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4. Der Stein der Weisen

Die Kunst, Gold zu machen – Die Alchemie im Altertum – Hermes Trismegistos – Die Araber – Geber – Christliche Alchemie – Der Stein der Weisen – Albertus Magnus – Roger Bacon – Villanovus – Raimundus Lullus – Basilius Valentinus – Gekrönte Alchemisten – Von der Alchemie zur Chemie – Auferstehung der Alchemie?


In der Geschichte des menschlichen Denkens und Forschens wird für immer jenes Problem, das unter dem Namen »der Stein der Weisen« bekannt und berühmt geworden ist, eins der eigenartigsten und reizvollsten, zugleich aber auch wichtigsten und folgenreichsten Kapitel sein. Eigenartig und reizvoll zunächst um des Zieles willen, das mit jenem Problem verfolgt wurde, und das darin bestand, eine geheimnisvolle Substanz, eben den Stein der Weisen, zu finden, die ihrem Besitzer ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten zur Erlangung aller irdischen Macht und Glückseligkeit, vor allem aber auch die Fähigkeit, unedle Metalle in Gold zu verwandeln, verleihen sollte. An das Streben nach diesem Ziel, die Herstellung von Gold durch den Stein der Weisen, knüpft sich jene eigentümliche Wissenschaft, die wir als Alchemie bezeichnen und die etwa anderthalb Jahrtausende hindurch die Denk- und Forschungsweise der Gelehrten beherrscht hat. Die Geschichte des Problems des Steins der Weisen ist nahezu gleichbedeutend mit der Geschichte der Goldmacherkunst selbst. Wichtig und folgenreich aber wurde die Beschäftigung mit jenem merkwürdigen Problem deswegen, weil sie trotz des trügerischen und nie erreichten Zieles und trotz der Sonderbarkeiten ihrer Methoden schließlich doch der Weg wurde, auf dem die menschliche Forschung zu tieferer Einsicht in das Wesen der Dinge, insbesondere die Natur der Stoffe, und damit zur Erschließung eines der größten, wichtigsten und inhaltreichsten Gebiete der Naturerkenntnis überhaupt geführt wurde. Ähnlich wie aus der Astrologie die wissenschaftliche Astronomie, so ging aus den Irrwegen, auf denen sich das Denken im Streben nach dem Stein der Weisen und nach dem Geheimnis, Gold zu machen, bewegte, schließlich die Wissenschaft der Chemie hervor, und dieser Entwicklungsgang von mystischem Denken zu geläuterter Erkenntnis, der sich an das Streben nach der Lösung jenes merkwürdigen Problems knüpft, gibt diesem für immer einen hervorragenden Platz in der Geschichte des problematischen Denkens.

Wir sagten bereits, daß die Geschichte des Problems des Steins der Weisen nahezu gleichbedeutend mit der Geschichte der Goldmacherkunst selbst ist. Nahezu, aber nicht vollkommen. Die Idee, unedle Metalle in Gold zu verwandeln, hatte schon einige Jahrhunderte, bevor diese Denkweise sich zu dem Begriff des Steins der Weisen herauskristallisierte, Besitz von den Denkern und Forschern ergriffen. Das Problem, auf künstlichem Wege Gold zu machen, aber noch nicht mit jenem Begriff verquickt, beginnt vielmehr nahezu mit dem Zeitpunkt, in welchem das Gold in der Wertschätzung des Menschen überhaupt zu seiner folgenreichsten Bedeutung als Träger von Wert und Reichtum gelangte, um dessen Besitz gearbeitet, gestrebt und erbittert gekämpft wurde. Seitdem entstand auch das Bemühen, die natürliche Art der Goldgewinnung durch künstliche Mittel der Goldherstellung zu vermehren und zu erweitern und die Geheimnisse, an die vermeintlicherweise die Erreichung dieses Zieles gebunden war, aufzudecken. Schon Götterlehre und Sagenschatz der ältesten Kulturvölker verraten dieses Bemühen in mannigfachster Weise. Die Götter der Alten verstehen sich immer auf die Kunst, Gold zu schaffen oder gewöhnliche Dinge in Gold zu verwandeln, und ebenso vermögen sie auch gewöhnlichen Sterblichen diese schätzenswerte Fähigkeit zu verleihen. Der König Midas erbat sich von einem Gott die Gabe, daß alles, was er berührte, zu Gold werden sollte; der Gott erfüllte den törichten Wunsch, mit dem Erfolg, daß sich der ganze Palast des Midas, aber auch seine Nahrung und schließlich er selbst in Gold verwandelte. In anderen Fällen sind es Zauberer, die sich auf die Kunst der Goldverwandlung verstehen, und im Mittelalter wurde besonders dem Teufel diese Fähigkeit als eines seiner vielen Mittel zugeschrieben, um erfolgreich den Seelenfang zu betreiben. Aus allen den zahllosen Sagen, Erzählungen, Märchen usw. dieser Art spricht letzten Endes doch nur der Wunsch, durch göttliche oder zauberische Kräfte hinter das Geheimnis des Goldmachens zu kommen, zugleich aber auch die Auffassung, daß es durchaus möglich sei, das begehrte Edelmetall auf künstlichem Wege herzustellen, und daß es zu diesem Zweck eben nur besonderer Mittel und Kräfte bedürfe. Auch gewisse Stellen der Bibel sind – ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt – im alchemistischen Sinne ausgelegt worden. Schon die ältesten Alchemisten sahen in Moses ihren Ahnherrn, weil er nach dem Bericht der Bibel bitteres Wasser in süßes verwandelte, ebenso auch in Hiob, weil von ihm gesagt wird: »Du wirst Gold für Erde geben und goldene Bäche für Felsgestein.«

Der uralte Glaube an die Möglichkeit, gewöhnliche Stoffe, besonders unedle Metalle, in Gold zu verwandeln, hatte freilich eine sehr natürliche Wurzel. Die Art der Metallgewinnung selbst war es, die bei allen alten Völkern nahezu mit Notwendigkeit zu dieser Ansicht führen mußte. Die unedlen Metalle werden durch Ausschmelzen aus ihren Erzen gewonnen; in diesem Prozeß sah man aber weniger eine Scheidung des Metalls von den mineralischen Bestandteilen des Erzes als vielmehr eine Verwandlung des Erzes in Metall. Und wie die Erze sich nach dieser Auffassung in Blei, Zink, Zinn und andere unedle Metalle verwandeln ließen, so mußte es nach derselben Auffassung auch möglich sein, solche Erze oder die aus ihnen gewonnenen unedlen Metalle in Gold zu verwandeln. Durch die Ähnlichkeit vieler Metalle in Farbe und äußeren Eigenschaften wurde dieser Glaube noch bestärkt, ebenso auch durch gewisse Experimente, bei denen eine Verwandlung von Metallen stattzufinden schien, wie etwa ein Stück Eisen seine Farbe verändert, wenn es in eine Lösung von Kupfervitriol gelegt wird, eine Änderung, die als »Verwandlung« aufgefaßt wurde. Solche Erfahrungen kannte man schon in uralter Zeit, seitdem man sich überhaupt mit den Metallen zu beschäftigen begonnen hatte, aber der völlige Mangel tieferer metallurgischer oder chemischer Kenntnisse führte zu einer falschen Deutung solcher Vorgänge, die sich mit Vorliebe in der Richtung des heißersehnten Zieles der Goldverwandlung bewegte. Auch die Legierung der Metalle, durch welche diese ihre physikalischen Eigenschaften, Farbe, Härte, Schwere usw. wesentlich verändern, wurde ursprünglich sicher als Umwandlung im alchemistischen Sinne gedeutet und hat auch in der späteren Zeit in die Auffassungen und Methoden der Alchemisten hineingespielt; da aber durch Legierung der unedlen Metalle gerade die charakteristische Eigenschaft der Edelmetalle, ihre Beständigkeit und Unveränderlichkeit gegenüber Feuer, Luft und chemischen Substanzen, nicht zu erreichen war, so haben die Versuche, durch Legierung Gold zu machen, in den Rezepten der Alchemisten doch nur eine Nebenrolle gespielt.

