkeit und Genauigkeit alle Arten Muster einlegen, so daß man in einer Stunde dieselbe Arbeit verrichten kann, welche bei dem alten Verfahren mehrere Tage erfordert.«
Abb. 78
Jacquards Musterwebstuhl
So weit jene Beschreibung der neuen Maschine, die sich an die Verleihung des Preises an den Erfinder knüpft. Sicher hat Jacquard durch den Webstuhl von Vaucanson erhebliche Anregungen für die Erfindung und Konstruktion seiner eigenen Maschine erhalten. Dennoch aber ist diese durch die völlig neuartige Ausführung der Grundgedanken jener Maschine sowie durch zahlreiche neue Teile und Anordnungen, die völlig der Erfindertätigkeit Jacquards angehören, unbedingt als Erfindung Jacquards zu bezeichnen, soweit überhaupt eine technische Neuerung als Erfindung eines einzelnen bezeichnet werden kann. Jacquard hat jedenfalls als erster eine verwendbare Musterwebmaschine geschaffen, und damit ist sein Verdienst als Erfinder dieser Maschine für immer sichergestellt.
Auch Jacquard ist nicht den schwersten Anfeindungen und Verfolgungen entgangen. Seine Maschinen wurden unberechtigterweise von anderen benutzt, und die Benutzer suchten sich ihren Verpflichtungen ihm gegenüber zu entziehen, indem sie sein Verdienst als Erfinder der Maschine bestritten und behaupteten, daß diese nur dem Vaucansonschen Webstuhl nachgebildet sei. Der Magistrat von Lyon ließ sich hierdurch sogar veranlassen, Jacquard die ihm zustehende gesetzliche Rente zu entziehen. Ebenso wandten sich, wie es fast alle Vorgänger in der Erfindungsgeschichte der Textilindustrie erfahren hatten, die Arbeiter auch gegen ihn. Die Lyoner Textilarbeiter befürchteten von der neuen Maschine eine Gefährdung ihrer Existenz, zertrümmerten daher die Maschinen und Modelle Jacquards und verbrannten die Trümmer öffentlich unter Verwünschungen gegen den Erfinder. Schließlich verklagten ihn sogar die Benutzer seiner Maschine auf Schadenersatz, weil die Maschine angeblich nicht das zu leisten imstande sei, was er versprochen habe, und der Magistrat verurteilte Jacquard dem Klageantrag gemäß. Nur auf dringende Bitten wurde ihm gewährt, einen Gegenbeweis zu seiner Rechtfertigung zu führen. Er tat es, indem er eine neue Maschine herstellte und auf dieser vor Klägern und Richtern auf einem öffentlichen Platz und in Gegenwart einer großen Menschenmenge ein hervorragendes Muster webte. Damit mußten sich seine Gegner als überwunden erklären, und nun trat ein allgemeiner Umschwung ein. Der Magistrat gab ihm seine Pension zurück und ließ auch sein Porträt in Seide weben, die Weber von Lyon aber stellten ihm eine Ehrenerklärung aus. Nunmehr bürgerte sich der neue Musterwebstuhl im In- und Auslande rasch ein; im Jahre 1825 waren allein in den Lyoner Webereien etwa 10 000 Jacquardmaschinen in Betrieb.
Als Jacquard im Jahre 1819 von der Regierung das Kreuz der Ehrenlegion erteilt wurde – eine Auszeichnung, die nie einem Würdigeren zuteil geworden ist –, zog er sich von der Öffentlichkeit auf ein kleines Landgut zurück. Seine mäßige Pension reichte für seine bescheidenen Verhältnisse und sicherte ihm einen freundlichen Lebensabend, der durch die allseitige Anerkennung seines Lebenswerkes in fast der ganzen Welt verschönert wurde. Am 7. August 1834 starb er im 83. Lebensjahre. Noch in demselben Jahre wurde von dem Gewerberat von Lyon mit der Sammlung zu einem Denkmal für den großen Erfinder begonnen, das im Jahre 1840 fertiggestellt und enthüllt wurde.