In solcher wie der beschriebenen Weise wurde die Alchemie schon Hunderte von Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung bei den Phöniziern, dem Küstenvolke im alten Syrien, bei denen Metallgewinnung und Metallbearbeitung bereits zu hoher Blüte gelangt war, und ebenso auch bei den alten Ägyptern betrieben. Einer der Götter der Ägypter, der Mondgott Thoth oder Thouth, galt als der Schöpfer der Magie und ebenso auch der Alchemie. Die späteren Griechen sahen in dem sagenhaften Thoth jedoch mehr einen alten Weisen, den sie der vielen geheimnisvollen Eigenschaften wegen, die er besessen haben soll, als Hermes Trismegistos, d. h. der dreimal Größte, bezeichneten. Ihm wurde insbesondere auch die Kenntnis der Kunst des Goldmachens zugeschrieben, und er soll die geheime Vorschrift, die diesem Zwecke diente, auf eine Tafel von Smaragd niedergeschrieben haben. Diese » Tabula Smaragdina« ist das älteste schriftliche Dokument in der Geschichte der Goldmacherkunst und beginnt mit den Worten: »Es ist ohne Lüge, wahr und gewiß: was unten ist, ist wie das, was oben ist, und was oben, wie das, was unten ist, um die Wunder der Dinge zu durchdringen!« In dieser geheimnisvollen Weise geht es weiter, und es ist bis heute noch kein Mensch aus diesem ebenso alten wie dunklen Rezept zum Goldmachen klug geworden. Trotzdem aber stand Hermes Trismegistos bei den späteren Alchemisten in größtem Ansehen, und die Tabula Smaragdina galt, wenn sie auch nie einem Menschen dazu verholfen hat, Gold herzustellen, solange es überhaupt Alchemie gab, geradezu als die Bibel der Alchemisten. Hermes Trismegistos ist so die ganze Geschichte der Alchemie hindurch sozusagen der Schutzheilige und Inbegriff aller alchemistischen Tätigkeit und Weisheit geblieben; »hermetisch« war gleichbedeutend mit alchemistisch, und in der Bezeichnung »hermetischer Verschluß« dauert das Andenken an diesen ersten aller Alchemisten sogar noch heute fort. Ägyptischen Ursprungs ist übrigens auch die Bezeichnung »Alchemie« selbst; sie stammt von dem Namen des Landes, das in alter Sprache »Chemie« hieß, so daß Alchemie soviel wie ägyptische Wissenschaft bedeutet. Das Wort » chemie« hatte außerdem auch noch die Bedeutung »schwarz«, und daher wurde die Alchemie auch späterhin als »Schwarzkunst« bezeichnet, und diesen Namen hat sie die Jahrhunderte hindurch neben jenem anderen beibehalten.

In ähnlicher Weise wie bei den alten Ägyptern wurde die Alchemie wohl auch bei den alten Griechen ausgeübt, die ja viele Kenntnisse, Erfindungen und technische Errungenschaften erst von den alten Ägyptern übernommen haben. Auch bei den Griechen herrschte noch völliger Mangel tieferer chemischer Kenntnisse und daher ebenso wie bei jenen der naive Glaube an die Verwandelbarkeit der Stoffe und insbesondere der Metalle. Der große Naturforscher und Philosoph der Griechen Aristoteles lehrte, daß Feuer, Wasser, Luft und Erde die Grundstoffe seien, aus denen sich alle anderen Stoffe und überhaupt alle irdischen Dinge zusammensetzten; also mußte es doch wohl auch möglich sein, jene Grundstoffe zu Gold zusammenzufügen. Diese Auffassung des Aristoteles von der Natur der Stoffe hat noch viele Jahrhunderte, bis hoch ins Mittelalter hinein, nachgewirkt und war in Verbindung mit den Lehren des Hermes Trismegistos eine der Grundlagen und Hauptstützen für den Glauben an die Möglichkeit, unedle Metalle in Gold zu verwandeln.

Genauere Kenntnisse über die Goldmacherkunst haben wir dann erst aus den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung. Wir wissen, daß man sich auch um jene Zeit sowohl in Ägypten wie auch in Griechenland mit alchemistischen Versuchen befaßte und nicht nur Gold, sondern auch Silber auf künstliche Weise herzustellen suchte. Man war fest davon überzeugt, daß sich Kupfer oder Kupfererze in Gold umwandeln lassen müßten, und eifrig bemüht, die Mittel der Umwandlung zu finden. Aus dieser Zeit stammen auch verschiedene alchemistische Schriften, so eine solche des Bischofs Synesius aus dem fünften Jahrhundert, in der der Verfasser das Destillierverfahren, das bei allen alchemistischen und chemischen Versuchen und Prozessen eine große Rolle spielte, eingehend beschrieb, während der Ägypter Zosimos ein Werk über alchemistische und chemische Öfen und Apparate herausgab; Zosimos schreibt darin auch, daß die Götter oftmals irdischen Frauen ihre Geheimnisse verraten und sie auch in die Kunst, Gold und Silber künstlich herzustellen, einweihen sollten. Bemerkt sei noch, daß damals auch im fernen China die Alchemie betrieben wurde in der Weise, daß man zunächst Zinn in Silber, und dieses dann in Gold umzuwandeln suchte.

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Abb. 50
Gerätschaften des Alchemisten Geber

Eine neue Epoche der Alchemie begann, als die Araber im siebenten Jahrhundert das alte Ägypten erobert und dadurch auch die alchemistischen Lehren und Kenntnisse, die seit des Hermes Trismegistos Zeiten dort gesammelt worden waren, kennengelernt hatten. Auf ihren weiteren Eroberungszügen verbreiteten sie die Schwarzkunst dann auch in Spanien und Italien, und von hier aus wurde jene Kunst dann auch nach den übrigen europäischen Ländern weitergetragen. Die Araber, ein tatkräftiges und geistig hochstehendes Kulturvolk, dem die europäische Wissenschaft und Technik auch auf anderen Gebieten viel zu verdanken hat, vertieften sich mit großem Eifer in die Kunst der Alchemie, und eine große Anzahl arabischer Gelehrter gehört zu den bedeutendsten Alchemisten aus der ganzen Geschichte dieser Geheimkunst. Bei den arabischen Alchemisten erweiterten sich aber die zusammenhanglosen und vielfach verworrenen und mißverstandenen metallurgischen und alchemistischen Erfahrungen ihrer Vorgänger zum ersten Male zu einigermaßen geordneten chemischen Kenntnissen, freilich immer mit dem Ziele, durch diese das große Geheimnis der Goldmacherkunst zu ergründen. Sie machten im Laufe der Zeiten eine große Anzahl neuer und wertvoller Entdeckungen und Erfindungen auf diesen Gebieten, gewannen nähere Einblicke in das Wesen des chemischen Prozesses und der chemischen Verbindungen und dadurch tiefere Einsichten in die Natur der Stoffe überhaupt als jemals ihre Vorgänger.

Der bedeutendste unter diesen arabischen Alchemisten war Abu-Mussa-Dschafar al Sofi, der in der Geschichte der Wissenschaften bekannter unter dem Namen Geber geworden ist. Er war ein für seine Zeit bedeutender Chemiker und verfügte besonders auf metallurgischem Gebiete über ein großes Wissen, das er durch zahlreiche neue Erfahrungen und Entdeckungen vermehrte. Er kannte und beschrieb eine große Anzahl neuer Metallverbindungen. Von ihm stammen die Verfahren des Sublimierens, Filtrierens und Kristallisierens, ferner auch die Anwendung des Wasserbades bei der Destillation, alles hochwichtige Prozesse bei der Tätigkeit des Chemikers. Er lehrte auch die Darstellung der Schwefelsäure und der Salpetersäure nach neuem und verbessertem Verfahren und entdeckte die Eigenschaften des Königswassers, das durch Mischung aus Schwefel- und Salpetersäure entsteht und die einzige Flüssigkeit ist, die Gold aufzulösen vermag. In seiner Auffassung von der Natur der Metalle wandte er sich entschieden von der Lehre des Aristoteles ab und gelangte auch hier zu einer immerhin schon höheren Ansicht. Nach dieser bestanden alle Metalle aus drei Stoffen, nämlich Quecksilber, Schwefel und Arsenik, und je nachdem man den einzelnen Metallen von diesen Grundstoffen mehr oder weniger zusetzte oder entzog, sollten sich diese ineinander verwandeln lassen. Dem Quecksilber besonders maß er eine besondere Bedeutung für die Alchemie bei; als einziges Metall, das schon bei gewöhnlicher Temperatur flüssig ist, sollte es auch besondere Eigenschaften für die Zwecke der Goldumwandlung haben und der wichtigste Grundstoff für die Herstellung des Edelmetalles sein. Diese Auffassung von der besonderen Wichtigkeit des Quecksilbers hat sich auch auf alle späteren Alchemisten übertragen, und das Quecksilber hat diese Rolle bis zum Ende der Alchemie gespielt. Freilich genügte nach Gebers Ansicht das Vorhandensein von Quecksilber, Schwefel und Arsenik allein noch nicht, um daraus Gold herzustellen; dazu war, wie er glaubte, außerdem noch die Anwendung gewisser Tinkturen und Medizinen notwendig, die durch die ihnen innewohnenden besonderen Kräfte erst die Umwandlung jener Grundstoffe in Gold bewirken sollten. Geber mag zu dieser Ansicht durch die Erfahrung gekommen sein, daß bei vielen chemischen Prozessen die zusammengebrachten Stoffe erst bei der Anwesenheit eines bestimmten anderen Stoffes aufeinander wirken und in Verbindung treten. Solche Stoffe, die erst die chemische Wirkung und Verbindung anderer Substanzen aufeinander auslösen, ohne selbst aber in die Verbindung jener miteinzutreten, nennt die Chemie bekanntlich Katalysatoren. Solcher Art mögen auch die geheimen Tinkturen und Medizinen gewesen sein, die nach der Ansicht Gebers erst die Umwandlung jener drei Grundstoffe in Gold bewirken oder auslösen sollten. Gerade diese Auffassung Gebers, in der sich also eine sehr richtige und wichtige Erfahrung widerspiegelt, ist für die Folgezeit von grundlegender Bedeutung für die ganze Alchemie geworden.

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Abb. 51
Gerätschaften des Alchemisten Geber

Im 11. Jahrhundert hatte sich durch den Einfluß der Araber die Alchemie wohl in allen europäischen Kulturländern verbreitet als eine Art Geheimlehre, deren Jünger überall den Ruf besonderer Kenntnisse und Fähigkeiten genossen. Viel aufrichtiges Forschen und Streben, wenn auch auf dunklen und umständlichen Wegen, ist in der Tätigkeit der Alchemisten zu finden, aber bereits machte sich auch eine ausgesprochene Scharlatanerie breit seitens solcher Alchemisten, die sich nur den Anschein besonderer Fähigkeiten zu geben und diesen Nimbus zu unlauteren Zwecken zu benutzen verstanden, eine Mischung, wie sie für die ganze spätere Zeit der Alchemie so überaus charakteristisch ist. Der Glaube an die Möglichkeit, Gold zu machen, stand überall fest, und der Hunger nach dem kostbaren Metall schuf diesem Treiben überall einen günstigen Boden. Besonders an den Höfen der Fürsten nisteten sich bereits damals zahlreiche Alchemisten ein, die angaben, Kupfer in Gold verwandeln und dadurch dem ewigen Goldmangel der Herrschenden leicht abhelfen zu können. Die Hofalchemisten, die teuer bezahlt wurden und in ihren Laboratorien Jahre hindurch ihr geheimnisvolles Handwerk betrieben, ohne zum Ziele zu kommen, es aber immer von neuem verstanden, durch Versprechungen und geheimnisvolle Andeutungen ihre Auftraggeber hinzuhalten, wurden seitdem eine häufige Erscheinung. Als erster Alchemist auf deutschem Boden wird ein gewisser Paulus erwähnt, der im Jahre 1063 von dem Bischof Adalbert von Bremen in Dienst genommen wurde, um durch seine Kunst die erschöpften Kassen des Kirchenfürsten wiederaufzufüllen. Schon hieraus geht hervor, daß die Geistlichkeit, die sonst gegen alles, was nach Magie und Zauberei roch, unbarmherzig vorging, der Alchemie gegenüber ebenfalls eine sehr wohlwollende Stellung einnahm. Die Sehnsucht nach dem Golde erzog zur Toleranz.

Seit dem 12. Jahrhundert etwa wurde die Alchemie eine regelrechte und anerkannte Wissenschaft, die allerdings nicht auf den Universitäten gelehrt, sondern als Geheimkunst seitens zahlreicher Gelehrter aller Richtungen und Fakultäten betrieben wurde. Gerade im Bereich der christlichen Wissenschaft aber nahm die Alchemie in der Folgezeit eine sehr unwissenschaftliche Richtung an. Die frühere Alchemie, wie sie bei Ägyptern, Griechen und Arabern betrieben worden war, war bei aller Dunkelheit und Verworrenheit der Mittel und Wege doch eine Art wissenschaftlicher Tätigkeit gewesen, darauf gerichtet, durch Erfahrungen und Experimente das Wesen der Stoffe zu ergründen und auf diese Weise das sich daran knüpfende Problem der Umwandlung der Stoffe zu lösen. Denken und Forschen, Untersuchung und Experiment waren die Wege dieser Tätigkeit geradeso wie auf irgendeinem anderen Gebiet der Wissenschaft gewesen, und auf diesen Wegen war man zu Erfahrungen und Erkenntnissen, zu gewissen Erfolgen und freilich auch zu vielen Mißerfolgen gekommen, wie es in allen andern Wissenschaften auch der Fall war. Auf diesem Wege echter Forschungstätigkeit hoffte man schließlich auch bis an das erstrebte Ziel selbst zu gelangen. Anders aber betätigte sich die Alchemie des christlichen Mittelalters. Die Erfolglosigkeit aller alchemistischen Versuche während der vergangenen Jahrhunderte führte zu der Auffassung, das nur höhere als die gewöhnlichen menschlichen Kräfte zur Lösung des Problems führen könnten. Besonders waren es die schon von dem Araber Geber gemachten Andeutungen, daß zur Goldverwandlung gewisse katalytische Stoffe nötig seien, die diese Auffassung nährten, aber zugleich auch ins Mystische und Verworrene steigerten. Es bildete sich der Glaube heraus, daß es gewisse Stoffe gäbe, die durch die ihnen innewohnenden geheimnisvollen Kräfte die unedlen Metalle in Gold verwandeln sollten, wenn sie mit jenen nur in Berührung gebracht würden. Diesen geheimnisvollen Stoff zu finden, um auf solchem abgekürzten Wege das Problem der Goldmacherkunst lösen zu können, darauf richtete sich nunmehr das ganze Streben der Alchemisten.

Damit trat an die Stelle der früheren Forschung durch Verstand und Experiment eine unwissenschaftliche Geheimkunst, und diese blieb das Charakteristikum der Alchemie der späteren Jahrhunderte, wenn freilich auch bei dieser Art der Alchemie viel Scharfsinn aufgewandt wurde und man oftmals auch bei dieser Art des Forschens zu neuen und wertvollen Kenntnissen allgemeiner Natur gelangte. Das Suchen nach dem geheimnisvollen Stoff, der durch seine bloße Berührung Blei oder Quecksilber in Gold zu verwandeln imstande sei, beherrschte alles Denken und Arbeiten der Alchemisten. Bald sollte es eine Tinktur oder Medizin, bald ein fester Stoff sein, dem jene Wirkung zugesprochen und der bald als »Rote Tinktur« oder als »Roter Löwe« bezeichnet wurde. Besonders aber sollte es ein roter Stein sein, der, zu Pulver zerrieben, die höchste und vollkommenste Wirkung zur Umwandlung unedler Metalle in Gold zu entfalten imstande sei, nämlich der Stein der Weisen. Und noch mehr sollte dieser zauberische Stein vermögen: er sollte auch jegliche Krankheit zu beseitigen und ewige Jugendkraft und ewiges Leben zu verleihen imstande sein und so dem, der ihn fände, alle irdische Macht und Glückseligkeit gewähren. Was Wunder, wenn sich das ganze Streben der Alchemisten darauf richtete, diesen Zauberstoff zu finden oder zu erschaffen, und daß Jahrhunderte hindurch ein ungeheures Kapital von Scharfsinn und Arbeit darauf verwandt wurde, in den Besitz dieses Stoffes zu gelangen. Die Herstellung des Steins der Weisen, des lapis philosophorum, wie er gelehrt genannt wurde, galt als das größte und vollkommenste Meisterstück, das einem Alchemisten überhaupt je gelingen konnte, und wurde daher als das Große Magisterium bezeichnet.

Über die Beschaffenheit des geheimnisvollen Steins der Weisen und ebenso über die Art seiner Herstellung gingen die Meinungen freilich sehr auseinander, und jeder der berühmten Alchemisten hatte dafür sozusagen sein eigenes Rezept. Der Stoff, aus dem der Stein herzustellen sei, wurde als materia prima (Grundstoff) bezeichnet, und das sollten bald mineralische Substanzen, besonders Steine oder gar Edelsteine, bald seltene Pflanzen oder die Substanz bestimmter Tiere sein. Nach einer Vorschrift sollte aus der materia prima zunächst eine grüne Substanz, der Grüne Löwe oder Drache, auch der Merkur der Weisen genannt, entstehen; aus dieser entstand dann eine schwarze Substanz, Rabenhaupt genannt, die sich in einen weißen Stoff, den Weißen Schwan oder die Lilie, verwandelte, und aus dieser Substanz sollte durch Glühen in Feuer nach besonderen geheimen Vorschriften endlich der Rote Löwe oder der Stein der Weisen hervorgehen. Nur besonders Auserwählten sollte die Herstellung des lapis philosophorum gelingen; viele hielten göttlichen Beistand zum Gelingen des Großen Magisteriums für nötig, andere suchten durch Beschwörungen und Zauberformeln zum Ziele zu gelangen oder bändelten zu diesem Zweck auch mit dem Teufel an. Glaube und Aberglaube rankten sich in unübersehbarer Fülle um das Große Magisterium. Die Auserwählten, denen die Herstellung des geheimnisvollen Steines bereits gelungen sein sollte, wurden als Adepten bezeichnet, während Alchemisten diejenigen hießen, die noch nicht so weit, aber auf dem Wege zu diesem Ziel waren, und diejenigen, die noch Schüler in der hohen Kunst der Alchemie waren, wurden »Philosophen« genannt. Allgemein war man von der hohen Kraft des Steins der Weisen überzeugt. Schon eine Wenigkeit des Stoffes, auf geschmolzenes unedles Metall geworfen, sollte genügen, um das Zehn- oder Hundert-, ja Tausendfache seines Gewichtes in pures Gold zu verwandeln. Anderen, schwächeren Elixieren wurde nur die Kraft, Blei in Silber zu verwandeln, zugesprochen, aber im allgemeinen steigerten sich die vermeintlichen zauberischen Kräfte des Steins der Weisen in der weiteren Geschichte der Alchemie immer mehr. Bemerkt sei noch, daß man den Stein der Weisen auch mit anderen rätselhaften Problemen aus jener Zeit in Verbindung brachte, besonders mit der Quadratur des Kreises, die ja damals Gelehrten und Ungelehrten ebensoviel zu schaffen machte und allgemein als eines der tiefsten und schwersten Geheimnisse alles menschlichen Denkens überhaupt galt. Es bildete sich die Ansicht heraus, daß der, der die Quadratur des Kreises möglich machte, zugleich auch in den Besitz aller irdischen Weisheit überhaupt und damit auch in den Besitz des Steins der Weisen gelange samt allen Kräften und Fähigkeiten, die dieser zu verleihen imstande sei. Die Quadratur des Kreises ist nie möglich gemacht und der Stein der Weisen niemals gefunden oder geschaffen worden, aber jene seltsame Verknüpfung der beiden Probleme hat bis zum letzten Ende der Alchemie angehalten.