Der Musterwebstuhl, wie er von Jacquard erfunden und gebaut worden ist, ist seiner Konstruktion nach bis heute im wesentlichen unverändert geblieben, wenn auch die technische Ausführung seitdem sehr vervollkommnet worden ist. Die weiteren Verbesserungen der Maschine, die zur Zeit Jacquards nur für die Seidenweberei verwandt wurde, erstrebten vor allem die Nutzbarmachung des Webstuhles für möglichst alle Webearten, ein Ziel, das durch die Tätigkeit zahlreicher Erfinder aus beinahe allen Ländern mit entwickelter Textilindustrie und durch eine große Zahl mehr oder weniger bedeutungsvoller Verbesserungen und Änderungen im Laufe der Jahre vollkommen erreicht worden ist. Die von Jacquard erbaute Maschine war noch vollständig und in allen Teilen aus Holz gebaut; der Mechaniker und Seidenfabrikant Queva, der den Jacquardstuhl zuerst in Preußen (1816) einführte, war es, der solche Maschinen auch zuerst aus Eisen herstellte; nur Prisma, Nadelbrett, Federgehäuse und Platinenboden ließ er aus Holz, während er die Nadeln und Platinen aus englischem Federstahl anfertigte. Hierdurch wurde der Bau eiserner Musterwebstühle in die Wege geleitet. Der erste vollständig aus Eisen und Kupfer gebaute Jacquardstuhl ist von Boille in Paris im Jahre 1835 hergestellt worden.
Noch eine große Anzahl anderer Erfinder kennt die Geschichte der Textilindustrie, und die hier genannten Namen sind nur die hervorragendsten in der großen Reihe jener Männer, denen die heutige Textiltechnik ihre Entstehung und Entwicklung verdankt. Ein schweres und wechselvolles Geschick war allen diesen Erfindern beschieden, und selbst jene, die schon zu Lebzeiten zu Anerkennung und auch materiellem Erfolg gelangt sind, haben dennoch vordem alle Leiden des Erfinderloses erfahren.
Und Schaffen und Leben der Männer aus der Erfindungsgeschichte der Textilindustrie ist nahezu dasselbe wie das der Erfinder in allen anderen technischen Gebieten. In der Mehrzahl der Fälle sind auch diese undankbar gegen ihre großen Männer gewesen. Der Erfinder ist eine problematische Natur, seinem Schaffen wie seinem Lebensgange nach, und verhältnismäßig selten sind die Fälle, wo ein Erfinder sein Werk in ungestörter bürgerlicher Behäbigkeit zu Ende führen konnte. Heute allerdings hat sich das Los des Erfinders gegen früher wesentlich günstiger gestaltet. Unsere ausgebildete Gesetzgebung ermöglicht einen weitgehenden Schutz und eine unter Umständen sehr ausgiebige Nutzbarmachung selbst der kleinsten erfindungstechnischen Neuerung, und in den Gebieten der heutigen Technik und Industrie gibt es neben den zahllosen Neuerfindungen und Patenten, die sich nicht bewährt haben, doch auch zahlreiche solcher, die ihren Urhebern große Gewinne eingebracht haben. Erfinderische oder patenttechnische Kleinigkeiten, Neuerungen, die nichts grundlegend Neues gebracht haben, sondern nur in einer Änderung oder Verbesserung irgendeines kleinen Teils bestehen, sind die Quelle großer Reichtümer geworden, und für viele dieser Erfinder kann gesagt werden, daß der Gewinn, den sie gebracht haben, in umgekehrtem Verhältnis zu dem Aufwand an Geist und Können steht, den sie erforderten. Aber an den großen Erfindungsproblemen scheitert auch in unserer Zeit noch oftmals die Existenz des Erfinders, wie die Geschichte der Technik des letzten halben Jahrhunderts durch viele derartige Fälle bekunden kann. Nicht nur die Erfindung selbst ist ein Problem, auch die Kunst des Erfindens ist problematischer Natur, und nur wenigen der Problematiker in der Geschichte der Erfindungen ist es geglückt, gerade dieses Problem befriedigend zu lösen. Heute noch wie jemals zuvor stellen die Erfindungsprobleme durch ihre Bedeutung wie auch durch die Art, wie sie zur Lösung gebracht werden, ein Sondergebiet der Problematik des menschlichen Geistes dar, und der Kampf um den Erfolg ist auch hier in vielen Fällen vergleichbar dem Wettlauf mit der Schildkröte, an dem und an dessen Deutung die Kraft der Besten erlahmte.