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Abb. 52.
Alchemistisches Laboratorium aus dem 14. Jahrhundert

Die Blütezeit der Alchemie bei den christlichen Kulturvölkern beginnt im 13. Jahrhundert. Seit dieser Zeit etwa finden wir Jahrhunderte hindurch die berühmtesten Gelehrten aller Fakultäten und nahezu aller Nationen als Jünger der Alchemie tätig, damit beschäftigt, den Stein der Weisen zu finden oder zu erschaffen; der Glaube an diesen geheimnisvollen Stoff und seine zauberischen Kräfte beherrschte unterschiedslos selbst die hervorragendsten Geister, die auf anderen Gebieten viel kritischer und wissenschaftlicher dachten und zu Werke gingen. Gleich aus der Zeit des 13. Jahrhunderts tritt uns eine Anzahl hochberühmter Forscher und Gelehrter entgegen, die zugleich auch als Alchemisten tätig waren und als solche für die Geschichte der Goldmacherkunst, zugleich aber auch für die Entwicklung der Naturwissenschaften überhaupt, insbesondere der Chemie und der Metallkunde, von großer Bedeutung geworden sind.

An erster Stelle unter den berühmten Alchemisten aus jener Zeit ist der Bischof Albert von Bollstädt (1195-1280) zu nennen, der seiner großen Gelehrsamkeit wegen Albertus Magnus genannt wurde, einer der hervorragendsten Gelehrten seiner Zeit überhaupt und Lehrer des Thomas von Aquino. In naturwissenschaftlichen Dingen, die ja freilich damals noch völlig im Dunklen lagen, huldigte er noch vollkommen den Ansichten des Aristoteles und in chemischen Dingen denen der Araber, besonders des Geber. Er schrieb auch ein Werk über Alchemie und sprach darin mit aller Bestimmtheit aus, daß die Verwandlung unedler Metalle in Gold möglich sei. Doch verbesserte er das Rezept Gebers dahin, daß außer Quecksilber, Schwefel und Arsen auch noch Wasser zu dem Verwandlungsprozeß nötig sei und daß dieses überhaupt die besonderen Eigenschaften der Metalle mitbewirke. Er will selber die Verwandlung gewöhnlicher Stoffe in Gold festgestellt haben und behauptete, daß es am leichtesten sei, Gold aus Silber herzustellen, da letzteres dem Gold schon in vielen Eigenschaften ähnlich und es daher nur noch nötig sei, seine weiße Farbe in die rötlich-gelbe des Goldes umzuwandeln. Wenn nun seine Ergebnisse auf dem Gebiet der Goldmacherkunst ebenso zweifelhaft waren wie die aller seiner Vorgänger, so hat er doch auf allgemein-metallurgischem Gebiet manchen wichtigen Fortschritt erzielt. Er lehrte zuerst die Trennung von Gold und Silber vermittels Scheidewasser und ebenso auch die Scheidung unedler Metalle, gab das Verfahren der Sublimierung, der Gewinnung der Metalle aus den Erzen durch Quecksilber, an und ist durch diese Erfolge seiner alchemistischen Tätigkeit immerhin von Bedeutung geworden.

Ein Zeitgenosse des Albertus Magnus, und wie dieser ein berühmter Theologe und zugleich Alchemist, war auch der Engländer Roger Bacon (1214-1294), ebenfalls ein hochgelehrter und seiner Zeit in vielem vorausgeschrittener Mann, der zeit seines Lebens wegen seiner freimütigen Verurteilung des bei hoch und niedrig grassierenden Aberglaubens vielen Verfolgungen ausgesetzt war. Auch auf naturwissenschaftlichem Gebiete, besonders in Technik und Mechanik, hatte er für seine Zeit bedeutende Kenntnisse und hat da mancherlei Neues entdeckt und erfunden, ebenso wie er auch in der Chemie zu neuen und wertvollen Forschungsergebnissen gelangt ist. Er erkannte als erster, daß Alaun und Vitriol, die bis dahin für identisch gehalten worden waren, verschiedene Stoffe sind; er erfand die Methode zur Zersetzung des Schwefelarseniks durch Erhitzen mit Eisen, machte wichtige und aufschlußreiche Versuche über den damals noch sehr rätselhaften Vorgang der Verbrennung und soll auch bereits das Schießpulver gekannt, ja sogar dieses erfunden haben. In der Alchemie huldigte er freilich noch ganz den alten Anschauungen und war von der Möglichkeit der Umwandlung der Metalle in Gold vermittels des Steins der Weisen überzeugt. Auch er verfaßte ein Werk über die Goldmacherkunst, betitelt »Der Spiegel der Alchemie«, in welchem er den Nachweis zu führen suchte, daß alle Metalle Zusammensetzungen von Quecksilber und Schwefel seien und es daher auch möglich sein müsse, aus diesen beiden Stoffen Gold herzustellen. Trotz dieser verworrenen Auffassung ist auch die Tätigkeit dieses Alchemisten für die Weiterentwicklung der Metallkunde und der Chemie überhaupt von erheblichem Wert geworden.

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Abb. 53
Alchemistische Geräte aus dem 14. Jahrhundert

Als ein weiterer berühmter Alchemist aus jener Zeit ist Arnold Bachuone oder, wie er sich nach dem Gebrauch vieler Gelehrter jener Zeit in latinisierter Form nannte, Arnoldus Villanovus zu nennen. Villanovus war ein viel weniger wissenschaftlicher Forscher als die Vorerwähnten; er war eben nur ein Alchemist, der sich völlig in jener unwissenschaftlichen Richtung bewegte, die durch dunkle und mystische Zauberkräfte an das Ziel, Gold zu machen, zu gelangen suchte. Er ging aus von den Lehren der Araber, seine eigene alchemistische Tätigkeit aber bestand hauptsächlich darin, den Stein der Weisen zu finden oder zu erzeugen, durch den er Quecksilber in Gold verwandeln zu können glaubte. Aber auch die Stellung der Himmelskörper sollte von Einfluß auf die Goldbereitung sein, weswegen er auch astrologische Studien trieb, und ebenso sollte das Gelingen des Prozesses von gewissen Gebet- und Zauberformeln abhängen, und die wahren und wirkungsvollen alchemistischen Formeln ausfindig zu machen, war sein eifriges Bestreben. Viele Jahre seines Lebens verbrachte er mit solchen Studien und Experimenten, behauptete auch, das große Geheimnis der Goldmacherkunst wirklich ergründet zu haben und Blei und Quecksilber in Edelmetall verwandeln zu können. Er stellte auch trinkbares Gold, eine Auflösung von Gold in Wasser oder Wein her und behauptete, daß dieser Goldtrank von den wunderbarsten Eigenschaften für Kraft und Leben des Menschen sei; dieses » aurum potabile« hat auch späterhin noch lange eine große Rolle als alchemistisches Heilmittel gespielt. Villanovus war der Typus des alchemistischen Scharlatans, dessen Tun und Treiben uns sogar nahezu schwindelhaft anmutet. Wie sehr er aber trotzdem als Alchemist geschätzt wurde, geht daraus hervor, daß ihn der aragonische König Friedrich II. in seine Dienste nahm, mit dem Auftrag, Gold zu machen. Gelang es ihm nun zwar auch nicht, Quecksilber in Gold zu verwandeln, so entdeckte er doch die Eigenschaften des Quecksilbers als Heilmittel. Er erfand die graue Quecksilbersalbe, die seitdem das wichtigste Heilmittel für die galante Krankheit geworden ist, ebenso auch noch eine ganze Anzahl anderer Arzneimittel. Auch die Methode der Herstellung des Weingeistes durch Destillation erfand er, und so ist denn schließlich auch aus der mystischen Tätigkeit dieses Alchemisten ein Erfolg hervorgegangen, der sein Ansehen bei seinen Zeitgenossen wie auch in der Geschichte der Schwarzkunst selber rechtfertigte.

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Abb. 54
Alchemistisches Symbol

Der merkwürdigste und berühmteste Alchemist aus jener Zeit aber war der Spanier Raimundus Lullus, der von 1235 bis 1314 lebte. Er hatte die alchemistische Kunst von Roger Bacon und Villanovus kennengelernt und suchte das große Geheimnis durch Erzeugung des Steins der Weisen zu lösen. Noch mehr als seine Vorgänger glaubte er fest an die Wirksamkeit dieses geheimnisvollen Stoffes und nahm an, daß es möglich sei, mit diesem jede beliebige Menge Quecksilber in pures Gold zu verwandeln. Ein ganzes Meer von Quecksilber wollte er mit dem lapis philosophorum in Gold umwandeln, so vermaß er sich – und fand damit bei seinen Zeitgenossen Glauben. Er behauptete aber auch, den Stein der Weisen wirklich gefunden zu haben und gab folgende Vorschrift für dessen Anwendung: »Nimm von dem Stein der Weisen soviel wie eine Bohne, wirf es auf tausend Unzen Quecksilber, so wird dieses in rotes Pulver verwandelt sein; von diesem wirf abermals eine Unze auf tausend Unzen Quecksilber, so wird dieses zu einer Tinktur verwandelt, und wirfst du von dieser nochmals eine Unze auf tausend Unzen Quecksilber, so wird dieses ganz in Gold verwandelt, welches reiner ist als das Gold der Bergwerke!« – Aber nicht nur Gold, auch Edelsteine und Perlen behauptete er herstellen zu können, und zwar durch Umwandlung erdiger Flüssigkeiten vermittels Tinkturen und Härten. Sein Ruhm als Alchemist wuchs in dem Maße, wie er seine Verheißungen und Versprechungen steigerte und sich immer mehr und höhere Kräfte beilegte, ohne daß jedoch jemals ein Mensch das große Kunststück der Goldbereitung durch ihn erlebt hätte. Aber auch bei ihm trug die Beschäftigung mit der Alchemie Früchte auf anderem und reellerem Gebiete. Er entdeckte die Brennbarkeit des Alkohols und die Reinigung desselben durch Pottasche und erfand eine Anzahl neuer Operationsverfahren für chemische Zwecke. Am berühmtesten wurde er jedoch durch die Erfindung einer – Denkmaschine. Diese bestand aus sieben, um einen gemeinsamen Mittelpunkt drehbaren Kreisen, die mit Worten und Begriffssymbolen bedeckt waren. Durch Drehen der Kreise und die dadurch bewirkte Zusammenstellung der Worte und Begriffe sollte es möglich sein, auf rein mechanischem Wege zu allen überhaupt möglichen Erkenntnissen und zur Lösung aller Aufgaben und Probleme zu gelangen. Die »Lullische Kunst« wurde dieses Verfahren genannt, das in der ganzen damaligen Kulturwelt ungeheures Aufsehen erregte, und wenn die Denkmaschine auch ebensowenig wie die alchemistischen Künste ihres Urhebers zu wirklichen Erfolgen führte, so hat sie ihn doch zum berühmtesten Gelehrten, zum » Doctor illuminatissimus«, wie ihn seine Zeitgenossen nannten, gemacht.

In der Weise wie bei den genannten Alchemisten wurde die Goldmacherkunst auch in den folgenden Jahrhunderten betrieben. Die alchemistischen Gelehrten und ebenso die alchemistischen Scharlatane erschöpften sich in dem Streben nach dem Stein der Weisen, den zu finden oder zu erzeugen die höchste Aufgabe war. Keiner der zahllosen Alchemisten hat den geheimnisvollen Stoff jemals gesehen, aber nahezu jeder behauptete, ihn zu besitzen, und jeder fand immer neue Gläubige. Aber dennoch ging aus diesem alchemistischen Tun und Treiben im Laufe der Zeiten schließlich eine bedeutsame Mehrung der wirklichen und wertvollen Erfahrungen und Kenntnisse auf metallurgischem und allgemein-chemischem Gebiete hervor, ebenso wie auch andere Wissensgebiete hieraus Nutzen zogen, die Heilmittelkunde besonders, ebenso auch die technischen gewerblichen Zweige. Die Erfolge auf diesen Gebieten waren es auch, die wieder und immer wieder den Glauben an die Alchemie und die Erreichbarkeit ihres eigentlichen Hauptzieles, die Goldbereitung auf künstlichem Wege, stärkten und erneuerten, sooft die Gläubigen nach dieser Hinsicht auch enttäuscht wurden.

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Abb. 55
Symbol des Alchemisten Basilius Valentinus

Dieses merkwürdige Nebeneinander von Alchemie und wirklicher Chemie setzte sich Jahrhunderte hindurch fort. Es kennzeichnete auch noch die Tätigkeit des bedeutendsten Alchemisten der späteren Zeit, des Basilius Valentinus, eines Benediktinermönches vom Oberrhein, der im 15. Jahrhundert lebte und seine Arbeiten und Studien im Peterskloster zu Erfurt betrieb. Basilius war zwar ebenfalls noch Alchemist im Sinne des Geber und Lullus, zugleich aber auch ein hervorragender Chemiker und vielleicht der erste, der diesen Namen mit Recht verdient. Auch für ihn galt der Stein der Weisen als das große Mysterium, das es zu ergründen galt, um die Kunst, Gold zu machen, vollkommen zu beherrschen. Nach ihm war eine bestimmte Menge vom Stein der Weisen imstande, das Zehn- bis Dreißigfache seines Gewichtes an unedlem Metall in Gold zu verwandeln, auch verfaßte er hierüber ein umfangreiches Werk, betitelt »Vom großen Stein der alten Weisen«, aus dem noch die ganze alchemistische Geheimniskrämerei der früheren Zeiten spricht. In anderen Werken aber befaßt er sich mit wirklicher Chemie, und auf diesem Gebiete war auch seine Tätigkeit am wichtigsten und erfolgreichsten. Er machte gründliche Forschungen über das Antimon und die Antimonpräparate, Stoffe, über die man damals noch sehr im unklaren war, und war damit grundlegend für Jahrhunderte; er fand auch die Herstellung der Salzsäure durch Erhitzen von Kochsalz und Eisenvitriol, entdeckte das Ammoniak, das Knallgold und den Bleizucker und lehrte neue Methoden der Quecksilbergewinnung. Zahlreiche andere Stoffe wurden von ihm teils entdeckt oder hergestellt, teils beschrieben; auch vermehrte er die chemischen Untersuchungs- und Arbeitsmethoden durch neue Verfahren und trug so mehr zur Bereicherung und Förderung der chemischen Wissenschaft bei als je ein Alchemist vor ihm.

In dem Maße, wie sich so die chemische Forschung immermehr entwickelte, ging es mit der Alchemie selbst immer mehr bergab. Bei den eigentlichen alchemistischen Gelehrten war in ihrer Beschäftigung doch immer das wahre wissenschaftliche Streben vorherrschend gewesen, das Streben, in die Geheimnisse der Stoffe und ihrer Kräfte einzudringen und dadurch zu höherer Erkenntnis überhaupt zu gelangen. In den Händen vieler, ja schließlich sogar der meisten anderen Alchemisten aber wurde diese Tätigkeit nur das nackte Streben, durch die Kunst des Goldmachens zu Macht und Reichtum zu gelangen, womit die Alchemie ihres wissenschaftlichen Charakters immer mehr entkleidet und zum Gewerbe von Gauklern und Scharlatanen wurde, die in trügerischer Weise Erfolge ihrer Kunst vorspiegelten, um sich dadurch Ansehen und Vorteil zu verschaffen. Dieses Treiben forderte allerdings auch Widerspruch und energische Kritik seitens einzelner Gelehrter heraus. Schon Leonardo da Vinci, der große italienische Künstler und Ingenieur, der sich auch mit den Problemen und Gesetzen der Physik und Chemie beschäftigte und auch auf diesem Gebiete erfolgreich tätig war, einer der genialsten und aufgeklärtesten Geister seiner Zeit überhaupt, nannte die Alchemisten samt und sonders »lügenhafte Interpreten der Natur« und verglich ihr Streben, aus Quecksilber Gold zu machen, mit dem nach der Herstellung des Perpetuum mobile, das ebenso unmöglich sei wie jenes. Auch der Humanist Erasmus von Rotterdam zog in Schrift und Wort energisch gegen den alchemistischen Unfug zu Felde, und auch der Reformator Melanchthon sprach gegen diesen manch kräftiges Wörtlein, weil er in dem mystischen Glauben an den Stein der Weisen nur einen Aberglauben sah. Aber solche und ähnliche warnende und anklagende Stimmen waren nur vereinzelt und vermochten nicht, den alchemistischen Wahn zu bannen, dem nicht nur die berufsmäßigen Alchemisten, sondern auch die Angehörigen fast aller anderen Kreise, wie Ärzte, Apotheker, Juristen, Philosophen, aber auch Offiziere, Mönche, Handwerker, Kaufleute usw., besonders auch viele hochgestellte Persönlichkeiten, Ritter und Fürsten, huldigten. Vereinzelt finden wir auch Frauen mit der Goldmacherkunst beschäftigt. Den eigentlichen, gelehrten Alchemisten ging diese Verallgemeinerung ihrer Kunst allerdings gegen den Strich, und einer von diesen, Franz Graßmann aus Passau, klagte in seinem Buche » Examen Alchemisticum« aus dem Jahre 1676 über dieses Treiben mit den Versen:

Es will fast jedermann ein Alchemiste heißen,
Der grobe Idiot, der Junge mit den Greisen,
Bartscherer, altes Weib, ein kurzweiliger Rat,
Der kahlgeschorne Mönch, der Priester und Soldat.

Ein besonderes Kapitel in der Geschichte der Alchemie sind die Hofalchemisten und ihre Tätigkeit im Dienste der Regierenden. Die Gunst der Fürsten war trotz aller kostspieligen Mißerfolge den Alchemisten durch die Jahrhunderte hindurch treu geblieben. Der Glaube an den Stein der Weisen und die Hoffnung, durch diesen die so oft verödeten Kassen mit Gold füllen zu können, ließ sie keine Opfer scheuen und verlieh ihnen immer wieder neues Vertrauen zu der zweifelhaften Kunst der Goldmacher. Seit dem 17. Jahrhundert gab es in Europa, besonders aber in Deutschland, kaum noch einen Hof, an dem nicht die Alchemie in großem Umfange betrieben wurde. Der Hofalchemist hatte eine gutbezahlte Stellung, wurde oft mit Geschenken und Ehren überhäuft und verstand es mit großem Geschick, die Hoffnungen auf Erfolge seiner Kunst immer wieder von neuem wach zu halten, so daß seine vermeintliche Kunst für ihn selbst auf alle Fälle goldene Früchte trug, wenn freilich auch nicht auf alchemistischem Wege. Viele Fürsten befaßten sich auch selbst mit der Alchemie, wodurch der wissenschaftliche Wert dieser Tätigkeit aber auch nicht gehoben wurde. Das war besonders an den zahlreichen großen und kleinen Fürstenhöfen in Deutschland der Fall. Kaiser Rudolf II. (1576-1612) war ein großer Gönner der Goldmacherkunst; er hatte nacheinander eine große Zahl von Alchemisten in seinen Diensten und beschäftigte sich auch selber sehr viel in einem eigens für ihn eingerichteten großen Laboratorium mit alchemistischen Versuchen. Dort sollen nach seinem Tode 84 Zentner Gold und 60 Zentner Silber, in Form von Ziegelsteinen gegossen, angeblich als Erfolg seiner alchemistischen Tätigkeit, gefunden worden sein. Auch die Kaiser Ferdinand III. und Leopold I. hatten viele Hofalchemisten und zeichneten sie durch Ehrenstellungen und sonstige Gnadenbeweise aus. Der Markgraf Johann von Brandenburg (1440-1464) befaßte sich selber so viel mit der Schwarzkunst, daß ihm der Beiname »der Alchemist« gegeben wurde. Der Historiker der Alchemie, Kopp, bemerkt dazu, daß von den andern deutschen Fürsten nur deswegen keiner weiter mit diesem Beinamen belegt wurde, weil es sonst zu viele dieses Namens geworden wären. Ein fruchtbares Feld für ihre zweifelhafte Tätigkeit fanden die Alchemisten auch am sächsischen Hofe. August von Sachsen beschäftigte sich ebenso wie seine Gattin Anna von Dänemark eifrig mit der Kunst, Gold zu machen, nahm aber auch eine ganze Anzahl fahrender Alchemisten in seinen Dienst und richtete in Dresden eine große alchemistische Werkstätte ein, die im Volksmunde das »Goldhaus« genannt wurde, und seine Nachfolger setzten diese kostspielige Liebhaberei mit demselben Mißerfolg unentwegt weiter fort. Überall war es das gleiche Bild: statt die Kassen ihrer Auftraggeber zu füllen, machten die Alchemisten diese nur noch leerer. Aber auch an anderen als deutschen Fürstenhöfen war das der Fall. König Karl VII. von Frankreich ernannte den Alchemisten Le Cor sogar zum Münzmeister und Finanzminister, und dieser kam dem Auftrag, Gold zu schaffen, in der Weise nach, daß er aus unedlem Metall, das eine goldähnliche Farbe hatte, Münzen schlagen, diese mit dem königlichen Münzstempel versehen und in Umlauf bringen ließ. Ähnlich machten es die Alchemisten am Hofe Heinrichs VI. von England, die Gold machen sollten, statt dessen aber das Land mit Falschgeld überschwemmten und so dessen Schuldenlast gewaltig vermehrten. Friedrich III. von Dänemark, auch einer der gekrönten Alchemisten, vergeudete durch diese Liebhaberei mehrere Millionen Taler.

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Abb. 56
Probierofen aus dem 16. Jahrhundert

Allmählich artete das Treiben der Hofalchemisten völlig zum Betrug aus. Wurde dem Schwarzkünstler solcher nachgewiesen oder konnte er absolut keine vertrauenswerte Probe seiner Kunst liefern, so ging es ihm freilich zumeist schlecht, und Galgen oder Richtblock wurden die Todesstätte für so manchen dieser entlarvten Betrüger. Aber die meisten Hofalchemisten verstanden sich sehr wohl darauf, eine Probe ihrer angeblichen Fähigkeiten, sofern eine solche verlangt wurde, vorzutäuschen. Sie warfen bei dem Probeexperiment heimlich etwas Gold in den Tiegel und erklärten dieses dann hinterher triumphierend als Erzeugnis und Beweis ihrer Kunst, womit das erschütterte Vertrauen auch zumeist wiederhergestellt war. Als man ihnen aber schärfer auf die Finger sah, verwandten sie Schmelztiegel mit doppeltem Boden; bei diesen wurde etwas Gold zwischen den Böden verborgen, das dann beim Schmelzen in den Tiegel trat und dem Schwarzkünstler wiederum recht gab. Durch solche und ähnliche Betrugsmanöver gelang es dem Alchemisten, sich jahrelang in Amt und Gunst zu behaupten, und wurde ihm der Boden allmählich doch zu heiß, dann – verschwand er plötzlich und ward nie mehr gesehen. In dieser Weise wußte sich der Alchemist Leonhard Thurneysser aus Basel Jahre hindurch am Hofe des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg zu halten. Einen raffinierten Betrug setzte ein Alchemist, der sich Daniel von Siebenbürgen nannte, bei dem Fürsten Cosimo I. von Medici ins Werk. Er behauptete, aus unedlem Metall Gold machen zu können durch Besprengung mit einer Tinktur und erbot sich, gegen ein hohes Entgelt dem Fürsten Unterricht bis zum völligen Gelingen des Experimentes zu erteilen. Auch erklärte er sich zu jeder Probe bereit, und eine solche wurde denn auch angestellt, und zwar, weil man durch die zahlreichen alchemistischen Betrügereien gewitzigt war, mit größter Vorsicht. Die von Daniel bezeichnete Tinktur wurde aus einer Apotheke bezogen und dann das Experiment nach der Vorschrift Daniels vorgenommen, und zwar in dessen Abwesenheit, wodurch jede Möglichkeit eines Betruges ausgeschlossen schien. Und siehe da, das Experiment gelang; das geschmolzene Metall erwies sich nach der Besprengung mit der Tinktur als stark goldhaltig. Die Kunst Daniels galt als erwiesen, und nachdem die Experimente eine Zeitlang mit immer demselben günstigen Ergebnis fortgesetzt worden waren, wurde dem Alchemisten das vereinbarte Honorar von 20 000 Goldgulden ausgezahlt. Nachdem das geschehen war, verschwand Daniel, und seitdem wollte die Goldverwandlung nicht mehr gelingen. Als man der Sache auf den Grund ging, stellte es sich heraus, daß Daniel die Tinktur, die bei den ersten erfolgreichen Experimenten verwandt worden war, selbst an die Apotheke geliefert hatte, und zwar bestand diese Tinktur aus einer Goldlösung, durch die das geschmolzene unedle Metall goldhaltig geworden war. Der Alchemist Honauer hatte dem Herzog Friedrich von Württemberg zugesichert, ihm 25 Zentner Eisen in Gold umzuwandeln, und der Herzog opferte dem Alchemisten die Summe von 200 000 Talern zu dem genannten Zweck. Als sich aber Honauer außerstande erklärte, sein Versprechen zu erfüllen, ließ der Herzog aus jenen 25 Zentnern Eisen einen Galgen errichten, diesen mit Flittergold umkleiden und den entlarvten Betrüger an dem so zu »Gold« gewordenen Eisen aufhängen.

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Abb. 57.
Goldgewinnung durch Sublimation im 16. Jahrhundert

Aber auch das Handwerk der Hofalchemisten führte in vereinzelten Fällen zu wertvollen Entdeckungen. So erfand der Alchemist Johann Friedrich Böttger, der von dem Kurfürsten von Sachsen gefangengesetzt worden war, um Gold zu machen, bei seinen diesbezüglichen Versuchen zwar nicht den Stein der Weisen, wohl aber das Porzellan, das sich in der Folge als eine viel ergiebigere Goldquelle als der Stein der Weisen erwies. Der Alchemist Brandt in Hamburg hingegen entdeckte bei seinen Arbeiten die Darstellung des Phosphors, und durch solche und ähnliche Erfolge ist auch diese Epoche der Alchemie schließlich nicht ganz erfolglos geblieben.

Seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges etwa schwand das Vertrauen zu der Kunst der Alchemisten doch allmählich dahin. Die ewigen und immer sehr kostspieligen Enttäuschungen, die diese Kunst noch jedem eingetragen hatte, der durch sie Gold und Reichtum zu schaffen gehofft hatte, die Tatsache vor allem, daß letzten Endes das Treiben eines jeden Alchemisten sich als Täuschung oder Betrug herausstellte, bahnte diese Wendung an. Der goldene Boden, den das Handwerk der Goldmacher für diese selbst so lange gehabt hatte, versiegte langsam, wenn auch immer wieder Rückfälle zu verzeichnen waren. Diese Wandlung der Dinge kam auch durch die gegen Ende des 17. Jahrhunderts erfolgte Gründung der Gesellschaft der Buccinatoren zum Ausdruck. Diese Gesellschaft, deren Sitz in Nürnberg war, forderte alle Adepten auf, sich zusammenzuschließen und ihre Geheimnisse zu offenbaren, um entweder das große Geheimnis der Alchemie, den Stein der Weisen, endlich zu ergründen oder aber, sofern das nicht innerhalb dreier Jahre gelingen sollte, die ganze alchemistische Kunst als Lüge und Betrug zu offenbaren und zur Warnung aller an den Pranger zu stellen. Letzten Endes mündete jedoch auch diese Gesellschaft wieder in das alchemistische Fahrwasser ein und hat sich mit dieser Betätigung bis über den Beginn des 18. Jahrhunderts hinaus erhalten.

Auch an den Fürstenhöfen wurde die Alchemie nur noch vereinzelt betrieben, am längsten erhielt sie sich an den kleinen deutschen Höfen, wo sie noch bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts Gönner und Gläubige fand. Friedrich der Große spottete gern über die Alchemie und insbesondere auch über das Bemühen anderer Fürsten, auf diese Weise ihre Kassen auffüllen zu wollen. Immerhin ist er selbst einmal in jungen Jahren seiner Regierung einem alchemistischen Betrug zum Opfer gefallen, wenn er dabei auch nur geringen Schaden davontrug. Im Jahre 1751 stellte sich nämlich in Potsdam ein weiblicher Alchemist ein, eine Frau von Pfuel mit zwei sehr anmutigen Töchtern. Der Geheimrat Fredersdorf empfahl die Dame und ihre Kunst dem König; sie sollte imstande sein, dem Golde die Seele auszuziehen und mit der extrahierten Goldseele unedles Metall in Gold zu verwandeln. Zu dem Zweck mußte also zunächst einmal Gold in den Tiegel getan werden, und der König ließ sich veranlassen, zehntausend Taler in Goldgulden an das Experiment zu wenden. Unter genauer Kontrolle stellte die Dame das Experiment an; das Gold im Tiegel vermehrte sich jedoch nicht, im Gegenteil wurde nach Beendigung des Experimentes ein Verlust des Goldgewichtes im Werte von fünfzig Dukaten festgestellt, und mit dieser nicht allzu schmerzlichen Erfahrung mußte auch der aufgeklärte Preußenkönig die Kunst der Alchemisten bezahlen. Auch andere Alchemisten suchten sich an dem Hof des Königs einzunisten und eine Zeitlang gab es, wie ein Chronist bemerkt, in Potsdam bald keinen Fähnrich mehr, der nicht hoffte, durch die Kunst der Alchemisten seine Schulden bezahlen zu können. Doch der König beließ es bei dem einmaligen Versuch, und späterhin hatten die Alchemisten alle Ursache, den preußischen Hof zu meiden. Auch am Wiener Hof machte um dieselbe Zeit eine Alchemistin von sich reden, diesmal eine aus Regensburg; sie gab an, Silbergeld in Goldgeld verwandeln zu können und fand auch vertrauensselige Gemüter, denen sie ihr Geheimnis für den hübschen Preis von zwanzigtausend Gulden verkaufte. Bei vorgenommenen Probeexperimenten hatte sich wirklich das Gewicht des verwandten Goldes etwas vermehrt, hinterher stellte sich das Verfahren aber als ein sehr geschicktes Betrugsmanöver heraus.

Nach der Mitte des 18. Jahrhunderts gewann allmählich die Überzeugung von der Vergeblichkeit aller alchemistischen Bestrebungen die Oberhand, zunächst in wissenschaftlichen Kreisen, und von diesen ausgehend auch bei allen andern, die so lange die Alchemie als Quelle von Gold und Reichtum nutzen zu können gehofft hatten. Der Umschwung der Anschauungen ging von der Chemie aus, die sich um jene Zeit zur exakten Wissenschaft umzubilden begann. Lavoisier, der große französische Chemiker, hatte die Chemie auf wissenschaftlichen Boden gestellt, indem er als erster die Waage in das chemische Experiment eingeführt und zum exakten Instrument der chemischen Untersuchungsmethode erhoben hatte, mit dem die chemische Forschung viel tiefer in das Wesen der Stoffe einzudringen vermochte, als es jemals zuvor möglich gewesen war. Die Waage lehrte, daß alle chemischen Verbindungen und Wandlungen immer nur in den Umsetzungen der gleichen Mengen von Grundstoffen nach bestimmten und gleichbleibenden Gewichtsverhältnissen bestehen, bei denen nie ein größeres Gewicht von Stoff auftreten kann, als die verwandten Grundstoffe hatten. Als dann noch die Ausbildung der Atomtheorie erfolgte, welche die neu gewonnene Anschauung glänzend bestätigte und zugleich zeigte, daß alle Änderungen, die bei chemischen Vorgängen in Erscheinung treten, immer nur in der Bildung anderer Komplexe der kleinsten Massenteilchen der Stoffe, ihrer Atome, bestehen, da war mit der so gewonnenen Erkenntnis über die Natur der Stoffe und das Wesen der chemischen Verbindungen und Umwandlungen zugleich auch das Trügerische der Alchemie und ihrer Ziele mit aller Sicherheit erkannt, und der Stein der Weisen zerrann als ein wirrer Traum, der viele Jahrhunderte hindurch Gelehrte und Ungelehrte, hoch und niedrig, Fürsten und Untertanen geäfft hatte. Damit war das Grab der Alchemie gegraben. Doch ehe sie vollends erstarb, flackerte sie mit einem letzten Rest von Kraft noch einmal auf, in Deutschland wenigstens. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfolgte in Hamburg noch einmal die Gründung einer alchemistischen Vereinigung, der sogenannten Hermetischen Gesellschaft, deren Leiter und geistiges Oberhaupt der Dichter Kortum war, der allerdings viel mehr als durch seine alchemistischen Neigungen durch seine originelle Schöpfung, das mit Recht vielbeliebte und vielgelesene komische Heldengedicht »Die Jobsiade« bekannt geworden ist. Er verfaßte aber auch eine Schrift zur »Verteidigung der Alchemie«, in der er mit Eifer und Wärme, freilich auch mit ebensoviel Unverstand, für jene fragwürdige Wissenschaft eintrat. Aber auch die Hermetische Gesellschaft und ihr dichterisches Oberhaupt konnten das völlige Sterben der Goldmacherkunst nicht aufhalten, und mit dem Ende der Hermetischen Gesellschaft, etwa um das Jahr 1820, ward zugleich auch die Alchemie zu Grabe getragen. Ein über zweitausend Jahre umfassender Traum der Menschheit war ausgeträumt, ein uraltes Problem durch den Nachweis seiner Nichtigkeit und Gegenstandslosigkeit zum Abschluß gebracht worden.

Hundert Jahre hat seitdem die Alchemie ihren Todesschlaf gehalten, da scheint sie wiederum zum Leben erwachen zu wollen. Wieder ist das Problem der Herstellung von Gold aus anderen Metallen ausgenommen worden, aber freilich nicht in der mystischen und verworrenen Form, in der sich die früheren Alchemisten die Lösung des Problems gedacht hatten, sondern seitens der exakten Wissenschaft selber. Wie einst die Erkenntnis von der atomistischen Struktur der Stoffe ein Hauptgrund für die Beseitigung der alten alchemistischen Anschauungsweise gewesen war, so gab eine abermalige Wandlung der wissenschaftlichen Auffassung über die Natur der Atome Anlaß, den Gedanken der Stoffverwandlung, auch den der Umwandlung von unedlem Metall in Gold, wieder aufzunehmen. Während man bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in den Atomen, aus denen sich jeder Stoff zusammensetzt, kleinste unteilbare Massenteilchen sah, wird nach der heutigen Theorie jedes Atom als ein Komplex noch viel kleinerer Teilchen, der Elektronen, aufgefaßt. Hiernach besteht das einzelne Atom eines jeden Stoffes aus einem positiv geladenen Kernelektron, um das sich negative Elektronen ähnlich wie die Planeten um die Sonne herumbewegen. Der Unterschied der einzelnen Grundstoffe besteht im wesentlichen in der verschiedenen Zahl der negativen Elektronen im Bau der Atome. Nun gibt es Elemente, die sich im Bau ihrer Atome sehr ähneln. Das ist beispielsweise beim Gold und Quecksilber der Fall; das Atom des Goldes zählt 79, das Quecksilberatom dagegen 80 Elektronen. Gelingt es nun, dem Quecksilberatom ein Elektron zu entreißen, so muß es sich in ein Goldatom verwandeln, weil es dann denselben Bau wie ein solches, wenigstens was die Zahl der Elektronen anbetrifft, hat. Das ist in kurzer Andeutung die Auffassung der heutigen chemischen Wissenschaft von der Natur der Elemente und von der Beschaffenheit der Atome. Auf Grund dieser Theorie ging im Jahre 1922 ein angesehener deutscher Forscher, der Chemiker Adolf Miethe, daran, die Umwandlung von Quecksilber in Gold vorzunehmen. Durch Einwirkung hochgespannter elektrischer Ströme auf das hocherhitzte und in Dampfform übergeführte Metall nach besonderer Methode sollte das bewirkt, sollte den Atomen des Quecksilbers je ein Elektron entrissen werden. Merkwürdigerweise war also das Quecksilber, das schon den früheren Alchemisten bei ihren Versuchen als Grundstoff zur künstlichen Goldbereitung gedient hatte, auch bei diesem alchemistischen Versuche der exakten Wissenschaft der Ausgangsstoff der Goldmutation, frühere und modernste Zeit und Wissenschaft begegneten sich in demselben Element. Der Ausfall des Experimentes, das Miethe anstellte, schien die Möglichkeit der Umwandlung des Quecksilbers in Gold vollauf zu bestätigen. In dem behandelten Quecksilber wurde nach dem Experiment Gold gefunden, das vordem nicht darin vorhanden gewesen war, wenn freilich auch nur in allerwinzigsten, mikroskopisch kleinsten Spuren, die nur vermittels der schärfsten Untersuchungsmethoden festgestellt werden konnten. Es mußte also durch das Experiment eine wenn auch noch so geringe Menge Quecksilber in Gold verwandelt worden sein.

Das war damals eine große Überraschung, die die Welt der Gelehrten und ebenso auch das große Publikum lange Zeit hindurch in Aufregung erhielt. Der alte Traum der Alchemisten, die Verwandlung des Quecksilbers in Gold, schien, wenn auch in anderer Weise und ohne den sagenhaften Stein der Weisen, also nun doch in Erfüllung gehen zu wollen. Gleich auch meldeten sich einige Stimmen aus dem okkultistisch-alchemistischen Lager – denn vereinzelte Alchemisten der alten Schule gibt es auch heute noch, Querköpfe, die nicht alle werden und durch kein Ergebnis der Wissenschaft zu belehren sind –, die behaupteten, das, was Professor Miethe gelungen sei, sei nur eine Wiederholung dessen, was in früheren Jahrhunderten von einem Geber, Lullus oder Valentinus gemacht und erreicht worden sei, und die Mietheschen Versuche seien nur eine Bestätigung der Richtigkeit jener früheren alchemistischen Anschauungen und eine nachträgliche Ehrenrettung der alten Schwarz- und Goldmacherkünstler. Dann allerdings trat eine neue Wendung ein. Genaue Nachprüfungen des Experimentes ergaben, daß Miethe sich geirrt hatte; die winzigen Goldspuren waren dadurch in das Quecksilber gelangt, daß bei gelegentlicher Berührung der goldenen Uhrkette, des goldenen Fingerringes oder des Goldrandes der Brille seitens des Experimentators winzige Mengen dieses Goldes abgestreift worden und dann von der Hand des Forschers in das Quecksilber gelangt waren. Durch wiederholte Nachprüfung des Experimentes konnte dieses Ergebnis mit aller Sicherheit festgestellt werden.

So war also auch dieser neue Traum von der Kunst, Gold zu machen, so schnell wie er aufgetaucht war, wieder zerstört worden. Jene Stimmen aus dem okkultistisch-alchemistischen Lager, die so voreilig mit der Ehrenrettung der früheren Alchemisten bei der Hand gewesen waren, verstummten wieder, was aber natürlich nicht ausschließt, daß sie bei nächster sich bietender Gelegenheit sich wieder zum Worte melden. Professor Miethe ist übrigens bald, nachdem sein Irrtum und der negative Ausfall seines Experimentes festgestellt worden war, gestorben. Ob es auf dem Wege der heutigen Forschung und vermittels der Methoden der modernen Chemie doch noch einmal zur Herstellung von künstlichem Golde kommen wird? Nach der Theorie über den Bau der Elemente und der Atome müßte das durchaus möglich, ja vielleicht sogar wahrscheinlich sein. Kommt doch auch in der Natur, wie wir heute wissen, ständig die Umwandlung von Elementen zu anderen Elementen vor, wie es beispielsweise beim Zerfall der radioaktiven Elemente der Fall ist, und was die Natur vormacht, sucht der Forscher auf dem Wege des Experimentes nachzuahmen. Aber freilich, mit Sicherheit können wir heute auch über diese Möglichkeit nichts sagen, und ob die Theorie solchen weitgehenden Konsequenzen gegenüber in der Praxis des Experimentes standhält, ist fraglich. Bis jetzt hat jedenfalls auch die heutige Wissenschaft trotz aller Gewalt und allen Scharfsinnes ihrer Mittel und Methoden die Schranken der Natur nicht zu überwinden vermocht.

Noch liegt die Alchemie in dem Grabe, in das sie vor hundert Jahren versenkt worden ist, noch hat das merkwürdige Bild voller phantastischer Ideen und Spekulationen, voller Trug und Lug, aber auch voll echten Forschungs- und Erkenntnistriebes und unermüdlicher und zäher Arbeit, das ihr Leben war, keine Fortsetzung gefunden. Vielleicht ist das Bild für immer zum endgültigen Abschluß gebracht; vielleicht – wir wissen es heute noch nicht mit Sicherheit – wird es einmal eine Neubelebung durch die moderne Wissenschaft erfahren, die dann eine neue Ära und eine neue Geschichte der Goldmacherkunst einleiten würde, von der wir uns heute noch keinerlei Vorstellung zu machen vermögen.

Postskriptum

Nach altem Rezept – Ein Experiment zum Goldmachen – Die ganz modernen Alchemisten


Daß es auch in unserem aufgeklärten Zeitalter noch Alchemisten vom alten Schlage gibt, Leute, die auch heute noch auf okkultem Wege nach den Rezepten und Zauberformeln der mittelalterlichen Schwarzkünstler Gold machen wollen, dafür kann der Verfasser, der in jungen Jahren in einer Goldscheideanstalt tätig war, eigene Erfahrungen anführen. Da kamen oftmals Leute hin, die mit geheimnisvollen Mienen geheimnisvolle Rezepte vorwiesen, nach denen man unweigerlich Blei und Quecksilber in Gold verwandeln könnte. Aus den Rezepten ist niemals jemand klug geworden, ihre Besitzer sicher am allerwenigsten. Einmal aber wurde einem solchen Schwarzkünstler auf seine dringenden Bitten der Zutritt zum Schmelzofen gewährt, um sein Zauberexperiment ausführen zu können. Mit Mixturen, Pulvern und sonstigen geheimnisvollen Substanzen ging er ans Werk, und die Folge war, daß sich etwa nach einer Stunde Experimentierens ein penetranter Geruch entwickelte, der einfach alles in die Flucht schlug, die nähere und weitere Umgebung in unerträglicher Weise verpestete und schließlich die Polizei zum Einschreiten veranlaßte, um Herd und Urheber dieses groben Unfugs festzustellen. Ein nicht ganz kleines Strafmandat war der Abschluß des Experimentes, das im übrigen total negativ verlaufen ist, gottlob, denn sonst hätte die Erschütterung des Goldmarktes schon damals zu einer Inflation geführt, gegen welche die Geldverhältnisse der Nachkriegszeit das reine Kinderspiel gewesen wären. Daß ferner aber auch die Zunft jener Alchemisten noch nicht ausgestorben ist, die, wie einst ihre Vorgänger an den Fürstenhöfen, betrügerischerweise in ihren Mitmenschen den Glauben an ihre vermeintliche Fähigkeit, Gold zu machen, erwecken und diesen Glauben zum »Goldmachen« in ihrem Sinne auszunutzen verstehen, dafür hat erst die allerjüngste Vergangenheit ein drastisches Beispiel geliefert. Einem Klempnergesellen, der sich als Ingenieur bezeichnete, gelang es, unter dem Vorwande, Gold machen zu können, eine ganze Anzahl prominenter Persönlichkeiten zu prellen und damit mehrere Millionen Mark zu »verdienen«. Allerdings ist diesen modernen Schwarz- und Tausendkünstlern der Umstand zugute gekommen, daß sich die Wissenschaft sozusagen offiziell mit dem Problem des Goldmachens befaßt hat, wie es bei den erwähnten Versuchen des Professor Miethe der Fall gewesen ist. Das hat jenen ganz modernen Alchemisten die Möglichkeit gegeben, sich und ihr zweifelhaftes Metier mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen zu verkleiden und damit erfolgreich nach Gläubigen zu angeln. Mehrfach sind seitdem Schwarzkünstler aufgetaucht, die vorgaben, daß das, was Professor Miethe nicht gelungen sei, von ihnen möglich gemacht werden könnte, und diese Berufung auf die Wissenschaft schafft ihnen immer wieder Vertrauen und Gewinn. Denn ganz so plump wie die früheren Alchemisten darf es der heutige Goldmacher doch nicht mehr anstellen, wenn er Erfolg haben will. Aber Erfolg findet er immer wieder und sorgt so dafür, daß die schwärzeste Seite im Buche der Schwarzkunst auch heute noch nicht ganz abgeschlossen ist.


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